Freitag, 1. Oktober 2021

Ein neuer Anfang auf synodalen Wegen?

Ich muss gestehen, dass ich den sogenannten Synodalen Weg meiner Kirche von Anfang an skeptisch gesehen habe. Aus vielerlei Gründen sind und waren meine Erwartungen daran nicht hoch gesteckt. Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass ich ihn mit mehr Aufmerksamkeit verfolgt habe, als ursprünglich gedacht.

Das "verdanke" ich vielen kirchlich-konservativen Freunden, die jede Regung des synodalen Weges mit Gegenwind und Abwehr begleitet haben.

Skeptisch war ich, weil ich selbst viele Jahre Mitglied in einem synodalen Beratungsgremium des Bischofs von Münster, im sogenannten Diözesanpastoralrat war (damals, während meiner Ausbildungszeit ab ca. 1993 als erster angehender Pastoralreferent überhaupt), später erneut als gewählter Vertreter der Pastoralreferenten im Bistum Münster. In diese Zeit fiel auch der – heute offenbar weitgehend vergessene – Zukunftsprozess im Bistum Münster, das Diözesanforum „Mit einer Hoffnung unterwegs“. Insofern habe ich „synodale Erfahrungen“ in der Beratung eines Bistums und im Gespräch mit Bischöfen und Bistumsleitung. In Erinnerung ist mir noch, wie sensibel dabei stets die Frage der Leitung in der Kirche war. Sobald das Stichwort fiel, sprang mindestes ein Mitglied der Bistumsleitung auf und betonte, wie wichtig es sei, dass diese unter allen Umständen in den Händen des Priesters liege und das der Anteil der Laien daran nur in der Beratung des jeweiligen Priesters oder Bischofs liegen könne. Selbst wenn es in mancher konkreten Leitungsfrage einfach nur um praktische Dinge ging, die allemal ein Laie regeln könnte.

Weiter in Erinnerung geblieben ist mir die Antwort des Bischofs auf die Frage, warum alle Leitungspositionen in der Diözesanverwaltung mit Priestern besetzt seien: „Ja was denken Sie denn, welche Gehälter ich Fachleuten zahlen müßte.“

Um mich mit den vielen Papieren des synodalen Wegs auseinanderzusetzen, fehlte mir bisher die Zeit. Zumal ich ihren konkreten Entstehungsprozess nicht kenne, sie sowieso noch überarbeitet werden und ich keinerlei Einfluss darauf habe, was damit geschieht. Es sei denn, ich würde mir bekannte Synodale daraufhin „bearbeiten“. Inzwischen bin ich auch mit einigen von Ihnen bei fb „befreundet“ und habe einzelne Themen auch mit ihnen persönlich diskutiert.

Was mir zugegebenermaßen mehr und mehr gegen den Strich geht, ist der Popanz, der von interessierter Seite aus dem Synodalen Weg gemacht wird. Beispielhaft einmal auf die Spitze getrieben in einer heutigen Wortmeldung einer facebook-Seite namens: „Wir sind katholisch“.

"Aufruf betr. der momentanen Tagung des Synodalen Weges

Was momentan in Frankfurt während der Tagung des Synodalen Weges abläuft, ist eine Kreuzigung der Kath. Kirche und somit eine erneute Kreuzigung Jesu.
Bitte betet den Rosenkranz um Reinigung der "deutschen" Kirche!
Rom muss das Schisma feststellen. Die kleine übrigbleibende römisch-katholische Herde muss in Deutschland neu beginnen.
Schreibt über die ungeheuerlichen Vorgänge in Frankfurt (Abspaltung von Rom, Abstimmungen gegen die röm. kath. Lehre) an die Glaubenskongragation.
Sie - Luis Kardinal Ladaria SJ - muss jetzt eingreifen, bevor "alles" zerstört ist!

Es folgen die Beschwerdeanschriften der Glaubenskongregation und der Nuntiatur.

Andere Akteure beschwören gerade wieder das „Schisma“ oder schreiben jedes erdenkliche kirchliche Forum mit ihren immergleichen Kommentaren voll. Die Wortmeldungen lassen inzwischen jede Sachlichkeit vermissen: "Der SW ist häretisch. Er ist ein bösartiges Krebsgeschwür im mystischen Leib Christi." schreibt allen Ernstes ein deutscher Priester. Bei Kirchenkrise.de schrieb der 33jährige Patrick: „Warum sucht ihr euch nicht einfach eine andere Kirche und sägt nicht an den Pfeilern?“

Meine Antwort darauf war: „Das Bild ist schräg. "Sägt an den Pfeilern?" Das wäre ja grundsätzlich und immer falsch. Ich habe da eher ein vielfach umgebautes und verwinkeltes Haus im Blick. Es wird Zeit, es endlich zu sanieren, neu zu gestalten, alte Details und Substanz sichtbar zu machen, spätere Einbauten zu entfernen, mehr Licht reinzulassen... Dazu muss ein guter Statiker die tragenden Wände identifizieren und klar machen: "Hier muss alles so bleiben, wie es ist." Aber manche andere Wand kann durchbrochen, manches düstere Hucke mit Licht versorgt werden. Ich liebe mein Haus und finde viele schöne Räume darin. Aber leider auch "menschenunwürdige Schmuddelbuden" die dringend frische Luft und mehr Licht brauchen. Die Pfeiler müssen unbedingt stehen bleiben. Und Katholiken sind einfach konservativ und ziehen ungern in schöne Neubauten. Von daher weigere ich mich, mich von anderen Glaubensgemeinschaften locken zu lassen, deren Schattenseiten ich erst erkenne, wenn ich eingezogen bin. Ich will mein Zuhause schön.“

Nun ja, auch die Papiere auf der Alternativseite von Bischof Voderholzer mochte ich mir nicht in Gänze durchlesen. Die Lust dazu hat mir der Bischof allerdings selbst verleidet, als er in seiner letzten Predigt von einer notwendigen „historischen Einordnung der Missbrauchsfälle“ sprach und erneut die MHG – Studie und deren Verfasser angriff. Seine Haltung gipfelte jetzt in Bemerkungen bei der Vollversammlung des „Synodalen Wegs“ am 1. Oktober. Da sprach er von einer "geradezu dogmatisch überhöhten MHG-Studie" und später "Was ich ablehne ist ein Lehramt der Betroffenen." Diese Art zu reden verletzt. Sollen die Opfer weiter schweigen? Hoffentlich hat er die Größe, sich dafür zu entschuldigen.

Damit übertrifft er nämlich noch das Geraune des Bischofs Stephan Ackermann über die „Aktivisten“ unter den Betroffenen. Ja sicher, der Umgang mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs ist manchmal eine Herausforderung für jene, die ein helles Bild der Kirche im Herzen und in der Biografie haben (dürfen) und die Schattenseiten nicht erleiden mussten. Aber das Reich der Studien (MHG, Gehrke-Gutachten, WHS-Studie für Aachen) ist doch durchweg sachlich und von Übertreibungen frei. Auch Aufrufe zum Revoluzzertum sind mir dort nicht begegnet. Nur Fragen, die eine saubere Antwort brauchen. 

Den sogenannten „Missbrauch mit dem Missbrauch“ habe ich schon in einem vorigen Artikel hier in Frage gestellt. Dass diese These immer noch geritten wird, irritiert. Man könnte das inzwischen „Missbrauch mit dem Missbrauch des Missbrauchs“ nennen. Selbstverständlich müssen mir die Schlussfolgerungen, die jemand zieht, nachdem er das Ausmaß von sexuellem Missbrauch in der Kirche wahrgenommen hat, nicht gefallen. Aber dann muss ich in der Sache widersprechen und nicht mit dem Spruch vom „Missbrauch mit dem Missbrauch“ dessen Vorschläge deligitimieren, als seien seine Forderungen ein erneuter Missbrauch der Betroffenen, er also eine Art „Mittäter“, weil er profitiere ja vom Missbrauch, wenn seine Forderungen erfüllt würden. Erstaunlich, dass es keinem Bischof gelingt, ein flammendes Plädoyer für den Wert des Zölibats zu halten, der die ganze Aula nachdenklich stimmt.Nein lieber verlegen sie sich auf Predigten, Zusendung von Fachartikeln, Interviews und eigene Webseiten.Oder verabschieden sich gleich ganz aus der Diskussion.

Auf jeden Fall kam es mir jetzt gerade passend, dass nun eine Initiative in 9 relativ knapp gefassten Punkten den ganzen synodalen Prozess vom Kopf auf die Füße stellen möchte. Sie nennt sich „neuer Anfang“. Mein fb-Freund Bernhard Meuser war hier wohl an vorderster Stelle beteiligt. Da sich seine Einlassungen eigentlich immer aufschlußreich und iinteressant finde (so wie auch sein Buch „Freie Liebe“ – Über neue Sexualmoral) schien es mir, dass es sich lohnen könnte, einmal diese Thesen zu bedenken und so besser zu verstehen, worum es bei der Kritik am Synodalen Weg geht. Zumal diese Reform-Manifest ja hochaktuell und just passend zur Vollversammlung des synodalen Wegs unter die Leute gebracht wurde.

Nachfolgend möchte ich zur Präambel und den 9 Punkten spontane Eindrücke aufschreiben.

Die Präambel geht davon aus, dass „der Synodale Weg auf dramatische Weise den Ansatz wahrer Reform“ verfehle und in seiner Fixierung auf äußere Strukturen am Kern der Krise vorbei gehe. Reform brauche Umkehr und lebensverändernde Neuentdeckung des Evangeliums.

1. Legitimation

Den fett geschriebenen Merktext kann ich unterschreiben. In der Erklärung wird die Legitimation des synodalen Weges bestritten, denn die beteiligten Laien seien „Vertreter von Vereinen, Gremien und Verbänden und willkürlich hinzugezogene Dritte.“ welche „weder durch Sendung noch durch Repräsentation legitimiert seien.“

Soweit ich weiß, sind zahlreiche Vertreter des synodalen Weges Bischöfe und Weihbischöfe, dazu kommen gewählte Vertreter von Priestern, Diakonen, Pastoralreferenten, Ordensleuten, geistlichen Gemeinschaften und akademischen Theologen. Sogar eine Vertreterin von Maria 1.0 ist dabei, weitere konservative Gruppen hatten eine Einladung zur Mitwirkung ausgeschlagen. Man kann sicher über die Frage diskutieren, wie die Laien in diesem Gremium dorthin entsandt wurden und wie repräsentativ sie sind. Aber ihnen in Bausch und Bogen jegliche Legitimation abzusprechen finde ich problematisch. Die haben sie nämlich durchaus, nicht nur durch ihre Entsendung über diözesane Gremien, das ZdK und Vereine, Gemeinschaften und Verbände sondern auch über ihre Kompetenz und Sachkunde. Fragwürdig bleibt sicher, wie die normalen Katholiken von der Basis mehr eingebunden werden könnten.

Sicher korrekt ist der Verweis auf die vom Papst angesetzte Weltsynode auf deren „allgemeinverbindliche Beschlüsse“ wir aber noch warten müssen. Was spricht dagegen, die Vorarbeit des synodalen Weges in Deutschland hier einzubringen?


2. Reformkonzept

Auch hier ist der Überschrift sicher zuzustimmen.

Dem synodalen Weg wird unterstellt, es ginge nicht um echte Reformen durch Bekehrung und spirituelle Erneuerung. Man wolle das Modell der „hochinstitutionalisierten „Betreuungskirche““ durch Modernisierung und Anpassung retten. Als Gegenmodell wird eine Kirche des „real geteilten geistlichen Lebens, in der Menschen zu einer Lerngemeinschaft des Glaubens werden“ vorgestellt. Dies sei von vornherein nicht im Blick. Wie konkret dieses Gegenmodell zu erreichen ist und was geschehen muss, um die Kirche von heute vor „Verbürgerlichung“ zu bewahren wird leider nicht verraten. Soll die Kirche sich von großen Verwaltungen, Kindergärten, Krankenhäusern, Schulen etc. trennen? „Kirche solle sich nicht wie ein Unternehmen verhalten, das sein Angebot verändere, wenn die Nachfrage nachläßt...“ In diesem Sinne wird Kardinal Bergoglio zitiert. Soll also doch im Kern alles bleiben? Oder bedarf es einer „Reform an Haupt und Gliedern“. Selbstverständlich kann es nicht darum gehen, die Kirche und ihre Botschaft "leicht verdaulich" zu machen. Glaube ist kein frommer Zuckerguss über einer heillosen Welt. Kirche als Institution wird weiter quer zu vielem stehen, was in modernen Gesellschaften weitgehender oder auch unausgesprochener Konsenz ist. Eine stromlinenförmige Kirche die überall mitschwimmt ist bald obsolet. Ich sehe aber angesichts des Anspruchs des Evangeliums nicht das Risiko, das der synodale Weg die Ecken und Kanten der Institution völlig abschleift.


3. Einheit mit der ganzen Weltkirche

Übereinstimmend mit vielen Stimmen im Synodalen Weg wird eine „deutsche Sonderkirche" abgelehnt. Das Papier „Neu anfangen! Das Reform-Manifest“ behauptet, dass man römische und päpstliche „Einsprüche“ zu Themen des „Synodalen Weges“ „ignoriert, relativiert und sogar lächerlich gemacht“ habe. Man möchte sich selbst an einer „Kirche des Ungehorsams und der Rebellion“ nicht beteiligen.

Hier werden offenbar Beschlüsse des „Synodalen Weges“ erwartet, aufgrund von lautstarken Einzelstimmen von Teilnehmern oder gar aus der allgemeinen kirchlichen Öffentlichkeit, die teils gar nicht in den Beratungen präsent sind. Soweit ich das verfolgen konnte (ja, ich habe doch den ein oder anderen Text gelesen) sind in den Grundtexten sehr vielschichtige Überlegungen festgehalten, die teilweise auch von außen kritisiert und als „Sonderweg“ gestempelt werden. Dazu hat sich jüngst ja auch Kardinal Kasper zu Wort gemeldet. Ob das in der Tat so ist (und wird) und ob die Einsprüche des Papstes, aus Rom und der Weltkirche kein Gehör finden, das ist noch gar nicht erwiesen. Wenngleich ich die Vermutung teile, dass manches davon sich an traditioneller Lehre reiben wird. Dennoch: der lautstarke und scharfe Protest antizipiert Ergebnisse, die noch gar nicht auf dem Tisch liegen. Und mir fehlt ehrlich gesagt die Phantasie, dass ausgerechnet die deutschen Bischöfe mit großer Mehrheit einem Umsturz in der Kirche und einer Reform an "Haupt und Gliedern" zustimmen.


4. Macht

Hier taucht der Begriff des „Missbrauchs mit dem Missbrauch“ leider wieder auf. Im vorangestellten Merktext kann ich soweit mitgehen, bis der Begriff „Herrschaft der Büros“ als Gegengewicht zum „falschen Machtgebrauch von Hirten“ eingeführt wird. Was damit gemeint sein soll, kann man nur vermuten. Vermutlich gewisse Fachabteilungen in den Ordinariaten.

Die Autoren des Manifestes lehnen die These ab, dass „klerikale Ignoranz, mangelnde Partizipation und fehlende Demokratie“ mit ursächlich für die Missbrauchstaten seien. Immerhin wird eingestanden, dass es „Machtmissbrauch in der Kirche“ gebe, es fehle an „Wertschätzung und echter Partizipation von Laien, insbesondere von Frauen.“ Man wolle aber „keine Kirche der Beamten und Funktionäre, der aufgeblähten Apparate und des dauerinstallierten Geschwätzes.“

Hm, wer will das schon? Der „Synodale Weg“? Die Verfasser des Manifestes möchten keine Kirche, die „Berufungen durch Anstellungen, Hingabe durch Vertrag und Vertrauen durch Kontrolle ersetzt werden.“ Sondern eine „einfache, dienende und betenden Kirche in der Nachfolge Christi.“ Wie dies erreicht werden soll bleibt allerdings im Dunkel. Und ich wüßte gern, warum Berufene nicht auch von der Kirche angestellt werden können, wenn sie ihre ganze Kraft in deren Dienst stellen möchten und die Kirche ihren Dienst braucht. Schon Paulus hält es für möglich, dass die Gemeinden Menschen für ihren Dienst ernähren und versorgen.


5. Frauen

Diese These habe ich mit Spannung erwartet. Es wird gefordert, dass „Frauen auf allen Ebenen in der Kirche die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer haben und selbstverständlich auch an leitender Stelle handeln können.“ Nicht mehr mitgehen will man, wenn sich diese Forderung auch auf sakramentale Ämter in der Kirche beziehe und zitiert dazu Ordinatio sacerdotalis. Auch hier liegt meines Wissens noch kein Entscheid des „Synodalen Weges“ und keine Formulierung vor. Denkbar, dass diese Forderung gar nicht erhoben wird, sondern einzig ein diakonales Amt der Frau eingefordert würde? Etwas, was ja sogar der Papst aktuell prüfen läßt. Leider endet dieser Abschnitt mit einer sehr allgemeinen Erklärung: Es sei „die Nagelprobe echter Erneuerung“, sich „zur spezifischen Berufung von Frauen in der Kirche zu bekennen, ihre Stärke dankbar anzunehmen.“ „Ihr Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft.“ Hier endet diese These leider wieder ohne konkrete Vorschläge, wie das – beispielhaft – oder umfassend geschehen könnte. Wie kann die Art und Weise kirchlicher Machtausübung wieder stärker Dienstcharakter bekommen und wie können Frauen konkret mehr Einfluss auf die Gestaltung der Seelsorge und des kirchlichen Lebens nehmen?


6. Ehe

Hier erkenne ich Bernhard Meusers Gedanken aus seinem Buch wieder. Es wird beklagt, dass es neben der Ehe heute vielfältige andere Formen des Zusammenlebens gebe. Dem Synodalen Weg wird hier „beschönigende Wertschätzung“ vorgeworfen. Man wolle die „Alleingeltung der Ehe“ durch ihre „Höchstgeltung“ ersetzen. Es fehle daher die Sicht auf die „Mängel oder die Sündhaftigkeit dieser Verbindungen“ und die „Not und Suche an sich gläubiger Menschen“. Dagegen halten die Autoren des Manifestes die „Ehe als eigentlichen und legitimen Ort von Sexualität und normative Form“ hoch, in der die Kinder die Liebe „ihrer leiblichen Mutter und ihres leiblichen Vaters“ erfahren. Ich dachte: Wie lesen das wohl meine Freunde, die sich liebevoll um ihren behinderten, adoptierten Sohn kümmern? Was mit „Fragmentierung“ menschlicher Sexualität, die „letztlich menschenfeindlich“ sei gemeint sein soll hätte ich auch gern besser erklärt. Das erschließt sich wohl nur im Kontext der Lektüre von Meusers Buch. Hier könnten die Autoren eigentlich schon zitieren, was später in Punkt 7 erwähnt wird, ein Verweis auf die Worte des Papstes in „Amoris laetitia“, der eine barmherzigere Sicht formuliert. Bei mir bleibt die Frage offen, was konkret das Reformmanifest an kirchlicher Verkündigung mit Blick auf die steigende Zahl der Menschen die unverheiratet, gleichgeschlechtlich, wiederverheiratet zusammen leben empfiehlt und wie die Ehe wieder zur normativen Form werden könnte in einer immer weniger vom Christentum geprägten Gesellschaft.


7. Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften

Dieser Abschnitt beginnt mit den schönen Worten von Papst Franziskus aus Amoris laetitia. Er besteht zu 2/3 aus dem entsprechenden Zitat, um dann aber zu beklagen, dass der „Synodale Weg“ die „Gebrochenheit der menschlichen Natur“ nicht mehr in Rechnung stelle. Er lehne damit die „fruchtbare Komplementarität der Geschlechter“ in der Schöpfungsordnung ab und unterminiere die „Normativität der Ehe“. Auch hier erwarte ich gespannt, wie der synodale Weg entscheiden wird und wie er sich zu diesen wesentlichen Fragen stellt. Einen Vorschlag für die Seelsorge und den konkreten Umgang mit solchen "irregulären Partnerschaften" macht das Manifest nicht. Ich hoffe aber, es macht sich die zitierten Worte des Papstes zu Eigen.


8. Laien und Priester

Laien, so heißt es, „müssen (angesichts des Priestermangels) alle Aufgaben übernehmen, zu denen man die priesterliche Berufung nicht unbedingt benötigt.“ Im Text wird dann die Lehre der Kirche zum Priesteramt kurz zusammengefasst und dem synodalen Weg vorgeworfen, er „verdunkelt diese spezifische Berufung des Priesters, indem er den Priester theologisch und strategisch marginalisiert“ und versuche „theologisch qualifizierte Laien ohne Weihe funktional in Priesterersatz-Positionen hineinzuheben.“ Ich frage mich: „Sind wir Gemeinde-/Pastoralreferent*innen hier gemeint?“ Man halte dies für „durchsichtigen Lobbyismus“. Nur von wem? Von den Laienvertretern? Aber die Mehrzahl der Mitglieder des synodalen Weges sind doch geweihte Kleriker, wie kann sich da eine Lobby durchsetzen? Unsere Berufsgruppe stellt nur wenige Vertreter. Spannend wäre ja die Antwort auf die Frage, wie es bei zunehmendem Priestermangel mit den Pfarreien in Deutschland weiter gehen soll und welche konkreten Aufgaben Laien für den weiteren Bestand der ordentlichen Seelsorge übernehmen sollen, damit die Priester frei sind für andere (welche?) Aufgaben. Sollen immer mehr Pfarreien aufgelöst und unter der Leitung eines Pfarrers zusammengeführt/fusioniert werden? Was ist mit vakanten Pfarreien? Dürfen Laien demnächst taufen, Sonntagsfeiern halten und bei der Eheschließung katholischer Paare assistieren? Oder bleibt in vielen Dorfkirchen der Altar verwaist? Sehen wir bald Massentrauungen am Bischofssitz? Wer erfüllt das Gebot der Barmherzigkeit „Tote zu begraben“ und Kranke zu salben, wenn ein Priester der Hirte von 20.000 bis 35.000 Katholiken sein soll? Ich strebe gar keine „Klerikalisierung“ an, im Gegenteil. Aber Menschen, die seelsorgliche Begleitung suchen, für die möchte ich da sein oder sie an einen Priester weiter vermitteln, der sich ihrer annimmt. Und dafür brauche ich heute Entscheidungen und Klärungen und nicht erst dann, wenn mein Pfarrer einmal emeritiert ist und in den benachbarten Städten keiner mehr kurzfristig erreichbar ist

 

9. Missbrauch

Erneut stimme ich dem Merksatz zu. Bis auf das abschließende Stichwort vom „Missbrauch mit dem Missbrauch“. Dem Synodalen Weg wird vorgeworfen, er instrumentalisiere ihn „zur Durchsetzung einer lang bekannten, kirchenpolitischen Agenda“. Er werde benutzt „um sachfremde Ziele und Positionen kirchlich durchzusetzen“. Mich wundert nicht, dass einige Teilnehmer des Synodalen Weges die Frage stellen, ob der Zölibat der Priester möglicherweise eine Bedeutung im Kontext der Missbrauchstaten haben könnte. Das wird sicher jene bestärken, die diesen aus anderen Gründen bereits ablehnen. Aber ist das nicht eine legitim katholische Position angesichts der Tatsache, dass katholische Teilkirchen verheiratete Priester kennen? Die Aufdeckung des Missbrauchs bestärkt sie in ihren bisherigen Überzeugungen. Ist das nicht verständlich, ja naheliegend?

Das Manifest mahnt dagegen zur „größten Sorgfalt“ in der Diskussion. Und bringt (als sei dies nicht vielfach schon diskutiert und gedeutet worden) den Aspekt ein, dass angeblich „80 Prozent der Übergriffe im „katholischen“ Raum gleichgeschlechtlicher Natur“ seien. Es beklagt, dass solche „Fakten“ vom Synodalen Weg ignoriert würden. In anderen Kirchen käme es überwiegend zu „heterosexuellem Missbrauch“. Man spricht von einem „Stellvertreterkrieg, auf dem es in Wahrheit um Claims einer liberalen Kirchenagenda“ ging. Es bleibt etwas rätselhaft, was man damit konkret aussagen will. Ich vermute einmal, dass der Vorwurf einfacher ausgedrückt lautet: „Gewisse homophile Kirchenkreise möchten die Diskussion über die sexuelle Orientierung der Täter vermeiden.“ Stimmts? Aber, folgt man dieser Argumentation, so brächte der Zölibat der Kirche offenar nicht nur heilige Priester, sondern gleichzeitig erschreckend zahlreich homosexuelle, übergriffige Tätertypen im Priesterhemd ein. Damit stellt man Fragen an die Kriterien der Auswahl von Priestern nach 1945, also die Zeit, für die wir mehr über die Übergriffe wissen. Da die Taten zumeist seit den 50er Jahren dokumentiert wurden, sprechen wir damit über deutlich frühere Weihejahrgänge, da ja bekanntlich zwischen Weihe und den ersten dokumentierten Taten im Durchschnitt 14 Jahre liegen. Das ist dann aber Jahrzehnte vor der „sexuellen Revolution“, die ja anderweitig gern für die Missbrauchsverbrechen in Haftung genommen wird. In einer Zeit, die gern noch als "heile Welt der Kirche" verklärt wird.

Der tatsächliche, systemische Hintergrund der Vertuschung liege in einer „um sich selbst kreisenden Kirche, der es mehr um ihr Image als um die Opfer geht.“ Da ist sicher auch was dran, aber nach meiner historischen Kenntnis gehörten mutmaßliche sexuelle Übergriffe zu den vom Nationalsozialismus regelmäßig vorgebrachten Beschuldigungen im Kampf gegen die Kirche. Diese Abwehrhaltung wird in den ersten Jahren sicher noch wirksam geblieben sein. Nach dem Krieg ging es der Kirche dann sicher sehr um ihr Image, bzw. wurde die Dimension der Taten möglicherweise nicht erkannt. Das hängt bestimmt auch mit einer gewissen Tabuisierung von Sexualität, mit einer rigiden Durchsetzung moralischer Leitideen (und Übergriffigkeiten z.B. in der Beichte und kirchlichen Kindererziehung) und einem Desinteresse an dem weiten Feld der Sexualität der Priester zusammen. 

So richtig deutlich wird das Reform-Manifest leider auch nicht, welche Schritte man denn nun gegen Missbrauch in der Kirche wünscht. Die beliebte Verkürzung „es waren die Schwulen“ reicht als Erklärung für die Missbrauchstaten nicht aus. Zumal die Studien ja auch feststellen, dass die sexuelle Orientierung der Täter mit dem Geschlecht der Opfer in aller Regel wenig zu tun hat. Auch gibt es ja überzeugende Begründungen, warum im katholischen Raum so viele Jungen zu Opfern wurden. Im Vergleich zu anderen Kirchen waren hier weit mehr Jungen in der Jugendarbeit aktiv, die auch in der Regel von Priestern/Brüdern betreut wurden. Mädchen waren keine Messdiener, in Jungeninternaten und Heimen waren Patres und Brüder eingesetzt, bei den Mädchen eher Ordensschwestern. Dennoch bleibt sicher ein Anteil von Tätern, die nicht in Frieden mit ihrer homosexuellen Orientierung im Raum der Kirche Zuflucht im Priesteramt gesucht haben, möglicherweise auch Pädophile/Ephebophile und die aufgrund des Zölibats hofften, hier ihren als falsch empfundenen Trieb überwinden zu können. Das ist alles ausgesprochen vielschichtig und individuell. Auch die sexuelle Revolution hat ihren Teil daran. 

Aber, wenn das Manifest schon Sorgfalt einfordert, dann sollte es sie zumindest hier auch eindeutig liefern. Die Gleichung Opfer = Junge, Täter = schwul geht jedenfalls in keiner Weise auf.

 

Unter dem Strich bin ich enttäuscht vom Reform-Manifest. Ich hatte viel mehr erwartet, eine substantielle Kritik an den bisherigen Weichenstellungen, konkrete Idee für eine Erneuerung der Kirche, Kompromissvorschläge, die möglichst viele Positionen zusammenführen... Ich bin keineswegs ein Anhänger populärer Reformschritte, weil ich ebenfalls glaube, dass wir allein mit der Weihe von Frauen, der Segnung von Homosexuellen und der Aufhebung des Zölibats die Krise der Kirche und der christlichen Religion nicht überwinden werden. Ich fürchte auch, dass wir vom synodalen Weg einen Bildband und einen Textband mit wohl abgewogenen, langen und komplizierten Texten zurückbehalten, die beide irgendwann im Buchregal der Fachtheologen verstauben

"Die Kirche bedarf einer Reform an Haupt und Gliedern,
aber jede echte Reform in der Kirche beginnt
mit Bekehrung und spiritueller Erneuerung.

Die Kirche gewann noch nie Salz und Licht zurück
durch Reduzierung der Ansprüche
und strukturelle Anpassung an die Welt."

Das klingt ein wenig nach der Radikalität eines Franziskus von Assisi. Leider finde ich im Text fast gar keine Ideen und Vorschläge, wie das alles umgesetzt werden kann. Allenfalls wohlig-konservative Wunschbilder und klare Ansagen, was man nicht will. Und leider kaum neue Antworten auf die vielen  (bohrenden) Fragen, die in der Kirche und im „Synodalen Weg“ (oft zur Recht) gestellt werden.

Im Grunde ist das Reform-Manifest keines, sieht man mal von der möglichen Deutung ab, dass das „neu Anfangen“ sich vielleicht auf den Wunsch eines Neustarts eines innerkirchlichen Diskurses bezieht, der ausdrücklich auch die konservativ-bewahrenden Kräfte mit einbezieht. Wie das konkret gelingen könnte und was die (anonymen) Autoren und vermutlich zahlreichen Unterstützer des Papiers dazu beitragen möchten, das würde mich brennend interessieren.

Der Monolog ist da sicher nicht tauglich, auch nicht stapelweise neue und kirchentreue Aufsätze, Vorträge oder gar Bücher. Es braucht gute, überzeugende Antworten auf kritisch und manchmal hart gestellte Fragen. Und das - wenn nötig - auch in zwei, drei Sätzen. Zum Beispiel auf die Fragen der Missbrauchsopfer, die eine angemessene "Wiedergutmachung" wünschen. Auf die Frage der Gesellschaft und der Gläubigen, wie die Kirche ein sicherer Raum werden kann. Wie unsere Kinder vor Indoktrinierung geschützt werden und eigenständige Persönlichkeiten mit eigenständigen Überzeugungen werden können. Wie können wir als Kirche kritische Fragen der Gesellschaft klar beantworten, wenn unsere Positionen quer zum gesellschaftlichen Konsens liegen?

Und so lade ich die Autoren des Manifestes, die Mitglieder des Arbeitskreises Christliche Anthropologie, dazu ein, zu den neun Thesen jeweils konkrete Reformideen zu formulieren und Beispiele für gelingende Reformen zu nennen. Und vielleicht wäre es ja wirklich möglich, den Dialog über alle Gräben hinweg neu zu starten und einen respektvollen und ergebnisoffenen Dialog zu beginnen. Der ist leider selten geworden. (Was mitnichten allein die Schuld der Konservativen ist.)

Gerade heute wurde ich wieder an ein Erlebnis bei einem Katholikentag vor Jahren erinnert. Am Rande eines Standes der Piusbruderschaft entstand eine erregte Diskussion über den Weg der Kirche. Nach und nach kamen immer mehr Passanten dazu und mischten sich ein. Manchmal wurde aufgeregt geschrien. Ich versuchte etwas zu moderieren, so dass die einzelnen Redner ihre Gedanken bis zum Ende vortragen konnten. Es ging über eine Stunde lang und lief nach und nach in ruhigere Bahnen. Schließlich wollten einige der eher Progressiven weitergehen, weil sie noch andere Pläne hatten. Der Priester der Piusbruderschaft schlug dann vor, abschließend ein Vater unser zu beten. Alle stimmten zu und so sprachen wir gemeinsam das Vater unser, um dann in Frieden auseinander zu gehen. 

Ich bin nach wie vor kein Fan des Synodalen Wegs. Ich sehe vieles kritisch. Viele Lautsprecher dort holen mich nicht ab. Ich bin auch von manchen Reformideen nicht überzeugt. Aber wirklich substanzielle und weiterführende Kritik findet sich viel zu selten (da war kürzlich ein Beitrag von Felix Neumann auf katholisch.de). Und die Kritik aus dem sog. papsttreuen und kirchentreuen Lager überzeugt mich leider gar nicht. Da ist der SW allzu oft ein Popanz, ein Krebsgeschwür, eine erneute Kreuzigung Christi. Man spürt keine Akzeptanz der Anderen, nicht den Gedanken, dass auch im synodalen Weg Menschen die Kirche lieben; antizipiert Ergebnisse, die noch nirgendwo vorliegen, tut so als gäbe es dort schon Einigkeit, wo noch um Themen gerungen wird. Kaum etwas davon ist wirklich weiterführend oder gar einladend zum Dialog. Dieses Reform-Manifest leider auch nicht. Viele Worte, nur um zu sagen: "Wir lehnen das ab! Wir wollen das nicht!" Kein einziges gutes Haar und wertschätzendes Wort für die Schwestern und Brüder mit anderer Auffassung. Schade, trotz des ermutigenden Titels: eine weitere Chance für einen neuen Anfang scheint vertan. 

Ob es wohl irgendwann gelingt, eine neue Tür zu öffnen?
"Komm her, öffne dem Herrn dein Herz;
deinem Bruder/deiner Schwester öffne das Herz und erkenne in ihr/ihm den Herrn. 

Der Text des Reform-Manifest: www.neueranfang.online 

1 Kommentar:

  1. Es stellt sich die Frage, warum diese Menschen, die kaum christlich, aber ganz gewiß nicht katholisch sind, soviel Energie aufwenden, um die Kirche, die ihnen dem Wesen nach völlig fremd ist, nach ihren Vorstellungen umzubauen.
    Spirituelle Gründe sind hier sicherlich auszuschließen, hier geht nicht um den katholischen Glauben, hier geht es um die Marke „Katholisch“.
    An der Marke hängt der Mammon. Jemand, der von Kirchensteuermitteln alimentiert wird, kann die Kirche eben nicht so einfach verlassen und sich einer der kirchlichen Gemeinschaften anschließen oder gar sich ganz vom Christentum verabschieden. Wer die Marke aufgibt, gibt seine finanzielle Existenz auf.
    Die Marke muß deshalb auf jedem Fall gesichert werden, auch wenn sie dabei innerlich zerstört wird. Für dieses Ziel lohnen sich der eine oder andere Umweg und die Energie, die man in ihn hineinsteckt.

    AntwortenLöschen