Montag, 15. April 2019

Ein lauter Aufschrei aus dem Schweigekloster

Beinahe aus heiterem Himmel überraschte der emeritierte Papst Benedikt XVI. die katholische Welt mit einem umfassenden Schreiben zu einigen Aspekten der Krise, in die die katholische Kirche durch die Aufdeckung lange unter der Decke gehaltener Fälle körperlicher, spiritueller und gar sexueller Gewalt, geraten ist.

Überraschend, dass der 91jährige, 265. Bischof von Rom sich aus dem selbst gewählten Leben in Stille und Zurückgezogenheit erneut zu einem derart öffentlichkeitswirksamen Thema zu Wort meldet. Sicher auch ein Zeichen, dass ihn die aktuelle Krise zuinnerst berührt.
(Morgen feiert er übrigens seinen 92. Geburtstag.)

Sein 15seitiger Artikel, den er aus Notizen zusammenstellte, die er sich in den vergangenen Jahren zu diesem Thema gemacht hatte, erschien in deutscher Sprache im bayrischen Klerusblatt, einer Zeitschrift, der er über Jahrzehnte eng verbunden war. Sein Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein beteuerte dieser Tage, dass Benedikt den Text eigenhändig verfasst habe.

Liest man die Kommentare und Analysen in weltlichen wie theologischen Zeitungen und verfolgt die Diskussionen in den sozialen Medien … muss es im Grunde mindestens zwei völlig unterschiedliche Variationen dieses Aufsatzes geben. Auf der einen Seite beinahe frenetischer Jubel, auf der anderen Seite ein vollständiger Verriß, der jede Achtung vor der Lebensleistung des Joseph Ratzinger vermissen läßt. Gemäßigte Stimmen sind selten, im Grunde gibt es nur „Pro und Contra“. Inzwischen melden sich auch Fachtheologen reihenweise zu Wort, die zwar unwesentlich gemäßigter reagieren, aber je nach kirchenpolitischer Ausrichtung ablehnend bis freudig. Die deutschen Bischöfe verhalten sich derzeit noch auffällig zurückhaltend.

Wie wenig manche vollmundige Kommentatoren dabei über Benedikt XVI. wissen, das offenbarte ausgerechnet der CICERO in einem Tweet: „Als er noch Papst war, hat er geschwiegen über den massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern. Jetzt meldet sich Papst Benedikt plötzlich zu Wort. Sein Beitrag dürfte jedoch nicht dazu beitragen, die Aufarbeitung zu befördern.“

Und ein im Grunde stets besonnener Priester schreibt auf facebook: „Die Kritiker Benedikts XVI. schäumen nun vor Wut. Sie können das Licht der Wahrheit nicht vertragen, da sie sich auf die Finsternis eingelassen haben. Jetzt schmerzen ihre Augen.“

Das ist eine Atmosphäre, in die hinein Kardinal Müller, einst enger Mitarbeiter des emeritierten Papstes, inzwischen aber außer Dienst gestellte Präfekt der Glaubenskongregation, mit spürbarer Freude etwas Öl ins lodernde Feuer gießt, so gerade eben in einem Interview mit der DPA:

Ex-Papst Benedikt XVI. habe mit seinem Schreiben als Einziger etwas Sinnvolles zur Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche beigetragen. „Benedikt hat in seinem Schreiben die Eiterbeule aufgestochen“. „Mit seinen 92 Jahren hat Benedikt XVI. einen Text verfasst, der intelligenter ist als alle Beiträge auf dem römischen „Missbrauchsgipfel“ und der neunmalklugen Moral-Experten bei der Deutschen Bischofskonferenz zusammen. Man sucht überall nach Schuldigen, umschleicht aber wie die Katze den heißen Brei“, sagte Müller. „Und das ist das falsche materialistische Menschenbild mit der Reduktion der Sexualität auf eine Ware und egoistische Genussmittel.“

Wie mag das den Menschen in den Ohren klingen, die in den letzten Monaten durchaus sehr sinnvolle Beiträge zur Missbrauchsdebatte geleistet haben?

Wenn es eine dem Postillion ebenbürtige katholische Satireseite gäbe, wäre man versucht zu denken, es habe sich einer einen gelungenen Scherz erlaubt. Aber das ist offenbar der Duktus eines katholischen Kardinals auf dem Höhepunkt der größten Krise, die die katholische Kirche seit vielen Jahren durchlebt. Christen streiten auf dem Niveau gewisser politischer Parteien um die richtigen Schritte zu einen neuen Aufbruch in der Kirche.

Wobei zur Ehrenrettung der Politik wäre noch zu sagen: Dort ist der Konflikt im besten Falle etwas inszeniert, um die Wähler zu motivieren und Themen zu profilieren. Hinter den Kulissen wird meist manierlich diskutiert und um Lösungen gerungen. Und nach der Sitzung trinkt man auch mal ein Bier. In der Kirche geht es aktuell offenbar eher um Leben und Tod, Himmel und Hölle, unumstössliche Wahrheit und Abfall vom Glauben. Kardinal Müller über die Gegenseite: „Das sind Leute, die weder glauben noch denken!“

Kein Wunder, dass viele Menschen dieser Art von Kirche kopfschüttelnd und enttäuscht den Rücken kehren. Ja, es gibt höchst unterschiedliche Auffassungen, wie angemessene Reaktionen auf die Krise aussehen könnten und wie die Krise zu überwinden ist. Aber ich bin schon der Meinung, dass wir als Christen auf andere Weise für unsere Überzeugungen streiten sollten. So, dass wir uns dabei noch in die Augen schauen können. Und so, dass wir einander in der Hl. Messe noch mit ehrlicher Überzeugung den Frieden wünschen können.

Grundsätzlich gehe ich erst einmal davon aus, dass eine Jacqueline Straub, die für das Priestertum der Frau streitet, ein Joachim Frank, der als Journalist für eine liberalere Kirche eintritt, ein Kardinal Sarah, der zutiefst erfüllt ist von altüberlieferten liturgischen Gesten und Haltungen, dass ein Papst Franziskus, ein Bischof Oster und ein Bischof Wilmer alle nach dem rechten Weg im Glauben suchen, den Weg, auf den Jesus Christus uns sehen möchte. Es ist hohe Zeit die Spaltungen zu überwinden und die Spalter zur Mäßigung zu rufen. Unser Streit sollte ein Niveau haben, wie es die Apostelgeschichte vom Streit zwischen den Aposteln Petrus und Paulus berichtet. Wir sollten unserem kirchenpolitischen Gegenüber nicht böse Absichten unterstellen und alle gemeinsam um den richtigen Weg ringen. Das gelingt nur, wenn wir uns an Evangelium und Tradition ausrichten, wenn wir bereit sind zu lernen und zu verstehen und dem Anderen mit Vertrauen und Freundlichkeit gegenüber treten. Vor allen großen Kirchenreformen hätten wir da aktuell erst einmal genug zu tun. Es kracht gewaltig im Gebälk der katholischen Kirche. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Kürze in den Ruinen unserer Kirche im Regen stehen.

Ich glaube, wir müssen als Menschen guten Willens und unterschiedlicher Überzeugung mehr miteinander nach neuen Wegen Ausschau halten, vor allem nach gemeinsamen (Pilger-)wegen. Die Spalter und Durcheinanderbringer – die es durchaus auch gibt – sind mit etwas gutem Willen leicht zu identifizieren. Wie Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben sagt, so duldet Gott in seiner Kirche das Unkraut und den Weizen. Wir sollten nicht allzu vorschnell beginnen die falschen Pflanzen auszureißen.

Ich muss gestehen, dass das Schreiben von Papst Benedikt auch mich zunächst verstört hat. Daher habe ich mir die Zeit genommen es in Ruhe zu lesen. Die Anmerkungen, die mir bei der Lektüre in den Sinn gekommen sind möchte ich an dieser Stelle weiter geben. Kritisch, aber auch mit dem gebotenen Respekt vor der Lebensleistung eines großartigen Theologen und Kirchenmannes, den ich stets geschätzt, respektiert, zeitweise verehrt habe. Aber es macht ja auch keinen Sinn, dort nicht zu widersprechen, wo sich Fragen stellen oder die eigenen Überzeugungen zum Widerspruch rufen.

Auf den einleitenden Satz Benedikts z.B. sollten sich doch alle, die die Kirche im Herzen tragen, einigen können: „Der Umfang und das Gewicht der Nachrichten über derlei Vorgänge haben Priester und Laien zutiefst erschüttert und für nicht wenige den Glauben der Kirche als solchen in Frage gestellt. Hier mußte ein starkes Zeichen gesetzt und ein neuer Aufbruch gesucht werden, um Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen.“

Diesem Neubeginn möchte der em. Papst mit seinen Gedanken unterstützen.

Zunächst stellt er den Wandel der Sexualmoral rund um die sog. 68er – Bewegung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: „Man kann sagen, daß in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.“

Ich kann gut nachvollziehen, dass ihn dieser Wandel sehr bewegt hat. Er erlebte diesen auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn aus allernächster Nähe mit und offenbar hat dieser Wandel ihn sehr irritiert und beschäftigt. Mit Blick auf die Situation der Kirche zieht er das Fazit: „Der weitgehende Zusammenbruch des Priesternachwuchses in jenen Jahren und die übergroße Zahl von Laisierungen waren eine Konsequenz all dieser Vorgänge.“

Dass es nach dem 2. Vatikanum zu diesen Phänomenen kam, ist ja in der Tat ein verwirrendes Faktum, das bis dato noch wenig aufgearbeitet wurde.

Es ist sicher berechtigt, diesen 1. Absatz des Schreibens daraufhin zu befragten, ob hier nicht nur die negativen Seiten der sexuellen Revolution in den Focus gestellt wurden. Die ist ja nicht von finsteren Mächten angestiftet worden, sondern war die Folge eines breiten gesellschaftlichen Wandels.

Dass die Kirche und damit der emeritierte Papst und langjährige Präfekt der Glaubenskongregation in der sexuellen Revolution plötzlich keinen Widerspruch zur kirchlichen Lehre mehr erkennen würde, kann im Grunde auch niemand erwartet haben. Von daher ist die Betroffenheit vieler Kommentatoren da etwas scheinheilig.

Problematisch empfinde ich im Text des ehemaligen Pontifex die sehr allgemein gehaltene Bemerkung zum Ende des 1. Absatzes: „Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.“

Man darf sicher mit Fug und Recht auch auf die negativen Folgen und auch die Irrwege der sexuellen Revolution hinweisen. Da gab es auch mit Blick auf die Sexualität von Kindern und Jugendlichen ausgesprochen obscure Sichtweisen. Aber insgesamt gesehen wurde Pädophililie mitnichten als erlaubt und angemessen betrachtet. Erst recht nicht, wenn man die normalen Menschen betrachtet, die nicht im Auge des Sturms der sexuellen Revolution irgendwelche neuen Theorien entwickelten. Bis zum heutigen Tag haben die Menschen jedoch ein feines Gespür dafür, dass Kinder (erst recht die eigenen Kinder) vor Grenzverletzungen und sexueller Gewalt bewahrt werden müssen. Und die zunehmend klareren gesetzlichen Regelungen zur Verhinderung von Mißbrauch und Therapie und Bestrafung der (möglichen) Täter sind sicher auch eine Frucht intensiver Reflexion.

Im Kontext der sexuellen Revolution in der Gesellschaft im Gefolge der 68er – Bewegung schildert Benedikt XVI. nun ausführlich einige problematische Entwicklungen in der Moraltheologie der Kirche. Da geht es um die Bedeutung des Naturrechts und der Rolle der Bibel, um die (Un-)möglichkeit eine Morallehre nur auf der Bibel aufzubauen, um Konflikte zwischen den universitären Moraltheologen und dem kirchlichen Lehramt. Am Beispiel des Moraltheologen Franz Böckle schildert der emeritierte Papst den Kernkonflikt, nämlich die These, ob es in der Sicht der Moraltheologie Handlungen geben könne, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien. Hier haben ihm viele Kommentatoren zum Vorwurf gemacht, dass Franz Böckle (der gegen eine solche Entscheidung Widerstand angekündigt hatte), zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der entsprechenden päpstlichen Enzyklika bereits verstorben war.

Hier mag es sich um eine sehr abstrakte moraltheologische Diskussion handeln, aber mit Blick auf Pädophilie finde ich, handelt es sich hier ja doch um Taten, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen sind.

Kardinal Müller fasst diese Gedanken seines Landsmannes mit den Worten zusammen: „Das grundsätzliche Problem bestehe in einem Zusammenbruch der bürgerlichen Moral und dem aus seiner Sicht missglückten Versuch "einer katholischen Moralbegründung ohne das Naturrecht und die Offenbarung".

Interessant – und bedenklich finde ich die bisher noch wenig beachteten, abschließenden Bemerkungen, mit denen Benedikt sich Gedanken zur Zukunft des Christentums macht: „In der alten Kirche wurde das Katechumenat gegenüber einer immer mehr demoralisierten Kultur als Lebensraum geschaffen, in dem das Besondere und Neue der christlichen Weise zu leben eingeübt wurde und zugleich geschützt war gegenüber der allgemeinen Lebensweise.“ Hiervon ausgehend fordert er „katechumenale Gemeinschaften“, in denen sich christliches Leben behaupten könne. Also letztlich, ein Rückzug aus der Welt in Reservate des Christlichen. Benedikt greift damit einen in jüngster Zeit wieder populären Gedanken auf, der in manchen christlichen Kreisen diskutiert wird.

Den 2. Teil seiner Gedanken beginnt Benedikt XVI. mit der Information, dass sich im Zuge der 68er – Bewegung in den Seminaren regelrechte Clubs schwuler Seminaristen bildeten. Für ihn ein Symptom des Zusammenbruchs der überlieferten Priesterausbildung. Es ist übrigens die einzige Stelle, wo er das Thema Homosexualität erwähnt, wenn auch nur im Sinne einer Illustration seiner Gedanken.

Besonders verstörend ist es für mich als Pastoralreferenten, dass in diesem Zusammenhang in demselben Absatz neben dem Skandal der homosexuellen Clubs folgendes erwähnt wird: „In einem Seminar in Süddeutschland lebten Priesteramtskandidaten und Kandidaten für das Laienamt des Pastoralreferenten zusammen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten waren Seminaristen, verheiratete Pastoralreferenten zum Teil mit Frau und Kind und vereinzelt Pastoralreferenten mit ihren Freundinnen zusammen. Das Klima im Seminar konnte die Vorbereitung auf den Priesterberuf nicht unterstützen.“

Dieser Abschnitt liest sich mehr als sonderbar. Wie soll Priesterausbildung durch den Kontakt mit verheirateten Männern bzw. bald verheirateten Männern in Gefahr sein? Welches Seminar meint er eigentlich? In Süddeutschland? Und geht es nur um das gemeinsame Studium von Priesteramtskandidaten mit anderen Theolog*innen, die dann auch im Seminar Wohnung nahmen? Junge Priester und Diakone haben doch schon unmittelbar nach der Weihe ganz vielfältige Kontakte mit jungen Männern, Frauen, Eheleuten. Warum sollte es schädlich sein, wenn sie Kommilitonen erleben, die nicht im Zölibat leben.

Sicher prägt es die Atmosphäre in einer Priesterausbildung, wenn auch andere Personen im Haus anwesend sind. Das bringt aber höchstens eine gewisse sehr besondere Atmosphäre in Gefahr, bei der es fraglich ist, ob sie in der heutigen Zeit überhaupt noch förderlich ist – mit Blick auf den Einsatz der Priester in den Gemeinden, mitten unter den Menschen.

Über die unterschiedlichen Facetten der stürmischen Reformen, die einige Bischöfe in ihren Seminaren für sinnvoll hielten, kann ich mir kein Urteil erlauben. Insgesamt konstatiert ja auch Benedikt XVI., dass sich die Situation nach einigen unruhigen Jahren wieder verbessert habe.

Die Frage der Pädophilie ist, soweit ich mich erinnere, erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre brennend geworden.“ stellt er fest. Als sich die Aufmerksamkeit des Hl. Stuhls auf die Problematik richtete, fand man zunächst offenbar nicht sofort die richtigen Instrumente, mit den Tätern umzugehen. Insbesondere ein sog. „Garantismus“, der vor allem die Rechte des Angeklagten in den Mittelpunkt stellte, erschwerte offenbar adäquates und konsequentes Handeln.

Benedikt verweist auf einen spannendes Wort Jesu, welches sagt: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde“ (Mk 9, 42). Dieses Wort spricht in seinem ursprünglichen Sinn nicht von sexueller Verführung von Kindern. Das Wort „die Kleinen“ bezeichnet in der Sprache Jesu die einfachen Glaubenden, die durch den intellektuellen Hochmut der sich gescheit Dünkenden in ihrem Glauben zu Fall gebracht werden können. Jesus schützt also hier das Gut des Glaubens mit einer nachdrücklichen Strafdrohung an diejenigen, die daran Schaden tun. Die moderne Verwendung des Satzes ist in sich nicht falsch, aber sie darf nicht den Ursinn verdecken lassen.“

Es fällt hier ins Auge, dass Benedikt den Satz nicht mit Blick auf die Opfer der Angeklagten liest, sondern mit Blick auf deren Gläubigkeit, die durch die Handlungen des Täters gefährdet sei. Das liegt sicher auf der Linie der Verkündigung Jesu und der Perspektive dass es auch um das ewige Heil des Menschen geht. Für Benedikt verschärft dieser Aspekt die Greultaten der priesterlichen Täter noch weit über die unmittelbaren Folgen sexueller Gewalt hinaus. Aber weitere Worte zu den innerweltlichen Folgen wären hier doch sehr notwendig gewesen.

An dieser Stelle gähnt in Benedikts Schreiben leider eine gewaltige Lücke. Hier wäre der Raum gewesen, über die Folgen der Taten für die Opfer zu sprechen. Über die notwendige Solidarität mit den Opfern, über Wiedergutmachung und Hilfe durch die Institution, die den Tätern die Möglichkeit zu ihren Verbrechen geboten hatte. Auch über Strafen, für diejenigen, die die Täter haben davon kommen lassen, hätte er etwas sagen können.

Auf dieser Linie liegt auch das sehr persönliche Beispiel, dass er später im Text anführt: „Eine junge Frau, die als Ministrantin Altardienst leistete, hat mir erzählt, daß der Kaplan, ihr Vorgesetzter als Ministrantin, den sexuellen Mißbrauch, den er mit ihr trieb, immer mit den Worten einleitete: „Das ist mein Leib, der für dich hingegeben wird.“ Daß diese Frau die Wandlungsworte nicht mehr anhören kann, ohne die ganze Qual des Mißbrauchs erschreckend in sich selbst zu spüren, ist offenkundig. Ja, wir müssen den Herrn dringend um Vergebung anflehen und vor allen Dingen ihn beschwören und bitten, daß er uns alle neu die Größe seines Leidens, seines Opfers zu verstehen lehre. Und wir müssen alles tun, um das Geschenk der heiligen Eucharistie vor Mißbrauch zu schützen.“

Mit den Worten: „Was müssen wir tun? Müssen wir etwa eine andere Kirche schaffen, damit die Dinge richtig werden können? Nun, dieses Experiment ist bereits gemacht worden und bereits gescheitert. Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen.“ beginnt der emeritierte Papst den dritten Abschnitt seiner Überlegungen und läßt eine sehr tiefgründige Katechese über Gott und Welt, Offenbarung und den Sinn des Lebens folgen. Hier würde ich mir von evangelischen Geschwistern wünschen, dass sie den Satz nicht als Spitze gegen die reformierten Kirchen lesen, sondern als schlichte Beschreibung des allgemeinen Zustands: In Sachen Glauben steht die eine Kirche nicht besser da als die andere.

Dann diagnostiziert Benedikt XVI. die Krise der westlichen Gesellschaften, die vor allem darin begründet liege, dass in ihr Gott tot sei und dieses sei dann „das Ende ihrer Freiheit, weil der Sinn stirbt, der Orientierung gibt. Und weil das Maß verschwindet, das uns die Richtung weist, indem es uns gut und böse zu unterscheiden lehrt.“

Seine Gedanken gehen dann über in die These, dass angesichts der schwindenden Maßstäbe die Pädophilie sich immer weiter ausgebreitet habe. „Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes. Auch wir Christen und Priester reden lieber nicht von Gott, weil diese Rede nicht praktisch zu sein scheint.“ Immerhin nimmt er sich selbt nicht einmal von diesem Vorwurf aus.

Diesen Gedanken des schrittweisen Verdrängens der Gottesfrage bezieht Benedikt XVI. auch auf das Altarsakrament. Wo der Glaube an die Existenz Gottes schwindet bzw. an Kontur verliert, da wird auch die Eucharistie bedeutungsloser bis hin zum reinen Gemeinschaftsmahl.

Es wird klar, worum es ihm in diesem Abschnitt geht. Er erwartet für die Kirche Zukunft nicht aus eher oberflächlichen Reformen der Kirchenstrukturen, nicht aus einem Ende des Klerikalismus, nicht aus einer erneuerten Sexualmoral, nicht in einer weitgehenden Gleichberechtigung männlicher wie weiblicher Glaubender. Die Zukunft der Kirche liegt allein in einem Wachsen im Glauben, in einer wieder stärkeren Verankerung in Gott und im Leben nach seinen Weisungen.

In der Tat ist diese Mahnung sicher nicht unberechtigt. Das Thema wird aktuell in der Kirche ja breit diskutiert, wenn auch mit offenbar wenig Hoffnung auf einvernehmliche Lösungen. Vieles, was landauf, landab gefordert wird sind Reformen, die (noch) nicht zu Ende durchdacht und wirklich aus dem Glauben heraus getragen werden. „Die Krise, die durch die vielen Fälle von Mißbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Mißratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neu gestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein.“

Mit Reformismus allein wird sich die Kirche in der Krise nicht wieder erheben. Wenn, dann braucht es zunächst den Schritt einer Neuentdeckung und Vertiefung des Glaubens. Und aus dieser Bewegung hinaus können dann auch Reformen durchgeführt werden. „Hier mußte ein starkes Zeichen gesetzt und ein neuer Aufbruch gesucht werden, um Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen.“ Mit diesen Worten war der ganze Aufsatz überschrieben.

Benedikt XVI. läßt nun noch einige Gedanken zu Hiob und zu einem Abschnitt aus der Offenbarung folgen, die sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, wie es sein kann, dass in der Kirche so viel Böses neben Gutem existiert. „Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist. Es gibt auch heute viele demütig glaubende, leidende und liebende Menschen, in denen der wirkliche Gott, der liebende Gott sich uns zeigt.“

Wenn wir uns wachen Herzens umsehen und umhören, können wir überall heute, gerade unter den einfachen Menschen, aber doch auch in den hohen Rängen der Kirche die Zeugen finden, die mit ihrem Leben und Leiden für Gott einstehen.“

Nein, das ist nicht blanker Unsinn, was der deutsche Papst hier schreibt. Es sind sehr schöne, spirituelle Gedanken, wenngleich auch mancher Teilaspekt seiner Darlegungen zu irritieren vermag.

Verstörend und irritierend ist seine sehr eindimensionale Sicht auf das Phänomen der Pädophilie, aber sicherlich auch auf die menschliche Sexualität insgesamt. Auf die in der kirchlichen Öffentlichkeit diskutierten Aspekte des Skandals geht er gar nicht weiter ein. Kein Wort über die Folgen einer restriktiven Sexualmoral, kein Wort zum angemessenen Umgang mit der menschlichen Sexualität, kein Wort über den Zölibat, kein Wort zur Situation homosexuell empfindender Priester in einer als homophob empfundenen Kirche, kaum ein Wort zum Leiden der Opfer...

Mir scheint, Benedikt XVI. ist in seinem Text sehr gefangen vom Wandel der Sexualmoral in den vergangenen Jahrzehnten. Das spiegelt allerdings auch die Erfahrungen, die er in seiner Zeit in Rom als Präfekt der Glaubenskongregation und später als Papst gemacht hat. Und es spiegelt sicher auch die unmittelbaren Erfahrungen als Dogmatiker und Erzbischof von München. Ich kann nicht glauben, dass Benedikt nicht zu einem weiteren Blick auf die Sünden der Kirche und ihrer Vertreter fähig sein sollte (auch wenn ihm dies vermutlich mit Blick auf die aktuelle Mißbrauchskrise nicht sofort in den Sinn kam).

Ich denke sofort an das Spottlied vom Karmeliter, das ich vor Jahren in einer Aufnahme von Volksliedern hörte. Leider ist nicht herauszufinden, wie alt es ist, aber das Phänomen heimlich ausgelebter, gewaltvoller Sexualität unter Ausnutzung von Machtgefälle, Mißbrauch anderer Menschen, sexuelle Gewalt dürfte (leider, leider) beinahe so alt sein wie die Kirche selbst. Pädophilie (und andere Formen verirrter sexueller Ausrichtung) hat es seit Jahrtausenden gegeben, kaum etwas spricht dafür, dass dies in geringerem Ausmaß in der Kirche als in der Welt der Fall war. Vielmehr zeigen sich durchaus kirchenspezifische Ausformungen dieser Taten, wie auch aktuell in der Tatsache, dass unverhältnismäßig viele jungen und junge Männer Opfer der kirchlichen Gewalttäter wurden.

Legion sind die Spottlieder, Geschichten und Gedichte über die Priester, die keineswegs keusch lebten und sich an Frauen und Jugendlichen in ihren Gemeinden oder im Umfeld der Klöster vergingen. Erinnert sei auch an die Schilderungen der Zustände im Kloster der römischen Nonnen von Sant Ambrogio, in die auch ein führender Theologe des 1. Vaticanums verwickelt war, Joseph Kleutgen. Schaut man auf die Zahlen der dokumentierten Mißbrauchsfälle, so zeigt sich, dass auch in den eher prüden 40er-60er Jahren zahlreiche Fälle dokumentiert sind. Die kurze Phase während derer Teile der 68er – Bewegung für eine Entkriminalisierung der Pädophilie eintrat, hatte da noch keinerlei Auswirkungen. Im Gegenteil, die Pädophilen sprangen hier später auf einen Zug auf, der ihnen Vorteile versprach. Ein ganz schwieriges Feld sind ja auch die Sittlichkeitsprozesse unter der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die zwar genutzt wurden, um die Kirche zu unterdrücken, die aber nicht ohne reale Straf-Taten waren.

Es gäbe vielfältige Indizien und Hinweise für Benedikt XVI. seinen Text noch einmal zur Hand zu nehmen und zu erweitern.

Manche grundsätzliche Überlegung bleibt ja dennoch aktuell.

Benedikt hat recht, die Befreiung der Sexualität von der Moral führt nicht zu einer befreiten Sexualität, sondern führt auch in problematische Haltungen, durchaus auch in Missbrauch, Gewalt und Überforderung. Daher braucht eine befreite Sexualität auch eine moralische Grundlegung um menschlich gelebt zu werden.

Und eine Kirchenreform macht nur Sinn, wenn sie getragen ist von einem neuen Aufbruch im Glauben.

Insgesamt finde ich, dass der Text, an dem uns Benedikt XVI. zu kauen gibt, nicht so schlimm wie es aus den Federn derer klingt, die vor einem neuen Himmel und einer neuen Erde erst mal eine neue Kirche erhoffen - aber doch lang nicht so grandios wie manche Kommentatoren jubeln, weil sie davon Rückenwind für ihre Form der Restauration der Kirche erwarten.

Ich finde es traurig, dass er – am Rande – die folgende Bemerkung nieder schreibt. „Vielleicht ist es erwähnenswert, daß in nicht wenigen Seminaren Studenten, die beim Lesen meiner Bücher ertappt wurden, als nicht geeignet zum Priestertum angesehen wurden. Meine Bücher wurden wie schlechte Literatur verborgen und nur gleichsam unter der Bank gelesen.“

Ja, ich weiß, dass für manchen Theologieprofessor der Name Joseph Ratzinger ein rotes Tuch war. Ich kann mir auch manchen Grund dafür ausmalen. Die theologischen Auseinandersetzungen mit dem Glaubenspräfekten unter Johannes Paul II. haben nicht nur in dessen eigener Biografie manche wunde Stelle hinterlassen, die bis heute nicht recht heilen will. Aber auf der anderen Seite haben auch zahllose Priesteramtskandidaten, viele Geistliche und Laien seine Texte mit großem Gewinn gelesen. Sie waren und sind – sprachlich und inhaltlich – auch dann bereichernd, wenn man dem Autoren nicht in jeder Hinsicht folgen wollte. Seine theologischen Werke werden noch immer gelesen und aktuell in einer Gesamtausgabe herausgegeben, Hochschulen tragen seinen Namen, seine Bücher sind theologische Bestseller. Sein Beitrag für die Theologie wird nicht vergehen.

Bededikt XVI. ist nicht mehr unser amtierender Papst. Und er ist erst recht kein Gegenpapst, auch wenn er der Papst mancher Herzen ist.

Papst Franziskus sagte einmal über seinen Vorgänger, der nun im Kloster Mater Ecclesiae in den vatikanischen Gärten lebt: „Er ist für mich wie der weise Großvater im eigenen Haus, wie ein Papa. Ich habe ihn lieb.“

So möchte ich es auch halten!

Von ganzem Herzen gratuliere ich Papst Benedikt XVI. zu seinem Geburtstag. 
Gottes reichen Segen! Ad multos annos!

Sonntag, 24. Februar 2019

Ein neuer Himmel, eine neue Erde... aber erst mal eine neue Kirche?!

(c) Bistum Eichstätt, Pressestelle, Andreas Schneid
Am Samstag spendete der Bischof von Eichstätt, der Benediktinermönch Gregor Maria Hanke OSB seiner benediktinischen Schwester Hildegard Dubnick OSB in der Kirche der Eichstätter Benediktinerinnenabtei St. Walburg die Äbtissinnenweihe. 

Huch, beinahe hätte ich geschrieben, das „Sakrament“ der Äbtissinnenweihe aber natürlich ist mir klar, dass diese „Weihe“ in Wahrheit eine Benediktion, eine Segnung ist. Wann hat man schon mal die Gelegenheit eine solche Feier zu verfolgen? Die Vorgängerin von Mutter Hildegard, Mutter Franziska Salesia Kloos füllte dieses Amt schließlich 34 Jahre lang aus. Ob dem Eichstätter Bischof ein solches geistliches Erlebnis in seiner Amtszeit noch ein weiteres Mal gewährt wird?

So habe ich mit großem Interesse der im Internet übertragenen Feier beigewohnt. Schwester Hildegard (übrigens aus Amerika), die Anfang 2019 vom Konvent gewählt wurde, trug bereits ihr Äbtissinnenkreuz. Zur Weihe legte sie sich flach vor den Altar, während die Allerheiligenlitanei gesungen wurde, in der offenbar bewusst die Namen des Hl. Romuald, des Hl. Bruno und vieler weiterer Ordensgründer*innen eingefügt wurden. Als Zeichen der Hirtensorge für den ihr anvertrauten Konvent bekam sie einen reich verzierten, historischen Äbtissinnenstab überreicht. Dazu eine Ausgabe der Regel des Hl. Benedikt, nach der sich die Schwestern in ihrem Leben ausrichten. Als Zeichen ihrer Treue im Glauben und zum Konvent bekam sie einen Ring angesteckt. Die Aufzeichnung des festlichen Gottesdienstes können Sie übrigens bei youtube finden. 

Mir ging während der feierlichen Weihehandlung durch den Kopf, ob wohl irgendein unbefangener Zuschauer ohne tiefe theologische Kenntnisse nach dieser Feier den Unterschied zwischen Weihe und Benediktion irgendwem erklären könnte? Vielleicht sollte man als Auswahlkriterium für das Bischofsamts zur Bedingung machen, dass es dem Kandidaten gelänge, dies seinem Friseur während des Haareschneidens begreiflich zu machen und seiner Taxifahrerin auf dem Weg vom Bahnhof zum Dom zu vermitteln, warum dieser Unterschied wichtig sein sollte.
Es wird ein schöner Zufall sein, dass ich in diesen Tagen ein Büchlein über die Geschichte der Abtei St. Walburg gelesen habe. Und darin auch wahrnehmen konnte, welche Bedeutung und Macht die jeweilige Äbtissin in der Vergangenheit hatte, bis dahin, das selbstverständlich auch die Pfarrer unter ihr arbeiteten und von ihr eingesetzt wurden. Eine Tatsache, die heute längst der Vergangenheit angehört. Die Geschichte der Benediktinerinnenabtei St. Walburg spiegelt einige Höhen und Tiefen der Kirchengeschichte und liest sich spannend wie ein historischer Roman. Hochinteressant ist, wie sehr die Schwestern mit der Obrigkeit immer wieder über Kreuz lagen, besonders dann, als die Obrigkeit nicht mehr in den Händen der Kirchenoberen lag, aber durchaus auch in der Zeit, als kirchliches und weltliches Amt ineinander fielen.

Während der Übertragung der Äbtissinnenweihe fragte ich mich: „Was trägt denn der Bischof da über seinem Messgewand?“ Eine Stola war es nicht und es brauchte einiger Sucherei im Netz, bis mich ein kundiger Mensch aufklärte. Das Ding heißt Rationale und es stammt als bischöfliches Würdezeichen aus dem Mittelalter. Bis in die heutige Zeit hat das Rationale oder „Superhumerale“ aber nur in vier Diözesen der Welt überlebt, heute tragen es nur noch die Erzbischöfe von Krakau und Paderborn sowie die Bischöfe von Toul-Nancy und eben: Eichstätt. Dieses liturgische Gewandstück entstand im 9./10 Jh. unter alttestamentlichem Einfluss. Als Vorbild dienten Efod und Choschen, die kostbaren Teile des Gewandes des aaronitischen Hohenpriesters. Das Rationale in Eichstätt besteht aus zwei, auf Brust und Rücken getragenen, u-förmigen Elementen, die an der Schulter durch zwei kreisförmige Textilstücke zusammengehalten werden. Stickereien verweisen auf die geistlichen und weltlichen Tugenden: fides, spes, caritas, prudentia, iustitia, fortitudo, temperantia, veritas, disciplina (Glaube, Hoffnung, Liebe, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Wahrheit, Ordnung). Bei der Äbtissinenweihe trug Bischof Hanke jedoch keines der überlieferten historischen Stücke, sondern ein schlichtes Exemplar aus dem Jahr 1984, gefertigt im Franziskanerinnenkloster Dillingen von Sr. Animata Probst.

Wenn ich sowas erfahre, dann erwacht der Historiker in mir, aber auch der Liturge und Theologe; ich erinnere mich an den „Fanon“, ein liturgisches Kleidungsstück, das Papst Benedikt aus einem historischen Kleiderschrank wieder hervor gekramt hatte oder den Camauro, den er ein einziges Mal kurz vor Weihnachten 2005 öffentlich trug. Oder ich lese voller Faszination über die vielfältigen Gewänder, die orthodoxe Diakone, Priester und Bischöfe tragen. Und wenn es nicht so teuer wäre, stände Dieter Philippis Sammlungskatalog über die Kopfbedeckungen in Glaube, Religion und Spiritualität längst in meinem Bücherschrank. Faszinierend, was da quer durch die Zeiten an religiöser Kleidung bis heute überliefert wurde. Allerdings, deren Sinnhaftigkeit möchte ich meiner lieben Friseurin nicht erklären müssen. Zumal in Zeiten, wo – allen Bemühungen von Karl Lagerfeld zum Trotz („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“), formale Bedeutungen einzelner Kleidungsstücke und deren Formen in der Mode längst obsolet geworden sind.

Derweil tagt in Rom ein gewichtiger Kreis von Bischöfen und Kardinälen mit dem Papst. Heute ist ihre Konferenz zu Ende gegangen, mit der sie auf die vielfältigen Missbrauchsskandale in der Kirche reagieren wollten. Auf dem Höhepunkt der Versammlung wurde die Laienorganisation „Wir sind Kirche“ befragt, ob sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden sei.

Die vom Papst zur Diskussion gestellten 21 Punkte könnten jedoch nur erste Schritte sein, um weltweit verbindliche Standards für Prävention und den Umgang mit Verdachtsfällen festzulegen, erklärte die "Wir sind Kirche". In der "jetzigen existenziellen Krise" sei eine fundamentale Neuausrichtung der Kirche nötig. Dazu gehörten die Abschaffung des Pflichtzölibats, die Weihe von Frauen, eine andere Sexualmoral und eine echte Gewaltenteilung in der römisch-katholischen Kirche.

Mich würde ja interessieren, was konkret das „Andere“ der geforderten neuen Sexualmoral ausmachen soll. Sicher ist die Obsession der überlieferten katholischen Moraltheologie für Fragen unter der Bettdecke oder auf dem Lotterbett schon ziemlich speziell. Aber bei aller Kritik im Detail, wer möchte wirklich eine „andere“ Sexualmoral. Es gibt doch heute schon so ziemlich alles im sexuellen Bereich was man sich denken kann und an katholische Verbote hält sich kaum ein Mensch mehr. Mir kommt die formulierte Sexualmoral der Kirche manchmal so vor wie die EU-DSGVO und andere europäische Normen, die derart ins Detail alle Wechselfälle eines Themas zu regeln versuchen, dass diejenigen, deren Rechte eigentlich geschützt werden sollen, sich allzu schnell in den Details verstricken und am Ende lieber ohne als mit DSGVO leben. Ich denke, diesen Fehler hat die Kirche mit ihrer fein ziselierten Sexualmoral auch gemacht. Vielleicht müssen die Bischöfe, wie ein guter Winzer oder Obstbauer ja wirklich hier und da einen Zweig/eine Rebe abschneiden. Aber dennoch wünsche ich mir keine andere Sexualmoral, sondern Bischöfe, die in all deren Verästelungen den menschenfreundlichen Kern aufdecken und den Menschen nahe bringen. Mit Behutsamkeit, guten Worten und nicht mit dem Rohrstock und dem erhobenen Zeigefinger, den anlässlich der zerstörten Glaubwürdigkeit der Kirche in all diesen Fragen eh niemand mehr akzeptieren würde.

Kardinal Woelki bringt es auf eine griffige Formel, wenn er mahnt, "Es ist nicht unsere Aufgabe, jetzt selber eine neue Kirche zu erfinden", sagte der Erzbischof. "Die Kirche ist keine Manövriermasse, die uns in die Hände gegeben ist."

Vermutlich reagiert er auf „Wir sind Kirche“, wenn er sagt: „Es ist nicht damit getan, den Zölibat abzuschaffen. Es ist nicht damit getan, jetzt zu fordern, dass Frauen zu den Ämtern zugelassen werden. Und es ist auch nicht damit getan, zu sagen, wir müssen eine neue Sexualmoral haben".

Laut Kardinal Woelki gebe es Stimmen in der Kirche, die es an der Zeit halten, "alles das, was bisher war, über Bord zu werfen". "Ich halte das für ein sehr gefährliches Wort." Die katholische Kirche stehe in einer großen Tradition und gerade auch für das Überzeitliche. Aufgabe der Bischöfe sei es, das von den Aposteln überkommene Glaubensgut zu bewahren und in die Zeit hinein zu sagen.

Schöner kann man die Spannung wohl nicht auf den Punkt bringen, die sich – auch – in der Diskussion um die Missbrauchsfälle in der Kirche derzeit eher immer stärker aufbaut als entlädt.

Es geht im Kern, um unsere Vorstellung von der Kirche und deren Funktion und Aufgabe in der Welt, um die gestritten wird und um die gestritten werden muss. Ein Streit, der im Grunde schon viele Jahrhunderte alt ist, vermutlich gar Jahrtausende. Spuren dieser Auseinandersetzung finden sich schon im Neuen Testament.

Nein, ich bin eher nicht bei „Wir sind Kirche“ und mehr bei Kardinal Woelki. Wir sind nicht berufen eine „neue“ Kirche zu erfinden. Ich möchte auch die vielfältigen Traditionen der alten Kirche nicht über Bord werfen, so schmerzlich ich auch ihre Fehler aushalten muss. Fehler, die uns als Kirche ja an jeder Theke und an jedem Stammtisch zu den Stichworten: Kreuzzüge, Hexenverfolgungen, Reichtum der Kirche, das „Bodenpersonal“ und aktuell „Missbrauchsskandal“ um die Ohren gehauen werden.

Der Papst hat mir hierfür in seiner Abschlussrede zum Anti-Missbrauchsgipfel einen spirituellen Schlüssel an die Hand gegeben: „In der Tat erblickt die Kirche in der gerechtfertigten Wut der Menschen den Widerschein des Zornes Gottes, der von diesen schändlichen Gottgeweihten verraten und geohrfeigt wurde.“ Wie perfekt die Antwort der Kirche auf die verstörenden Anfragen der Kirchengeschichte und der Missbrauchskrise auch ausfallen mag, mit einer noch so ideal neu konstruierten Kirche kann man die Schatten (und auch die Glanzpunkte) der Vergangenheit nicht abstreifen. (Nach perfekter Antwort sieht es ja heute, zum Abschluss des Gipfels nicht einmal aus.)

Ich möchte die reiche Tradition der Kirche nicht missen. Mit all ihren Höhen und Tiefen gehört sie zu uns und zu mir. Sie ist ein Schatz, auch in ihren dunklen Seiten. Gerade in ihrem teils eklatanten Widerspruch zu biblischen Traditionen zeigt sich doch auch ein Wandel und ein Lernprozess der Kirche. Ihre Geschichte zeigt die Spuren von Sündern und Heiligen, das eine kann es nicht ohne das Andere geben. Auch hier gilt der Satz: „Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, der ist dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben.“ Ein Neustart ist nicht möglich, weder mit „sola scriptura“ noch mit jeden anderen plakativen Leitwort.

Kirche ist, so haben wir das in unserer Ausbildung gelernt: „Sakrament für die Welt“ – das Grundsakrament überhaupt. Kirche ist in die Welt gesandt und nicht nur zu den katholischen Gläubigen, die sie als Sakrament für sich und ihren persönlichen Glauben annehmen und glauben. Sie hat eine Sendung in die Welt hinein, diese „gott-voll“ zu machen, die Spuren Gottes in der Welt zu entdecken und sie zum Leuchten zu bringen. Sie hat eine Sendung in der Welt, die Frère Roger einmal so umschrieb, dass wir als Christen gerufen seien, „Ferment der Versöhnung“ unter den Menschen zu sein.

Dazu braucht sie eine tiefe, innere Glaubwürdigkeit. Ist die einmal zerbrochen, so wird es schwer die „frohe Botschaft“ zu den Menschen zu bringen. Niemand spürt das heute deutlicher als der Papst, der –zu recht- auf den entsetzlichen Missbrauch von Menschen in der ganzen Welt hinwies, bevor er auf die Rolle der Kirche darin zu sprechen kam. Wie will die Kirche ihrem Auftrag gerecht werden, die Schwachen zu schützen, wenn die Schwachen nicht einmal in ihrem Innersten sicher sind? Es wird ein langer Weg. Gut, dass es weltweit so viele Initiativen gibt, wo Christen sich für die Schwachen ganz handfest einsetzen.

Kirche ist – in der Welt und für die Welt. Daher gibt es immer den Auftrag, die Beschäftigung mit sich selbst, mit Verwaltung, Kirchengeschichte und reiner Theologie nicht allzu wichtig zu nehmen, sondern immer zu schauen, inwieweit diese Beschäftigungen und die äußere Gestalt der Kirche selbst, die Gemeinde, die einzelne Einrichtung noch der Anspruch gerecht wird, mit den Menschen Gott zu entdecken und im persönlichen, alltäglichen Leben der Anforderung zu genügen, die sich daraus ergibt, dass wir mit alten Worten bekennen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde und an Jesus Christus...“

Ich glaube, es ist ein Fehler, wenn wir beispielsweise um die Verwendung der roten Papstschuhe, der Mozetta oder des Rationale streiten, als ginge es um den Kern des Evangeliums selbst. Es ist ein Fehler, wenn wir so tun, als ginge mit der Kommunionspendung an ein in zweiter Ehe verheiratetes Paar das 6. Gebot vollends in die Knie und als sei das Verbot der Weihe einer Frau zum Diakon der Grundstein, auf den die Kirche errichtet sei. Es gibt doch so etwas wie eine Hierarchie der Dogmen und Lehren und nicht für jede Meinung muss ein jeder Katholik, selbst wenn er Bischof ist, gemaßregelt und exkommuniziert werden. Über die menschliche und göttliche Natur Jesu Christi haben Nikolaus und Arius handgreiflich (und berechtigt) gestritten, aber heute können verheiratete Priester eine Hl. Messe zu Ehren des Hl. Wundertäters Nikolaus zelebrieren ohne dass dieser sich im Himmel beklagen würde, dass ein Priester doch besser unverheiratet sei.

Es gibt auch bei Wahrung der heutigen Gestalt der Kirche zahlreiche Möglichkeiten, die Kirche vom Kopf auf die Füße zu stellen, ohne dass der Glaube selbst dabei in Gefahr geriete.

Leitend sollte dabei jederzeit sein, was der Papst in seiner Rede zum Abschluss des Anti-Missbrauchsgipfels sehr deutlich gemacht hat: „Der Schutz von Kindern steht über dem Schutz der Kirche“. Es muss bei allem, was Menschen, Laien wie Kleriker in der Kirche tun, stets nur um Eines gehen: den Menschen die frohe Botschaft von Gott, von Jesus Christus zu bringen. Wenn der Erhalt kirchlicher Strukturen diesem Ziel im Wege steht oder wenn sich lieb gewordene kirchliche Aktivitäten in soweit verselbständigt haben, dass sie ganz anderen Zielen dienen, dann muss sich etwas ändern. Es macht keinen Sinn, die Kirche auf Erden heilig zu nennen und für sakrosankt zu erklären. Sie ist heilig in ähnlicher Weise, wie das in der Bibel beschriebene himmlische Jerusalem das heilige Urbild einer sehr vielfältigen und auch zerstrittenen irdischen Stadt darstellt.

Viele sind unzufrieden mit der Kirche, weil (noch) wenige konkrete Taten und Veränderungen sichtbar sind. Gerade auch jetzt nach dem Gipfel in Rom. Ich glaube nicht daran, dass die Veränderungen sich in einer Aufhebung des Zölibats oder einer Weihe von Frauen erschöpfen können. Ob das sinnvoll ist, darüber kann man ganz verschiedene Auffassungen entwickeln. Aber da geht es den Akteuren doch auch nur darum (trotz pro und trotz contra) eine vertraute Kirche zu bewahren oder ein wünschenswertes Kirchenbild herzustellen. Aber es dreht sich alles allein um die Gestalt der Kirche an sich. Dabei verändert sich die Kirche aktuell so stark, dass es manchem den Atem nimmt und ein Ende ist nicht in Sicht. (Fusionsprozesse, Vertrauensverlust, Kirchenaustritte, Prävention, Wandel in den Organisationsstrukturen). Nur die Veränderungen bei den heißen Eisen, die wird es wohl nicht von heute auf morgen geben und der Frust ist für die nächsten 5, 10 oder 20 Jahre vorprogrammiert, bei all jenen, die nur dafür kämpfen.

Viel wesentlicher wäre ein Aufbruch mit Blick auf die Sendung der Kirche. Hier ist sehr viel möglich mit Blick darauf, was wir in wenigen Tagen wieder vom Evangelium, von Jesus her zugesprochen bekommen: „Bekehre Dich und glaube an das Evangelium!“ oder „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Wir dürfen nicht warten bis zum „St. Nimmerleins-Tag“. Das Reich Gottes ist nahe! Wie auch immer das nun gemeint ist, aber Jesus fordert uns auf zu Handeln, als sei es morgen schon soweit. Nicht überstürzt, sondern sorgfältig und durchdacht und immer ausgerichtet auf das Evangelium. Kehrt um, das bedeutet auch nicht: Geht stumpf zurück zu den Traditionen. Jesus will Veränderung, Neubeginn im Licht des Evangeliums.

Es geht darum, wie Kardinal Woelki so schön sagt, das „von den Aposteln überkommene Glaubensgut“ neu „in die Zeit hinein zu sagen.“ Dafür sollten wir mutige Schritte tun. Das Leben eines Priesters in Deutschland kann sich von Grund auf verändern, ohne dass dabei die sakramentale Struktur der Kirche in Gefahr käme. Auch die innere Organisation und Gestalt einer katholischen Pfarrei kann sich zutiefst wandeln. Es geht hier oftmals nur um lieb gewordene Bräuche und Haltungen, die allenfalls 50 Jahre Tradition für sich beanspruchen könnten. Schon vor 150 Jahren war die Welt der Kirche eine völlig andere. Und auch mancher Piusbruder würde die Kirche des ausgehenden Barock mit Tränen in den Augen verlassen.

Was spräche eigentlich dagegen, wenn heute Laien in die Fußspuren der Eichstätter Äbtissinnen träten und sich beispielsweise um die Organisation eines Kindergartens kümmerten, während der Pfarrer dort den Kindern von Jesus und vom Hl. Franziskus erzählt? Wenn Laien sich um die Renovierung der Orgel kümmern und die notwendigen Zuschüsse für die Renovierung des Kirchendachs beim Bistum einfordern und ein regelmäßiges Stundengebet organisieren oder den Seniorennachmittag, während der Pfarrer dort zuvor das Sakrament der Krankensalbung spendet. Natürlich folgt man dem Pfarrer in der Frage, ob an jedem Wochentag eine Hl. Messe gefeiert werden kann und auch dann, wenn einige Leute meinen, dieser könne besser Seniorenbesuche machen, statt Samstag für Samstag fast sinnlos im Beichtstuhl zu sitzen, weil kaum einer kommt. Aber heute erwarten wir von unseren Pfarrern Wegweisung in lauter Fragen, die mit seinem geistlichen Leitungsamt im Grunde nichts zu tun haben. Bis dahin, dass er die Schlüssel für das Pfarrheim vergibt.

Jeder Weg, das Amt des Priesters attraktiver zu machen durch eine größere entscheidende und bestimmende Macht über Menschen und Werte führt in den Klerikalismus und in die Irre. Attraktiver (für die richtigen Personen) machen das Amt des Priesters alle Maßnahmen, die dazu beitragen, dass er sein Amt als Priester, Lehrer und Hirte im Sinne Jesu ausüben kann. Der ja sogar die Verwaltung des Vermögens in die Hände des Judas legte.

Alle andere Macht sollten die Priester und vor allem auch die Bischöfe mit Klugheit und Gelassenheit aus der Hand geben. Dann, so hoffe ich, wird der Kirche auch wieder die Glaubwürdigkeit zuwachsen, die sie so dringend braucht, um dem Auftrag Jesu Christi gerecht zu werden. Und ich hoffe, dass die Gemeinde sich bei der Bischofsweihe des neuen Bischofs von Eichstätt an einem neuen Rationale aus der Paramentenwerkstatt der Benediktinerinnen von Mariendonk erfreuen kann. Warum nicht?

Gelobt sei Jesus Christus!

Dienstag, 29. Januar 2019

Der Überbringer ist immer auch Täter?! Zum Umgang mit Doris Wagner und Greta Thunberg

Ich erinnere mich noch recht gut an ein Kabarettprogramm von Didi Jünemann und Jürgen Becker. Die beiden machten sich auf die Suche nach Schuldigen in allen Miseren des Lebens und kamen irgendwann beim Briefträger an. Wer bringt denn immer die schlechten Nachrichten, Vorladungen, Mahnungen, Behördenbriefe? Ja, eben, die Briefträger! Der Überbringer sei immer auch Täter! Also könne auch ein Postbote nicht unschuldig sein. Das merke man doch schon an der Reaktion der Hunde.

Der Überbringer ist immer auch Täter. Es ist etwas dran an diesem geflügelten Satz. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Vorsitzender des Dinslakener Stadtjugendrings. Damals hatte ich mich in dieser Funktion hinter eine Schülergruppe gestellt, die eine sehenswerte Ausstellung zum Brandanschlag auf ein Heim für Asylbewerber in Hünxe gestaltet hatten. Die wurde überall gezeigt – nur nicht im Dorf selbst. Offenbar gab es starke Kräfte, die meinten, irgendwann müsse mal Schluß sein mit der Erinnerung und man müsse der „Nestbeschmutzung“ wehren. Das ging soweit, dass einige Kräfte im Hintergrund mich beruflich zu diskreditieren versuchten und Kirchenvorstandsmitglieder und den Dechanten anriefen, obwohl ich in dieser Sache nur gesagt hatte, man müsse sich auch in Hünxe der Diskussion mit den eigenen Kindern (Jugendlichen) stellen, selbst wenn man ihre Sichtweise auf die Dinge nicht für sich übernehmen wolle.

Aktuell berührt mich der mediale Umgang mit zwei Personen, Greta Thunberg und innerkirchlich Doris Reisinger, geb. Wagner. Beide werden geradezu für einige Leute zur Hassfigur (was mich in gewissen Kreisen nicht verwundert), diese Kritik schwappt aber in gemilderter Form auch auf zahlreiche, durchaus nachdenkliche und gesittete Leute in meinem Bekanntenkreis über.

„Onlinemob stürzt sich auf Klimaaktivistin. Hass und Hetze gegen Greta...“ titelt die TAZ während Tichy meint „Greta Thunberg – Ikone der Klimareligiösen und Opfer ihrer Eltern.“ Seitenlang arbeiten sich Zeitungen und Onlineforen an der Person Greta ab. Ihre Positionen werden hin und her erwogen, unterstützt und verrissen.

Ich frage mich, was das soll? Wen wundert es, dass der „Erfolg“ von Greta in der Öffentlichkeit die Gegner auf den Plan ruft. Denn neben den irrationalen Anhängern eine „Klimareligion“ gibt es ja auch die nicht weniger verstrahlten Missionare des „natürlichen Klimawandels“, die als Schuldige nicht den Menschen, sondern die Kraft der Sonne ausgemacht haben. Unbeeindruckt von der Tatsache, dass landauf, landab verantwortliche Behörden und Institutionen die Deiche erhöhen und das Schwinden der Gletscher in den Alpen nicht zu übersehen ist, führt man angeblich besorgte Diskussionen um Gretas psychischen Status.

Ich denke, die Sorge darum sollte man getrost ihren Ärzten und Eltern überlassen. Und auf keiner Seite den Hype gegen sie oder für sie anheizen. Sie bringt doch in jedem Fall eine bedeutsame Botschaft, dass die Sorge um unsere Umwelt mindestens gleich schwer wiegen sollte wie die Sorge umd den Stand des DAX, des Nikkei oder der Dow Jones.

Greta ist ja offenbar Asperger – Autistin. Ich kenne gar nicht wenige Personen mit dieser Diagnose. So unterschiedlich sie sind, sie sind mit ihrem Handeln und Reden meist entschlossener und deutlicher als viele andere Menschen. Ich schätze das durchaus und es fordert mich heraus, ihnen mit Empathie und Klarheit zu antworten, ihre Sorgen ernst zu nehmen und nach Lösungen zu suchen. Das fehlt mir in der aktuellen Debatte um Greta. Wenn sie Panik empfindet und möchte, dass auch wir panisch werden angesichts der Lage der Welt, dann ist es doch unsere Aufgabe als Erwachsene nicht, ihre Panik in Frage zu stellen, sondern deutlich zu machen, dass wir etwas tun, damit sie ruhiger werden kann. Vertröstung akzeptieren Autisten eher nicht, wohl aber wenn sie sehen, dass etwas geschieht. Und wie auch immer sich Greta ausdrückt, es ist notwendig, dass wir etwas tun. Jeder weiß doch oder ahnt es: so wie es ist geht es nicht weiter.

Auch Doris Reisinger, geb. Wagner überbringt der Kirche aktuell eine Botschaft. Eigentlich hatte sie diese schon vor einigen Jahren vorgelegt, als ihr Buch „Nicht mehr ich“ erschien. Es handelte vom geistlichen Mißbrauch, der in ihrem Fall zur Basis auch von sexuellem Mißbrauch wurde. Ein erschütternder Bericht aus dem Innenleben einer neuen geistlichen Gemeinschaft namens „Das Werk“. Das Buch wurde damals eher im kirchlichen Binnenraum diskutiert, vor allem bei denen, die sich für das Leben in Gemeinschaft, für Orden und Co. interessierten. Und es wurde von vielen Diskutanten vehement abgelehnt und als Schilderung der persönlichen (überzogenen) Betroffenheit marginalisiert.

Jetzt, in der neuen Phase der Diskussion um Mißbrauch in der Kirche, in die ausgerechnet mein Bischof Felix Genn das Stichwort „Geistlicher Mißbrauch“ eingebracht hat, ploppt die Diskussion um „Das Werk“ und die Erfahrungen von Doris Wagner wieder neu und mit mehr Druck auf. Mit ungeahnten Folgen, denn just heute wird bekannt, dass P. Hermann Geißler, der in dem Buch (ohne Namensnennung) eine Rolle spielt, von seinem Posten als Leiter der Glaubensabteilung in der Glaubenskongregation zurückgetreten ist. Nein, er war nicht derjenige, der seine Mitschwester mehrfach vergewaltigt hatte. Dieser war damals im vatikanischen Staatssekretariat tätig und ist aufgrund der Vergewaltigungsvorwürfe aus dieser Position schon vor längerer Zeit abgezogen worden, ist aber nach wie vor als Priester Mitglied seiner Gemeinschaft.

Vor staatlichen Gerichten konnte er nicht verurteilt worden, weil er seine Mitschwester nicht mit körperlicher Gewalt mehrfach zum Geschlechtsverkehr genötigt hatte, sondern durch die Macht, die ihm seine priesterliche Position und die Lebenweise in dem Haus der Gemeinschaft gab. Damit allein konnte er sich an seiner Mitschwester vergehen. Schließlich sei es die Schuld der Frau, wenn sie das sexuelle Begehren in einem Mann entfache. So wird auch heute noch argumentiert und auf diesen Nenner läßt sich die Haltung der Doris-Wagner-Basher in den sozialen Netzwerken und die Haltung der Verantwortlichen in der Gemeinschaft bringen.

Gerade schrieb in einer Diskussion jemand: „mag alles sein, aber die Autorin war keine Jugendliche,sondern eine erwachsene Person, die ja dann auch den zweiten Priester, der sie oder den sie verführt hat, heiratete. Jetzt vermarktet sie ihre Story, bald haben wir sie bei Markus Lanz sitzen.“

Hm, ich weiß nicht ob man damit die Diskussion abtun sollte. Ich denke, die Kirche kann gerade aus den Erfahrungen von Doris Wagner lernen und sie könnte Fehler vermeiden, die ihr ja aktuell in der neuen Mißbrauchsdiskussion (nach McCarrick u. Co. und der MGV-Studie) so schmerzhaft auf die Füße fallen.

Die Vorwürfe gegen P. Hermann Geißler scheinen erst einmal gar nicht so schwer zu wiegen. Aber im Kontext ihrer Erfahrungen im Werk sind sie alles andere als bedeutungslos. Für Doris Wagner bekamen sie ein doppeltes Gewicht, da sie schon konkreten Mißbrauch erlebt hatte und nun eine erneute Belästigung erfuhr, Grenzüberschreitungen im persönlichen Umgang und dann sogar bis in den Beichtstuhl hinein.

„Was ist schon ein Kuß?“ „Es kann ja auch freundschaftlich gemeint sein...“ „Früher gab es ja deshalb die Beichtgitter.“ Wenn ich diese Gedanken aus einer Facebook-Diskussion weiter denke schüttelt es mich. Beichtgitter, um den Beichtenden vor dem Priester zu schützen? Mir kommt sofort das Spottlied vom „Karmeliter“ in den Sinn. „War einst ein Karmeliter, der Pater Gabriel...“ Brrr... Nein!!!

Der Mißbrauch der Beichte im Kontext von sexuellem und geistlichem Mißbrauch ist für mich wirklich schwerwiegend. Für das staatliche Recht zählt das nichts, aber für einen gläubigen Menschen ist die Beichte eigentlich der sicherste Raum, den die Kirche zu bieten hat. Hier kann ich mich – durch den Dienst des Priesters – ganz öffnen, entblößen, bin ich vor Gott - nackt.

Hier erwarte ich, dass der Priester nicht weniger ist als reinster Stellvertreter Christi und Ohr Gottes. Jedes Versagen an dieser Stelle wiegt schwer wie Blei, schwerer als ein Mühlstein. Der Mißbrauch der Beichte hat Folgen und die Zerstörung einer geistlichen Berufung ist nicht nichts. Auch nicht für die Kirche, bevor sie durch den Mißbrauchsskandal in neues, grelles Licht gestellt wurde. Selbst wenn kein Gericht dieser Welt hier die Verfolgung aufnehmen würde.

Ich habe mich nach der Lektüre geschüttelt und geschämt ob dieser Perfidie. Dass nun der Pater, der den eigentlich sicheren Raum der Beichte zerstört hat (haben soll) (für mich ein Angriff auf das Heiligste überhaupt, selbst wenn es in der Welt nicht mehr als eine Belästigung am Arbeitsplatz wäre), zurücktritt, ohne Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen zerstört auch diese eigentlich gute Geste der Buße und verkehrt sie in das Gegenteil. Er tritt nicht zurück, weil er Verantwortung für das Böse in sich übernimmt, für seine Fehler... Nein, er opfert sich für die Institution, die er zu schützen vorgibt. Er opfert sich für die Kirche allein.

Ich bin sicher, dass P. Hermann Geißler FSO ein liebenswerter Mensch ist, dass er ein opferbereiter Priester ist, ein absolut kirchentreuer Theologe und ein großartiger Mitarbeiter in der Glaubenskongregation. Ich kann lebhaft nachvollziehen, wie schwer es ihm fällt, dieses Amt heute niederzulegen. Vor allem, wenn er in der Rückschau glaubt, dass Doris Wagner ihn und sein Handeln nicht zutreffend geschildert hat.

Aber ich glaube auch, dass er ein bedürftiger Mensch ist. Dass er wie jeder Mensch ein soziales Wesen ist und sich nach Nähe, Liebe, Zuneigung, Zuwendung, ja auch nach körperlicher Nähe sehnt, nach einer Umarmung, nach Trost. Jeder Mensch sehnt sich danach. Als Kind erfährt er diese Zuwendung in unterschiedlichster Weise durch Mutter, Vater, Geschwister, Familie. Als Jugendlicher und Heranwachsender dann zunehmend durch zuvor fremde Menschen, denen man in Zuneigung oder Liebe verbunden ist. Diese Kommunikation in Nähe und Distanz einzuüben, das ist eine wahre Kunst. Allzu oft geht das – meist eher in einzelnen Situationen im Leben – manchmal aber auch auf ganzer Linie daneben. Jeder kennt eine solche Geschichte. Nicht selten gehen damit Verletzungen und Enttäuschungen einher. Gut, dass ich das hier für mich selbst nicht ausbreiten muss.

Als Priester, Ordensmann, zölibatär lebender Mensch ist die Einübung in diese Kunst eine doppelte Herausforderung, die jeder anders meistert oder daran scheitert.

P. Hermann Geißler ist im Kontakt mit Doris Wagner offenbar vor einigen Jahren gescheitert. Er hat Grenzen nicht bemerkt, Grenzen verletzt, Wunden zugefügt und bestehende Wunden vertieft. Offenbar ohne das in dieser Dimension zu merken. Es wäre gut gewesen, wenn er (sofern er später zur Einsicht gekommen ist), auf seine ehemalige Mitschwester in guter Weise zugegangen und um Vergebung gebeten hätte für sein Verhalten, für seine Fehler. Und das nicht stammelnd „wenn ich damals unwissentlich und unwillentlich einen Fehler gemacht haben und Dich vielleicht verletzt haben sollte...“ sondern geradeaus, offen, ehrlich, in echter Demut und Reue. Dann wäre der Rücktritt heute vielleicht unnötig gewesen.

Insofern bringt das Buch von Doris Wagner und die ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte, die sie uns erzählt, im Kleinen die ganze Tragik des Umgangs der Kirche mit Mißbrauch und den Opfern auf den Punkt.

Selten wird derart klar aufgedeckt, warum die Kirche aktuell diese Demütigungen in der Öffentlichkeit ertragen muss. Wegen ihrer eigenen Fehler und weil sie nicht in der Lage ist für ihre Sünden Buße zu tun, weder der Einzelne noch die Institution. (Ausnahmen gibt ist, die sehe ich wohl...) Ich würde jedem Bischof, jedem Beichtvater und jedem Ordensverantwortlichen empfehlen das Buch „Nicht mehr ich“ zu lesen.

Es ist notwenig, dass Täter und Mitverantwortliche eingestehen: Ja, wir haben gesündigt, ja, ich habe gesündigt, ich trage Mitverantwortung für konkrete Vorfälle…“ „Nein, es sind nicht „die Homosexuellen“, es ist nicht „die sexuelle Revolution“, es ist nicht „ewig lockt das Weib...“, es ist nicht „das Konzil“, nicht... Und auch nicht der Zölibat, die Kirche an sich, oder die Sexualmoral … Ja, das auch, aber erst kommt die Einsicht und dann kann man auch noch die begleitenden Faktoren in den Blick nehmen.

Es wäre wünschenswert, wenn wir endlich auf allen Ebenen die Signale hören würden und zu unserem Versagen stehen. Gerade jetzt ist nicht die erste Vordringlichkeit, die Heiligkeit der Kirche zu verteidigen und meinem Mitbruder über den Mund zu fahren, der sich vielleicht etwas unpräzise ausgedrückt hat (Stichwort: DNA oder „Kirche neu erfinden“, oder...).

Doris Wagner hat gerade eben auch ein Buch unter dem Titel „Geistlicher Mißbrauch“ auf den Markt gebracht. Es ist nicht notwendig, in ihren beiden Büchern, ihrer Teilnahme an einem Film und ihren öffentlichen Auftritten „das Evangelium“ oder schlicht die „reine Wahrheit“ über den Mißbrauch in der Kirche zu sehen. Aber es ist auch nicht nötig ihre Erfahrungen in Frage zu stellen und kleine Unstimmigkeiten aufzudecken um das Ganze zu diskreditieren.

Ihre Anfragen müssen wir unbedingt an uns heranlassen und über Konsequenzen nachdenken. Und vor allem auch Konsequenzen ziehen, handeln und die Kirche insofern verbessern, dass niemand mehr in die selben Fallen gehen muss und dieselben Fehler begeht, wie die Menschen um Doris Wagner herum. Und dass niemand mehr zum Opfer wird.

Dazu muss ich nicht zum Jünger von Doris Reisinger/Wagner werden. Ich glaube auch nicht, dass sie der Doktor ist, der die Not der Kirche heilt. Aber sie stellt eine wichtige Diagnose. Die richtige Antwort dürfte nicht sein, die Diagnose in Frage zu stellen, sondern die richtige Therapie zu finden.

Ich habe auch Bedenken, ob das alles stimmt, ob ihre Diagnose in jedem Detail stimmt... Weil ich beide Bücher nicht hier liegen habe (eines ist verliehen, das Andere kaufe ich vermutlich nicht) und nicht konkrete Zitate einbringen kann, knüpfe ich meinen Gedanken an die treffenden Titelformulierungen an. Das erste Buch hieß: „Nicht mehr ich.“ Hier beklagt sie sehr zu Recht, wie sie in ein enges Korsett der Ordensspiritualität gezwängt wurde, mit wenig Rücksicht auf ihre Persönlichkeit. In eine ähnliche Tendenz, wenn auch grundsätzlicher durchdacht geht jetzt das Buch „Geistlicher Mißbrauch.“

Ich bin sicher, dass Nachfolge Christi auch bedeutet, sich formen zu lassen. Wir haben in der Kirche eine lange Tradition der Selbstüberwindung, des Abstandnehmens von den eigenen Bedürfnissen, des Überwindens des eigenen Wollens. Nachfolge in einem Orden, in einer Gemeinschaft bedeutet unbedingt, sich in vorgegebene Formen einzubringen, sich durch die Gemeinschaft formen und führen zu lassen. Der Gehorsam gehört nicht umsonst zu den evangelischen Räten. Aber wir müssen auch eingestehen, dass der Grat zwischen Formung und Mißbrauch schmal ist. Es ist immer die Frage, woran hier Maß genommen wird.

Das Maß kann nicht das Maß eines – möglicherweise sehr fehlerhaften – Hausoberen oder Novizenmeisters sein. Es braucht eine Ausgewogenheit zwischen Formung und Freiheit. Hier wäre es leicht alles Mögliche, selbst altehrwürdige Traditionen, mit dem Stempel „spiritueller Mißbrauch“ zu versehen, obwohl manches letztlich die Kandidatin, den Kandidaten frei macht.

Das Maß, an dem wir uns zu orientieren haben, ist Jesus Christus, der Mensch geworden ist und mitten unter uns gelebt hat. Das Maß ist nicht ein idealisierter Heiliger oder ein hoch verehrter Gründer, das Maß ist auch kein Petrus, kein Simon Zelotes und kein Judas.

Jesus hat sie alle – wie jeden von uns – in seine direkte Nachfolge berufen. In die Nachfolge in der ganzen Fülle seines Evangeliums. Und da gilt „der Sabbat ist für den Menschen da...“ genauso wie „nehmt euer Kreuz auf euch...“ „lasst die Toten ihrer Toten begraben...“ und „ich werde euch zu Menschenfischern machen“ gleichermaßen.

Aber jeder Weg der Christusnachfolge ist ein sehr eigener und sehr persönlicher Weg, mit Höhen und Tiefen und immer angewiesen auf den, von dem wir singen:

„Herr, dir ist nichts verborgen;
du schaust mein Wesen ganz.
Das Gestern, Heut und Morgen,
wird hell in deinem Glanz.
Du kennst mich bis zum Grund,
ob ich mag ruh’n, ob gehen,
ob sitzen oder stehen,
es ist dir alles kund.“

Donnerstag, 17. Januar 2019

Auf ein Neues! Jahr 2019: Der Kirchenfrust und seine Folgen...

Pfarrer Thomas Frings, der „So kann ich nicht mehr Pfarrer sein“ - Frings hält bald einen Vortrag im Bistum des Hl. Vaters in Rom. Sein Buch hat – verbunden mit seinem konsequenten Verzicht auf die Pfarrstelle einer großen Münsteraner Innenstadtpfarrei - 2016 einigen Wirbel ausgelöst und offenbar einen Nerv getroffen. Inzwischen gibt es das Buch auch auf italienisch. Offenbar sind die Pfarrer in Italien und auch die im Bistum Groningen in den Niederlanden nicht weniger frustriert als hierzulande.
Die Kirchenzeitung im Bistum Münster hat die Gelegenheit genutzt, mit Pfarrer Frings darüber zu sprechen. Der ist inzwischen doch wieder irgendwie Pfarrer im Erzbistum Köln, bzw. wie er selbst präzisiert, er sei nun nur noch Priester und übe „priesterliche Tätigkeiten aus.“
Ganz offenbar hat das Nachbarbistum ihn irgendwie wieder auf diese Spur setzen können. Wer weiß, vielleicht erscheint demnächst ja ein neues Buch mit dem Titel: „So kann ich wieder Priester sein.“ Darauf wäre ich tatsächlich gespannt.

Seine priesterliche Tätigkeit wird er in Zukunft in der Kölner Innenstadt entfalten als Teil eines Seelsorgerteams unter dem ehemaligen Generalvikar Dr. Dominik Meiering.
Natürlich fragt die Kirchenzeitung kritisch nach, was der „verlorene Sohn des Bistums Münster“ in Köln gefunden habe, was er in Münster nicht entdecken konnte. Seine Antwort ist interessant. Zunächst einmal zitiert er seinen Chef mit der Antwort auf eine grundsätzliche Frage: „Wie kann Kirche sein, wenn sie als Pfarrgemeinde für die meisten Menschen nicht mehr relevant ist? Dafür setzt sich hier in Köln der Leitende Pfarrer Dominik Meiering mit aller Vehemenz ein: Lasst uns suchen, wie es gehen kann. Denn so, wie es war, geht es nicht mehr.“

Diese Überzeugung ist inzwischen in der Kirche weit verbreitet. Als Bischof Felix Genn vor einigen Jahren einmal feststellte: „Es ist nicht so, dass die Zeit der Volkskirche zu Ende ginge, nein, sie ist längst zu Ende“, da ging noch ein aufgeregtes Raunen durch die Reihen. Es gab Widerspruch, aber auch viel Zustimmung.
In ihren Ansprachen und bischöflichen Worten zum neuen Jahr gingen viele Bischöfe in diesem Jahr aber schon weiter. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf ist überzeugt, dass die klassische, an einen festen Ort gebundene, territoriale Pfarrei in einer mobiler werdenden Welt immer weniger den Lebenswelten vieler Menschen entspreche. Und es sei niemandem gedient, "ein altes Ideal von Pfarrei aufrechtzuerhalten".

Damit bringt er auf den Punkt, was landauf, landab in den Bistümern geschieht. Das uralte Bistum Trier legt aktuell fast 900 eigenständige Pfarreien zu „Pfarreien neuen Stils“ zusammen, nur noch 35 Pfarreien dieser Art sollen übrig bleiben. Im Bistum Essen, in Gelsenkirchen sind inzwischen Pfarreien entstanden, die mehr Gläubige umfassen als im ganzen Bistum Görlitz leben. Wenn auch dort mit älteren Traditionen und auf weiterem Raum. So unterschiedlich das in den Bistümern gehandhabt wird, die gute alte überschaubare Pfarrei gehört ganz offenbar der Vergangenheit an. Um diese Strukturreformen umzusetzen, scheuen Bistümer nicht einmal davor zurück, Pfarreien mit tausendjähriger Geschichte aufzuheben und als Teil einer Pfarrei neuen Stils wieder auferstehen zu lassen.

Wohin man als Seelsorger kommt hört man aus den Reihen der Engagierten viel Frust über diese Entwicklungen, wenngleich diese sich auch bemühen, die guten Seiten der umfassenderen Kooperation ebenfalls zu unterstreichen.

Aber, wir wollen ja Lösungen sehen und daher habe ich gespannt auf die Antwort von Pfarrer Frings auf die nächste Frage des Interviewers gewartet: „Haben Sie denn auch schon etwas gefunden, wie es gehen kann?“
„Der Startschuss zu diesem Projekt war erst im Herbst letzten Jahres, da braucht es schon noch Zeit. Im März wird es eine große Veranstaltung geben, zu der alle eingeladen sind, die mitmachen und vorangehen wollen.“

Ich halte das für ein ehrliches Bekenntnis. Ja, die bisherige Gestalt der Kirche vergeht, ja sie ist zu einem guten Teil bereits vergangen. In den Gemeinden versuchen viele Menschen die lieb gewordene, gute alte Zeit des Katholizismus weiter am Leben zu erhalten. Für viele Menschen steckt darin nach wie vor Halt und Lebensinhalt. An manchen Stellen entsteht in den Gemeinden oder auch darüber hinaus auch Neues, Schönes, Wertvolles. Woran es uns aber mangelt, das ist eine gemeinsame Vision zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland.
Albrecht von Croy bringt es auf katholisch.de so auf den Punkt: „Viele Stimmen, keine Melodie. Die Stellungnahmen reichen von Ratlosigkeit über gewagte Thesen oder Binsen zur leichten Panik. Das, verehrte Eminenzen und Exzellenzen, ist keine abgestimmte Kommunikation, das ist ein dissonanter Chor.“

Ja, der Bischof von Mainz hat sicher recht, wenn er sagt, dass die klassische Pfarrei von den Katholiken, die auf ihrem Territorium wohnen nur einen kleinen Teil erreicht. Nach meiner Erfahrung ist es ein gutes Drittel, die in irgendeiner Weise aktiv am Gemeindeleben teilhaben. Mal werden es mehr sein (wenn man noch auf stabile soziale Dorfstrukturen bauen kann), mal werden es weniger sein (wenn man sich in der Diaspora einer großen Stadt bewegt). Aber in allen Reden zum anbrechenden Jahr 2019 fehlt mir neben der depressiven Analyse die Vision einer Zukunft.

Die aktuelle Situation der Kirche ist sicher das Ergebnis einer schwerfälligen Kirchenorganisation, sie ist aber auch das Ergebnis von bis zum heutigen Tage kumulierten und nie richtig aufgearbeiteten Fehlern und Verbrechen der Kirchengeschichte. Bei aller Würdigung der historischen Realitäten, wie sie z.B. Manfred Lütz und Arnold Angenendt vorgelegt haben, so zeigt doch auch die aktuelle Mißbrauchskrise, wie schwer es der Kirche fällt, das eigene Versagen so einzugestehen und aufzuarbeiten, dass sie gestärkt aus der Krise hervorgeht. Wenn – wie aktuell – ein Kardinal Wuerl in Amerika erst öffentlich erklären läßt, er habe nie von den Verfehlungen seines Vorgängers gewußt, wenn dann seine (ehemaligen) Bistümer öffentlich erklären müssen, dass er doch darum gewußt habe und der Kardinal schließlich von Erinnerungslücken spricht, dann widerspricht dieses Verhalten allen Erwartungen, die ich an Menschen stelle, die sich als gläubige Christen betrachten.

Aktuell wird wieder um die sündige Kirche gestritten und ob das Idealbild der Kirche als Grundsakrament „Strukturen des Bösen“ umfassen könne, ja diese gar in der DNA tragen könne. Es ist sicher ehrenwert, das Ideal der Kirche im Herzen zu tragen und auch zu verteidigen. Aber dieses Ideal stellt, je stärker es glänzt, das Versagen seiner Vertreter in umso helleres Licht. Mit der Folge, dass im Volk auch der Glaube bröckelt, dass die Realitität sich jemals dem Ideal annähern könnte.

Wie wohltuend wäre es, wenn nach einer inzwischen auch schon fast 20 Jahre schwelenden Mißbrauchskrise, auch Bischöfe und Kardinäle offen ihre Schuld eingestehen und mit ehrlichen Worten ihr Versagen bescheiben. Und dann auch die persönlichen Konsequenzen tragen. Was sollte einen Kardinal Wuerl hindern zu bekennen, ja ich habe um die Verbrechen meines Mitbruders McCarrick gewußt. Ich ziehe die Konsequenz, ich suche nicht nach Entschuldigungen, ich lege mein Amtsgewand in den Schrank und gehe in eine arme Gemeinde meines Bistums, wo ich den herausgeforderten Ortspfarrer bei seinem seelsorglichen Dienst unterstütze. Ich feiere für ihn die Hl. Messen im Seniorenheim, ich besuche die Kranken und mache kein Aufhebens mehr um meine Position, ich lasse mich nicht hofieren und bedienen, sondern biete meinen Dienst dort an, wo auch Jesus auf Erden wandelte – mitten zwischen den Menschen.

Aber selbst wenn es uns gelingen würde, der Kirche als Organisation wieder zu einer idealen und wirkungsvollen Struktur zu verhelfen mit einem attraktiven Angebot für die potentiellen Gläubigen und die realen Kirchenmitglieder. Wäre und würde dann alles wieder gut? Ist die Abwendung vom Glauben an Gott nicht in erster Linie die Folge eines Megatrends den wir mit unserem Handeln allenfalls verstärken oder abschwächen können? Dieser Megetrend hat seine Quellen und Wurzeln in einer zunehmenden Individualisierung, in einer Wohlstandsgesellschaft, in der Globalisierung … Man könnte noch zahlreiche andere Gründe und Umstände aufführen die zu einem gesellschaftlichen Wandel beigetragen haben, der (jenseits des Wandels durch Kriegs- und Kathastrophenereignisse in der Vergangenheit) beispiellos ist. Natürlich kann es heute nicht unsere Aufgabe sein, in einer unübersichtlicher gewordenen Welt den Menschen einen heimeligen Rückzugsraum anzubieten. Unser Auftrag muss vielmehr sein, inmitten der Umbrüche für die Menschen den Himmel offen zu halten und den sinnstiftenden Glauben an einen liebenden Gott überzeugend und möglichst inspirierend vorzuleben. Wozu sicher auch Ruheräume des Glaubens – wie ein Lazarett oder ein Gasthaus sicherlich beitragen können, sofern sie sich nicht in reine Siechenhäuser für sonderbare Persönlichkeiten verwandeln.

Doch zurück zu den Sendungsräumen, Pfarreien neuen Typs, Großpfarreien und Seelsorgsbezirken: bei allem Euphemismus der von Bischöfen und Bistumsverwaltungen versprüht wird: Die Zusammenlegung der Gemeinden und Pfarreien zu immer größeren, unpersönlicheren Verbünden, die Einsparung von Gebäuden und auch von Kirchen ist kein Zeichen von Aufbruch sondern signalisiert das glatte Gegenteil. Unendliche Kraft wird in die dann notwendigen Umstrukturierungen investiert, zahlreiche Mitarbeiter werden darin verbraucht und verschlissen. Die Frustration und innere Emigration ist groß und nimmt zu.

Ich möchte diese Einschätzung mit drei kleinen Beispielen illustrieren:

  • In einer großen Nachbargemeinde erzählt mir die Sekretärin eines Tages, das sie allein mit der Planung der Dienste für Musiker, Küster und Priester viele Stunden ihrer Arbeitskraft aufzuwenden habe. Ein Aufwand, der in den kleinen Einheiten früher gar nicht notwendig war, weil jeder seine Dienste und Zeiten kannte. Das war sicher eintöniger – aber auch verläßlicher. Die Erfahrung zeigt, dass die Organisation und Verwaltung zusätzliche Kräfte und Mittel erfordert um eine Großpfarrei ordentlich zu führen und dass die Synergieeffekte damit schnell wieder aufgezehrt werden.

  • In dem Dorf in der Eifel, wo wir seit fast 20 Jahren Urlaub machen, waren in den ersten Jahren die Gastgeber (Landwirte) kirchlich engagiert, er für seine 600 Seelen-Gemeinde im Kirchenvorstand, sie im Pfarrgemeinderat. Man kooperierte mit drei kleinen Gemeinden, die einen gemeinsamen Pfarrer hatten. Heute sind dort zwei ehemalige Dekanate mit Dutzenden von Gemeinden zu einer Pfarrei zusammengefasst. Sie werden von einem Pfarrer geleitet. Die zentrale Verwaltung sitzt im 20 km entfernten Schleiden. In der Familie ist heute niemand mehr kirchlich engagiert. Mit dem beruflichen Alltag in der Landwirtschaft lassen sich abendliche Sitzungen und lange Anfahrten nicht mehr vereinbaren.

  • In meiner früheren Einsatzgemeinde hatte die 2.000er Gemeinde einen Kirchenvorstand, der sich um eine Kirche, einen Kindergarten und ein Jugendheim kümmerte. 8 Personen kamen da zusammen, eine abendliche Sitzung dauerte eine knappe Stunde, anschließend blieb man noch eine Stunde in geselliger Runde mit dem Pastor zusammen. Der schätze den Austausch in dieser Runde. Und ein oder zwei abendliche Bierchen. Wenn am Kindergarten ein Tor einzubauen war, stand der 75 jährige Pensionär mit einer Schüppe im Loch, während zwei andere KV-Mitglieder den Beton anmischten und ein Bekannter mit dem Trecker bereit stand, den Torpfeiler anzuheben und korrekt ins Loch zu setzen. Heute entscheiden doppelt so viele KV-Mitglieder über die Belange von 10 Kindertageseinrichtungen, die Arbeiten erledigen natürlich Fachfirmen. Die Sitzungen haben sich verdoppelt und dauern dank eines konsequenten Pfarrers von 19.30 – 22.00 Uhr – nicht länger. Um die Organisation kümmert sich eine neue Verwaltungsreferentin.

Es ist an der Zeit, einmal zu evaluieren, ob die versprochenen Effekte einer besseren Zusammenarbeit und von Synergien tatsächlich verwirklicht werden konnten. Ich fürchte, das Ergebnis ist alles Andere als ermutigend.

Sicher ist die Zeit vorbei, da eine Territorialpfarrei für die Menschen auf dem Territorium ein umfassendes geistlich – seelsorgerisches Angebot machen konnte. Die Menschen sind mobiler geworden. Die Seelsorger arbeiten auch schon heute anders als früher, vielleicht noch nicht so flexibel und modern wie sie sollten, aber doch mit Kreativität und Herzblut. Dass mancher nicht aus seiner Haut kann, das ist sicher wahr. Die Frage wäre aber, wie man den Seelsorgerinnen und Seelsorgern da mehr Hilfestellung geben könnte. Vermutlich muss man mehr in gute Begleitung, Seelsorge an den Seelsorgern und Supervision investieren.

Natürlich müssen wir den Wandel der Gesellschaft wahrnehmen und so gut es geht für die Pastoral nutzen. Wir müssen neue Angebote machen, wir müssen alte Angebote schneller verändern, anpassen, modernisieren oder auch mal beerdigen. Wir müssen die sozialen Medien nutzen und im Internet präsent sein. Wir müssen einen guten und freundlichen Service bieten und Begegnungen ermöglichen, die Lust auf mehr machen.

Aber ich bin sicher, dass wir in der Fläche präsent sein müssen und dass die gute alte Pfarrei sich noch lange nicht überlebt hat. Bei aller Mobilität brauchen wir (nicht nur virtuell) Räume, Häuser, Kirchen und vor allem Menschen, durch die wir auch gefunden werden können und in denen Kirche lebt. Und es kann doch wirklich nicht schaden, wenn jeder, der sich in einer Stadt neu niederläßt, mit geringem Aufwand eine Gemeinde finden kann, die für ihn zuständig ist. Das gilt für meine Auffassung gerade für Menschen, die die Angebote der Gemeinde nur sporadisch nutzen. In welcher konkreten Gestalt eine solche Gemeinde bestehen sollte, da kann man sicher ganz viel verändern und an den Lauf der Zeit anpassen.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass es den Bistümern bei all den Zusammenlegungen in erster Linie um zwei Aspekte geht. Man möchte nach wie vor die Zahl der Pfarreien an die Zahl der Priester anpassen, die in einem solchen Bereich die Leitung übernehmen können. Da die Zahlen der Priester sinken und von den verbleibenden Priestern auch viele nicht willens und in der Lage sind kleine Quasi-Bistümer zu verwalten, muss man am Ende den Weg des Bistums Trier gehen und XXXL-Pfarreien gründen. Hier hat gemäß dem Kirchenrecht dann halt ein leitender Pfarrer die Fäden in der Hand. Und zumindest in ganz wesentlichen Fragen geht nichts an ihm vorbei.

Ich vermute, hier könnten wir noch sehr viel von den Organisationsformen der Pfarreien in Lateinamerika oder in Afrika lernen. Sie setzen sehr auf das Engagement und die Leitungs- und Verkündigungs-Fähigkeiten der Katechistinnen und Katechisten.

Der zweite Aspekt ist, dass die Bistümer bestrebt sind, die jeweiligen Pfarreien zumindest verwaltungsmäßig weiter ordnen zu können und unter Kontrolle zu halten. Dahinter steckt vermutlich ganz viel gute Absicht, man möchte den Überblick behalten, vermeiden, dass einzelne Gemeinden randständige Sonderwege gehen. Ich denke an dieser Stelle hat jeder von Ihnen konkrete Erfahrungen vor Augen mit einer in Deutschland sehr gut durchorganisierten Kirche, die nach wie vor irgendwie funktioniert. An unserem Organisationsgrad kann sich manche andere Organisation orientieren.

Ich glaube nicht, dass wir als katholische Kirche das Prinzip einer möglichst flächendeckenden Präsenz aufgeben sollten. Zumindest nicht, ehe es nicht klare Alternativen gibt, für die ein Großteil aller Engagierten sich mit Lust und Engagement einsetzt.

Der katholische Publizist Andreas Püttmann warnt zu Recht vor einer „Demoralisierung der Minderheit, die das Hochamt am Sonntag und die Angebote der "Territorialgemeinde" schätzen.“ Solange nämlich keine neue Gestalt der Kirche erkennbar ist, stellt diese „Minderheit“ den Glutkern des Christentums in unserer Gesellschaft dar. Das ist kein Plädoyer für einen Rückzug in die Ruinen der guten alten Zeit. Wir müssen in den Lebensspuren Jesu und seiner Jünger*innen neue und kreative Möglichkeiten entwickeln, den Menschen die Botschaft des Evangeliums anzubieten und näher zu bringen. Aber dazu braucht es – wie eine Idee aus der anglikanischen Kirche es ins Bild setzt – die tiefen ruhenden Seen genauso wie die munteren Bäche in der Fläche.

Ich fürchte allerdings, dass der Kirchen-Frust und eine gewisse Lethargie unter den Engagierten, auch unter den Seelsorgerinnen und Seelsorgern inzwischen längst zu einer solchen tiefgehenden Demoralisierung geführt hat und dass dieses Problem von den Bischöfen nicht ausreichend gesehen wird.

Eine Bank in Deutschland kann sich auf ein anderes Geschäftsfeld verlegen, kann Investment-Banking machen, kann mit Aktien handeln und es reicht dann, einige Leuchtturm-Filialen zu unterhalten. Aber als Kirche geht es uns um den einzelnen Menschen. Gerade auch um den, der geistlich und finanziell wenig zu bieten hat. Wir brauchen erreichbare Filialen in der Fläche. Wir müssen offen und ansprechbar bleiben. Kein Sportverein käme auf die Idee, die regionale Präsenz aufzugeben und die Leute mit einem besonders tollen Stadion in die entfernte Stadt zu locken. Dann gäbe es über kurz oder lang keinen Nachwuchs mehr. Wir gehören in den Alltag der Menschen. Wenn wir nicht mehr in der alten Sozialgestalt der Pfarrfamilie auftreten können, dann müssen wir andere Wege der Präsenz finden. Das hat die Kirche immer ausgezeichnet, denken wir nur an die Hauskirchen der ersten Jahrhunderte.

Nicht zu vergessen, dass die gemeinschaftliche Feier der Eucharistie, die Feier der Liturgie und des Gotteslobes die Mitte und die Quelle allen christlichen Lebens ist. Wenn es nicht möglich ist, flächendeckend Eucharistie zu feiern, müssen wir mit Hochdruck Formen entwickeln und pflegen, die in den Menschen die Sehnsucht nach dem Mahl am Tisch des Herrn wecken, nähren. Und ihnen die Möglichkeit bieten, immer wieder zu diesem Herrenmahl hinzutreten (wenn es denn nicht mehr Sonntag für Sonntag geht). Dafür sollte ein Priester dann auch schon mal auf eine Sitzung oder ein anderes pastorales Projekt verzichten können/dürfen.

Ich frage mich, ob das Kirchensteuersystem uns nicht in gewisser Hinsicht dabei im Wege steht. Wir haben nach dem 2. Weltkrieg die kirchlichen Geldströme neu geordnet. Was in Deutschland früher in erster Linie den Gemeinden zuströmte wurde nun in den Diözesen gebündelt. Der immer breitere Geldstrom floß zum Bischof und wurde von dort – in möglichst gerechter Verteilung – in die Gemeinden und Einrichtungen geleitet. Es war wahrscheinlich ein Naturgesetz, dass gleichzeitig auch die Verwaltung wuchs und immer mehr Aufgaben übernahm. Das hat viele Vorteile, aber es hat auch Nachteile.

Es ist an der Zeit, den Gemeinden vor Ort wieder mehr Verantwortung zu geben. Die Menschen müssen sehen, wo ihr Steuergeld hingeht. Ja vielleicht sollte es sogar möglich sein, dass sie ihr Geld bestimmten Projekten in der Gemeinde ihrer Wahl widmen. Auf diese Weise würde vielleicht manches Projekt aufblühen und manche, mühsam am Leben gehaltene pastorale Aktivität würde verkümmern, weil sie im Grunde nur von wenigen geschätzt wird. Wie auch immer man die Balance zwischen Gerechtigkeit und Eigenverantwortung neu regelt, es braucht mehr Verantwortlichkeit und Entscheidungsbefugnis vor Ort. Hier sollten die Bistümer großzügig sein. Und sie sollten dringend Macht und Kontrolle wieder nach unten abgeben. Vielleicht könnte man Einrichtungen wie Kindergärten und Krankenhäuser, Caritas und Altenheime nach einheitlichen Regeln finanzieren. Aber für das konkrete Gemeindeleben, den Erhalte von Kirchen und Pfarrheimen brauchen die Leute vor Ort freie Hand. Ich glaube, dann wären auch notwendige und schmerzliche Enscheidungen einfacher zu fällen und weniger Gruppen ständen demonstrierend vor den bischöflichen Generalvikariaten.

Bliebe noch das Problem der Leitung der Pfarreien, für die es keine Priester mehr gibt. Hier plädiere ich nicht zum ersten Mal dafür, das Amt des Pfarrers zu entschlacken und auch dort Kontrolle aufzugeben. Der Pfarrer soll die Leitung haben, aber er muss nicht jede Entscheidung treffen. Leitung im geistlichen Sinne muss neu definiert werden. Dabei darf der Pfarrer ruhig mehr Macht haben als ein Rabbi oder ein Hodscha, die ja ausschließlich auf ihre geistlichen und pädagogischen Aufgaben beschränkt sind. Und so könnte auch unter der Leitung eines Pfarrers ein Team von ehren- und hauptamtlichen Personen die organisatorische Leitung einer Pfarre in die Hand nehmen. Und diese Leute brauchen klar umschriebene Machtbefugnisse und Verantwortungsbereiche. Ein Pfarrer, der über viel zu viele Kirchenvorstandssitzungen klagt, der sollte den Vorsitz in die Hand der Laien geben und nach dem Prinzip der Subsidiarität die Aufgaben, die vor Ort zu erledigen sind in die Hände derer legen, die von den notwendigen Entscheidungen betroffen sind. Und dann vielleicht in einem Kooperations – Kirchenvorstand nur noch die Dinge mit entscheiden, die die grundsätzliche Ausrichtung der Pfarrei(en) und der Seelsorge in dem – seiner Leitung anvertrauten – Gebiet betreffen oder die Auswirkungen über den einzelnen Kirchturm hinaus haben.

Es ist höchste Zeit, dass die Bischöfe zu einem klaren Bild der Situation in den Gemeinden kommen und eine gemeinsame Vision entwicklen. Auch wenn im Süden Deutschlands die Situation der Kirche noch anders aussieht: der Bischof von Hamburg kann ihnen schildern, wohin die Reise über kurz oder lang gehen wird. Kein Bischof sollte sich der Illusion hingeben, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen sich einfach so umkehren und seinen Sprengel nicht in irgendeiner Weise betreffen werden. Es gilt schon jetzt Weichen zu stellen, die über die reine Organisationsentwicklung hinaus gehen. Im Mittelpunkt sollten Werte wie Einfachheit, Bescheidenheit, Präsenz, Offenheit, Ehrlichkeit, Verständlichkeit, Partizipation, selbstloses Engagement, Glaubensfreude und Nähe zu den Menschen stehen. Wenn nicht bald die notwendigen Schritte getan werden, fürchte ich, dass wir uns einzig und allein noch auf die Zusage Jesu Christi, dass die Mächte der Finsternis die Kirche nicht zerstören können, verlassen müssten. Aber das käme mir vor wie das Handeln des einen Dieners, der die anvertrauten Talente vergräbt und sicher für seinen Herrn verwahrt. Ich vermute, der Herr erwartet etwas Anderes von uns.