Sonntag, 12. Mai 2019

Deutschland - ein Kirchenstaat: Macht dem ein Ende! Hä?

(c) Giordano-Bruno-Stiftung:
Die säkulare Buskampagne 2019,
Foto vom Bus (1). Foto: Evelin Frerk

Mein Lieblingsatheist hat mal wieder einen rausgehauen: Im STERN erschien dieser Tage ein langer Artikel, in dem Michael Schmidt – Salomon den Lesern die humanistische Welt erklärt. Mein erster, kurzer Kommentar dazu in einem Diskussionsforum mit Atheisten und Gläubigen:  „Nachrichten aus dem Paralleluniversum der Giordano-Bruno-Stiftung“. Eine Provokation, die einen der Gesprächspartner dort so aufgebracht hat, dass er mir Sehnsucht nach einer Theokratie, einen Gottesstaat vorwarf.

Nachdem wir uns im Gespräch nicht darauf einigen konnten, dass Michael Schmidt-Salomon (MSS) unfair und populistisch argumentiert, will ich meinen Eindruck an dieser Stelle einmal ausführlicher darlegen, zumal die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) in diesen Tagen wieder ihre große Anti-Kirchen-Kampagne starten will.

Dabei steht mir, ich muss es ehrlich gestehen, noch ein wenig das sogenannte „Wort zum Karfreitag“ im Wege, bei dem MSS im Stile des „Wort zum Sonntag“ eine süffisante Rede gegen die Ausgestaltung des gesellschaftlichen Rahmens für diesen christlichen Feiertag und das damit einhergehende Verbot lauter und fröhlicher Veranstaltungen forderte. Persönlich habe ich gar nichts dagegen, dass niemand Rücksicht auf christliche, muslimische oder staatliche Feste nehmen muss und finde, dass er seine private Lebensgestaltung deshalb auch nicht einschränken muss. Aber, welchen Sinn machen dann eigentlich noch staatliche Feiertage, die einen gewissen Inhalt religiöser Natur oder historischen Gedenkens transportieren wollen? Ich denke, da braucht es immer mal wieder die Diskussion und den gesellschaftlichen Konsens, der dann aber auch für einige Zeit durchgetragen wird. Wie feiern wir einen Festtag und warum tun wird das? In einem evangelischen Land macht daher ja ein freier Fronleichnamstag auch wenig Sinn. Und wo Festinhalte von einer Gesellschaft nicht mehr begangen oder gefeiert werden, brauch es auch keine freien Tage mehr. Mal ganz zu Schweigen davon, dass gerade der Karfreitag doch die humanistische Grundhaltung des Mitgefühls in außerordentlicher Weise in den Mittelpunkt stellen könnte. Ob sich Mitleiden und Mitfühlen allerdings mit Klamauk und lauten Tanzpartys so leicht verbinden lassen, das möge sich die GBS selbst fragen. Aber ab und an ist es ja auch gut, sich einmal abzulenken, vom ganzen Elend dieser Welt.

Kirchenstaat? Nein Danke", mit diesem plakativen Spruch ist der Bus der säkularen Buskampagne beschriftet. Dazu kann ja auch jeder Christ (mit Ausnahme einiger kleiner Splittergruppen nur aus ganzem Herzen Ja sagen). Ehrlich gesagt fällt mir auch so recht kein Land ein, wo man noch von einem Kirchenstaat reden kann, naja, vielleicht noch der Vatikan. Aber gegen den feudalistischen Kleinstaat des Papstes scheint man ja nicht protestieren zu wollen. Sonst stände der Bus – italienisch beschriftet – am Tiber und nicht in Deutschland. Weniger plakativ als der Spruch lautet denn auch das hiermit verfolgte Ziel der GBS:  „Die konsequente Trennung von Staat und Kirche sowie die strikte Beachtung des Verfassungsgebotes der weltanschaulichen Neutralität des Staates."

Da wird nun spannend, was damit gemeint ist. In dieser allgemeinen Formulierung fände er auch unter Christen sicherlich eine satte Mehrheit an Zustimmung. Aber, hören wir auf MSS:
„Unsere Kampagne richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Kirche. Wir werben für einen weltanschaulich neutralen Staat. Dafür können auch gläubige Menschen eintreten.“

Na, da bekomme ich doch etwas das Gefühl, da will mir einer Sand in die Augen streuen. Dieses Werben für einen „säkularen Staat“ begründet der Philosoph so, dass der Staat ja in den letzten Jahren vielgestaltiger, pluraler, säkularer geworden sei und mehr und mehr herausgefordert wäre, auf dem Spiel feld der Religionen und Weltanschauungen zum „unparteiischen Schiedsrichter“ zu werden. Dass dies aktuell noch nicht gelänge sähe man daran, dass man heute den Christen Rechte gewähre, die den Muslimen z.B. nicht offen stünden.  Was er konkret damit meint, erklärt er leider nicht. Mir will auch im Grunde nichts einfallen, womit man diese Behauptung illustrieren könnte. Mal abgesehen davon, dass sich die vielgestaltigen Organisationsformen des Islam nicht so recht in den organisatorischen Rahmen einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ einfügen lassen wollen.

Auf die kritische Frage des Interviewers, ob die GBS nun die sozialen Einrichtungen wie Caritas und Diakonie in Frage stellen wolle, antwortet dieser: „Wir sprechen uns nicht prinzipiell gegen die Kooperation, wohl aber gegen die Kumpanei von Staat und Kirche aus.“ Um dies zu erläutern bringt MSS das putzige Bild, dass erst die Weimarer Republik vor 100 Jahren Staat und Kirche getrennt habe, aber die Scheidungspapiere habe man bis heute nicht unterzeichnet. Daher gebe es eine Kumpanei bzw. eine staatliche Bevorzugung von Caritas und Diakonie gegenüber anderen Trägern.
„Es gibt in dem Bereich keinen wirklichen Wettbewerb – und die Kirchen verdienen sehr gut daran. Mit reiner Wohltätigkeit hat das wenig zu tun.“

Diese Behauptung wird immer wieder gerne aufgestellt und kaum ein Stammtischabend und kaum ein Facebook-Forum, wo das nicht auf den Tisch gebracht wird. Man wundert sich, dass ein Philosoph auf diesem Niveau argumentiert. Natürlich ist da auch was dran. Caritas und Diakonie tummeln sich hier im weiten Feld sozialen Engagements. Hier finden wir vom Krankenhaus, über den Kindergarten bis hin zum Hospizdienst zahlreiche soziale Angebote unterschiedlichster Träger. Ihnen allen gemeinsam ist, dass ihre Mitarbeiter über schlechte Bezahlung und ihre Träger über eine kaum auskömmliche Finanzierung jammern. 

In den Jugendjahren der Bundesrepublik haben die Väter und wenigen Mütter unseres Staates den Gedanken gehabt, die Gleichschaltung der sozialen Dienste und Initiativen zu beenden. Nie wieder sollte die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (oder andere Organisationen) das Leben der Menschen von der Wiege bis zur Bahre bestimmen. Daher gründete man große Wohlfahrtsverbände mit gewerkschaftlichem, sozialistischen, christlichem, jüdischen Hintergrund. Heute ist diese Landschaft noch viel bunter als damals, weil sich auch noch viele kleinere, freie Träger gründe(te)n, die soziale Aufgaben im Auftrag der Kommune, des Landes oder des Bundes erfüllen möchten. Meist steht dahinter eine kreative Idee oder eine konkrete Notlage, auf die man antworten möchte.

Es ist doch die große Angst aller Kämmerer, dass sich die Kirchen aus diesem Bereich zunehmend zurückziehen, weil auch bei ihnen die Mittel immer knapper werden. Dann fällt so manches wieder voll in die Haushalte der Städte, Kreise und Länder zurück. Ich kenne kaum einen Pfarrer, der allein aufgrund der Bilanzen seiner Kindergärten, Krankenhäuser und Pflegedienste  einen ruhigen Schlaf pflegt. Dass der Betrieb sozialer Einrichtungen kein besonders vergnügungssteuerpflichtiges Unterfangen ist und auch nicht „sehr gut daran verdient“ wird, kann man ja auch schon daran erkennen, dass die GBS jedenfalls ausweislich ihrer Homepage nicht als großer Träger sozialer Dienste unter die Leute geht. Vielleicht klänge dann mancher vollmundige Satz auch weniger knallig.
Natürlich liegt ein großer Teil der sozialen Dienste in den Händen kirchlicher Träger und sicherlich ist dort auch – aus verschiedensten Gründen – nicht alles Gold. Ich sehe aber keine Gewähr, dass irgendetwas besser würde, wenn all diese Dienste wieder unter staatliche Obhut gerieten. Und viele Dienste, die durch freie und kirchliche Träger angeboten werden, machen eine wirklich gute Arbeit, die sie mit Stolz den Prüfungsbehörden und Geldgebern gegenüber verantworten. 

Der wesentliche Unterschied zu einem völlig freien Markt hier ist, dass gerade die Absicht zur Gewinnerzielung ausgeschlossen wird. Dass dies auch anders sein kann, sieht man aktuell ja in der Diskussion um Altenpflegeeinrichtungen in privater Trägerschaft und deren von den Investoren erwarteter Gewinnspannen. Wer zahlt denn hier die Zeche am Ende?

Im Interview wird auch darauf hingewiesen, dass es doch inzwischen zahlreiche weitere freie Träger gibt, die sich in diesem „Markt“ tummeln. MSS bügelt das mit der Bemerkung ab, dass es ja noch Regionen gäbe, wo 80 % aller Kindertageseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft seien.  Angeblich, obwohl sich die Menschen in der Region etwas Anderes wünschen würden. Ich würde MSS wünschen, dass er wahrnimmt, dass sich diese Situation in einem rasanten Wandel befindet. Auch von Seiten der Kirche gibt es Interesse daran, Kindergärten für die Familien zu betreiben, die sich für ihre Kinder kirchliche Kindertageseinrichtungen wünschen. In meiner Heimat ist die Situation inzwischen so, dass wir nur gut ¼ der Kindertageseinrichtungen betreiben, aber 1/3 der Familien möchte bei uns einen Platz. Es ist bedauerlich, so vielen Menschen absagen zu müssen und zieht manche persönliche Enttäuschung nach sich. 

Nun kommt es im Interview zu den beliebten Themen Kirchenaustritt und Arbeitsplatz in kirchlichen Einrichtungen. Da sieht MSS die Religionsfreiheit in Gefahr. Anhänger der GBS finden bei der Caritas keinen Arbeitsplatz, wenn sie nicht wenigstens Mitglied einer Kirche oder anderen Glaubensgemeinschaft sind. Auch dieses Problem erkennen wir als Kirche und fragen uns zunehmend, wie man mit Leuten, die selbst nicht mehr kirchlich glauben und praktizieren das katholische Profil einer Kita, eines Krankenhauses, einer Schule oder einer Beratungsstelle bewahren kann. Ich denke, man würde sich – wenn auch aus unterschiedlicher Sicht – in dieser Diskussion auf Kompromisse einigen können. Wohl aber am Ende zum Leidwesen der weltanschaulich neutralen Strukturen des Staates, der zusätzliche Aufgaben zu schultern hätte, ginge es nach der GBS. Denn, dass ein humanistischer Träger wie ein Giordano-Bruno-Wohlfahrtsverband derartige Dienste übernähme würde sich ja auch mit der gewünschten Neutralität nicht besser vertragen als die Trägerschaft der AWO oder der jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle. 

Gestreift wird übrigens noch die „Kumpanei des Staates“ mit den Kirchen z.B. in der Frage der Misshandlungen in der Heimerziehung, die in Heimen staatlicher wie kirchlicher Trägerschaft bedauerlicherweise gleichermaßen vorkam und analog im Umgang des Staates mit den Täterorganisationen kath. und ev. Kirche mit Blick auf die in deren Einrichtungen vorgekommenen Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder und Schutzbefohlene. Zu diesem traurigen Thema kann ich nur schwer etwas beitragen. Im Evangelium heißt es klar: „Bei euch aber soll es nicht so sein…“ Für praktizierende Christen ist es schwer zu ertragen, dass „unsere Leute“ auch nicht besser handelten als jene, denen Jesu Wort: „Wer einen von diesen Kleinen etwas antut, für den wäre es besser…“ nicht in den Ohren klingt.

Auch die Staatsdotationen werden noch schnell hingeworfen. Damals wären es ja selbst Kirchenfunktionäre gewesen, die diese Regelungen unterzeichnet hätten. Soweit ich mich aus dem Geschichtsunterricht erinnere gab es damals alles Andere als „Kumpanei“ zwischen Staat und Kirche. Im Gegenteil, man nannte das damals „Kirchenkampf“ und der wurde von der Kirche wirklich als Unterdrückung und Krieg erlebt. Allerdings konnte sich damals noch niemand vorstellen, dass Gesellschaft ohne Glauben und entsprechend ohne Kirche funktionieren könnte. Man stand daher vor der Aufgabe, den Kirchenbesitz zu enteignen und dennoch eine Finanzierung der Kirche sicher zu stellen, die deren Funktion weiter gewährleistete. Hier führte man dann unter Protest der Kirchen die direkte Finanzierung bestimmter kirchlicher Dienste (die berühmten Gehälter der höheren Geistlichen und den Unterhalt gewisser kirchlicher Einrichtungen) durch den Staat und die Kirchensteuer als Eigenanteil der Gläubigen zur Kirchenfinanzierung ein. Aus heutiger Sicht war das ein doppelter Segen für die Kirche. Sie entkam der Situation, dass Bischöfe auch Landesfürsten waren und Klöster Grundherren, die von ihren Untertanen Abgaben forderten. Und sie kam zu einer langfristig auskömmlichen, gerechteren Finanzierungsbasis. Sicherlich ist das alles weit von einem Ideal entfernt, aber so billig wie es gern und auch hier diskutiert wird, ist es nicht. Ich fürchte einfach, dass der Geschichtsunterricht zwischen den Siegen und Niederlagen des Kaisers Napoleon und der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre einige Kapitelchen überschlagen hat. 

In dem Interview darf natürlich auch die Abtreibungsgesetzgebung nicht fehlen. Hier wird ebenfalls ein interessantes Geschichtchen präsentiert. Grob zusammengefasst habe der gute Kanzler Schmidt die Fristenlösung eingeführt. Diese sei aber von katholischen Funktionären unter den Bundesrichtern wieder gekippt worden. Schwangerschaftsabbrüche und die Information darüber durch Ärzte sei  daher bis heute gesetzeswidrig. Und das sei nur eine Folge staatlich-kirchlicher Kumpanei. 

Damit diskriminiere man nicht nur Millionen konfessionsfreier Menschen, sondern auch Jüdinnen und Musliminnen. Hm, soweit ich mich erinnere ist Abtreibung auch für gläubige Juden und Muslime keineswegs erlaubt! Und ich halte es durchaus für eine bedrängende humanistische Frage, inwieweit ein Kind im Leib der Mutter Anspruch auf Schutz hat. Ich kann mir ehrlich nicht vorstellen, dass ein Humanist sich die Haltung „Mein Bauch gehört mir!“ einfach so zu Eigen macht, sondern dass er durchaus das Recht der Mutter und das Lebensrecht des Ungeborenen in Beziehung setzt und hier abwägt. Jedenfalls kenne ich einige Philosophen, die hier sehr differenzierte und abwägende Meinungen vertreten. Da muss man natürlich nicht die kirchliche Haltung des Schutzes ungeborenen Lebens vom Moment der Zeugung an vertreten. Und ich sehe in der Kirche auch niemanden, der mit der aktuellen Gesetzeslösung in Deutschland vollständig einverstanden wäre. Ja, es gibt unglaubliche Verhärtungen in der Diskussion über die Frage des Schutzes der ungeborenen Kinder, wie uns die maßlosen Reaktionen auf entsprechende Protestaktionen von Abtreibungsgegnern in ganz Deutschland immer wieder lautstark vor Augen führen. „Hätt‘ Deine Mutter abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben…“ Ich hoffe noch immer, dass Christen und Humanisten in vielen Punkten keine Gegner sondern eigentlich natürliche Verbündete sind.

Ähnlich wird auch die Frage der „Freitodbegleitung“ in das Interview eingebracht. Auch hier ist die Kirche der Bremser an der humanistischen Lokomotive.

 „Unsere Gesetze sind quasi von der Wiege bis zur Bahre religiös bestimmt.“ Der Zynismus dieses Satzes geht einem erst auf, wenn man eine Weile über die Konsequenz des Gesagten in Sachen ärtzliche Freitodbegleitung und Abtreibung nachdenkt.

„Das Beste kommt zum Schluss!“
Auf den Einwand des Fragestellers, dass die Kirchen doch nicht „nur rückwärtsgewandte Organisationen“ seien, die „sich in alle Belange des Lebens einmischen“: „Sie geben immer noch vielen Menschen Halt und Orientierung, sie stehen für Werte ein.“ Kommt dann MSS Unterscheidung humanistischer und christlicher Werte. Der Aspekt, der mich besonders aufregt:

„Ich glaube, viele Menschen verwechseln die humanistischen Werte mit den christlichen Werten. Christliche Werte waren zum Beispiel die körperliche Züchtigung von Kindern oder der Kuppelparagraph. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung – all das, was bei uns im Grundgesetz steht, sind humanistische Werte.“

Das ist eine perfide Aschenputtel-Taktik. Die guten ins humanistische Töpfchen, die Schlechten ins gierige Kröpfchen der Kirche. Selbstverständlich wird MSS genügend Beispiele finden, um die Sünden der Kirche und die Sünden von Kirchenmännern in diesem Kontext zu präsentieren. Es gab das sicherlich auch genug. Aber wenn man sowas diskutiert, muss man entschieden an die Wurzeln zurück gehen. Und das wären bei christlichen Werten die Werte Jesu, die Werte des Evangeliums. Oft genug wurden diese in der Kirchengeschichte verdunkelt, das ist keine Frage. Erst recht da, wo sich die Kirche mit der Macht verbündet hatte oder sich Machtstrategien nur das christliche Mäntelchen umhingen. Ähnliche ließe sich auch mit dem Deckmantel des Humanismus trefflich betreiben. Christliche Werte, das sind Nächstenliebe, das ist auch Feindesliebe, das ist auch Unterstützung und Hilfe für jene, die meine Hilfe gerade nötig haben, das ist Rücksichtnahme auf Kinder, das ist Sorge für Arme, Alte und Kranke, das ist Achtung vor den Eltern und vor alten Menschen, das ist Achtung vor dem Eigentum der Anderen, das ist, sich nicht selbst zum Herrscher und Unfehlbaren zu erheben, sondern über sich einen Gott zu sehen, dem man für sein humanes Handeln verantwortlich ist. Das ist Ehrlichkeit, Gradlinigkeit… und manches mehr.

Ich sehe nirgends die Perikope des Evangeliums, wo Jesus Kuppelei verdammte oder zur Züchtigung von Kindern aufrief. Nein, das was nach MSS christliche Werte „waren“, das waren und sind schon immer Handlungen gewesen, die Gott missfallen (auch wenn Menschen das sicher über Jahrhunderte auch schon mal anders sahen.) Ich halte auch nichts davon die ganze Sache umzudrehen und für alle Gute „Christlichkeit“ zu beanspruchen. Dem hohen Anspruch des Evangeliums sind Christen manches Mal nicht gerecht geworden. Oder sie haben das Wort Jesu verdreht und verbogen.

Sowenig das Wort „christlich“ jeder Handlung heiligt, die damit gestempelt wird, so wenig wird das Wort „humanistisch“ Menschen an ethisch schlechten Handlungen hindern.

Die Geschichte ist voller Beispiele, wo Christen sich für Arme, Alte, Kranke aufgeopfert haben. Ja, es gibt die Idee der „Hexenverfolgungen“, die aus einer unseligen Mischung von Aberglauben und Christentum entstanden ist. Aber es gab auch auf allen Ebenen der Kirche immer Widerstand dagegen, ich erinnere hier nur an Friedrich Spee oder an die päpstlichen Verdammungen des Hexenglaubens. Übrigens bis in die heutige Zeit, wo dieser in manchen Regionen Afrikas weiterhin lebendig ist.

Ich erinnere an die Wurzeln der heutigen medizinischen Versorgung und des Krankenhauswesens, die allesamt im Christentum und in den Hospitälern liegen, die von frommen Bruderschaften erfunden und später von Krankenpflegeorden fortgeführt wurden. In jüngster Zeit: Was wäre die Hospizbewegung ohne engagierte evangelische und katholische Christen? Die Begleitung von Menschen in der letzten Phase ihres Lebens erschöpft sich eben nicht nur im ärztlich begleiteten Freitod.

Ja, ich höre schon die Einwände, lieber MSS; was ist mit liberaler Demokratie, was ist mit Sklaverei, was ist mit Religionsfreiheit, was ist mit Gleichberechtigung der Geschlechter und und und…  Ja, es stimmt! Die Kirche, insbesondere deren Kirchenleitung braucht nicht selten quälend lang für eine gute Einsicht. Aber das beklagen vor allem engagierte und im Kopf bewegliche Christen in aller Welt und sorgen dafür, dass die Dinge in Bewegung kommen. Das geschieht, ich gestehe es ehrlich ein, oft weitaus langsamer als es vermutlich in Vorstand und Kuratorium der GBS möglich ist. Leider kommt die Kirche mit einer so schlanken Struktur nicht aus und beteiligt ihre Mitglieder auf vielen Ebenen und ist vor allem weltweit eng vernetzt. Trotzdem, bei aller gebotenen Gründlichkeit und Multikulturalität würde ich mir auch manchmal schnellere Verbesserungen wünschen.

Ich erinnere an den Widerstand zahlreicher Christen gegen faschistische und kommunistische Systeme, die Würde des Einzelnen und seiner Haltungen und Überzeugungen für wertlos hielten und diese der Volksgemeinschaft oder dem Wohl des sozialistischen Staates unterordneten. Beispiele hierfür finden sich von der Kreuzigung Jesu an bis in die jüngste Zeit, wo christliche Geistliche nach wie vor in den Konzentrations- und Umerziehungslagern Chinas und Nordkoreas verschwinden.

MSS diagnostiziert eine unselige Verbindung zwischen Chauvinismus und Religion z.B. in Polen, Ungarn und in der Türkei. Da ist ihm sicher zuzustimmen. Es gibt offenbar immer die Versuchung, religiöse Überzeugungen mit der Macht der Mächtigen durchzusetzen und einige Christen, die dieser Versuchung erliegen. Das wird von der Mehrheit der engagierten Christen im Übrigen auch öffentlich sehr beklagt.

Diese Situation kann man aber nicht bekämpfen durch eine weitere Schwächung der Kirchen und der Christen, sondern mit dem Gegenteil. Die Mehrheit aller gläubigen Christen weiß, dass mit autoritären Systemen kein Staat zu machen ist und dass die Religion in solchen Systemen immer verliert. Sie erinnern sich noch gut an die Diktatur des Nationalsozialismus und sie wissen, dass gelebtes Christentum nur dann einen Wert hat, wenn es in Freiheit gelebt wird. Christen denken und Handeln anders, weil sie sich an den Werten und am Weg Jesu Christi orientieren. Dieser Lebensweg lebt und strahlt aus – nicht unter Zwang sondern wenn, dann allein aus Einsicht und Entscheidung.  

Sicherlich haben die Kirchen da auch weiterhin noch einen Pilgerweg zu gehen. Anders als MSS glaubt, scheinen sie mir allerdings durchaus mit der modernen Welt Schritt zu halten. Jedenfalls liegen sie nicht immer ganz weit zurück – und manchmal ist es ja auch gut, die „Avantgarde“ im Auge zu halten, aber doch bei denen zu bleiben, die sonst abgehängt würden.

Das kann nur gelingen, wenn wir den einzelnen Menschen stärken…“ Genau, das sehen wir als Kirchen gar nicht anders als MSS und so handeln wir sicherlich in weitgehend allen Bezügen kirchlichen Handelns, was nicht ausschließt, dass es hier und da nach wie vor Widersprüche gibt, auf die hinzuweisen ist.

Auch dass wir Gemeinschaft brauchen „Wir sind alle eine Familie“ mit gemeinsamen Werten und gemeinsamem Erbe, mit dieser Erkenntnis laufen Sie bei uns offene Türen ein. Wir glauben allerdings nicht, dass die Individualität des Menschen durch eine fiktive „Menschheitsfamilie“ absorbiert wird. In der Menschheitsfamilie gibt es auch jeweils kleinere Gruppen, die durch ein gemeinsames (hier christliches) Erbe verbunden sind. Natürlich ist unser Erbe im Guten wie im Schlechten durch rund 1.800 Jahre Christentum in Deutschland geprägt und beeinflusst. Aus dieser Erfolgs- und Leidensgeschichte können wir viel lernen für die Zukunft. Allerdings nicht, indem wir uns von diesem Erbe trennen und einen neuen Humanismus konstruieren, als wäre dies als theoretische Konstrukt gemeinsamer Werte ohne Wurzeln in der Geschichte möglich. 

Das Beste kommt zum Schluß, dass gilt für dieses Interview von MSS gleich doppelt:
Auf die Frage nach einem Land, in dem die Trennung von Staat und Kirche seiner Meinung nach gut läuft? Überlegt er erst und sagt dann:
„Tatsächlich sind wir in Deutschland schon relativ weit. ... Frankreich und die USA, die oft als Musterbeispiel für Laizismus gelten, sind keine leuchtenden Vorbilder. Dort wird die Religion aus der öffentlichen Debatte herausgenommen, aber wir müssen über Religion diskutieren – und mit ihr.“
Da sind wir uns dann am Ende wenigstens einigermaßen einig geworden. Anders als in der „Dialoggruppe“ bei fb.

Man fragt sich, welches Zerr- und Feindbild von Kirche und Christentum dem Denken mancher Aktivisten zu Grunde liegt. Nirgendwo wird das schöner auf den Punkt gebracht als im Kampf gegen einen gefühlten Kirchenstaat Deutschland. Dabei gibt es sicher bedenkenswerte Punkte und vieles wird auch zu Recht kritisiert. Nur ist dieses Interview alles Andere als auf der Höhe der Zeit. Nein, es ist nicht auf philosophischem, sondern auf recht schlichtem Stammtischniveau, wenig differenzierend und ziemlich populistisch. Als Einladung zum Dialog "mit der Religion" empfinde ich das ebenso wenig wie die konkreten Gesprächserfahrungen mit den Anhängern der GBS. Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch, wenn man mal Regeln humanistischer Gesprächskultur entwickelt.

Hier das Interview mit MSS im STERN: 

Schon im Vorfeld der Aktion wurde ich um einen Gastbeitrag zur Kampagne der gbs (nach einer Wortmeldung bei fb) gebeten: https://www.kath.net/news/67630

Montag, 15. April 2019

Ein lauter Aufschrei aus dem Schweigekloster

Beinahe aus heiterem Himmel überraschte der emeritierte Papst Benedikt XVI. die katholische Welt mit einem umfassenden Schreiben zu einigen Aspekten der Krise, in die die katholische Kirche durch die Aufdeckung lange unter der Decke gehaltener Fälle körperlicher, spiritueller und gar sexueller Gewalt, geraten ist.

Überraschend, dass der 91jährige, 265. Bischof von Rom sich aus dem selbst gewählten Leben in Stille und Zurückgezogenheit erneut zu einem derart öffentlichkeitswirksamen Thema zu Wort meldet. Sicher auch ein Zeichen, dass ihn die aktuelle Krise zuinnerst berührt.
(Morgen feiert er übrigens seinen 92. Geburtstag.)

Sein 15seitiger Artikel, den er aus Notizen zusammenstellte, die er sich in den vergangenen Jahren zu diesem Thema gemacht hatte, erschien in deutscher Sprache im bayrischen Klerusblatt, einer Zeitschrift, der er über Jahrzehnte eng verbunden war. Sein Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein beteuerte dieser Tage, dass Benedikt den Text eigenhändig verfasst habe.

Liest man die Kommentare und Analysen in weltlichen wie theologischen Zeitungen und verfolgt die Diskussionen in den sozialen Medien … muss es im Grunde mindestens zwei völlig unterschiedliche Variationen dieses Aufsatzes geben. Auf der einen Seite beinahe frenetischer Jubel, auf der anderen Seite ein vollständiger Verriß, der jede Achtung vor der Lebensleistung des Joseph Ratzinger vermissen läßt. Gemäßigte Stimmen sind selten, im Grunde gibt es nur „Pro und Contra“. Inzwischen melden sich auch Fachtheologen reihenweise zu Wort, die zwar unwesentlich gemäßigter reagieren, aber je nach kirchenpolitischer Ausrichtung ablehnend bis freudig. Die deutschen Bischöfe verhalten sich derzeit noch auffällig zurückhaltend.

Wie wenig manche vollmundige Kommentatoren dabei über Benedikt XVI. wissen, das offenbarte ausgerechnet der CICERO in einem Tweet: „Als er noch Papst war, hat er geschwiegen über den massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern. Jetzt meldet sich Papst Benedikt plötzlich zu Wort. Sein Beitrag dürfte jedoch nicht dazu beitragen, die Aufarbeitung zu befördern.“

Und ein im Grunde stets besonnener Priester schreibt auf facebook: „Die Kritiker Benedikts XVI. schäumen nun vor Wut. Sie können das Licht der Wahrheit nicht vertragen, da sie sich auf die Finsternis eingelassen haben. Jetzt schmerzen ihre Augen.“

Das ist eine Atmosphäre, in die hinein Kardinal Müller, einst enger Mitarbeiter des emeritierten Papstes, inzwischen aber außer Dienst gestellte Präfekt der Glaubenskongregation, mit spürbarer Freude etwas Öl ins lodernde Feuer gießt, so gerade eben in einem Interview mit der DPA:

Ex-Papst Benedikt XVI. habe mit seinem Schreiben als Einziger etwas Sinnvolles zur Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche beigetragen. „Benedikt hat in seinem Schreiben die Eiterbeule aufgestochen“. „Mit seinen 92 Jahren hat Benedikt XVI. einen Text verfasst, der intelligenter ist als alle Beiträge auf dem römischen „Missbrauchsgipfel“ und der neunmalklugen Moral-Experten bei der Deutschen Bischofskonferenz zusammen. Man sucht überall nach Schuldigen, umschleicht aber wie die Katze den heißen Brei“, sagte Müller. „Und das ist das falsche materialistische Menschenbild mit der Reduktion der Sexualität auf eine Ware und egoistische Genussmittel.“

Wie mag das den Menschen in den Ohren klingen, die in den letzten Monaten durchaus sehr sinnvolle Beiträge zur Missbrauchsdebatte geleistet haben?

Wenn es eine dem Postillion ebenbürtige katholische Satireseite gäbe, wäre man versucht zu denken, es habe sich einer einen gelungenen Scherz erlaubt. Aber das ist offenbar der Duktus eines katholischen Kardinals auf dem Höhepunkt der größten Krise, die die katholische Kirche seit vielen Jahren durchlebt. Christen streiten auf dem Niveau gewisser politischer Parteien um die richtigen Schritte zu einen neuen Aufbruch in der Kirche.

Wobei zur Ehrenrettung der Politik wäre noch zu sagen: Dort ist der Konflikt im besten Falle etwas inszeniert, um die Wähler zu motivieren und Themen zu profilieren. Hinter den Kulissen wird meist manierlich diskutiert und um Lösungen gerungen. Und nach der Sitzung trinkt man auch mal ein Bier. In der Kirche geht es aktuell offenbar eher um Leben und Tod, Himmel und Hölle, unumstössliche Wahrheit und Abfall vom Glauben. Kardinal Müller über die Gegenseite: „Das sind Leute, die weder glauben noch denken!“

Kein Wunder, dass viele Menschen dieser Art von Kirche kopfschüttelnd und enttäuscht den Rücken kehren. Ja, es gibt höchst unterschiedliche Auffassungen, wie angemessene Reaktionen auf die Krise aussehen könnten und wie die Krise zu überwinden ist. Aber ich bin schon der Meinung, dass wir als Christen auf andere Weise für unsere Überzeugungen streiten sollten. So, dass wir uns dabei noch in die Augen schauen können. Und so, dass wir einander in der Hl. Messe noch mit ehrlicher Überzeugung den Frieden wünschen können.

Grundsätzlich gehe ich erst einmal davon aus, dass eine Jacqueline Straub, die für das Priestertum der Frau streitet, ein Joachim Frank, der als Journalist für eine liberalere Kirche eintritt, ein Kardinal Sarah, der zutiefst erfüllt ist von altüberlieferten liturgischen Gesten und Haltungen, dass ein Papst Franziskus, ein Bischof Oster und ein Bischof Wilmer alle nach dem rechten Weg im Glauben suchen, den Weg, auf den Jesus Christus uns sehen möchte. Es ist hohe Zeit die Spaltungen zu überwinden und die Spalter zur Mäßigung zu rufen. Unser Streit sollte ein Niveau haben, wie es die Apostelgeschichte vom Streit zwischen den Aposteln Petrus und Paulus berichtet. Wir sollten unserem kirchenpolitischen Gegenüber nicht böse Absichten unterstellen und alle gemeinsam um den richtigen Weg ringen. Das gelingt nur, wenn wir uns an Evangelium und Tradition ausrichten, wenn wir bereit sind zu lernen und zu verstehen und dem Anderen mit Vertrauen und Freundlichkeit gegenüber treten. Vor allen großen Kirchenreformen hätten wir da aktuell erst einmal genug zu tun. Es kracht gewaltig im Gebälk der katholischen Kirche. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Kürze in den Ruinen unserer Kirche im Regen stehen.

Ich glaube, wir müssen als Menschen guten Willens und unterschiedlicher Überzeugung mehr miteinander nach neuen Wegen Ausschau halten, vor allem nach gemeinsamen (Pilger-)wegen. Die Spalter und Durcheinanderbringer – die es durchaus auch gibt – sind mit etwas gutem Willen leicht zu identifizieren. Wie Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben sagt, so duldet Gott in seiner Kirche das Unkraut und den Weizen. Wir sollten nicht allzu vorschnell beginnen die falschen Pflanzen auszureißen.

Ich muss gestehen, dass das Schreiben von Papst Benedikt auch mich zunächst verstört hat. Daher habe ich mir die Zeit genommen es in Ruhe zu lesen. Die Anmerkungen, die mir bei der Lektüre in den Sinn gekommen sind möchte ich an dieser Stelle weiter geben. Kritisch, aber auch mit dem gebotenen Respekt vor der Lebensleistung eines großartigen Theologen und Kirchenmannes, den ich stets geschätzt, respektiert, zeitweise verehrt habe. Aber es macht ja auch keinen Sinn, dort nicht zu widersprechen, wo sich Fragen stellen oder die eigenen Überzeugungen zum Widerspruch rufen.

Auf den einleitenden Satz Benedikts z.B. sollten sich doch alle, die die Kirche im Herzen tragen, einigen können: „Der Umfang und das Gewicht der Nachrichten über derlei Vorgänge haben Priester und Laien zutiefst erschüttert und für nicht wenige den Glauben der Kirche als solchen in Frage gestellt. Hier mußte ein starkes Zeichen gesetzt und ein neuer Aufbruch gesucht werden, um Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen.“

Diesem Neubeginn möchte der em. Papst mit seinen Gedanken unterstützen.

Zunächst stellt er den Wandel der Sexualmoral rund um die sog. 68er – Bewegung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: „Man kann sagen, daß in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.“

Ich kann gut nachvollziehen, dass ihn dieser Wandel sehr bewegt hat. Er erlebte diesen auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn aus allernächster Nähe mit und offenbar hat dieser Wandel ihn sehr irritiert und beschäftigt. Mit Blick auf die Situation der Kirche zieht er das Fazit: „Der weitgehende Zusammenbruch des Priesternachwuchses in jenen Jahren und die übergroße Zahl von Laisierungen waren eine Konsequenz all dieser Vorgänge.“

Dass es nach dem 2. Vatikanum zu diesen Phänomenen kam, ist ja in der Tat ein verwirrendes Faktum, das bis dato noch wenig aufgearbeitet wurde.

Es ist sicher berechtigt, diesen 1. Absatz des Schreibens daraufhin zu befragten, ob hier nicht nur die negativen Seiten der sexuellen Revolution in den Focus gestellt wurden. Die ist ja nicht von finsteren Mächten angestiftet worden, sondern war die Folge eines breiten gesellschaftlichen Wandels.

Dass die Kirche und damit der emeritierte Papst und langjährige Präfekt der Glaubenskongregation in der sexuellen Revolution plötzlich keinen Widerspruch zur kirchlichen Lehre mehr erkennen würde, kann im Grunde auch niemand erwartet haben. Von daher ist die Betroffenheit vieler Kommentatoren da etwas scheinheilig.

Problematisch empfinde ich im Text des ehemaligen Pontifex die sehr allgemein gehaltene Bemerkung zum Ende des 1. Absatzes: „Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.“

Man darf sicher mit Fug und Recht auch auf die negativen Folgen und auch die Irrwege der sexuellen Revolution hinweisen. Da gab es auch mit Blick auf die Sexualität von Kindern und Jugendlichen ausgesprochen obscure Sichtweisen. Aber insgesamt gesehen wurde Pädophililie mitnichten als erlaubt und angemessen betrachtet. Erst recht nicht, wenn man die normalen Menschen betrachtet, die nicht im Auge des Sturms der sexuellen Revolution irgendwelche neuen Theorien entwickelten. Bis zum heutigen Tag haben die Menschen jedoch ein feines Gespür dafür, dass Kinder (erst recht die eigenen Kinder) vor Grenzverletzungen und sexueller Gewalt bewahrt werden müssen. Und die zunehmend klareren gesetzlichen Regelungen zur Verhinderung von Mißbrauch und Therapie und Bestrafung der (möglichen) Täter sind sicher auch eine Frucht intensiver Reflexion.

Im Kontext der sexuellen Revolution in der Gesellschaft im Gefolge der 68er – Bewegung schildert Benedikt XVI. nun ausführlich einige problematische Entwicklungen in der Moraltheologie der Kirche. Da geht es um die Bedeutung des Naturrechts und der Rolle der Bibel, um die (Un-)möglichkeit eine Morallehre nur auf der Bibel aufzubauen, um Konflikte zwischen den universitären Moraltheologen und dem kirchlichen Lehramt. Am Beispiel des Moraltheologen Franz Böckle schildert der emeritierte Papst den Kernkonflikt, nämlich die These, ob es in der Sicht der Moraltheologie Handlungen geben könne, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien. Hier haben ihm viele Kommentatoren zum Vorwurf gemacht, dass Franz Böckle (der gegen eine solche Entscheidung Widerstand angekündigt hatte), zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der entsprechenden päpstlichen Enzyklika bereits verstorben war.

Hier mag es sich um eine sehr abstrakte moraltheologische Diskussion handeln, aber mit Blick auf Pädophilie finde ich, handelt es sich hier ja doch um Taten, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen sind.

Kardinal Müller fasst diese Gedanken seines Landsmannes mit den Worten zusammen: „Das grundsätzliche Problem bestehe in einem Zusammenbruch der bürgerlichen Moral und dem aus seiner Sicht missglückten Versuch "einer katholischen Moralbegründung ohne das Naturrecht und die Offenbarung".

Interessant – und bedenklich finde ich die bisher noch wenig beachteten, abschließenden Bemerkungen, mit denen Benedikt sich Gedanken zur Zukunft des Christentums macht: „In der alten Kirche wurde das Katechumenat gegenüber einer immer mehr demoralisierten Kultur als Lebensraum geschaffen, in dem das Besondere und Neue der christlichen Weise zu leben eingeübt wurde und zugleich geschützt war gegenüber der allgemeinen Lebensweise.“ Hiervon ausgehend fordert er „katechumenale Gemeinschaften“, in denen sich christliches Leben behaupten könne. Also letztlich, ein Rückzug aus der Welt in Reservate des Christlichen. Benedikt greift damit einen in jüngster Zeit wieder populären Gedanken auf, der in manchen christlichen Kreisen diskutiert wird.

Den 2. Teil seiner Gedanken beginnt Benedikt XVI. mit der Information, dass sich im Zuge der 68er – Bewegung in den Seminaren regelrechte Clubs schwuler Seminaristen bildeten. Für ihn ein Symptom des Zusammenbruchs der überlieferten Priesterausbildung. Es ist übrigens die einzige Stelle, wo er das Thema Homosexualität erwähnt, wenn auch nur im Sinne einer Illustration seiner Gedanken.

Besonders verstörend ist es für mich als Pastoralreferenten, dass in diesem Zusammenhang in demselben Absatz neben dem Skandal der homosexuellen Clubs folgendes erwähnt wird: „In einem Seminar in Süddeutschland lebten Priesteramtskandidaten und Kandidaten für das Laienamt des Pastoralreferenten zusammen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten waren Seminaristen, verheiratete Pastoralreferenten zum Teil mit Frau und Kind und vereinzelt Pastoralreferenten mit ihren Freundinnen zusammen. Das Klima im Seminar konnte die Vorbereitung auf den Priesterberuf nicht unterstützen.“

Dieser Abschnitt liest sich mehr als sonderbar. Wie soll Priesterausbildung durch den Kontakt mit verheirateten Männern bzw. bald verheirateten Männern in Gefahr sein? Welches Seminar meint er eigentlich? In Süddeutschland? Und geht es nur um das gemeinsame Studium von Priesteramtskandidaten mit anderen Theolog*innen, die dann auch im Seminar Wohnung nahmen? Junge Priester und Diakone haben doch schon unmittelbar nach der Weihe ganz vielfältige Kontakte mit jungen Männern, Frauen, Eheleuten. Warum sollte es schädlich sein, wenn sie Kommilitonen erleben, die nicht im Zölibat leben.

Sicher prägt es die Atmosphäre in einer Priesterausbildung, wenn auch andere Personen im Haus anwesend sind. Das bringt aber höchstens eine gewisse sehr besondere Atmosphäre in Gefahr, bei der es fraglich ist, ob sie in der heutigen Zeit überhaupt noch förderlich ist – mit Blick auf den Einsatz der Priester in den Gemeinden, mitten unter den Menschen.

Über die unterschiedlichen Facetten der stürmischen Reformen, die einige Bischöfe in ihren Seminaren für sinnvoll hielten, kann ich mir kein Urteil erlauben. Insgesamt konstatiert ja auch Benedikt XVI., dass sich die Situation nach einigen unruhigen Jahren wieder verbessert habe.

Die Frage der Pädophilie ist, soweit ich mich erinnere, erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre brennend geworden.“ stellt er fest. Als sich die Aufmerksamkeit des Hl. Stuhls auf die Problematik richtete, fand man zunächst offenbar nicht sofort die richtigen Instrumente, mit den Tätern umzugehen. Insbesondere ein sog. „Garantismus“, der vor allem die Rechte des Angeklagten in den Mittelpunkt stellte, erschwerte offenbar adäquates und konsequentes Handeln.

Benedikt verweist auf einen spannendes Wort Jesu, welches sagt: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde“ (Mk 9, 42). Dieses Wort spricht in seinem ursprünglichen Sinn nicht von sexueller Verführung von Kindern. Das Wort „die Kleinen“ bezeichnet in der Sprache Jesu die einfachen Glaubenden, die durch den intellektuellen Hochmut der sich gescheit Dünkenden in ihrem Glauben zu Fall gebracht werden können. Jesus schützt also hier das Gut des Glaubens mit einer nachdrücklichen Strafdrohung an diejenigen, die daran Schaden tun. Die moderne Verwendung des Satzes ist in sich nicht falsch, aber sie darf nicht den Ursinn verdecken lassen.“

Es fällt hier ins Auge, dass Benedikt den Satz nicht mit Blick auf die Opfer der Angeklagten liest, sondern mit Blick auf deren Gläubigkeit, die durch die Handlungen des Täters gefährdet sei. Das liegt sicher auf der Linie der Verkündigung Jesu und der Perspektive dass es auch um das ewige Heil des Menschen geht. Für Benedikt verschärft dieser Aspekt die Greultaten der priesterlichen Täter noch weit über die unmittelbaren Folgen sexueller Gewalt hinaus. Aber weitere Worte zu den innerweltlichen Folgen wären hier doch sehr notwendig gewesen.

An dieser Stelle gähnt in Benedikts Schreiben leider eine gewaltige Lücke. Hier wäre der Raum gewesen, über die Folgen der Taten für die Opfer zu sprechen. Über die notwendige Solidarität mit den Opfern, über Wiedergutmachung und Hilfe durch die Institution, die den Tätern die Möglichkeit zu ihren Verbrechen geboten hatte. Auch über Strafen, für diejenigen, die die Täter haben davon kommen lassen, hätte er etwas sagen können.

Auf dieser Linie liegt auch das sehr persönliche Beispiel, dass er später im Text anführt: „Eine junge Frau, die als Ministrantin Altardienst leistete, hat mir erzählt, daß der Kaplan, ihr Vorgesetzter als Ministrantin, den sexuellen Mißbrauch, den er mit ihr trieb, immer mit den Worten einleitete: „Das ist mein Leib, der für dich hingegeben wird.“ Daß diese Frau die Wandlungsworte nicht mehr anhören kann, ohne die ganze Qual des Mißbrauchs erschreckend in sich selbst zu spüren, ist offenkundig. Ja, wir müssen den Herrn dringend um Vergebung anflehen und vor allen Dingen ihn beschwören und bitten, daß er uns alle neu die Größe seines Leidens, seines Opfers zu verstehen lehre. Und wir müssen alles tun, um das Geschenk der heiligen Eucharistie vor Mißbrauch zu schützen.“

Mit den Worten: „Was müssen wir tun? Müssen wir etwa eine andere Kirche schaffen, damit die Dinge richtig werden können? Nun, dieses Experiment ist bereits gemacht worden und bereits gescheitert. Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen.“ beginnt der emeritierte Papst den dritten Abschnitt seiner Überlegungen und läßt eine sehr tiefgründige Katechese über Gott und Welt, Offenbarung und den Sinn des Lebens folgen. Hier würde ich mir von evangelischen Geschwistern wünschen, dass sie den Satz nicht als Spitze gegen die reformierten Kirchen lesen, sondern als schlichte Beschreibung des allgemeinen Zustands: In Sachen Glauben steht die eine Kirche nicht besser da als die andere.

Dann diagnostiziert Benedikt XVI. die Krise der westlichen Gesellschaften, die vor allem darin begründet liege, dass in ihr Gott tot sei und dieses sei dann „das Ende ihrer Freiheit, weil der Sinn stirbt, der Orientierung gibt. Und weil das Maß verschwindet, das uns die Richtung weist, indem es uns gut und böse zu unterscheiden lehrt.“

Seine Gedanken gehen dann über in die These, dass angesichts der schwindenden Maßstäbe die Pädophilie sich immer weiter ausgebreitet habe. „Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes. Auch wir Christen und Priester reden lieber nicht von Gott, weil diese Rede nicht praktisch zu sein scheint.“ Immerhin nimmt er sich selbt nicht einmal von diesem Vorwurf aus.

Diesen Gedanken des schrittweisen Verdrängens der Gottesfrage bezieht Benedikt XVI. auch auf das Altarsakrament. Wo der Glaube an die Existenz Gottes schwindet bzw. an Kontur verliert, da wird auch die Eucharistie bedeutungsloser bis hin zum reinen Gemeinschaftsmahl.

Es wird klar, worum es ihm in diesem Abschnitt geht. Er erwartet für die Kirche Zukunft nicht aus eher oberflächlichen Reformen der Kirchenstrukturen, nicht aus einem Ende des Klerikalismus, nicht aus einer erneuerten Sexualmoral, nicht in einer weitgehenden Gleichberechtigung männlicher wie weiblicher Glaubender. Die Zukunft der Kirche liegt allein in einem Wachsen im Glauben, in einer wieder stärkeren Verankerung in Gott und im Leben nach seinen Weisungen.

In der Tat ist diese Mahnung sicher nicht unberechtigt. Das Thema wird aktuell in der Kirche ja breit diskutiert, wenn auch mit offenbar wenig Hoffnung auf einvernehmliche Lösungen. Vieles, was landauf, landab gefordert wird sind Reformen, die (noch) nicht zu Ende durchdacht und wirklich aus dem Glauben heraus getragen werden. „Die Krise, die durch die vielen Fälle von Mißbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Mißratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neu gestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein.“

Mit Reformismus allein wird sich die Kirche in der Krise nicht wieder erheben. Wenn, dann braucht es zunächst den Schritt einer Neuentdeckung und Vertiefung des Glaubens. Und aus dieser Bewegung hinaus können dann auch Reformen durchgeführt werden. „Hier mußte ein starkes Zeichen gesetzt und ein neuer Aufbruch gesucht werden, um Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen.“ Mit diesen Worten war der ganze Aufsatz überschrieben.

Benedikt XVI. läßt nun noch einige Gedanken zu Hiob und zu einem Abschnitt aus der Offenbarung folgen, die sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, wie es sein kann, dass in der Kirche so viel Böses neben Gutem existiert. „Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist. Es gibt auch heute viele demütig glaubende, leidende und liebende Menschen, in denen der wirkliche Gott, der liebende Gott sich uns zeigt.“

Wenn wir uns wachen Herzens umsehen und umhören, können wir überall heute, gerade unter den einfachen Menschen, aber doch auch in den hohen Rängen der Kirche die Zeugen finden, die mit ihrem Leben und Leiden für Gott einstehen.“

Nein, das ist nicht blanker Unsinn, was der deutsche Papst hier schreibt. Es sind sehr schöne, spirituelle Gedanken, wenngleich auch mancher Teilaspekt seiner Darlegungen zu irritieren vermag.

Verstörend und irritierend ist seine sehr eindimensionale Sicht auf das Phänomen der Pädophilie, aber sicherlich auch auf die menschliche Sexualität insgesamt. Auf die in der kirchlichen Öffentlichkeit diskutierten Aspekte des Skandals geht er gar nicht weiter ein. Kein Wort über die Folgen einer restriktiven Sexualmoral, kein Wort zum angemessenen Umgang mit der menschlichen Sexualität, kein Wort über den Zölibat, kein Wort zur Situation homosexuell empfindender Priester in einer als homophob empfundenen Kirche, kaum ein Wort zum Leiden der Opfer...

Mir scheint, Benedikt XVI. ist in seinem Text sehr gefangen vom Wandel der Sexualmoral in den vergangenen Jahrzehnten. Das spiegelt allerdings auch die Erfahrungen, die er in seiner Zeit in Rom als Präfekt der Glaubenskongregation und später als Papst gemacht hat. Und es spiegelt sicher auch die unmittelbaren Erfahrungen als Dogmatiker und Erzbischof von München. Ich kann nicht glauben, dass Benedikt nicht zu einem weiteren Blick auf die Sünden der Kirche und ihrer Vertreter fähig sein sollte (auch wenn ihm dies vermutlich mit Blick auf die aktuelle Mißbrauchskrise nicht sofort in den Sinn kam).

Ich denke sofort an das Spottlied vom Karmeliter, das ich vor Jahren in einer Aufnahme von Volksliedern hörte. Leider ist nicht herauszufinden, wie alt es ist, aber das Phänomen heimlich ausgelebter, gewaltvoller Sexualität unter Ausnutzung von Machtgefälle, Mißbrauch anderer Menschen, sexuelle Gewalt dürfte (leider, leider) beinahe so alt sein wie die Kirche selbst. Pädophilie (und andere Formen verirrter sexueller Ausrichtung) hat es seit Jahrtausenden gegeben, kaum etwas spricht dafür, dass dies in geringerem Ausmaß in der Kirche als in der Welt der Fall war. Vielmehr zeigen sich durchaus kirchenspezifische Ausformungen dieser Taten, wie auch aktuell in der Tatsache, dass unverhältnismäßig viele jungen und junge Männer Opfer der kirchlichen Gewalttäter wurden.

Legion sind die Spottlieder, Geschichten und Gedichte über die Priester, die keineswegs keusch lebten und sich an Frauen und Jugendlichen in ihren Gemeinden oder im Umfeld der Klöster vergingen. Erinnert sei auch an die Schilderungen der Zustände im Kloster der römischen Nonnen von Sant Ambrogio, in die auch ein führender Theologe des 1. Vaticanums verwickelt war, Joseph Kleutgen. Schaut man auf die Zahlen der dokumentierten Mißbrauchsfälle, so zeigt sich, dass auch in den eher prüden 40er-60er Jahren zahlreiche Fälle dokumentiert sind. Die kurze Phase während derer Teile der 68er – Bewegung für eine Entkriminalisierung der Pädophilie eintrat, hatte da noch keinerlei Auswirkungen. Im Gegenteil, die Pädophilen sprangen hier später auf einen Zug auf, der ihnen Vorteile versprach. Ein ganz schwieriges Feld sind ja auch die Sittlichkeitsprozesse unter der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die zwar genutzt wurden, um die Kirche zu unterdrücken, die aber nicht ohne reale Straf-Taten waren.

Es gäbe vielfältige Indizien und Hinweise für Benedikt XVI. seinen Text noch einmal zur Hand zu nehmen und zu erweitern.

Manche grundsätzliche Überlegung bleibt ja dennoch aktuell.

Benedikt hat recht, die Befreiung der Sexualität von der Moral führt nicht zu einer befreiten Sexualität, sondern führt auch in problematische Haltungen, durchaus auch in Missbrauch, Gewalt und Überforderung. Daher braucht eine befreite Sexualität auch eine moralische Grundlegung um menschlich gelebt zu werden.

Und eine Kirchenreform macht nur Sinn, wenn sie getragen ist von einem neuen Aufbruch im Glauben.

Insgesamt finde ich, dass der Text, an dem uns Benedikt XVI. zu kauen gibt, nicht so schlimm wie es aus den Federn derer klingt, die vor einem neuen Himmel und einer neuen Erde erst mal eine neue Kirche erhoffen - aber doch lang nicht so grandios wie manche Kommentatoren jubeln, weil sie davon Rückenwind für ihre Form der Restauration der Kirche erwarten.

Ich finde es traurig, dass er – am Rande – die folgende Bemerkung nieder schreibt. „Vielleicht ist es erwähnenswert, daß in nicht wenigen Seminaren Studenten, die beim Lesen meiner Bücher ertappt wurden, als nicht geeignet zum Priestertum angesehen wurden. Meine Bücher wurden wie schlechte Literatur verborgen und nur gleichsam unter der Bank gelesen.“

Ja, ich weiß, dass für manchen Theologieprofessor der Name Joseph Ratzinger ein rotes Tuch war. Ich kann mir auch manchen Grund dafür ausmalen. Die theologischen Auseinandersetzungen mit dem Glaubenspräfekten unter Johannes Paul II. haben nicht nur in dessen eigener Biografie manche wunde Stelle hinterlassen, die bis heute nicht recht heilen will. Aber auf der anderen Seite haben auch zahllose Priesteramtskandidaten, viele Geistliche und Laien seine Texte mit großem Gewinn gelesen. Sie waren und sind – sprachlich und inhaltlich – auch dann bereichernd, wenn man dem Autoren nicht in jeder Hinsicht folgen wollte. Seine theologischen Werke werden noch immer gelesen und aktuell in einer Gesamtausgabe herausgegeben, Hochschulen tragen seinen Namen, seine Bücher sind theologische Bestseller. Sein Beitrag für die Theologie wird nicht vergehen.

Bededikt XVI. ist nicht mehr unser amtierender Papst. Und er ist erst recht kein Gegenpapst, auch wenn er der Papst mancher Herzen ist.

Papst Franziskus sagte einmal über seinen Vorgänger, der nun im Kloster Mater Ecclesiae in den vatikanischen Gärten lebt: „Er ist für mich wie der weise Großvater im eigenen Haus, wie ein Papa. Ich habe ihn lieb.“

So möchte ich es auch halten!

Von ganzem Herzen gratuliere ich Papst Benedikt XVI. zu seinem Geburtstag. 
Gottes reichen Segen! Ad multos annos!

Sonntag, 24. Februar 2019

Ein neuer Himmel, eine neue Erde... aber erst mal eine neue Kirche?!

(c) Bistum Eichstätt, Pressestelle, Andreas Schneid
Am Samstag spendete der Bischof von Eichstätt, der Benediktinermönch Gregor Maria Hanke OSB seiner benediktinischen Schwester Hildegard Dubnick OSB in der Kirche der Eichstätter Benediktinerinnenabtei St. Walburg die Äbtissinnenweihe. 

Huch, beinahe hätte ich geschrieben, das „Sakrament“ der Äbtissinnenweihe aber natürlich ist mir klar, dass diese „Weihe“ in Wahrheit eine Benediktion, eine Segnung ist. Wann hat man schon mal die Gelegenheit eine solche Feier zu verfolgen? Die Vorgängerin von Mutter Hildegard, Mutter Franziska Salesia Kloos füllte dieses Amt schließlich 34 Jahre lang aus. Ob dem Eichstätter Bischof ein solches geistliches Erlebnis in seiner Amtszeit noch ein weiteres Mal gewährt wird?

So habe ich mit großem Interesse der im Internet übertragenen Feier beigewohnt. Schwester Hildegard (übrigens aus Amerika), die Anfang 2019 vom Konvent gewählt wurde, trug bereits ihr Äbtissinnenkreuz. Zur Weihe legte sie sich flach vor den Altar, während die Allerheiligenlitanei gesungen wurde, in der offenbar bewusst die Namen des Hl. Romuald, des Hl. Bruno und vieler weiterer Ordensgründer*innen eingefügt wurden. Als Zeichen der Hirtensorge für den ihr anvertrauten Konvent bekam sie einen reich verzierten, historischen Äbtissinnenstab überreicht. Dazu eine Ausgabe der Regel des Hl. Benedikt, nach der sich die Schwestern in ihrem Leben ausrichten. Als Zeichen ihrer Treue im Glauben und zum Konvent bekam sie einen Ring angesteckt. Die Aufzeichnung des festlichen Gottesdienstes können Sie übrigens bei youtube finden. 

Mir ging während der feierlichen Weihehandlung durch den Kopf, ob wohl irgendein unbefangener Zuschauer ohne tiefe theologische Kenntnisse nach dieser Feier den Unterschied zwischen Weihe und Benediktion irgendwem erklären könnte? Vielleicht sollte man als Auswahlkriterium für das Bischofsamts zur Bedingung machen, dass es dem Kandidaten gelänge, dies seinem Friseur während des Haareschneidens begreiflich zu machen und seiner Taxifahrerin auf dem Weg vom Bahnhof zum Dom zu vermitteln, warum dieser Unterschied wichtig sein sollte.
Es wird ein schöner Zufall sein, dass ich in diesen Tagen ein Büchlein über die Geschichte der Abtei St. Walburg gelesen habe. Und darin auch wahrnehmen konnte, welche Bedeutung und Macht die jeweilige Äbtissin in der Vergangenheit hatte, bis dahin, das selbstverständlich auch die Pfarrer unter ihr arbeiteten und von ihr eingesetzt wurden. Eine Tatsache, die heute längst der Vergangenheit angehört. Die Geschichte der Benediktinerinnenabtei St. Walburg spiegelt einige Höhen und Tiefen der Kirchengeschichte und liest sich spannend wie ein historischer Roman. Hochinteressant ist, wie sehr die Schwestern mit der Obrigkeit immer wieder über Kreuz lagen, besonders dann, als die Obrigkeit nicht mehr in den Händen der Kirchenoberen lag, aber durchaus auch in der Zeit, als kirchliches und weltliches Amt ineinander fielen.

Während der Übertragung der Äbtissinnenweihe fragte ich mich: „Was trägt denn der Bischof da über seinem Messgewand?“ Eine Stola war es nicht und es brauchte einiger Sucherei im Netz, bis mich ein kundiger Mensch aufklärte. Das Ding heißt Rationale und es stammt als bischöfliches Würdezeichen aus dem Mittelalter. Bis in die heutige Zeit hat das Rationale oder „Superhumerale“ aber nur in vier Diözesen der Welt überlebt, heute tragen es nur noch die Erzbischöfe von Krakau und Paderborn sowie die Bischöfe von Toul-Nancy und eben: Eichstätt. Dieses liturgische Gewandstück entstand im 9./10 Jh. unter alttestamentlichem Einfluss. Als Vorbild dienten Efod und Choschen, die kostbaren Teile des Gewandes des aaronitischen Hohenpriesters. Das Rationale in Eichstätt besteht aus zwei, auf Brust und Rücken getragenen, u-förmigen Elementen, die an der Schulter durch zwei kreisförmige Textilstücke zusammengehalten werden. Stickereien verweisen auf die geistlichen und weltlichen Tugenden: fides, spes, caritas, prudentia, iustitia, fortitudo, temperantia, veritas, disciplina (Glaube, Hoffnung, Liebe, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung, Wahrheit, Ordnung). Bei der Äbtissinenweihe trug Bischof Hanke jedoch keines der überlieferten historischen Stücke, sondern ein schlichtes Exemplar aus dem Jahr 1984, gefertigt im Franziskanerinnenkloster Dillingen von Sr. Animata Probst.

Wenn ich sowas erfahre, dann erwacht der Historiker in mir, aber auch der Liturge und Theologe; ich erinnere mich an den „Fanon“, ein liturgisches Kleidungsstück, das Papst Benedikt aus einem historischen Kleiderschrank wieder hervor gekramt hatte oder den Camauro, den er ein einziges Mal kurz vor Weihnachten 2005 öffentlich trug. Oder ich lese voller Faszination über die vielfältigen Gewänder, die orthodoxe Diakone, Priester und Bischöfe tragen. Und wenn es nicht so teuer wäre, stände Dieter Philippis Sammlungskatalog über die Kopfbedeckungen in Glaube, Religion und Spiritualität längst in meinem Bücherschrank. Faszinierend, was da quer durch die Zeiten an religiöser Kleidung bis heute überliefert wurde. Allerdings, deren Sinnhaftigkeit möchte ich meiner lieben Friseurin nicht erklären müssen. Zumal in Zeiten, wo – allen Bemühungen von Karl Lagerfeld zum Trotz („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“), formale Bedeutungen einzelner Kleidungsstücke und deren Formen in der Mode längst obsolet geworden sind.

Derweil tagt in Rom ein gewichtiger Kreis von Bischöfen und Kardinälen mit dem Papst. Heute ist ihre Konferenz zu Ende gegangen, mit der sie auf die vielfältigen Missbrauchsskandale in der Kirche reagieren wollten. Auf dem Höhepunkt der Versammlung wurde die Laienorganisation „Wir sind Kirche“ befragt, ob sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden sei.

Die vom Papst zur Diskussion gestellten 21 Punkte könnten jedoch nur erste Schritte sein, um weltweit verbindliche Standards für Prävention und den Umgang mit Verdachtsfällen festzulegen, erklärte die "Wir sind Kirche". In der "jetzigen existenziellen Krise" sei eine fundamentale Neuausrichtung der Kirche nötig. Dazu gehörten die Abschaffung des Pflichtzölibats, die Weihe von Frauen, eine andere Sexualmoral und eine echte Gewaltenteilung in der römisch-katholischen Kirche.

Mich würde ja interessieren, was konkret das „Andere“ der geforderten neuen Sexualmoral ausmachen soll. Sicher ist die Obsession der überlieferten katholischen Moraltheologie für Fragen unter der Bettdecke oder auf dem Lotterbett schon ziemlich speziell. Aber bei aller Kritik im Detail, wer möchte wirklich eine „andere“ Sexualmoral. Es gibt doch heute schon so ziemlich alles im sexuellen Bereich was man sich denken kann und an katholische Verbote hält sich kaum ein Mensch mehr. Mir kommt die formulierte Sexualmoral der Kirche manchmal so vor wie die EU-DSGVO und andere europäische Normen, die derart ins Detail alle Wechselfälle eines Themas zu regeln versuchen, dass diejenigen, deren Rechte eigentlich geschützt werden sollen, sich allzu schnell in den Details verstricken und am Ende lieber ohne als mit DSGVO leben. Ich denke, diesen Fehler hat die Kirche mit ihrer fein ziselierten Sexualmoral auch gemacht. Vielleicht müssen die Bischöfe, wie ein guter Winzer oder Obstbauer ja wirklich hier und da einen Zweig/eine Rebe abschneiden. Aber dennoch wünsche ich mir keine andere Sexualmoral, sondern Bischöfe, die in all deren Verästelungen den menschenfreundlichen Kern aufdecken und den Menschen nahe bringen. Mit Behutsamkeit, guten Worten und nicht mit dem Rohrstock und dem erhobenen Zeigefinger, den anlässlich der zerstörten Glaubwürdigkeit der Kirche in all diesen Fragen eh niemand mehr akzeptieren würde.

Kardinal Woelki bringt es auf eine griffige Formel, wenn er mahnt, "Es ist nicht unsere Aufgabe, jetzt selber eine neue Kirche zu erfinden", sagte der Erzbischof. "Die Kirche ist keine Manövriermasse, die uns in die Hände gegeben ist."

Vermutlich reagiert er auf „Wir sind Kirche“, wenn er sagt: „Es ist nicht damit getan, den Zölibat abzuschaffen. Es ist nicht damit getan, jetzt zu fordern, dass Frauen zu den Ämtern zugelassen werden. Und es ist auch nicht damit getan, zu sagen, wir müssen eine neue Sexualmoral haben".

Laut Kardinal Woelki gebe es Stimmen in der Kirche, die es an der Zeit halten, "alles das, was bisher war, über Bord zu werfen". "Ich halte das für ein sehr gefährliches Wort." Die katholische Kirche stehe in einer großen Tradition und gerade auch für das Überzeitliche. Aufgabe der Bischöfe sei es, das von den Aposteln überkommene Glaubensgut zu bewahren und in die Zeit hinein zu sagen.

Schöner kann man die Spannung wohl nicht auf den Punkt bringen, die sich – auch – in der Diskussion um die Missbrauchsfälle in der Kirche derzeit eher immer stärker aufbaut als entlädt.

Es geht im Kern, um unsere Vorstellung von der Kirche und deren Funktion und Aufgabe in der Welt, um die gestritten wird und um die gestritten werden muss. Ein Streit, der im Grunde schon viele Jahrhunderte alt ist, vermutlich gar Jahrtausende. Spuren dieser Auseinandersetzung finden sich schon im Neuen Testament.

Nein, ich bin eher nicht bei „Wir sind Kirche“ und mehr bei Kardinal Woelki. Wir sind nicht berufen eine „neue“ Kirche zu erfinden. Ich möchte auch die vielfältigen Traditionen der alten Kirche nicht über Bord werfen, so schmerzlich ich auch ihre Fehler aushalten muss. Fehler, die uns als Kirche ja an jeder Theke und an jedem Stammtisch zu den Stichworten: Kreuzzüge, Hexenverfolgungen, Reichtum der Kirche, das „Bodenpersonal“ und aktuell „Missbrauchsskandal“ um die Ohren gehauen werden.

Der Papst hat mir hierfür in seiner Abschlussrede zum Anti-Missbrauchsgipfel einen spirituellen Schlüssel an die Hand gegeben: „In der Tat erblickt die Kirche in der gerechtfertigten Wut der Menschen den Widerschein des Zornes Gottes, der von diesen schändlichen Gottgeweihten verraten und geohrfeigt wurde.“ Wie perfekt die Antwort der Kirche auf die verstörenden Anfragen der Kirchengeschichte und der Missbrauchskrise auch ausfallen mag, mit einer noch so ideal neu konstruierten Kirche kann man die Schatten (und auch die Glanzpunkte) der Vergangenheit nicht abstreifen. (Nach perfekter Antwort sieht es ja heute, zum Abschluss des Gipfels nicht einmal aus.)

Ich möchte die reiche Tradition der Kirche nicht missen. Mit all ihren Höhen und Tiefen gehört sie zu uns und zu mir. Sie ist ein Schatz, auch in ihren dunklen Seiten. Gerade in ihrem teils eklatanten Widerspruch zu biblischen Traditionen zeigt sich doch auch ein Wandel und ein Lernprozess der Kirche. Ihre Geschichte zeigt die Spuren von Sündern und Heiligen, das eine kann es nicht ohne das Andere geben. Auch hier gilt der Satz: „Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, der ist dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben.“ Ein Neustart ist nicht möglich, weder mit „sola scriptura“ noch mit jeden anderen plakativen Leitwort.

Kirche ist, so haben wir das in unserer Ausbildung gelernt: „Sakrament für die Welt“ – das Grundsakrament überhaupt. Kirche ist in die Welt gesandt und nicht nur zu den katholischen Gläubigen, die sie als Sakrament für sich und ihren persönlichen Glauben annehmen und glauben. Sie hat eine Sendung in die Welt hinein, diese „gott-voll“ zu machen, die Spuren Gottes in der Welt zu entdecken und sie zum Leuchten zu bringen. Sie hat eine Sendung in der Welt, die Frère Roger einmal so umschrieb, dass wir als Christen gerufen seien, „Ferment der Versöhnung“ unter den Menschen zu sein.

Dazu braucht sie eine tiefe, innere Glaubwürdigkeit. Ist die einmal zerbrochen, so wird es schwer die „frohe Botschaft“ zu den Menschen zu bringen. Niemand spürt das heute deutlicher als der Papst, der –zu recht- auf den entsetzlichen Missbrauch von Menschen in der ganzen Welt hinwies, bevor er auf die Rolle der Kirche darin zu sprechen kam. Wie will die Kirche ihrem Auftrag gerecht werden, die Schwachen zu schützen, wenn die Schwachen nicht einmal in ihrem Innersten sicher sind? Es wird ein langer Weg. Gut, dass es weltweit so viele Initiativen gibt, wo Christen sich für die Schwachen ganz handfest einsetzen.

Kirche ist – in der Welt und für die Welt. Daher gibt es immer den Auftrag, die Beschäftigung mit sich selbst, mit Verwaltung, Kirchengeschichte und reiner Theologie nicht allzu wichtig zu nehmen, sondern immer zu schauen, inwieweit diese Beschäftigungen und die äußere Gestalt der Kirche selbst, die Gemeinde, die einzelne Einrichtung noch der Anspruch gerecht wird, mit den Menschen Gott zu entdecken und im persönlichen, alltäglichen Leben der Anforderung zu genügen, die sich daraus ergibt, dass wir mit alten Worten bekennen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde und an Jesus Christus...“

Ich glaube, es ist ein Fehler, wenn wir beispielsweise um die Verwendung der roten Papstschuhe, der Mozetta oder des Rationale streiten, als ginge es um den Kern des Evangeliums selbst. Es ist ein Fehler, wenn wir so tun, als ginge mit der Kommunionspendung an ein in zweiter Ehe verheiratetes Paar das 6. Gebot vollends in die Knie und als sei das Verbot der Weihe einer Frau zum Diakon der Grundstein, auf den die Kirche errichtet sei. Es gibt doch so etwas wie eine Hierarchie der Dogmen und Lehren und nicht für jede Meinung muss ein jeder Katholik, selbst wenn er Bischof ist, gemaßregelt und exkommuniziert werden. Über die menschliche und göttliche Natur Jesu Christi haben Nikolaus und Arius handgreiflich (und berechtigt) gestritten, aber heute können verheiratete Priester eine Hl. Messe zu Ehren des Hl. Wundertäters Nikolaus zelebrieren ohne dass dieser sich im Himmel beklagen würde, dass ein Priester doch besser unverheiratet sei.

Es gibt auch bei Wahrung der heutigen Gestalt der Kirche zahlreiche Möglichkeiten, die Kirche vom Kopf auf die Füße zu stellen, ohne dass der Glaube selbst dabei in Gefahr geriete.

Leitend sollte dabei jederzeit sein, was der Papst in seiner Rede zum Abschluss des Anti-Missbrauchsgipfels sehr deutlich gemacht hat: „Der Schutz von Kindern steht über dem Schutz der Kirche“. Es muss bei allem, was Menschen, Laien wie Kleriker in der Kirche tun, stets nur um Eines gehen: den Menschen die frohe Botschaft von Gott, von Jesus Christus zu bringen. Wenn der Erhalt kirchlicher Strukturen diesem Ziel im Wege steht oder wenn sich lieb gewordene kirchliche Aktivitäten in soweit verselbständigt haben, dass sie ganz anderen Zielen dienen, dann muss sich etwas ändern. Es macht keinen Sinn, die Kirche auf Erden heilig zu nennen und für sakrosankt zu erklären. Sie ist heilig in ähnlicher Weise, wie das in der Bibel beschriebene himmlische Jerusalem das heilige Urbild einer sehr vielfältigen und auch zerstrittenen irdischen Stadt darstellt.

Viele sind unzufrieden mit der Kirche, weil (noch) wenige konkrete Taten und Veränderungen sichtbar sind. Gerade auch jetzt nach dem Gipfel in Rom. Ich glaube nicht daran, dass die Veränderungen sich in einer Aufhebung des Zölibats oder einer Weihe von Frauen erschöpfen können. Ob das sinnvoll ist, darüber kann man ganz verschiedene Auffassungen entwickeln. Aber da geht es den Akteuren doch auch nur darum (trotz pro und trotz contra) eine vertraute Kirche zu bewahren oder ein wünschenswertes Kirchenbild herzustellen. Aber es dreht sich alles allein um die Gestalt der Kirche an sich. Dabei verändert sich die Kirche aktuell so stark, dass es manchem den Atem nimmt und ein Ende ist nicht in Sicht. (Fusionsprozesse, Vertrauensverlust, Kirchenaustritte, Prävention, Wandel in den Organisationsstrukturen). Nur die Veränderungen bei den heißen Eisen, die wird es wohl nicht von heute auf morgen geben und der Frust ist für die nächsten 5, 10 oder 20 Jahre vorprogrammiert, bei all jenen, die nur dafür kämpfen.

Viel wesentlicher wäre ein Aufbruch mit Blick auf die Sendung der Kirche. Hier ist sehr viel möglich mit Blick darauf, was wir in wenigen Tagen wieder vom Evangelium, von Jesus her zugesprochen bekommen: „Bekehre Dich und glaube an das Evangelium!“ oder „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Wir dürfen nicht warten bis zum „St. Nimmerleins-Tag“. Das Reich Gottes ist nahe! Wie auch immer das nun gemeint ist, aber Jesus fordert uns auf zu Handeln, als sei es morgen schon soweit. Nicht überstürzt, sondern sorgfältig und durchdacht und immer ausgerichtet auf das Evangelium. Kehrt um, das bedeutet auch nicht: Geht stumpf zurück zu den Traditionen. Jesus will Veränderung, Neubeginn im Licht des Evangeliums.

Es geht darum, wie Kardinal Woelki so schön sagt, das „von den Aposteln überkommene Glaubensgut“ neu „in die Zeit hinein zu sagen.“ Dafür sollten wir mutige Schritte tun. Das Leben eines Priesters in Deutschland kann sich von Grund auf verändern, ohne dass dabei die sakramentale Struktur der Kirche in Gefahr käme. Auch die innere Organisation und Gestalt einer katholischen Pfarrei kann sich zutiefst wandeln. Es geht hier oftmals nur um lieb gewordene Bräuche und Haltungen, die allenfalls 50 Jahre Tradition für sich beanspruchen könnten. Schon vor 150 Jahren war die Welt der Kirche eine völlig andere. Und auch mancher Piusbruder würde die Kirche des ausgehenden Barock mit Tränen in den Augen verlassen.

Was spräche eigentlich dagegen, wenn heute Laien in die Fußspuren der Eichstätter Äbtissinnen träten und sich beispielsweise um die Organisation eines Kindergartens kümmerten, während der Pfarrer dort den Kindern von Jesus und vom Hl. Franziskus erzählt? Wenn Laien sich um die Renovierung der Orgel kümmern und die notwendigen Zuschüsse für die Renovierung des Kirchendachs beim Bistum einfordern und ein regelmäßiges Stundengebet organisieren oder den Seniorennachmittag, während der Pfarrer dort zuvor das Sakrament der Krankensalbung spendet. Natürlich folgt man dem Pfarrer in der Frage, ob an jedem Wochentag eine Hl. Messe gefeiert werden kann und auch dann, wenn einige Leute meinen, dieser könne besser Seniorenbesuche machen, statt Samstag für Samstag fast sinnlos im Beichtstuhl zu sitzen, weil kaum einer kommt. Aber heute erwarten wir von unseren Pfarrern Wegweisung in lauter Fragen, die mit seinem geistlichen Leitungsamt im Grunde nichts zu tun haben. Bis dahin, dass er die Schlüssel für das Pfarrheim vergibt.

Jeder Weg, das Amt des Priesters attraktiver zu machen durch eine größere entscheidende und bestimmende Macht über Menschen und Werte führt in den Klerikalismus und in die Irre. Attraktiver (für die richtigen Personen) machen das Amt des Priesters alle Maßnahmen, die dazu beitragen, dass er sein Amt als Priester, Lehrer und Hirte im Sinne Jesu ausüben kann. Der ja sogar die Verwaltung des Vermögens in die Hände des Judas legte.

Alle andere Macht sollten die Priester und vor allem auch die Bischöfe mit Klugheit und Gelassenheit aus der Hand geben. Dann, so hoffe ich, wird der Kirche auch wieder die Glaubwürdigkeit zuwachsen, die sie so dringend braucht, um dem Auftrag Jesu Christi gerecht zu werden. Und ich hoffe, dass die Gemeinde sich bei der Bischofsweihe des neuen Bischofs von Eichstätt an einem neuen Rationale aus der Paramentenwerkstatt der Benediktinerinnen von Mariendonk erfreuen kann. Warum nicht?

Gelobt sei Jesus Christus!