Freitag, 21. Februar 2020

Ein Irrer - und die AfD?

Es muss so in der Mitte der 90er gewesen sein. In Zeiten also, wo das Denken eines Rechtsextremen für die meisten Deutschen in etwa so verstörend war, wie heute die Gedankenwelt des Attentäters von Hanau. Damals war ich zu einem Kabarettabend mit Hanns-Dieter Hüsch eingeladen, irgendwo in einem Bildungshaus am Niederrhein. Ich erinnere mich an den Moment damals, als wenn es gestern gewesen wäre. Hüsch hatte den Saal zum Lachen gebracht. Alles gluckste noch vor sich hin, da kippte die Stimmung von einem Moment in den Nächsten... 

„Dann nehmt euch alle an die Hand
Und nehmt auch den der nicht erkannt
Dass früh schon in uns allen brennt
Das was man den Faschismus nennt“

Es wurde ernst und still im Raum. Faschismus, das ist für Hüsch scheinbar nicht eine obskure Krankheit faschistoider Gehirne. Es ist etwas, das „in uns allen brennt“. In uns allen? Augenscheinlich gibt es eine Ausnahme, nämlich Mitglieder und Wähler der AfD. Deren Frontmann Prof. Dr. Jörg Meuthen postete heute morgen eine entrüstete Botschaft. Gleich mit dem eigenen Foto im tief betroffenen schwarzweiß und mit dem entrüsteten Satz: „Es ist zu schäbig: Die Tat eines Wahnsinnigen soll UNS angelastet werden.“ Und das UNS auch noch supergroß und superfett. Im ersten Moment dachte ich an den Postillion.

Ein Wahnsinniger! Der Täter!
In einer begleitenden langen Erklärung legt Meuthen dar, warum die AfD sich diesen Irren nicht zurechnen lassen möchte. Und zitiert dann ellenlang aus dem inzwischen weitgehend aus den Medien getilgten „Manifest“ des Täters. In der Tat, irre! 

Mir ging es gestern schon auf die nerven, dass gleich von allen Seiten auf die AfD gezeigt wurde. Von daher kann ich das sogar etwas nachempfinden, dass jemand wie Meuthen sagt: Der nicht! Der ist keiner von uns! Der hat sich ja schon radikalisiert, da gab es uns noch gar nicht! 
Und dann wird gestern sogar von der AfD als „der politische Arm des Rechtsterrorismus“ gesprochen. Was für ein vielstimmiger Chor gestern – auf allen Kanälen. Bei Meuthens Freunden im Übrigen wurde – ebenso absurd aber offenbar ernst gemeint – die Kanzlerin zur Schuldigen dieses Massakers erklärt. 

So recht vermag ich das Durcheinander in meinem Kopf aber noch immer nicht zu entwirren. Die Tat in Hanau macht einen ja unter allen Umständen und aus welcher Betrachtungsweise auch immer sprachlos, so wie auch der bewußt herbei geführte Absturz der Germanwings-Maschine durch die Hand des Piloten, so wie der Angriff auf die Synagoge in Halle. Sind jetzt eigentlich alle „irre“ geworden? Das Entsetzen über die Tat in Hanau ist noch immer groß. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll – zumal rund um uns noch der Karneval tobt. Wie irre ist das eigentlich alles? Müßte nicht erst mal Ruhe einkehren, Besinnlichkeit, Gebet? Kann mal einer diese Welt anhalten, den Karneval absagen und die politischen Aktivisten zum Schweigen bringen?

Kann man zu Hanau irgendetwas sagen, was uns weiter bringt oder enger zusammen führt? Dann hat Meuthen heute morgen den Faden rausgezogen, der zu diesem Blogbeitrag geführt hat, zusammen mit dem „alten“ Satz von Hanns-Dieter Hüsch.

Mit Rechten zu reden – das ist ja hoch umstritten. Gerade in der Kirche! Der BDKJ hat gerade eben noch mit Blick auf den ökumenischen Kirchentag Gespräche mit der AfD abgelehnt, die er da nicht sehen will. Und die Argumente sind ja nicht falsch. Es liegt ja eine gewisse Gefahr darin, sich mit den „Rechten“ einzulassen. Das haben wir ja in Thüringen ganz deutlich erlebt. Verwirrung und Zerstörung aus allen Ebenen! Allzu leicht fällt einem die Gesprächsbereitschaft selbst auf die Füße.

Trotzdem muss man mit Rechten (Extremen) reden, so denke ich. Aber dann in dem Sinne, wie ich es immer mit den „Grauen Wölfen“ gehalten habe. Mir war immer wichtig, klar zu sagen: „Ich rede mit Dir, weil Du ein Mensch bist. Aber ich lasse mich nicht von Dir für Deine Weltsicht mißbrauchen. Daher werde ich nicht mit Dir auf ein Foto gehen oder Deine Veranstaltungen besuchen oder mich anderweitig vor den Karren spannen lassen – solange Dein Idealistenverein im Verfassungsschutzbericht auftaucht.“ Natürlich müssen wir mit Rechten (Extremen) kommunizieren. Auch so, dass sie die Chance haben unser Anliegen und unsere Motivation richtig zu verstehen. Und wir müssen ihnen widersprechen. Wir müssen Ihre Denkhorizonte aufbrechen. Aber nicht in solchen Formen, bei denen sie uns für ihre Zwecke einspannen können. Das wird schwer werden, aber die notwendigen Weichen dagegen können wir stellen. Warum nicht beim Katholikentag ein Stuhlkreis hinter verschlossenen Türen und ohne Presse – aber doch nicht auf einem öffentlichen Podium!?

Zurück zu dem Schrecken, den mir Herr Meuthen heute morgen eingejagt hat. Was mir hier (und bei den Wortmeldungen vieler seiner Anhänger und Parteifreunde) völlig fehlt – ist ein gewisses Schuldbewußtsein, eine Selbsterkenntnis. Nämlich im Sinne dessen, was Hüsch formuliert, der uns ja schon vor Jahrzehnten den Spiegel vorhielt. 

Der Spiegel wäre auch für Herrn Meuthen das richtige Bild. Die AfD ist vermutlich nicht der geistige Brandstifter des Attentäters von Hanau. Für den wäre die AfD gar nicht radikal genug. Aber der Attentäter und die AfD sind Symptome derselben Krise, derselben Bewegung, derselben Verrohung. Der Attentäter ist ein Spiegelphänomen der AfD und sie könnte aus diesem Attentat auch eine Erkenntnis für sich gewinnen. 

„Dass früh schon in uns allen brennt…“ IN UNS ALLEN! Vermutlich selbst in denen, die unter den schwarz-roten Fahnen der Antifa auftreten. Und ganz bestimmt auch in denen, die der AfD das bürgerliche Antlitz verschaffen, an deren Parteibüros öffentlichkeitswirksam signalisiert wird: „Linke – ihr müsst draußen bleiben“, die aber lauter Hintereingänge und Hinterzimmer haben, in denen Kontakt zu ganz komischen Leuten gepflegt wird. Und die keine Scheu haben mit ganz, ganz Rechten zu reden. Solange sie nicht völlig irre sind. Obwohl – mit Reichsbürgern redet man da ja durchaus auch. Sie könnten ja – als wachsende Bewegung – „uns“ in der AfD Stimmen bringen. 

Hätte die AfD Hanau sich von diesem Täter fern gehalten? Offenbar hat das ja nicht mal irgendeine Behörde gemerkt. Obwohl der Vogel sogar seine Wahnvorstellungen auf einigen Polizeiwachen zu Protokoll gab, ohne dass einer bei der Computerrecherche merkte, dass dieser durchgeknallte Typ auch noch Waffen zu Hause hatte. Offenbar hat auch in seinem Schützenverein keiner gemerkt, was da für eine Zeitbombe tickte. 

Die AfD muss aufpassen. In ihrem Schatten gibt es einen großen Graubereich von Kontakten und Verbindungen in eine Szene, die zur Zerrüttung unseres „Systems“ beiträgt und hierfür Pläne macht. Dazu gehört eine gehörige Portion von Rassismus. Dazu gehört, die Welt einzuteilen in „Wir“ und in „Die“. Das sind dann nicht nur „Die Türken!“ oder „Die Flüchtlinge!“ oder „Merkels Gäste“ oder „Die Linken“ oder „Die Antifanten“ oder am Ende auch „Die System-Politiker“. Nein, das ist nicht alles Rassismus, aber das ist trotzdem ein schleichendes Gift, das das Zusammenleben in Deutschland vergiftet. Ich spüre ja jetzt schon, wie türkische Freunde auf Distanz gehen zu uns Deutschen. Wie Menschen, die sich intensiv für den Dialog engagieren sich unter dem wachsenden Druck in ihre Welten zurückziehen. 

Gegen dieses Gift gibt es nach meiner Überzeugung nur ein Gegenmittel. Und das ist die feste Überzeugung, dass jeder Mensch ein Kind Gottes ist, gleich an Rechten, gleich an Würde. Einfach ein Mensch! Und in der großen Menschheitsfamilie gibt es keine, die mehr oder minder wert sind. Liebe deinen Nächsten, liebe deine Feinde, liebe auch die Fernsten! Das fordert Jesus von uns. 

Ja, Herr Meuthen, das würde für Sie bedeuten, dass Sie sogar die Kanzlerin höchstselbst lieben müßten und anständig und mit Würde mit ihr umgehen. 

Sie tragen Mitverantwortung, dass ein bestimmtes Denken einsickert… langsam normal wird… denkbar wird. Selbst wenn Sie das eigentlich gar nicht wollen. In vielen Punkten haben Sie einen demokratischen Konsens in Frage gestellt, der mit viel Blut und Schmerzen erkämpft wurde. Die Demokratie ist – wie der gesellschaftliche Zusammenhalt - ein empfindliches System, sorgfältig austariert. Was hier einmal an Miteinander zerstört wird, das kann man nicht so schnell wieder reparieren. Das sollte man bei allem Engagement gegen Fehlentwicklungen, Langeweile und Frustration über unser politisches System nicht vergessen. Schon daher ist es notwendig den „Fliegenschiss“ in der Deutschen Geschichte sorgfältiger zu analysieren, ihm mehr Gewicht zu geben und mehr daraus zu lernen als aus der als glorreich empfundenen Zeit des Kaisers Barbarossa.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im Spiegel des Textes des großartigen Kabarettisten Hüsch erkennen, wo Sie selbst das Gift des Faschismus, des Rassismus, der Menschenfeindlichkeit im Sog des Erfolgs der Protestpartei AfD aufsaugen und in unsere Gesellschaft weiter verteilen. 

Solange die AfD sich nicht klar distanziert von jeglicher Form der Menschenfeindlichkeit, selbst gegenüber denjenigen, die nicht von hier sind, die ein Kopftuch tragen oder unter linken Fahnen demonstrieren, solange braucht sie sich nicht zu wundern, dass man den Verdacht hegt und pflegt, dass Parteilinie sein könnte, was einige abseitige Protagonisten in voller Absicht, mausgerutscht oder leicht beschwipst von sich geben.

Allen Politikern wünsche ich die Kunst, dann zu schweigen, wenn Worte nichts besser machen. Und dass sie ihren Gefühlen nur dann freien Lauf lassen, wenn sie wirklich aufrichtig und ehrlich sind. 

Und das, was ich Herrn Meuthen wünsche, das wünsche ich im Übrigen jedem von uns. Und ganz besonders jenem, der in den Stunden nach dem Anschlag – wenn auch nur für einen Moment gedacht hat – 

Der Täter war ja zum Glück kein Rechter vulgo kein Flüchtling … 

oder gar... 
„Es waren ja keine „von uns“.“
„Schlimm, ganz schlimm, furchtbar, aber…“


Das Phänomen
von Hanns-Dieter Hüsch

Was ist das für ein Phänomen
Fast kaum zu hören kaum zu sehn
Ganz früh schon fängt es in uns an
Das ist das Raffinierte dran

Als Kind hat man's noch nicht gefühlt
Hat noch mit allen schön gespielt
Das Dreirad hat man sich geteilt
Und niemand hat deshalb geheult

Doch dann hieß es von oben her
Mit dem da spielst du jetzt nicht mehr
Das möcht ich nicht noch einmal sehn
Was ist das für ein Phänomen

Und ist man größer macht man's auch
Das scheint ein alter Menschenbrauch
Nur weil ein andrer anders spricht
Und hat ein anderes Gesicht

Und wenn man's noch so harmlos meint
Das ist das Anfangsbild vom Feind
Er passt mir nicht er liegt mir nicht
Das ist das nicht und find ihn schlicht

Geschmacklos und hat keinen Grips
Und außerdem sein bunter Schlips
Dann setzt sich in Bewegung leis
Der Hochmut und der Teufelskreis

Und sagt man was dagegen mal
Dann heißt's: Wer ist denn hier normal
Ich oder er du oder ich
Ich find den Typen widerlich

Und wenn du einen Penner siehst
Der sich sein Brot vom Dreck aufliest
Dann sagt ein Mann zu seiner Frau
Guck dir den Schmierfink an die Sau

Verwahrlost bis zum dorthinaus
Ja früher warf man die gleich raus
Und heute muss ich sie ernähr'n
Und unsereins darf sich nicht wehr´n

Und auch die Gastarbeiterpest
Der letzte Rest vom Menschenrest
Die sollt man alle das tät gut
Spießruten laufen lassen bis auf's Blut

Das hamwer doch schon mal gehört
Da hat man die gleich streng verhört
Verfolgt gehetzt und für und für
Ins Lager reingepfercht und hier

Hat man sie dann erschlagen all
Die Kinder mal auf jeden Fall
Die hatten keinem was getan
Was ist das für ein Größenwahn

das lodert auf im Handumdrehn
Und ist auf einmal Weltgeschehn
Denn plötzlich steht an jedem Haus
Die Juden und Zigeuner raus

Nur weil kein Mensch derselbe ist
Und weiß und schwarz und gelbe ist
Wird er verbrannt ob Frau ob Mann
Und das fängt schon von klein auf an

Und wenn ihr heute Dreirad fahrt
Ihr Sterblichen noch klein und zart
Es ist doch eure schönste Zeit
voll Phantasie und Kindlichkeit

Lasst keinen kommen der da sagt
Dass ihm dein Spielfreund nicht behagt
Dann stellt euch vor das Türkenkind
dass ihm kein Leids und Tränen sind

Dann nehmt euch alle an die Hand
Und nehmt auch den der nicht erkannt
Dass früh schon in uns allen brennt
Das was man den Faschismus nennt

Nur wenn wir eins sind überall
Dann gibt es keinen neuen Fall
Von Auschwitz bis nach Buchenwald
Und wer's nicht spürt der merkt es bald

Nur wenn wir in uns alle sehn
Besiegen wir das Phänomen
Nur wenn wir alle in uns sind
Fliegt keine Asche mehr im Wind


Ich verneige mich in Ehrfurcht vor den Opfern des Attentäters von Hanau. 
Möge Gott, der Herr sie in sein Reich aufnehmen und ihnen Frieden schenken. 
Mögen die Wunden der Verletzten, der Freunde, Angehörigen und Familien heilen. 
....
....
Amen!

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