Montag, 17. Juli 2017

Bericht vom letzten Weg des Kardinals durch seine Stadt

Die Nachricht vom Tode Kardinal Meisners traf mich in der vorvergangenen Woche aus heiterem Himmel. Damit hatte ich nicht gerechnet, hatte der Kardinal doch soeben noch als Unterzeichner der Dubia an den Papst und der (auch in seinem Namen) veröffentlichten Enttäuschung darüber, dass der Papst die Bitte der vier Kardinäle um eine Audienz ignoriere, kirchenpolitische Schlagzeilen gemacht.  Dies empfand ich als umso erstaunlicher, als der Alterzbischof sich im Erzbistum selbst und in der deutschen Kirche offenbar überhaupt nicht mehr öffentlich zu Wort meldete. Wobei ich zu gerne wüßte, ob Kardinal Meisner die scharfe Gangart seiner Mitstreiter wohl wirklich billigte. Mit seinem Ausscheiden aus dem Amt überließ er ganz offenbar den Raum der Öffentlichkeit seinem Nachfolger und zog sich auf das Feld der persönlichen Seelsorge zurück. Einige Anekdötchen kamen an die Öffentlichkeit, hier und da zelebrierte er ein festliches Pontifikalamt und man hörte, dass er häufig im Garten des Priesterseminars anzutreffen gewesen sei. Eine Dame aus meiner Gemeinde erzählte mir von einer Begegnung im Rahmen eines Schlesiertreffens. Man habe mit dem Kardinal normal sprechen können, als einem von uns, so menschlich!

Ich glaube, diese Mischung aus klaren, eindeutigen Überzeugungen und Positionen, Einfachheit und Menschlichkeit im Umgang und der entschiedenen Förderung mancher überraschender Projekte im und durch das Erzbistum Köln war es, die mich an ihm sehr beeindruckt hat. Er war – wenn auch nicht mein Bischof – so doch etwas wie eine Vaterfigur, an der man sich reiben und aufrichten konnte. Seine Art zu predigen habe ich sehr gemocht.

Obwohl wir uns persönlich nicht kannten und ich ihm nur kurz oder mit einem gewissen Abstand begegnen durfte, entschied ich mich bald, zu seiner Beerdigung nach Köln zu fahren. Und so machte ich mich am Samstag morgen in aller Frühe auf den Weg in die alte Bischofsstadt am Rhein, zu deren Erzbistum auch mein Heimatörtchen Voerde bis 1821 gehörte. 

Um halb acht stand ich vor dem Hauptbahnhof. Vor mir gingen ein Priester in Soutane und eine Ordensschwester. Ich schloß mich denen an, denn wohin sollte ein frommes Duo an einem solchen Tag schon in aller Frühe unterwegs sein, wenn nicht in Richtung St. Gereon. 
Schon bald sah ich die kirchlichen Fahnen vor dem erzbischöflichen Haus und dem Priesterseminar. Da ich mir vorgenommen hatte, eine kleine Fotoreportage zur Beisetzung von Kardinal Meisner zu machen, ging ich dorthin, um einige Bilder aufzunehmen. 
Ich finde, es ist nicht ganz leicht, bei einem kirchlichen Ereignis Fotos zu machen. Nicht, weil sich keine Motive böten, sondern weil viele Andächtige es störend finden, wenn fotografiert wird und man ja selbst auch andächtig und betend dabei sein will. Der Blick durch ein Objektiv verstellt ja auch immer etwas die Wahrnehmung. Aber ich habe in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen es schätzen, auf diese Weise an einer solchen Feier Anteil nehmen zu können. Und dass es manche Rückmeldung gibt, die mir zeigt, dass dies nicht nur in einer eher oberflächlichen Weise geschieht. Ich lege Wert darauf, zurückhaltend zu fotografieren und nicht durch plötzliche Ortswechsel „bessere“ Motive zu erhaschen. Für manche Teilnehmer sind Fotos auch eine willkommene Erinnerung, dafür muss ich wohl den ein oder anderen „bösen Blick“ in Kauf nehmen. Und – das habe ich auch am Samstag wieder gespürt – einen Rosenkranz kann man gut beten, auch wenn man ab und an Fotos macht. Bestimmte geistliche und Gebets-Momente sind für mich in der Kirche aber fotografisch „tabu“. 

Plötzlich bog ein schwarzes Auto mit MS-Kennzeichen in die Straße vor dem Erzbischöflichen Haus ein und daraus stieg – ausgerechnet – mein Bischof Felix – beleitet von Weihbischof Hegge – aus. Diese musste ich kurz begrüßen, bevor ich meinen Weg zur Basilika fortsetzte. An St. Gereon waren die Vorbereitungen natürlich in vollem Gange, der Leichenwagen stand bereit (eine stilisierte Domsilhouette ersetzte den Mercedesstern). „Das macht sicher der Kollege Kuckelkorn“ hatte unser örtlicher Bestatter noch am Mittwoch zu mir gesagt. Und recht behalten! Auch auf der Glasscheibe im Wagen prangte das Wahrzeichen Kölns; an der Seite zwei kleine Fähnchen mit dem kölnischen Kreuz. Bis zum Beginn der Prozession blieb noch Zeit, so dass ich mich auf den Kirchhof setzte und die Stundenbuch-App für die Laudes auf dem Handy öffnete. Natürlich waren die Texte auf den Tagesheiligen, den Hl. Kardinal Bonaventura ausgerichtet, aber sie passten wie „Faust aufs Auge“ zum heutigen Anlaß. Es ging schon mit dem Hymnus los, der mit den Worten endete: 

„Nun ist die Welt nicht mehr so leer, 
nicht mehr die Last so drückend schwer: 
Der Weg zum Vater steht uns offen.“

In der Tat, der Weg zum Vater stand dem Kardinal offen, die Last seiner Jahre drückte ihn nicht mehr. Und die Welt war ihm schon zu Lebzeiten erlöst durch Tod und Auferstehung Jesu Christi. 
Besonders ins Herz traf mich aber die Kurzlesung aus dem Hebräerbrief: 

„Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach! 
Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. 
Lasst euch nicht durch mancherlei fremde Lehren irreführen!“

Hätte der Kardinal noch kein geistliches Testament geschrieben, dieses hätte eines sein können. Nachdenklich machte ich mich auf einen kleinen Spaziergang. Hinter St. Gereon liegt ein großes Verwaltungsgebäude des (ehemals) Gerling-Konzerns mit einem schönen großen Platz. Überall wurde hier renoviert, aber zwei religiöse Kunstwerke an der Fassade stachen mir ins Auge: eine Darstellung des Hl. Martin, der den Mantel teilt und auf der anderen Seite des Gebäudes ein Ritter (St. Georg?) und direkt am Eingang eine sehr schöne Darstellung des Hl. Christopherus in Bronze. 

Als ich auf den Kirchplatz zurück kam, waren schon einige Trauergäste eingetroffen, vor der Kirche standen Mitglieder des Metropolitankapitels bereit um die Gäste zu begrüßen, viele Ordensleute waren gekommen, auch Vertreter der Grabesritter, Marienritter und Malteserritter in ihren Ordenstrachten. Für mich als Münsteraner verwirrend, waren die vielen Fahnenabordungen der Karnevalsgesellschaften. Trotz Trauerflor an den Fahnen kündeten diese natürlich mehr von Fest und Feier und eher nicht von Sammlung und Trauer. Ein spannender Kontrast! Von überall her kamen nun weitere Fahnenträger, „Ritter und Damen“, Priester und Bischöfe. Gemeinsam mit den Dommessdienern erschienen weitere Bischöfe und Kardinäle, unter ihnen auch Gerhard Ludwig Kardinal Müller, Adrianus Kardinal Simonis, Alterzbischof von Utrecht, Dominik Kardinal Duka OP, Erzbischof von Prag und Primas von Tschechien sowie Peter Kardinal Erdö, Erzbischof von Esztergom-Budapest und Primas Ungarns. Fehlen durfte natürlich auch nicht Reinhard Kardinal Marx, als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz und schließlich der amtierende Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Ihnen folgten zahlreiche Bischöfe aus Deutschland und Europa, unter ihnen auch Erzbischof Georg Gänswein, Bischof Franz Peter Tebartz van Elst, Bischof Walter Mixa, die aus dem Erzbistum stammenden heutigen (Erz-)Bischöfe von Würzburg, Berlin und Hildesheim. Den Hamburger Erzbischof habe ich nicht wahrgenommen. Auch war kein Einziger der anderen Kardinäle, die die Dubia an den Papst gerichtet hatten, zur Beisetzung ihres Mitstreiters gekommen. Erfreut hat mich die Anwesenheit von Bischof Clemens Pickel, Bischof von Saratow und Vorsitzenden der russischen Bischofskonferenz. 

Interessant war, wie unterschiedlich die Bischöfe auf die Menschen auf dem Kirchhof reagierten. Einige schritten „erratisch“ durch die Gruppen der Gläubigen, andere grüßten höflich, einige gingen auch sehr herzlich und freudig auf die Menschen zu, was mir besonders bei den Kölner Weihbischöfen Schwaderlapp, Puff und Schumacher auffiel. Aber auch andere Diözesan- und Weihbischöfe waren sich für ein kleines Gespräch nicht zu schade. Auch der Kölner Generalvikar Dr. Dominik Meiering zeichnete sich durch die große Offenheit und Herzlichkeit aus, mit der er die ankommenden Gäste willkommen hieß. Hier und da entdeckte ich einige facebook – Freunde und freute mich, dass es sie auch „in echt“ gab. Kurz vor dem Auszug der Prozession eilte auch Michael Hesemann auf den Platz, warf sich in die Kleidung der Marienritter der Gottesmutter von Tschenstochau. Er war soeben erst von Fatima zurückgekehrt und direkt nach Köln geeilt.
Schon hier konnte man sich in Kondolenzlisten eintragen und bekam die Lied- und Gebetshefte für den Tag. Etwa um zehn n. ach neun wurden die mobilen Lautsprecher eingeschaltet und die Übertragung des Domradios erklang auf dem Platz an der Kirche. 

In das Lied „Wir sind getauft auf Christi Tod...“ stimmte die Gemeinde unmittelbar ein und eine murmelnde Schar verwandelte sich in eine betende Menge. Etwas leise war zunächst die Übertragung aus der Kirche, aber mit dem Liederheft konnte man gut mitbeten. Auf dem ersten Blatt schaute der verstorbene Alterzbischof die Beter freundlich an, ein Bild, mitten aus dem Leben. 

In der Basilika hielt man sich treu ans Begräbnis – Rituale in der „alten“ und gültigen Fassung. Vertraute Gebete, die ich am Mittwoch ganz ähnlich auch für einen verstorbenen älteren Herrn gesprochen hatte. Das Abschlußgebet sprach sehr an: „Du hast deinen Diener Joachim zum bischöflichen Dienst berufen. … Du weißt, wie er für dich und die Menschen gewirkt hat; du kennst seinen Einsatz und die Frucht seines Mühens, du kennst auch sein Versagen.“ … Im Tod ist dieser große Mann schlicht der „Diener Joachim“. 


Unter den Gesängen der Litanei: „Maria, wir rufen zu dir!“ und „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Segen, im Kreuz ist Hoffnung...“ formierte sich die Prozession. Dem Vortragekreuz und den Dommessdienern mit drei beeindruckenden Fahnen, die von Sternen gekrönt sind, folgten die Fahnenabordungen, erst die Karnevalsgesellschaften, dann Studentenverbindungen, Schützen, weitere katholische Verbände, Ordensangehörige, Geistliche und Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle. 

Unter den Trauernden waren auch ökumenische Gäste, wie der Präses der ev. Kirche im Rheinland, der Vorsitzende der orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland und griechisch-orthodoxe Metropolit Erzbischof Augoustinos Lambardakis und der syrisch-orthodoxe Erzbischof Mor Philoxenus Mattias Nayis, die Erzpriester Constantin Miron und Dmitrij Sobolevskij u.a..

Mit Kardinal Meisner, Kardinal Woelki, Kardinal Müller, Erzbischof Lambardakis, Erzbischof Thissen und Bischof Genn waren immerhin sechs von 10 Bischöfen anwesend, die uns bereits ein geistliches Wort für die Nikolausaktion geschrieben hatten. 

Direkt vor dem Wagen mit dem verstorbenen Kardinal gingen sein ehemaliger Geheimsekretär Oliver Boss, er trug Meisners Bischofsstab und sein langjähriger Fahrer Roman Dolecki, er trug eine goldbestickte Mitra. Diese stand später mit seinem Alltagsmesskelch und der Stola auf dem Sarg. Früher trugen die Bischöfe in ihrem eigenen Bistum den Stab mit der Krümme nach vorn, waren sie in einem anderen Bistum zu Gast drehten sie diese zu sich hin. Auch Weihbischöfe trugen den Stab in der Liturgie so. Mancherorts hat sich dieser Brauch noch erhalten. Nur der Bischof als Hauptzelebrant (in diesem Fall Kardinal Woelki) führt den eigenen Stab. Als Zeichen der Trauer wird der Bischofsstab beim Begräbnis umgekehrt getragen, mit der Krümme nach unten. 

In festlicher Prozession ging es nun auf den Dom zu. Währenddessen beteten alle andächtig den Rosenkranz, der von einer professionellen Sprecherin gekonnt vorgebetet wurde. Genau so übertrug das offenbar auch das Domradio für die Zuhörer im Radio und die Zuschauer an den Computer- und Fernsehbildschirmen. Auch in der Prozession war die Tonqualität exzellent. Super! Die Nebenstraßen waren allesamt gesperrt. Am Straßenrand blieben die Menschen stehen, manche waren auch gekommen, um dem Bischof die letzte Ehre zu geben. Übervoll waren die Straßen allerdings nicht. Beeindruckend war der Zug der Priester und Diakone, die sich – vom Priesterseminar kommend – in die Prozession einreihten. Am Ende war diese fast einen km lang. Als die Kreuzträger am Dom ankamen, waren die letzen Prozessionsteilnehmer gerade mal hundert Meter von St. Gereon entfernt. 

Auf der Domplatte hatten sich die Fahnenabordungen rechts und links vom Haupteingang in zwei oder hintereinander aufgestellt. Ein prächtiges Bild! Zwischen diesen konnte ich bis fast zum Haupteingang gelangen und mit den Prozessionsteilnehmern zogen wir hinter dem Sarg in den Dom ein. Ich war glücklich und hatte nicht erwartet, im Dom noch Platz zu finden. Aber hier finden ca. 4.000 Menschen Platz. Der Münsteraner Dom wäre vermutlich schon mit den geladenen Gästen überfüllt gewesen. So fand ich einen recht guten Platz im rechten Seitenschiff unter dem Richter – Fenster mit unverstellten Blick auf den Altar und konnte der Liturgie sehr gut folgen. 

Die zelebrierenden Kardinäle und Bischöfe trugen eine bunte Mischung von Messgewändern, „Bassgeigen (wohl nicht unbedingt aus der Barockzeit)“ und „gotischen“ Caseln. Wobei „bunt“ jetzt das falsche Wort ist, war die vorherrschende liturgische Farbe doch schwarz. Bischof Milan Šašik CM von der ruthenischen griechisch-katholischen Kirche und Uschorod in der Ukraine stach in seiner byzantinischen Bischofskleidung heraus.

Zu Beginn trug der päpstliche Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic noch einmal das schon bekannte Beileidstelegramm von Papst Franziskus vor, das schon unmittelbar nach der Todesnachricht eingegangen war. 

Musikalisch war der Gottesdienst natürlich – wie immer im Kölner Dom – grandios. Besonders beeindruckte der großartige Psalmenvortrag nach der Lesung mit dem Antwortgesang „Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen.“ Aus der Predigt von Kardinal Erdö sind mir einige Gedanken in Erinnerung geblieben. Der Beitrag des Kardinals zur Einigung von Ost und West und der Versöhnung der Völker Europas sei kaum zu unterschätzen. Kardinal Erdö berichtete, dass die ungarischen Priester in der DDR Urlaub machen durften und dort westliche Theologie kennenlernten und dort auch eine Kirche, die viele Möglichkeiten hatte, welche in Ungarn fehlten. Auch gab es dort Ordensgemeinschaften, die in Ungarn verboten waren. In einem solchen Kloster habe er erstmals von Meisner gehört. Als Erzbischof von Berlin sei der ein großer Diplomat gewesen. Ihn zeichnete Offenheit und Unmittelbarkeit für Kinder, Jugendliche, Arme und Fremde aus. Er war, so Erdö, ein dynamischer, offener Pastor mit viel praktischem Sinn. Er habe viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. Meisner sei mit Papst Franziskus „kongenial“ gewesen, er begründete dies mit einem Zitat aus dessen Enzyklika Evangelii gaudium. 

Offenbar war es Kardinal Erdö ein Anliegen, seinen Freund Kardinal Meisner nicht als Widerpart von Papst Franziskus erscheinen zu lassen. Daher zitiert er dessen Beileidstelegramm. Während der Liturgie habe ich den Abschluß seiner Predigt auch als Papstwort verstanden, aber offenbar stimmt das nicht. Erdö fuhr fort, nun die Trauergemeinde mit einbeziehend: „Wir haben mit tiefer Berührung erfahren, dass Kardinal Meisner während seines Stundengebetes von Gott heimgerufen wurde. In seiner Person hat uns einer der der großen Apostelnachfolger unserer Zeit verlassen.“ Bischof Genn sagte dazu: „Der Tod von Kardinal Joachim Meisner markiert das Ende einer kirchengeschichtlichen Ära, die er ganz wesentlich mitgestaltet und geprägt hat.“ Kardinal Meisner war, so Erdö, ein großer Marienverehrer. "Aus seiner marianischen Frömmigkeit bewahren wir das Vertrauen zur göttlichen Vorsehung und auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, die trotz Schwierigkeiten und Sünden den Weg der Menschheit begleitet. Bitten wir den allmächtigen und barmherzigen Gott: Schenke unserem verstorbenen Mitbruder Anteil an der Gemeinschaft der Jungfrau Maria und aller Heiligen."

Die Eucharistiefeier selbst wurde von Kardinal Woelki in sehr würdiger Weise zelebriert, zahlreiche Kardinäle und Bischöfe konzelebrierten. Unter den vielen Ordensleuten konnte man natürlich im Gottesdienst gut mitfeiern, ganz in der Nähe waren auch die Brüder und Schwestern der Gemeinschaften von Jerusalem zu sehen, die der verstorbene Kardinal nach Köln „gelockt“ hatte. Einige Meter entfernt stand ein offenbar schwules Paar, das dem Kardinal Lebewohl sagen wollte. Musikalisch rührte der vertonte Wahlspruch Meisners „Spes nostra firma“ und das vom Chor vorgetragene Weihnachtslied „Adeste fidelis“ die Herzen im Dom an. 

Nach der Austeilung der Hl. Kommunion folgte ein in konservativen Kreisen viel diskutierter Moment. Auf Wunsch von Kardinal Woelki hatte Benedikt XVI. ein Wort des Gedenkens formuliert, das Erzbischof Georg Gänswein vortrug. Dieser erwähnte die Liebe zur Kirche in den Nachbarländern im Osten und den letzten Besuch Meisners bei der Seligsprechung Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius. Er betonte die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der dieser inzwischen gefunden habe. Obwohl es dem leidenschaftlichen Hirten zuvor schwer gefallen sei, sein Amt zu lassen. Und dann fiel in diesem Text der Begriff einer „Diktatur des Zeitgeistes“, der zu widerstehen sei. Eine Bemerkung, an deren Exegese sich aktuell viele versuchen. Es habe ihn bewegt, so Benedikt, dass Kardinal Meisner loszulassen gelernt habe und die Gewissheit gewonnen habe, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn es scheine, dass das Boot schon fast bis zum Kentern angefüllt sei. Der emeritierte Papst betonte Meisners Einsatz für die eucharistische Anbetung, gegen Widerstände (mancher Experten der Liturgie und der Pastoral). Kern der Anbetung sei „eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht.“

Insgesamt war das ein sehr persönliches Wort des emeritierten Hl. Vaters. Selbst Erzbischof Gänswein konnte bei dem Satz „er war betend gestorben“ vor Rührung nicht weiter sprechen. „Im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm“ habe Kardinal Meisner gelebt. Natürlich gab es anschließend den (fast) einzigen Applaus in dieser Feier (zuvor hatten einige Fans des Erzbischofs schon bei der Nennung seines Namens begeistert applaudiert, aber Kardinal Meisner hatte seine Gemeinde in 25 Jahren zu gut trainiert, so dass sich niemand anstecken ließ.) Es hat auch mich sehr angesprochen und war eine angemessene Würdigung durch einen persönlichen Freund. 

Ich weiß nicht, wie ich interpretieren soll, dass dieser selbst möglicherweise noch nicht zu der (von ihm selbst ja so lebendig beschriebenen) gelösten Heiterkeit, inneren Freude und Zuversicht gefunden hat, mit der Kardinal Meisner sich in die Hand Gottes gegeben hatte. Warum er, dessen Wortmächtigkeit, Poesie und Differenzierungsvermögen ich nach wie vor überaus schätze, einen so diffusen Begriff wie der einer „Diktatur des Zeitgeistes“ verwendet, vermag ich nicht zu begreifen. Was soll dieser Zeitgeist sein? Muss die Kirche wirklich widerständig zu jeder „modernen“ Entwicklung sein oder kann sie nicht auch großherzig würdigen, was in diesem Geist der Zeit dem Evangelium entspricht? Mit Christus hat Kardinal Meisner offenbar loslassen können, in der Gewißheit, dass der Herr das Boot lenkt, auch wenn wir Jünger angstvoll auf das Wasser starren, das hinein geschwappt ist; er hat loslassen können, in der Gewißheit, dass der Herr sein Wort reichlich und freudig aussät in der Hoffnung, dass es auch auf fruchtbaren Boden fällt und 100fach, 60fach und 30fach Frucht trägt. So stimmt mich dieser päpstliche Gruß ebenso froh wie traurig. Umso mehr, als seine persönlichen Worte nun von einigen Leuten genutzt werden, ihn und seinen Nachfolger gegeneinander zu würdigen. Vielleicht wäre es angemessener, in dem Text wirklich nur das zu sehen, was er eigentlich sein sollte, eine Würdigung eines großen Hirten der Kirche, ein Blick auf das Ende seines Dienstes, den dieser ja tatsächlich weit über die Grenze von 75 Jahren hinaus ausgefüllt hatte. Und wer will ernstlich bestreiten, dass in dieser Perspektive, angesichts der schrumpfenden Bedeutung des Christentums, Hirten gebraucht werden, die im Heute, die in dieser Zeit das Wort Gottes aussäen und Menschen für Christus begeistern. 

„Laß Deinen Diener in Frieden ruhen“ - so heißt es in der Liturgie der Verabschiedung weiter. Man möchte es auch manchen Kommentatoren ins Stammbuch oder Facebuch schreiben! „Nimm unseren Bruder Joachim auf und gib ihm Wohnung und Heimat bei dir. Uns aber, die zurückbleiben, stärke im Glauben, damit wir einander aufrichten und trösten. … Wir haben hier keine bleibende Stätte, unsere Heimat ist im Himmel.“

Abschließend hielt Erzbischof Kardinal Woelki noch eine abschließende Rede, in der er Vielen dankte und unter anderem formulierte, dass der zehntägige Abschied von Kardinal Meisner noch einmal wie Exerzitien gewesen wäre, die der Verstorbene dem Bistum gehalten habe. Er sei noch einmal zum Zeugen dafür geworden, dass der Tod nicht das Ende sei, sondern die Auferstehung auf uns warte. Er habe die Menschen um sich gesammelt. Es sei in dieser Zeit viel mehr als im normalen Alltag gebetet worden. Der Tag der Beisetzung habe gezeigt, wie sehr Kardinal Meisner (allen Unkenrufen zum Trotz) in Köln angekommen sei. Auch das waren sehr herzliche und persönliche Worte. 
Abschließend verwies er auf den Schrein der Hl. Drei Könige und erinnerte an das Wort des „Wir wollen hier in Köln keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem. Warum? Weil der kein Irrlicht ist. Weil der uns hinführt zu Christus, dem Herrn der Geschichte, dem Herrn unseres Lebens. Weil er uns feit vor allen Irrlichtern und Irrwegen. Wir wollen IHM allein folgen, Christus dem Herrn seiner Kirche, durch die Zeit, mit unserem verstorbenen Erzbischof, Gott entgegen. Das ist das Ziel unseres Lebens für das wir geschaffen sind und zu dem hin wir unterwegs sind.“
Erzbischofs von 1987 beim Katholikentreffen in der DDR:

Beeindruckt habe ich nach der Feier den Dom verlassen und mich auf der Domplatte umgesehen. Eine wirklich grandiose Verabschiedung, die ich nie vergessen werde. Die Mengen der Touristen mischten sich Frommen, mit Priestern, Bischöfen und Kardinälen. Gemeinsam mit Bischof Genn, Weihbischof Hegge und Generalvikar Meiering kam Bischof Tebartz van Elst mir entgegen und plötzlich stand ich vor Erzbischof em. Thissen. Der meinte, ich habe mich in den 15 Jahren seit wir uns nicht mehr gesehen hätten kaum verändert und überraschte mich mit der Frage nach meinem Gesundheitszustand. „Ich habe für Sie gebetet“ sagte er und verabschiedete sich nachdem er sich ausführlich nach Voerde, Pfarrer Möller und meiner Familie erkundigt hatte mit einer freundlichen Geste. 

Nun wurde es Zeit, für die allzu menschlichen Bedürfnisse, aber der Weg führte mich auch noch in meine Kölner Lieblingskirchen Groß St. Martin (wo die Schwestern und Brüder gerade ihr Mittagsgebet nachholten) und St. Andreas mit den Fenstern von Markus Lüpertz und dem Grab des Hl. Albert. 

Der Gang durch die Stadt mit ihrem quirligen Leben war dann noch einmal eine bemerkenswerte Kontrasterfahrung. Von dem kirchlichen Großereignis der Beisetzung des Kardinals hatten die Menschen in der Einkaufszone wohl nur am Rande oder gar nicht mitbekommen. Manche Gesichter oder manche arglose Kinderfrage ließ mich schmunzeln. Just die Zeugen Jehovas hatten ihrem Infostand die Überschrift Tod und Auferstehung gegeben. Und als der Dom um 14.00 Uhr wieder öffnete, war er wieder fest in der Hand der Touristen. Und die strömten in ununterbrochenem Strom auch durch die Bischofsgruft, die Deppenzepter mit ihren Handys in der Hand, stundenlang filmend. Allerdings wohl hauptsächlich deshalb, weil sich dort eine Schlange gebildet hatte. Sehenswertes gab es in der Krypta ja kaum. In der Mitte des Touristen-/Pilgerstroms war viel Platz für die wenigen Beter, umgeben von gemurmelten Fragen, warum man eigentlich hier unten hingeraten sei und für wen die schönen Kränze vorn bestimmt seien. In diesem Sinne hatte in Dom, Hoher Straße und Domplatte dann doch der Zeitgeist wieder übernommen. 

„Ferment der Versöhnung“ hatte Freré Roger das Wirken der Christen in der Welt einmal genannt. Ferment, das ist klein und unscheinbar – aber mit großer Wirkung. Es verwandelt die Welt von innen heraus.  Ab 14 Uhr konnte man in Köln wieder ahnen, was er damit meinte und wie groß unsere Aufgabe als Christen bleibt, durch alle Jahrhunderte hindurch. Und doch, inmitten aller Geschäftigkeit sind auch heute wieder viele Samenkörner des Wortes ausgesät worden. Ich bin sicher, das ein oder andere bringt Frucht, teils 100fach, teils 60fach, teils 30fach. 

Herr, gib Joachim Kardinal Meisner und allen Verstorbenen die ewige Ruhe. 
Und das ewige Licht leuchte ihnen. 
Lass sie ruhen in Frieden.
Amen.





Alles Wichtige zum Tode von Joachim Kardinal Meisner findet sich in dieser schönen Sammlung von Christoph Smarzoch: http://smarzoch.de/index.php?page=kardinal-meisner

Dienstag, 27. Juni 2017

Was halten Sie von der "Ehe für alle"?

Vor einigen Wochen spülte das Internet mir folgendes Fundstück an den virtuellen Strand:
„Johannes Kram vom Nollendorfblog fragte ... ob Schiewerling "Deutschlands dümmster Bundestagsabgeordneter" sei, der offenbar "Todesangst" vor der Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben habe. Mit Blick auf Regenbogenfamilien, in denen Kinder laut Schiewerlings Antwort diskriminiert werden müssten, erklärte Kram: "Vielleicht hasst er ja einfach nur Kinder."

Schiewerling? Karl Schiewerling? Den kenne ich noch aus meiner Zeit im Diözesanforum des Bistums Münster und im Diözesanpastoralrat als klugen und bedächtigen, um Ausgleich bemühten Mann, der bei Kolping als Diözesansekretär aktiv war. Ich habe seine engagierten und abgewogenen Beiträge in allen Diskussionen immer sehr geschätzt und ihn später einmal zufällig in Dorsten getroffen, als er schon in den Bundestag gewählt worden war. Dieser Mann soll also „Deutschlands dümmster Bundestagsabgeordneter“ sein? Was hatte er wohl verbrochen?

Ich las mich also ein und musste feststellen: Schiewerling (immerhin sozialpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion) hatte grob gesagt die säkulare Fassung der klassisch - katholischen Argumentation zum Thema „Ehe für alle“ vorgetragen und zwar, dass er den Art. 6 des GG so verstehe, dass damit die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gemeint sei. Dass nur aus einer Verbindung zwischen Mann und Frau Kinder geboren werden könnten und dass die Familie die Keimzelle der Gesellschaft sei. Soweit ich mich erinnere, waren das vor noch nicht allzu langer Zeit Positionen, die man mit leichtem Gähnen als „normal“ oder meinetwegen als “CDU-Typisch“ abgehakt hätte. 

Die Art, damit umzugehen und seine Aussagen in einem Beitrag von „queer.de“ ins Skandalöse umzumünzen, hat mich aber doch erschreckt. Zumal er weder dumm noch reaktionär ist, sondern ein fortschrittlicher Sozialpolitiker mit bemerkenswerten Initiativen. In einigen Diskussionforen habe ich die Frage gestellt, was denn skandalös daran sei, wenn jemand zu den Überzeugungen stünde, die auch die hochgeschätzen Väter (und Mütter) des Grundgesetzes ihren Grundgesetzformulierungen zugrunde gelegt hatten? Die Antworten waren leider kaum besser als die Formulierungen des oben zitierten Herrn Kram. Offenbar ist in manchen Kreisen diese Haltung heute schon eine Provokation. Dialog scheint unmöglich! Oder wie es heute bei Twitter hieß: „Gegner der „Ehe für alle“ verdienen keine Höflichkeit“.

Schiewerling hatte u.a. gesagt: „Schon jetzt merken wir die demografischen Folgen einer Entwicklung, die die Kinder nicht mehr als das Deutschland von morgen sieht, sondern nur noch als optionale Addition zur Ehe und im schlimmsten Fall als Hindernis in der Karriereplanung oder als unpassend zum persönlichen Lebensstil“. 

Das mag zwar kritisch sein, aber wer will diese Entwicklung leugnen oder gar gutheißen? Ich persönlich täte mich sogar schwer von Kindern als „Deutschland von morgen“ zu sprechen. Für mich sind Kinder auch eine Berufung und erst mal zweckfrei. Ihr Beitrag zur Zukunft ist ihre Leistung und Geschenk Gottes. Karl Schiewerling ist keineswegs ein in der Wolle gefärbter Konservativer. Neben seinem sozialen Engagement war er in der Vergangenheit auch für überraschende Initiativen gut, z.B. für den Vorstoß eines Wahlrechts von Geburt an. Nichts davon ist im „Nollendorfblog“ zu lesen, ein Medium, das sich damit selbst disqualifiziert. 

Die Schärfe der Auseinandersetzung in dieser Frage, bei einer derzeit zu all diesen Themen doch eher zahmen und zurückhaltenden katholischen Kirche, macht mich immer wieder sprachlos.

Durchaus wohlwollend beobachte ich einen tiefgreifenden Wandel im Umgang der Gesellschaft mit homosexuell veranlagten Menschen, schwulen und lesbischen Paaren. Auch in der Kirche erlebe ich kaum noch Schwierigkeiten im Miteinander. Und erst recht keine „Homophobie“. Und das ist gut so! Damit möchte ich die Schwierigkeiten und Sorgen homosexueller Menschen keineswegs klein reden. Was ich als Fortschritt erlebe, kann für sie immer noch eine schwierige Situation sein. Und es gibt immer wieder Nachrichten über Diskriminierungen und Homophobie z.B. im Sport und anderen Lebensbereichen. 

Aber darum soll es ja hier auch nicht in erster Linie gehen, sondern um die Ehe für alle. 

Als in der vorvergangenen Woche die F.D.P. das Thema ganz oben auf die Agenda setzte und auch die SPD mit Kanzlerkandidat Martin Schulz darin ein bedeutsames Wahlkampfthema entdeckte, hielt ich das zunächst für einen Rohrkrepierer und war überrascht, wie hoch das Thema im Wahlkampf gehängt wurde. Ich weiß auch nicht, welche Strategie dahinter steckte, mag aber nicht recht daran glauben, das es das meistgenannte Thema bei irgendwelchen Wählerbefragungen gewesen ist. Da hätte ich eher auf Kriminalität, Sichere Renten, Flüchtlinge, Europa, Umweltthemen und gerechte Löhne getippt. 

Alles also nur ein politisches Manöver? Doch dann gab Kanzlerin Merkel mit einer ihrer überraschenen Positionierungen der „Ehe für alle“ den entscheidenden Kick, ausgerechnet mit einer wohl eher spontanen Randbemerkung im Rahmen eines Brigitte – Gesprächs. Die SPD nutze ihre Chance um diese Vorlage ins Tor zu bringen. Die ganze Angelegenheit ist politisch hoch interessant.

In Deutschland gab es 2014 etwa 41.000 eingetragene Lebenspartnerschaften. Insgesamt zählte man 87.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Das bedeutet also, dass nicht einmal die Hälfte aller Paare eine solche „Ehe light“ eingegangen sind. Das deckt sich mit dem, was ich von homosexuellen Freunden und Bekannten höre. Nicht jeder will „heiraten“ (das wurde auch bisher schon gesagt), manche lehnen die Lebenspartnerschaften als spießig oder als halbherzig ab. Andere schätzen dagegen die rechtlichen Vorteile. 

Zum Vergleich: in Deutschland lebten im Jahre 2015 insgesamt 2,8 Mio. Paare in einer Lebensgemeinschaft ohne verheiratet zu sein. 8,1 Mio Familien mit Kindern wurden gezählt. Insgesamt sind 17.487.000 Paare verheiratet, Alleinerziehend sind 2.712.000 Väter/Mütter. 

Ich sag mal aus politisch-strategischer Sicht: das war ein preiswertes Projekt mit viel Aufmerksamkeit! Mehr Unterstützung für Alleinerziehende und mehr Kinderbetreuung, Kindergeld, bessere Bildung u.ä.. Das sind dagegen Jahrhundertprojekte. Aber vielleicht hat die schnelle Klärung auch sein Gutes. Vielleicht legen sich jetzt alle ins Zeug und packen die familienpolitischen Baustellen an. Aber dagegen ist das Ehegattensplittig für gleichgeschlechtliche Ehepaare „Peanuts“. 

Aber zurück zu den Lebenspartnerschaften und zur Ehe für alle. In Deutschland fehlte diesen Partnerschaften bislang wenig, die Vermeidung des Ehebegriffs was das Eine, die Möglichkeit, Kinder zu adoptieren (die nicht von einem der Partner in die Lebensgemeinschaft eingebracht wurden) war eingeschränkt. 

Adoptionsrecht und Ehebegriff sollen nun also kommen. Die Juristen streiten noch, wie und ob es ohne Grundgesetzänderung abgeht, aber wir können davon ausgehen, dass sich alle Parteien jetzt auf die Schultern klopfen und froh sind, das Thema schon im Vorwahlkampf abgehakt zu haben. Allein bei der CDU dürfte es wohl noch einige Schmerzen geben. 

Mit Blick auf das staatliche Recht kann der Bundestag natürlich jede Regelung für Paare jeder Regenbogenfarbe beschließen. Das passt auch sehr gut ins Luther-Jahr, wird doch ein Luther Wort damit vollends Wirklichkeit. Für Luther war die Ehe ein „weltlich Ding“.

Ich finde es eigentlich schade, dass die aktuelle Diskussion sehr auf das Stichwort „Diskriminierung“ zugespitzt wird. Auch Angela Merkel hat heute beklagt, dass sie sich eine Diskussion mit „Würde und Tiefe“ gewünscht hätte. Wo immer man heute über das Thema diskutiert bekommt man vorgehalten, man wolle schwule bzw. lesbische Paare „diskriminieren“. Nein, ich finde es richtig und wichtig, Diskriminierung abzubauen. Auch Papst in Bischöfe haben sich deutlich in diese Richtung geäußert. Unter Katholiken ist das Thema sowieso weitgehend durch. Streiter gegen die „Ehe für alle“ erlebe ich nur noch in virtuellen Welten und in kirchenamtlichen Stimmen.  

Für mich persönlich ist die Ehe mehr als ein „weltlich Ding“. Wir sollten nicht vergessen: Die Idee der Ehe ist aus der Religion ins staatliche Recht gerutscht. Bis heute gibt es hier zahlreiche inhaltliche und rechtliche Verbindungslinien zwischen Staat und Kirche. Daher sind sicher die Probleme kirchlicher Kreise (bei etwas gutem Willen) nachvollziehbar, zumal die Entscheidung für die „Ehe für alle“ auch das sogenannte Naturrecht tangiert, auf das sich sowohl das Grundgesetz wie auch das kirchliche Recht und die Theologie beziehen. Das wäre ein durchaus wesentlicher rechtsphilosophischer Diskurs, der hier zu führen wäre. Ich persönlich finde auch die Frage nicht unberechtigt, ob der Ehebegriff nicht auf Dauer soweit gedehnt wird (auch durch eine gewisse Ehezurückhaltung vieler Paare), dass am Ende alle Beziehungen, in denen Menschen füreinander da sind und füreinander einstehen, vom Staat in ähnlicher Weise gefördert werden. Aber vielleicht wäre das auch nur konsequent. 

Für mich als Katholiken ist die Ehe viel mehr, sie ist ein Sakrament, das sich eine Frau und ein Mann spenden. Dazu gehört, dass man sich ein Leben lang Liebe, Achtung und Ehre verspricht, sich in guten und schweren Zeiten aneinander bindet, alles miteinander durchsteht. Und bereit ist, für die Kinder, die Gott diesem Mann und dieser Frau schenken möchte zu sorgen und sie anzunehmen. Das ist für mich schon etwas Großes, etwas Heiliges! Aber dass ich das so empfinde, macht die Liebe zweier Frauen zueinander nicht kleiner. In der katholischen Kirche können ja auch nur Männer geweiht werden. Das macht aber den Beitrag meiner Kolleginnen zur Seelsorge in der Kirche nicht weniger wertvoll. Jedes fünfte Paar bleibt in Deutschland kinderlos, aus ganz verschiedenen Gründen. Aber das nimmt einer Ehe nach katholischer Auffassung nicht ihre Heiligkeit. Kinder sind, um es mit dem Dichter Kahlil Gibran zu sagen: „die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.“ Und leider wird diese Sehnsucht nicht immer erfüllt. 

Auf die Tatsache, dass es demnächst verheiratete gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern geben wird, muss die Kirche eine wirklich angemessene Reaktion entwickeln. Wie gehen wir damit um? Wir sind da doch durchaus auf einem guten Weg, auf dem die Aussagen von Papst Franziskus eine wichtige Richtschnur sind. „Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?“ und wenn er sagt, in der Kirche habe man ihnen mit „Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen“ und sie seien nicht „in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen“ klingt das zwar etwas „kirchisch“, meint aber doch, sie sind nicht anders zu behandeln als jeder andere Mensch auch.

Es kann nicht sinnvoll sein, sich nun als großer Gegner der „Ehe für alle“ zu profilieren. Sicher kann man hier und da den Finger in die Wunde legen und durchaus auch nachfragen, welche Bedeutung das Naturrecht in dieser Frage für den Staat hat und ob es ausreicht die „Ehe für alle“ nur über das BGB zu regeln. Aber auch wir Katholiken sollten nicht so tun, als ob eine Gefahr für die Ehe zwischen Mann und Frau von den gleichgeschlechtlichen Ehen oder gar von Schwulen und Lesben ausginge. Die Ehe kann man nicht gegen etwas oder gegen jemanden stärken, sondern nur mit den Frauen und Männern, die miteinander durch das Leben gehen möchten. Und vermutlich auch mit den Frauen und Frauen und den Männern und Männern, die sich auf das Abenteuer eine Ehe „bis das der Tod sie scheidet“ einlassen wollen. Ihnen allen sollten wir mit Achtung, Mitfühlen und Takt begegnen.

Heute bleibt mir letztlich nur, all jenen zu ihrem politischen Erfolg zu gratulieren, die sich die „Ehe für alle“ ersehnt haben. Und allen Paaren wünsche ich für ihren Lebensweg Treue und Gottes Segen in guten und in schweren Tagen, in Gesundheit und Krankheit.

Die charmanten Worte über Karl Schiewerling kann man hier nachlesen: http://www.queer.de/detail.php?article_id=28932

Die klassischen, katholischen Bedenken sind hier von Kilian Martin sehr gut formuliert:
http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/deutschland-vor-dem-bruch-mit-dem-grundgesetz

"Hallo Herr Gehling, was halten Sie von der Ehe für alle?" Diese Frage erreichte mich aus der Lokalredaktion der Tageszeitung. Meine erste Antwort: "Wie viele Seiten darf ich schreiben?". 
Das ging natürlich nicht, es war nur wenig Platz. Auch für meinen ersten Textentwurf, den ich um 3/4 eindampfen musste. Da der Dechant schon die kirchliche Position referiert hatte, lautete die Kurzfassung meines Beitrages (den ich hier oben länger ausgearbeitet habe) dann so: "Ich habe einige homosexuelle Freunde und Bekannte. Die sehen das Thema sehr unterschiedlich. Der Bundestag kann natürlich definieren, was der Staat unter Ehe versteht. Mir ist die aktuelle Diskussion zu sehr auf „Diskriminierung“ zugespitzt. Da fallen andere Aspekte unter den Tisch. Für Luther war die Ehe ein „weltlich Ding“. Für mich persönlich ist sie mehr. Sie ist ja aus der Religion ins staatliche Recht gerutscht. Für mich als Katholiken ist die Ehe ein Sakrament, das sich eine Frau und ein Mann spenden. Dazu gehört, dass man in Liebe und Achtung gute und schlechte Zeiten gemeinsam durchsteht, bis zum Tode. Und bereit ist, die Kinder, die Gott schenkt, anzunehmen und für sie zu sorgen. Das ist für mich etwas Heiliges! Dass ich das so empfinde, macht die Liebe zweier Frauen nicht weniger wertvoll. Ich gratuliere denen, die sich die „Ehe für alle“ ersehnt haben. Allen Paaren wünsche ich für ihren Lebensweg Treue und Gottes Segen."

Auf die Reaktionen bin ich gespannt!

Donnerstag, 11. Mai 2017

Mehr Frauen am Altar? Gedanken zum Tag der Diakonin

In diesem Jahr gilt es ein Negativjubiläum zu feiern. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart veröffentlichte dazu einen Videobeitrag: „Vor 20 Jahren startete ein bundesweites Netzwerk katholischer Verbände in Stuttgart einen Kampf. Die Forderung: Auch Frauen sollen im Diakonenamt tätig sein dürfen. Das ist in der katholischen Kirche den Männern vorbehalten - bis heute. Zwar dürfen Frauen diakonische Aufgaben übernehmen. Als Diakoninnen geweiht werden können sie aber nicht.“

Im Kontext dieses Jubiläums wurden zahlreiche drängende und bedauernde Reden gehalten und Beiträge geschrieben. 

Dabei ist das Problem ja eigentlich schon gelöst, denn eine Art von Diakoninnenweihe gibt es schon seit langer Zeit. Nein, nicht in der evangelischen Kirche, die einige Mitarbeiterinnen so bezeichnet, sondern tatsächlich bei uns Katholiken. Allerdings in einem „Reservat“, das gemeinhin nicht für Gesprächigkeit bekannt ist. Vielleicht weiß auch deshalb kaum jemand, dass es in den Kartäuserinnenklöstern eine Art Diakoninnenweihe gibt. Leider sind in der Literatur hierzu wenige Informationen zu finden. Im Grunde handelt es sich hierbei um eine besondere Form der Jungfrauenweihe, die ja inzwischen auch außerhalb von Klöstern wieder neu entdeckt wurde. Für die Feier der Jungfrauenbenediktion kommt der jeweilige Ortsbischof in die Kartause. Zu den äußeren Zeichen dieser nicht sakramentalen Weihe gehörten ursprünglich, (1978 wurde das entsprechende Rituale (Ordo Consecrationis Virginum proprius Monialium Ordinis. Cartusiensis) etwas angepasst) dass der Schwester eine Krone aufgesetzt (den Schleier trug sie ja schon) und ein Ring angesteckt wurde. Dies verweist auf das Hochzeitsbrauchtum und die Trauliturgie, die Schwester ist ja Braut Christi. Zusätzlich wurde ihr ein Kreuz überreicht und die Stola und ein Manipel angelegt. Damit wird der im römischen Pontificale festgelegten Ritus der Jungfrauenweihe nicht unerheblich erweitert und ein gewisser Bezug zur Ordinationsliturgie hergestellt. Das gilt auch schon für die Fassung des Pontificale von 1596. Die Eigentradition der Kartäuser ist allerdings schon weit älter und wurde daher auch nach dem Trienter Konzil bewahrt, vor allem wegen ihrer langen Tradition. Die Stola wurde auch nicht nach Art der Diakone heute quer getragen, sondern so, wie sie auch ein Priester trägt. Kreuz und Manipel fielen in der 1978 reformierten Fassung weg und heute wird nur noch die Stola angelegt und ab und an auch getragen, z.B. bei einigen liturgischen Anlässen, wenn die Schwester beispielsweise bei Abwesenheit eines Priestermönches in der Matutin das Evangelium vorträgt. Natürlich auch am Tag des Profeßjubliäums oder bei der Aufbahrung am Tage ihres Todes. Man kann darin sicher mit einigem Recht Reste eines altkirchlichen Diakoninnenamtes entdecken, die sich allein bei den Kartäusern erhalten haben. Auch wird die Bezeichnung Diakonisse als Synonym für geweihte Jungfrau verwendet. 

Aber dieser kleine Ausflug in die Geschichte eines Ordens, der gerade mal 50 weibliche Mitglieder zählt, dürfte die Freundinnen und Freunde des Frauendiakonates wohl nicht zufrieden stellen. Diese beglückt sicher eher die Nachricht, dass in der Ostkirche das Amt der Diakonin zwar weitgehend ausgestorben, aber dennoch theologisch unbestritten ist. Und kürzlich weihte der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, Theodoros II., erstmals in der Neuzeit wieder sechs Frauen zu Diakoninnen. Von ihnen waren drei Ordensschwestern und drei Katechistinnen, ein Umstand, auf den ich später noch eingehen möchte. 

Für einigen Wirbel sorgte vor einigen Monaten auch die spontane Ankündigung von Papst Franziskus, eine Kommission zur "Untersuchung des Diakonats von Frauen“ zur Thematik der altkirchlichen Diakoninnen einzurichten. Als Franziskus sie im Mai 2016 ankündigte, rüttelte er damit für die einen am letzten Tabu in der katholischen Kirche, andere sahen ihren langgehegten Traum von der Frau am Altar in greifbare Nähe gerückt. 

Und das ist in der Tat ein spannender Aspekt. Was sucht der Diakon eigentlich am Altar? Diese Frage beschäftigt mich auch als Laie und Pastoralreferent. Dem Diakon kommt in der Liturgie eine besondere Rolle zu. Vor allem ist ihm die Verkündigung des Evangeliums vorbehalten. Wer z.B. die feierlichen Papstmessen aufmerksam verfolgt, wird feststellen, dass immer ein Diakon das Evangelium vorträgt. Dies ist auch in vielen anderen festlichen Gottesdiensten so, nicht der Priester, nicht der Bischof, nein, dem Diakon kommt diese zentrale Aufgabe zu. Er hat hier den Vorrang vor den höheren Klerikern. Er kann auch die Predigt halten, tut dies aber dann im Auftrag des zelebrierenden Priesters, da idealerweise der Zelebrant auch der Ausleger des Evangeliums sein sollte. Worin ja auch der theologische Kern des Predigtverbotes für Laien liegt.

Zusätzlich nimmt der Diakon die eucharistischen Gaben bei der Gabenbereitung von den Messdienern entgegen und reicht Kelch und Hostienschale dem Zelebranten an. Im Hochgebet selbst kommt er dann noch einmal zu Wort, wenn er die Gemeinde auffordert das „Geheimnis des Glaubens“ zu bekennen und am Ende der Messe, wenn er die Gemeinde aus der gottesdienstlichen Feier entläßt mit dem Ruf: „Gehet hin in Frieden!“. Das ist nicht von ungefähr so, denn der tiefere Sinn der Beteiligung des Diakons, der mit Stola und Dalmatik eigene liturgische Gewänder trägt, ist es, die Bedeutung der Diakonie, der Sorge um die Menschen in Not in die Mitte der sonntäglichen Eucharistie mit hineinzunehmen. Liturgie ist unvollständig ohne Diakonie. 

Die Bibel (Apg 6,1-7) berichtet davon, dass die Apostel für diese Aufgabe, den „Dienst an den Tischen“ sieben Männer beauftragten, damit sie selbst sich stärker dem Gebet und der Verkündigung widmen konnten. Der Diakonat ist also mitnichten ein vornehmlich liturgisches Amt, sondern es dient mit dazu, dass die Priester und Bischöfe frei werden für den Dienst am Wort und für das Gebet. 

Natürlich bietet die Apostelgeschichte keine ausführliche Theologie des Amtes. Diese formte sich erst später aus. Vielleicht lohnt sich einmal ein kurzer Blick in die Zeit vor dem 2. Vaticanum. Damals war der Weg zum Priestertum ein Weg mit sieben Stufen. Auch wenn ich nachfolgend die Vergangenheitsform wähle, gibt es in altrituellen Gemeinschaften wie der Pius- oder Petrusbruderschaft (und übrigens auch in der ev. hochkirchlichen St.-Johannes-Bruderschaft) nach wie vor diese Weihestufen. 

Man unterschied niedere und höhere Weihen. Zur ersten Gruppe gehören die Ostiarier, Lektoren, Exorzisten und Akolythen. Die höheren Weihen begannen mit jener zum Subdiakon; es folgt die Weihe zum Diakon und schließlich die Priesterweihe. Als Sakrament im eigentlichen Sinne galten dabei aber nur Diakonen-, Priester- und Bischofsweihe. 

Mit der ersten Weihestufe zum Ostiarier (Türhüter, Küster) wurde die Obhut über das Kirchengebäude übertragen. Symbolisch berührte man einen Kirchenschlüssel und ergriff das Glockenseil. Mit der zweiten Weihestufe wurde man Lektor (Vorleser) und bekam das Lektionar überreicht. Aufgabe der Lektoren war es, die Lesungen vorzutragen. Die dritte Stufe war die Weihe zum Exorzisten (Beschwörer) womit dem Kleriker die Macht über die bösen Geister gegeben wurde. Das ist allerdings zu unterscheiden von den wirklichen Exorzisten, die vom Bischof eigens bevollmächtigt und erfahrene Priester sein mußten. Als vierte Stufe folgten die Akolythen (Altardiener). Bei der Weihe-Feier berührte der Akolyth das Messkännchen und den Leuchter, er zündete in der Messe die Lichter an und sorgte auch für den Weihrauch. Hier lag auch der tiefere Grund dafür, dass früher nur Jungen Messdiener werden konnten. Es ging schließlich um eine mögliche Stufe auf dem Weg zum Priesteramt, wobei der allgemeine Messdienerdienst in den Gemeinden vom Akolythen natürlich zu unterscheiden ist. Die normalen, jugendlichen Messdiener wurden dazu nicht mit einer Weihe ausgestattet. Die letzte niedere Weihestufe war zunächst noch die zum Subdiakon, wobei diese später als höhere Weihe betrachtet wurde. Sie verpflichtete den Kleriker zur engen Anteilnahme am Opfer und Gebetsleben (Breviergebet) der Kirche und zur lebenslänglichen Ehelosigkeit. Der Subdiakon reichte z.B. beim levitierten Hochamt dem Diakon den geweihten Kelch dar und trug die Epistel (Lesung) vor. Der Bischof legte ihm in der Weihe den Manipel an, das Symbol der Mühe des apostolischen Amtes und er wurde mit einer Tunika bekleidet. 
Bei der Diakonenweihe erhielt der Diakon die Dalmatik, sein Amtsgewand und wurde bevollmächtigt, das Evangelium zu verkünden. Als Nächstes folgte dann die Priesterweihe.

Interessanterweise kennen auch die orthodoxen Kirchen ähnliche Stufen der Weihe, auch mehr und andere als die in der katholischen Kirche heute üblichen. Allgemein ist es dort auch so, dass die Stufen eigenständiger gesehen werden und nicht als Durchgangsstationen auf dem Weg zum Priesteramt. Man kann also koptischer Achidiakon sein oder griechischer Lampadarios (Fackelträger) und dies auch bleiben. In der russischen (und anderen orthodoxen) Kirchen zählt auch der Sakristan zum Klerus.

Ich glaube, dass wir in der katholischen Kirche durchaus daran „leiden“, dass wir diese Gelassenheit der Orthodoxie nicht pflegen, sondern die Weihestufen eher als „Karrierestufen“ und Zwischenschritte betrachtet haben. So war es selbst vor dem 2. Vaticanum ja keineswegs so, dass die Lektoren und Akolythen auch die entsprechenden Dienste in den Pfarreien tatsächlich übernahmen. Dafür gab es entsprechend ausgewählte Gemeindemitglieder. Der Diakonat der angehenden Priester brachte sie zwar für einige Wochen in die Gemeinden, wurde aber doch eher als Gelegenheit zur Einübung ins Priestertum betrachtet. 

Natürlich hat sich das inzwischen geändert. Im Bistum Münster wird der angehende Priester zunächst (als Laie) für ein Gemeindejahr in eine konkrete Pfarrei gesandt, dem schließt sich der Diakonat an, wo der Diakon dann u.a. mit Predigt, Taufe, Trauung und Beerdigungsdienst beauftragt wird, um dann nach der „richtigen“ Weihe alles zu dürfen, was ein Priester darf. 

Die Wiederbelebung des ständigen Diakonats und die zunehmende Zahl solcher Diakone in den Gemeinden stellt jedoch viele neue Fragen, deren konkrete Auflösung in der Regel in der jeweiligen Pfarrei selbst gefunden wird und sehr stark von der Persönlichkeit des Diakons abhängt. So gibt es einzelne Diakone, die sogar klassische klerikale Kleidung tragen (Soutane), andere legen höchsten Wert auf ihr caritatives Dienstamt und wieder andere stehen jeden Sonntag am Altar und gehen voll und ganz in den liturgischen Aufgaben des Diakons auf.

Konkurrenz ist angesichts des Priestermangels in den wachsenden Teams der deutschen Pfarreien ohnehin ein Thema. Es fehlt an einmütig geteilten Vorstellungen davon, was ein Pfarrer, ein Priester, ein Diakon, eine Pastoralreferentin ist und welche Aufgaben sie oder er zu übernehmen hat. So knirscht und kracht es immer wieder. Dass es für die zu leistenden (viel zu vielen) Aufgaben und Dienste in den Gemeinden zu wenige Seelsorgerinnen und Seelsorger gibt, trägt auch nicht unbedingt zur Klärung bei, weil mit pragmatischen Lösungen Lücken gestopft werden. Die Bestellung von hauptamtlichen Laien zu Moderatoren von Seelsorgeteams oder ehrenamtlich Engagierten zu Gemeindeleitern verkompliziert dies zusätzlich. 

Kein Wunder, dass die jeweiligen Personen die „Freiräume“, die die aktuelle Situation ihnen bietet teils mit Freude, teils gedrängt, teils auch notgedrungen ausfüllen. Doch das Heilmittel kann wohl kaum ein einheitlich vordefiniertes Berufsprofil für die Ämter von Priester und Diakon und die Dienste hauptamtlicher Laien sein. Ein bischöflicher Hirtenbrief wird es also nicht richten. 

In diese Übergangssituation fällt nun auch die Frage nach einem Diakonenamt der Frau. Die Aufgaben, die in den bisherigen Weihestufen (vier niederen und einer höheren) gebündelt waren, haben inzwischen Ehrenamtler bzw. hauptberufliche Küster und Musiker übernommen. Im Übrigen Männer wie Frauen, weitgehend gleichberechtigt. Die katechetischen Aufgaben, die früher einmal unverheiratete Religionslehrerinnen, Seelsorgehelferinnen und Priester ausgefüllt hatten werden heute von Gemeindereferenten, Pastoralreferentinnen, Religionslehrern und Katecheten mitgetragen. 

Vom Aufgabenprofil her, geht schon heute der Beruf der Gemeindereferentin weit über das hinaus, was in der alten Kirche die Diakoninnen übernahmen. So könnten von dieser alten Traditionslinie her nur einzelne Impulse für ein heutiges Diakoninnenamt übernommen werden. 

Interessant ist vermutlich ein Blick auf die Motivationslage derer, die sich für bzw. gegen einen Diakonat der Frau engagieren. In der Regel ist der beide Gruppen gleichermaßen trennende wie verbindende Punkt die Frage, ob einer Diakoninnenweihe nicht automatisch die nächsten Schritte der Priester- und Bischofsweihe folgen müssten. Nicht wenige der „Pro“-Aktivisten kalkulieren das ein. Und nicht wenige der „Contra“ - Streiter befürchten das, denn die theologischen Linien laufen doch so, dass bei einer Akzeptanz der sakramentalen Diakoninnenweihe eigentlich kaum noch ein Argument gegen eine Priesterinnenweihe „ziehen“ würde. 

Daraus resultiert aber auch die Sorge, dass selbst bei einem nicht sakramentalen Amt, wie dem einer „Gemeindediakonin“, wie es Erzbischof Zollitsch 2013 vorgeschlagen hat, die Diskussion insgesamt einfach weiter gehen würde. Dass dann am Ende über den Aspekt der Gleichberechtigung weiterhin eine sakramentale Weihe eingefordert würde und der Streit also nur in eine neue Runde ginge. 

Papst Johannes Paul II. hat ja bekanntlich mit hoher Autorität die Möglichkeit einer Priesterweihe für Frauen ausgeschlossen. An diesem Felsen kommt man in der Diskussion wohl nicht vorbei. Nichtsdestotrotz stehen wir als Kirche vor der Frage, wie es gelingen kann, den Frauen in der Kirche einen gleichberechtigten und gleichwertigen Platz und entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten zu geben, die denen der Männer in Nichts nachstehen. 

Die gern beschworene Angst vor „Verwirrung“, Diskussionen und Kirchen-Streit halte ich für einen falschen Ratgeber, wenn es darum gehen soll, den Willen Gottes zu erkennen und danach zu handeln.

Es kann doch nicht geleugnet werden, dass durch die ausschließlich Männern vorbehaltene Weihe und die Verknüpfung von zahlreichen Leitungsaufgaben mit den Ämtern der Priester und Pfarrer eine einseitlich männlich dominierte Führungsstruktur in der Kirche entstanden ist und ein überbordendes Aufgabenprofil für den einzelnen Pfarrer. Daher werden einige entschiedene Schritte notwendig sein, das priesterliche Amt von solchen zeitgebundenen Schlacken zu befreien. Das in der Soziallehre der Kirche so bedeutsame Wort der Subsidiarität könnte auch hier hilfreich sein. Die Priester müssen ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen können, wozu doch die Apostelgeschichte sehr eindeutig die Richtung vorgibt, damit sie beim Gebet (!!!) und beim Dienst am Wort bleiben können. Sie brauchen Frei-Raum für persönliche Seelsorge und auch für Erholung, Freundschaften u.v.m.. 

Wenn wir in Deutschland das Glück haben, in einer Kirche leben zu dürfen, die es sich leisten kann, Katechisten (als Lehrer, Pastoral- und Gemeindereferentinnen) zu beschäftigen, dann sollte man deren Dienste und Qualifikation mit Freuden einsetzen und nutzen. Andere Kirchen (Diözesen) beneiden uns darum. Die Priester und Gemeinden sollten ihnen einen guten Rahmen für ihre Arbeit ermöglichen. 

Alle Aufgaben, zu denen es keiner Weihe bedarf, könnten je nach Befähigung von haupt- und nebenamtlichen Laien übernommen werden. Nur weil ein Priester der Gemeindeleiter ist, muss er nicht jede Entscheidung von seinem Urteil abhängig machen. Je mehr er delegiert, desto mehr kann er Priester sein. Gute Beratung und Begleitung durch Beauftragte des Bischofs würde sicherlich helfen, evtl. entstehende Reibereien aufzulösen.

Warum entdeckt man die alten „niederen“ Weihen nicht neu, als konsequente Beauftragungen zu Dienstämtern durch den Bischof? Teilweise gibt es ja schon solche Ansätze, aber es ist doch nicht zu Ende gedacht. Messdiener, Küster, Lektoren, Kantoren, Gottesdienstbeauftragte. Und all dies nicht als Durchgangsstationen sondern mit nicht unbedingt zeitlich eng begrenzter Beauftragung. Der Beauftragte muss spüren können, dass er einen eigenständigen Auftrag hat und nicht nur für begrenzte Zeit eine Aufgabe übernimmt. Und dazu das Amt eines religiösen Lehrers/Katechisten/Pastoral- oder Gemeindereferenten. Und all dies nicht als „Stufen“ auf einem Karriereweg sondern als eigenständige Berufungen, die in eine andere Berufung übergehen können – aber nicht müssen. 

Zu den klassischen sakramentalen Weiheämtern zählen dann weiterhin Priester und Diakone. Und da wäre es doch auch denkbar, dass sich ein angehender Priester entscheidet, für fünf Jahre als Diakon in einer Gemeinde zu bleiben, oder überhaupt nicht mehr die Priesterweihe anzustreben und Diakon zu bleiben. Weil er in diesem Dienst am Nächsten aufgeht und seine Berufung gefunden hat. Das stellt dann vermutlich wohl die Frage nach dem Zölibatsversprechen, aber das ließe sich vielleicht neu ordnen. 

Hier wäre sicher zu überlegen, ob der Zölibat notwendig mit dem Diakonat verbunden sein muss (wer unverheiratet zum Diakon geweiht wird gelobt heute im Rahmen der Weihe auch weiterhin unverheiratet zu bleiben, ein verwitweter Diakon darf nicht erneut heiraten.) Das 2. Vat. Konzil hat erste Schritte zu einer genaueren Bestimmung der Beziehung Diakonat / Priesteramt gemacht, hier müßte man, glaube ich, noch ernsthaft weiter denken (Papst Benedikt XVI. hat dies ja mit einer Änderung im Kirchenrecht schon fortgesetzt). 

Und wenn auf diese Weise etwas mehr Ruhe und Struktur in die Seelsorge gekommen ist, dann kann ich mir das Amt einer Diakonin gut vorstellen. Ich bleibe aber skeptisch, ob das ein sakramentales Amt sein muss. Oder ob man sich eigentlich einem nichtsakramentalen Diakoninnenamt verweigern darf. Warum sollte das eigentlich weniger sein als ein sakramental geweihter männlicher Diakon? Papst Franziskus hat doch völlig recht, dass im Karrierestreben mancher Kleriker der Keim der Krise des Priesterberufs steckte. Dass es anders gehen kann, davon ahnen wir etwas, wenn wir uns beispielsweise mit dem Ordensleben beschäftigen. Hier ist doch (im idealen Fall) sichtbar, dass Priester als reiner Dienst möglich ist und auch, dass Frauen höchste Verantwortung übernehmen können. Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass manche Äbtissin in ihrer Machtfülle sich hinter einem Fürstbischof nicht zu verstecken brauchte. Und dies selbst im „finsteren“ Mittelalter. 

Auch hier liegt noch eine wichtige Aufgabe der Läuterung der Kirche und der Läuterung des Einzelnen in der Kirche, sei er auch Laie, Priester, Diakon, sei er Mann oder Frau, Jude oder Grieche, Angestellter oder Selbstständiger... 

In diesem Zusammenhang kann uns auch wieder neu bewußt werden, dass Gott es ist, der zu einem solchen Amt und Dienst beruft. Nicht wir sind die „Herren“ oder „Herrinnen“ der Kirche, sondern Christus selbst. Deshalb gilt es sehr aufmerksam aufeinander und auf Gottes Stimme zu hören. Und nicht gleich Zeter und Mordio zu schreien, nur weil einer eine etwas ausgefallene Idee für die Zukunft der Kirche hat oder seine Meinung vom gängig Katholischen etwas abweicht. Papst Franziskus wiederholt es immer wieder: „Lasst euch nicht von Vorurteilen, Gewohnheiten, von einer eingefahrenen mentalen oder pastoralen Praxis davon abhalten – von diesem vielstrapazierten »das haben wir schon immer so gemacht!“ und sprach über dieses Wort gerade noch in der Morgenmesse in Santa Marta: „Das ist immer so gemacht worden“. Ein Satz, der dem Heiligen Geist Widerstand leistet, sagte der Papst. Gott ist anders: Gott überrascht uns, wir müssen uns seinem Wirken aber öffnen.“

Das Video des Bistums Rottenburg-Stuttgart ist durchaus bemerkenswert: https://www.youtube.com/watch?v=tBwTQnPtv7c

Aus konservativer Sicht beleuchtet die Fragen des Diakonats der Frau sehr umfassend der folgende Artikel von Manfred Hauke: https://de.zenit.org/articles/ein-weibliches-diakonat-einfuehren/


Theologische Quartalschrift, Heft 4/2012 zum Thema: Geschichtliche Gestalten des Diakonats der Frau in der Kirche. Mit Beiträgen von P. Hünermann, H. Becker und A. Franz, G. Macy und U. Hudelmaier. Schwabenverlag. ISSN 0341-1430 B 21 372 Eine kurze Leseprobe hieraus: http://www.schwabenverlag.de/4zeitsch/thq/12_04/Theologische-Quartalschrift-Leseprobe-1-2012-4.pdf

Das Papstzitat aus der Berichterstattung über die Morgenmesse vom 8.5.2017: http://de.radiovaticana.va/news/2017/05/08/fr%C3%BChmesse_%E2%80%9Edas_wurde_immer_so_gemacht%E2%80%9C_ist_ein_killersatz/1310775

Donnerstag, 23. Februar 2017

In dubio (dubia/dubii) pro amore. (Ehegeschichten)

Geschieden – und wieder verheiratet! 
Der Umgang mit Menschen, die nach einer gescheiterten ersten Ehe inzwischen mit einem anderen Partner zusammen leben, beschäftigt die katholische Kirche nun schon seit langer Zeit. Auch in den Bischofssynoden im Vatikan war es ein herausgehobenes Thema. Vor allem durch die sog. Dubia (Zweifel) der vier Kardinäle Burke, Brandmüller, Caffarra und Meisner (mit Kardinal Zen hat sich dieser Tage ein weiterer prominenter Kirchenmann hinter sie gestellt) an der Traditionstreue des Hl. Vaters Franziskus wird das Thema in vielen Diskussionen am Kochen gehalten. 

Es klingt, als sei der obige Begriff etwas, das man klar, juristisch fassen könnte: Ein Mensch, der geschieden-wiederverheiratet ist, hat einmal eine kirchenrechtlich gültige Ehe mit seiner Partnerin/seinem Partner geschlossen und dieser/m ewige Treue versprochen. Diesem Versprechen ist er/sie untreu geworden, durch eine neue (sexuelle) Beziehung mit einem anderen Partner(in). Darin wird ein Bruch der ersten Ehe gesehen (die ja nach katholischer Auffassung unauflöslich ist) und jede weitere sexuelle Begegnung der neuen Partner als weiter Ehebruch. Soweit so klar und eindeutig.

In der Konsequenz, so argumentieren Viele, verdiene jede und jeder geschieden-wiederverheirate Katholik eine einheitliche (gerechte) Behandlung, er sei von den Sakramenten auszuschließen und aus kirchlichen Ämtern und Berufen fern zu halten. Schließlich verdunkle das Leben eines geschieden-wiederverheirateten Menschen die christliche Botschaft. 

Aber ist das auch so? Denn wenn es so wäre, dann müßte der Papst ja in der Lage sein, auf die bohrenden Fragen der Kardinäle zu antworten. 

Der Papst betont in seinem Schreiben über die Freude der Liebe eindeutig, dass die Kirche die Treue zur überlieferten Lehre keineswegs in Frage stellt, betont aber dennoch, dass im konkreten Fall die Gabe der Unterscheidung gefragt sei. Vielleicht ist es ja gar nicht so einfach und eindeutig mit den „wiederverheiratet – geschiedenen“ und deren Lebenswegen. Wer genauer hinschaut, nimmt neben schwarz und weiß ganz viele verschiedene Farb- und Grautöne wahr. 

Mir gingen spontan einige (fiktive) „Fälle“ durch den Kopf, die nachdenklich machen, was der Papst mit seinem Ruf der rechten Unterscheidung der einzelnen Situationen wohl gemeint haben könnte. Ob man mit einer Standartantwort wohl jedem einzelnen Schicksal gerecht wird? Ich glaube, es lohnt sich, mit jedem einzelnen Paar ein Stück des Weges  zu gehen. 

Die Beispiele sind konstruiert – aber nicht weit vom wirklichen Leben weg. Bin gespannt auf Rückmeldungen und Lösungsvorschläge zu den einzelnen Fällen. 

1. Beispiel
Eine junge Frau aus Schlesien ist mit ihrem Partner verlobt. Auf der monatelangen Flucht verliert sie den Rest ihrer Familie aus den Augen und ist mit ihrem Freund unterwegs nach Westen. Über unterschiedliche Stationen landen sie schließlich in einem Lager im Ruhrgebiet. Dort merkt sie, dass sie schwanger ist. Die Beiden heiraten standesamtlich. Schritt für Schritt und über Jahre hin bauen sie mit vielen Schwierigkeiten ein gemeinsames Leben auf. Erst als das einigermaßen gesichert ist, sprechen sie den Pfarrer wegen einer kirchlichen Hochzeit an. Dieser entpuppt sich jedoch als streng und hält zunächst einmal eine gehörige Standpauke wegen des unehelichen Zusammenlebens. Das Gespräch endet in einem heftigen Streit, das Paar wendet sich von der Kirche ab und verzichtet auf eine kirchliche Eheschließung. Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, nach der silbernen Hochzeit geht die Ehe in die Brüche. Beide Partner trennen sich und finden jeweils neue Partner. Die Frau heiratet später in er kath. Kirche ihren neuen Mann, getraut werden sie von einem Nachfolger es damaligen Pfarrers. Der Mann lebt mit einer neuen Lebensgefährtin zusammen, sie bleiben unverheiratet. 
Variante: 
Das Gespräch mit dem Pfarrer wäre nicht aus dem Ruder gelaufen, das Paar wäre ordentlich katholisch getraut worden. Eine spätere Eheschließung mit dem neuen Partner wäre nicht möglich gewesen.

2. Beispiel
Denken wir uns ein junges Paar. Sie katholisch, praktizierend. Er, ebenfalls katholisch aber wenig in Glaubensdingen engagiert. Einige Wochen vor der Hochzeit ist er bei Freunden zu Besuch. Das Gespräch kommt auf die Kirche und auf das Eheversprechen. Im Rahmen der Diskussion äußert er sich den Freunden gegenüber, dass er die kirchliche Hochzeit nur seiner Frau zuliebe eingeht. Er halte auch nicht viel vom Treueversprechen. Naürlich sei er seiner Frau grundsätzlich treu, sie müsse von dem ein oder anderen Seitensprung nichts erfahren. Er brauche als Mann schließlich seine Freiheit und so sei es auch bisher schon ab und an passiert. Dennoch liebe er seine Frau. Kinder wolle er eigentlich auch nicht, seine Frau wohl. Aber es wäre ja noch Zeit genug, das miteinander auszuhandeln. Beim Traugespräch sagt er natürlich zu allem Ja und Amen, um der Diskussion mit seiner Frau aus dem Weg zu gehen. Die beiden trauen sich in der katholischen Pfarrkirche. Nach einen dreiviertel Jahr erfährt die Ehefrau von einem Verhältnis ihres Mannes mit einer Arbeitskollegin. Er will dieses Verhältnis nicht beenden und schlägt ihr eine Beziehung zu dritt vor. Sie verläßt die gemeinsame Wohnung und trennt sich von ihm. Die Ehe wird geschieden. 
Variante: 
Das Gespräch des Ehemannes im Freundeskreis hat nie stattgefunden. Die Ehefrau hat nach einem halben Jahr die Pille abgesetzt und ist schwanger, als sie vom Verhältnis ihres Mannes erfährt. Dennoch trennt sie sich, weil der Mann das Verhältnis nicht beenden will und sie zur Abtreibung drängt, weil ein Kind nicht in dieser Situation groß werden soll. 

Im ersten Fall dürfte die Aussicht auf eine Annullierung der Ehe gegeben sein. In der Variante noch lange nicht, da es keine Zeugen aus dem Freundeskreis gibt. Wenn dann der Ehemann nicht über seine Einstellung zur Ehe aussagt dürfte es schwer werden, einen eindeutigen Beweis zu führen, dass er zu einer katholischen Ehe nicht bereit war. 

3. Beispiel
Ein Paar möchte heiraten. Sie katholisch, er ist evangelisch. Weil er in seiner evangelischen Gemeinde aktiv ist und die Kirche sehr passend erscheint, heiratet das Paar nach evangelischem Ritus. Die notwendigen Formalitäten auf katholischer Seite werden nicht erfüllt. Der ev. Pfarrer sieht das entspannt, weil er sowieso meint, dass die katholische Kirche da etwas zu bürokratisch ist. Das Paar ist der Überzeugung, dass ihr Versprechen von Treue auch in der evangelischen Kirche zählt. Die Braut ist katholisch und steht fest zur katholischen Auffassung vom Ehesakrament, sie hält es für unauflöslich und wünscht sich Kinder mit ihrem Mann. In dieser Frage sind sich beide einig. Der lutherische Pfarrer zelebriert eine wunderschöne Feier. Das Paar bekommt zwei Kinder, feiert die silberne Hochzeit mit vielen Freunden, doch als beide Kinder zum Studium aus dem Haus sind, gerät die Ehe in eine Krise. Eines Tages zieht die Ehefrau aus dem gemeinsamen Haus aus, trennt sich und reicht die Scheidung ein. 
Variante: 
Der Ehefrau wird einige Wochen nach der Eheschließung klar, dass sie nach katholischer Auffassung vermutlich gar nicht verheiratet ist und beantragt eine „Sanatio in radice“. 

Im ersten Fall sind die beiden nach katholischem Recht nie verheiratet gewesen. Eine zweite Heirat ist für beide Partner ohne Schwierigkeiten möglich. Im zweiten Fall sieht es für eine Eheanullierung schlecht aus. 

4. Beispiel
Ein Paar heiratet sehr verliebt und recht früh. Natürlich mit allem drum und dran, natürlich auch kirchlich in ihrer Heimatgemeinde. Beide kennen sich aus der katholischen Jugendarbeit. Beide ziehen nach der kirchlichen Hochzeit in eine gemeinsame Wohnung. Doch die Beziehung zeigt sich als nicht tragfähig. Es kommt immer wieder zu Streit und Auseinandersetzungen. Die Spannung steigt. Schließlich verläßt die Ehefrau die gemeinsame Wohnung und zieht wieder zu den Eltern. Das Paar beantragt die Scheidung und im Alter von 23 und 25 Jahren gilt ihre Ehe als geschieden. Beide Partner verlassen die gemeinsame Heimatstadt aus beruflichen Gründen und nach drei oder vier Jahren sind beide Partner zivil mit anderen Partnern wieder verheiratet. Aus beiden Ehen gehen drei bzw. vier Kinder hervor, doch auch diese beiden Partnerschaften gehen nach einigen Jahren in die Brüche. Sie zieht ihre Kinder allein groß, hat die ein oder andere Beziehung zu einem Mann, etwas „Ernstes“ wird daraus nie. Er heiratet – auch der Kinder wegen – ein weiteres Mal, doch auch diese Ehe hält nur 10 Jahre lang, zu den drei Kindern kommt ein weiteres gemeinsames Kind mit der dritten Ehefrau. Während eines Volksfestes in der Heimat begegnen sich beide Partner zum ersten Mal nach fast 20 Jahren wieder. Eine gewisse Zuneigung ist von der ersten Minute an wieder da. Man besucht sich, schreibt sich, begegnet sich immer wieder und entschließt sich zum gemeisamen Leben. Zusammen mit ihren acht Kindern bewohnen die Partner eine große Wohnung nahre ihrer ursprünglichen Heimatstadt. Am 25. Jahrestag ihrer ersten Eheschließung erneuern die Beiden ihr Eheversprechen im Rahmen eines kleinen Wortgottesdienstes in der Gemeindekirche. „Wir waren einfach noch nicht reif genug!“ - ist das gemeinsame Fazit nach all den Irrungen und Brüchen ihrer Lebensgeschichten. Was damals nicht durchgetragen werden konnte kommt spät dann doch noch zur Blüte. 

5. Beispiel
Eine junge, katholische Frau, 22 Jahre verliebt sich in einen 25jährigen Mann, evangelisch. Die Beiden kommen wunderbar miteinander aus, ein Traumpaar. Nach einigen Wochen berichtet er ihr, dass er bereits verheiratet war. Die Beziehung habe aber nicht sehr lange gehalten. Er war mit seiner evangelischen Frau kirchlich verheiratet. Nach einigen Jahren merken die Beiden, dass es wirklich „passt“. Die „Ex-Frau“ taucht nicht wieder aus der Vergangenheit auf, der Kontakt ist vollends zuende gegangen. Anläßlich des Brautgesprächs wird dem Paar mitgeteilt, dass eine kirchliche Trauung möglicherweise nicht stattfinden kann, da die erste, evangelische Ehe gültig sein könnte. Das müsse vor dem kirchlichen Ehegericht geprüft werden. Dazu ist der Ehemann aber nicht bereit, er sei mit dieser Frau verheiratet gewesen, sie hätten sich getrennt und mit Anstand die Beziehung und die Ehe beendet, aber er stehe dazu und sehe nicht ein, was die kath. Kirche in seiner Vergangenheit zu schnüffeln habe. 


6. Beispiel
Als Spätaussiedler kommt ein junges Paar mit zwei Kindern aus Oberschlesien nach Deutschland. Beide hatten in Polen sehr jung geheiratet, mit Blick auf die geplante Übersiedlung nach Deutschland. Das erste Kind kam schnell und wurde noch in Polen getauft, das zweite Kind folgte schon in der neuen Heimat am Niederrhein. In den ersten Jahren führen sie ein sehr bürgerliches Leben, sie Hausfrau, er arbeitet viel, um der Familie einen Aufstieg zu ermöglichen. Ab und an besucht er eine Prostituierte, weil seine Frau als junge Mutter nicht so recht Lust am Sex zeigt. Irgendwann scheint es geschafft, man hat ein kleines Häuschen, ist anerkannt in Nachbarschaft und Gemeinde. Es kann etwas ruhiger angehen. Doch der Mann gerät in falsche Gesellschaft, beginnt Pornofilme zu schauen und konfrontiert seine Frau mit den neu entdeckten sexuellen Begierden. Sie lehnt derlei Dinge ab und verweigert sich ihm. Die Situation spitzt sich zu, seine Frau ist nicht weiter nicht bereit auf seine extremen Wünsche einzugehen und verliert die Lust am ehelichen Verkehr. Er beginnt, seine Gelüste durch Besuche bei Prostituierten auszuleben, das stürzt die Familie zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, die Konflikte nehmen zu. Schließlich eröffnet der Mann seiner Frau, dass er endlich eine andere Frau gefunden habe, die alles mit ihm mache, was er sich wünsche. Die Frau trennt sich nach Jahren der Demütigungen von ihrem Mann, es kommt zu unschönen Auseinandersetzungen und tief gekränkt und verletzt bleibt die Frau allein in einer kleinen Wohnung zurück. Es braucht Jahre, bis sie mit Hilfe von Therapeuten und einem verständnisvollen Pfarrer wieder ins Leben zurückfindet. Die Kinder haben sich im Zuge der Auseinandersetzungen leider von ihren Eltern abgewandt. Im Kirchenchor lernt die Frau nach 10 Jahren Alleinsein einen Witwer aus Oberschlesien kennen. Nach und nach kommen sie einander näher. Sie erfährt sich erstmals in ihrem Leben als Mensch angenommen und geliebt.

Was daraus wird, wissen wir nicht. Aber mögliche Gründe für eine Nichtigkeit der frühen Ehe dürften sich heute wohl kaum noch beweisen lassen.


7. Beispiel
In einer deutschen Großstadt wächst eine junge Frau heran. Sie macht schon als jugendliche erste sexuelle Erfahrungen und betrachtet ihre Beziehungen zu Männern eher als lockere „Lebensabschnittsbeziehungen“. Wenn die „Spannung“ nachlässt trennt sie sich entspannt von einem Partner und beginnt eine spannendere Beziehung. Je älter sie wird, desto unzufriedener ist sie mit solchen Lebensweisen. Als sie einen praktizierenden Katholiken kennen lernt und sich in ihn verliebt, wird ihr langsam klar, dass ihr die wechselseitige Treue doch mehr bedeutet als gedacht. Nach vielen Irrungen und Wirrungen in ihrem Leben entschließt sie sich aus vollem Herzen „JA“ zu ihrem Mann zu sagen, bis dass der Tod sie scheidet.
Variante: 
Die junge Frau wächst in einem katholischen Dorf im Oldenburger Münsterland auf. Ihre streng katholischen Eltern erziehen sie entsprechend. Für das Mädchen ist klar, dass sie sich „aufsparen“ möchte für den Einen. In ihrem Umfeld halten das viele Paare doch sehr anders und ihr Wunsch nach einer festen Liebesbeziehung mit allem drum und dran steigt. Die Folge ist, dass sie ihren langjährigen Jugendfreund (der in diesen Dingen ähnlich erzogen ist) eher früh heiratet. Beide sind 22 und 21 Jahre alt. Am Tag ihrer kirchlichen Hochzeit ziehen sie in eine erste eigene Wohnung. Zunächst widmen sich beide Partner ihrer beruflichen Absicherung. Einige Jahre später zeigt sich, dass die Frau nicht schwanger wird. Der Mann wird durch seine beruflichen Aufgaben in die weite Welt geschickt, was seinen Horizont und seine Vorstellungen vom Leben (und von Partnerschaft) deutlich erweitert, was die Ehe in eine Krise stürzt. Auf deren Höhepunkt trennt sich das Paar. Die junge Frau zieht zunächst ins Elternhaus zurück und verlässt dann aber zwei Jahre später ihren Heimatort (wo ihre Lebensgeschichte sehr interessiert erörtert wird und ihr Ex-Mann inzwischen neu verheiratet ist). In der größeren Stadt, wo sie nun lebt lernt sie einen praktizierenden Katholiken kennen. Fortsetzung dann wie oben.


8. Beispiel
Die junge Frau engagiert sich in der katholischen Jugendarbeit ihrer Gemeinde. Sie ist Obermessdienerin und gestaltet Jugendgottesdienste mit. Dann passiert es: zwischen ihr und dem Kaplan der Gemeinde „funkt“ es. Sie werden ein Paar. Nach einigen Monaten im Verborgenen entschließen sie sich, die Beziehung öffentlich zu machen. Eine gute Entscheidung, denn nur einige Wochen später zeigt sich, dass sie schwanger ist. Nach einem Gespräch mit dem Bischof wird der Kaplan suspendiert. Er findet eine Stelle in der Arbeitsagentur. Sie gibt ihren Beruf als Erzieherin zunächst auf und beide ziehen in einen anderen Ort. Das Paar heiratet standesamtlich. Zunächst läuft alles gut, doch dann zieht der Alltag in das Leben des Paares ein. So zeigt sich im Verlauf der Zeit, dass der Überschwang der Gefühle und der Wunsch, keine Beziehung im Verborgenen zu führen (und die Schwangerschaft der jungen Frau) das Paar vorschnell in ein gemeinsames Leben geführt hat. Die Beziehung erweist sich als nicht tragfähig. Zur Klärung seiner Lebenssituation geht der ehemalige Priester mit Unterstützung seines Bischofs ins Recollectio – Haus der Abtei Münsterschwarzach zurück. Am Ende des Prozesses steht für das Paar die Erkenntnis, dass es nicht füreinander bestimmt ist. In Rücksprache mit seinem Bischof kehrt der suspendierte Priester nach einer längeren „Auszeit“ in den priesterlichen Dienst zurück, zunächst in einer Sonderaufgabe. In der Zwischenzeit wurde die standesamtliche Eheschließung formal geschieden.
Variante: 
Der Ex-Kaplan erhält nach einigen Monaten seine Laiisierungsurkunde. Anders als unter Papst Johannes Paul II. wird das entsprechende Verfahren heute etwas schneller abgeschlossen. Da sich beide Partner als praktizierende Katholiken verstehen, heiraten sie umgehend kirchlich und verbinden diese Feier mit der Taufe ihres ersten Kindes. Als zivil geschiedener (verheirateter) Mann kann der Ex-Priester nicht zurück in den priesterlichen Dienst.