Donnerstag, 6. September 2018

Es sind die Schwulen! Es ist der Zölibat! Es ist der Klerikalismus!

Die Diskussion um den Ex-Kardinal McCarrick, sein Verhalten und seine Verbrechen beschäftigt mich und viele weitere Menschen nach wie vor. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte ich noch einige weitere Gedankensplitter anfügen und zur Diskussion stellen. 

Als ich gestern im Rahmen eines Trauercafés mit einer Dame ins Gespräch kam, erzählte sie mir vom Krebsleiden ihres Mannes. Monatelang haben die Ärzte nach dem Ursprung der Erkrankung gesucht, um eine passende Therapie zu finden, am Ende war es eine Erkrankung der Ohrspeicheldrüse, eine eher seltene Diagnose. Der Weg zu dieser Diagnose war lang. Er begann mit einem nächtlichen Sturz im Hotel. Als dann nach einem Jahr die Rippen noch immer schmerzten begann eine monatelange Odysee durch deutsche Krankenhäuser. Jetzt ist die Diagnose da – die Therapie und ihr Erfolg noch unsicher. Mir ging später durch den Kopf, wie sehr eine solche Krebserkrankung ein Synonym für die Missbrauchskrise in der kath. Kirche sein könnte.

Eine Krebserkrankung stellt das normale Leben völlig auf den Kopf. Was bisher wichtig war und den Tag bestimmte, das ist plötzlich unbedeutend. Es geht jetzt nur ums Überleben. Die Therapie selbst richtet sich dann nicht nur gegen den Krebs, sie betrifft den ganzen Körper mit, ja sie schädigt ihn mit. Therapie und Diagnose „schmecken“ dem Kranken nicht, man ist geneigt, vor der gesamten Dramatik die Augen zu verschließen. Ich denke, ein jeder Leser kann den Gedanken an dieser Stelle eigenständig zu Ende bringen.

Weihbischof Marian Eleganti von Chur hat sein mündliches Statement zur Homosexualität im Priestertum nun auch noch einmal aufgeschrieben und veröffentlicht: das „Homosexuellen-Tabu ist Teil der Vertuschung“. 

Man möchte ihm zurufen „Halt ein, wo läufst Du hin...“ Ich verstehe ja seine Irritation aufgrund der Tatsache, dass ein überraschend hoher Anteil der Verbrechen innerhalb der Kirche von Männern an älteren männlichen Kindern- und Jugendlichen begangen wurde. Da sehe ich nirgends ein „Tabu“, denn das wird offen kommuniziert und ist Gegenstand einiger Studien. Dennoch überzeugt mich die Stellungnahme des Weihbischofs nicht. Dabei glaube ich schon, dass er es ehrlich meint und dass man mit ihm reden könnte. Eine Antwort mit dem Holzhammer ist nicht nötig, aber doch mehr Differenzierung und Tiefe. Wir reden hier von Tätern, die a) ihr Versprechen von Keuschheit und Zölibat nicht einhalten und b) bei diesen Übertretungen auch noch unschuldige Menschen für ihren Sexualtrieb mißbrauchen. Was daran "homosexuell" sein soll erschließt sich mir nicht.

Der Weihbischof hat mit der Beobachtung recht, dass viele der Opfer Jungen sind. Dafür gibt es ja durchaus Erklärungsansätze. Insgesamt müssen wir aber feststellen, hier sind nicht "Homosexuelle", die sich ins Priestertum eingeschlichen haben wie „Diebe in der Nacht“ und die verbotenerweise ihrem Sexualtrieb nachgehen, sondern Menschen, die pädophile bzw. ephebophile Neigungen haben. Unter ihnen besonders viele, die sich an Jungen vergreifen. Wir müssen also konstatieren, dass es offenbar unter Priestern solche gibt, die eine gestörte Entwicklung ihrer sexuellen Präferenzen und ihrer Triebsteuerung haben. Es ist für mich eine brennende Frage, warum Menschen mit Entwicklungsstörungen in einem so bedeutenden Bereich des Menschseins ins Priestertum streben und warum es im Verlauf der doch sehr tiefgehenden Ausbildung und Formung niemandem auffällt. Offenbar schaut man genauer auf persönliche (und dann möglicherweise auch zum Zweck der Ablenkung zelebrierte) Frömmigkeit und Spiritualität denn auf menschliche Reifungsdefizite. Ob diese Störungen homo- oder heterosexuell "unterfüttert" sind, halte ich für zweitrangig. Interessant finde ich dagegen die Frage, welche Rolle die "Männerwelt" Priesterausbildung und Priestertum dabei spielte und vielleicht noch spielt. Mir ist ein keuscher, zölibatär lebender homosexueller Priester völlig recht. Aber ich verabscheue Priester, die ihre sexuellen Neigungen nicht kontrollieren können. Hier stellen sich grundsätzliche Fragen an die Priesterausbildung und das Priesterbild der Kandidaten und der Kirche. Wobei man durchaus feststellen muss, dass sich in diesen Themenbereichen die Priesterausbildung schon wesentlich weiterentwickelt hat. Aber sowas zeigt ja erst in Jahrzehnten seine Auswirkungen. Interessant wären evtl. Projekte, mit denen man auf Defizite in der Vergangenheit im Rahmen von Fortbildung und geistlicher Begleitung von Priestern gezielt eingehen könnte.

Was ich besonders schwierig finde ist, dass Weihbischof Eleganti und mit ihm manche Andere behaupten: „Das Hauptproblem sind die Homosexuellen.“ Angeblich fühlten sich Homosexuelle ganz besonders stark zu jungen Männern hingezogen und hätten Probleme in der Triebsteuerung. Ich bin da skeptisch. Nicht umsonst ist das Internet voll mit jungen oder auf jung gemachten Pornodarstellerinnen. Für die entschlossene Bekämpfung von Missbrauch in der Kirche ist es unerheblich, ob die Täter mit Blick auf die Opfer eine gewisse Geschlechterpräferenz haben. Allen Menschen mit homosexuellen Neigungen grundsätzlich die Eignung zum Priestertum abzusprechen würde – selbst wenn ich den Gedanken des Weihbischofs folgen würde – das Problem noch eher verschärfen, weil es das offene Gespräch über die eigene Sexualität unmöglich macht, wenn ich wegen meiner homosexuellen Neigungen gleich ausgesiebt würde. Das Problem des Missbrauchs ist viel zu komplex, als es auf den Teilaspekt einer homosexuell gestörten sexuellen Reife des Täters engzuführen. Wenn Marian Eleganti in einem angeblichen Tabu über Homosexualität im Priesteramt zu reden einen Aspekt der „Vertuschung“ sieht, wird er sich fragen lassen müssen, ob nicht die Fixierung auf diesen Teilaspekt die weit größere „Vertuschung“ darstellt.

Übrigens: Wenn es ein „Tabu“ gibt, bzw. einen Aufschrei aufgrund solcher Bemerkungen, dann das, dass es nicht richtig ist, der „Homosexualität“ und „die Homosexuellen“ unter den Generalverdacht zu stellen, die Ursache für die Missbrauchstaten im Raum der Kirche zu sein. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Bischof Marian Eleganti das wirklich sagen wollte.

Einem ähnlichen Argumentationsmuster folgt die These: „Der Zölibat ist schuld.“ Wenn die Priester nur alle verheiratet wären, dann würde sowas nicht passieren. Viele scheinen geneigt zu sein, dieser These erst einmal zuzustimmen. Wenn sie aber wahr wäre, dann dürfte es in Familien kaum noch Missbrauchstaten geben. (Die Fachfrauen im Jugendamt hier erzählen mir da furchtbare Wahrheiten.) Dann wären auch die Prostituierten arbeitslos und ein Großteil des täglichen Datenverkehrs im Internet würde wegfallen. Nein, eine Ehe ist kein Garant für eine geregelte „Triebabfuhr“. Und wir leben mit vielen verheirateten und nicht verheirateten Menschen zusammen, die über Monate keine sexuellen Aktivitäten mit anderen Personen erleben und die sich dennoch völlig im Griff haben. Ja, es mag einzelne Täter im Raum der Kirche geben, deren unerfülltes Sexualleben sich so auswirkt, dass sie vor allem aus diesem Grund zu Tätern werden. Dennoch ist die Ehe kein Heilmittel für tiefsitzende, gestörte sexuelle Präferenzen. Wer unsere Lebenswelt aufmerksam anschaut, der kann das Problem, dass sich mächtige gestandene Männer junge bis sehr junge Frauen gefügig machen doch allenthalben entdecken. Die Abschaffung des Zölibats löst das Problem nicht.

Auch das Machtgefälle, die Hierarchie innerhalb der Kirche ist nicht das einzige Problem. In einer facebook-Diskussion begegnete mir das kürzlich so: „Meiner Meinung nach ist dass oftmals ein Machtproblem, der nicht gekonnte Umgang mit Macht, der sowohl Männer als auch Frauen zu Tätern macht.“ Das ist Quatsch. Richtig wäre, dass „Macht“ den Missbrauch begünstigt. Dass mächtige Männer eher die Möglichkeit haben, ihre Opfer unter ihre Kontrolle zu bringen. Macht, beispielsweise auch in dem Sinne, dass ein älterer Mann sicher eine klare Autorität gegenüber einem Kind hat, die er auch missbrauchen kann, zumal wenn er noch dazu „der Pastor“ ist und Eltern und Großeltern von ihm mit Hochachtung sprechen. Es ist für die Täter wichtig, ihre Opfer zu kontrollieren. Wenn ich mich als Kirchenmitarbeiter mit einer Jugendlichen in der Gemeinde einlassen würde, bedeutete das das Ende meiner beruflichen Laufbahn und wohl auch meiner Existenz, wenn diese mich in der Öffentlichkeit beschuldigte, mit ihr Sex gehabt zu haben. Ganz ähnlich wäre das bei einer Affaire mit einer gleichaltrigen Frau. Ich könnte mich doch nirgends mehr sehen lassen. Daher ist es für die Täter so wichtig, ihr Opfer in der Hand zu haben. Daher ist der Machtmissbrauch ein Symptom, ein Risikofaktor, eine Begleiterscheinung des Missbrauchsgeschehens, aber eher nicht die Ursache. Deshalb sehe ich die Rede vom „Klerikalismus“ als Kernproblem auch eher skeptisch. Ja, der begünstigt die Ausübung von Macht und gibt dem Täter Möglichkeiten, die ein pädophiler Lehrer oder Betreuer nicht hat. Letzlich ist der „Klerikalismus“ eine spezifische Spielart der Machtausübung. Es ist sicher sinnvoll, die Strukturen in der Kirche zu verändern und um problematische Aspekte zu bereinigen. Die katholische Kirche hat eine klare hierarchische Struktur. Die halte ich auch für heilsnotwendig. Dennoch wäre es sinnvoll, einige Verästelungen und etwas Dickicht wegzuschneiden. Aber auf der anderen Seite haben wir durchaus Probleme mit zu wenig bzw. mit schlechter Leitung. Daher stimme ich dem sehr klugen Statement meines Bischofs Dr. Felix Genn absolut zu, der kürzlich über das nun notwendige Handeln mit Blick auf den Missbrauchsskandal sprach und resumierte: „Das wird dazu führen, dass Priester und auch Bischöfe in der katholischen Kirche an vielen Stellen Macht und Einfluss abgeben und dass wir zu einem neuen Verhältnis von Laien und Priestern, von Haupt- und Ehrenamtlichen, von Männern und Frauen in der katholischen Kirche kommen müssen. Wie das konkret aussehen wird, kann ich Ihnen heute nicht sagen. Ich bin aber davon überzeugt: Wir brauchen Veränderungen.“

Mein Freund Harald Stollmeier brachte die Diskussion heute auf die prägnante Formulierung: „die erste Frage ist, warum sie es TUN. Die zweite ist, warum sie es tun KÖNNEN. Die dritte, warum sie es immer WIEDER tun können.“

In diesen Zusammenhängen irritiert mich zutiefst, wie sehr der Teilaspekt des Skandals, der sich nun rund um Kardinal McCarrick noch einmal in besonderer Weise zuspitzt von kirchenpolitischen Lobbygruppen und Interessen sagen wir mal vorsichtig (mal bewusst, mal unbewusst) „genutzt“ wird. Umso wichtiger ist es, in allem, was wir tun und reden bei den Opfern zu sein und nicht zuerst darüber zu sinnieren, was im Sinne meiner kirchenpolitischen Linie am Ende die Kirche dabei heraus kommt, von der ich schon lange träume. Auch da bin ich ganz bei Bischof Genn, wenn er sagt: „Natürlich ist es gut und wichtig, dass wir uns hierfür bei den Opfern entschuldigen. Bei allem, was wir tun, müssen die Opfer im Mittelpunkt stehen: Was können wir für sie tun? Wie können wir angesichts des unvorstellbaren Leids, das Priester und andere Menschen der Kirche ihnen zugefügt haben, alles uns Mögliche tun, die Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen? Und schließlich: Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen, um möglichst zu verhindern, dass es weitere Opfer gibt?“ Und er betont, dass wir dabei nicht stehen bleiben dürfen. Der Missbrauchsskandal deckt ja auch andere Defizite der Kirche auf. Was können wir tun, damit wir Kirche nach dem Herzen Jesu und nach dem Willen Gottes werden?

Es ist mehr als gruselig, was in dieser Hinsicht gerade in der katholischen Kirche Amerikas passiert. Da wird ernsthaft zum "Bürgerkrieg" gegen den Hl. Vater aufgerufen, da positionieren sich Bischöfe mal hinter Erzbischof Viganò, mal hinter Papst Franziskus. Man fordert den Rücktritt des Papstes, der mit Blick auf die Bewältigung der Missbrauchsproblematik (wie auch sein Vorgänger) wichtige Schritte voran getan hat, aber an anderer Stelle auch nicht immer glücklich agierte. Ob Papst Benedikt ahnte, dass er durch seinen prophetischen (und sicher richtigen) Akt eines Rücktritts vom Amt des Papstes auch solche, vorher eigentlich unvorstellbaren Forderungen, überhaupt erst denkbar gemacht hat. Kirchenrechtlich kann ein Papst gar nicht unter Druck zurücktreten. Ob sich diejenigen Leute, die heute nach Rücktritt rufen bzw. einen solchen überhaupt als möglichen Schritt in Erwägung ziehen (Stimmen, die ja gerade im sehr konservativen Lager erklingen), wirklich bewusst sind, in welchem Maße sie das Papstamt an sich durch derlei Kampagnen beschädigen? Der Tonfall der aktuell gehäuft kursierenden Papiere lässt aufhorchen.

Ich würde mich wünschen, dass sich alle Katholiken gerade unter dem Eindruck der Krise nicht gegenseitig beharken, sondern bei den Opfern stehen, bei denen, die Jesus in die Mitte gestellt hat. Das wir ganz klar machen, dass von uns keine Gefahren ausgehen, dass jeder von uns Gott in die Hand verspricht, dass er niemals willentlich einen anderen Menschen zum Opfer macht, weder seiner sexuellen Gelüste noch irgendwelcher anderer Triebe. Dafür gibt das Evangelium Ansporn genug. Und wenn das nicht reicht, muss die Kirche ihren haupt- und ehrenamtlich engagierten Mitarbeitern eine hilfreiche EXIT – Strategie anbieten, eine sichere Zone, in die jemand flüchten kann, der in der Gefahr steht zum Täter, zum Sünder, zum Verbrecher zu werden. Egal, ob es dabei um die Versuchungen der Macht, des Geldes, der Sexualität, der Heuchelei … oder welcher Kardinalsünde auch immer geht.

Die geistlichen Grundlagen und Instrumente dafür haben wir. Mögen wir auch Kraft und Ausdauer aufbringen, eine bessere Kirche zu sein, die auf all ihren Wegen und mit jedem einzelnen Schritt mit Freude und Menschlichkeit Christus entgegen geht, wohl wissend um die eigene Fehlerhaftigkeit und Sündigkeit.

Dienstag, 28. August 2018

Die heilige Kirche als "Kinderficker-Sekte"

Kinderficker-Sekte!

So darf man nach dem Beschluss eines Berliner Amtsgerichtes seit 2012 meine katholische Kirche straflos nennen. 
Kinderficker-Sekte! Dieses Wort tut weh, sehr weh!
Aber weit schmerzhafter ist der Mißbrauch selbst, das Leid, das Kinder und Jugendliche erdulden mußten in Räumen und durch Menschen der Kirche. 
Auch wenn immer wieder Kirchenleute und Wissenschaftler darauf hinweisen, dass die Zahl der kirchlichen Mitarbeiter, der Priester, Bischöfe und Kardinäle die zu Mißbrauchern werden nicht höher ist als unter Sportlehrern, Erziehern und Familienvätern, so kann darin keinerlei Trost liegen. Jesus sagt ja in der Bibel: „Bei euch aber soll es nicht so sein.“ - und dieses Wort gilt unbedingt auch mit Blick auf Menschen, die ihren Einfluß und ihre Macht über andere Menschen ausnutzen, um ihre Triebe zu befriedigen. Und das völlig unabhängig davon, ob es sich um Kinderpornografie handelt, um „einvernehmlichen Sex“ mit Volljährigen, um Beziehungen mit Schutzbefohlenen, mit jungen Leuten in der Jugendarbeit, in Seminaren oder in der Studentenseelsorge. Bei euch aber soll es nicht so sein! Da darf die immer stärker sexualisierte Gesellschaft nicht als Entschuldigung herhalten.

In immer neuen Wellen erschüttern die Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche Gemeinde und Gesellschaft. Die Menschen haben ein durchaus feines Gespür für Unwahrhaftigkeiten. Man kann nicht anders als zu konstatieren: der gute Ruf der Kirche, das Renomee ihrer Seelsorger ist auf lange Zeit ruiniert. Zumindest, was ihre Stellung in der Öffentlichkeit angeht. Man muss geradezu froh und dankbar sein, dass es trotz der schrecklichen Nachrichten der letzten Jahrzehnte überhaupt noch Familien gibt, die sich in Kirche und Gemeinde engagieren und ihre Kinder den Gemeinden in Katechese, Jugendarbeit und Ferienlager anvertrauen. Ich bin zutiefst dankbar für dieses Vertrauen. Glücklicherweise ist die Mißbrauchsprävention im kirchlichen Leben sehr wichtig geworden. Hier wird inzwischen oft großartige Arbeit geleistet.

Vertuscher auf allerhöchster Ebene – der Fisch stinkt vom Kopfe her?

Nachdem in den letzten Jahren schon zahlreiche erschütternde Mißbrauchsfälle bekannt wurden richtet der Bericht einer Grand Jury der Justizbehörde von Pennsylvania nun den Focus auf das Verhalten und Versagen von Bischöfen, hier in sechs amerikanischen Bistümern. Es ist mehr als erschütternd zu lesen, wozu geweihte katholische Männer offenbar in der Lage sind. Da fehlen mir absolut die Worte. Man verstummt vor so viel Abartigkeit. Insbesondere wenn davon berichtet wird, dass Priester einander die Opfer zuführen, Kinder entsetzlich quälen, auspeitschen oder mit Kreuzen markieren bzw. gar Fotos machen, wo nackte Kinder wie gekreuzigt hingelegt werden. UNBEGREIFLICH! 
Dazu kommt der bizarre Fall des amerikanischen Kardinals Theodore McCarrick, der ganz offensichtlich intime Beziehungen pflegte und Übergriffe auf Seminaristen und mindestens einen  minderjährigen Jungen ausübte. Er unterhielt ein Ferienhaus, wo diese Personen mit ihm in einem Bett schlafen mußten. Dies war – wie zu hören ist – seit Jahren, ja Jahrzehnten gerüchteweise in breiten Kreisen der amerikanischen Kirche bekannt. 

Der vatikanische Diplomat und ehemalige Nuntius in Amerika, Erzbischof Carlo Maria Viganò hat nun – als Pensionär – ein 11seitiges „Zeugnis“ veröffentlicht, in dem er zahlreiche Kardinäle und Bischöfe, bis hin zum Papst der Mitwisserschaft und der Vertuschung bezichtigt und ihren gemeinschaftlichen Rücktritt fordert. Damit steht plötzlich auch Papst Franziskus im Focus der Vorwürfe, die aber durchaus auch seine Vorgänger mit treffen. 

Mindestens ein amerikanischer Bischof hat sich nun schon hinter dieses „Zeugnis“ gestellt, ein weiterer den Nuntius hoch gelobt, doch die Diskussion kommt gerade erst in Gang. Es irritiert jedoch, dass Erzbischof Viganò seine Anklagen in der Causa McCarrick mit eher allgemeiner Kritik am kirchenpolitischen Kurs und der Person des amtierenden Papstes verbindet. Zudem scheint McCarrick die Auflagen, die ihm Papst Benedikt auferlegt haben soll, konsequent mißachtet zu haben. Erzbischof Viganò selbst wird sich fragen lassen müssen, warum er sein Zeugnis gerade jetzt vorlegt und nicht schon vorher öffentlich benannt hatte, was doch unter Amerikas Katholiken offenbar weithin geahnt wurde. Auch befinden sich unter den angeprangerten Persönlichkeiten auffällig viele, mit denen er persönlich über Kreuz liegt. Doch selbst wenn man diese persönliche Färbung berücksichtigt, so bleibt die beschriebene Causa McCarrick verstörend genug. Und die benannten Personen werden sich erklären müssen, warum sie geschwiegen haben. Der Papst selbst wollte sich zu diesen Beschuldigungen jedoch nicht äußern. Dennoch wäre es sehr wünschenwert, wenn aus seinem Mund noch klare Worte zu hören wären. Leider drückt sich Papst Franziskus in diesen Runden nicht immer glücklich aus. Warum sagt er nicht einfach: Ich habe davon gehört, aber mir fehlen genauere Informationen und ich möchte auch mit Papst Benedikt darüber sprechen. Auch würde das den Rahmen dieser Gesprächsrunde sprengen, aber wir werden dazu Stellung nehmen.

Wie auch immer – der Fall des ehemaligen Kardinals wirft ein helles Licht auf die Schwierigkeiten, die die Kirche im Umgang mit Mißbrauchsverbrechen hat. Mögen auch die Handlungen des Ex-Kardinals mit dem normalen Strafrecht nicht (mehr) zu bestrafen sein, so verbietet die kirchliche Lehre ein solches Verhalten ja mit allergrößter Klarheit. Es ist mir unbegreiflich, mit welchen Gedankenwindungen sich der Bischof wohl innerlich gerechtfertigt haben mag. Wie hat er nur sein Gewissen erstickt? Und wie konnten über Jahre hierüber Gerüchte kursieren, ja gar Berichte nach Rom geschickt werden, ohne dass jemand klar und eindeutig einschritt? Wenn es tatsächlich unter Papst Benedikt klare Auflagen gegeben haben sollte – wieso wurden sie nicht durchgesetzt? Wieso konnte ein solcher Mann im Vatikan auch später noch ein- und ausgehen? Es dauert sicher nur einige wenige Tage, bis ein junger Geistlicher im Ordinariat zu erscheinen hat, wenn ihm die Beziehung zu einer Frau nachgesagt wird. Und wenn dies der Wahrheit entspricht, wird man ihm nahelegen, die Beziehung zu beenden oder den priesterlichen Dienst niederzulegen. Und meist hat er ohne Abschiedsfeier die Gemeinde zu verlassen. Und dann läßt man so einen „Kardinal“ einfach gewähren? Hat man aus dem Fall Groer oder den Vorgängen im Priesterseminar in Chur gar nicht gelernt? Was haben solche Menschen noch am Altar zu suchen? Viganò bezichtigt den Ex-Kardinal gar der „frevelhaften Feier der Hl. Eucharistie“. Man mag sich gar nicht ausmalen, was damit konkret gemeint ist. 

Offene Ohren und Herzen für die Opfer

Nein, der Mißbrauch von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen ist nicht deshalb schlimm, weil er die heilige Institution Kirche beschädigt, ja zerstört. Auch nicht, weil die Verbrechen ihrer Diener das Zeugnis des Evangeliums verdunkeln. Der Mißbrauch ist schlimm, weil er genau zu den Worten passt, die Jesus über die menschlichen Versuchungen spricht: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. ... Wenn dir deine Hand oder dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu kommen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden. Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Wobei die alte Einheitsübersetzung zutreffender von „zum Bösen verführt“ spricht. Wie das Jesus-Wort weiter geführt werden müßte, bezöge man es auf den amerikanischen Ex-Kardinal überlasse ich Ihrer Phantasie.)

Büßen und Beten für die Täter?
Die „Väter“ haben gesündigt – den Söhnen werden die Zähne stumpf?

Natürlich ist es eine verständliche Haltung, dass Menschen, die im Kontext der Mißbrauchsfälle eine völlig reine Weste haben, nicht in die ganze Sache mit hineingezogen werden möchten. Aber es ist so, dass wir alle, die wir uns mit der katholischen Kirche identifizieren, in ihr und für sie arbeiten, in gewisser Weise in Mithaftung genommen werden für die Taten unserer verbrecherischen „Schwestern und Brüder“. Spürbar wird das unmittelbar, wenn es um Geld geht, Geld, das zur Entschädigung, „Wiedergutmachung“, für therapeutische Maßnahmen an Menschen gezahlt wird, die die Mißbräuche überlebt haben. Da wären zunächst die Täter selbst in der Pflicht, jeden Cent, den sie nicht fürs eigene Überleben brauchen, für die Opfer abzugeben. Aber das wird nicht reichen. Paulus hat oft recht in seinen Briefen, denn es gilt auch hier: wenn ein Glied leidet, dann leiden alle anderen mit. Und als diejenigen, die der „Kinderficker-Sekte“ verbunden bleiben, tragen wir die Schuld der Täter mit. In viel klarerer Weise als dies der Verein eines mißbrauchenden Fußballtrainers zu tun hat oder die Schule eines mißbrauchenden Lehrers. Eben weil die Kirche mehr ist als eine Institution.

Und von daher hat der Papst auch recht, wenn er in seinem aktuellen Schreiben das ganze Gottesvolk mit einbezieht und zu Buße und Fasten aufruft. Auch wenn das manch einem Katholiken sauer aufgestoßen ist. Wir hängen (leider) alle mit drin, auch wenn wir persönlich absolut unschuldig sein sollten. Mir kommt das rätselhafte Wort aus dem Buch Exodus in den Sinn: „Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen.“ Auch wenn das exegetisch hier sicher nicht passt. 

Die Spannung greift Bischof Ackermann in seiner Stellungnahme zum Papstbrief auf. „Sicher wird die Frage gestellt werden, warum der Papst dieses Schreiben an das ganze Volk Gottes richtet, wo doch die Schuld und Verantwortung in erster Linie bei den Priestern, den Bischöfen und Ordensoberen liegt. Spricht der Papst nicht allzu leicht in der Wir-Form und nimmt damit diejenigen in der Kirche mit in Haftung, die aufgrund des skandalösen Verhaltens von Priestern selbst eher zu den Leidtragenden gehören? Der Brief wird sich diese Frage gefallen lassen müssen. Zugleich lässt der Papst keinen Zweifel daran, dass er dem Klerus allein nicht die notwendige Kraft zur Erneuerung zutraut.“

Mehr als gute Worte - Was wird konkret getan?

Ich bin sehr gespannt, welche konkreten Maßnahmen nun folgen werden. Und wie die Katholiken der Welt in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden. Wenn der Papst im Gespräch mit Mißbrauchsopfern in Irland jedoch davon spricht, dass zur Zeit keine weiteren Maßnahmen geplant seien, dann frage ich mich, ob wir wirklich damit rechnen können, dass das verstörende Problem an der Wurzel angepackt wird. 

Kann die Kirche überhaupt über Sex reden?

Eine dieser Wurzeln ist sicherlich die Sexualmoral der Kirche. Die ist natürlich durch das Fehlverhalten und die Verbrechen eines Teils der Kleriker nicht auf einmal unlogisch und ungültig. Doch hat die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Moralverkündigung sehr darunter gelitten. Ohne das glaubwürdige, gute und anständige Vorbild der Kirchenleute wird es schwer werden, die Menschen von diesem Weg zu überzeugen. Wenn nicht einmal die Priester „keusch“ leben, warum sollen sich normale Menschen an „einengende“ Vorgaben halten?

Aber das eigentliche Problem ist nicht die Morallehre der Kirche an sich. Es geht eher um eine überzeugende Übersetzung in die Bedingungen der heutigen Zeit. Die Prinzipien der Morallehre sind und bleiben von geradezu ewiger Gültigkeit. Aber der Kirche muss es gelingen, zu einem reifen Umgang mit der menschlichen Urkraft der Sexualität zu kommen. Und dies insbesondere bei ihren Mitarbeitern, bei Katecheten, Pastoralreferenten, Ordensleuten und Priestern. Diejenigen unter ihnen, die in Ehe und Familie leben, haben dabei ganz andere Entwicklungschancen durch die gelebte Partnerschaft als es Priester haben. Das ist eine Herausforderung, auf die es neue Antworten braucht. Wir brauchen im zölibatären Priestertum und in den Orden nur solche Menschen, die mit ihren sexuellen Trieben umgehen können, worauf auch immer die sich ausrichten. Mir ist ehrlich gesagt der homosexuelle Kaplan, der keusch und zölibatär lebt deutlich lieber als der Pfarrer, der ab und an in der nächsten größeren Stadt eine Prostituierte aufsucht. Und dieser auch noch lieber als ein Priester, der Kinder anfasst und missbraucht. 

Vielleicht ist es wirklich notwendig, einmal ganz offen und systematisch hinzuschauen, wie der Zölibat durch die Priester gelebt wird. Es gibt ganz bestimmt eine sehr große Bandbreite legitimer, priesterlicher Lebensweisen. Aber die Kirche sollte sich auch die Frage stellen, inwieweit die besondere, hervorgehobene Stellung eines Priesters und das Leben im Zölibat auch negative Einflüsse auf des Denken und Verhalten der Geistlichen haben könnte. Kennt nicht jeder von uns Priester mit ganz besonderen Marotten? Wer gibt einem Priester liebevolles Feedback, wenn er sich eher „spezielle“ Verhaltensweisen angewöhnt? Und zwar möglichst eine Person – auf Augenhöhe. Dies scheint mir umso wichtiger, als die klassische Pfarrhaushälterin seltener wird. Das Leben in der Familie, der Nachbarschaft, in Vereinen und in intensiven Freundschaften schleifen bei uns Menschen manche Ecke rund. Selbstredend darf jeder Mensch Ecken, Kanten und Marotten haben und kein Priester ist deshalb ein schlechterer Priester. Aber es gibt auch echte Fehlentwicklungen, denen man frühzeitig wehren könnte. 

Selbstverständlich steht es auch einem Priester zu, einen Fehler zu machen. Oder auch mehrere. Aber dann kommt es auch darauf an, wie er mit seinen Fehlern umgeht. Doch wenn der Fehler kein Fehler mehr ist, sondern ein Verbrechen, wenn es nicht ein Besuch bei einer Prostituierten war oder spontaner Sex im Urlaub, sondern ein Mißbrauch an Kindern … dann müssen Konsequenzen folgen. Und hier müssen unbedingt die staatlichen Strafverfolgungsbehörden einbezogen werden. 

Die Ausbildung der Priesteramtskandidaten (und anderer kirchlicher Mitarbeiter) 

Es sollte doch möglich sein, den Priesteramtskandidaten in der Ausbildung zu vermitteln, dass sie auf ihre Neigungen aufmerksam achten sollen. Warum sollte jemand der spürt, dass ihn der Umgang mit Kindern sexuell erregt, dass er sich zu besonders jungen Frauen oder Männern hingezogen fühlt, nicht das Gespräch mit einem eigens beauftragten Priester der Diözese suchen, der gemeinsam mit dem Betreffenden nach Auswegen und Therapien sucht. Es gibt doch in manchen Bistümern auch Ansprechpartner für Süchte, warum nicht für sexuelle Fragen? Das wäre doch eine möglicherweise hilfreiche Maßnahme und wenn hierdurch auch nur ein einziger Mißbrauch verhindert würde. 

Der Gedanken erscheint ihnen etwas „gewagt“? Warum denn nicht? Für kaum einen Beruf erhält der Bewerber so viel menschliche Begleitung und Formung wie für den Priesterberuf. Da sollte man solche Dinge nicht ausblenden. Aber ich fürchte obwohl sich Manches verbessert hat, konnte die Kirche insgesamt in diesen Fragen noch immer nicht zu einer einheitlichen, verständlichen, heutigen Sprache und zu einer klaren Haltung finden. Noch immer müssen wir eher verschwurbelte Erklärungen und Kommentare aus dem Mund kirchlicher Akteure hören. Besonders für die allgemeine Öffentlichkeit machen theologische und semantische Schnörkel keinen Sinn. Den Vergebungsbitten und Ankündigungen müssen Taten folgen, sichtbare und spürbare Veränderungen. 

Wir sollten als Kirche ganz genau hinschauen, aus welchen Motiven jemand Priester werden möchte. Und diese in ihrer ganzen Breite und Farbigkeit erforschen. Es gibt da neben „Berufung“ sicher einen ganzen Fächer an Motivationen bis hin zu möglichen pädophilen Neigungen vor denen man durch eine Flucht ins „keusche“ Priesterleben zu fliehen versucht – statt sich in Therapie zu begeben. 

Was ist eigentlich „Klerikalismus“?

Papst Franziskus spricht häufig von der Gefahr des „Klerikalismus“. Das ist ein schillernder Begriff.  Man hat etwas das Gefühl, dass der Papst beim Mißbrauch durch Priester sehr auf den Aspekt des Machtgefälles fixiert ist und die Vielschichtigkeit dieses Phänomens nicht ausreichend wahrnimmt. Auch Priester die ausdrücklich nicht „klerikal“ auftreten, können zu Mißbrauchern werden, gerade weil sie den Jugendlichen nahe sein wollen.

Jeder Priester muss in der Lage sein, seine Triebe zu beherrschen (auch jeder Pastoralreferent, selbst wenn er ledig sein sollte), selbst wenn eine 20jährige, sehr attraktive Jugendliche bewußt Sex mit ihm will. Und auch dann noch, wenn Alkohol und eine aufgeladene Stimmung im Spiel ist. Das ist nicht zuviel verlangt. Gewisse innerliche Grenzen braucht es, die man im Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht überschreitet, niemals. Zu Recht verlangt die Kirche dies auch von den Eheleuten. 

Nur kein Aufsehen! Nur niemanden bloßstellen!

Ich spüre bei mir selbst, dass ich geneigt bin, den entsetzlichen Skandal zu verharmlosen. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich gar nicht genau hinsehen möchte, wenn mir jemand erzählt, ein Pfarrer habe eine Beziehung oder ein anderer würde mit den Kindern gemeinsam duschen gehen oder hätte ein Kind unsittlich angefasst. Ich habe das einmal erlebt, als mir Gemeindemitglieder vor Jahren einmal erzählten, sie hätten meinen damaligen Pfarrer mit einer Frau in einem Einkaufzentrum gesehen und er habe eine Beziehung mit dieser verheirateten Frau. Man fängt an, nach entlastenden Erklärungen für Dinge zu suchen die jenseits der eigenen Vorstellungswelt liegen oder die einfach zu schmerzhaft, unangenehm, schrecklich sind.

Dieses Phänomen nutzen die Täter gezielt aus, und versuchen die Menschen in ihrem Umfeld einzulullen und ihr Tun zu verschleiern und zu verharmlosen. So ist mancher gern geneigt, den Erklärungen und Verharmlosungen Glauben zu schenken. 

Anders kann ich mir die jahrzehntelange „Vertuschung“ solcher Vorfälle und Verbrechen kaum erklären. Ich fürchte inzwischen allerdings auch, dass es in der Kirche sogar Netzwerke geben könnte, wo Priester solche Verbrechen gegenseitig ermöglichen und verschleiern. Die Erfahrung zeigt, dass die Täter sehr geschickt sind, ihr Umfeld zu manipulieren und dafür auch gewisse Mechanismen des Klerikalismus und der Frömmigkeit zu mißbrauchen und ihr nach wie vor hohes Sozialprestige einzusetzen.

Was tun mit den Tätern?

Der Papst hat auch kürzlich wieder von einer „Null-Toleranz“ für Mißbraucher gesprochen. Das ist sicher richtig. Aber es muss auch sichtbar und für Täter und Opfer spürbar werden. Es darf nicht sein, dass der Mißbraucher gemütlich in einer schönen Stadt lebt und von seiner Rente recht gut leben kann, während das Opfer aufgrund seiner Traumatisierungen jeden Tag mit den Folgen der Taten kämpft und wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt. Ob der Rentner nun noch Messen zelebriert oder nicht, ob ihm die Ausübung des Priesteramtes verboten wird oder er sogar laiisiert wird, das spielt keine Rolle wie die Tatsache, dass er nicht spürbar bestraft und an weiteren Taten gehindert wird. Es ist sicher nicht leicht, hier Gerechtigkeit möglich zu machen, zumal das staatliche Recht nicht immer hilfreich ist. Aber wir müssen es versuchen. 

Es stellt sich daher die Frage, was mit Leuten, wie Kardinal McCarrick geschehen soll. Einige facebook-Freunde haben schon sowas wie Inklusenzellen vorgeschlagen, wo man ihn bei Wasser und Brot... Es darf nicht sein, dass sich die Kirche mehr darum bemüht, den Täter angemessen unterzubringen und zu beschäftigen als dem Opfer eine weitgehende Rückkehr ins Leben zu ermöglichen. Natürlich trägt die Kirche Mitverantwortung für die Zukunft des Täters. Allein schon, um weitere Taten zu verhindern. So ganz abwegig fände ich ein geschlossenes „Chorherrenkloster“ mit regelmäßigen Gebeten und Gottesdiensten unter Vorsitz eines unbescholtenen Gefängnisseelsorgers nicht. Ein Haus, in das sie nach der im Gefängnis verbüßten Strafe einziehen. Ein Haus, wo die Bewohner nicht einfach so ihre Zimmer verlassen können, aber doch immer wieder zu Gottesdiensten zusammenkommen. Wo sie durchaus auch eine Zeitlang von den Sakramenten ausgeschlossen werden und therapeutische Hilfe bekommen. Ein Haus mit einer klaren und strengen Regel und der Gelegenheit mit Fasten und Arbeiten überzeugend Buße zu tun und den Opfern so weitere Unterstützung zukommen zu lassen. 

Die Homo-Lobby und der Mißbrauch???

Gerade haben sich wieder zwei Bischöfe zu Wort gemeldet, Kardinal Burke in den USA und der Schweizer Weihbischof Eleganti, die aus der Tatsache, dass die allermeisten Mißbrauchsfälle zwischen Priestern und männlichen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen angezeigt wurden ableiten, dass man die angebliche Homosexualität der Mißbrauchstäter genauer in den Blick zu nehmen habe. Damit greifen sie Gerüchte um eine „Homo-Lobby“ im Vatikan und verschiedene Skandale der letzten Zeit auf, mit Priestern, die mit Callboys oder in homosexuellen Partnerbörsen verkehrten. 

Das Bistum St. Gallen hat sich soeben in scharfer Form gegen solche Mutmaßungen verwahrt und sich von den Worten des Weihbischofs distanziert. „Es ist unerträglich, dass die Thematik der Übergriffe mit dem Thema der Homosexualität verbunden wird. Eine solche Aussage ist das Gegenteil von seriösen Anstrengungen, künftig sexuelle Übergriffe zu verhindern und die geschehenen schlimmen Taten an Opfern aufzuarbeiten.“ 

Nein, mit Homosexualität hat Mißbrauch, auch wenn er an 16 – 18jährigen Schülern geschieht, nichts zu tun. Es hat aber sehr wohl mit einer unausgereiften, ungesunden und fehlgeleiteten Sexualität zu tun. Es ist erschütternd, dass es nicht gelingt, solche angehenden Priester frühzeitig zu identifizieren und evtl. die Hilfe von Psychologen und Psychiatern in Anspruch zu nehmen, auch um eine Reifung in der sexuellen Identität zu ermöglichen. Nicht selten gelingt es diesen Personen, ihre Neigungen unter besonderen anderen Stärken, durch theologische und menschlich-kommunikative Qualitäten oder besondere Frömmigkeit zu verbergen. Ob sich solche unausgereifte, kranke Sexualität dann auf junge Männer oder Frauen ausrichtet ist unerheblich. Das Problem sind nicht Priester mit homosexueller Ausrichtung, sondern solche mit krankhaften Neigungen oder mangelnder Triebkontrolle.

Die statistischen Zahlen über Missbrauch auf Homosexualität der Täter bzw. auf homosexuelle Netzwerke zuzuspitzen kommt einer Verharmlosung der ganzen Problematik gleich. Der Missbrauch ist ein Krebsgeschwür, dass die ganze Kirche durchzieht. Dafür gibt es keine einfache Erklärung. Schuld ist nicht einfach der "Modernismus", die "Homo-Lobby" bzw. "die Schwulen" oder die "sexuelle Revolution". Derlei Erklärungsmuster greifen viel zu kurz und verschleiern die Dramatik des Problems, für das es keine ganz einfachen Lösungen gibt.

Wenn es so ist, dass bestimmte Formen des Missbrauchs innerhalb der Kirche gehäuft vorkommen (Ältere männliche Täter nutzen ein Machtgefälle, um sich vor allem älteren Jungen, Jugendlichen und jungen Männern zu nähern), gerade dann muss sich die Kirche fragen, warum sie einen solchen Tätertypus anzieht und welche Mitschuld sie selbst an dieser auffälligen Häufung einer derart fehlgeleiteten sexuellen Orientierung bei ihrem Priestern trägt. Deren pädophile Ausrichtung hat sich nämlich zu weiten Teilen im Schoß und unter dem Dach der Kirche selbst entwickelt.

Dass besonders viele Jungen zu Opfern wurden hat – so zeigt es ja auch der Fall McCarrick - offenbar damit zu tun, dass diese für die Täter leichter verfügbar waren. Möglicherweise liegt auch ein Teil der Erklärung in der Tatsache, dass manche Priesteramtskandidaten sich einer homosexuellen Veranlagung nicht stellen und sie ablehnen bzw. oberflächlich bekämpfen (weil das in der Priesterausbildung ja bis heute nicht gern gesehen wird bzw. sogar durch vatikanische Instruktion die Weihe von Männern mit tiefsitzenden homosexuellen Neigungen ausgeschlossen wird). Auch hierdurch mag es zu Fehlentwicklungen kommen. Hier wäre eine Präzisierung der Vorgaben notwendig, die den Kandidaten völlige Offenheit ermöglicht.


Wie wird es weiter gehen?

Es wird notwendig sein, auch die Macht- und Gehorsamsstrukturen innerhalb der Kirche kritisch in den Blick zu nehmen, inwieweit durch diese Traditionen und Hierarchien die Aufdeckung von Missbrauchsfällen behindert wurde und wird. Es wird sich auch die Frage stellen, inwieweit Laien, Frauen, Mütter, Väter in den Entscheidungswegen und Kontrollinstanzen mit ihrem Sachverstand und ihrer besonderen Sensibilität in solchen Fragen stärker eingebunden werden müssten.

Ich bin inzwischen 51 Jahre alt, als ich geboren wurde war das 2. Vatikanische Konzil gerade vorbei. Seit meiner Kindheit bin ich in der Kirche aktiv, seit mehr als der Hälfte meiner Lebenszeit nun katholische Seelsorger. Eine so beispiellose Krise habe ich bis heute nicht erlebt, bei allem Auf und Ab der vergangenen Jahre. Es ist Zeit für ein entschlossenes Handeln, um das Phänomen an der Wurzel zu packen, denn der Mißbrauchskandal legt einige Schwachstellen der Kirche offen. Auch haben einige Beobachter der Situation deutlich gemacht, dass der Klerus allein nicht die notwendige Kraft zur Erneuerung haben wird und dass hierzu auch die Stimme der Laien gehört und ihr guter Rat berücksichtigt werden muss. Daher stimme ich dem Bischof von Portsmouth in Großbritannien, Philip Egan unbedingt zu, der eine Bischofssynode der Weltkirche zu dieser Thematik fordert.

Bis dahin sollte in den Bistümern der Welt alles getan werden, um mit den Betroffenen des Mißbrauchs auf allen Ebenen ins Gespräch zu kommen, sie bei ihrem Lebensweg nach Kräften zu unterstützen, die Ausbildung der Priester noch weiter zu verbessern, eine offene Gesprächskultur auch über schwierige Fragen zu etablieren, den Geist der Gemeinschaft zwischen Laien, Ordensleuten und Klerikern zu stärken und ihr Miteinander zu fördern und die Augen offen zu halten und Herz und Ohren zu öffnen für die Opfer von Mißbrauch, der ja auch außerhalb kirchlicher Lebenswelten millionenfach geschieht. Die Kirche hat ein so wertvolles und heute leider überaus notwendiges Zeugnis zu geben von einer sehr menschlich gelebten, liebevoll gestalteten Sexualität. Dieses lebenswichtige Zeugnis dürfen wir nicht durch unser fehlerhaftes Handeln, unsere abgehobene Sprache und Fehler in Verkündigung und Kommunikation der Menschheit vorenthalten. 

Herr, erwecke deine Kirche
und fange bei mir an.

Vergebungsbitte von Papst Franziskus:

„Gestern traf ich acht Menschen, die den Missbrauch von Macht, Gewissen und Sexualität überlebt hatten. In Anlehnung an das, was mir gesagt wurde, möchte ich diese Verbrechen zu Füßen der Barmherzigkeit des Herrn legen und um Vergebung bitten.

Wir bitten um Vergebung für Missbrauch in Irland, Missbrauch von Macht und Gewissen, sexuellen Missbrauch durch Mitglieder, die verantwortungsvolle Positionen in der Kirche innehatten, und insbesondere um Vergebung für jeden Missbrauch, der in verschiedenen Arten von Institutionen unter der Leitung von Ordensleuten und anderen Kirchenangehörigen begangen wurden.

Wir bitten auch um Vergebung für die Fälle von Arbeitsausbeutung, zu denen so viele Kinder gezwungen wurden: Wir bitten um Vergebung.

Wir bitten um Vergebung für all jene Zeiten, in denen wir als Kirche den Überlebenden keinerlei Form von Mitgefühl, Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit mit konkreten Taten gezeigt haben: Wir bitten um Vergebung.

Wir bitten um Vergebung für jene Mitglieder der Hierarchie, die diese schmerzhafte Situation nicht angegangen sind, sondern geschwiegen haben: Wir bitten um Vergebung.

Wir bitten um Vergebung für die Kinder, die ihren Müttern weggenommen wurden, und für all die Zeiten, in denen alleinerziehenden Müttern, als sie später ihre Kinder suchten, gesagt wurde, die Suche nach den Kindern, von denen sie getrennt worden waren, sei eine Todsünde - und dasselbe wurde den Söhnen und Töchtern gesagt, die nach ihren Müttern suchten. Dies ist keine Todsünde, es ist das vierte Gebot. Wir bitten um Vergebung.

Möge der Herr diesen Zustand von Scham und Schuld aufrechterhalten und wachsen lassen und uns die Kraft geben, dafür Sorge zu tragen, dass diese Dinge nie wieder geschehen und dass Gerechtigkeit wird. Amen.“

Donnerstag, 7. Juni 2018

Kommunionstreit - das theologische Unwort des Jahres

„Kommunionstreit“, das Wort macht die Runde und hat das Potential zum katholischen „Unwort“ des Jahres. Das Wort Kommunion hat seine Wurzeln im griechischen „Koinonia“ oder im lateinischen Communio, was soviel wie Gemeinschaft bedeutet. Die beiden Worthälften wollen also so gar nicht zusammen passen. Ein wirkliches "Paradoxon"!

„Kommunionstreit“ - was ich heute in Nachrichtenportalen und Diskussionforen lese, das ist wirklich unterirdisch. Das Argumentationsniveau macht betroffen (in allen Lagern). Selbst Bischöfe beteiligen sich mit öffentlichen Stellungnahmen und einige Kommentatoren faseln vom Schisma. Es geht zu, wie bei manchen entgleisten Bundestagsdebatten. Nur war ich bisher der Meinung, dass „wir“ in der Kirche irgendwie anders sind. Doch wenn man das Trauerspiel genau betrachtet, dann ist ein großer Teil der Debatte und sind viele Argumente längst über die eigentliche Thematik und das ursprüngliche Anliegen hinweg gedriftet. Man möchte seinen Brüdern und Schwestern zurufen: „Nun reißt euch doch mal zusammen, legt euch ein Schweigegelübde auf und geht beichten!“ Es ist ja nicht zum Aushalten! Da werden aus strategischen Gründen Dokumente an die Öffentlichkeit gegeben, die dafür überhaupt nicht bestimmt waren, die beteiligten und betroffenen Personen erhalten sie erst später auf offiziellem Wege. Sicher war es ein „Kardinalfehler“, über das unfertige Dokument schon in der Öffentlichkeit zu reden, bevor überhaupt ein Text vorlag. Im Grunde hätte uns die ganze Debatte erspart werden können, wenn die bischöflichen Kontrahenten etwas geduldiger und etwas geräuschloser gewesen wären. So begießt man das Pflänzchen „Kirchenverdrossenheit“, das im Schatten der schon länger wuchernden „Politikverdrossenheit“ immer größer wird. Aber, stellen wir uns einmal neben die aufgeregt Streitenden (vom Blogger bis zum Kardinal) und schauen uns die Sache einmal in Ruhe an.

Eine gemischt konfessionelle Ehe ist heute eine Selbstverständlichkeit und löst keine Fragen und Unsicherheiten mehr aus. Manches Paar denkt überhaupt erst kurz vor der Eheschließung intensiver darüber nach, welcher Konfession der Andere angehört und was das für die Eheschließung bedeuten könnte. Umsomehr muss die aktuelle Diskussion unseren Zeitgenossen wie „von einem anderen Stern“ vorkommen.

Wenn ich darüber nachdenke, so ist eine konfessionsverschiedene Ehe nicht so selbstverständlich wie es scheint. Man muss auch nicht weit zurück blicken, um in der eigenen Biografie interessante Geschichten dazu zu finden. Als meine Tante einmal ihren neuen Freund meinen Großeltern vorstellte, war deren Ablehnung groß. Nicht wegen dessen gewaltigen Bartes und seiner süddeutschen Herkunft, sondern weil er evangelisch war. Der Nachfolger war zwar auch evangelisch, aber immerhin Lehrer und von hier...

Vor einigen Monaten musste ich – in kurzem Abstand - zunächst einen Mann, später seine Frau beerdigen. Sie, ursprünglich aus einer evangelischen Pfarrersfamlie stammend, war kurz nach der Trauung konvertiert und hatte in der katholischen Kirche eine wirkliche Heimat gefunden, wie mir die streng evangelische, ältere Schwester nach einer Kommunionfeier am Sterbebett bewegt erzähle, auch welche Hürden zu überwinden waren und welche Schwierigkeiten der Entschluss der Schwester ausgelöst hatte.

Das waren alles ernste Fragen, die in der Vergangenheit auch zu politischen Verwerfungen führten. Der Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering wurde im Zuge eines Streits in der Frage der Mischehen am 20. November 1837 festgenommen und in der Festung Minden gesperrt und dort bis zum April 1839 gefangen gehalten. Bis zu seinem Tode lebte er im Exil, ohne auf seinen Bischofssitz zurück zu können. Er hatte gegenüber dem preußischen Staat an der katholischen Haltung festgehalten, dass die Kinder aus einer Mischehe im katholischen Glauben zu taufen und zu erziehen seien. Der preußische Staat hielt damals dagegen. In frommen Traktaten wurde lange vor den Gefahren der Mischehe gewarnt. Die deutschen Bischöfe bemerkten sogar noch 1958 in einem Hirtenwort: „Wer vor der Mischehe warnt, stört nicht den konfessionellen Frieden. [...] Wer vor der Mischehe warnt, hilft vor Leid und seelischen Konflikten bewahren; er dient dem religiösen Frieden.“

Praktisch wurde das aber auch damals schon je nach Pfarrer und Region unterschiedlich gehandhabt. So waren interkonfessionelle Ehen im Ruhrgebiet weniger problematisch als z.B. im rein katholischen Münsterland. Prälat Nienhaus aus Lohberg lehnte beispielsweise Ende der 1940er Jahre den Konversionswunsch eines evangelischen Ehemannes ab, mit dem Hinweis, dieser wolle doch nur das evangelische Kirchgeld sparen und solle der Taufe treu bleiben, zu der ihn seine Eltern bestimmt hätten. Und Albert Nienhaus war sicher mit jeder Faser seines Lebens ein überzeugter Katholik.

Den großen Wandel leitete dann das 2. Vatikanische Konzil ein, das die anderen Konfessionen nicht mehr als Häretiker und Schismatiker betrachtete sondern sie als getrennte Brüder oder getrennte Kirchen neu entdeckte und wertschätzte. Dem folgte auch eine Öffnung mit Blick auf die konfessionsverschiedenen Ehen. Papst Paul VI. lenkte 1970 in dem Motu proprio „Matrimonia mixta“ den Blick auf einen interessanten Aspekt dieser Konfessionsverschiedenheit: „Sie trägt ja in die lebendige Zelle der Kirche, wie die christliche Familie mit Recht genannt wird, eine gewisse Spaltung hinein; wegen der Verschiedenheit im religiösen Bereich wird die treue Erfüllung der Forderungen des Evangeliums erschwert; das gilt besonders von der Teilnahme am Gottesdienst der Kirche und von der Erziehung der Kinder.

Aus heutiger Sicht kommt einem all dies geradezu „mittelalterlich“ vor. So war ein junger Kollege von mir kürzlich zutiefst verwundert, als er seine standesamtliche Eheschließung mit seiner evangelischen Frau bei seinem Arbeitgeber bekannt gab und sofort zu einem Gespräch nach Münster gegeben wurde, warum er für diese Eheschließung nicht die vorgesehene bischöfliche Erlaubnis erbeten habe. Aber auch kirchlich eher ungebundene Paare staunen oft, wenn ihren eröffnet wird, dass es nach wie vor keine ökumenischen, sondern nur evangelische oder katholische Trauungen gibt, an denen der jeweils andere Pfarrer assistierend teilnimmt. Oder dass das Paar gefragt wird, ob es seine Kinder katholisch taufen und im katholischen Glauben erziehen wolle.

Umso verwunderter wird jetzt mancher auf die Auseinandersetzung zwischen Bischöfen und unter Katholiken schauen. Zumal es in der Öffentlichkeit sowieso darum zu gehen scheint, evangelische Ehepartner generell zur Kommunion zuzulassen, quasi als ersten Schritt zu einer allgemeinen Interkommunion. Selbst hochrangige Politiker haben sich im Umfeld des Katholikentages in diese Richtung geäußert. Und hier liegt sicher ein Grund für die Schärfe der Diskussion, aber auch für Verletzungen derer, die eine Lösung für Menschen suchen, die sich wirklich nach voller Teilnahme an der Communio der Kirche und Gemeinde sehnen.

Denn es geht bei der Handreichung der deutschen Bischofskonferenz in der Tat nicht um Interkommunion, sondern in jeder Hinsicht um eine Gewissensentscheidung. Verlangt wird nämlich, dass der evangelische Partner den katholischen Glauben teilt und das die Zulassung zur Kommunion die Reaktion auf eine schwerwiegende geistliche Notlage ist.

Ganz ehrlich, ich erlebe sicherlich konfessionsverbindende Paare, die am Leben ihrer jeweiligen bzw. am Leben der evangelischen oder katholischen Gemeinde teilnehmen. Aber ihre Nichtzulassung zum Kommunionempfang erleben viele sicherlich als unbefriedigend, ärgerlich, enttäuschend... aber von einer Notlage würde sicher kaum jemand sprechen. Ich glaube, eine Handreichung, die solches formuliert, würde von den Betreffenden eher mit Verwunderung aufgenommen. Und ich wäre auch nicht geneigt, diese Formulierung aus dem Kirchenrecht (CIC 844 § 4) überhaupt im Gespräch dem Paar gegenüber zu formulieren. Einzelne evangelische Ehepartner sind im Grunde in der katholischen Gemeinde und im Glauben weit tiefer verwurzelt als mancher Katholik. Sie gehen ganz selbstverständlich (meist nach Gesprächen mit dem Pfarrer) zur Kommunion, andere tun dies, ohne dass ich um die Hintergründe weiß. Viele verzichten allerdings auch, ohne darüber mit den Seelsorgern oder ihrem Ehepartner überhaupt ins Gespräch zu kommen. Es ist zu einer Gewohnheit geworden, in der Kommunion nicht Teil der Communio zu sein, de facto aber doch Teil der Gemeinde. Nur wenige kommen zum Segen nach vorn, wie es aktuell wieder Kardinal Kasper vorgeschlagen hat. Eine Idee, die man sicher noch mal vertiefen sollte.

Der Wandel der Jahre von 1958 – 2018, in 60 Jahren, von den „Mischehen“ über die konfessionsverschiedenen bzw. interkonfessionellen Ehen zur Konfessionsverbindenden Ehe kann gar nicht groß genug eingeschätzt werden. So viel Wandel gab es auch theologisch in so kurzer Zeit in der Kirche wohl selten. Angesichts der Individualität der Menschen, der Paare, der Religiosität – ist sicher auch nicht jede interkonfessionelle Ehe auch eine Konfessionsverbindende.

Anders als Papst Paul, der den Aspekt der Trennung in der „lebendigen Zelle der Kirche, die die Familie ist“ in den Focus nimmt, entdeckten andere Theologen, unter ihnen auch Kardinal Kasper in der konfessionsverbindenden Ehe, die ja auch eine „Kirche im Kleinen“ ist, eine Art „Klebstoff“ der Konfessionen bzw. eine vorweggenommene Einheit, eine stabile Brücke zwischen den getrennten Kirchen. Die zunehmende Anzahl interkonfessioneller Ehen stellt solche ökumenischen Fragen mit einer gewissen Dringlichkeit.

Als Katholiken schätzen wir die Ehe hoch. Sie ist für uns das sakramentale Abbild der Liebe, die Christus mit seiner Kirche verbindet. Die Liebe der Eheleute zueinander, die Unauflöslichkeit ihrer Verbindung hat christologische Dimensionen. Das nimmt sie in gewisser Weise schon hinein in die katholische Communio.

Die theologischen Fragen, die sich durch die Existenz konfessionsverbindender Paare stellen, sind bis heute nicht endgültig durchdacht. Aber wenn die Kirche an ihrer Sicht des katholischen Ehesakramentes festhalten will, muss das auch Folgen haben für die Communio mit denjenigen Ehepartnern, die (noch) nicht offiziell zur katholischen Kirche gehören oder sogar sehr bewußt in ihrer Konfession verbleiben möchten. Sie können uns nicht gleichgültig sein.

Bischof Feige weist in einem Beitrag für die ZEIT auf einen Abschnitt aus der Enzyklika „Ecclesia de eucharistia“ des Hl. Papstes Johannes Paul II. hin, wo es, nachdem die Möglichkeit der gemeinsamen Gottesdienstfeier ausgeschlossen wurde, heißt: „Dies gilt nicht für die Spendung der Eucharistie unter besonderen Umständen und an einzelne Personen, die zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, die nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. In diesem Fall geht es nämlich darum, einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger im Hinblick auf das ewige Heil entgegenzukommen, nicht aber um die Praxis einer Interkommunion, die nicht möglich ist, solange die sichtbaren Bande der kirchlichen Gemeinschaft nicht vollständig geknüpft sind.“

Das ist ein bedeutsamer Text, der sich ja offenbar auch auf evangelische Kirchen (kirchliche Gemeinschaften) bezieht. Bischof Feige bedauert, dass bis heute nicht geklärt wurde, wen der Papst mit dem „schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger“ meint. Diese Formulierung erscheint mir zumindest stimmiger als die „Notlage“-Regelung der deutschen Bischofskonferenz und es bleibt zu hoffen, dass die nun anstehende und von der Glaubenskongregation angekündigte Klärung auf weltkirchlicher Ebene möglicherweise hier anschließt.

Wenn dies auch zu einer umfassenden Relectüre der Enzyklika des heiligen Papstes führt, wäre das ja mehr als wünschenswert, gerade auch in der dort ausgedrückten Sehnsucht „Doch haben wir den sehnlichen Wunsch, gemeinsam die Eucharistie des Herrn zu feiern, und dieser Wunsch wird schon zu einem gemeinsamen Lob, zu ein und demselben Bittgebet. Gemeinsam wenden wir uns an den Vater und tun das zunehmend "mit nur einem Herzen".

Der Jubel der konservativen Kreise in der Kirche könnte möglicherweise verfrüht sein, wie Christian Geyer-Hindemith in der FAZ feststellt: „... dass der sogenannte Kommunionstreit mitnichten von Rom „entschieden“ wurde, wie es jetzt heißt. Rom hat entschieden, in der fraglichen theologischen Sache nicht zu entscheiden, jedenfalls im Augenblick nicht, hat eine „baldige Klärung“ und diese dann „auf weltkirchlicher Ebene“ in Aussicht gestellt.“

Wie die dann konkret aussieht – das ist noch einigermaßen offen. Man darf gespannt sein.

Bei manchen Wortmeldungen dieser Tage hat man doch eher den Eindruck es geht um konfessionellen Kleinkrieg und in den evangelischen Ehepartnern wird ein Kampf gegen Margot Käßmann, Johannes Calvin und die evangelische Kirche als „Vorfeldorganisation der Grünen“ ausgetragen. Den evangelischen Ehepartnern wird unterstellt, was man an der Haltung der reformatorischen Kirchen allgemein ablehnt.

Blendet man hier nicht allzu oft bewußt aus, dass es den Bischöfen nicht um eine Interkommunion durch die Hintertür ging, sondern um Personen, die den katholischen Glauben teilen, die ein ernsthaftes, geistliches Verlangen nach der Communio mit ihrem Ehepartner und der Gemeinde, in der sie sich aufgehoben fühlen, empfinden? Nach wie vor könnte man eine reformatorische Ehefrau nicht zur Kommunion zulassen, für die das Abendmahl nur wenig mehr als eine christliche Agape ist, die im Brechen des Brotes einen symbolischen Akt sieht, der an das Tun Jesu erinnere. Ohne einen Grundkonsens im Glauben wird die Teilnahme an der Kommunion nicht möglich sein. Kardinal Woelki hat die Dimension dieser Entscheidung in seiner Fronleichnamspredigt ja sehr gut verdeutlicht. Ob man dazu auch die Verehrung eines jeden von vielen Tausend Heiligen zur Verpflichtung machen muss, das sei noch mal dahin gestellt. Ich halte es auch für angemessen von einem solchen Gläubigen nicht mehr zu verlangen als von einem frommen Katholiken. Dennoch ist das nicht wenig und alles Andere als ein leichtfertiger Ausverkauf der Eucharistie. Das Wort Johannes Pauls von einem „schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis“ könnte da eine gute Richtschnur sein.

Kardinal Kasper bestätigt diese Sichtweise ja in seiner aktuellen Stellungnahme: „Zum andern müssen sie den katholischen Glauben bezüglich der Eucharistie teilen, sicher nicht in allen theologischen Einzelheiten, sondern in der Weise wie ihn jeder einigermaßen unterrichtete "normale" Katholik bekennt. Das ist keine willkürliche Auflage; es ist vielmehr die gemeinsame katholische und evangelische Überzeugung, dass die Sakramente ihrem Wesen nach Sakramente des Glaubens sind und nur im Glauben würdig und fruchtbar empfangen werden können. Schon der Apostel Paulus mahnt, sich zu prüfen und den Leib des Herrn von anderer Speise zu unterscheiden; denn wer bedenkenlos vom Altar isst und trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht (1 Kor 11, 27-29).“

„Aber warum wird ein solcher Mensch dann nicht katholisch?“ - fragt so mancher Kritiker der „Mehrheitsfraktion“. Dafür mag es gute (aber oft sehr individuelle) Gründe geben, die sich einer theoretischen Überlegung vermutlich weitgehend einziehen.

Ich weiß auf diese Frage keine bessere Antwort als die, die ich von Frère Roger aus Taizé kenne: Er schrieb mit Blick auf seine Großmutter, die eine „innere Versöhnung“ mit der katholischen Kirche vollzog: „Ihr Lebenszeugnis prägte mich bereits in jungen Jahren und in ihrer Folge fand ich meine Identität als Christ darin, in mir den Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem zu brechen.“ Das fasst ganz gut die Haltung der Communaute von Taizé zusammen, die mich als jungen Menschen sehr tief beeindruckt hat. Versöhnung - „ohne mit irgendjemandem zu brechen.“ Dafür hat die Communaute und mit ihr Frère Roger so manche Anfeindung – auch aus dem evangelischen Lagern – ertragen müssen. Viele erinnern sich an den Moment, als Frère Roger aus der Hand des späteren Papstes Benedikt XVI. die Hl. Kommunion empfing. Der tägliche Kommunionempfang ist für viele der Brüder, manche auch mit evangelischen Wurzeln, ein Teil ihrer Identität und ihres Lebensengagements.

Beim europäischen Jugendtreffen 1980 in Rom beschrieb Frère Roger in Gegenwart Papst Johannes Paul II. seine Haltung mit den Worten: „Ich habe meine Identität als Christ darin gefunden, in mir selbst den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgend jemand die Gemeinschaft abzubrechen.“

In einem Interview erklärt Frère Alois, die Haltung seines Vorgängers so: „Frère Roger hat nicht abgestritten, dass die Konversion ein Weg für einzelne sein kann; für ihn und für unsere Communauté zog er es aber vor, von „Kommunion“ (Gemeinschaft) zu sprechen. Für ihn hat sich der allmählich vollzogene Eintritt in die volle Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche an zwei Punkten festgemacht, aus denen er nie einen Hehl machte: Die Eucharistie zu empfangen und die Notwendigkeit eines Dienstamtes der Einheit anzuerkennen, das der Bischof von Rom ausübt.“

Auf dieser Basis hat die katholische Kirche den Brüdern von Taizé die Kommuniongemeinschaft gewährt. Und dies schrittweise seit etwa 1972.

In diesem Weg sähe ich auch einen gangbaren Weg für evangelische Christen in einer konfessionsverbindenden Ehe. Und „billiger“ und „einfacher“ sollte die Communio auch nicht zu haben sein. Nein, es geht nicht um einen „Keks“ oder eine Oblate, wie Eckart von Hirschhausen und andere es polemisch in den Debatten des Katholikentages formulierten. Es geht auch nicht in erster Linie um kirchliche Normen und Regeln. Auch hierzu äußerte sich Kardinal Kasper in einem Grußwort an die Weltgemeinschaft der konfessionsverbindenden Eheleute 2003 über den Schmerz, nicht wechselseitig zur Kommunion zugelassen zu sein: „Dieser Schmerz kommt aber nicht von den derzeit geltenden Normen, sondern von der Tatsache, dass die Trennung der Christen bis heute nicht überwunden ist.“

Durch einen formalen Fehler hat mein früherer Pastor zwei evangelische Kinder zur Kommunion und zur Firmung geführt. Als einer davon dann heiraten wollte, stellte sich heraus, dass er formal noch evangelisch ist. Ein Anruf im Ordinariat machte schnell klar, dass eine Hinführung zur Kommunion und der Empfang des Firmsakramentes katholisch macht, auch wenn jemand evangelisch getauft wurde.

Meine seelsorgliche Erfahrung sagt mir, dass die Landkarte des Glaubens viel bunter ist als die konfessionelle Landkarte. Nicht jeder Katholik glaubt alles, was der Katechismus sagt und macher evangelische Christ bewahrte das übrig gebliebene Abendmahlsbrot am Liebsten im Tabernakel auf. Viele Evangelische schätzen und verehren den Papst als Oberhaupt der Kirche und lassen sich durchaus katholisch-spirituell anregen. Mancher Protestant ist es nur auf dem Papier und mancher Katholik ebenso.

Daher braucht es eine Offenheit für Menschen, die zum Ausdruck bringen, dass die Teilnahme an der Hl. Kommunion ihnen ein tiefes spirituelles Bedürfnis ist und dass sie den Glauben der Kirche teilen. Und so vielfältig diese Menschen sind, so vielfältig könnten auch die Wege sein. Für den ein oder anderen mag dieser Weg in einer Konversion enden, für andere in einer Zeit des Wartens, der Vorbereitung, möglicherweise auch eines Beichtgesprächs. Kann ein Lutheraner eigentlich gültig die Beichte ablegen?

Es ist traurig, dass der „Kommunionstreit“ auf diesem Niveau geführt wird. Zunächst einmal wäre es gut, wenn alle, die nun gegen Kardinal Marx, Kardinal Kasper und Bischof Feige und ihre Mitstreiter zu Felde ziehen, die Motivation hinter ihrem Engagement verstehen und achten würden. Und dann sollte man sich doch eigentlich unter Katholiken problemlos hierauf einigen können: „Doch haben wir den sehnlichen Wunsch, gemeinsam die Eucharistie des Herrn zu feiern, und dieser Wunsch wird schon zu einem gemeinsamen Lob, zu ein und demselben Bittgebet. Gemeinsam wenden wir uns an den Vater und tun das zunehmend "mit nur einem Herzen".“ Und dazu wird es notwendig sein, im eigenen Herzen die persönliche Glaubensüberzeugung und Frömmigkeit mit der wahren katholischen Weite des Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgend jemand die Gemeinschaft abzubrechen. Oder um es angelehnt an Nostra aetate zu formulieren: „Als Gläubige lehren wir nichts von alledem ab, was im Glauben des Anderen wahr und heilig ist.“ Aber das zu erkennen ist ein langer, gemeinsamer Weg. Wenn wir uns, statt mit allen Mitteln der eigenen Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen (und dabei vor Leaks, Beschuldigungen und Beschimpfungen der Schwestern und Brüder nicht Halt machen), auf diesen Weg begeben, dann wird dem (inzwischen schon stattlichen) Pflänzchen der Kirchenverdrossenheit möglicherweise der Dünger ausgehen.

Hier kommt mir der Prophet Jona in den Sinn, der anhand einer Rhizinusstaude durch Gott selbst eine Katechese erlebt, die sich gewaschen hat. Berichtet wird davon im vierten Kapitel des biblischen Buches.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Alles Schein-Riesen und Schein-Heilige?

Wer den Namen „David Berger“ bei Google eintippt, der findet dort zahlreiche Fotos eines attraktiven Herrn im Anzug, meist mit offenem blauen Hemd und Jacket. Der „Theologe und Publizist“ präsentiert sich vor allem mit seinem Blog „philosophia perennis“ als reichlich AfD-nah und posiert für einen Wahlaufruf für diese Partei auch in einem innigen Doppelportrait mit deren Frontfrau Alice Weidel. Der als Kenner der Theologie und der Schriften des Hl. Thomas von Aquin einst schon in jungen Jahren in konservativen und traditionalistischen Kreisen der Kirche sehr beliebte und hofierte junge Mann hat in den vergangenen 10 Jahren ganz erstaunliche Wandlungen durchgemacht.

Über einige Jahre war er der Herausgeber der Zeitschrift für konservative Theologie „Theologisches“, einem Blatt, dass früher einmal monatlich kostenlos an jeden deutschen Pfarrer geschickt wurde. Während meiner Ausbildungszeit habe ich es meist vor dem Papierkorb meines Ausbildungspfarrers gerettet und mit Interesse gelesen.

Berger ist etwas jünger als ich und begann – wie ich – 1991 seine theologische Ausbildung. Ende März 2010 legte er mit einer Erklärung seine Herausgeberschaft für die Zeitschrift „Theologisches“ nieder und kam damit seinem Rauswurf zuvor. Gleichzeitig outete er sich als homosexuell und in einer langjährigen Partnerschaft mit einem Mann lebend. Zuvor hatte er eine glänzende Karriere mit Dissertation, Habilitation und Aufnahme in wissenschaftliche Institutionen hingelegt, die ihm auch eine Aufgabe als „Lektor der Päpstlichen Kongregation für die Glaubenslehre“ einbrachten. Im November 2010 brachte er ein Buch auf den Markt, in dem er über sein Leben als schwuler Theologe in der katholischen Kirche berichtete. Diesem Buch gab er den Titel „Der heilige Schein“ und zog zu dessen Vermarktung alle medialen Register.

So spekulierte er über homosexuelle Neigungen des Papstes und weiterer Kirchenmänner und teilte mit, dass nach seinem fachkundigen Urteil zwischen der Hälfte und zwei Dritteln aller katholischen Priester homosexuelle Tendenzen hätten.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner entzog Berger 2011 die Lehrerlaubnis, worauf dieser nicht mehr als Lehrer an einem Kölner Gymnasium unterrichten konnte. Er wechselte daraufhin in das Berufsfeld des Publizisten und schrieb kirchenkritische Texte und übernahm die Redaktion eines Magazins für homosexuelle Männer. In dieser Zeit engagierte er sich stark gegen die anonyme, reaktionär-vulgärkatholische Website kreuz.net, die schließlich abgeschaltet wurde. Berger trat in dieser Zeit auch offiziell aus der Kirche aus.

Nach und nach kam seine konservative Grundhaltung wieder durch, so dass man sich 2015 von Berger trennte und das „Männer“-Magazin wenig später einstellte.

Alles diese Vorgänge waren durchaus Schlagzeilenträchtig. Schon 2015 warf man Berger vermehrt „Rechtspopulismus“ vor, ein Vorwurf, dessen Berechtigung der Theologe und Publizist inzwischen mit seinem Blog tagtäglich unter Beweis stellt, obwohl er in seine Biografie noch eine einjährige Episode als CDU – Mitglied einfügen konnte, die aber spätestens mit seiner Wahlempfehlung für die AfD im Herbst 2017 zu Ende ging.

Ich hatte mich bisher immer geweigert, einen Blick in Bergers Buch zu werfen. Da dieser Autor mir aber im Netz immer wieder begegnet und mehr und mehr in rechtspopulistischen Kreisen gehypt bzw. inzwischen auch wieder in konservativen Kirchenkreisen gelesen wird, habe ich mir kürzlich doch die Mühe gemacht, Bergers Buch zu lesen. Was mir leicht fiel, da es inzwischen für rund 50 ct. in den Antiquariaten verfügbar (und als Taschenbuch schon für 5,49 € zu haben ist).

Mir war Berger schon nach seiner etwas übergriffigen Kritik an den Theologen Rahner und Hans Urs von Balthasar suspekt und sein Name blieb daher durchgängig für mich ein „rotes Tuch“. Für ihn gilt in meinem Empfinden der alte Spruch: „Der Niederrheiner ist nicht nachtragend, aber er vergißt auch nichts.“ Leider sind viele der Theologen, die nach wie vor in Benedikt XVI., ihren geistlichen und geistigen Vater sehen, im Blick auf Berger heute alles Andere als Niederrheiner.

Wie auch immer, die Lektüre des Buches „Der heilige Schein“ ist durchaus erhellend. Ich habe nicht bereut, den Band gelesen zu haben. Bei einer oberflächlichen Lektüre, erscheint es geradezu so, als wolle Berger die Analyse der Autorin Liane Bednarz in ihrem Buch „Der heilige Schein“ vorwegnehmen. So verwendet er mehrfach den später eher Bednarz zugeschriebenen Begriff der „Rechtskatholiken“ und sieht noch weit stärkere und tiefergehende inhaltliche und personelle Verflechtungen des konservativ-katholisch-traditionalistischen Milieus mit rechtsextremen Kreisen im In- und Ausland. Hier beschreibt Berger auch ausdrücklich Verbindungen zur NPD (die AfD gab es damals ja noch nicht) und er tut dies aus intimer Milieukenntnis.

Der Klappentext des Buches gibt zwei Rezensionen wieder. In der ZEIT stand offenbar „Dieses Buch gehört zum Unglaublichsten, was derzeit über die katholische Kirche zu lesen ist.“ Im Tages-Anzeiger wurde geurteilt: „Der heilige Schein trifft den Nerv der Kleriker-Kirche und des Ratzinger-Pontifikats.“ Diesem Urteil möchte ich mich nicht anschließen. Das Buch beleuchtet einen sehr kleinen, wenn auch aktiven und sicher einflussreichen Teil der Kirche. Es zeigt, dass und wie finanzkräftige konservative Personen Einfluss auf den Kurs von Kirche und Theologie zu nehmen versuchen. Hier beschreibt der Autor seine Verbindungen in diese Welt konservativer und teils adeliger Akteure, deren Verbindungen untereinander und bis hinein in den Vatikan. Was er hier berichtet, erscheint mir durchaus zutreffend und interessant, wenngleich es im Grunde auch schon wieder Geschichte ist. Viele Protagonisten sind inzwischen verstorben, sie wirken nun nur noch über ihre Nachlässe in der Finanzierung gewisser Initiativen nach.

Über „die Kirche“ sagt das Buch allerdings nur wenig aus. Die ist ja nach wie vor von den normalen Pfarrgemeinden und den Ordensgemeinschaften geprägt. Das von Berger beschriebene erzkonservative Milieu spielt hier nur am Rande eine Rolle, allenfalls dann, wenn ein Pfarrer aus diesem Umfeld in einer Gemeinde eingesetzt ist und entsprechende Initiativen startet. So käme ich in unserer Gemeinde vielleicht mal auf drei oder vier Personen, die ich dem traditionalistischen Milieu zurechnen würde und wohl kaum ein Promille der Gemeindemitglieder hätte vor 2010 eine halbwegs konkrete Vorstellung haben können, wer dieser Dr. habil. David Berger überhaupt ist.

Wie bei Liane Bednarz fragt man sich auch bei Berger immer wieder, wo die „rote Linie“ zu ziehen wäre zwischen Papst- und Kirchentreuer-katholischer Theologie und legitimen konservativen Überzeugungen und reaktionären Übertreibungen und menschenverachtenden Machtspielen.

Der Titel der Buches „Der heilige Schein“, spielt auf Bergers Beobachtung an, dass er – nach seiner Auffassung relativ offen - schwul war und mit seinem Lebenspartner zusammenlebte, den er als „Cousin“ auch beständig in seinem Umfeld hatte. Dies sei von der Kirche geflissentlich so lange ignoriert worden, wie der „Schein“ gewahrt blieb, wo nicht offen die Homosexualität zum Thema gemacht wurde. Dies sei überhaupt ein typisches Kennzeichen einer weit verbreiteten „Scheinheiligkeit“ in der Kirche, für die er noch andere „Belege“ präsentiert.

Über Bergers Analyse und Deutungen wird man sicher streiten können. Sie erscheinen aber teilweise reichlich konstruiert und vom Bemühen um Selbstrechtfertigung getragen. Im Grunde ist „Der heilige Schein“ ein eher autobiografisches Buch, das wenig über die katholische Kirche als sehr vielschichtige Organisation, immerhin aber etwas über das konservativ-traditionalistische Milieu und letzlich recht viel über die Persönlichkeit David Bergers offenbart. So spürt man durchaus, dass er seine eher konservative Grundhaltung letzlich nicht in Frage stellt. Seine Hinwendung an das eher liberale Kirchenmilieu erscheint unter dem Druck seiner theologischen Gegner und der Kritiker seiner privaten Lebensführung aus eben diesem Umfeld.

Er schildert sich selbst als theologisch „Verführten“, der durch die Leute um sich herum über die „roten Linien“ hinaus gedrängt wurde. Er schildert auch seinen Kampf gegen besonders extreme theologische Positionen und gegen Antisemitismus, obskure Glaubensformen und Gruppen und manches mehr. Man spürt jedoch, dass er sich in einem, teils von extremen Überzeugungen geprägten Umfeld und Unterstützerkreis um einen theologisch verantworteten Weg mit Maß und Mitte bemüht.

Interessanterweise bezieht er schon damals Stellung gegen eine positive Haltung gegenüber den Muslimen, die offenbar vor 10 Jahren noch in der konservativ-katholischen Szene verankert war, weil man im Islam einen Partner gegen die weitere Auflösung von Moral und Sittlichkeit erkannte. Das würde heute vermutlich nicht mehr so vertreten werden, aber David Berger hat seine Position hier inzwischen auf seinem aktuellen Blog noch deutlich zugespitzt.

Insoweit ist Berger inzwischen einen aufschlußreichen Weg gegangen. Seine Themen haben sich aus dem Bereich des Theologischen stark in die Welt der Politik und Gesellschaft verlagert. Man kann sicher sagen, dass er sich radikalisiert hat. Das, was ihm in seinem theologischen Wirken offenbar wichtig war – scheint inzwischen vergessen. David Berger ist mit seinem Blog bestimmt kein Vertreter von Maß und Mitte mehr.

Originellerweise nennt er ihn – anknüpfend an seine früheren Orientierungen – gerade auch an Thomas von Aquin - auf lateinisch: „Philosophie perennis“ und will sich damit die Orientierung an zeitlosen, immergültigen, kulturübergreifenden Prinzipien zur Leitlinie machen. Diesem Anspruch wird er aber keineswegs mehr gerecht.

David Berger war einmal ein aufgehender Stern am Theologenhimmel, mit dem konservative Theologen einige Hoffnungen verbanden. Aber er war auch jemand, der sich nicht einfach vor den Karren spannen ließ, sondern durchaus eigenständige Wege ging. Es wäre (auch ihm) sehr zu wünschen, dass er einmal – altersweise und altersmilde – zu seinen Wurzeln zurückkehren möge. Hoffentlich dauert es nicht mehr allzu lange.

Er gibt mit seinem Buch „Der heilige Schein“ tiefe Einblicke, welche Folgen es haben kann, dass die Kirche und ihre Theologie noch immer ein gebrochenes Verhältnis zur Homosexualität und zu homosexuellen Menschen hat. Besonders zeigen sich diese Brüche unter denen, die doch eigentlich der kirchlichen Lehre zu 100 Prozent folgen möchten und den selbst gesetzten Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermögen. Das Ergebnis ist keineswegs glänzend, nicht überzeugend und noch weniger anziehend.

Mich hat er nicht überzeugt mit der Idee, dass die Homosexualität (und andere moralische „Verfehlungen“) von Kirchenleuten systematisch ausgenutzt werden, um die kleinen Rädchen im Getriebe gefügig zu machen. Auch wenn er solche persönlichen Erfahrungen schildert. Dennoch darf man auch sein Buch getrost als Gewissenserforschung lesen. Im Beichspiegel trifft mich auch nicht jede einzelne Frage. Aber wo sie mich trifft, da sollte ich nicht schnell weiter blättern, sondern genauer hinschauen. Daher wäre Bergers Buch auch den kirchlichen Verantwortungsträgern empfohlen, um hier die notwendigen Hinweise zwischen den Zeilen zu lesen.

Wenn sich die Heiligkeit der Kirche zu einem heiligen Schein entwickelt, dann fehlt nur wenig, dass sich ihre Scheinheiligkeit offenbart. Daher ist es so wichtig, dass sich die Kirche nicht nur an der philosophia perennis orientiert, sondern wirkliche Antworten findet, die sich in Bibel und Tradition verankert wissen, aber auch im Leben der Menschen hilfreich sind, weil sie ihre Erfahrungen, Kämpfe, Sorgen und ihr Versagen mit berücksichtigen. Der Weg, den die Kirche weisen will, er muss gangbar sein. Ein jeder Mensch trägt seine eigene, individuelle Last. Jesus sagt dazu: „Nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach.“ Das ist Kirche! Und: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Das putzige Bild von David Berger mit Alice Weidel findet sich hier:
https://philosophia-perennis.com/2017/09/14/david-berger-afd/

David Berger war 2013 schon einmal Thema in diesem Blog:
http://kreuzzeichen.blogspot.de/2013/02/wie-macht-man-in-der-kirche-karriere.html 
Kreuzzeichen-Blog 2013

Freitag, 4. Mai 2018

Nichts wissen außer Jesus Christus, den Gekreuzigten!

Immer wieder kommen Leute zu uns ins Pfarrhaus, die ein sehr spezielles Anliegen haben. Sie haben aus dem Nachlass eines Verstorbenen ein Kreuz geerbt, möchten dies aber nicht bei sich zu Hause aufhängen, entweder weil sie selbst nicht glauben oder das Stück einfach nicht zur Wohnungseinrichtung passt. Befreundete Seelsorger berichten mir, dass sie das Phänomen ebenfalls kennen. Auch der Kunsthistoriker, der die in der Barbarakirche in Möllen eingelagerten Kunstwerke betreut, hat eine Sammlung solcher Kreuze angelegt, obwohl diese eigentlich aus künstlerischer Hinsicht nicht unbedingt erhaltenswert sind. 

Von einer Gemeinde aus Rheine habe ich sogar gehört, dass sie derartige Kreuz-Spenden sammeln und in einem besonderen Raum im Keller würdig aufbewahren. Eine andere Gemeinde hat eine Wand mit Kreuzen zu einem Gesamtkunstwerk gestaltet.

Offenbar gibt es in unserer Gesellschaft ein tief verwurzeltes Gespür dafür, dass das Kreuz etwas ganz Besonderes ist, dass man es auf gar keinen Fall zerstören oder gar entsorgen darf.

Der Streit um die Deutung und Bedeutung des Kreuzes ist alt. Vermutlich sogar so alt wie der Glaube an den Gekreuzigten, den Christus selbst. Davon zeugt u.a. einer der ältesten neutestamentlichen Texte, der 1. Brief des Paulus an die Korinther. „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. In der Schrift steht nämlich: Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten und die Klugheit der Klugen verwerfen. Wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer in dieser Weltzeit? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt? Denn da die Welt angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, beschloss Gott, alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung zu retten. Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

Wen wundert es, dass auch heute, fast zweitausend Jahre später, der Streit noch immer tobt. Diesmal stehen – so erscheint es wenigstens – zwei Protagonisten auf der Bühne. Auf der einen Seite der bayrische Ministerpräsident Markus Söder, auf der anderen Seite der bayrische Kardinal Reinhard Marx. Zwei wahre bayrische Alphatiere – selbst wenn der eine ein Franke und der andere ein Westfale ist. Soweit ich das beobachten konnte, sind die beiden auch schon in der Vergangenheit nicht gerade Freunde gewesen. Während Kardinal Marx schon mal gerne quer zum bayerischen politischen Mainstream steht (als Westfale kann er vermutlich gar nicht anders), meint der Ministerpräsident schon mal provokativ, die Kirche solle sich lieber darum kümmern, dass die Leute wieder richtig katholisch werden, da hätte sie genug zu tun, anstatt sich unter Zuhilfenahme des christsozialen großen C - in deren Angelegenheiten einzumischen. Das waren vermutlich keine guten Vorbedingungen für den Wunsch des Münchener Kardinals, dass die Bayrische Landesregierung vor dem Erlaß in allen Behörden Kreuze aufzuhängen, mit der Kirche Kontakt aufzunehmen habe.

„Vor einem solchen Schritt sollte man eine Debatte mit Kirchen und gesellschaftlichen Gruppen führen - auch mit denen, die keine Christen sind. Was bedeutet uns die Botschaft dieses Mannes am Kreuz? Was wollen wir umsetzen? Wie? Was bedeutet es, wenn wir von christlichen Werten sprechen? Eine solche Debatte wäre anspruchsvoll, aber notwendig für den Zusammenhalt in unserem Land. Keine Partei, kein Staat, auch ich als Kardinal kann einfach selbst bestimmen, was christlich ist. Das ist vorgegeben durch den, der an diesem Kreuz gestorben ist. Das Evangelium kann man nicht einfach für sich uminterpretieren.“

Bei allem Respekt vor Kardinal Reinhard Marx: Was sollte bei einer solche Debatte (im Vorfeld) herauskommen? Haben wir nicht schon endlos debattiert, ob Kreuze in Krankenhäusern, Gerichtssäälen oder Schulen für Atheisten oder Muslime zumutbar seien? Da kann man nur herausbekommen: die einen meinen es so, die anderen meinen es anders. Und wie wird am Ende entschieden? Per Mehrheitsbeschluss? Oder durch ein Votum des Bundesverfassungsgerichts?

Gerade Muslimen wird man die tiefe Bedeutung des Kreuzes für die europäische Kultur und den Glauben kaum vermitteln können. Ähnlich wie zur Zeit des Paulus in Korinth den Juden und Griechen, fehlen auch ihnen die Voraussetzungen hierfür. Insbesondere, da der Koran ihnen offenbart, dass Christus selbst gar nicht am Kreuz gestorben ist, sondern unmittelbar von Gott in den Himmel aufgenommen wurde. Das Kreuz widerspricht daher geradewegs ihrem Glauben. Zudem war und ist das Kreuz für viele Jahrhunderte das Zeichen der Kreuzritter, was sich dem kollektiven Gedächtnis der arabischen Völker tief eingegraben hat. Darüber hinaus habe ich an der Dialog- und Kompromissbereitschaft der heutigen "Heiden", beispielsweise der Aktivisten der Giordano-Bruno-Stiftung, gewisse Zweifel.

Mich persönlich hat das Interview, das Kardinal Marx der Süddeutschen Zeitung gab, wenig erregt. Der Mann sagt ja im Grunde nichts Verkehrtes. Den richtigen Drive bekamen seine Aussagen nicht mal aus den eigentlichen Formulierungen heraus, sondern vor allem durch die Überschrift des begleitenden Artikels: „Kardinal Marx wirft Söder Spaltung vor“. Streng genommen hat der Kardinal ja nur bemängelt, dass „Spaltung entstanden“ sei, „Unruhe, Gegeneinander. Ich spüre das bis in die Familien und Pfarreien hinein.“ In der Tat hat er sich ja einige Tage mit einer Reaktion Zeit gelassen. Aber wenn er in diesen Tagen „Gegeneinander … bis in die Familien und Pfarreien hinein“ wahrgenommen haben will, dann wüßte ich gern wie er jetzt die Reaktionen auf sein Interview beschreiben würde. Zur Beruhigung hat es offensichtlich nicht beigetragen.

Ja, ich habe ihn in den letzten Tagen an verschiedenen Stellen verteidigt, da seine Aussagen im Original ja gar nicht falsch wären und wesentlich zurückhaltender als in der Presselandschaft dargestellt. Aber wenn ein doch medienerfahrener und gut beratener Kardinal ausgerechnet in einer eher linken und der CSU und Markus Söder kritisch gegenüberstehenden Zeitung wie der SZ zu dieser Angelegenheit Stellung nimmt, dann muss er sich nicht beklagen (hat er soweit ich weiß auch nicht), wenn die Zeitung die Steilvorlage nutzt. Und den Subtext seiner Aussagen hat die Überschriftenredaktion wohl auch nicht ganz verkehrt wahrgenommen, doch das Interview selbst sicherheitshalber hinter einer Bezahlschranke verborgen. So ließen auch die Stimmen der Mäßigung etwas auf sich warten.

Kein Wunder, dass sich der Kardinal einige Tage später veranlaßt sah, seine Grundüberzeugungen in Sachen Kreuz im öffentlichen Raum noch einmal und klarer zu widerholen, nachdem auch der Schweizer Nuntius Bischof Peter Zurbriggen ausgerechnet in Heiligenkreuz einige sehr undiplomatische (und wie ich finde auch etwas überzogene) Worte in dieser Angelegenheit gesprochen hatte.

Zumal Kardinal Marx in Sachen Symbolgehalt des Kreuzes ja eigentlich „gebranntes Kind“ sein müsste, da er für die abgelegten Kreuze auf dem Tempelberg in Jerusalem und an der Klagemauer heftigst kritisiert wurde. Eine alte Wunde, in der auch der päpstliche Nuntius beinahe genüßlich herumstocherte. Wobei ich ausdrücklich nicht die Meinung teile, man müsse um jeden Preis sein Kreuz und noch dazu ein besonders großes Kreuz präsentieren, wenn man es als Bischof (oder einfacher Christ) golden oder silbern um den Hals trägt. Der Meinung war nämlich auch Jean-Louis Kardinal Tauran bei seinem Besuch in Saudi Arabien nicht, denn bei seiner Begegnung mit dem Hüter der heiligsten Stätten des Islam, dem saudischen König Salman trägt er mit seinem bischöflichen Begleiter zwar sein Brustkreuz, allerdings kaschiert durch das breite Zingulum. Ich denke, dass ich die entsprechenden Filmaufnahmen damit nicht falsch interpretiere. Und ich hätte dagegen auch keine Einwände, wenn das Hofzeremoniell das hergibt. Möchte ich doch auch, dass sich der saudische Herrscher beim Staatsbesuch im Vatikan an die dort geltenden Regeln hält. Vor allem hat Kardinal Tauran durch seinen klugen Auftritt dort wohl auch konkrete Fortschritte für die Christen im Lande erzielt, wenn die Meldungen über einen möglichen Kirchenbau nicht Fake-News sein sollten.

Aber zurück zu Kardinal Marx. Auf einige wichtige Sätze dieses Interviews wäre nämlich noch einzugehen:

„Der Staat kann nicht von sich aus das Zeichen des Kreuzes definieren. Das geschieht durch die Botschaft des Evangeliums und das Zeugnis der Christen.“
„Keine Partei, kein Staat, auch ich als Kardinal kann einfach selbst bestimmen, was christlich ist. Das ist vorgegeben durch den, der an diesem Kreuz gestorben ist.“
„Das Kreuz kann man nicht haben ohne den Mann, der daran gehangen hat. Es ist ein Zeichen des Widerspruchs gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod, aber kein Zeichen gegen andere Menschen.“
Was bedeutet uns das Kreuz überhaupt? Was heißt es, in einem christlich geprägten Land zu leben? Man muss aber auch alle einbeziehen: die Christen, Muslime, Juden, jene, die gar nicht gläubig sind.“
„Gott gibt alles, auch sich selbst - weil keine Träne, keine Gewalt, kein Krieg, kein Sterben, kein Leiden ihm gleichgültig ist. Mir bleibt da immer wieder der Atem stocken. Deswegen darf man das Kreuz nicht verharmlosen.“
„Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden. Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.“
„Nein, aber es steht doch dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeutet.“
„Aus christlicher Sicht sollte es aber ein Leitbild für die Politik sein, die Würde jedes Menschen zu achten, besonders der Schwachen. Wer ein Kreuz aufhängt, muss sich an diesen Maßstäben messen lassen.“

Offenbar ist es dem Kardinal besonders wichtig, zu erklären, dass das Kreuz nicht dem Staat gehört. Er wiederholt das immer wieder. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: etwas knatschig ist er doch, dass hier Markus Söder „aus den Büschen springt“ und „Ich bin schon hier!“ ruft, wie in der Fabel vom Hasen und vom Igel. Aber auf der anderen Seite hat er schon recht. Es ist doch nicht zu leugnen, dass der Kreuzerlass ein politischer Akt ist, eine Zeichenhandlung, mit der die CSU ihr „Revier“ gegenüber Kritikern von ganz Rechts verteidigen wollte. Aber, wie ich die politische Haltung des Kardinals kenne, kann er auch dagegen im Grunde nicht haben. Trotzdem, der klügste Kommentar in der Sache kam für mich vom Augsburger Bischof Konrad Zdarsa, der seine Pressestelle verlauten ließ, dass der Bischof parteipolitische Entscheidungen grundsätzlich nicht kommentiere.

Ich bin sicher, Bischof Konrad spürte dasselbe Unbehagen wie es viele Katholiken und Christen mit dem bayrischen Kreuzerlass verbinden, aber ihm war auch klar, dass eine kirchliche Stellungnahme, und sei sie noch so klug, automatisch in den parteipolitischen Disput hineingezogen würde. 

Nur, können sich die Kirchen wirklich vor dieser Debatte drücken? Letztlich, wie man es macht, macht man es verkehrt.

Nein, ich bin nicht glücklich mit dem Kreuzerlass. Noch unglücklicher bin ich jedoch mit der aktuellen Diskussion. Als Christ kann ich eigentlich nicht gegen das Aufhängen von Kreuzen sein. Das wäre ein innerer Widerspruch. Markus Söder ist mit seiner Aktion und auch mit den nachfolgenden Begründungen sicher zu kurz gesprungen. Ich weiß aber nicht, ob das nicht letztlich doch besser ist, als gar nicht zu springen. Es tut unserer gottvergessenen Gesellschaft nämlich gut, mal wieder mit unseren religiösen Wurzeln konfrontiert und mit dem Zeichen des Kreuzes in Kontakt zu kommen. Und das sollte - aus bekannten, traurigen Gründen - auch außerhalb der kirchlichen Räume geschehen.

Mir ist überhaupt nicht recht, wenn das Kreuz in zwei oder drei Sätzen (oder auch einer ganzen Predigt oder einer ganzen Rede) als dies oder jenes definiert wird. Auch bei langen und allzu überzeugten Predigten über die Bedeutung des Kreuzes ist mir eher unwohl. Da höre ich lieber die Passionsberichte selbst oder betrachte den Kreuzweg. Im Zeichen des Kreuzes zogen Soldaten in den Krieg. Allzu oft auch gegeneinander. Im Zeichen des Kreuzes verfolgte und ermordete man Ketzer, Hexen und Juden. Den von meist staatlichen Folterknechten Gequälten hielten Kirchenleute das Kreuz vor. Es gab so viel grauenhaften Mißbrauch des Kreuzes.

Wie verständlich, dass Marx' Vorgänger Kardinal Julius Döpfner unmittelbar nach dem Krieg in seinem ersten Hirtenbrief ausrief: „Um des Gekreuzigten willen beschwöre ich Euch: Lasst den Herrn in den notleidenden Brüdern nicht vergeblich rufen. Sonst entfernt das Kreuz von allen Wänden, holt es von allen Türmen; denn es ruft das Gericht über ein Land, das sich christlich nennt und das Gesetz der Selbstsucht und des Hasses erfüllt.“

Kardinal Marx mahnt zu Recht: „Mir bleibt da immer wieder der Atem stocken. Deswegen darf man das Kreuz nicht verharmlosen.“

Ich bin nicht sicher, ob nicht auch die Argumente der Gegner des Kreuzerlasses letztlich genau das tun; das Kreuz verharmlosen, wenn sie es in erster Linie ein Zeichen der Nächstenliebe, des Mitleids, der Solidarität mit den Gequälten und Gefolterten machen und es zu einem Winkelmaß gerechter und menschenfreundlicher Politik stilisieren. Das ist ja alles richtig. Aber es ist noch lange nicht alles.

Ja, das Kreuz zeigt einen gefolterten Menschen. Doch als Christen kennen wir die tiefste Glaubensüberzeugung der zwei Naturen Jesu Christi. Ja er ist „der Mann am Kreuz“, wie er für einen frommen Katholiken seltsam flapsig – vom Münchener Kardinal bezeichnet wird. Er ist der gequälte, geschlagene, getretene, gefolterte, gekreuzigte, mit Dornen gekrönte Jesus von Nazareth. Aber der „Mann am Kreuz“ ist auch der Erlöser, der Messias, der Christus. Gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage aber auferstanden von den Toten. Das Kreuz ist, was in der Eucharistie gefeiert wird: „Deinen Tod o Herr verkünden wir, Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit.“

Darin liegt doch der tiefste Grund für die Ehrfurcht, mit der sogar gänzlich unfromme Zeitgenossen dem Kreuz begegnen. Zumal in den Kreuzen, die sie im Pfarrhaus abgeben, nicht nur die ganze Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi gegenwärtig ist, sondern auch die Lebens- und Leidensgeschichte ihrer Angehörigen, auf die der Gekreuzigte über viele Jahre hinabgeschaut hat.

In unserem Wohnzimmer hängen zwei Kreuze, eines davon gehörte meiner Großmutter. Ein Geschenk zu ihrer Hochzeit (soweit ich es weiß), das immer ihr Schlafzimmer schmückte. Manches Mal wird sie nach 1944 mit Tränen in den Augen zu IHM aufgeschaut haben, nachdem sie die Nachricht erhielt, dass mein Großvater nach einer grässlichen Panzerschlacht in der Ukraine durch einen verspäteten Granatsplitter zu Tode kam. Bis heute weiß keiner, wo sein Grab ist.

Das zweite Kreuz ist eine Makonde – Schnitzerei. Jesus aus schwarzem Ebenholz mit afrikanischen Gesichtszügen. Das Holzkreuz dazu habe ich selbst angefertigt. Darauf befestigt habe ich einen Glassplitter aus einer Gefangenenbaracke in Bergen-Belsen, einen Holzsplitter aus Groß-Rosen, einen Stein von den Trümmern der Gaskammern in Auschwitz und von der Rampe dort sowie einige zerbrochene Isolatoren, die ich von dort mitnehmen durfte, mit denen die Stromzäune um Birkenau gesichert waren. Was für entsetzliche Dinge mögen diese unbelebten Gegenstände „gesehen“ haben. Mich erinnert dieses Kreuz jeden Tag daran, dass „es ein Zeichen des Widerspruchs gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod...“ ist und ein Zeichen der Solidarität Gottes mit den leidenden Menschen.

Von daher ist es meine tiefe Überzeugung, dass ich mit dem Kreuz nicht einfach irgendwie umgehen kann. Ich darf darüber nicht verfügen, das darf auch kein (wie er selbst sagt) Kardinal, nicht einmal der Papst. Das Kreuz ist nicht nur Eigentum der Kirche. Es ragt über sie heraus. Es ist DAS SYMBOL der christlichen Religion, nein der Erlösung durch Gott überhaupt und als solches in seinem Sinngehalt unverfügbar.
Im Grunde müßten uns die Hände zittern, wenn wir einen Nagel in die Wand schlagen und ein Kreuz daran aufhängen und wir müssten Tränen in den Augen haben. Tränen des Mitleids, Tränen der Trauer und Tränen der Freude.

Ich weiß nicht, was d(ies)er Glaube im Leben von Markus Söder bedeutet. Ich hoffe dass er mit seinem Handeln als Politiker und auch mit dem „Kreuzerlass“ dem Anspruch des Kreuzes gerecht wird. Ich möchte mir darüber kein abschließendes Urteil erlauben. Und ich bin überzeugt, dass der Tag kommt, wo er es selbst Jesus Christus erklären wird. Und in dem Moment wird er unter den liebenden Augen des Herrn sagen und sehen können, was gut daran war und was ihm alles nicht gelungen ist.