Donnerstag, 7. November 2019

Was für ein Glanz in unserer Hütte: Ein Kardinal und eine Fürstin im Pott!

Ja wirklich - im Pott - in Wattenscheid!

Kardinal Müller kommt ja aktuell in der kirchlichen Landschaft meiner Heimat gar nicht gut weg. Als ich gestern einen Gesprächsabend mit dem Kardinal und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis besuchte, war eine der ersten Fragen des Herrn, der sich zu mir setzte: „Warum sind Sie denn hier? Sind Sie eher ein Fan oder ein Gegner?“
Spannend! Ich habe mal geantwortet „Weder noch, und ich würde mir gern selbst ein Bild machen. Im Grunde mag ich ihn.“ Die Frage ging mir im Laufe des Abends noch etwas nach. 

Warum mag ich eigentlich Kardinal Müller? Ich kann nichts dagegen tun, er ist mir einfach sympathisch. Es mag (auch) daran liegen, dass er mich in einigen Merkmalen seines markanten Gesichts und auch im Auftreten an meinen sehr früh verstorbenen Vater erinnert. Ich war ihm schon einmal begegnet bei der Einführung des neuen Kölner Erzbischofs unmittelbar nach meiner Krebserkrankung und erinnerte mich dankbar an das geistliche Wort, mit dem er unsere Nikolausaktion bereichert hatte. Damals hatte mich - zu meinem leichten Erschrecken - die Glaubenskongregation in Rom an meinem Arbeitsplatz angerufen. ;-).

Dass Kardinal Müller heftig umstritten ist, zeigte die Reaktion einiger örtlicher katholischer Akteure auf die Tatsache, dass die Kirchengemeinde in Bochum Wattenscheid die Nutzung der Kirche für die Veranstaltung plötzlich nicht mehr zulassen wollte. Begründet wurde das offiziell mit der Tatsache, dass hierfür 15 Euro Eintritt genommen wurden und man dies irgendwie zu kommerziell fand. Doch dann tönten Vertreter von Maria 2.0 und des Katholikenausschusses der Stadt plötzlich: Kardinal Müller sei wegen seiner erzkonservative Ansichten „nicht willkommen“ und man habe sowieso Protestaktionen geplant. 

Aber davon war gestern abend weder etwas zu hören noch zu sehen. Weder hielten irgendwelche Leute Transparente hoch, noch erhob sich lautstarke Widerrede und keine FEMEN-Vertreterin entblößte sich im Saal. Einige Damen sprachen zwar durchaus kirchen-kritisch (aber leise) miteinander, waren aber offenbar gekommen, um sich einfach selbst einen Eindruck zu verschaffen.  Insgesamt waren aber wirklich vor allem „Fans“ gekommen, Vertreter der Jugend 2000, katholische Blogger, ein Pater der Petrusbruderschaft und der Hamborner Prämonstratenser (den hätte ich mitnehmen können), Priester und engagierte Laien, u.a. so exponierte Persönlichkeiten wie Michael Hesemann und Peter Winnemöller. 

Ein Sturm im Wasserglas? Einige katholische Lautsprecher, die die Gunst der Stunde nutzten? Wie auch immer, dem Vortrag des Kardinals wohnte auch der Ortspfarrer bei und man sah ihn später im freundlichen Austausch mit dem Oberhirten und auch Bischof Overbeck hatte sich am Nachmittag mit seinem Mitbruder im bischöflichen Amt zum Kaffee getroffen. 

Mir fehlt für derlei Boykott-Aktionen jegliches Verständnis. Gerhard Ludwig Kardinal Müller ist ein profilierter Kirchenführer, der der Kirche als Priester, Bischof, Professor, Präfekt der Glaubenskongregation und als Kardinal engagiert gedient hat. Sein Einziges „Manko“ sind klare und eindeutige Meinungen, die einigen Beobachtern offenbar zu „konservativ“ vorkommen.

Konservativ? Ich habe das ganzen Gespräch gestern mit Neugierde und Interesse verfolgt. Ich würde seiner Sicht der Dinge, der Kirche und der katholischen Welt nicht in jedem Aspekt folgen wollen, aber ich hatte an keiner Stelle wirklich Lust zum Widerspruch und fühlte mich niemals gehemmt ihm freundlich Applaus zu spenden. 

Ich würde den Müller-Kritikern durchaus gern zurufen: „So schlimm war es/er gar nicht.“

Und jetzt, wo ich gerade das Interview lese, das Erzbischof Vigano (ja, der in letzter Zeit ständig mit Wortmeldungen gegen Papst und Kurie auf dem Markt ist und der sich vor lauter Angst vor den mörderischen Schergen von Papst Franziskus irgendwo an einem geheimen Ort versteckt), dann empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit für Kardinäle wie Gerhard Ludwig Müller. 

Zumal, wenn dieser – wie ich am Rande der Veranstaltung hörte – seinen Besuch in NRW (ganz ohne Medienrummel) mit einer schlichten Messe für die Inhaftierten in einem Knast begonnen hatte.

Vigano dagegen rief aus seinem Versteck heraus dazu auf, die Peterskirche erneut zu weihen, angesichts dessen, was er als „entsetzliche götzendienerische Entweihungen“ bezeichnet. Was das gewesen sein soll? Er mein allen Ernstes die Übergabe einer grünenden Pflanze durch einen Vertreter der indigenen Völker während des Abschlussgottesdienstes  der Synode im Petersdom und die schon hinlänglich rauf und runterdiskutierte Figur einer werdenden Mutter, die ein bekennender Lebensschützer und Anhänger des katholischen Tradi-Milieus in den Tiber gestoßen hatte. 

Was für eine Freude, dagegen die abgewogenen und dennoch klaren Worte des deutsche Kardinals in der Lohnhalle der ehemaligen Zeche Holland in Wattenscheid zu hören, die er – durchaus wertschätzend – z.B. für die Theologie der Befreiung fand. 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Besucher aus dem Tradi – Milieu mit dem Abend restlos zufrieden waren. Zumal ja auch mancher im Vorfeld deutlich an die harte Haltung des Regensburger Bischofs gegenüber der Piusbruderschaft erinnert hatte. Interessant auch, dass die Fürstin den meisten Applaus bekam, als sie forderte, dass Frauen auf ihre Plätze in der Kirche zurückkehren mögen um den Männern den Raum gewähren, der diesen zustünde. Insbesondere natürlich im priesterlichen Amt! Der Applaus für Kardinal Müller war dagegen meist freundlich aber nicht enthusiastisch.

Zunächst ging es im Gespräch auf einer kleinen Bühne um den Brief des Hl. Vaters an die Katholiken in Deutschland und das darin so deutlich betonte Thema der Evangelisierung.
Die Suche nach Glück sei ja eine Triebfeder des Menschen. Das absolute Glück sei die Gemeinschaft mit Gott in der Ausrichtung des Lebens auf Christus hin. Weiter ging es um die sog.„Kirche der Armen“, wobei der Kardinal zunächst deutlich machte, dass es keine Trennung zwischen einer Kirche im Wohlstand und einer Kirche der Armen geben könne. Anhand der Geschichte seiner eigenen Familie schilderte er die schwierige Situation der Arbeiter in der Zeit seines Aufwachsens nach dem Krieg. Auch legte er dar, dass die Menschen in Südamerika in erster Linie schlicht unsere Schwestern und Brüder seien, denen wir auf Augenhöhe begegnen sollten. Er ergänzte das mit konkreten Erfahrungen aus 15 Jahren seiner Mitarbeit in Lateinamerika. Auch wenn wir als Kirche den Blick auf das ewige Leben richteten, so müssten wir uns doch dafür einsetzen, dass die Armen mit Würde leben könnten. Armut sei ein weiter Begriff  mit einer geistlichen Dimension, was ein Blick in die Seligpreisungen zeige. Wir müssten als Christen bereit sein, freiwillig mit den Brüdern und Schwestern zu teilen. 

Später ging es in dem Gespräch noch um die Amazonassynode und die Frage, ob man dabei nicht aus einem zu großen Abstand auf die Völker am Amazonas (herab)geschaut habe. Selbstverständlich könnten auch die Menschen aus diesen Stämmen dasselbe geistige Niveau erreichen wie die Menschen im Westen. An Fähigkeiten und Begabungen fehle es nicht. Und sie hätten ein Anrecht auf Bildung und gute medizinische Versorgung. Man könne sich nicht an der Zeit der alten Inkas orientieren und diesen Menschen eine gute Entwicklung vorenthalten. 

Mehrfach betonte er im Laufe des Abends, wie sehr die Liturgie, die Verkündigung und die Caritas zusammen gehörten. Die Caritas brauche die Einbindung in die Martyria und Liturgie, denn auch in der Caritas sei es doch das Hauptmotiv, dass wir im Gesicht des anderen Menschen das Gesicht Christi sähen. Die Diakonie sei Ausdruck der Sakramentalität der Kirche. Das Caritative dürfe nicht zugunsten einer Konzentration auf die Liturgie vernachlässigt werden. Hier solle man die Texte des 2. Vatikanums vertieft studieren, u.a. Verbum Dei, Lumen Gentium. Dann würden auch die ganzen Polarisierungen weniger werden. Wer der erste sein will, der soll doch der Diener aller sein. Das sei eine christliche Grundhaltung.

Christen setzten sich für eine integrale Entwicklung ein, wo man das Geistliche und das Materielle in eins sehe. Richtig verstandene Befreiungstheologie sei ja geradezu die Zurückweisung des Marxismus, weil die Kirche die Menschen eben nicht aufs Jenseits vertröste sondern sich schon im Diesseits für diese einsetze. In Christus würden die Orientierung auf Gott und die auf die Welt in eins fallen. Seelsorge könne man nicht von Liturgie und Diakonie trennen.

Natürlich wurde der Kardinal auch nach seiner Freundschaft mit Gustavo Gutierrez befragt. Die Befreiungstheologie sei die Anwendung von „Gaudium et spes“, Gottorientierung und Weltverantwortung gehörten zusammen. Johannes Paul II. habe trotz seiner Erfahrung mit dem real existierenden Marxismus deutlich gemacht, dass die Befreiungstheologie notwenig sei und habe bekanntlich ja „einige Aspekte der Befreiungstheologie“ kritisiert. Kardinal Müller erwähnte den Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“ und kritisierte die Beschränkung der Analyse auf soziologische Aspekte durch einige Befreiungstheologen. Er selbst habe mit Gutierrez drei Bücher veröffentlicht und diese Kritik auch mit diesem diskutiert und diese habe diese analytischen Schwächen auch durchaus gesehen. 

Wichtiger als die Fachtheologie sei die Antwort auf die Frage, wie der Glaube entstehe. Der Glaube entstehe im Hören auf Gottes Wort, im Hören auch auf die Traditionen der Kirche.

Sehr interessant war ein kurzer Bericht über eine zuvor stattgefundene Begegnung im Landtag NRW mit Vertretern aller Parteien, die sehr wohlmeinend gewesen seien, einige davon sogar kirchlich engagiert. Sie hätten gefragt: „Was können wir tun, dass die Kirche wieder glaubwürdiger wird“ Das sei zwar eine interessante Frage, nur falsch gestellt. „Der Glaube ist aus sich heraus glaubwürdig.“ „Christus ist glaubwürdig“ Nur wir könnten uns manchmal vor das Licht stellen, das Licht verstellen und den Glauben anderer erschweren. Aber wir müssten nicht den Glauben (wieder) glaubwürdig machen. Eltern, Priester, Religionslehrer, Jugendleiter, jeder Christ sei Mittler des Glaubens. Aber wir stünden dabei nicht zwischen Christus und dem Menschen. Wenn man die Liturgie richtig verstünde kann sie auch nie langweilig sein. Schließlich ginge es in den Sakramenten um eine Christusbegegnung. Es komme darauf an, diese auch als solche erfahrbar zu machen. „Christus ist es, der die Gnade wirkt.“

Wir müssten gute Instrumente sein. Zeugen des Glaubens! Die Kirche sei kein Unternehmen und brauche keine Unternehmensberatungen (höchstens für das Ordinariat als Verwaltung). Gott sei der Berater des Unternehmens Kirche. Das „Herz der Theologie“ muss die Liebe zu Gott sein. Ohne die Liebe wäre alle menschlich-theologische Erkenntnis nichts. 

„Mich musste man nicht wie einen Hund in die Kirche tragen. Meine Eltern haben da mit mir überhaupt keine Mühe gehabt.“

Vielfach verwies der Kardinal auf den evangelischen Theologen Bonhoeffer. So habe die Theologie dem Glauben der Christen und der Gemeinschaft zu dienen. Der Glaube sei ja auch nicht etwas Unvernünftiges. Der Glaube gehe über die menschliche Vernunft hinaus. So sei es vernünftiger im Licht der Offenbarung an Gott zu glauben als gar nicht an Gott zu glauben. 

„Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für Andere ist.“ Christus habe als Mensch für Andere gelebt, sein Leben gegeben, darin drücke sich das Wesen der Kirche aus. Kardinal Müller war als Bischof von Regensburg ja Vorsitzender der Ökumenekommission der Bischofskonferenz. Leider gerieten die gemeinsamen Grundlagen im Gottesglauben und die Christuszentriertheit heute eher aus dem Focus. Über dieses in der Tiefe Verbindende müsse man wieder stärker sprechen. 

Es müsse „ein Feuer in einem Theogieprofessor sein“. Es gehe nicht nur darum den Stoff darzubieten. Der Theologieprofessor solle ein guter Apostel des Herrn sein, er müsse seine Studenten lieben und ihnen bei der Suche nach der Wahrheit helfen. Theologie müsse „christozentrisch“ sein. Wir bräuchten wieder mehr „knieende Theologie“, die „Liebe zu Gott sei die Herzmitte der Theologie“. 

Auf die Frage, ob es in Deutschland bereits eine Kirchenspaltung gebe, legte der Kardinal ein engagiertes Bekenntnis zur Einheit der Kirche ab. Niemandem sei es erlaubt, mit der Einheit der Kirche zu spielen. Es gäbe natürlich Basisüberzeugungen, die nicht in Frage zu stellen seien. Darunter die Erkenntnis der Göttlichkeit Jesus Christi (Nizäa) oder die Siebenzahl der Sakramente. „Wir können nicht Pluralität zulassen im Sinne von Häresie.“ Da könne es keine Kompromisse geben. Auch wenn wir heute anerkennen würden, dass die Reformatoren ursprünglich eine innere Reform der Kirche wollten; als Luther die Siebenzahl der Sakramente geleugnet habe, da wäre ein „point of no return“ erreicht worden, das hätte den Bruch vollzogen. Doch heute entdecke die evangelische Theologie durchaus die Gottgegebenheit der Sakramente wieder neu und wir kämen uns an mancher Stelle näher. Jeder Katholik trüge Verantwortung dafür, eine Spaltung nicht herbeizureden und Brüche nicht zu vertiefen. Jeder müsse sich an die Brust schlagen und fragen: „Habe ich vielleicht etwas zu dieser spannungsreichen Situation beigetragen?“ 

In vielen Diskussionen heute gäbe es zu wenig Kenntnis darüber, was die Kirche wirklich lehre. Dies mache manche Diskussionen heute schwierig. Gott meine es ja gut mit den Menschen. Die 10 Gebote seien auch keine Last und kein zeitbedingter Ausdruck des Glaubens der alten Israeliten sondern der Ausdruck des Hl. Willens Gottes.

Heiterkeit kam auf bei seiner Bemerkung, wer entschlossen den Weg der Nachfolge Jesus Christi ginge, dem ginge es innerlich gut. Der bräuchte nicht zu Drogen zu greifen. „Dann reichen mir ein, zwei Gläschen Rotwein nach getaner Arbeit.“

Die Unauflöslichkeit der Ehe sei eine Gnadengabe. Ganzhingabe an einen anderen Menschen sei möglich. Wenn Christus sich ganz hingegeben habe, dann könne auch der Mensch beharrlich bleiben. Die „Freude in Gott“ helfe uns, den einmal eingeschlagenen Weg mit Christus zu vollenden. Die Ehe sei – wie auch das Priestertum ja keine „Unterhaltungsveranstaltung“. „Christus und der Hl. Geist helfen uns über Langeweile und Frust hinweg.“

Rückblickend auf das Gespräch muss ich sagen, dass ich manche gute Impulse gehört habe. Und ich sehe in den Worten des Kardinals keine „Aufreger“ und würde mir wünschen, dass in der Kirche häufiger auf diesem sprachlichen und inhaltlich-theologischen Niveau gesprochen würde. Ich empfand den Kardinal als nachdenklich und tiefgründig. Anders als in mancher Wortmeldung von ihm, die in den letzten Monaten durch die Dialogforen gejagt wurden. Da teile ich die Sorge einiger Beobachter, dass er sein theologische Renommee mit mancher zugespitzten Formulierung verspielt. Ich habe an ihm immer bewundert, dass er in seinen Überzeugungen weder durch Lob noch durch Tadel zu erschüttern war, was eine Nachdenklichkeit und die Bereitschaft auch Dinge zu überdenken, nicht ausschließt. Aber er war nie ein Fähnchen in Winde. Ich hoffe, dass er diesem Stil treu bleibt und sich auch in Zukunft nicht vor irgendeinen Karren spannen läßt. Und schon gar nicht in eine Gegnerschaft zu Papst Franziskus. Auch wenn wir als Katholiken nicht jedes Wort und jede Handlung des Papstes bejubeln müssen und auch ab und an Kritik angebracht ist. So sollte doch ein Bischof oder gar Kardinal nie den Eindruck vermitteln irgendwie gegen ihn zu agieren. Derlei Signale werden auch durch blumige Worte nicht abgemildert. 

Wir brauchen heute wirkliche Brückenbauer und Kardinal Gerhard Ludwig Müller hätte das Zeug dazu. Auch wenn er aktuell keine offizielle Funktion in der Kurie mehr bekleidet könnte er die neue Freiheit nutzen, um Menschen mit unterschiedlicher Position miteinander wieder neu ins Gespräch zu bringen. Vielleicht sollte man ihn als Teilnehmer zum synodalen Weg einladen, das wäre doch einmal ein wirklich mutiger Schritt.

Zum Abschluss vielleicht noch eine Einschätzung, die der Ehrlichkeit willen nicht verschwiegen werden soll. Das Format des Abendgesprächs hat mir nicht wirklich gefallen. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis als „Sidekick“ des römischen Kardinals nur hin und wieder zu Fragen der Erziehung und ihrer Lebenserfahrung als Mutter zu befragen war mir irgendwie zu wenig. Das, was sie hierzu sagen konnte, hätte auch eine fromme Dame aus der Gemeindecaritas sagen können. Auch ihre Schilderung der Stärken des Katholizismus in Afrika blieb etwas blass rund um Stichworte wie: Junge Kirche, Volksfrömmigkeit und Hexenglauben. Originell und unterhaltsam vorgetragen war ihre Haltung, dass Frauen fast alles besser können als Männer, aber ihnen aus dieser Stärke heraus den Raum für Engagement lassen sollten. Sie sei so emanzipiert, dass sie wisse, wo ihr Platz sei. Sie sei auch nicht weniger wert, wenn sie nicht alles mache, was die Männer machten. Anhand der Dressurreiterei erklärte sie augenzwinkernd ihre Sicht auf das Mit- und Zueinander von Männern und Frauen in Kirche und Welt. Jungs wollten nach Ihrer Wahrnehmung nicht mehr ministrieren, weil da zu viele Mädchen seien. (Diese These würde ich glatt bestreiten, in der Regel ist auch das Gegenteil wahr.) Humorvolle und starke Sprüche, ja! 

Am Beeindruckendsten fand ich die freundliche und zugewandte Art, wie sie mit den Besuchern des Abends umging, auch nach der Veranstaltung. Zusätzlichen Erkenntnisgewinn brachte das nicht, sie stand sehr im Schatten des Kardinals. 

Auch entstand durch das Format, bei dem sehr fein ausformulierte Fragen gestellt wurden, nur ganz selten so etwas wie ein direkter Dialog zwischen Fürstin und „Kirchenfürst“. Regina Einig stellte sicher sehr gut durchdachte und zugespitzte Fragen, auf die sich Gerhard Ludwig Müller aber nicht immer einließ. Seine Art zu antworten brach meist die Zuspitzung der Frage auf. 

Warum hat man der Fürstin nicht freie Hand gegeben und ganz auf eine Moderation verzichtet? Sie hat doch mehrfach bewiesen – im Fernsehen und auch mit einschlägigen Gesprächsbänden, dass sie interessante Gespräche zu führen weiß. Hier war die Moderation eher eine Bremse.

Spannend hätte ich es auch gefunden, den Kardinal gemeinsam mit einem alten, erfahrenen Pastor zu befragen oder ihm vielleicht jemanden wie meine treu-katholische Oma zur Seite zu stellen. Oder warum nicht einen ganz normalen Pastoralreferenten wie meinen Nachbarn im Auditorium des gestrigen Abends. Ich glaube, das wäre ein durchaus lohnendes Experiment für eine zukünftige Veranstaltung. Ich biete mich im Übrigen gerne an, wenn der Kardinal ein solches Gespräch am Niederrhein führen möchte, ich sorge für einen Raum und gerne auch für eine Kirche, in der er mit uns Eucharistie feiern kann, Mitte und Höhepunkt unseres Glaubens.

Durch den Wechsel von einer Kirche in einen Veranstaltungsraum hat das Gespräch meiner Wahrnehmung nach deutlich gewonnen. Es war so viel unmittelbarer und sicher auch bequemer. Und der Saal war gut gewählt, ein Raum mit Atmosphäre. Daher hätte man der Veranstaltung sicher mehr als die erschienenen rund 100 Gäste gewünscht. Was auch die Frage der Finanzierung in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wenn durch Eintrittsgelder so 1.500 Euro (idealerweise) zusammengekommen sein sollten und man Raummiete und Referentenkosten kalkuliert, kann der Veranstalter damit sicher keinen Profit gemacht haben. Eher im Gegenteil. Daher auch ihm einen herzlichen Dank für seinen Einsatz.

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