Donnerstag, 7. Juni 2018

Kommunionstreit - das theologische Unwort des Jahres

„Kommunionstreit“, das Wort macht die Runde und hat das Potential zum katholischen „Unwort“ des Jahres. Das Wort Kommunion hat seine Wurzeln im griechischen „Koinonia“ oder im lateinischen Communio, was soviel wie Gemeinschaft bedeutet. Die beiden Worthälften wollen also so gar nicht zusammen passen. Ein wirkliches "Paradoxon"!

„Kommunionstreit“ - was ich heute in Nachrichtenportalen und Diskussionforen lese, das ist wirklich unterirdisch. Das Argumentationsniveau macht betroffen (in allen Lagern). Selbst Bischöfe beteiligen sich mit öffentlichen Stellungnahmen und einige Kommentatoren faseln vom Schisma. Es geht zu, wie bei manchen entgleisten Bundestagsdebatten. Nur war ich bisher der Meinung, dass „wir“ in der Kirche irgendwie anders sind. Doch wenn man das Trauerspiel genau betrachtet, dann ist ein großer Teil der Debatte und sind viele Argumente längst über die eigentliche Thematik und das ursprüngliche Anliegen hinweg gedriftet. Man möchte seinen Brüdern und Schwestern zurufen: „Nun reißt euch doch mal zusammen, legt euch ein Schweigegelübde auf und geht beichten!“ Es ist ja nicht zum Aushalten! Da werden aus strategischen Gründen Dokumente an die Öffentlichkeit gegeben, die dafür überhaupt nicht bestimmt waren, die beteiligten und betroffenen Personen erhalten sie erst später auf offiziellem Wege. Sicher war es ein „Kardinalfehler“, über das unfertige Dokument schon in der Öffentlichkeit zu reden, bevor überhaupt ein Text vorlag. Im Grunde hätte uns die ganze Debatte erspart werden können, wenn die bischöflichen Kontrahenten etwas geduldiger und etwas geräuschloser gewesen wären. So begießt man das Pflänzchen „Kirchenverdrossenheit“, das im Schatten der schon länger wuchernden „Politikverdrossenheit“ immer größer wird. Aber, stellen wir uns einmal neben die aufgeregt Streitenden (vom Blogger bis zum Kardinal) und schauen uns die Sache einmal in Ruhe an.

Eine gemischt konfessionelle Ehe ist heute eine Selbstverständlichkeit und löst keine Fragen und Unsicherheiten mehr aus. Manches Paar denkt überhaupt erst kurz vor der Eheschließung intensiver darüber nach, welcher Konfession der Andere angehört und was das für die Eheschließung bedeuten könnte. Umsomehr muss die aktuelle Diskussion unseren Zeitgenossen wie „von einem anderen Stern“ vorkommen.

Wenn ich darüber nachdenke, so ist eine konfessionsverschiedene Ehe nicht so selbstverständlich wie es scheint. Man muss auch nicht weit zurück blicken, um in der eigenen Biografie interessante Geschichten dazu zu finden. Als meine Tante einmal ihren neuen Freund meinen Großeltern vorstellte, war deren Ablehnung groß. Nicht wegen dessen gewaltigen Bartes und seiner süddeutschen Herkunft, sondern weil er evangelisch war. Der Nachfolger war zwar auch evangelisch, aber immerhin Lehrer und von hier...

Vor einigen Monaten musste ich – in kurzem Abstand - zunächst einen Mann, später seine Frau beerdigen. Sie, ursprünglich aus einer evangelischen Pfarrersfamlie stammend, war kurz nach der Trauung konvertiert und hatte in der katholischen Kirche eine wirkliche Heimat gefunden, wie mir die streng evangelische, ältere Schwester nach einer Kommunionfeier am Sterbebett bewegt erzähle, auch welche Hürden zu überwinden waren und welche Schwierigkeiten der Entschluss der Schwester ausgelöst hatte.

Das waren alles ernste Fragen, die in der Vergangenheit auch zu politischen Verwerfungen führten. Der Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering wurde im Zuge eines Streits in der Frage der Mischehen am 20. November 1837 festgenommen und in der Festung Minden gesperrt und dort bis zum April 1839 gefangen gehalten. Bis zu seinem Tode lebte er im Exil, ohne auf seinen Bischofssitz zurück zu können. Er hatte gegenüber dem preußischen Staat an der katholischen Haltung festgehalten, dass die Kinder aus einer Mischehe im katholischen Glauben zu taufen und zu erziehen seien. Der preußische Staat hielt damals dagegen. In frommen Traktaten wurde lange vor den Gefahren der Mischehe gewarnt. Die deutschen Bischöfe bemerkten sogar noch 1958 in einem Hirtenwort: „Wer vor der Mischehe warnt, stört nicht den konfessionellen Frieden. [...] Wer vor der Mischehe warnt, hilft vor Leid und seelischen Konflikten bewahren; er dient dem religiösen Frieden.“

Praktisch wurde das aber auch damals schon je nach Pfarrer und Region unterschiedlich gehandhabt. So waren interkonfessionelle Ehen im Ruhrgebiet weniger problematisch als z.B. im rein katholischen Münsterland. Prälat Nienhaus aus Lohberg lehnte beispielsweise Ende der 1940er Jahre den Konversionswunsch eines evangelischen Ehemannes ab, mit dem Hinweis, dieser wolle doch nur das evangelische Kirchgeld sparen und solle der Taufe treu bleiben, zu der ihn seine Eltern bestimmt hätten. Und Albert Nienhaus war sicher mit jeder Faser seines Lebens ein überzeugter Katholik.

Den großen Wandel leitete dann das 2. Vatikanische Konzil ein, das die anderen Konfessionen nicht mehr als Häretiker und Schismatiker betrachtete sondern sie als getrennte Brüder oder getrennte Kirchen neu entdeckte und wertschätzte. Dem folgte auch eine Öffnung mit Blick auf die konfessionsverschiedenen Ehen. Papst Paul VI. lenkte 1970 in dem Motu proprio „Matrimonia mixta“ den Blick auf einen interessanten Aspekt dieser Konfessionsverschiedenheit: „Sie trägt ja in die lebendige Zelle der Kirche, wie die christliche Familie mit Recht genannt wird, eine gewisse Spaltung hinein; wegen der Verschiedenheit im religiösen Bereich wird die treue Erfüllung der Forderungen des Evangeliums erschwert; das gilt besonders von der Teilnahme am Gottesdienst der Kirche und von der Erziehung der Kinder.

Aus heutiger Sicht kommt einem all dies geradezu „mittelalterlich“ vor. So war ein junger Kollege von mir kürzlich zutiefst verwundert, als er seine standesamtliche Eheschließung mit seiner evangelischen Frau bei seinem Arbeitgeber bekannt gab und sofort zu einem Gespräch nach Münster gegeben wurde, warum er für diese Eheschließung nicht die vorgesehene bischöfliche Erlaubnis erbeten habe. Aber auch kirchlich eher ungebundene Paare staunen oft, wenn ihren eröffnet wird, dass es nach wie vor keine ökumenischen, sondern nur evangelische oder katholische Trauungen gibt, an denen der jeweils andere Pfarrer assistierend teilnimmt. Oder dass das Paar gefragt wird, ob es seine Kinder katholisch taufen und im katholischen Glauben erziehen wolle.

Umso verwunderter wird jetzt mancher auf die Auseinandersetzung zwischen Bischöfen und unter Katholiken schauen. Zumal es in der Öffentlichkeit sowieso darum zu gehen scheint, evangelische Ehepartner generell zur Kommunion zuzulassen, quasi als ersten Schritt zu einer allgemeinen Interkommunion. Selbst hochrangige Politiker haben sich im Umfeld des Katholikentages in diese Richtung geäußert. Und hier liegt sicher ein Grund für die Schärfe der Diskussion, aber auch für Verletzungen derer, die eine Lösung für Menschen suchen, die sich wirklich nach voller Teilnahme an der Communio der Kirche und Gemeinde sehnen.

Denn es geht bei der Handreichung der deutschen Bischofskonferenz in der Tat nicht um Interkommunion, sondern in jeder Hinsicht um eine Gewissensentscheidung. Verlangt wird nämlich, dass der evangelische Partner den katholischen Glauben teilt und das die Zulassung zur Kommunion die Reaktion auf eine schwerwiegende geistliche Notlage ist.

Ganz ehrlich, ich erlebe sicherlich konfessionsverbindende Paare, die am Leben ihrer jeweiligen bzw. am Leben der evangelischen oder katholischen Gemeinde teilnehmen. Aber ihre Nichtzulassung zum Kommunionempfang erleben viele sicherlich als unbefriedigend, ärgerlich, enttäuschend... aber von einer Notlage würde sicher kaum jemand sprechen. Ich glaube, eine Handreichung, die solches formuliert, würde von den Betreffenden eher mit Verwunderung aufgenommen. Und ich wäre auch nicht geneigt, diese Formulierung aus dem Kirchenrecht (CIC 844 § 4) überhaupt im Gespräch dem Paar gegenüber zu formulieren. Einzelne evangelische Ehepartner sind im Grunde in der katholischen Gemeinde und im Glauben weit tiefer verwurzelt als mancher Katholik. Sie gehen ganz selbstverständlich (meist nach Gesprächen mit dem Pfarrer) zur Kommunion, andere tun dies, ohne dass ich um die Hintergründe weiß. Viele verzichten allerdings auch, ohne darüber mit den Seelsorgern oder ihrem Ehepartner überhaupt ins Gespräch zu kommen. Es ist zu einer Gewohnheit geworden, in der Kommunion nicht Teil der Communio zu sein, de facto aber doch Teil der Gemeinde. Nur wenige kommen zum Segen nach vorn, wie es aktuell wieder Kardinal Kasper vorgeschlagen hat. Eine Idee, die man sicher noch mal vertiefen sollte.

Der Wandel der Jahre von 1958 – 2018, in 60 Jahren, von den „Mischehen“ über die konfessionsverschiedenen bzw. interkonfessionellen Ehen zur Konfessionsverbindenden Ehe kann gar nicht groß genug eingeschätzt werden. So viel Wandel gab es auch theologisch in so kurzer Zeit in der Kirche wohl selten. Angesichts der Individualität der Menschen, der Paare, der Religiosität – ist sicher auch nicht jede interkonfessionelle Ehe auch eine Konfessionsverbindende.

Anders als Papst Paul, der den Aspekt der Trennung in der „lebendigen Zelle der Kirche, die die Familie ist“ in den Focus nimmt, entdeckten andere Theologen, unter ihnen auch Kardinal Kasper in der konfessionsverbindenden Ehe, die ja auch eine „Kirche im Kleinen“ ist, eine Art „Klebstoff“ der Konfessionen bzw. eine vorweggenommene Einheit, eine stabile Brücke zwischen den getrennten Kirchen. Die zunehmende Anzahl interkonfessioneller Ehen stellt solche ökumenischen Fragen mit einer gewissen Dringlichkeit.

Als Katholiken schätzen wir die Ehe hoch. Sie ist für uns das sakramentale Abbild der Liebe, die Christus mit seiner Kirche verbindet. Die Liebe der Eheleute zueinander, die Unauflöslichkeit ihrer Verbindung hat christologische Dimensionen. Das nimmt sie in gewisser Weise schon hinein in die katholische Communio.

Die theologischen Fragen, die sich durch die Existenz konfessionsverbindender Paare stellen, sind bis heute nicht endgültig durchdacht. Aber wenn die Kirche an ihrer Sicht des katholischen Ehesakramentes festhalten will, muss das auch Folgen haben für die Communio mit denjenigen Ehepartnern, die (noch) nicht offiziell zur katholischen Kirche gehören oder sogar sehr bewußt in ihrer Konfession verbleiben möchten. Sie können uns nicht gleichgültig sein.

Bischof Feige weist in einem Beitrag für die ZEIT auf einen Abschnitt aus der Enzyklika „Ecclesia de eucharistia“ des Hl. Papstes Johannes Paul II. hin, wo es, nachdem die Möglichkeit der gemeinsamen Gottesdienstfeier ausgeschlossen wurde, heißt: „Dies gilt nicht für die Spendung der Eucharistie unter besonderen Umständen und an einzelne Personen, die zu Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, die nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. In diesem Fall geht es nämlich darum, einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger im Hinblick auf das ewige Heil entgegenzukommen, nicht aber um die Praxis einer Interkommunion, die nicht möglich ist, solange die sichtbaren Bande der kirchlichen Gemeinschaft nicht vollständig geknüpft sind.“

Das ist ein bedeutsamer Text, der sich ja offenbar auch auf evangelische Kirchen (kirchliche Gemeinschaften) bezieht. Bischof Feige bedauert, dass bis heute nicht geklärt wurde, wen der Papst mit dem „schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger“ meint. Diese Formulierung erscheint mir zumindest stimmiger als die „Notlage“-Regelung der deutschen Bischofskonferenz und es bleibt zu hoffen, dass die nun anstehende und von der Glaubenskongregation angekündigte Klärung auf weltkirchlicher Ebene möglicherweise hier anschließt.

Wenn dies auch zu einer umfassenden Relectüre der Enzyklika des heiligen Papstes führt, wäre das ja mehr als wünschenswert, gerade auch in der dort ausgedrückten Sehnsucht „Doch haben wir den sehnlichen Wunsch, gemeinsam die Eucharistie des Herrn zu feiern, und dieser Wunsch wird schon zu einem gemeinsamen Lob, zu ein und demselben Bittgebet. Gemeinsam wenden wir uns an den Vater und tun das zunehmend "mit nur einem Herzen".

Der Jubel der konservativen Kreise in der Kirche könnte möglicherweise verfrüht sein, wie Christian Geyer-Hindemith in der FAZ feststellt: „... dass der sogenannte Kommunionstreit mitnichten von Rom „entschieden“ wurde, wie es jetzt heißt. Rom hat entschieden, in der fraglichen theologischen Sache nicht zu entscheiden, jedenfalls im Augenblick nicht, hat eine „baldige Klärung“ und diese dann „auf weltkirchlicher Ebene“ in Aussicht gestellt.“

Wie die dann konkret aussieht – das ist noch einigermaßen offen. Man darf gespannt sein.

Bei manchen Wortmeldungen dieser Tage hat man doch eher den Eindruck es geht um konfessionellen Kleinkrieg und in den evangelischen Ehepartnern wird ein Kampf gegen Margot Käßmann, Johannes Calvin und die evangelische Kirche als „Vorfeldorganisation der Grünen“ ausgetragen. Den evangelischen Ehepartnern wird unterstellt, was man an der Haltung der reformatorischen Kirchen allgemein ablehnt.

Blendet man hier nicht allzu oft bewußt aus, dass es den Bischöfen nicht um eine Interkommunion durch die Hintertür ging, sondern um Personen, die den katholischen Glauben teilen, die ein ernsthaftes, geistliches Verlangen nach der Communio mit ihrem Ehepartner und der Gemeinde, in der sie sich aufgehoben fühlen, empfinden? Nach wie vor könnte man eine reformatorische Ehefrau nicht zur Kommunion zulassen, für die das Abendmahl nur wenig mehr als eine christliche Agape ist, die im Brechen des Brotes einen symbolischen Akt sieht, der an das Tun Jesu erinnere. Ohne einen Grundkonsens im Glauben wird die Teilnahme an der Kommunion nicht möglich sein. Kardinal Woelki hat die Dimension dieser Entscheidung in seiner Fronleichnamspredigt ja sehr gut verdeutlicht. Ob man dazu auch die Verehrung eines jeden von vielen Tausend Heiligen zur Verpflichtung machen muss, das sei noch mal dahin gestellt. Ich halte es auch für angemessen von einem solchen Gläubigen nicht mehr zu verlangen als von einem frommen Katholiken. Dennoch ist das nicht wenig und alles Andere als ein leichtfertiger Ausverkauf der Eucharistie. Das Wort Johannes Pauls von einem „schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis“ könnte da eine gute Richtschnur sein.

Kardinal Kasper bestätigt diese Sichtweise ja in seiner aktuellen Stellungnahme: „Zum andern müssen sie den katholischen Glauben bezüglich der Eucharistie teilen, sicher nicht in allen theologischen Einzelheiten, sondern in der Weise wie ihn jeder einigermaßen unterrichtete "normale" Katholik bekennt. Das ist keine willkürliche Auflage; es ist vielmehr die gemeinsame katholische und evangelische Überzeugung, dass die Sakramente ihrem Wesen nach Sakramente des Glaubens sind und nur im Glauben würdig und fruchtbar empfangen werden können. Schon der Apostel Paulus mahnt, sich zu prüfen und den Leib des Herrn von anderer Speise zu unterscheiden; denn wer bedenkenlos vom Altar isst und trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht (1 Kor 11, 27-29).“

„Aber warum wird ein solcher Mensch dann nicht katholisch?“ - fragt so mancher Kritiker der „Mehrheitsfraktion“. Dafür mag es gute (aber oft sehr individuelle) Gründe geben, die sich einer theoretischen Überlegung vermutlich weitgehend einziehen.

Ich weiß auf diese Frage keine bessere Antwort als die, die ich von Frère Roger aus Taizé kenne: Er schrieb mit Blick auf seine Großmutter, die eine „innere Versöhnung“ mit der katholischen Kirche vollzog: „Ihr Lebenszeugnis prägte mich bereits in jungen Jahren und in ihrer Folge fand ich meine Identität als Christ darin, in mir den Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem zu brechen.“ Das fasst ganz gut die Haltung der Communaute von Taizé zusammen, die mich als jungen Menschen sehr tief beeindruckt hat. Versöhnung - „ohne mit irgendjemandem zu brechen.“ Dafür hat die Communaute und mit ihr Frère Roger so manche Anfeindung – auch aus dem evangelischen Lagern – ertragen müssen. Viele erinnern sich an den Moment, als Frère Roger aus der Hand des späteren Papstes Benedikt XVI. die Hl. Kommunion empfing. Der tägliche Kommunionempfang ist für viele der Brüder, manche auch mit evangelischen Wurzeln, ein Teil ihrer Identität und ihres Lebensengagements.

Beim europäischen Jugendtreffen 1980 in Rom beschrieb Frère Roger in Gegenwart Papst Johannes Paul II. seine Haltung mit den Worten: „Ich habe meine Identität als Christ darin gefunden, in mir selbst den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgend jemand die Gemeinschaft abzubrechen.“

In einem Interview erklärt Frère Alois, die Haltung seines Vorgängers so: „Frère Roger hat nicht abgestritten, dass die Konversion ein Weg für einzelne sein kann; für ihn und für unsere Communauté zog er es aber vor, von „Kommunion“ (Gemeinschaft) zu sprechen. Für ihn hat sich der allmählich vollzogene Eintritt in die volle Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche an zwei Punkten festgemacht, aus denen er nie einen Hehl machte: Die Eucharistie zu empfangen und die Notwendigkeit eines Dienstamtes der Einheit anzuerkennen, das der Bischof von Rom ausübt.“

Auf dieser Basis hat die katholische Kirche den Brüdern von Taizé die Kommuniongemeinschaft gewährt. Und dies schrittweise seit etwa 1972.

In diesem Weg sähe ich auch einen gangbaren Weg für evangelische Christen in einer konfessionsverbindenden Ehe. Und „billiger“ und „einfacher“ sollte die Communio auch nicht zu haben sein. Nein, es geht nicht um einen „Keks“ oder eine Oblate, wie Eckart von Hirschhausen und andere es polemisch in den Debatten des Katholikentages formulierten. Es geht auch nicht in erster Linie um kirchliche Normen und Regeln. Auch hierzu äußerte sich Kardinal Kasper in einem Grußwort an die Weltgemeinschaft der konfessionsverbindenden Eheleute 2003 über den Schmerz, nicht wechselseitig zur Kommunion zugelassen zu sein: „Dieser Schmerz kommt aber nicht von den derzeit geltenden Normen, sondern von der Tatsache, dass die Trennung der Christen bis heute nicht überwunden ist.“

Durch einen formalen Fehler hat mein früherer Pastor zwei evangelische Kinder zur Kommunion und zur Firmung geführt. Als einer davon dann heiraten wollte, stellte sich heraus, dass er formal noch evangelisch ist. Ein Anruf im Ordinariat machte schnell klar, dass eine Hinführung zur Kommunion und der Empfang des Firmsakramentes katholisch macht, auch wenn jemand evangelisch getauft wurde.

Meine seelsorgliche Erfahrung sagt mir, dass die Landkarte des Glaubens viel bunter ist als die konfessionelle Landkarte. Nicht jeder Katholik glaubt alles, was der Katechismus sagt und macher evangelische Christ bewahrte das übrig gebliebene Abendmahlsbrot am Liebsten im Tabernakel auf. Viele Evangelische schätzen und verehren den Papst als Oberhaupt der Kirche und lassen sich durchaus katholisch-spirituell anregen. Mancher Protestant ist es nur auf dem Papier und mancher Katholik ebenso.

Daher braucht es eine Offenheit für Menschen, die zum Ausdruck bringen, dass die Teilnahme an der Hl. Kommunion ihnen ein tiefes spirituelles Bedürfnis ist und dass sie den Glauben der Kirche teilen. Und so vielfältig diese Menschen sind, so vielfältig könnten auch die Wege sein. Für den ein oder anderen mag dieser Weg in einer Konversion enden, für andere in einer Zeit des Wartens, der Vorbereitung, möglicherweise auch eines Beichtgesprächs. Kann ein Lutheraner eigentlich gültig die Beichte ablegen?

Es ist traurig, dass der „Kommunionstreit“ auf diesem Niveau geführt wird. Zunächst einmal wäre es gut, wenn alle, die nun gegen Kardinal Marx, Kardinal Kasper und Bischof Feige und ihre Mitstreiter zu Felde ziehen, die Motivation hinter ihrem Engagement verstehen und achten würden. Und dann sollte man sich doch eigentlich unter Katholiken problemlos hierauf einigen können: „Doch haben wir den sehnlichen Wunsch, gemeinsam die Eucharistie des Herrn zu feiern, und dieser Wunsch wird schon zu einem gemeinsamen Lob, zu ein und demselben Bittgebet. Gemeinsam wenden wir uns an den Vater und tun das zunehmend "mit nur einem Herzen".“ Und dazu wird es notwendig sein, im eigenen Herzen die persönliche Glaubensüberzeugung und Frömmigkeit mit der wahren katholischen Weite des Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgend jemand die Gemeinschaft abzubrechen. Oder um es angelehnt an Nostra aetate zu formulieren: „Als Gläubige lehren wir nichts von alledem ab, was im Glauben des Anderen wahr und heilig ist.“ Aber das zu erkennen ist ein langer, gemeinsamer Weg. Wenn wir uns, statt mit allen Mitteln der eigenen Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen (und dabei vor Leaks, Beschuldigungen und Beschimpfungen der Schwestern und Brüder nicht Halt machen), auf diesen Weg begeben, dann wird dem (inzwischen schon stattlichen) Pflänzchen der Kirchenverdrossenheit möglicherweise der Dünger ausgehen.

Hier kommt mir der Prophet Jona in den Sinn, der anhand einer Rhizinusstaude durch Gott selbst eine Katechese erlebt, die sich gewaschen hat. Berichtet wird davon im vierten Kapitel des biblischen Buches.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Alles Schein-Riesen und Schein-Heilige?

Wer den Namen „David Berger“ bei Google eintippt, der findet dort zahlreiche Fotos eines attraktiven Herrn im Anzug, meist mit offenem blauen Hemd und Jacket. Der „Theologe und Publizist“ präsentiert sich vor allem mit seinem Blog „philosophia perennis“ als reichlich AfD-nah und posiert für einen Wahlaufruf für diese Partei auch in einem innigen Doppelportrait mit deren Frontfrau Alice Weidel. Der als Kenner der Theologie und der Schriften des Hl. Thomas von Aquin einst schon in jungen Jahren in konservativen und traditionalistischen Kreisen der Kirche sehr beliebte und hofierte junge Mann hat in den vergangenen 10 Jahren ganz erstaunliche Wandlungen durchgemacht.

Über einige Jahre war er der Herausgeber der Zeitschrift für konservative Theologie „Theologisches“, einem Blatt, dass früher einmal monatlich kostenlos an jeden deutschen Pfarrer geschickt wurde. Während meiner Ausbildungszeit habe ich es meist vor dem Papierkorb meines Ausbildungspfarrers gerettet und mit Interesse gelesen.

Berger ist etwas jünger als ich und begann – wie ich – 1991 seine theologische Ausbildung. Ende März 2010 legte er mit einer Erklärung seine Herausgeberschaft für die Zeitschrift „Theologisches“ nieder und kam damit seinem Rauswurf zuvor. Gleichzeitig outete er sich als homosexuell und in einer langjährigen Partnerschaft mit einem Mann lebend. Zuvor hatte er eine glänzende Karriere mit Dissertation, Habilitation und Aufnahme in wissenschaftliche Institutionen hingelegt, die ihm auch eine Aufgabe als „Lektor der Päpstlichen Kongregation für die Glaubenslehre“ einbrachten. Im November 2010 brachte er ein Buch auf den Markt, in dem er über sein Leben als schwuler Theologe in der katholischen Kirche berichtete. Diesem Buch gab er den Titel „Der heilige Schein“ und zog zu dessen Vermarktung alle medialen Register.

So spekulierte er über homosexuelle Neigungen des Papstes und weiterer Kirchenmänner und teilte mit, dass nach seinem fachkundigen Urteil zwischen der Hälfte und zwei Dritteln aller katholischen Priester homosexuelle Tendenzen hätten.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner entzog Berger 2011 die Lehrerlaubnis, worauf dieser nicht mehr als Lehrer an einem Kölner Gymnasium unterrichten konnte. Er wechselte daraufhin in das Berufsfeld des Publizisten und schrieb kirchenkritische Texte und übernahm die Redaktion eines Magazins für homosexuelle Männer. In dieser Zeit engagierte er sich stark gegen die anonyme, reaktionär-vulgärkatholische Website kreuz.net, die schließlich abgeschaltet wurde. Berger trat in dieser Zeit auch offiziell aus der Kirche aus.

Nach und nach kam seine konservative Grundhaltung wieder durch, so dass man sich 2015 von Berger trennte und das „Männer“-Magazin wenig später einstellte.

Alles diese Vorgänge waren durchaus Schlagzeilenträchtig. Schon 2015 warf man Berger vermehrt „Rechtspopulismus“ vor, ein Vorwurf, dessen Berechtigung der Theologe und Publizist inzwischen mit seinem Blog tagtäglich unter Beweis stellt, obwohl er in seine Biografie noch eine einjährige Episode als CDU – Mitglied einfügen konnte, die aber spätestens mit seiner Wahlempfehlung für die AfD im Herbst 2017 zu Ende ging.

Ich hatte mich bisher immer geweigert, einen Blick in Bergers Buch zu werfen. Da dieser Autor mir aber im Netz immer wieder begegnet und mehr und mehr in rechtspopulistischen Kreisen gehypt bzw. inzwischen auch wieder in konservativen Kirchenkreisen gelesen wird, habe ich mir kürzlich doch die Mühe gemacht, Bergers Buch zu lesen. Was mir leicht fiel, da es inzwischen für rund 50 ct. in den Antiquariaten verfügbar (und als Taschenbuch schon für 5,49 € zu haben ist).

Mir war Berger schon nach seiner etwas übergriffigen Kritik an den Theologen Rahner und Hans Urs von Balthasar suspekt und sein Name blieb daher durchgängig für mich ein „rotes Tuch“. Für ihn gilt in meinem Empfinden der alte Spruch: „Der Niederrheiner ist nicht nachtragend, aber er vergißt auch nichts.“ Leider sind viele der Theologen, die nach wie vor in Benedikt XVI., ihren geistlichen und geistigen Vater sehen, im Blick auf Berger heute alles Andere als Niederrheiner.

Wie auch immer, die Lektüre des Buches „Der heilige Schein“ ist durchaus erhellend. Ich habe nicht bereut, den Band gelesen zu haben. Bei einer oberflächlichen Lektüre, erscheint es geradezu so, als wolle Berger die Analyse der Autorin Liane Bednarz in ihrem Buch „Der heilige Schein“ vorwegnehmen. So verwendet er mehrfach den später eher Bednarz zugeschriebenen Begriff der „Rechtskatholiken“ und sieht noch weit stärkere und tiefergehende inhaltliche und personelle Verflechtungen des konservativ-katholisch-traditionalistischen Milieus mit rechtsextremen Kreisen im In- und Ausland. Hier beschreibt Berger auch ausdrücklich Verbindungen zur NPD (die AfD gab es damals ja noch nicht) und er tut dies aus intimer Milieukenntnis.

Der Klappentext des Buches gibt zwei Rezensionen wieder. In der ZEIT stand offenbar „Dieses Buch gehört zum Unglaublichsten, was derzeit über die katholische Kirche zu lesen ist.“ Im Tages-Anzeiger wurde geurteilt: „Der heilige Schein trifft den Nerv der Kleriker-Kirche und des Ratzinger-Pontifikats.“ Diesem Urteil möchte ich mich nicht anschließen. Das Buch beleuchtet einen sehr kleinen, wenn auch aktiven und sicher einflussreichen Teil der Kirche. Es zeigt, dass und wie finanzkräftige konservative Personen Einfluss auf den Kurs von Kirche und Theologie zu nehmen versuchen. Hier beschreibt der Autor seine Verbindungen in diese Welt konservativer und teils adeliger Akteure, deren Verbindungen untereinander und bis hinein in den Vatikan. Was er hier berichtet, erscheint mir durchaus zutreffend und interessant, wenngleich es im Grunde auch schon wieder Geschichte ist. Viele Protagonisten sind inzwischen verstorben, sie wirken nun nur noch über ihre Nachlässe in der Finanzierung gewisser Initiativen nach.

Über „die Kirche“ sagt das Buch allerdings nur wenig aus. Die ist ja nach wie vor von den normalen Pfarrgemeinden und den Ordensgemeinschaften geprägt. Das von Berger beschriebene erzkonservative Milieu spielt hier nur am Rande eine Rolle, allenfalls dann, wenn ein Pfarrer aus diesem Umfeld in einer Gemeinde eingesetzt ist und entsprechende Initiativen startet. So käme ich in unserer Gemeinde vielleicht mal auf drei oder vier Personen, die ich dem traditionalistischen Milieu zurechnen würde und wohl kaum ein Promille der Gemeindemitglieder hätte vor 2010 eine halbwegs konkrete Vorstellung haben können, wer dieser Dr. habil. David Berger überhaupt ist.

Wie bei Liane Bednarz fragt man sich auch bei Berger immer wieder, wo die „rote Linie“ zu ziehen wäre zwischen Papst- und Kirchentreuer-katholischer Theologie und legitimen konservativen Überzeugungen und reaktionären Übertreibungen und menschenverachtenden Machtspielen.

Der Titel der Buches „Der heilige Schein“, spielt auf Bergers Beobachtung an, dass er – nach seiner Auffassung relativ offen - schwul war und mit seinem Lebenspartner zusammenlebte, den er als „Cousin“ auch beständig in seinem Umfeld hatte. Dies sei von der Kirche geflissentlich so lange ignoriert worden, wie der „Schein“ gewahrt blieb, wo nicht offen die Homosexualität zum Thema gemacht wurde. Dies sei überhaupt ein typisches Kennzeichen einer weit verbreiteten „Scheinheiligkeit“ in der Kirche, für die er noch andere „Belege“ präsentiert.

Über Bergers Analyse und Deutungen wird man sicher streiten können. Sie erscheinen aber teilweise reichlich konstruiert und vom Bemühen um Selbstrechtfertigung getragen. Im Grunde ist „Der heilige Schein“ ein eher autobiografisches Buch, das wenig über die katholische Kirche als sehr vielschichtige Organisation, immerhin aber etwas über das konservativ-traditionalistische Milieu und letzlich recht viel über die Persönlichkeit David Bergers offenbart. So spürt man durchaus, dass er seine eher konservative Grundhaltung letzlich nicht in Frage stellt. Seine Hinwendung an das eher liberale Kirchenmilieu erscheint unter dem Druck seiner theologischen Gegner und der Kritiker seiner privaten Lebensführung aus eben diesem Umfeld.

Er schildert sich selbst als theologisch „Verführten“, der durch die Leute um sich herum über die „roten Linien“ hinaus gedrängt wurde. Er schildert auch seinen Kampf gegen besonders extreme theologische Positionen und gegen Antisemitismus, obskure Glaubensformen und Gruppen und manches mehr. Man spürt jedoch, dass er sich in einem, teils von extremen Überzeugungen geprägten Umfeld und Unterstützerkreis um einen theologisch verantworteten Weg mit Maß und Mitte bemüht.

Interessanterweise bezieht er schon damals Stellung gegen eine positive Haltung gegenüber den Muslimen, die offenbar vor 10 Jahren noch in der konservativ-katholischen Szene verankert war, weil man im Islam einen Partner gegen die weitere Auflösung von Moral und Sittlichkeit erkannte. Das würde heute vermutlich nicht mehr so vertreten werden, aber David Berger hat seine Position hier inzwischen auf seinem aktuellen Blog noch deutlich zugespitzt.

Insoweit ist Berger inzwischen einen aufschlußreichen Weg gegangen. Seine Themen haben sich aus dem Bereich des Theologischen stark in die Welt der Politik und Gesellschaft verlagert. Man kann sicher sagen, dass er sich radikalisiert hat. Das, was ihm in seinem theologischen Wirken offenbar wichtig war – scheint inzwischen vergessen. David Berger ist mit seinem Blog bestimmt kein Vertreter von Maß und Mitte mehr.

Originellerweise nennt er ihn – anknüpfend an seine früheren Orientierungen – gerade auch an Thomas von Aquin - auf lateinisch: „Philosophie perennis“ und will sich damit die Orientierung an zeitlosen, immergültigen, kulturübergreifenden Prinzipien zur Leitlinie machen. Diesem Anspruch wird er aber keineswegs mehr gerecht.

David Berger war einmal ein aufgehender Stern am Theologenhimmel, mit dem konservative Theologen einige Hoffnungen verbanden. Aber er war auch jemand, der sich nicht einfach vor den Karren spannen ließ, sondern durchaus eigenständige Wege ging. Es wäre (auch ihm) sehr zu wünschen, dass er einmal – altersweise und altersmilde – zu seinen Wurzeln zurückkehren möge. Hoffentlich dauert es nicht mehr allzu lange.

Er gibt mit seinem Buch „Der heilige Schein“ tiefe Einblicke, welche Folgen es haben kann, dass die Kirche und ihre Theologie noch immer ein gebrochenes Verhältnis zur Homosexualität und zu homosexuellen Menschen hat. Besonders zeigen sich diese Brüche unter denen, die doch eigentlich der kirchlichen Lehre zu 100 Prozent folgen möchten und den selbst gesetzten Ansprüchen nicht gerecht zu werden vermögen. Das Ergebnis ist keineswegs glänzend, nicht überzeugend und noch weniger anziehend.

Mich hat er nicht überzeugt mit der Idee, dass die Homosexualität (und andere moralische „Verfehlungen“) von Kirchenleuten systematisch ausgenutzt werden, um die kleinen Rädchen im Getriebe gefügig zu machen. Auch wenn er solche persönlichen Erfahrungen schildert. Dennoch darf man auch sein Buch getrost als Gewissenserforschung lesen. Im Beichspiegel trifft mich auch nicht jede einzelne Frage. Aber wo sie mich trifft, da sollte ich nicht schnell weiter blättern, sondern genauer hinschauen. Daher wäre Bergers Buch auch den kirchlichen Verantwortungsträgern empfohlen, um hier die notwendigen Hinweise zwischen den Zeilen zu lesen.

Wenn sich die Heiligkeit der Kirche zu einem heiligen Schein entwickelt, dann fehlt nur wenig, dass sich ihre Scheinheiligkeit offenbart. Daher ist es so wichtig, dass sich die Kirche nicht nur an der philosophia perennis orientiert, sondern wirkliche Antworten findet, die sich in Bibel und Tradition verankert wissen, aber auch im Leben der Menschen hilfreich sind, weil sie ihre Erfahrungen, Kämpfe, Sorgen und ihr Versagen mit berücksichtigen. Der Weg, den die Kirche weisen will, er muss gangbar sein. Ein jeder Mensch trägt seine eigene, individuelle Last. Jesus sagt dazu: „Nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach.“ Das ist Kirche! Und: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Das putzige Bild von David Berger mit Alice Weidel findet sich hier:
https://philosophia-perennis.com/2017/09/14/david-berger-afd/

David Berger war 2013 schon einmal Thema in diesem Blog:
http://kreuzzeichen.blogspot.de/2013/02/wie-macht-man-in-der-kirche-karriere.html 
Kreuzzeichen-Blog 2013

Freitag, 4. Mai 2018

Nichts wissen außer Jesus Christus, den Gekreuzigten!

Immer wieder kommen Leute zu uns ins Pfarrhaus, die ein sehr spezielles Anliegen haben. Sie haben aus dem Nachlass eines Verstorbenen ein Kreuz geerbt, möchten dies aber nicht bei sich zu Hause aufhängen, entweder weil sie selbst nicht glauben oder das Stück einfach nicht zur Wohnungseinrichtung passt. Befreundete Seelsorger berichten mir, dass sie das Phänomen ebenfalls kennen. Auch der Kunsthistoriker, der die in der Barbarakirche in Möllen eingelagerten Kunstwerke betreut, hat eine Sammlung solcher Kreuze angelegt, obwohl diese eigentlich aus künstlerischer Hinsicht nicht unbedingt erhaltenswert sind. 

Von einer Gemeinde aus Rheine habe ich sogar gehört, dass sie derartige Kreuz-Spenden sammeln und in einem besonderen Raum im Keller würdig aufbewahren. Eine andere Gemeinde hat eine Wand mit Kreuzen zu einem Gesamtkunstwerk gestaltet.

Offenbar gibt es in unserer Gesellschaft ein tief verwurzeltes Gespür dafür, dass das Kreuz etwas ganz Besonderes ist, dass man es auf gar keinen Fall zerstören oder gar entsorgen darf.

Der Streit um die Deutung und Bedeutung des Kreuzes ist alt. Vermutlich sogar so alt wie der Glaube an den Gekreuzigten, den Christus selbst. Davon zeugt u.a. einer der ältesten neutestamentlichen Texte, der 1. Brief des Paulus an die Korinther. „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. In der Schrift steht nämlich: Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten und die Klugheit der Klugen verwerfen. Wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer in dieser Weltzeit? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt? Denn da die Welt angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, beschloss Gott, alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung zu retten. Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

Wen wundert es, dass auch heute, fast zweitausend Jahre später, der Streit noch immer tobt. Diesmal stehen – so erscheint es wenigstens – zwei Protagonisten auf der Bühne. Auf der einen Seite der bayrische Ministerpräsident Markus Söder, auf der anderen Seite der bayrische Kardinal Reinhard Marx. Zwei wahre bayrische Alphatiere – selbst wenn der eine ein Franke und der andere ein Westfale ist. Soweit ich das beobachten konnte, sind die beiden auch schon in der Vergangenheit nicht gerade Freunde gewesen. Während Kardinal Marx schon mal gerne quer zum bayerischen politischen Mainstream steht (als Westfale kann er vermutlich gar nicht anders), meint der Ministerpräsident schon mal provokativ, die Kirche solle sich lieber darum kümmern, dass die Leute wieder richtig katholisch werden, da hätte sie genug zu tun, anstatt sich unter Zuhilfenahme des christsozialen großen C - in deren Angelegenheiten einzumischen. Das waren vermutlich keine guten Vorbedingungen für den Wunsch des Münchener Kardinals, dass die Bayrische Landesregierung vor dem Erlaß in allen Behörden Kreuze aufzuhängen, mit der Kirche Kontakt aufzunehmen habe.

„Vor einem solchen Schritt sollte man eine Debatte mit Kirchen und gesellschaftlichen Gruppen führen - auch mit denen, die keine Christen sind. Was bedeutet uns die Botschaft dieses Mannes am Kreuz? Was wollen wir umsetzen? Wie? Was bedeutet es, wenn wir von christlichen Werten sprechen? Eine solche Debatte wäre anspruchsvoll, aber notwendig für den Zusammenhalt in unserem Land. Keine Partei, kein Staat, auch ich als Kardinal kann einfach selbst bestimmen, was christlich ist. Das ist vorgegeben durch den, der an diesem Kreuz gestorben ist. Das Evangelium kann man nicht einfach für sich uminterpretieren.“

Bei allem Respekt vor Kardinal Reinhard Marx: Was sollte bei einer solche Debatte (im Vorfeld) herauskommen? Haben wir nicht schon endlos debattiert, ob Kreuze in Krankenhäusern, Gerichtssäälen oder Schulen für Atheisten oder Muslime zumutbar seien? Da kann man nur herausbekommen: die einen meinen es so, die anderen meinen es anders. Und wie wird am Ende entschieden? Per Mehrheitsbeschluss? Oder durch ein Votum des Bundesverfassungsgerichts?

Gerade Muslimen wird man die tiefe Bedeutung des Kreuzes für die europäische Kultur und den Glauben kaum vermitteln können. Ähnlich wie zur Zeit des Paulus in Korinth den Juden und Griechen, fehlen auch ihnen die Voraussetzungen hierfür. Insbesondere, da der Koran ihnen offenbart, dass Christus selbst gar nicht am Kreuz gestorben ist, sondern unmittelbar von Gott in den Himmel aufgenommen wurde. Das Kreuz widerspricht daher geradewegs ihrem Glauben. Zudem war und ist das Kreuz für viele Jahrhunderte das Zeichen der Kreuzritter, was sich dem kollektiven Gedächtnis der arabischen Völker tief eingegraben hat. Darüber hinaus habe ich an der Dialog- und Kompromissbereitschaft der heutigen "Heiden", beispielsweise der Aktivisten der Giordano-Bruno-Stiftung, gewisse Zweifel.

Mich persönlich hat das Interview, das Kardinal Marx der Süddeutschen Zeitung gab, wenig erregt. Der Mann sagt ja im Grunde nichts Verkehrtes. Den richtigen Drive bekamen seine Aussagen nicht mal aus den eigentlichen Formulierungen heraus, sondern vor allem durch die Überschrift des begleitenden Artikels: „Kardinal Marx wirft Söder Spaltung vor“. Streng genommen hat der Kardinal ja nur bemängelt, dass „Spaltung entstanden“ sei, „Unruhe, Gegeneinander. Ich spüre das bis in die Familien und Pfarreien hinein.“ In der Tat hat er sich ja einige Tage mit einer Reaktion Zeit gelassen. Aber wenn er in diesen Tagen „Gegeneinander … bis in die Familien und Pfarreien hinein“ wahrgenommen haben will, dann wüßte ich gern wie er jetzt die Reaktionen auf sein Interview beschreiben würde. Zur Beruhigung hat es offensichtlich nicht beigetragen.

Ja, ich habe ihn in den letzten Tagen an verschiedenen Stellen verteidigt, da seine Aussagen im Original ja gar nicht falsch wären und wesentlich zurückhaltender als in der Presselandschaft dargestellt. Aber wenn ein doch medienerfahrener und gut beratener Kardinal ausgerechnet in einer eher linken und der CSU und Markus Söder kritisch gegenüberstehenden Zeitung wie der SZ zu dieser Angelegenheit Stellung nimmt, dann muss er sich nicht beklagen (hat er soweit ich weiß auch nicht), wenn die Zeitung die Steilvorlage nutzt. Und den Subtext seiner Aussagen hat die Überschriftenredaktion wohl auch nicht ganz verkehrt wahrgenommen, doch das Interview selbst sicherheitshalber hinter einer Bezahlschranke verborgen. So ließen auch die Stimmen der Mäßigung etwas auf sich warten.

Kein Wunder, dass sich der Kardinal einige Tage später veranlaßt sah, seine Grundüberzeugungen in Sachen Kreuz im öffentlichen Raum noch einmal und klarer zu widerholen, nachdem auch der Schweizer Nuntius Bischof Peter Zurbriggen ausgerechnet in Heiligenkreuz einige sehr undiplomatische (und wie ich finde auch etwas überzogene) Worte in dieser Angelegenheit gesprochen hatte.

Zumal Kardinal Marx in Sachen Symbolgehalt des Kreuzes ja eigentlich „gebranntes Kind“ sein müsste, da er für die abgelegten Kreuze auf dem Tempelberg in Jerusalem und an der Klagemauer heftigst kritisiert wurde. Eine alte Wunde, in der auch der päpstliche Nuntius beinahe genüßlich herumstocherte. Wobei ich ausdrücklich nicht die Meinung teile, man müsse um jeden Preis sein Kreuz und noch dazu ein besonders großes Kreuz präsentieren, wenn man es als Bischof (oder einfacher Christ) golden oder silbern um den Hals trägt. Der Meinung war nämlich auch Jean-Louis Kardinal Tauran bei seinem Besuch in Saudi Arabien nicht, denn bei seiner Begegnung mit dem Hüter der heiligsten Stätten des Islam, dem saudischen König Salman trägt er mit seinem bischöflichen Begleiter zwar sein Brustkreuz, allerdings kaschiert durch das breite Zingulum. Ich denke, dass ich die entsprechenden Filmaufnahmen damit nicht falsch interpretiere. Und ich hätte dagegen auch keine Einwände, wenn das Hofzeremoniell das hergibt. Möchte ich doch auch, dass sich der saudische Herrscher beim Staatsbesuch im Vatikan an die dort geltenden Regeln hält. Vor allem hat Kardinal Tauran durch seinen klugen Auftritt dort wohl auch konkrete Fortschritte für die Christen im Lande erzielt, wenn die Meldungen über einen möglichen Kirchenbau nicht Fake-News sein sollten.

Aber zurück zu Kardinal Marx. Auf einige wichtige Sätze dieses Interviews wäre nämlich noch einzugehen:

„Der Staat kann nicht von sich aus das Zeichen des Kreuzes definieren. Das geschieht durch die Botschaft des Evangeliums und das Zeugnis der Christen.“
„Keine Partei, kein Staat, auch ich als Kardinal kann einfach selbst bestimmen, was christlich ist. Das ist vorgegeben durch den, der an diesem Kreuz gestorben ist.“
„Das Kreuz kann man nicht haben ohne den Mann, der daran gehangen hat. Es ist ein Zeichen des Widerspruchs gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod, aber kein Zeichen gegen andere Menschen.“
Was bedeutet uns das Kreuz überhaupt? Was heißt es, in einem christlich geprägten Land zu leben? Man muss aber auch alle einbeziehen: die Christen, Muslime, Juden, jene, die gar nicht gläubig sind.“
„Gott gibt alles, auch sich selbst - weil keine Träne, keine Gewalt, kein Krieg, kein Sterben, kein Leiden ihm gleichgültig ist. Mir bleibt da immer wieder der Atem stocken. Deswegen darf man das Kreuz nicht verharmlosen.“
„Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden. Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.“
„Nein, aber es steht doch dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeutet.“
„Aus christlicher Sicht sollte es aber ein Leitbild für die Politik sein, die Würde jedes Menschen zu achten, besonders der Schwachen. Wer ein Kreuz aufhängt, muss sich an diesen Maßstäben messen lassen.“

Offenbar ist es dem Kardinal besonders wichtig, zu erklären, dass das Kreuz nicht dem Staat gehört. Er wiederholt das immer wieder. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: etwas knatschig ist er doch, dass hier Markus Söder „aus den Büschen springt“ und „Ich bin schon hier!“ ruft, wie in der Fabel vom Hasen und vom Igel. Aber auf der anderen Seite hat er schon recht. Es ist doch nicht zu leugnen, dass der Kreuzerlass ein politischer Akt ist, eine Zeichenhandlung, mit der die CSU ihr „Revier“ gegenüber Kritikern von ganz Rechts verteidigen wollte. Aber, wie ich die politische Haltung des Kardinals kenne, kann er auch dagegen im Grunde nicht haben. Trotzdem, der klügste Kommentar in der Sache kam für mich vom Augsburger Bischof Konrad Zdarsa, der seine Pressestelle verlauten ließ, dass der Bischof parteipolitische Entscheidungen grundsätzlich nicht kommentiere.

Ich bin sicher, Bischof Konrad spürte dasselbe Unbehagen wie es viele Katholiken und Christen mit dem bayrischen Kreuzerlass verbinden, aber ihm war auch klar, dass eine kirchliche Stellungnahme, und sei sie noch so klug, automatisch in den parteipolitischen Disput hineingezogen würde. 

Nur, können sich die Kirchen wirklich vor dieser Debatte drücken? Letztlich, wie man es macht, macht man es verkehrt.

Nein, ich bin nicht glücklich mit dem Kreuzerlass. Noch unglücklicher bin ich jedoch mit der aktuellen Diskussion. Als Christ kann ich eigentlich nicht gegen das Aufhängen von Kreuzen sein. Das wäre ein innerer Widerspruch. Markus Söder ist mit seiner Aktion und auch mit den nachfolgenden Begründungen sicher zu kurz gesprungen. Ich weiß aber nicht, ob das nicht letztlich doch besser ist, als gar nicht zu springen. Es tut unserer gottvergessenen Gesellschaft nämlich gut, mal wieder mit unseren religiösen Wurzeln konfrontiert und mit dem Zeichen des Kreuzes in Kontakt zu kommen. Und das sollte - aus bekannten, traurigen Gründen - auch außerhalb der kirchlichen Räume geschehen.

Mir ist überhaupt nicht recht, wenn das Kreuz in zwei oder drei Sätzen (oder auch einer ganzen Predigt oder einer ganzen Rede) als dies oder jenes definiert wird. Auch bei langen und allzu überzeugten Predigten über die Bedeutung des Kreuzes ist mir eher unwohl. Da höre ich lieber die Passionsberichte selbst oder betrachte den Kreuzweg. Im Zeichen des Kreuzes zogen Soldaten in den Krieg. Allzu oft auch gegeneinander. Im Zeichen des Kreuzes verfolgte und ermordete man Ketzer, Hexen und Juden. Den von meist staatlichen Folterknechten Gequälten hielten Kirchenleute das Kreuz vor. Es gab so viel grauenhaften Mißbrauch des Kreuzes.

Wie verständlich, dass Marx' Vorgänger Kardinal Julius Döpfner unmittelbar nach dem Krieg in seinem ersten Hirtenbrief ausrief: „Um des Gekreuzigten willen beschwöre ich Euch: Lasst den Herrn in den notleidenden Brüdern nicht vergeblich rufen. Sonst entfernt das Kreuz von allen Wänden, holt es von allen Türmen; denn es ruft das Gericht über ein Land, das sich christlich nennt und das Gesetz der Selbstsucht und des Hasses erfüllt.“

Kardinal Marx mahnt zu Recht: „Mir bleibt da immer wieder der Atem stocken. Deswegen darf man das Kreuz nicht verharmlosen.“

Ich bin nicht sicher, ob nicht auch die Argumente der Gegner des Kreuzerlasses letztlich genau das tun; das Kreuz verharmlosen, wenn sie es in erster Linie ein Zeichen der Nächstenliebe, des Mitleids, der Solidarität mit den Gequälten und Gefolterten machen und es zu einem Winkelmaß gerechter und menschenfreundlicher Politik stilisieren. Das ist ja alles richtig. Aber es ist noch lange nicht alles.

Ja, das Kreuz zeigt einen gefolterten Menschen. Doch als Christen kennen wir die tiefste Glaubensüberzeugung der zwei Naturen Jesu Christi. Ja er ist „der Mann am Kreuz“, wie er für einen frommen Katholiken seltsam flapsig – vom Münchener Kardinal bezeichnet wird. Er ist der gequälte, geschlagene, getretene, gefolterte, gekreuzigte, mit Dornen gekrönte Jesus von Nazareth. Aber der „Mann am Kreuz“ ist auch der Erlöser, der Messias, der Christus. Gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage aber auferstanden von den Toten. Das Kreuz ist, was in der Eucharistie gefeiert wird: „Deinen Tod o Herr verkünden wir, Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit.“

Darin liegt doch der tiefste Grund für die Ehrfurcht, mit der sogar gänzlich unfromme Zeitgenossen dem Kreuz begegnen. Zumal in den Kreuzen, die sie im Pfarrhaus abgeben, nicht nur die ganze Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi gegenwärtig ist, sondern auch die Lebens- und Leidensgeschichte ihrer Angehörigen, auf die der Gekreuzigte über viele Jahre hinabgeschaut hat.

In unserem Wohnzimmer hängen zwei Kreuze, eines davon gehörte meiner Großmutter. Ein Geschenk zu ihrer Hochzeit (soweit ich es weiß), das immer ihr Schlafzimmer schmückte. Manches Mal wird sie nach 1944 mit Tränen in den Augen zu IHM aufgeschaut haben, nachdem sie die Nachricht erhielt, dass mein Großvater nach einer grässlichen Panzerschlacht in der Ukraine durch einen verspäteten Granatsplitter zu Tode kam. Bis heute weiß keiner, wo sein Grab ist.

Das zweite Kreuz ist eine Makonde – Schnitzerei. Jesus aus schwarzem Ebenholz mit afrikanischen Gesichtszügen. Das Holzkreuz dazu habe ich selbst angefertigt. Darauf befestigt habe ich einen Glassplitter aus einer Gefangenenbaracke in Bergen-Belsen, einen Holzsplitter aus Groß-Rosen, einen Stein von den Trümmern der Gaskammern in Auschwitz und von der Rampe dort sowie einige zerbrochene Isolatoren, die ich von dort mitnehmen durfte, mit denen die Stromzäune um Birkenau gesichert waren. Was für entsetzliche Dinge mögen diese unbelebten Gegenstände „gesehen“ haben. Mich erinnert dieses Kreuz jeden Tag daran, dass „es ein Zeichen des Widerspruchs gegen Gewalt, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod...“ ist und ein Zeichen der Solidarität Gottes mit den leidenden Menschen.

Von daher ist es meine tiefe Überzeugung, dass ich mit dem Kreuz nicht einfach irgendwie umgehen kann. Ich darf darüber nicht verfügen, das darf auch kein (wie er selbst sagt) Kardinal, nicht einmal der Papst. Das Kreuz ist nicht nur Eigentum der Kirche. Es ragt über sie heraus. Es ist DAS SYMBOL der christlichen Religion, nein der Erlösung durch Gott überhaupt und als solches in seinem Sinngehalt unverfügbar.
Im Grunde müßten uns die Hände zittern, wenn wir einen Nagel in die Wand schlagen und ein Kreuz daran aufhängen und wir müssten Tränen in den Augen haben. Tränen des Mitleids, Tränen der Trauer und Tränen der Freude.

Ich weiß nicht, was d(ies)er Glaube im Leben von Markus Söder bedeutet. Ich hoffe dass er mit seinem Handeln als Politiker und auch mit dem „Kreuzerlass“ dem Anspruch des Kreuzes gerecht wird. Ich möchte mir darüber kein abschließendes Urteil erlauben. Und ich bin überzeugt, dass der Tag kommt, wo er es selbst Jesus Christus erklären wird. Und in dem Moment wird er unter den liebenden Augen des Herrn sagen und sehen können, was gut daran war und was ihm alles nicht gelungen ist.

Sonntag, 29. April 2018

In diesem Zeichen wirst Du ...

In einer christlich-muslimischen Dialoggruppe entstand eine heftige Diskussion über dieses Bild. Eine Muslima hatte es irgendwo im Netz gefunden und zur Diskussion gestellt. Leider konnte ich die genaue Bildquelle (zunächst) nicht finden, ich vermute aber, dass es sich um ein spätmittelalterliches bzw. frühneuzeitliches Folterinstrument handelte. Ob es in gewissermaßen „weltlichen“ Gerichtsverfahren, bei Hexenprozessen oder gar von der spanischen Inquisition benutzt wurde (wie behauptet), konnte ich nicht herausfinden. Es dürfte auch nicht bedeutsam sein.

Während die Kirche zunächst das Quälen von Menschen eindeutig ablehnte, so kam die Folter in Deutschland zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Gebrauch und wurde erst im 18. Jahrhundert wieder abgeschafft. Vor allem, aus der Erfahrung heraus, dass die Folter keinen Beitrag zur Wahrheitsfindung leistete. Die Opfer „gestanden“ schlicht unter der Folter oder aus Angst vor den Qualen.

Vor Jahren besuchte ich einmal das mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber. Ich weiß noch, dass ich nächtelang von diesen grässlichen Instrumenten geträumt habe. Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Unvorstellbar! Erschütternd, dass es auch in der Kirche Menschen und Zeiten gab, in denen Folter für angemessen und legitim gehalten wurde.

Besonders pervers empfand ich, dass in dieses widerliche Gerät das Symbol des Kreuzes eingebaut wurde. Der damit Gequälte hatte dieses Zeichen so beständig vor Augen. Einfach widerlich, abstoßend! Wie konnten Geistliche damals den Kreuzweg Jesu meditieren und gleichzeitig zulassen, dass Menschen unter diesem Zeichen gefoltert wurden, ja das das Zeichen der Erlösung gar zum Bestandteil eines Folterinstrumentes selbst wurde. Ich werde das wohl niemals verstehen.

Man fragt sich, was heute ein Markus Söder oder Markus Blume zu diesem Missbrauch sagen würden. Die Rechtsgeschichte hat, insbesondere auch durch das Engagement kirchlicher Theologen und Juristen neben solchen dunklen Aspekten auch die bis heute gültigen Rechtsgrundsätze hervorgebracht. Doch wurzeln diese auch in einer Unrechtsgeschichte. Gott sei Dank, hat die Kirche ihre Beteiligung an dieser Unrechtsgeschichte inzwischen eingestanden und um Vergebung gebeten. Inwieweit sehen wir heute in all dieser Zwiespältigkeit auch die dunklen Stellen, in denen diese Rechtskultur und damit auch die christlich-abendländische Kultur wurzelt? Da gibt es sicher mehr Licht, als von allzu vielen Leuten mit ihrem Halbwissen zum Mittelalter, zur Inquisition und zu den Hexenprozessen munter in die Kommentarspalten geschrieben wird – aber eben auch nicht wenig Schatten.

Mich ärgert dieser Missbrauch des Christentums und des Kreuzes (vermutlich im späten Mittelalter) maßlos. Und daher bin ich auch sehr skeptisch gegen jegliche Verzweckung des Kreuzes. Es ist das Zeichen für Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Es ist das Zeichen unserer Erlösung. Wir dürfen darüber nicht verfügen. Es ist uns gegeben und geschenkt. Als gläubiger Christ kann man eigentlich nichts dagegen sagen, wenn das Zeichen des Kreuzes in Kirchen oder auch im öffentlichen Raum präsent ist. Aber wer dieses Zeichen des Glaubens aufhängt, der sollte es immer aus dem Geist der Anbetung und mit Ehr-Furcht tun. Ein Kreuz hängt man nicht mal eben so auf. Und wo es hängt, da fordert es nicht wenig! Können wir dem mit unserem Handeln gerecht werden?

P.S.: Tragen wir noch die historischen Fakten nach: Das Folterinstrument war Teil der Sammlung des 2008 verstorbenen Scharfrichters Fernand Meyssonnier. Dieser hatte die Stücke seiner Sammlung in den 1970er Jahren (lang nach dem Ende des Algerienkrieges, während dessen er als Scharfrichter tätig war) in europäischen Auktionshäusern zusammengetragen. Dazu fuhr er mit seinem Wohnmobil durch Europa und trug diese Gegenstände zusammen. Später versuchte er seine Sammlung zu verkaufen, nachdem er mit einem privaten Museum in seinem Haus in Fontaine-de-Vaucluse gescheitert war. 2008 starb er, 2012 versuchte seine Tochter die große Sammlung durch ein renommiertes Auktionshaus versteigern zu lassen, was zu einigen Turbulenzen und Diskussionen in Frankreich und Algerien führte. Die Versteigerung wurde daraufhin abgesagt. Die doppelte Schraubzwinge sollte etwa 3.000 - 4.000 Euro erbringen. Ein Auktionskatalog hat sich im Netz erhalten. Das Objekt trägt darin die Nr. 637.
http://art-et-communication.fr/_media/_pdf/2012/Catalogue-vente-collection-Fernand-Meyssonnier.pdf

Donnerstag, 26. April 2018

Was nun, Angstprediger? Was tun, Liane Bednarz?

Hier folgt der abschließende Teil meiner Gedanken zu Liane Bednarz Buch "Die Angstprediger". Daher nun auch mit einigen kritischeren Bemerkungen.

Dass ich hier dieses offizielle Autorenportrait verwende, liegt in der Beobachtung begründet, dass einige Fundamentalkritiker glauben, ihre "Argumente" durch besonders unvorteilhafte Fotos der Autorin stützen zu müssen. Eigentlich sollte ein Autor, der seine Weltsicht durch eine immergültige Philosophie geschärft glaubt, instinktiv spüren, dass er solche Stilmittel nicht nötig haben sollte. Und die Anderen könnten schlicht aus Anstand ein besonders schönes Foto verwenden, auch wenn sie die Autorin inhaltlich scharf unter Feuer nehmen. (Wollte ich nur mal so loswerden...) 

Zur Kontroverse um die Person Liane Bednarz

Es bleibt mir im Grunde rätselhaft, warum Liane Bednarz ein derartiges Feindbild darstellt, warum man sich unter (gewissen) konservativen Katholiken gern über sie lustig macht (um es mal freundlich zu formulieren). Im Grunde möchte ich es auch gar nicht im Detail wissen, aber sicher spielt eine Rolle, was Harald Stollmeier in seiner Buchbesprechung bei „the cathwalk“ andeutete, dass ihre Abwendung von einem gewissen konservativ-katholischen Milieu mit politischen Ambitionen als Verrat begriffen wurde. Und in dem ihre nachfolgenden Veröffentlichungen als „Namedropping“ und „Geisterjagd“ abgetan wurden, ohne auf die Substanz ihrer Kritik überhaupt einzugehen. Sehr schnell stand als Urteil fest: Bednarz Kriterien seien willkürlich und subjektiv. Man könne im Buch weder Sachlichkeit noch Niveau erkennen. Ergebnis: Buch irrelevant und die kritischen Fragen darin uninteressant.

Liane Bednarz steht/sitzt zwischen den Stühlen, zwischen den Lagern mit ihrer Kritik. Und klare Abgrenzung ist ja das Rezept, mit dem man hier politisch „Nektar“ saugt. Gegen einen klar definierten Gegner läßt es sich leicht kämpfen. Man vereinfacht die komplexe Welt und am Ende ist Bednarz ein „linke Publizistin“ oder war ein „linkes U-Boot“. Und eine komplexe Welt wird auf einmal erklärbar. Hier die Guten, dort die Bösen, hier die Rechten, dort die Linken, hier die Deutschen, dort die Fremden. Besonders putzig wirds, wenn sich die extreme Linke wegen anderer Themen über Liane Bednarz zu Wort meldet.

In der Diskussion um Bednarz vorheriges Buch „gefährliche Bürger“, das sie zusammen mit dem liberalen Politiker Christoph Giesa schrieb, wurde der Autorin vorgehalten, sie könne gar nicht schreiben, ihre Behauptungen seien nicht ausreichend belegt und ihr Beitrag zum gemeinsamen Buch sei im Grunde nur marginal gewesen.
Von diesem Vorwurf bleibt – nachdem ich nun das neue Buch gelesen hatte – nicht viel übrig. Es liest sich flüssig, ist spannend geschrieben und stringent aufgebaut.

Man hat Liane Bednarz „Panikmache“ und „Geisterjagd“ vorgeworden oder die Skandalisierung von Randbemerkungen, mit denen sie Personen, Medien und Organisationen pauschal als problematisch und „rechtsradikal“ abstempele. Auch das kann ich nicht bestätigen. Verständlicherweise wird es niemanden erfreuen, in dem Buch erwähnt zu sein. Aber eigentlich kann sich auch niemand über eine ungerechte Behandlung oder absurde Zuspitzung beschweren. (Wer sich allzu spitzfindig, mehrdeutig oder ironisch ausdrückt darf sich nicht wundern, nur in der allgemeinen Tendenz "verstanden" zu werden.) Liane Bednarz ist nicht ungerecht, sondern durchaus differenziert (ob sich das dem unbedarften oder gar linken Leser immer erschließt, vermag ich nicht zu beurteilen). Ich erinnere mich persönlich auch bei manchen der benannten Akteure an weit schärfere Positionen in spontanen Facebook-Wortmeldungen der letzten Jahre. Oder an obskure Beiträge, bei denen ich manchmal per Kommentar anregte, auf deren Weiterverbreitung doch besser zu verzichten, um das eigene Renommé nicht zu beschädigen.

Bednarz Buch ist keinesfalls eine stumpfe Liste „neurechter“ Christen und problematischer Autoren, sondern liefert zahlreiche Belege für die These, dass konservative Christen teilweise auch politisch nach rechts driften.
Bednarz hält einen Spiegel vor. Er ist durchaus kein Zerrspiegel und wir sollten offen hineinschauen und uns prüfen. Die abschließende Bewertung nimmt sie uns nicht ab, aber sie bietet Maßstäbe an. Die müssen wir nicht übernehmen, aber verstehen und bedenken sollten wir sie schon, denn Christen sind immer zur Umkehr aufgerufen und dürfen sich an Jesu Wort neu orientieren. Nein, das Wort Christi ist niemals rechts. Aber es ist legitim zu prüfen, ob es letztlich um seine Nachfolge geht oder ob jemand Jesu Wort (und Zeichen) für eigene Interessen einspannt.

Mancher Widerstand gegen die Anfragen von Liane Bednarz wird damit begründet, sie wende sich insgesamt gegen das konservative katholische / evangelikale Milieu, sie stemple deren Überzeugungen schlicht und unberechtigt als „rechts“ ab, ja sie verdächtige insgesamt die Kirche rechter Umtriebe. Das wäre übertrieben und das gibt eine unvoreingenommene Lektüre des Buches absolut nicht her. Wenn, dann beklagt die Autorin, dass die Kirchen als Institution nicht aufmerksamer das Treiben ihrer sog. „Angstprediger“ verfolgen und dagegen vorgehen. Aber hierzu werde ich später noch einige Gedanken notieren.

Im rechts-konservativen Mileu gibt es durchaus auch Zustimmung zum Buch, wie auch Desinteresse, weil einen die Thematik persönlich gar nicht betrifft. Die ablehnenden Reaktionen (die teils schon vor Erscheinen des Buches formuliert wurden) kann man grob in vier Variationen einordnen:
  • Das Buch wird in Bausch und Bogen abgelehnt und es wird mit schillernden Argumenten widersprochen (bis hin in die Amazon-Rezensionen), obwohl es offenbar weder gelesen noch das Anliegen verstanden wurde. Einige verleihen ihren Aussagen sogar Relevanz indem sie betonen, sie hätten es in der Buchhandlung in der Hand gehalten und ihnen sei beim Blättern aufgefallen...
  • Es wird konstatiert, dass mit der Autorin etwas nicht stimme, daher seien auch ihre Argumente eigentlich für die Tonne. Eine Alternative zu dieser Linie ist die, dass es der Autorin nur ums Geld ginge, das man mit diesem Thema aktuell gerade „machen könne“. Mit diesem Argument bliebe aber auf dem Büchermarkt nicht mehr viel übrig, vor allem nicht mehr viel, was man dann noch lesen möchte.
  • Andere Rezensenten bzw. Reaktionen sind, dass die Autorin eine ganz normale, berechtigte Haltung kritisiere. Der wahre Christ sei eben rechts und konservativ und rechte Positionen würden unberechtigterweise von links kritisiert bzw. skandalisiert. Überhaupt würde die Autorin die differenzierte Argumentation der rechts-konservativen Christen unzulässigerweise mit verdrehten und verkürzten Zitaten belegen und sich nicht die Mühe machen, die evtl. feineren Schattierungen der geäußerten Überzeugungen auch zu verstehen. Die Autorin unterscheide auch nicht genug zwischen legitimen rechten und rechtsextremistischen Positionen und gäbe der „Linken“ Argumente in die Hand die konservative Weltsicht noch weiter zu diskreditieren. Auch insgesamt sei die Kirche zu weit nach links gerückt und brauche die wahren, konservativen und überzeugten rechten Christen. Und die seien keineswegs Angstprediger, sondern bemühten sich um einen Lebensweg, mit dem sie vor dem Richterstuhl Christi bestehen könnten.
  • Die vierte Gruppe von Reaktionen beklagt, dass Liane Bednarz wohl viel von Dialog spreche, aber dass ihr Buch kein wirkliches Dialogangebot sei, sondern eher als Angriff auf die eigenen Positionen empfunden wird. Die Autorin fordere nur, trage Unruhe in die Kirchen und spiele Christen gegeneinander aus. Einen echten Dialog wolle sie nicht bzw. der sei mit ihr auch nicht möglich.
Was Bednarz in ihrem Buch berichtet, hat mich überhaupt nicht erstaunt. Ich habe – leider – nur wenig Neues erfahren. Das was sie berichtet, ist offenkundig und vielfach belegt und genau das, was mir aus dem Netz täglich entgegen schallt. Von „Geisterjägerin“ kann keine Rede sein. Allenfalls bleibt die Frage, wie man die offenkundige Übernahme rechter Positionen, die Zusammenarbeit und die Solidarität mit Personen, Parteien und Bewegungen und die publizistische Unterstützung für deren Thesen in den christlich-kirchlichen Raum hinein zu bewerten hat. Während katholischer Saure-Gurken-Zeiten (wo gerade nichst über Papst Franziskus, dem Vatikan und der DBK zu berichten ist) werden von konservativen Akteuren und Vereinigungen in den letzen Jahren auffällig zunehmend „Nachrichten“, teils aus zweifelhaften Quellen zu sehr politischen Themen geteilt und verbreitet. Gleichzeitig nimmt man offenbar den Widerspruch nicht wahr, gleichzeitig von – als liberal gestempelten – Bischöfen und Kirchenleuten vehement politische Zurückhaltung einzufordern.

Dabei fällt auf, dass der Stempel „liberal“ oder „konservativ“ gern anhand solcher theologieferner Wortmeldungen der Bischöfe verteilt werden. Wie wenig solche „Stempel“ oft passen, zeigt sich aktuell bei Kardinal Woelki, der sich gerade vom Outlaw zum Lieblingskardinal der Konservativen wandelt, ohne seine Positionen und Überzeugungen überhaupt verändern zu müssen.

Erschwerend kommt hinzu, dass offenkundig sowohl auf Seiten der Autorin als auch auf Seiten ihrer schärfsten Kritiker Verletzungen und Empfindlichkeiten vorhanden sind, die manchmal eine mögliche Verständigung schwierig bis unmöglich machen.

Wohin fährt der Zug? Sind „Angstprediger“ auch „gefährliche Bürger“?

„Die Allianzen zwischen christlichem und rechtem Denken haben sich weit über das Pegida – Milieu hinaus verstärkt und werden auch offener gezeigt als früher.“ So resümiert Liane Bednarz auf S. 188 ihres Buches, nachdem sie entsprechende strategische Planungen von Götz Kubitschek zitiert hatte. Offenbar haben die Strategien einen gewissen Erfolg.

Ob man das aber wirklich so werten muss, da bin ich persönlich unsicher. Mag auch der Kontakt fester geworden sein, mögen auch gemeinsame Themen die Gruppen verbinden, eine über die bisherigen Protagonisten hinaus gehende Breitenwirkung ins allgemeine christliche Milieu ist eigentlich kaum festzustellen. Allenfalls sind konservative Christen politischer geworden oder haben den Kampfplatz gewechselt, weil ihnen die Politik „geschmeidiger“ erschien als die eher starren kirchlichen Strukturen.

Nach meiner Wahrnehmung gibt es die meisten Berührungspunkte aktuell mit der AfD und evtl. noch Pegida. Allerdings stößt die Partei und Bewegung aufgrund ihrer offenen Antikirchlichkeit sicher so viele Christen ab (oder hält sie auf Distanz) wie sie für sich gewinnt. Diese tragen häufig auch massive Enttäuschungen und Frustrationen mit sich und erwarten von der „offiziellen“ Kirche nicht mehr viel. Das fröhliche „Bischofs-Bashing“ gewisser kirchenferner Pegida-Anhänger im Verein mit ultrakonservativen Katholiken befremdet Katholiken, die sich als kirchentreu verstehen (also der normale, breite konservative (Volks-)katholizismus, der immer noch die Hauptströmung des pfarrlich-kirchlichen Lebens bildet). Zur IB und rechten Vordenkern wie Kubitschek und Kositza bleiben selbst katholische Traditionalisten nach meiner Wahrnehmung eher auf Distanz, selbst wenn letztere sich dezidiert christ-katholisch geben. Es wäre sicher einmal interessant zu erfahren, wie rechte Vordenker als Mitglieder in einer konkreten Ortsgemeinde gesehen werden.

Natürlich gibt es AfD und Pegida – Unterstützer auch in christlichen Gemeinden, über den Kreis der konservativen Aktivisten hinaus. Voraussichtlich – wie Andreas Püttmann kürzlich empirisch belegte – sind unter ihnen weit eher „kirchenferne“ Christen als regelmäßige Kirchgänger. Aber dennoch sind sie da.

Diejenigen unter den Konservativen, die ihre (gesellschaftspolitischen) Ziele mit Hilfe der AfD zu erreichen trachten, sollten aufmerksam hinsehen. Ich persönlich habe an dieser Partei zuerst eher die Höckes und Poggenburgs wahrgenommen. Daher war sie für mich nie eine Alternative, weil ich alles durch dieses Brennglas betrachte und auch die Ausfälle mancher anderer Akteure aufmerksam wahrnehme. Auch bin ich sicher etwas empfindlich, durch intensive Beschäftigung mit den Ereignissen und der gesellschaftlichen und politischen Bewegungen der Jahre 1900 - 1945. Aber ich weiß, dass man die Partei auch anders betrachten kann. Es ist sicher unfair, alle AfD-Wähler unmittelbar für rechtsradikal bis rechtsextrem zu halten. Aber Vorsicht ist geboten, erst recht mit Blick auf die strategischen Pläne der neurechten Vordenker. Sobald das Wohl und die Würde des einzelnen Menschen nicht mehr im Focus stehen, sobald Leben gegen Leben und Chancen gegen Chancen aufgerechnet werden, ist zumindest Vorsicht angesagt. Mit Blick auf welche Ideologie auch immer.

Durch einen Flirt oder gar eine Affaire mit der extremen Rechten schadet sich die kirchlich-konservative Szene selbst. Sie muss damit zu leben lernen, dass sie inhaltlich/theologisch zwar eine recht starke Position hat, innerkirchlich ihre argumentative Stärke aber kaum ausspielen kann.

Die katholische Zeitung „Der Fels“ stellt seit vielen Jahren die katholischen Opfer des Nationalsozialismus vor. Wir können mit Recht stolz sein, auf Viele, die Widerstand leisteten und dafür allzu oft mit dem Leben bezahlten. Und wir sollten uns da nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, selbst wenn es einige dunkle Stellen im Katholizismus gibt, wo Widerstand unterlassen oder gar die Nazi-Ideologie gestützt wurde. Doch aus der Erkundung just dieser dunklen Stellen wachsen uns Erfahrungen zu, die auch für die heutige Zeit hilfreiche Beurteilungsmaßstäbe beinhalten. Was war die Motivation für die sogenannte „Rattenlinie“ nach dem Untergang des zwölfjährigen, angeblich tausendjährigen Reischs? Es war „falsches Mitleid“ mit „Verfolgten“, die angeblich Hitler aus reinem Idealismus unterstützt hatten. Sollte uns nicht gerade dies eine Lehre sein? Eigentlich verbietet sich jede Identifikation mit autoritären Politikern und rechten Ideologen, auch wenn sie Christus, Christus sagen, sich mit Christen zusammen präsentieren oder ein Kreuzzeichen schlagen. Solidarität mit denen, die im Kreuzfeuer der Meinungen stehen (möglicherweise für Positionen, denen ich mich inhaltlich hier und da verbunden fühle) muss nicht kritiklos sein, sondern sollte die Augen öffnen für Aspekte, die vom Weg Jesu Christi abweichen. Neben der Parabel vom toten Fisch, der mit dem Strom schwimmt gibt es auch das sprechende Bild vom Autofahrer dem überraschenderweise zahlreiche Geisterfahrer entgegen kommen. Wohl dem, der dann mit gesunder Distanz auf sein Leben und Agieren schauen kann. 

Es ist verständlich, dass konservative Katholiken in ihrem Engagement für eine traditions- und glaubenstreue Kirche manchmal frustriert sind. Ihre liberalen und lauen Gegner haben aufgrund der anhaltenden „Kirchenflucht“ nach wie vor Oberwasser, weil sie mit dem Argument punkten können, die Kirche müsse sich mehr zur Gesellschaft und zur Welt hin öffnen und „alte Zöpfe“ abschneiden.

Was ist ein sinnvolles Ziel für katholische Konservative? Zurück in vermeintlich bessere Zeiten, wie die 50er Jahre kann niemand wirklich wollen, und wenn er es wollte, kann er nicht wieder dorthin kommen, weil sich der Rahmen völlig verändert hat. Das darf aber auch kein Argument dafür sein, alles, was nach Tradition „riecht“ pauschal als untauglich abzulehnen.

Letztlich hilft nur die Kraft des persönlichen Engagements, die eigene, überzeugende Frömmigkeit, Gesprächsbereitschaft und Einsatz für die Kirche und für den Nächsten. Politischer Einfluss und Applaus von glaubensfernen Rechtsradikalen wird konservativen Positionen in der Kirche sicherlich nicht zum Durchbruch verhelfen.

Die argumentative Durchschlagskraft in den Raum der Kirche hinein, läßt sich nicht durch Verlagerung des Engagements in die Politik steigern. Im Gegenteil, bestärkt man doch damit die liberale bzw. laue innerkirchliche Opposition. Und liefert diesen weitere und begründetere Argumente, deren Positionen als „Rechtskatholizismus“ zu marginalisieren. (Da muss völlig klar sein, dass Liane Bednarz, Andreas Püttmann und Andere zwar die Überbringer einer Nachricht sind, aber sie sind nicht die Täter.) Auch ist ja inzwischen deutlich zu erkennen, dass sich Personen vom konservativen Milieu absondern und sich klar von allen Kontakten ins politisch rechtere Milieu distanzieren. Da ist die Autorin des Buches selbst ein prominentes Beispiel, wie auch der katholische Publizist Andreas Püttmann und manche mehr. Es ist eine deutliche Spaltung der christlich-konservativen Szene zu beobachten.

Wir (damit meine ich alle Menschen guten Willens, die persönlich gläubig sich für eine lebendige und glaubensfrohe Kirche bemühen) müssen unsere Meinungen äußern, mit der Liebe und Geduld, die auch Jesus (meist) an den Tag gelegt hat und mit der Bereitschaft, auch weiterhin Tag für Tag unser Kreuz zu tragen und unserem Nächsten – und sei er noch so links- (oder rechts-)katholisch die Last des Kreuzes zu erleichtern, wie einst Simon von Cyrene.

Bei aller Offenheit braucht die Kirche auch eine klare, erfahrbare Struktur mit dem einen Ziel: Gott die Ehre zu geben, ihn anzubeten, ihm Raum in unserem Leben zu bieten und mit Gottes Hilfe die Welt ins Gebet zu nehmen und in seinem Sinne zu beackern.

Liane Bednarz beklagt, dass die kath. und evangelische Kirche sich kaum um die „Angstprediger“ in ihren Reihen kümmern und das Problem nicht energisch angehen. Daraus ergeben sich spannende Fragen, da die konservativ – katholische Szene aktuell im Umbruch steckt. Konnte man früher (zur Zeit der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI.) anhand des Kriteriums der „Papst- und Romtreue“ ein gewisses Koordinatensystem für die kirchliche Szene entwickeln, so kehrt sich dies aktuell etwas um. Weil es einigen Leuten schwer fällt, Papst Franziskus hier als klaren, eindeutigen Pol zu verorten, entsteht hier heute eine gewisse Unordnung. Liberale Bewegungen bekennen sich plötzlich (recht selektiv) zu päpstlichen Aussagen, Konservative erinnern sich sentimental an die Predigten von Papst Benedikt XVI.. Während früher von einzelnen Leuten annähernd alle deutschen Bischöfe als laue „Mietlinge“ geschmäht wurden, sucht man aktuell nach rechtgläubigen Bischöfen, die in der neuen Unübersichtlichkeit in der Kirche durch konservative Glaubenstreue glänzen.

Diese kirchenpolitischen Umbrüche beschäftigen viele kirchliche Akteure so sehr, dass sie den ins politische abdriftenden – auch zuvor schon randständigen Katholiken – zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Da deren Wirksamkeit in den katholischen Gemeinden jedoch seit vielen Jahren denkbar marginal war, erwarte ich auch keine ernstzunehmende „Rechtsdrift“ der katholischen Kirche insgesamt.

Viel spannender dagegen finde ich die Frage, wie wir innerkirchlich „mit Rechten zu reden“ lernen können. Wie kann es gelingen, auf berechtigte Fragen und Sorgen angemessene Antworten zu geben? Wie kann das gehen, dass mehr oder weniger kirchentreue, liberale und konservative Christen miteinander ins Gespräch kommen und Extrempositionen überwinden. Das Bednarzsche Buch bietet eine zuverlässige Problembeschreibung. Nun gilt es, sich den Problemen und Gesprächen zu stellen. Gesprächsblockaden gibt es auf beiden Seiten, wie die heftige Diskussion um den Auftritt eines AfD-Vertreters beim Katholikentag in Münster zeigt. Daran scheiden sich die Geister extrem. Während Liane Bednarz eher für das Gespräch plädiert ist Andreas Püttmann der entschiedendste Gegner eines solchen Gesprächs. Ich habe an anderer Stelle in diesem Blog schon einmal als verbindende Position vorgeschlagen, die notwendigen Gespräche auf jeden Fall und intensiv, aber hinter verschlossenen Türen zu führen. So dass keine Seite damit öffentlich allzu sehr „punkten“ kann. Die Kirche ist nicht dazu da, populistische Positionen zu verbreiten und entsprechenden Personen ein Podium dafür zu bieten. Gegen Populismus und Demagogie hilft die Stimme der Vernunft in einem öffentlichen Dialogforum nur bedingt. Diese Überlegung gilt in gewisser Weise aber für „politische Bühnen und Podien“ insgesamt.

Aber auch jenseits der Mikrofone und Lautsprecher könnte unter kirchlichen Dächern eine neue Dialogkultur wachsen, im Sinne eines Wortes von Freré Roger, dass Christen dazu berufen seien, Ferment der Versöhnung in der Gesellschaft zu sein. Oder, wenn Sie es so möchten: Salz der Erde, Licht der Welt...

Abschließend frage ich mich, auch angesichts der aktuellen originellen Versuche des bayrischen Ministerpräsidenten, eine Art politischer Kreuzestheologie zu entwicken, warum es bis heute nicht gelungen ist, eine Partei zu gründen, die aus christlichem Geist den Schöpfungsauftrag annimmt und die Welt zu einem menschenfreundlichen, freien, pluralistischen, offenen Ort zu machen. Eine Partei, in der nicht nur eine etwas abstrakte christlich-jüdische Kultur im Focus steht und ein etwas trockener Gottesbezug in Grundgesetzen befürwortet wird, sondern eine Partei, deren Akteure aus dem Glauben an Gott und aus Liebe zu den Menschen aktiv werden. Und dabei ein politisches Angebot machen, das z.B. auch von Muslimen (und Anderen) in der Weise angenommen wird, wie sie heute vielfach auch kirchliche Kindergärten und Krankenhäuser schätzen, weil dort der Glaube an Gott noch eine Bedeutung hat. Ein politisches Angebot, dass niemanden zum Glauben drängt, sondern zeigt, dass ein Leben nach den Geboten Gottes auch ein Leben ist, dass dem Menschen an sich und seiner Freiheit gerecht wird. Warum könnte man „rechts“ nicht in diesem Sinne einfach neu erfinden, nicht als Neuauflage eines ewigen, darwinistischen Konkurrenzkampfes um Recourcen und Macht, sondern als Dienst am realen Menschen, meinem Zeitgenossen, meinem Nächsten. Einen Dienst, in dem wir dem Lebensopfer Jesu Christi auch in unserem gesellschaftspolitischen Engagement zumindest anfanghaft nacheifern.