Montag, 12. September 2016

Missionarische Veganer contra hochbezahlte Katholiken!

Die BILD - Zeitung hat Kirchenwochen (neben den üblichen Nippel-Themen)! Drei Tage lang gab es sehr lesenswerte Auszüge aus dem Interview-Band von Peter Seewald mit Papst Benedikt XVI., heute nun zusätzlich ein Interview mit dem ehemaligen Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf. 

Auf "katholisch.de" erschien dieses "wiederverwertet" unter der Überschrift: "Deutsche Veganer missionarischer als Christen". Ganz inhaltsschwer scheint das Interview auch ansonsten nicht gewesen zu sein. Der international bekannte Ordensmann rät den Deutschen zu mehr "Gelassenheit und Humor" und meint: "Wir machen alles gründlich, manchmal bis zum Erschrecken", ... Die Italiener bewunderten die deutsche Gründlichkeit; allerdings sei sie ihnen auch "nicht immer ganz geheuer", so Wolf, der als Oberer des Benediktinerordens für 16 Jahre in Rom lebte. So legten etwa deutsche Veganer scheinbar "mehr missionarischen Eifer" an den Tag "als wir Christen".

Die Beobachtung ist sicher richtig. Mir begegnen auch immer wieder Leute, die für eine Sache "brennen", ob das nun der "Veganismus" ist oder das fleischlose Leben. Ich bewundere Leute, die jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um an den unmöglichsten und abgelegendsten Orten kleine Verstecke, Geocaches zu orten oder Menschen, die ein Auto der 30er-Jahre mit Akribie in den Zustand eines Neuwagens versetzen. Kürzlich erschien ein Interview mit einem Priester, der die spirituelle Seite des Whiskeys entdeckt hat und Pilgerfahrten hierzu anbietet. Erstaunlich aktiv für seinen Glauben zeigt sich manch ein Vertreter der Zeugen Jehovas, der das Gespräch sucht oder ein Piusbruder, der mit spitzer Feder die Schwächen der Kirche in Deutschland seziert. 

Ja, es ist wahr! Gegen diese Leute sind wir Feld-, Wald- und Wiesen-Christen verschämte Mauerblümchen, die mit ihren Glaubensüberzeugungen hinter dem Berg halten und sich freuen, sich hinter geschlossenen Kirchentüren vor der rauhen Wirklichkeit verbergen zu können. Versuchen Sie einmal in einer Klassenpflegschaftssitzung gegen die Reduzierung der Religionsstunden auf eine Stunde "ökumenischen" Religionsunterricht zu argumentieren. Und wer sich am Arbeitsplatz für die katholische Kirche engagiert, der wird von den weitaus meisten Kollegen in die gleiche Schublade sortiert, wie der überzeugte Neuapostole. Wenn auf dieser Schublade dann nur "Komische Vögel" drauf steht, dann haben wir es noch gut angetroffen.

Woran das liegt? Ist uns etwa der Glaube nichts mehr wert? Haben wir zunehmend mehr Glaubens-Zweifel entwickelt? Identifizieren wir uns nicht mehr mit der Kirche? Ist die Kirche selbst "lasch" geworden und nimmt ihre Gläubigen nicht mehr in die Pflicht? Während anderswo Menschen wegen ihres christlichen Glaubens um Leib und Leben fürchten müssen, und sich trotzdem nicht verstecken, scheuen wir Christen manchmal das Gespräch darüber und noch mehr das freimütige Bekenntnis zur Kirche.

Ob das auch damit zu tun hat, dass man ja inzwischen für nicht mehr ganz dicht erklärt wird, wenn man aufgrund der offen zutage liegenden Schwächen der Kirche und des Glaubens noch dabei bleibt? In dem Projekt "Valerie und der Priester" wurde eben dieses Phänomen gestern sehr anschaulich verhandelt. Valerie Schönian schaute sich mit Franziskus von Boeselager den amerikanischen Film "Spotlight" an, der die Aufdeckung der Mißbrauchsskandale in der Kirche Amerikas verarbeitet. Der Bericht hierüber steigt mit folgender Bemerkung ein:  

"Der Missbrauchsskandal. In den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass es eines der ersten Dinge ist, die Menschen außerhalb der Kirche zur katholischen Kirche einfällt. Auch ich fragte Franziskus direkt in der ersten Woche, ob er „Spotlight“ gesehen hat — hatte er nicht — es kam auf die To-Do-Liste. Auch Freunde sagten mir: Schau’ unbedingt den Film mit deinem Priester.
Warum? Vermutlich, weil wir alle die gleiche Frage hatten: Wie kann man denn diesen massenhaften Missbrauch und dessen strukturierte Vertuschung vor Augen geführt bekommen und gleichzeitig noch Teil von dieser Institution sein — nein mehr, sein Leben dieser Institution verschreiben?"
Das ist zur Zeit das Muster, nach dem viele Gespräche über die Kirche laufen. Und neben der Frage des Mißbrauchs gibt es ja noch eine ganze Reihe vergleichbarer Themen, wo die Gesprächspartner Differenzierungen und Feinheiten gar nicht zur Kenntnis nehmen. Themen wie Zölibat, Homosexualität, Macht der Kirche, Kreuzzüge, Frauen, Kirche als Arbeitgeber und und und... Jeder kann das aus eigener Erfahrung für sich ergänzen... 

Mag man auch noch so sehr für die Botschaft Jesu "brennen", es gibt zuverlässige Feuerlöscher, die auch aus extrem dynamischen Drachen schnell einen platten Bettvorleger machen, an dem sich wenig zu entzünden vermag. 

Nicht nur in diesem Kontext ist der Text von Valerie Schönian übrigens durchaus lesenswert. Offensichtlich gelingt des Franziskus von Boeselager die Sichtweise seiner Gesprächpartnerin in einem offenen und geduldigen Gespräch zu öffnen. Aber ich denke, die hierfür notwendigen 90 Minuten (+ Filmabend  u.s.w.) zeigen schon deutlich, wie viel Mühe, Nähe, Empathie und Geduld heute notwendig sind, um überhaupt in einem Glaubensthema einen Schritt weiter zu kommen bzw. an den Punkt zu kommen, wo es "spannend" wird. 

Am Ende lautet das Fazit der jungen Journalistin immerhin: "Ich habe mich vorher gefragt, wie Franziskus der Kirche sein Leben verschreiben kann, wenn sie doch so viel Schlimmes getan hat. Für ihn ist das überhaupt keine Entscheidung. Das ist für mich schwer nachvollziehbar. Aber wenn man das als Fakt akzeptiert, dann macht es auch Sinn, dass der Missbrauchsskandal nicht dafür gesorgt hat, dass Franziskus als Priester sich von ihr abwendet. Die Kirche ist ein Teil von ihm, dagegen kann er nichts machen, sie ist Familie — bis dass der Tod sie scheidet."

Sehr lesenswert ist das auch im Zusammenhang; für mich der beste Text, der im Rahmen dieses Projektes bisher erschienen ist: https://valerieundderpriester.de/der-priester-und-der-missbrauchsskandal-91ae6b6826c8#.hvhsr1j2v 

Lieber Pater Notker, ich bin wirklich nicht neidisch auf die Veganer, die gerade auf einer gewissen "Welle" reitend, "Missionserfolge" einheimsen. Wo doch heute schon Süßkram von Katjes als "vegan" angepriesen wird, weil das einfach verkaufsfördernd ist und gleichzeitig fromme Muslime und Juden als Kundengruppe erschließt. Als Christ aber glaube ich; wegen des veganen Lebens allein kommt man nicht in den Himmel. (Es ist aber wohl auch nicht ausgeschlossen!)

Vor diesem Horizont tue ich mich schwer, mit den zahlreichen Vorwürfen, die Kirche in Deutschland sei "müde", "alt", "unfruchtbar", "langweilig", u.s.w.. Gerade in kirchentreuen Kreisen ist derlei Etikettierung von Mitchristen sehr beliebt. Erst recht dann, wenn man kontrastierend über die Erfolge bestimmter Veranstaltungsformate, über boomende geistliche Bewegungen und Priesternachwuchs in traditionstreuen Gemeinschaften und Klöstern berichten kann. 

Solche Erfolge dürfen für uns alle ein Grund zu ehrlicher Freude, Neugierde und Kooperations- und Dialogbereitschaft sein. Aber keinesfalls ein Anlaß für maulende Beschimpfung "lascher" Mitchristen. Die Gründe für die Situation der Kirche in Deutschland sind vielschichtig(er). 

Treue Christen haften sehr an den Ausdrucksformen von Kirche, die sie schätzen gelernt haben. Das bindet auch manche Recourcen. Wenn sich insgesamt so vieles verändert, dann soll doch wenigstens die Kirche so bleiben, wie sie ist. Und viele der "Treuen" sind überfordert mit den inzwischen gesellschaftsfähigen überkritischen Anfragen an Glauben und Kirchenorganisation. 

Im Kontext einer sich im rasanten Tempo modernisierenden und technisierenden Gesellschaft kommt unsere Kirche mit ihren Themen und Überzeugungen (oft auch sprachlich) überholt und "von gestern" daher. Unsere kirchliche Sprache und die Ausdrucksformen des Glaubens halten mit der Entwicklung nicht mehr Schritt. Was nicht bedeutet, dass die Kirche dem "Zeitgeist" hinterher zu hecheln hat, aber doch, dass sie die Entwicklungen aufmerksam beobachtet und dort wo es nötig und möglich ist, mit ihnen mitgeht.

Es gibt ja schon heute eine ganze Anzahl von Katholiken, die z.B. in der Welt der Medien ganz nah dran sind und spannende Projekte entwickeln, aber insgesamt kommt die Institution Kirche vielen Leuten doch eher altbacken vor. Einige positive "Überraschungen" stören das sonstige Bild nur kaum. Schwarz-Weiß-Programm statt Smartphone. Doch dies gilt nicht nur für die bunten Medienwelten, sondern auch für gesellschaftspolitischen Entwicklungen, den Dialog mit den Naturwissenschaften, die weiten Welten der modernsten Technik u.s.w.. 

Dass in einer derart komplexen Lage der Kirche auch die Hauptamtlichen und sogar Priester, Ordensleute und Bischöfe die Verunsicherung der Gläubigen spüren und teilweise in ihrem Sprechen und Handeln auch widerspiegeln kann keinen verwundern. 

Nicht ohne eine gewisse Genugtuung, ja Häme wurde in den vergangenen Tagen eine Bemerkung von Papst Benedikt XVI. aus dem aktuellen Interview-Band "Letzte Gespräche" verbreitet. Dankenswerterweise hat die BILD, die als eine der wenigen Zeitungen längere Original - Texte abdruckte (Bemerkenswert, oder?), just diesen Text gar nicht wiedergegeben. Der gehörte wohl eher in den allgemeinen Werbe - Hype mit Informationen darüber, dass der Papst einmal "verliebt" gewesen sei ("Er sei ein "sehr smarter Typ gewesen, ein hübscher junger Mann, ein Schöngeist, der Gedichte schreibt und Hermann Hesse liest". ... Ratzinger habe "durchaus eine Wirkung auf die Frauen gehabt - und umgekehrt auch") oder dass es eine "schwule Seilschaft" im Vatikan gegeben haben solle. 

Benedikt habe zudem deutliche Kritik an der Kirche in Deutschland geäußert. So ist in einem ZEIT-Artikel folgendes zu lesen: "Der emeritierte Papst Benedikt XVI. sieht in Deutschland einen seiner Ansicht nach "etablierten und hoch bezahlten Katholizismus" am Werk. Dazu kämen angestellte Katholiken, die der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenüberträten, sagte er in dem Interviewbuch Letzte Gespräche. Die Kirche sei für sie nur der Arbeitgeber, den man kritisch sehe. Diese Art von Katholiken kämen nicht aus einer Dynamik des Glaubens, sondern seien eben in so einer Position. 
Der deutsche Ex-Papst äußerte auch Bedenken gegen das System der Kirchensteuern in Deutschland: "Ich meine damit nicht, dass es überhaupt eine Kirchensteuer gibt, aber die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar."

Die große Gefahr der Kirche in Deutschland ist seinen Worten zufolge, dass sie so viele bezahlte Mitarbeiter habe und dadurch ein Überhang an "ungeistlicher Bürokratie" da sei, sagte der 89-Jährige. Auch die deutsche Universitätstheologie sei in einer Krise, brauche neue Köpfe und eine "neue Intensität des Glaubens". Dazu komme die Häme, die in deutschen Intellektuellenkreisen vorhanden sei.

In Italien könne man sich so viele bezahlte Leute gar nicht leisten, die Mitarbeit basiere zum großen Teil auf Freiwilligkeit. Benedikt betrübe die Situation in Deutschland, dieser Überhang an Geld, das dann doch wieder zu wenig sei." (Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-09/deutsche-kirche-deutschland-interview-papst-benedikt-katholizismus)

Ich bin jetzt nicht überrascht! Diese Sicht ist nicht neu und vermutlich auch nicht unberechtigt. Aber es kommt doch eigenartig "fleischlos" daher. Ich frage mich seit Tagen ernstlich: "Wen meint Benedikt XVI.?" oder was meint er eigentlich genau, wenn er von einem "etablierten und hoch bezahlten Katholizismus" spricht. Meint er am Ende gar mich? Als "hoch bezahlt" empfinden wir Pastoralreferenten (eigentlich Gemeindereferenten) uns nicht, wir verdienen in etwa soviel wie ein Grundschullehrer, eine Erzieherin in Leitungsposition, ein Sozialarbeiter. Mir scheint das angemessen! Ohne die Mitarbeit meiner Frau fiele es uns schwer, die Bedürfnisse unserer Kinder angemessen zu erfüllen. Hoch bezahlt? Nun ja, vielleicht trifft das etwas eher auf die Pastoralreferenten zu, die eher im Verdienstbereich eines Realschul- bzw. Gymnasiallehrers liegen. Auch die Pfarrer erhalten in Deutschland ja ein ähnliches Gehalt, jedenfalls deutlich mehr als beispielsweise ihre Kollegen in den Niederlanden oder anderen europäischen Ländern. 

Aber ich weigere mich, darin den Grund für evtl. mangelndes Engagement bzw. mangelnde Glaubens- und Kirchenfreude zu entdecken. Umso mehr als ich mich an viele junge Kapläne bzw. Pastoralassitentinnen erinnere, die mit großem Elan ihre neuen Aufgaben angingen und angehen.  

Oder sollten gar nicht die Seelsorger in den Gemeinden gemeint sein, sondern die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ordinariaten und Generalvikariaten, die sich dort um Verwaltung, Baufragen, Finanzverwaltung, Kirchenrecht, pastorale Projekte, Schulen, Kindergärten,  Priesterausbildung und manches mehr bemühen? Die Kirchensteuer und mit ihr die vielen sozialen Einrichtungen der Kirche, sorgen auch dafür, dass es viele kirchliche Angestellte gibt, die sich vermutlich nicht alle zu 100 Prozent mit ihrem "Arbeitgeber" identifizieren. Zumal die Kirche nicht automatisch ein "göttlicher" besserer Arbeitgeber sein muss. Das ist ein Problem, auch für die Glaubwüdigkeit der Institution. Erst recht, wenn kirchliche Mitarbeiter und Verantwortungsträger selbst versagen. Wer dagegen für "Gotteslohn" arbeitet, da wo er unmittelbar sieht, dass sein Einsatz notwendig ist, der wird sicher nicht so leicht Gewerkschaftsmentalität entwickeln. Mir scheint allerdings, dass eine "Gewerkschaftsmentalität" eher ein Symptom einer tiefer liegenden Krise ist, als ein Auslöser des Problems.

Ein wenig erinnert die päpstliche Kritik an das Jesus-Wort vom "bezahlten Knecht", der die Schafe in der Gefahr zurückläßt, anders als der Hirte, dem die Schafe gehören und der sie unter Einsatz seines Lebens verteidigt. Aber letztlich kommt es doch darauf an, was den "bezahlten Knecht" antreibt, die Lust auf "Mammon" oder die Freude am Evangelium. 

Ja, ich bekenne ehrlich, dass ich gerne bei der Kirche arbeite, dass mir mein Beruf Freude macht, dass ich - ähnlich wie Franziskus von Boeselager - eine manchmal fehlerhafte, "sündige" Kirche wahrnehme, aber dennoch nicht aufgeben möchte, in ihr zu leben und sie zu gestalten. Und ich bekenne auch, dass ich mich verantwortlich fühle für die Zukunft meiner Familie, dass ich einer Abschaffung der Kirchensteuer mit Sorge entgegen blicke und nicht begeistert wäre, müßte ich meinen Lebensunterhalt in der "freien Wirtschaft" verdienen und meiner Kirche nur noch im Ehrenamt nach Feierabend zu dienen. Dazu bin ich viel zu gerne im Raum dieser Kirche tätig und entdecke in meiner Berufswahl durchaus auch eine Berufung. Ich weiß auch nicht, ob es Arbeitgeber gäbe, die einen Industriekaufmann, der 25 Jahre aus der Übung ist, eine Stelle anbieten würden.

Trotzdem darf ich als kirchlicher Mitarbeiter die Worte Benedikts in dem Sinne verstehen, wie vor einiger Zeit auch die Anregungen von Papst Franziskus zu den "15 Krankheiten der Kurie" und damit auch anderer kirchlicher Organisationen (und vor allem deren Mitarbeiter), als Anregung zur Gewissenserforschung. 

Ich bin sicher, dass Papst Benedikt eine deutlich umfassendere Analyse der Schwierigkeiten und Stärken der katholischen Kirche in seinem aktuellen Interview-Buch (und auch darüber hinaus) vertritt. Er, der in einer großen Prägnanz und Tiefe geistliche Themen zu durchdringen vermag, wird auch hier nicht an der Oberfläche geblieben sein. Aber die ersten Meldungen der Zeitungen bringen natürlich die vermeintlich "heißen Eisen". Auch mit Blick auf die Kirchensteuer zeigt der emeritierte Papst sich ja eher skeptisch als ablehnend. Natürlich weiß er nur zu gut, dass für das kirchliche Wirken auch finanzielle Mittel notwendig sind. Und er weiß auch, dass es die Glaubwüdigkeit des pastoralen Wirkens nicht förderlich ist, wenn allzu viel Zeit und Energie ins Fundraising investiert werden muss. Die niederländischen Katholiken können ein Lied davon singen. Aber auch die Frage der Kirchenfinanzierung ist ein Nebenschauplatz, für den wir mit Transparenz und Bescheidenheit bald überzeugende Lösungen finden sollten. Warum sollten die Katholiken nicht viel mehr Einfluß darauf haben, was mit ihren Kirchensteuern geschieht? Warum sollte man seine Kirchensteuer nicht beispielsweise direkt den Kartäusern der Marienau zukommen lassen. Für einen grundsätzlichen Wandel der Kirchenfinanzierung gibt es schon heute durchaus vielversprechende Ideen und Projekte. 

Die Krise der Kirche im Westen ist ja durchaus nicht nur auf Deutschland beschränkt. Sie hat vielfältige Ursachen und wird sicher noch länger andauern. Und niemand möchte die Botschaft Jesu Christi gegen das Bekenntnis zum Veganismus eintauschen. Jesus geht es um deutlich mehr als um unseren Bauch und unseren Körper. 

Die Krise sollte uns nicht lähmen. Jesus lebt! Seine Botschaft ist aktuell! Er ruft uns in seine Nachfolge, auch wenn wir dazu "unser Kreuz" aufnehmen müssen. Einen gemütlichen Spaziergang hat er uns nicht versprochen. Wenn unsere "Gegner" heute auch nicht bilderstürmende Wiedertäufer oder säbelrasselnde Wüstenkrieger sind, sondern eher Desinteresse und Müdigkeit hier wie dort: Eine Kapitulation vor der spezifisch deutschen Form der Kirchenkrise ist nicht angesagt.

Da halte ich es lieber weiter mit den Worten, unter denen vor 25 Jahren meine Beauftragung durch Bischof Reinhard Lettmann stand.

Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele!
Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, 
meinem Gott singen und spielen, solange ich da bin.
Recht verschafft ER den Unterdrückten, 
den Hungernden gibt ER Brot; 
der HERR befreit die Gefangenen.

Der HERR öffnet den Blinden die Augen, 
ER richtet die Gebeugten auf.
Der HERR beschützt die Fremden
und verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht.

Der HERR liebt die Gerechten,
doch die Schritte der Frevler leitet ER in die Irre.
Der HERR ist König auf ewig, 
dein Gott, Zion, herrscht von Geschlecht zu Geschlecht.

Mittwoch, 20. Juli 2016

Das hat nichts mit dem Islam zu tun!? Wirklich?!

In unterschiedlichen Varianten wurde ich in den vergangenen Tagen mit diesem Satz konfrontiert. Das lädt geradezu ein, sich darüber einmal auszulassen, denn aufschlussreicher als die Bemerkung an sich ist die jeweils dahinter stehende Haltung. 
  • In den vergangenen Wochen und Monaten gab es immer wieder Wortmeldungen und offiziöse Stellungnahmen hoher religiöser Autoritäten des sunnitischen Islam, die bestritten, dass der islamische Staat oder der islamische Terrorismus sich überhaupt als "islamisch" bezeichnen dürfe.  Teilweise wurden hierzu sogar entsprechende Rechtsgutachten veröffentlicht. Leider werden derartige Stellungnahmen hoher und höchster muslimischer Autoritätspersonen hierzulande kaum wahrgenommen. Während über einen einzelnen Terroristen und seine Tat wochenlang berichtet wird (einschließlich der breiten Publikation von Material der Terrorgruppen und der ihnen nahe stehenden "Nachrichtenagenturen selbst) werden die Verlautbarungen der Religionsgelehrten meist nur in einer kleinen Randnotiz erwähnt. (Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Wortmeldung des Ägyptischen Großmuftis Schauki Allam.)

    Selbst der Passauer Bischof Stefan Oster erregt mit einem im Internet veröffentlichten Beitrag hohe Aufmerksamkeit, wenn er fragt: "Wo sind die Protagonisten des friedlichen Islam – und wo sind sie gemeinsam?" Rein formal könnte man ihm da sicher widersprechen. Aber dennoch sind seine Anfragen ein Innehalten und eine ausführliche Antwort wert. 
  • Muslimische Gruppen und Verbände und wohlmeinende Politiker und Kirchenvertreter in Seutschland betonen in Ihren Stellungnahmen immer wieder "Terror hat keine Religion", der Islam bzw. der Koran werde von den Terroristen mißbraucht und man müsse zwischen Islam und Islamismus unterscheiden. 
  • In Wortmeldungen unterschiedlicher Akteure im Netz wird der Satz "das hat nichts mit dem Islam zu tun" oder "das hat nichts mit nichts zu tun..." beständig verbreitet und inzwischen sogar als zynischer Kommentar zu jedem Terrorangriff und zu jeder schlechten Nachricht gepostet. 
  • Eher versteckt geht es um diese Frage auch in der Diskussion, ob es sich bei den Anschlägen mit dem Lastwagen in Nizza durch einen Tunesier und in einem Zug bei Würzburg auf chinesische Touristen nun um Amokläufe oder Terrorakte handelt. Alternativ wird das auch so formuliert: "Das sind keine Terroristen, das sind Kriminelle." (Äh: vielleicht sind sie ja beides? Wäre ja möglich? Oder gar wahrscheinlich!) Ginge es nach den Lautsprechern des sog. Islamischen Staates, der beide Angriffe flugs "adoptierte", hätte Beides sehr wohl und sehr viel mit dem Islam zu tun und es habe sich um "Soldaten" eines Islamischen Staates gehandelt. Derartiger Terror kennt keine "legitimen" Ziele mehr, ja offensichtlich geht es im Grunde gar nicht um Anschläge auf Personen, die man in irgendeiner Weise für "schuldig" erklärt, sondern um eine möglichst große Aufregung, viel öffentliche Aufmerksamkeit und höchste Verunsicherung in der Bevölkerung. Es kann jeden treffen, nicht einmal der fromme Muslim oder ein kleines Kind sind vor solchen wahnsinnigen Angriffen sicher. Ich mag meine Phantasie gar nicht auf die Reise schicken, welche irren Terror - Szenarien in Zukunft noch auf uns warten mögen.
Auf eine gnadenlose und furchtbare Weise machen die Täter und die Strategen des IS beinahe jeden zum Komplizen, der auf die Angriffe in irgendeiner Art und Weise reagiert. Aus Angst, Sorge, Verunsicherung wird Mißtrauen, Gegnerschaft, Haß. Alle Maßnahmen zur Terrorabwehr, alle Vorsichtsmaßnahmen führen zu einer weiteren Verunsicherung und Polarisierung in unserer Gesellschaft aber auch darüber hinaus. Ob es Möglichkeiten gibt, dieser vielschichtigen Eskalationsspirale zu entkommen oder diese zu durchbrechen?

Ich fürchte, der zitierte Satz "Das hat nichts mit dem Islam zu tun." ist inzwischen völlig kaputt und geradezu verbrannt. Ähnlich wie die Formulierung "Der Islam gehört zu Deutschland" ist er einfach zu unpräzise und erklärungsbedürftig (was leider einige fromme Theologen noch nicht gemerkt haben). Der Satz allein ist so wahr, wie er falsch ist. Dennoch sollten wir die Botschaften, die hinter diesem Satz stehen, nicht einfach beiseite schieben. 

Da wo er dazu dient, zu beschwichtigen, zu verharmlosen und zu vernebeln, ist er sicher abzulehnen. Es ist heute nicht mehr möglich, sich mit dieser Bemerkung aus der Verantwortung zu stehlen, weder als Muslim noch als Christ. (Fast noch schlimmer finde ich allerdings seine Verwendung als zynischen Kommentar. Wer dies tut, disqualifiziert sich für eine weiterführende Diskussion.)

Auch als Katholik kann es mir nicht gleichgültig sein, wenn "christliche" Prediger in Uganda oder in Amerika über den Tod homosexueller Menschen jubeln oder gar zum Mord an ihnen aufrufen. Als Christ kann es mir nicht gleichgültig sein, wenn Menschen mit Schlachtrufen wie "Allahuh akbar" "deus lo vult" oder den Apostel Jakobus als "Santiago Matamoros" anrufend losziehen, um anderen Menschen zu töten, zu verstümmeln oder zu terrorisieren. Die einmal entfesselte Gewalt überschreitet auch bei Glaubenden allzu schnell den "legitimen Rahmen", wenn es einen solchen überhaupt geben kann.

Auch wenn ich (also, jetzt natürlich nicht persönlich) als Muslim überzeugt bin, dass die Islamisten eine schlimme Verirrung im extremen Randbereich meiner Glaubensgemeinschaft darstellen, muss ich dennoch alles tun, um ihnen den Boden zu entziehen. Damit übernehme ich doch im hohen Maße Verantwortung für meinen eigenen Glauben. Und das kann auch schon mal dort anfangen, wo  sich der Geist des Terrors erst langsam zu entfalten beginnt. 

Der islam(istische) Terrorismus ist ein Krebsgeschwür im Körper des Islam. Ich weiß wovon ich rede, wenn ich dieses Bild wähle, und ich fürchte, ohne eine harte Therapie wird der Islam sich nicht davon befreien können. 

Ich habe eine Krebserkrankung überwunden (so Gott will) und musste lernen: mein Krebs gehört zu mir, er ist ein Teil von mir, es sind meine eigenen Körperzellen, die entartet sind und ich musste mit Hilfe von Chemotherapie und Bestrahlung gegen den Krebs in mir kämpfen. Und dass dies auch den restlichen Körper trifft (und schwächt), mußte ich vielfach erfahren. 

Ich glaube der Satz, "das hat nichts mit dem Islam" zu tun, ist so berechtigt - wie falsch. Wer ihn allerdings als Waffe gegen die islamische Religion verwendt, der handelt nicht anders als all die, die in der Vergangenheit (manchmal bis heute) z.B. in den HIV-Erkrankten oder den - schon biblischen - Aussätzigen nicht die Krankheit, sondern die Kranken selbst bekämpft haben. 

Mir kommt die Begegnung Jesu mit 10 Aussätzigen in den Sinn. Jesus heilt sie alle und schickt sie zu den Priestern. Nicht "Dein Glaube hat Dir geholfen!" steht im Mittelpunkt dieser "Heils-Geschichte", sondern der Eine, der zurück kommt, seinen Dank ausdrückt und Jesus nachfolgt. Aber auch die neun Anderen waren es wert, dass Christus sich ihnen zugewandt hat. Das ist sicher auch ein sprechendes Bild, das uns hilft in unserem Bemühen nicht nachzulassen und auch mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, auch wenn sie meine eigenen Grundüberzeugungen nicht teilen.

Insofern ist es auch wesentlich, all jene Muslime zu bestärken, die aus tiefster Überzeugung glauben, dass dem Terror jegliche islamische Grundlage und Legitimation abgeht. Gemeinsam mit ihnen sollten wir (Christen, Agnostiker, Atheisten) alles tun, um die religiöse Legitimation des Terrors und vor allem das Anwerben von Geld, Waffen und Menschen für den Terror zu unterbinden. Ich bin in der Tat überzeugt, dass es für diesen Kampf ein Miteinander von Menschen unterschiedlichster (Glaubens-)Überzeugungen braucht. Wie der Krebskranke einen guten Arzt und mancherlei Unterstützung braucht, so kann man den Kampf gegen den islamistischen Terror nicht allein den friedliebenden Muslime zuschieben. Der einzelne Muslim ist für den Terror (und seine Bekämpfung) nicht mehr und nicht weniger in der Pflicht als Sie und ich.

Wichtig für eine erfolgreiche Krebstherapie sind gute Ärzte. Aber wesentlich ist auch die innere Einstellung des Patienten. Und da ist es gut, sich nicht hinter "das hat nichts mit dem Islam zu tun" zu verstecken, sondern aufrecht und engagiert zu zeigen: "das ist der Islam" und "das nicht".

Das 2. Vat. Konzil war für meine Kirche eine Therapie der oben geschilderten Art. Es war richtig und erfolgreich, blieb aber nicht ohne Nebenwirkungen und Phantomschmerzen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang zwei Aspekte hervorheben, die im Kontext des Kampfes gegen den Islamismus und für seine Einordnung wesentlich sein dürften. Sie sind auch wesentlich für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Tradition und Religion, gerade angesichts der unaufhaltsamen Globalisierung. Die "zwei" Aspekte erinnern mich dabei an meine Krebstherapie mit Chemotherapie und Bestrahlung. Daneben gibt es natürlich weitere Therapien, die der Erwähnung wert wären. Ich möchte mich hier aber beschränken.
  • Da ist einmal die persönliche Religionsfreiheit. Es ist verständlich, dass Religionen sich für Orthodoxie engagieren. Die Anhänger einer Religion sollten ihren Glauben innerhalb eines gewissen Rahmens verwirklichen und leben. Es muss so etwas wie Rechtgläubigkeit geben. Aber es muss auch die Freiheit geben, sich aus diesem Rahmen zu entfernen, bis dahin, einer Kirche vollends den Rücken zu kehren. Es gibt sicher hierfür einen legitimen Rahmen an Sanktionen, über das rechte Maß an "Papsttreue" und "Kirchentreue" wird ja bis heute auch innerhalb des Katholizismus gestritten. Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob eine geschiedene und neu verheiratete Frau z.B. Pfarrsekretärin sein kann. Aber heute muss niemand mehr mit Strafen oder gar Verfolgung rechnen, weil der den Rahmen der Kirche verläßt. Mein ehemaliger Bischof hat einmal eine Schrift herausgegeben unter dem Leitwort "Glaube durch Einsicht und Entscheidung" und die viel beachtete Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. wollte ja eigentlich die Frage von Glaube und Vernunft thematisieren und sich gegen jeglichen Zwang in der Religion wenden. 
Diese Fragen eignen sich auch zur Gewissenserforschung der muslimischen Autoritäten. Für mich ist es ein heftiger Widerspruch, wenn beispielsweise der Großimam der Al-Azhar - Universität in Kairo den Islamismus klar verurteilt, aber gleichzeitig Strafen für Apostaten gutheißt oder auch nur rechtfertigt. 
Auch der Islam muss auf Strafmaßnahmen verzichten, die den religiösen Rahmen überschreiten, wenn Gläubige aus den Rahmen der Rechtgläubigkeit herausfallen bzw. sogar zu einem anderen Glauben konvertieren. Eine so verstandene Religionsfreiheit stellt natürlich die Frage, ob das nicht auch den gewaltbereiten Salafisten einschließt. Kann auch er sich auf die Freiheit der Religion berufen? Oder anders gefragt: darf sich die religiöse Gemeinschaft von der Sorge um die Gewaltbereiten dispensieren bzw. die Verpflichtung sie zu stoppen, allein auf staatliche Behörden verlagern? Ich denke nein, es braucht klare Kriterien, wo die Freiheit in den religiösen Überzeugungen endet. 
  • Das zweite "heiße" Eisen in der Therapie ist, inwieweit sich Religionen in den Auseinandersetzungen zwischen Menschengruppen und Staaten mißbrauchen lassen. Das sehe ich mit großer Sorge. Dabei ist der allfällige Streit, ob es sich bei Streitigkeiten beispielsweise unter Christen und Muslimen (vielleicht sogar in der Flüchtlingsunterkunft) nun um religiöse Konflikte, um "Lagerkoller" oder um Ventile für allzu großen persönlichen Druck handelt. Ich glaube, diese Aspekte sind nicht voneinander zu trennen. Meist stehen hinter den Auseinandersetzungen unterschiedlicher Völker ganz handfeste Gründe, gibt es soziale Gefälle oder eine unterschiedlich verteilte Macht. Wenn man diese Konflikte in irgendeiner Weise aufladen kann, wirkt manchmal auch die Religion wie ein zusätzlicher Treibsatz. Wir und die anderen! 
Hier sollten alle religiösen Menschen, insbesondere alle, die in ihren Religionsgemeinschaften mit Autorität ausgestattet sind, hoch sensibel sein und bleiben. Es geht darum, die religiöse Aufladung von Konflikten soweit als möglich zu verhindern und alles zu vermeiden, was Konflikte insofern anheizt! Auch wenn das im Einzelfall sehr schwer fallen kann. Wir erleben zur Zeit, wie eine unsichtbare Schranke z.B. zwischen Christen und Muslimen in Deutschland wieder bewußter wird und wie das Miteinander - oft durch Taten und Worte Einzelner - mehr und mehr auf die Probe gestellt wird. Das geht einen jeden Gläubigen an und gerade dann müssen Gläubige der Versuchung widerstehen, sich in der eigenen Gemeinschaft einzuigeln und offensiv auf die Andersgläubigen zugehen und nach Wegen der Versöhnung und des Miteinanders suchen. 
Dazu gehören auch klare Worte am rechten Ort. Es nützt nichts, bestehende Konflikte zuzukleistern, erst recht dann nicht, wenn mein Gerede durch die Wirklichkeit bzw. den nächsten Terrorangriff plötzlich als wohlfeiles Gequatsche offenbar wird. Aber auch das andere Extrem der leichtfertigen Schuldzuschreibungen ist zu meiden. Die Grundregel: alles was ich über einen Menschen sage, muss ich auch bereit sein im Vier-Augen-Gespräch mit ihm zu diskutieren könnte hier hilfreich sein. Viel besser wäre natürlich die Befolgung des Evangeliums bei Matthäus, 18:15 ff auch im Umgang mit den Muslimen unter uns.

Leider wählen heute viele eine problematische Weise der Kommunikation. Als "Islamversteher" habe ich z.B. niemals gesagt (was mir immer mal wieder vorgehalten wurde), dass die hohe Zahl der Flüchtlinge nicht auch über die Fragen von Unterbringung, Spracherwerb und Finanzierung hinausgehende Probleme verursachen könnte. Ganz sicher sind unter den Flüchtlingen auch Menschen, die am Ende für den Ruf der Sirenen des Terrors empfänglich sind oder gar schon mit dem Vorsatz hierher kamen, Verbrechen oder gar Terrorakte zu begehen. Dagegen hilft aber nicht, gleich alle Flüchtlinge in trostlose Lager zu sperren oder auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu zwingen. Im Gegenteil, traumatisierte und verzweifelte Menschen sind anfälliger für Ideologen jeglicher Couleur, die Hilfe versprechen. 

Natürlich ist es legitim, wenn Christen zunächst ihren Schwestern und Brüdern helfen. Aber das reicht nicht, wie die Erzählung vom barmherzigen Samariter vor Augen stellt. Wir sollten auch wachsam sein, ob durch unser Handeln der soziale Zusammenhalt über Grenzen hinweg in Gefahr gerät. Christen sollten hoch aufmerksam sein, ob sie durch ihr Handeln nicht am Ende das Geschäft derer betreiben, die in zerrütteten Gesellschaften und zerbröckelnden Staaten freien Raum für die Verbreitung und Verwirklichung ihrer menschenverachtenden Pläne und Ideologien vorfinden. Insofern ist die Rede vom "Gefährlichen Islam" oder in ähnlichen Kurzformeln mindestens so fahrlässig wie (inzwischen) die Phrase: "Das hat nichts mit dem Islam zu tun." Wer diesen Satz inhaltlich ablehnt, der sollte auch nichts ins andere Extrem verfallen. 

Zum Weiterlesen:

Stellungnahme des Großmuftis Schauki Allam: http://www.sueddeutsche.de/politik/aegypten-fehlgeleitete-wahnsinnige-1.3092495



Auch Monika Metternich scheibt - in einem anderen Kontext - über "mein" Thema: http://www.katholisch.de/aktuelles/standpunkt/hofmanns-kritiker-springen-zu-kurz

Mittwoch, 6. Juli 2016

Ja, wohin gucken sie denn? Ab Advent nach Osten?

Ja, ich gestehe es ganz offen! Ich bin ein Nachgeborener! Ich bin nach dem Konzil zur Welt gekommen und … wie ich glaube … in Ermangelung liturgischer Bücher - vermutlich mit Hilfe eines Schnellhefters - getauft worden, damals 1967. 

Warum ich damit einsteige? Weil mir als „Nachgeborenem“ in den aktuellen Diskussionen um die korrekte Zelebrationsrichtung heute mal wieder abgesprochen wurde, überhaupt mitreden zu dürfen, da ich das Konzil ja nicht selbst erlebt habe. Schließlich sei „durch das Konzil“ der „Rauch Satans“ in die Kirche gedrungen, das habe sogar ein Papst (Paul VI.) gesagt. 

Ich will trotzdem mitreden, weil mich die Diskussion beschäftigt und nachdenklich macht. Sie gehört unter allerlei, meist ideologisch zugespitzten Umschreibungen zu den Standards in der Diskussion um die rechte Weise der liturgischen Feier. „Zum Volke hin zelebrieren“, „orientierte Zelebration“ „Mit dem Rücken zum Volk!“ „Auf Gott hin...“ „Zelebration zur Wand“.

Aber kommen wir zunächst zum Anlaß. Vor einigen Tagen hat Robert Kardinal Sarah, ausgerechnet der für die Liturgie zuständige Präfekt der Gottesdienstkongregation, von London aus einen sehr praktischen Vorschlag gemacht (oder er soll ihn gemacht haben): Die Priester mögen doch vom Advent 2016 an versuchsweise zur Zelebration nach Osten „zurückkehren“. Katholisch.de berichtet wie folgt: „"Es ist sehr wichtig, dass wir so bald wie möglich zu einer gemeinsamen Ausrichtung zurückkehren, in der die Priester und Gläubigen gemeinsam in die gleiche Richtung schauen – ostwärts oder zumindest in Richtung der Apsis – auf den kommenden Herrn", sagte Kardinal Sarah. "Habt Vertrauen, dass das etwas Gutes ist für die Kirche und für die Gläubigen." Mit ihrem pastoralen Urteilsvermögen könnten die Priester selbst einschätzen, wie und wann die Messfeier "ad orientem" möglich sei, aber vielleicht könnten sie damit am ersten Sonntag dieses Advents beginnen.“

Es ist schon eigenartig, dass ein solcher Vorschlag recht salopp in den Raum gestellt wird. Wenn das nun von Kardinal Brandmüller gekommen wäre oder von Weihbischof Schneider... Aber wenn der Präfekt der Gottesdienstkongregation so etwas sagt, dann fragt man sich schon, ob ihm klar ist, dass dies ein einigermaßen brisanter und ungewöhnlicher Vorgang ist. Er wird auch wissen, dass diese Frage höchst umstritten ist, umstritten vor allem unter denen, die Liturgie gestalten und feiern. Die große Masse der katholischen Gläubigen wird da wohl eher etwas verständnislos sein und sich fragen, was das werden soll. Und welche „rechtlich-liturgische“ Bedeutung hat das Ganze? Wie kann es sein, dass eine solche „lockere Idee“ vom obersten Liturgiker der Kirche in den Raum geworfen wird, wo die Kirche noch nicht einmal die „kleine“ Veränderung der Wandlungsworte vom „für alle“ zum „für viele“ oder für „die vielen“ verdaut und - in Deutschland zumindest - noch nicht mal umgesetzt hat. Ich hatte mich in einem früheren Blogbeitrag damit eingehend beschäftigt. 

Zur Zelebrationsrichtung möchte ich zunächst einmal einige Beobachtungen voranschicken: 

  • In der Diskussion um die korrekte Zelebrationsrichtung ist mir noch nie das Argument der Ökumene begegnet. Oder habe ich das nur übersehen? In vielen evangelischen Kirchen ist der Altar so angeordnet, dass eine Zelebration „hinter“ dem Altar gar nicht möglich ist. Gerade wenn das Abendmahl gefeiert wird, wenden sich viele evangelische Pfarrer nach Osten (wenngleich manchmal auch nur symbolisch). In der Orthodoxie ist das – soweit ich es sehen kann – auch ganz selbstverständlich so.
  • Es gibt Kirchen und Kapellen, die von der Architektur her eigentlich eine Zelebration mit Blick auf die Apsis „erfordern“. Jedenfalls ist es spürbar, dass sie so gebaut wurden und dass die nachträglich eingefügten Zelebrationsaltäre nicht wirklich in den Raum passen. Manchmal ist der Altarraum so eng, dass der Priester hinter dem Alter „eingezwängt“ erscheint.
  • Bei allen Formen der Anbetung, die ich bisher miterleben durfte, erscheint es mir immer stimmig, wenn der Priester (oder auch der Leiter der Andacht) sich mit den Mitbetenden vor dem Herrn „klein“ macht. Das geht auch allen Mitfeiernden in der Regel so. Ich erinnere mich mit Schaudern an die eucharistischen Anbetungen im Rahmen einer Gemeindemission in meiner Heimatgemeinde, wo der Pater, mit dem Schultervelum bekleidet und die Monstranz in der Hand, die Hauptgedanken der Missionspredigt wiederholte, bevor er den eucharistischen Segen spendete. Das hat da nichts zu suchen – Anbetung ist Anbetung! Auch bei Andachten sitze ich als Vorbeter am Liebsten unter den Leuten (wenn das akustisch möglich ist).
  • Im Kloster Stiepel beten die Zisterzienser in der recht kleinen Klosterkirche in zwei nachträglich angebauten Seitenkapellen. Jeweils eine Hälfte des Konventes rechts und links. Wann immer die monastischen Stundengebete eine Wendung nach „Osten“ erfordern, stehen die ersten Mönche stumpf vor der Wand. Dies als „liturgisch sinnvoll“ zu erfahren und einzuordnen erfordert einige liturgische Kenntnis und Durchdringung. Visuell erfahrbar ist das im Grunde nicht. Ähnlich wäre dies auch in manchen modernen Kirchen, wo die Hinwendung zur Apsis, „zum kommenden Herrn“ angesichts einer schlichten Mauer oder Betonwand nur mit Mühe als solche zu erkennen ist. 
Zur Begründung seines Vorschlages führt Kardinal Sarah aus: „Einige liturgische Studien legten nahe, dass manche nachkonziliare Reformen dem Zeitgeist entsprechend durchgeführt und über das "Sacrosanctum Concilium", die Konstitution über die heilige Liturgie der Konzilsväter, hinausgegangen sei. Einige "sehr ernste Fehlinterpretationen der Liturgie" hätten sich durch die Einstellung eingeschlichen, die den Menschen anstelle von Gott in den Mittelpunkt stelle. "Die Liturgie dreht sich nicht um dich und mich", sagte Sarah. "Darin feiern wir nicht unsere Identität oder unsere Leistungen, wir verherrlichen oder bewerben darin nicht unsere Kultur oder lokalen religiösen Bräuche. Die Liturgie handelt zuallererst von Gott und was er für uns getan hat."“

Wer möchte dies – vor allem  die abschließenden Sätze – ernsthaft bestreiten wollen; nur was schließen wir daraus? Und stimmt neben der theologischen Überzeugung auch die Diagnose? Ist es wirklich so, dass Gottesdienste gefeiert werden, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen? Und wenn dieser Eindruck entstehen sollte - ist das den Zelebranten bewußt oder geschieht dies gar gewollt? Ich glaube immer noch, dass die weitaus meisten Gottesdienstbesucher keinesfalls Kultur oder lokale religiöse Bräuche "verherrlichen oder bewerben" möchten. Natürlich handelt die Liturgie von Gott, aber doch auch von meiner Schuld, von Vergebung, Erlösung und von menschlicher Not, Angst und Sorge. 

Ich habe keine Erinnerung an die Durchführung liturgischer Reformen nach 1965. Aber viele Menschen haben mir erzählt, dass sich der Wechsel der Gebetsrichtung in der Kirche mit Windeseile durchgesetzt hat. Von Konflikten zu dieser Zeit und um diese „Reform“ hat mir bisher jedenfalls niemand berichtet. Dass es diese gab, weiß ich aus anderne Quellen, aber die „normalen Gläubigen“ haben das offensichtlich weitgehend begeistert angenommen. Ganz offensichtlich war der Sinn der Zelebration ad orientem nicht allzu tief ins Glaubensbewußtsein von Priestern und Volk eingedrungen. Auch ganz persönlich erfahre ich beispielsweise die Feier der Messe nach der außerordentlichen Form der römischen Liturgie nicht „automatisch“ als „gottvoller“ oder stärker auf Gott als auf die Mitfeiernden ausgerichtet. 

Dabei sagen die Konzilstexte selbst über die Zelebrationsrichtung überhaupt nichts aus. Erst später wird festgelegt, dass der Altar frei stehen soll und dass man ihn umschreiten können sollte. 1969 findet sich in der allgemeinen Einführung ins Messbuch die Zelebration versus populum (zum Volke hin). Ich glaube nicht, dass sich der Wandel in der Gebetsrichtung zwischen Konzilsende und neuem Messbuch plötzlich eingeschlichen hat und alle Priester ganz überrascht waren, davon in der Einführung zu lesen. In der Geschichte der Kirche hat es in dieser Fraga auch sehr unterschiedliche Traditionen gegeben. Im Einzelnen darauf einzugehen, bin ich nicht Liturgiker genug. Was viele nicht wissen: selbst das „tridentinische“ Missale von 1962 sieht die Möglichkeit der Zelebration zum Volke hin vor, wenn auch nur in Ausnahmefällen. Darüber hinaus kann man die Fakten hierzu auch an zahlreichen Stellen im Netz nachlesen und es wird in den nächsten Wochen ganz bestimmt von kundigen Leuten Reaktionen auf Kardinal Sarahs Vorschlag geben. 

Die alten römischen Kirchen sind ursprünglich so ausgerichtet gewesen, dass der Altar im Westen und der Eingang im Osten war. Erst im Mittelalter setzte sich die „Ostung“ der Kirchen durch. Der Gedanke dahinter ist ja die Ausrichtung zum Sonnenaufgang als Symbol für den wiederkehrenden auferstandenen Christus. Was ja die Frage stellt, wo genau denn nun - im Jahreslauf - dieses Osten ist? In der Folge gibt es sogar Kirchen, deren Ostung genau auf den Sonnenaufgang des Patronatsfestes ausgerichtet ist. Was ja durchaus Charme hat. Aber so "zwanghaft" ist die „Orientierung“ der Kirchen in der kath. Welt insgesamt nicht. Es ist eine Symbolik die zwar bedeutsam ist, aber nicht überbetont werden muss.

Liturgiewissenschaftler weisen durchaus auf Schwächen der jeweiligen Gebetsrichtungen hin. So ist auch die vertraute Form der Zelebration zum Volke hin sicher nicht ohne Schwächen und Fragezeichen. Aber die Rückkehr zur alten Form ist ebensowenig die Lösung aller Probleme und Abhilfe für alle Defizite der heutigen Liturgiepraxis. Ich finde es durchaus sinnvoll, einmal wirklich in Ruhe die Liturgiereform der späten 60er Jahre in den Blick zu nehmen; was hat sich bewährt, was ist tragfähig, was ist zeitbedingt? Wo ist die ältere Liturgie stimmiger? Die aus der „Konserve“ wiederbelebte außerordentliche Form könnte auch einen Feinschliff gebrauchen, warum nicht auch die ordentliche Form? Das ist ein weites Feld, wo ich „Stückelei“ als kontraproduktiv empfinde. Es kann ja nicht sinnvoll sein, dass bei jeder neuen liturgischen Reform weitere "außerordentliche" Formen entstehen. Stell man sich einmal vor, es gäbe wirklich die Reform der Reform ... und ein namhafter Teil der Priesterschaft fordere die Zelebration nach dem Messbuch Paul VI. als zweiter außerordentlicher Form des röm. Ritus. (So abwegig ist das nicht, wenn man an die Einführung (und Einmottung) des neuen Begräbnisrituale vor einigen Jahren denkt.)

Dabei bin ich durchaus offen für Veränderungen der Gebetsrichtung. Warum sollten Teile der Messe nicht „gen Osten“ gebetet werden? Der Gedanke, dass Christen sich nicht zum geschlossenen Kreis zusammenschließen, der sich ausschließlich gegenseitig anschaut, sondern dass wir Gottesvolk sind, im Aufbruch zum Oriens, zum kommenden Christus, der uns entgegenkommt (Joseph Ratzinger), ist doch eindrucksvoll und stimmig. Aber kann eine solche Haltung nicht auf unterschiedliche Weise Ausdruck finden? Mein Eindruck ist auch, dass die Liturgiker von heute in dieser Frage eine größere Offenheit vertreten als dies in früheren Jahren der Fall war. 

Weiterführend ist ja auch der Gedanke, dass die Feiernden den Altar, der DAS Symbol für Christus ist „umstehen“. „Der Hauptaltar muss so angeordnet und gestaltet sein, dass er stets als ein Zeichen Christi erscheint, als der Ort, an dem die Heilsmysterien gefeiert werden, und gleichsam als die Ehrfurcht gebietende Mitte der versammelten Gemeinde." So heißt es in der Instruktion „Eucharisticum mysterium“ von 1967. 

Mir greift die Bemerkung "orientierte Zelebration" zu kurz, wenn es bedeuten soll, die Gebets"richtung" des Priesters schlicht um 180 Grad zu verändern. Ich kenne sehr wohl Priester, die "orientiert" zelebrieren und zwar wirklich zum Herrn hin, ohne mit mir in eine Richtung zu schauen... Es ist für mich auch weniger eine Frage wo und wie die Füße stehen, sondern wo Herz, Sinn und Geist sind...

Ganz ähnlich wird das ja auch von der Kongregation für den Gottesdienst  im September 2000 gesehen, dass die physische (topographische) Ausrichtung von der geistlichen (theologischen) unterschieden werden muss. Wenn der Priester versus populum feiert, solle seine geistliche Ausrichtung genau wie die der Gemeinde doch immer versus Deum per Iesum Christum (auf Gott hin, durch Jesus Christus) sein (zitiert aus Wikipedia).

Die Gleichsetzung: Zelebration zum Volke hin = der feiernde Mensch steht im Mittelpunkt und Zelebration nach Osten = der wiederkommende Herr steht im Mittelpunkt, greift mir zu kurz. Mir ist das zu oberflächlich und ich vermute und hoffe, dass auch der Kardinal das in seinem Vortrag differenzierter dargestellt hatte.

Letztlich kommt es in der Liturgie auf Kommunikation an und durchaus auch auf kulturell geprägte Verständnisse. Das dürfte dem Afrikaner (Guinea) Robert Sarah doch aus eigener Erfahrung kennen. Gottesdienst ist Kommunikation. Kommunikation mit Gott und Kommunikation unter den Menschen. Ich finde, beides muss sich im Gottesdienst die Waage halten. Gottesdienst ist kommunikatives Geschehen, nicht nur im Moment der Predigt. Und diese Kommunikation muss immer und deutlich spürbar ausgerichtet sein, auf den Vater im Himmel, durch den Sohn im Hl. Geist. Das gelingt nicht immer, und sicher gibt es Priester, bei denen die Aufmerksamkeit der Feiernden erst einmal in der Priestergestalt hängen bleibt. Und andererseits gibt es auch Priester, die sich in der Kommunikation mit Menschen schwer tun, sei es mit Einzelnen, sei es mit Gruppen. Auch sie brauchen den notwendigen Raum in unseren Gemeinden. Es ist wichtig, dass sich jeder, der im liturgischen Raum aktiv ist, immer wieder selbstkritisch fragt und auch befragen läßt: wer und was steht hier im Zentrum oder im Focus, Gott; sein Wort; die Anbetung … oder ich und „meine Art“ zu predigen, zu beten, Liturgie zu feiern. Bin ich wirklich durchlässig – auf Gott hin?

Ich glaube, dass eine neue liturgische Reform eine ausgesprochen komplexe Angelegenheit wäre. Die braucht Zeit und Vorbereitung, Studium und Katechese. Die Erfahrungen der 60er/70er-Jahre sollten uns da wachsam und zurückhaltend machen. Der Komplex eignet sich jedenfalls nicht für eine derartige „Hauruck-Aktion“. Ich fürchte, dass die Einlassung von Kardinal Sarah nicht zu einer ergebnisoffenen Diskussion dieses spannenden Themas führt, sondern die bestehenden Verhärtungen eher noch verstärkt. 

Dieser Vorstoß ist eine vergebene Chance. Sehr schade!

Hier in englischer Sprache eine (nicht autorisierte) Mitschrift der Worte von Kardinal Sarah: http://www.catholicworldreport.com/Blog/4902/cardinal_robert_sarahs_address_towards_an_authentic_implementation_of_sacrosanctum_concilium.aspx

Nun gibt es den Text auch übersetzt: http://www.kathnews.de/auf-dem-weg-hin-zu-einer-authentischen-umsetzung-von-sacrosanctum-concilium

Eine Reaktion auf Kard. Sarah durch den Erzbischof von London: http://www.catholicherald.co.uk/news/2016/07/11/cardinal-nichols-discourages-priests-from-celebrating-mass-ad-orientem/

Freitag, 20. Mai 2016

Kisslers Manege: von katholischen Zirkuselefanten und Zirkuspferden

(c) wikipedia (s.u.)
Im journalistischen Umfeld von Artikeln wie: „Doris Schröder-Köpf: Merkel hat das Asylrecht ausser Kraft gesetzt“; „Darum stehen Männer auf Analsex“, „Weil er sich zum Christentum bekannte…“ und „Das verraten die Brüste über die Gesundheit“ erschien in diesen Tagen auch ein Artikel mit der Überschrift „Darum schadet dieser Papst seiner Kirche“. Aufgeregt wurde dieser Artikel von einigen begeisterten und anderen – davon angeekelten Foristen in zahlreiche Dialoggruppen gepostet. 

Erst wollte ich schon weiterzappen, da blieb mein Auge an den Stichworten „Alexander Kissler“ und FOCUS hängen. Ah, FOCUS, das Magazin, das einst dem SPIEGEL das Wasser abgraben wollte und inzwischen zum Hausblatt besorgter Bürger mutiert ist. Und Kissler, der so gern mit spitzer Feder schreibt: hat er jetzt den Papst vollends abgeschrieben? Oder stempelt er ihn nun so einprägsam, wie er einst Erzbischof Zollitsch als Zirkuspferd bezeichnete, den Hl. Vater selbst zum Zirkuselefanten im Porzellanladen der Kirche?

Ganz ehrlich, dieser Artikel ließ mich zunächst einmal sprachlos. Aber dann fand ich darin zahlreiche Argumentationsmuster, die mir sowohl aus dem liberal-katholischen Umfeld von „Wir sind Kirche“ wie auch aus traditionalistisch bespielten Diskussionsgruppen bekannt vorkamen. Und von daher lohnt es sich, einmal hierauf zu reagieren. 

Kissler fällt ja schon lange damit auf, dass er (zur Zeit vor allem als Kulturjournalist beim Cicero tätig) im kirchenpolitischen Kampf den Kontrahenten die scharfen Sprach-Schwerter leiht … und seit einigen Monaten auch dadurch, dass er einen Art rasselnden Säbelverleih auch für das AfD – Umfeld bereit hält. 

In seinem Artikel über den schädlichen Papst kommen zahlreiche kaum belegte Vorwürfe vor, denen ich gern etwas auf den Grund gehen möchte. Und dies tue ich als einer, der bisher weder in den Enthusiasmus der Papst-Jubler eistimmen mag, noch in die Sirenengesänge der Papst-Kritiker.

Mit einer steilen Grundthese eröffnet der Autor die Kampfzone: „Vermutlich ist Jorge Mario Bergoglio ein exakt so machtbewusster, geschwätziger und am Katholischen relativ desinteressierter Relativierer, wie Papst Franziskus mehr und mehr erscheint.“

Das muss man sich langsam auf dem Herzen zergehen lassen. Der Papst selbst (die Symbolfigur des Katholischen) sei am Katholischen desinteressiert! Für Kissler scheint er eine zwiegespaltene Persönlichkeit zu sein, einmal die Person eines argentinischen Kardinals (den er zudem unterschlägt) – dann das Amt eines Papstes. Die Botschaft: wo ein Papst zu sein scheint, ist in Wirklichkeit nur ein „desinteressierter, geschwätziger Relativierer“ drin. In Tradi-Foren, also dort, wo man Priester noch mit „Hochwürden“ anspricht, ist es seit langem üblich, vom Hl. Vater nur noch als „Herr Bergoglio“ zu sprechen und ihm jegliche Hochachtung zu verweigern.  

Schon im nächsten Abschnitt erklärt Kissler den Papst subtil zur Witzfigur, ausgehend von dessen eigenem Humor, der – zumindest nach meiner Wahrnehmung – ansonsten weithin geschätzt wird. Wer es gut mit Papst Franziskus meint, fühlt sich an Johannes XXIII. erinnert, dem ebenfalls eine gewisse Selbstironie und ein unkomplizierter Umgang zu eigen war. Als Papst, der sich noch in der „sedia gestatoria“ tragen und von Straußenfederfächern geleiten ließ, wurde dessen humorvolle Art aber nicht so augen- und ohrenfällig wie heute, wo jeder Bischof ein Anekdötchen aus der Privataudienz per Twitter zum Besten gibt. 

„Das Pontifikat droht der Kirche zu schaden und einer Welt zu gefallen, die allem Kirchlichen skeptisch gesonnen bleibt. Franziskus stößt Katholiken vor den Kopf, ohne unter Nichtkatholiken Gläubige zu finden.“ Um dem Satz noch Gewicht zu geben, werden schnell noch „Beweise“ angeführt. „Die Austrittszahlen bleiben hoch...“ Woher weiß Kissler das? Oder ist das eine rein deutsche Einsicht? Als Mann der Kultur und aufmerksamer Beobachter der gesellschaftlichen Vorgänge, sollte ihm doch klar sein, dass die Krise der Kirche mitnichten eine Krise des Papstes oder gar eine Krise der Bischöfe ist. Jedenfalls liegt deren Einfluß im niedrigen einstelligen Bereich (mal mit einer Ausnahme, über die ich zuvor schon in diesem Blog geschrieben habe). An anderer Stelle weist Kissler ja auch gerne darauf hin, dass selbst die rundum reformierte und sanierte evangelische Kirche pastoral nicht erfolgreicher ist als wir Katholiken. Dem jeweils regierendem Papst hier einen signifikanten Einfluss auf Kirchenaustrittszahlen zuzuschreiben zeugt von einer gesunden (oder zweckgerichteten) Naivität. Im gleichen Zusammenhang dürfte auch die Frage der Neupriesterzahlen zu sehen sein. Wie die Zugkraft des außerordentlichen Jahres der Barmherzigkeit einzuschätzen ist, da kann die Phantasie munter ins Kraut schießen. Für solche Zahlen gibt es – gute Gründe – die meist wenig mit der Person des jeweiligen Amtsinhabers zu tun haben. Bei den Audienzen gab es durch den „neuen“ Papst Franziskus auch vorübergehend eine Verdreifachung der Zahlen, inzwischen geht es auch wieder zurück.

Ja, Alexander Kissler, dieser Papst ist anders! Ob aber Ihre Beschreibung „Dieser Papst ist sich für keine Albernheit und keinen Affront wider die eigene Kirche zu schade“ die Sachlage wirklich trifft, möchte ich bezweifeln. 

Im Kontext des päpstlichen Interviews mit der (katholischen) Zeitung La Croix, unterstellt der Autor - ohne Witz - dem Papst (der bei zahllosen Gelegenheiten zum Gebet für verfolgte Christen einlädt, zur Versöhnung unter Völkern und Religionen; der diplomatische Initiativen zur Befriedung von Konflikten anschiebt und auch zu persönlichem Einsatz bereit ist), den verfolgten Christen in den Rücken zu fallen. Selbst wenn der Hl. Vater sich in seinem Versuch, Religionsfreiheit für Anhänger aller Religionen zu fördern und Muslime gegen unberechtigte Angriffe zu schützen sprachlich und inhaltlich verrannt haben sollte. Wer sind wir, dass wir einen möglichen Fehlgriff benutzen, um einen Keil zwischen die verfolgten Christen und ihrem Papst zu treiben? Wer sind wir, dass wir das Schicksal unserer leidenden Schwestern und Brüder für die Rechtfertigung persönlicher Angriffe und Ressentiments gegen den Hl. Vater verwenden zu dürfen glauben? Sind wir nicht genauso gerufen, für die Einheit der Kirche zu arbeiten und im Zweifel den Hl. Vater gegen Verleumdungen und Verdächtigungen zu verteidigen, die heutzutage offesichtlich nicht mehr in erster Linie von Atheisten und Agnostikern, von sozialistischen Kirchenhassern oder darwinistischen Kirchenverächtern stammen, sondern aus der Mitte der Kirche selbst?

Was soll daran falsch sein, wenn der Papst mit Blick auf das laizistische Umfeld Frankreichs Religiosfreiheit fordert, für kreuztragende Christen und kopftuchtragende Musliminnen. In keiner Weise betreibt er hier Gleichmacherei. Hat Kissler das Interview gelesen? Ich kann es mir nicht vorstellen, denn sonst würde ich eigentlich dessen Jubelrede erwarten, angesichts eines Papstes der „manif pour tous“ verteidigt, von Grenzen der Aufnahmefähigkeit Europas für Flüchtlinge spricht, die christlichen Wurzeln in Frankreich und die Gewissensfreiheit aus religiösen Gründen verteidigt, die Piusbruderschaft katholisch nennt und manchen bedenkenswerten Gedanken anregt. Von einem Interview in der Tageszeitung erwarte ich wirklich nicht den Ton eines geschichtlichen oder theologischen Seminars. Der Hl. Vater wollte die laizistisch geprägte und tief entchristlichte Gesellschaft in Frankreich ansprechen. Und dazu muss er eine Sprache wählen, die auch verstanden wird, jenseits des Kulturressorts des Ciceros, sondern auch vom ganz normalen „Focus“-Leser. Die Gefahr von Diskursen in Fachkreisen scheint er dem Verpuffen allzu kirchenpolitisch ausgewogener Fachsprache (Kirchisch) vorzuziehen.

Nun folgt zum zweiten Mal der Vorwurf, dieser Papst sei „theologisch unbeleckt“ und „unwissend“, belegt durch eine spontane Antwort auf die Frage nach dem Diakonat – gegenüber einer großen Gruppe von Frauen, die mit Herz und Seele und ihrem ganzen Leben für die Kirche und ihren diakonalen Dienst einstehen. Hätte wohl dieselbe Bemerkung, mit den gleichen Worten von Benedikt XVI. formuliert, Anlaß zu irgendwelcher Aufregung gegeben? Zumal inzwischen jeder nachlesen kann (auch Herr Kissler bzw. wer, wenn nicht er), dass der Papst mitnichten in irgendeiner Weise irgendetwas theologisch unsauber formuliert hat oder gar irgendwelche Versprechungen gemacht hat. Mir scheint, die Hauptverantwortlichen für die angeblich schwache und wackelige Theologie des Papstes sind die Kollegen des Herrn Kissler, die da aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Dieses Phänomen mußte auch Franziskus hochverehrter Vorgänger immer wieder erleiden. Ich erinnere nur an die Regensburger Rede (und behaupte bitte keiner, Benedikt XVI. habe genau das ausdrücken wollen, was ihm bis heute ab und an in den Mund gelegt wird, nämlich platteste Islamkritik. Es ist inzwischen hinlänglich gezeigt worden, dass es ihm ausschließlich um die Thematik der Rede ging, nämlich Glaube und Vernunft. Dass dies implizite Kritik an bestimmten Theologien (christlich wie islamisch) beinhaltet, versteht sich von selbst. Oder denken Sie an die Bemerkung über Aids und die Schutzwirkung von Kondomen...

Bei Benedikt allerdings, waren es vor allem die Journalisten des liberalen Lagers, die gewisse Botschaften und Stimmungen verbreitet haben, unterstützt vom humanistischen Pressedienst. Bei Franziskus dagegen gibt es Sperrfeuer auch aus gewissen Teilen des papsttreuen Lagers. Und der Kissler-Artikel erscheint mir als bisherige Spitzenleistung dieser Urheber eines anschwellenden „friendly-fire“. 

Ob der Papst im Moment seiner Antwort auf die Fragen der Ordensfrauen die Ergebnisse der internationalen Theologenkommission vor Augen hatte, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber nach dem, was ich bisher von ihm gelesen habe, mangelt es ihm nicht an Kenntnis einschlägiger kirchlicher Dokumente. Aber selbst, wenn in diesem Dokument sämtliche Erkenntnis dieser Welt zur Frage der Diakoninnen enthalten sollte: es hat bis heute keine entsprechende Wirkung entfaltet. Weder verzichten „Reformgruppen“ auf ihren „Tag der Diakoninnen“ noch hat es bis zum heutigen Tage ernsthafte Schritte auf dem Weg zu einem Frauendiakonat gegeben. Nach meiner Wahrnehmung vermeiden die kirchlichen Verantwortlichen geradezu eine klare Festlegung in dieser Frage. (Mit der Ausnahme von Papst Benedikt (wiederum), der einen interessanten theologischen Schritt zur klareren Definition und Abgrenzung zwischen Priestern und Diakonen getan hat. Das geschah übrigens nach der von Kissler zitierten Publikation der Theologenkommission und würde allein schon die Einsetzung einer neuen Kommision rechtfertigen.)

Ich denke, in der Frage des Diakonats und der anderen kirchlichen „Halbämter“ wie Katechisten, Ordensleute, Pastoralassistenten, Laien als De-Facto-Gemeindeleiter könnten durchaus noch Spielräume für sinnvolle und praxistaugliche Klärungen und Weiterentwicklungen stecken. Ich schätze das Amt und den Dienst der Diakone sehr. Doch zu 100 Prozent fügt sich die derzeitige Ausgestaltung des Amtes (noch) nicht in die Praxis der Gemeinden vor Ort ein. Ich sehe nicht, was gegen ein nichtsakramentales Diakoninnenamt spricht, das im Kontext von Riten wie Witwen-, Äbtissinnen- und Jungfrauenweihe gestaltet werden könnte. Aber dann müßte man ein analoges nichtsakramentales Diakonenamt ermöglichen, denn wie würde man eine ausschließlich Frauen vorbehaltene Diakoninnen“weihe“ begründen wollen? Dann sollte allerdings das sakramentale Diakonenamt neu ausgerichtet und unterscheidbar werden. Auch die zahlreichen Laien, die sich haupt- und nebenamtlich in unterschiedlichen Dienstbezeichnungen in den Gemeinden pastoral engagieren (in der Katechese und in der Gestaltung der vielen Aktivitäten der Koinonia, in der Mitgestaltung der Liturgie und in der Verkündigung des Evangeliums im Alltag). Das ist ein weites Feld, wo ich eine Klärung sehr begrüßen würde, weil dies auch das besondere Profil der Priester deutlicher hervortreten läßt. Dieses Anliegen des Papstes öffentlich als „Plauderei“ und ihn selbst als „ahnungslos“ hinzustellen bezeugt eigentlich hinlänglich, dass der Schreiber dieser Worte eben dies selbst ist „ahnungslos“ und ein „Plauderer“. 

Was den finalen Vorwurf der völlig überzogenen „Priesterschelte“ in Kisslers Worten angeht, so zitiere ich einen (gewöhnlich sehr kirchentreuen, besonnenen Priester) in einem Facebook-Forum, der sich unmittelbar an Kissler wendet: „Ich bin am Ende dieses Monats 23 Jahre Priester. Ich war gern Priester unter Johannes Paul II. Ich war gern Priester unter Benedikt XVI. und ich bin gern Priester unter Papst Franziskus. Ich habe eine starke Affinität zur Theologie, ich lese Benedikt XVI., Rahner, Balthasar, die Kirchenväter so wie es mir möglich ist. Ich bin kein Doktor der Theologie, dazu hat es nicht gereicht, aber ich habe Ahnung. Sie nicht, jedenfalls kann ich sie in ihrem Artikel nicht entdecken. Der Papst schadet der Kirche? Nach den Massstäben. die sie in ihrem Artikel verwenden haben ALLE Päpste, die ich und damit auch Sie, erlebt haben, der Kirche geschadet, also halten sie mal inne und denken nach! … Ich danke Gott für Johannes XVIII. und das II. Vatikanische Konzil, denn das hat die Kirche zu einem Ort im Jetzt gemacht, in dem ich gern Priester bin. ...“ Ich bin kein Priester, aber genau so ist es!

Mir ist bisher noch kein Priester persönlich begegnet, der sich von Franziskus kritischen Worten entmutigt fühlt (es mag welche geben). Mich erinnert das an das Wort meiner Oma: „Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an!“ Aber ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass unsere Priester und Bischöfe einen Laien brauchen, der sie publizistisch und polemisch gegen den Hl. Vater verteidigt. Mit drei Bischöfen habe ich gesprochen, die dem Hl. Vater persönlich begegnet sind und mir keinesfalls vermittelten, sie haben „Prügel von hinten und Prügel von vorne“ erhalten. Nicht einmal die in konservativen Kreisen so hoch gelobte schriftliche päpstliche Ermahnung der deutschen Kirche wurde als solche empfunden. Angesicht der Diskrepanzen in der Beurteilung der päpstlichen Verlautbarungen fragt man sich, ob der Papst nur dann zum „Schwätzer“ erklärt wird, wenn einem die öffentliche Resonanz auf dessen Worte (oder manchmal gar seine Worte selbst) inhaltlich nicht passt. 

Und gerade von frommen und kirchenverbundenen Katholiken (die regelmäßig die Sakramente empfangen und auch regelmäßig beichten) höre ich viel Zustimmung gerade hierzu, wobei sie die päpstliche Kritik sehr an in Deutschland längst vergangene Zeiten erinnert, an Zeiten, die heute von manchen Leuten glorifiziert werden (sicherlich auch durchaus glorreich waren) aber dennoch nicht ohne Schatten. Und da muss ich Kissler einmal partiell zustimmen, die „kuschelige Eiapopeia-Verkündigung“ (wenn das denn ein angemessener Begriff für die Bemühungen von Priestern und Bischöfen im Westen sein sollte) hat sich heute weitgehend von dem befreit, was der Papst manchmal engagiert kritisiert. Dennoch, der laute Aufschrei aus Teilen des früher einmal papsttreuen Lagers läßt mich an einen weiteren Spruch meiner Oma denken: „Getroffene Hunde bellen!“

Natürlich fehlt in dem Focus-Text auch die Kritik an Amoris laetitia nicht, eine Schrift, mit der man im liberalen Umfeld keinen Blumentopf gewinnen kann. Mir persönlich fällt es schwer, einem eher abständigen, wiederverheirateten Paar redlich zu erklären, ob sich ihr Status nun verbessert habe. Ich würde im Moment sagen: „Lasst mich ehrlich sein: eher nicht!“ Kissler beschwört mit Spaemanns Worten die angebliche „Verwirrung“ in der Kirche herauf, von der auch schon ein Weihbischof aus Kasachstan geschrieben hatte. Wobei ich ganz sicher bin, dass in Astana der Dompfarrer durch Amoris laetitia ebensowenig verwirrt ist, wie mein Pfarrer Möller in Voerde. „Das Chaos wurde zum Prinzip erhoben!“ Aha, ist mir noch nicht aufgefallen. Bei uns in St. Peter und Paul ist alles ruhig und friedlich. Und die Zahl derer, die sich – in irregulären Verhältnissen lebend – an der Kommunionbank drängeln, ist so überschaubar wie eh und je. „Der Papst hätte wissen müssen, dass er mit eiem solchen Schritt die Kirche spaltet und in Richtung eines Schismas führt.“ Unter dem Eindruck dieser Worte mache ich heute mittag den Briefkasten auf und finde in einem Brief mit dem Absender meines Bischofs Felix die gedruckte Ausgabe von „Amoris laetitia“. Und dies ohne einen begleitenden Brief, der mich auf die Risiken der Lektüre hinweist. Von daher scheint es sich um gut katholische Lektüre zu handeln, so, wie ich es von Zusendungen von Bischof Felix gewöhnt bin. 

Dass Kissler im Hl. Vater einen weiß gewandeten Dalai Lama entdeckt, zeigt vor allem, dass er den Dalai Lama offensichtlich genausowenig kennt wie den Papst. Oder, dass er halt das mediale Bild der beiden mit der Person verwechselt. Dass der Dalai Lama ein bedeutender spiritueller Führer mit tiefer Kenntnis der buddhistischen Lehrtexte und der Theologie des tibetischen Buddhismus ist, wird leider aus den von westlichen Journalisten aus seinen Wortmeldungen herausdestillierten Seichtheiten bei oberflächlicher Betrachtung nicht erkennbar. Der Dalai Lama muss sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, dass er das auch allzu wehrlos mit sich machen lasse. Und vielleicht täte auch dem Hl. Vater ein offensiveres und professionelleres journalistisches Marketing gut. 

Dass dieser kürzlich den Karlspreis verliehen bekam darf man ihm gerechterweise nicht unmittelbar auf das Schuldkonto rechnen und das macht ihn auch noch lange nicht zu einem „Uno-Generalsekretär mit Brustkreuz“. Das hatte wohl mehr mit der Krise des europäischen Gedankens zu tun und der Ratlosigkeit angesichts der Tatsache, dass weit und breit niemand zu sehen ist, der sich durch sein Agieren im europäischen Kontext irgendwelche Meriten verdient hatte. Ähnlich ratlos schien ja vor einigen Jahren auch das Komitee für den Friedensnobelpreis gewesen zu sein. 

„Mene mene tekel u-parsin“, malt Kissler's Konter an die Wand: „Der Nachfolger (dieses Papstes) wird eine spirituell ausgezehrte und verunsicherte Kirche übernehmen.“ Mit Verlaub, das ist grober Unfug. Selbst wenn dieser Papst (die Kirchengeschichte wird es vielleicht einmal zeigen, wenn Kissler, der etwas jünger als ich ist, längst irgendwo – so wie ich vermutlich auch – den Tag der Auferstehung geduldig erwartet), tatsächlich ein theologisches, sprachliches oder menschliches Leichtgewicht sein mag (was ich überhaupt nicht glaube), so hat die Kirche schon ganz andere Päpste ausgehalten und überstanden. Da muss man gar nicht obscure Prophezeiungen des Malachias aus der kirchengeschichtlichen Schublade kramen. 

Ich will ihn ja nicht gegen jede Kritik verteidigen, erwarte aber von Glaubensgeschwistern aber, dass es in einer Art und Weise geschieht, die das bisherige Prädikat „papsttreu“ nicht entwertet. Zum „Zirkuselefanten“ wird dieser Hl. Vater Franziskus nur dann, wenn Journalisten wie Alexander Kissler in seinem weiteren Umfeld die Vasen und Tassen des Porzellanladens Kirche zerdeppern. Nein, Herr Kissler, nicht der Papst selbst schadet seiner Kirche, es sind vielmehr die, die ihm die kalte Schulter zeigen und die grundsätzliche Gefolgschaft verweigern, weil sie der eigenen Unfehlbarkeit mehr vertrauen als der reichen spirituellen Tradition und dem geistlichen Potential der Kirche und dem Wirken des göttlichen Geistes. 

Wir haben in unserer Kirche zahlreiche Priester, Diakone, Ordensleute, Eremiten, Laien die ein reiches, spirituelles Leben führen. Hier hat unter diesem Papst nichts nachgelassen, ich sehe das wirklich nicht. Im Gegenteil, erfahre ich durchaus reiche Inspiration, durch päpstliche Texte, die meinem Leben nahe sind und die unmittelbar von Herz zu Herz sprechen. Und trotzdem lese ich weiterhin die Worte von Papst Benedikt, studiere die Benediktsregel und die Consuetudines Cartusiae, die Worte des Hl. Bernhard und die geistlichen Gedichte von Gottfried Bachl. Ganz zu schweigen vom Reichtum des göttlichen Wortes. 

Doch bevor ich mich weiter in Rage schreibe, schließe ich mit einem Lied von Reinhard Mey, dass ich allen Lesern zu hören empfehle: „Mein achtel Lorbeerblatt“. Als Westfale, der die Eiche liebt und als Schweinefreund mag ich dieses Lied sehr. Hört mal rein!



Auszüge aus dem Interview mit Papst Franziskus in "La Croix":

Sogar Robert Spaemann kritisiert Alexander Kissler: http://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Die-Kirche-ist-nicht-grenzenlos-belastbar;art312,170272

Bildquelle: Wikipedia, von Casa Rosada (Argentina Presidency of the Nation), CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41540543

Montag, 28. März 2016

Blutiges Osterfest?

Über 30.000 Menschen starben im Jahre 2014 durch Terroranschläge. 275 Terrororganisationen waren dafür verantwortlich. Weit über 6.000 Menschen starben allein durch die Gruppe „Boko Haram“ in Nigeria und Umgebung, etwas mehr als 6.000 durch den islamischen Staat in Syrien und im Irak. 

Vor einigen Tagen sprengten sich in Brüssel, gerade mal 250 km von hier entfernt, einige Menschen in die Luft und rissen 35 Menschen mit in den Tod, verwundeten aber viele weitere Menschen an Leib und Seele. Grauenhaft auch der Anschlag in Lahore in Pakistan am Ostermontag, der sich ausdrücklich gegen Frauen und Kinder, gegen Christen richtete und mindestens doppelt so viele Menschen tötete und verletzte. 

Möglicherweise gab es Gründe für das Handeln der Terroristen, möglicherweise waren sie Kriminelle, vielleicht waren sie psychisch gestört. Vielleicht ist es gut und richtig, dass mir nicht gelingt mein Erstaunen und Erschrecken angesichts solcher Taten zu überwinden. 

Gerade führte uns Anders Behring Breivik mal wieder vor, dass eine solche geistige Störung (die in der Tat die meisten Beobachter verstört) durchaus auch mit Intelligenz verbunden sein kann. Der Mann scheint eine gewisse Strategie zu verfolgen. Sonderbarerweise findet er sogar Leute, die sich von ihm fasziniert zeigen, die ihm Briefe schreiben und die seine Gedanken weiter tragen. 

In diese Kategorie fällt sicher auch Adolf Hitler, der es trotz seiner wahnhaften Gedankenwelt zum „Führer“ Deutschlands gebracht hat. Ein Massenmörder, dessen Schuld unbeschreiblich ist. Die Zahl von (über) 6.000.000 systematisch, fabrikmäßig ermordeten Juden wirft das bekannteste Schlaglicht auf diesen teuflischen Menschen. Und bis heute gibt es – normale – Menschen, die, obwohl ihnen die Verbrechen und die himmelhohe Schuld dieses Mannes bekannt ist, sogenannte „Verdienste“ Hitlers rühmen. Und zunehmend größer wird die Schar derer, die auch über seine zweifelhaften „Erfolge“ hinaus zu Hitler – Verteidigern oder sogar Verehrern werden. (Wie kann man eigentlich Menschen ernst nehmen, die zur "Entschuldigung" eines solchen Mörders die Opferzahlen geringer rechnen?)

Was ist da los? Wie ist es möglich, dass bestialische Menschenschinder von anderen Menschen verehrt, entschuldigt, verteidigt werden? Wie ist es möglich, dass andere Menschen sich zu Handlangern und willfährigen Vollstreckern der Terror und Gewaltphantasien solcher „Führer“ wie Stalin, Pol Pot, Kim Jong Un, Hitler oder Abu Bakr al Baghdadi machen lassen? Geht vom abgrundtief Bösen etwa eine gewisse Fasziantion aus, gibt es einen Sog der dunklen Kräfte? 

Als junger Erwachsener habe ich mich intensiv mit dem Nationalsozialismus beschäftigt und zahlreiche Bücher über den Terror und die Konzentrationslager gelesen. Es läßt mir noch heute keine Ruhe, wie das geschehen konnte. Was stecken für destruktive Kräfte in uns Menschen? Wie leicht scheint es zu sein, dass aus einem treusorgenden Familienvater ein gnadenloser Killer wird. 

Mir kommt ein Vers in den Sinn, der eigentlich in einen ganz anderen Kontext gehört, aus der „Geschichte von Gott“ des niederländischen Musikers und Poeten Hermann van Veen. „Es ist der Teufel.“ heißt es dort: „Der Teufel ist in die Menschen gefahren.“

Das Denk-Konzept, neben der Macht Gottes, einem göttlichen Widersacher Raum zu geben, dem personifizierten Bösen, in klar beschreibbarer Gestalt (mit Hörnern und Pferdefuß) ist uralt und es gibt das in unzähligen Facetten rund um den Erdball. 

Im volkstümlichen Denken (heute meist nur noch in schlechten Witzen gepflegt) erscheint der oder die Teufel als Hüter der Hölle, wo sie die bösen Sünder und schlechten Menschen peinigen. Das Mittelalter hat uns großartige Bilder von dieser Dualität von Himmel und Hölle (und vielleicht noch „Fegefeuer“) übermittelt. Da erscheinen die Teufel eher als „dienstbare“ Geister, die der göttlichen Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. 

In diesem überkommenen Denken kommt man schnell auf theologisch „abschüssige Bahnen“ und verläßt zügig ein christliches Gottes- und Menschenbild. Weder überzeugt es, den personifizierten Bösen als Widersacher Gottes zu verstehen noch als von ihm abhängiger Folterhelfer. Ganz sicher steckt in diesen Bildern und Vorstellungen von göttlicher Gerechtigkeit und gerechter Strafe für jene, die auf Erden Blut an den Händen hatten, eine tiefe Wahrheit. Aber ganz so einfach, wie damals – und bis heute – gedacht, ist das mit der Gerechtigkeit Gottes nicht, zumal diese ja auch mit seiner Barmherzigkeit untrennbar verbunden ist. Das ist „menschlich“ und „theologisch“ wohl kaum in seiner Tiefe auszuloten und bleibt – ähnlich wie die göttliche und menschliche Natur Christi ein Paradoxon, ein Geheimnis des Glaubens.   

In der Schöpfungsgeschichte jedenfalls ist noch kein Platz für eine teuflische Macht, auch wenn die arme Schlange später allzugern zum Teufel mutiert. 

Mich überzeugt das Konzept, das Böse zu personifizieren und es damit aus dem menschlichen Inneren zu verdrängen nicht wirklich. (Und noch weniger überzeugen mich die Versuche diese bösen Mächte außerhalb des Menschen in Teufeln und Dämonen zu verorten, die mit allerlei Mummenschanz oder gar mit Exorzismen und Gebeten ausgetrieben werden können. Sicherlich bleibt die dunkle Seite des Menschen unerklärlich und ich bin sicher, dass Beten immer hilfreich ist. Aber der Grat hier ist schmal.) 

Die Jesiden halten es für eine Gotteslästerung und Einschränkung der Allmacht Gottes, sich neben diesem eine böse Macht zu denken. Für die christliche Theologie stellte sich diese Problematik ebenfalls, so dass der Teufel eher als „gefallener Engel“ gedacht wird, als geschaffenes Wesen. Aber auch in diesem Konzept fehlt eine Antwort auf die Frage, warum Gott das Wirken eines solchen Wesens zulassen sollte. Eine Frage, die sich in gewisser Weise auch in der etwas rätselhaften Vater-Unser-Bitte spiegelt, wo es heißt „ und führe uns nicht in Versuchung“. 

Es ist und bleibt ein tiefes Rätsel, was den Menschen zum Bösen verführt. Natürlich spielen psychische Störungen eine Rolle, aber nicht alles läßt sich mit einer „schwierigen Kindheit“ erklären. Die Personifizierung des Bösen in Gestalt eines Teufels oder eines gestürzten Engels stellt letztlich mehr Fragen, als sie zu beantworten in der Lage ist. Ich ziehe es vor, das Böse als geheimnisvolle Kraft zu sehen, die inmitten der Menschheit (und auch in der einzelnen Person) wirkt, der man aber nicht einfach willenlos ausgeliefert ist. 

Das Böse ist kein Naturgesetz. Manch Einer spricht ja davon, dass die Natur grausam sein, dass sie keine Gnade kenne, dass sie gnadenlos ausmerzt, was schwach (und unaufmerksam) ist. Sicher kann man diese Schlußfolgerung aus der Beobachtung der Zusammenhänge in der Natur gewinnen. Es gibt ein Fressen und Gefressen werden. Kühe weiden Pflanzen ab, Mäuse fallen einem Käuzchen zum Opfer und einen Bussard schert es wenig, wenn er seine Jungen mit einem seltenen Feldhamster füttert. Bemerkenswert ist aber auch, dass die Natur zwar „Fressen und Gefressen werden“ kennt, aber – mit wenigen Ausnahmen – keine „sinnlose“ Grausamkeit. Ich denke, diese Regel kann man aufstellen, ohne dass Ausnahmen sie grundsätzlich entwerten (eine Katze, spielt mit der halbtoten Maus und bringt sie langsam zu Tode / einige Tiere lähmen ihre Opfer, um sie später zu verzehren...). Das ist beim Menschen ganz offensichtlich anders. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ lautet ein beinahe sprichwörtlicher Satz des römischen Dichters Plautus. Mir scheint, es ist weit schlimmer... 

Für meine Kriegsdienstverweigerung war es eine bedeutsame Erkenntnis, gewonnen aus den Schriften von Konrad Lorenz, dass jedes Lebewesen eine angeborene Tötungshemmung kennt. Diese bezieht sich auf Auseinandersetzungen im Tierreich zwischen Lebewesen einer Art. Hier geht es meist um den Platz in einer Rangfolge, um Führung und Gefolgschaft. Es scheint auch biologisch naheliegend zu sein, dass der Rivale oder die Rivalin nicht getötet oder schwer verletzt wird, ein Denkzettel reicht meistens aus. Diese Tötungshemmung funktioniert selbst in „erregtem“ Gemütszustand und geht von tief ins Unterbewußtsein eingeprägten Signalen aus. Konrad Lorenz führt in seinem Buch „Das sogenannte Böse“ aus, dass die Tötungshemmung eines Lebenwesens ausgesetzt wird, wenn es keinen persönlichen Kontakt mehr zwischen den Gegnern gibt, dass Waffen hier eine umso leichtere Tötungsentscheidung ermöglichen, je weniger man dem einzelnen Opfer ins Auge blickt. Letztlich erscheint der Betrieb einer Drohne über Pakistan auf dem Bildschirm im Steuerzentrum irgendwo in Amerika eher wie ein Computerspiel... Man kann noch viel darüber sinnieren, was genau dazu führt, dass der Mensch offensichtlich in der Lage ist Terrorakte zu begehen oder gar einen Völkermord. Wie eigenartig, dass der technische Fortschritt die Möglichkeiten der Menschheit zum Guten oder zum Bösen gleichermaßen erweitert. 

Der Papst sprach in seiner Osterbotschaft davon, dass sich im Menschen manchmal Abgründe auftuen, Abgründe des Bösen, Abgründe der Gottesferne. Und er führte weiter aus, dass die Liebe und Barmherzigkeit Gottes diese Abgründe zu füllen vermag. 

Wörtlich sagte Franziskus: „Angesichts der geistigen und moralischen Abgründe der Menschheit, angesichts der Leere, die sich in den Herzen zeigt und Hass und Tod hervorbringen, kann nur eine unendliche Barmherzigkeit uns Rettung bringen. Nur Gott kann mit seiner Liebe diese Leere, diese Abgründe auffüllen. Nur Gott kann es uns gewähren, dass wir nicht versinken, sondern unseren Weg fortsetzen in Richtung auf das Land der Freiheit und des Lebens hin.“ ...

Mit unseren Brüdern und Schwestern, die um ihres Glaubens und ihrer Treue zu Christus willen verfolgt werden, und angesichts des Bösen, das die Oberhand im Leben vieler Menschen zu haben scheint, hören wir wieder das tröstende Wort des Herrn: „Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). 

Dieser Gedanke macht mir Mut! Letztendlich ist die Macht Gottes stärker als alles Dunkel und alle Abgründe dieser Welt. Uns seine Macht überwindet das Böse nicht nur in ferner Zukunft, sondern hilft uns schon heute, das Ruder herumzureißen. Allerdings nicht, indem wir der Logik des Bösen folgen und Gewalt mit Gegengewalt beantworten, Terror mit Haß und Verachtung zu beantworten, sondern der Liebe Gottes und seiner unendlichen Barmherzigkeit Raum geben.

Natürlich bedeutet das nicht, die Terroristen, die Menschenschinder, das Böse wirken zu lassen und ihnen Raum zu geben. Aber alle Maßnahmen zur Abwehr müssen von der Haltung getragen sein, die der Hl. Vater beschreibt. Das ist unsere Verantwortung als Christen!

Mag ja in manchem Radio- oder Fernsehinterview darüber gefaselt werden, dass „Religion“ die Konflikte in der Welt verschärfe. Ich vermag dieser „Logik“ nicht zu folgen. Ohne die Macht der Liebe und der Barmherzigkeit, ohne, dass glaubende Menschen konkrete Schritte auf dem Weg des Friedens und der Versöhnung gehen, wird es uns nicht gelingen, das Böse zu überwinden. Welche Kraft der Welt sollte die Schritte der Menschen sonst auf den Weg des Friedens lenken? 



Osterbotschaft des Hl. Vaters: http://de.radiovaticana.va/news/2016/03/27/wortlaut_osterbotschaft_von_papst_franziskus/1218462

Donnerstag, 3. März 2016

Dass ein Laie lehrt, erlaube ich nicht, er soll sich still verhalten.

Ausgerechnet das offizielle Presseorgan des Hl. Vaters diskutiert aktuell offen die Frage der „Laienpredigt“, wenngleich unter dem speziellen Focus der „Frauenpredigt“. 

Nachdem das im englisch- und italienischsprachigen Raum bereits thematisiert wurde, würde es mich sehr wundern, wenn es nicht auch im deutschsprachigen Raum die beinahe erkaltete Diskussion wieder entfachen würde. Schließlich berührt man hiermit allseits beliebte „Reizthemen“ wie „Frau in der Kirche“ und „Laien und Priester“. Der eine wittert sicher schon wieder einen Angriff auf das Priestertum, andere erinnern sich an das Ringen um die Laienpredigt in den 80er Jahren. 

Dass dieses Thema ausgerechnet im Osservatore Romano aufgegriffen wird, erscheint vielen als Zeichen, dass etwas in Bewegung gerät. Der distanzierte Beobachter wundert sich, warum es eine Sensation sein soll, dass eine solche pastorale Frage in der Kirche öffentlich und auf höchster Ebene diskutiert wird. 

Als Laie, der durchaus predigt, habe ich auch meine Beziehung zu dieser Problematik. Ich erinnere mich an eine Erklärung des damaligen Münsteraner Diözesanbischof Reinhard Lettmann während eienr Sitzung des Diözesanpastoralrates, dessen Mitglied ich war. Der Bischof, der sich sonst vor klaren Worten nicht scheute, bat (!) eindringlich darum, die Laien (sprich Pastoralreferenten) und die Pfarrer in den Gemeinden mögen sich an die neuen Regelungen halten. Er selbst habe zwar für eine weitergehende Öffnung plädiert, in der Treue zur Kirche und zum Hl. Vater warb er jedoch um eine ebensolche Treue zu den Weisungen der Bischöfe. Mich hat das damals sehr beeindruckt und ich habe mir daraufhin vorgenommen, mich in meinem pastoralen Dienst an die neue Ordnung zu halten. 

Mir hat damals die Begründung sehr eingeleuchtet, dass die Predigt des Priesters in der Eucharistiefeier sinnvollerweise auch vom Zelebranten dieser Feier gehalten wird, weil Wortgottesdienst und Eucharistie eins sind und so der innere Zusammenhang zwischen Glaubensverkündigung und Messopfer deutlicher hervor tritt. 

Wobei spätestens jetzt die Frage beantwortet werden muss, worüber wir eigentlich reden, wenn es um die „Frauenpredigt“ geht. In dem Artikel der vatikanischen Zeitung klagt die „schwedische Dominikanerin Madeleine Fredell, sie könne praktisch überall predigen, "manchmal sogar in der lutherischen Kirche", nicht jedoch in einer katholischen Messe.“ In der Öffentlichkeit wird wohl rüber kommen: „Ach ja, die Katholiken! Die sind so rückständig und frauenfeindlich! Dass Frauen da nicht Priester sein können wussten wir, aber dass sie nicht mal predigen dürfen! Und die Pastoralreferentin spricht doch immer so schön!" Dabei kann auch Schwester Madeleine in ihrer Klosterkirche ohne Schwierigkeiten predigen und durchaus sogar eine Fastenpredigt im Münsteraner Dom halten (während der Bischof ihr zuhört). 

„Predigt“ kann vieles sein und beileibe nicht von allen Predigten sind katholische Frauen ausgeschlossen. Von der Predigt zu unterscheiden ist sicher zunächst einmal das „Glaubenszeugnis“ eines gläubigen Menschen, der im Rahmen einer liturgischen Feier etwas von seinen persönlichen Glaubenserfahrungen teilt ohne selbst Theologe zu sein. Da springt manchmal sogar eher ein Funke über als bei einer allzu theologischen Predigt. In gewisser Weise ist ein solches Zeugnis sicher auch „Predigt“, aber für den Predigtdienst an sich braucht es eine bischöfliche Beauftragung. Schließlich geht es nicht um Selbstdarstellung, sondern um Verkündigung. Und wer im Namen einer Gruppe oder eines Vereins etwas sagt, braucht dazu die Beauftragung des Vorsitzenden. 

Mit Predigten werden in der Kirche seit vielen Jahren Frauen und Männer vom Bischof beauftragt. Das ist ein echter Fortschritt gegenüber der kirchenrechtlichen Regelung von 1917. Meist sind dies Theologen und Pastoralreferent(innen) im kirchlichen Dienst. In Klöstern ist es eine Selbstverständlichkeit, dass dort Frauen ihren Mitschwestern eine Predigt halten. Auch ich habe genügend Gelegenheit zu predigen, im Rahmen von Trauergottesdiensten, bei Wortgottesdiensten und Andachten und in anderem Rahmen. Manchmal halte ich im Rahmen eines sonntäglichen Familiengottesdienstes eine Katechese. (Das Direktorium für Kindermessen führt hierzu aus: „Es steht nichts im Wege, dass einer der an der Kindermesse teilnehmenden Erwachsenen im Einverständnis mit dem Pfarrer oder Kirchenrektor nach dem Evangelium eine Ansprache an die Kinder hält, vor allem wenn es dem Priester schwer fällt, sich dem Verständnis der Kinder anzupassen.“)

Eine Ausnahme ist jedoch – und nur hierum geht es aktuell – die Predigt im Rahmen einer Eucharistiefeier, im Fachbegriff Homilie genannt. Diese ist – nach den geltenden Bestimmungen – dem zelebrierenden Priester und „vertretungsweise“ weiteren Priestern und Diakonen vorbehalten. 

Vor dem 2. Vatikanischen Konzil war es für Laien völlig undenkbar, dass sie einen solchen Predigtdienst in der Hl. Messe übernehmen könnten. In der früheren Kirche dagegen hat es wohl durchaus predigende Laien gegeben. Der Hl. Franziskus ist ein bis heute bekanntes Beispiel. In Folge der sich ausbreitenden Laienbruderschaften und Armutsbewegungen (Franziskaner, Waldenser, Beginen etc.) entstand eine heftige Auseinandersetzung um das Predigtrecht dieser Nichtkleriker und ihrer neuen Gemeinschaften. Im Jahr 1228 wies Papst Gregor IX den Erzbischof von Mailand an: „er solle allen Laien, gleich welcher religiösen Gemeinschaft sie angehören mögen, das Predigtamt untersagen." 

Nach der Liturgiereform unter Papst Paul VI. wurde die Laienpredigt wieder neu zum Thema, weil man das allgemeine Priestertum neu entdeckte und die tätige Teilnahme der Laien an der Eucharistiefeier fördern wollte, ein Prozess, dem eine ganze Reihe von Reformen folgten, wie z.B. die Zulassung von Messdienerinnen, die außerordentlichen Kommunionspender und manches mehr. In Österreich und Deutschland gab es schon 1970 Beauftragungen mit dem Predigtdienst mit vatikanischem Einverständnis (als Ausnahmeregelung). Die Würzburger Synode deutete diese neue Aufgabe theologisch und empfiehlt sowohl „Glaubenszeugnisse“ von Gemeindemitgliedern als auch Predigt durch beauftragte Laien. Erklärend führt man aus: „Durch die Zuordnung von Wortgottesdienst und Eucharistiefeier im engeren Sinn (vgl. SC 35, 56; PO 4) ist zwar eine sichtbare, personale Einheit von Prediger und Vorsteher der Eucharistiefeier angemessen, aber nicht unbedingt notwendig; im Übrigen ist nach der Lehre der Kirche bei Wahrung der besonderen Verantwortung des Amtes der Priester nicht allein, sondern die ganze Gemeinde unmittelbarer Träger der Verkündigung und des liturgischen Handelns (vgl. auch 1 Kor 11,26; SC 26; LG 11).
Schließlich wird so sichtbar, daß es, unbeschadet der Einheit der Sendung, dennoch verschiedene Charismen, Dienste und Ämter in der christlichen Gemeinde gibt“ (2.3.3).

Natürlich betrachtet auch die Würzburger Synode den Predigtdienst von Laientheologen als Ausnahme und Sonderfall, in den Gemeinden sind die Pfarrer jedoch zumeist froh über die zusätzlichen Prediger und auch die Gottesdienstbesucher selbst schätzen die neue Abwechslung. Schon vor dem Ende der Synode beginnen die Auseinandersetzungen in dieser Frage. Heute ist das weitgehend vergessen, aber 1988 ist es mit dieser Praxis dann vorbei, was weitere langwierige und zermürbende Auseinandersetzungen zur Folge hatte. Nicht wenige Laientheologen wurden für ihren Predigtdienst abgemahnt. Doch in weitaus mehr Gemeinden störte sich niemand an deren Predigtdienst, im Gegenteil wurde die neue Vielfalt, alternative Sichtweisen und die besonderen Blickwinkel von Frauen geschätzt. 

Völlig abgeschafft wird der Predigtdienst von Laien im Umfeld der Hl. Messe jedoch nicht. Auf Intervention der deutschen Bischöfe ist er weiter möglich in Form einer Statio zu Beginn der Hl. Messe (quasi als ausgedehnte Einführung in den Gottesdienst). Und dies auch nur dann, wenn der zelebrierende Priester aus irgendwelchen Gründen nicht predigen kann. 

Die heftigen Auseinandersetzungen verwundern, zumal sie in den Gemeinden beinahe keine Rolle spielten. Es war ein Thema auf Ebene der Bischöfe und der Kurie und verhandelt wurde es weniger als liturgische Frage, sondern im Grunde ging es um die „Aufgabenteilung“ zwischen Priestern und Laien. Ist der Predigtdienst in der Eucharistiefeier eine Aufgabe, die zum priesterlichen Amt zwingend dazu gehört und von daher Laien im jedem Fall davon ausschließt? Oder ein wenig schief gefragt: „Nimmt es dem priesterlichen Amt etwas, wenn auch ein Laie die Homilie halten kann?“

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann präzisiert den Hintergrund dieser Sichtweise bei einer Ansprache vor den Mitgliedern des Würzburger Diözesanrates 2005: „Wenn also ein Priester die Messe feiert, so feiert in ihm letztlich Christus selbst mit den Gläubigen. Dies geschieht auch bei der Verkündigung des Wortes Gottes. Dienst am Sakrament und Verkündigung des Wortes gehören in der Messe untrennbar zusammen. Weil es also beim Dienst des Priesters in der Eucharistiefeier um die Vergegenwärtigung Christi in seinem Wort wie in seinem Fleisch und Blut zugleich geht, kann der Priester letztlich nicht von der Aufgabe entbunden werden, in der Eucharistiefeier auch selbst zu predigen. Einzig an den Diakon oder einen anderen Priester kann der Vorsteher die Verkündigung in der Messe delegieren, weil auch sie mit der Weihe in den Dienst der Gegenwärtigsetzung Christi mit ihrer ganzen Person einbezogen sind. Die Predigt des Diakons in der Eucharistiefeier sollte aber nicht den Regelfall darstellen.“

Ich muss sagen, dass ich all diesen Gedanken durchaus folgen kann und sie auch bejahe. Aber mich überzeugt nicht vollends, warum ein begrenzter Predigtdienst befähigter Laien derart grundsätzlich ausgeschlossen wird. 

Papst Franziskus spricht immer wieder davon, wie wichtig eine gute Predigt ist. Warum sollte es da nicht möglich sein, dass ab und an in einer Messe der Predigtdienst des Priesters, der diesen vielleicht schon seit Jahrzehnten in eben dieser Kirche versieht, durch eine Predigt eines Laien ergänzt wird. Nimmt dies der Verkündigung des Priesters irgendetwas? Ich erinnere mich an die Predigten meines Heimatpastors, die man irgendwann als regelmäßiger Kirchgänger „auswendig“ aufsagen konnte. 

Wäre es nicht denkbar, dass der Priester und der Laie sich miteinander so absprechen, dass der Priester zur Laienpredigt einführt und diese vielleicht mit einigen vertiefenden Worten auch abschließt, so dass deutlich wird, dass er aus dieser Vergegenwärtigung Christi heraus einem Laien die Möglichkeit eröffnet, seinen Glauben zu bekennen. Sicher sollte dies die Ausnahme bleiben, aber man muss es auch nicht auf Situationen beschränken, wo der Priester krank oder anderweitig am Predigtdienst gehindert sei. So ähnlich hat es schon die Würzburger Synode vorgeschlagen. 

Die ausdrückliche Formulierung, dass Laien predigen könnten, wenn der Priester hierzu „nicht in der Lage ist“ ist im Grunde doch eine Einladung zur Unwahrhaftigkeit. Darin liegt die Gefahr, dass Gründe konstruiert werden, einem Nichtpriester die Homilie zu ermöglichen. Und es ist doch allemal besser, dass ein Laie aus dem eigenen Glauben und mit erfülltem Herzen predigt, also das irgendein Text aus einem Predigtbuch oder einer andere Vorlage vorgelesen wird („Lesepredigt“). Irgendwo war aus bischöflichem Munde zu lesen, es sei besser eine veröffentlichte Predigt eines Priesters vorzulesen als einen Laien predigen zu lassen. Aber was ist, wenn ein Priester die Predigt vorträgt, die ein Laie erarbeitet und in einer Predigtvorlage publiziert hat? Wem will man eigentlich solche kirchlichen Regeln noch erklären?

Ich bin der festen Überzeugung, dass es gut und richtig ist, wenn Laien ab und an eine Predigt als Homilie halten. Ich glaube keinesfalls, dass man bei einer solchen „Laienpredigt“ den notwendigen „Unterschied“ zur priesterlichen Homilie nur so einhalten kann, dass sie als erweiterte Einführung in die Eucharistie gehalten wird und man dann gleichzeitig behauptet, das in derselben Feier halt keine „echte“ Homilie gehalten werden kann. Das wirkt künstlich, konstruiert und ist unter den heutigen Kommunikationbedingungen eher peinlich als überzeugend. Und es ist allemal stimmiger festzulegen, dass ein Laie ab und an die Predigt in enger Abstimmung mit dem Zelebranten übernehmen kann, als festzulegen, dass er es nur dann soll, wenn der Priester an der Predigt gehindert ist. Wer will das überzeugend feststellen?

Wesentlich wäre für mich, dass der doch überzeugende geistliche Grundgedanke, dass Christus in Wort und Sakrament gegenwärtig ist, dass dies eine Einheit ist, was erkennbar und spürbar wird, weil der zelebrierende Priester in seiner Predigt Wortverkündigung und eucharistisches Opfer zu einer Einheit werden lässt. Dazu braucht es aber durchaus mehr als ein klares Regelwerk, das Laien die Homilie verwehrt, sondern sehr viel Liebe und Engagement für die angemessene und dialogische Verkündigung des Gotteswortes. Dann wäre es wünschenswert, dass der Prediger zugleich auch der Zelebrant der Messe ist. Überhaupt nicht stimmig ist vor diesem Horizont ein Priester, der zur Verkündigung des Evangeliums den Chorraum betritt und nach der Predigt die Kirche wieder verlässt. 

Das Argument, dass Priester und Diakone allein wegen ihrer Weihe schon exklusiv in den Dienst der Gegenwärtigsetzung Christi in seiner ganzen Person einbezogen seien und das dies ausreiche um die allgemeine Beauftragung mit dem Predigtdienst zu begründen, erscheint mir da eher schwach. Und die Bemerkung, Diakone mögen doch eher ausnahmsweise predigen (die vermutlich der mangelnden Überzeugungskraft des Arguments geschuldet ist), sollte doch auch Ausnahmen für Laien zumindest denkbar erscheinen lassen. Wenn Laienpredigten im Rahmen anderer Gottesdienste (wir mögen den Wert der Wortgottesdienste neu entdecken, wird gerade heute wieder gern betont) eine tiefere Verbindung mit Christus, der „mitten unter uns ist“ ermöglichen, warum sollte dies nicht in der ein oder anderen Homilie auch gelingen, möglicherweise nicht in der Tiefe, wie es ein Diakon kann, sicher nicht in der Tiefe, wie es der zelebrierende Priester kann, aber vielleicht doch genausogut wie durch eine vom indischen Kaplan vorgetragene Predigt aus der Feder eines Laientheologen, die just zu diesem Sonntag im „predigtforum.at“ veröffentlicht war.

Darüber zumindest nachzudenken, das tut uns allemal gut. 

Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass man die Bedeutung und den Stellenwert des priesterlichen Amtes nur dann angemessen schützen kann, wenn man für ausreichend Distanz zwischen Priestern und Laien sorgt. Darin steckt die Gefahr, dass das Niveau allgemein absinkt oder dass Priester mit der Kumulation von Aufgaben und Erwartungen schlicht überlastet werden. 

Es sollte auch für einen selbstbewußten Laien selbstverständlich sein, dass im Rahmen einer Eucharistie der zelebrierende Priester das erste Predigtrecht hat. Und dass eine Wortgottesfeier auch wegfallen kann, wenn sich ein Priester auf Durchreise anbietet, einer Eucharistiefeier vorzustehen. 

Wohlgemerkt, mich drängt nichts zum Predigtdienst in der Messe. Aber wenn wir ihn ausschließen, dann würde ich gerne einen Priester und Bischof erleben, der die Begründung dafür in einer kurzen Ansprache in einer ganz normalen katholischen Gemeinde schlüssig und überzeugend vortragen kann, ohne sich dafür theologisch verrenken zu müssen. Und der, wenn er dies tut, die Zuhörer, wenn nicht überzeugt, so doch nachdenklich zu machen vermag. 

Ich bin gespannt, ob der Debatte im päpstlichen Hausblatt auch ein offener, theologischer und wertschätzender Dialog folgt. Ein Dialog mit Folgen, der uns als Kirche hilft, die Botschaft Jesu Christi klar und überzeugend in die Welt zu tragen. Bis dahin bemühe ich mich weiterhin den geltenden Vorschriften für den Predigtdienst der Laien in meinem Dienst gerecht zu werden. 

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