Mittwoch, 24. Juni 2026

Römische Macht - Worte

Das Bild zeigt keine Laienpredigerin, 
sondern die großartige Lektorin, die 
während der Amtseinführung des Bischofs
von Münster die Lesung vortrug. (Screenshot)
Eigentlich ist der Präfekt der Liturgiekongregation, Arthur Kardinal Roche ja der Gottseibeiuns der von seinem Vorgänger Kardinal Sarah sehr liebevoll gepflegten Anhänger des tridentinischen, zumindest aber der rubrikentreu zelebrierten römischen Messfeier. 

Da erstaunt es, dass er just von seinen bisherigen Gegnern gerade begeistert gefeiert wird, hat er doch dem Synodalen Weg und allen seinen Bischöfen mal wieder gezeigt was eine Harke ist. Auf die vorsichtige Frage, die mein neuer Bischof und noch recht frische Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Heiner Wilmer in Rom platziert hatte, ob es nicht irgendwie eine Ausnahmegenehmigung geben könnte, die qualifizierten Laien eine reguläre Predigt erlauben würde … gab es eine Antwort wie aus der kirchlichen KI. 

Vatikan-Gemini kurz zusammengefasst: Nein, das ginge nicht, weil ja nun mal die Wortverkündigung und das eucharistische Sakrament eine untrennbare Einheit seien und die Homilie, die Auslegung des Wortes Gottes zur Christusrepräsentanz des geweihten Priesters gehöre und daher nicht von Anderen wahrgenommen werden könne. 

Am vergangenen Mittwoch brachte der Papst diesen zentralen Gedanken in seiner Katechese zur Generalaudienz so ins Wort: „Diese beiden Teile der Messe, die Liturgie des Wortes und die Liturgie der Eucharistie, sind so eng miteinander verbunden, dass sie einen einzigen Kultakt ausmachen.“

Den Satz würde ich spontan unterschreiben und denke auch, dass jeder katholische Theologe diesen Grundgedanken mittragen sollte. Hat doch gerade das 2. Vatikanische Konzil den Wert der Predigt in diesem Sinne wieder neu entdeckt und gestärkt. 

Ältere unter uns, erinnern sich vielleicht noch, dass in der „vorkonziliaren“ Messe der Priester zur Predigt das Messgewand (oder wenigstens den Manipel) auszog, ein Birett aufsetzte und die Kanzel betrat, um – beinahe abgegrenzt von der Hl. Handlung - nun eine Belehrung, Katechese oder Erklärung äußern zu können. Ich habe das selbst bei den tridentinischen Messen, die ich besuchen konnte, manchmal so erlebt (nicht immer). Da wurden auch „Lesepredigten“ aus Büchern verwendet und vorgetragen. Dazu kam natürlich auch der Wechsel der Sprache von Latein zur Volkssprache. Seit dem 2. Vatikanum ist die Predigt wieder ein sichtbar und hörbar integralerer Bestandteil der Hl. Messe. 

Interessant ist dagegen bis heute, das Direktorium für die Feier von Kinder- und Familienmessen, das in Folge des 2. Vatikanums herausgegeben wurde. Dort lesen wir: „Es steht nichts im Wege, dass einer der an der Kindermesse teilnehmenden Erwachsenen im Einverständnis mit dem Pfarrer oder Kirchenrektor nach dem Evangelium eine Ansprache an die Kinder hält, vor allem wenn es dem Priester schwer fällt, sich dem Verständnis der Kinder anzupassen.“ Das setzt ja voraus, dass es Priester geben könnte, die (zumindest für diese Zielgruppe) nicht die richtigen Worte finden, und dass es hier und da Laien geben könnte, die einen Inhalt besser überbringen könnten. 

Hier kommen in Diskussionen gern auch die ständigen Diakone ins Spiel, immerhin Geweihte. Diese seien, zumal wenn sie Ehemänner, Familienväter, Berufstätige sind, aufgrund ihrer Erfahrungen im Leben manchmal näher dran und besser geeignet eine Predigt zu halten und diese Möglichkeit biete das kirchliche Recht ja. Insofern bestehe gar keine Notwendigkeit, auch noch Laien mit der Predigt zu beauftragen. 

Das Argument scheint mir aber doch auf etwas wackeligen Füßen zu stehen. Ohne den Wert der Diakone schmälern zu wollen, hier und da könnte auch die Stimme, Sichtweise und Erfahrung einer Frau hilfreich sein in der kirchlichen Verkündigung. Zumal weil ja unter den Zuhörenden überdurchschnittlich viele Frauen sind. Und Frauen, die finden sich in unserer Kirche ja nun mal nicht in geweihter Ausführung. Und selbst Äbtissinnen werden ja bei ihrer Weihe "nur gesegnet".

Das Ideal ist ja nun mal, dass die Hl. Messe eine Einheit ist. Der Weg diese Einheit auszudrücken ist für das kirchliche Lehramt offenbar jener, die Predigt in erster Linie dem zelebrierenden Priester oder Bischof vorzubehalten. 

Für jenen Fall aber, dass dieser auf dieses Vorrecht verzichtet, gibt es auch Ausnahmen. Beispielsweise eben den Diakon. Es ist ja auch nachvollziehbar, dass dieser – weil er ja während der ganzen Messe dabei ist und assistiert – diese Aufgabe stimmiger übernehmen kann als ein Laie, der vielleicht aus der Gemeinde zum Ambo hinauf gehend, das Wort Gottes auslegt – aber später wieder mit allen Anderen am Altar kniet. Die allermeisten Diakone haben eine etwas schmalere theologische und homilitische Ausbildung als der Priester, so dass der predigende Diakon dann doch nicht die Regel ist. 

Kardinal Roche schreibt über die Homilie: „Als eigenständiger Akt des Wortgottesdienstes ist sie untrennbar mit der Verkündigung des Evangeliums und mit dem Vorsitz der Feier verbunden und stellt eine spezifische Ausübung des munus docendi dar, die dem geweihten Amtsträger anvertraut ist.“

Er erinnert auch an die Grundordnung des Messbuches, wo es heißt: „In der Regel hat der zelebrierende Priester selbst die Homilie zu halten, oder sie ist von ihm einem konzelebrierenden Priester zu iibertragen, manchmal gegebenenfalls auch einem Diakon, niemals jedoch einem Laien.“ (GORM, Nr. 66).

Insofern ist dann auch die verbreitete Praxis nicht legitim, dass ein Priester nur seinen Predigtdienst in einer Kirche leistet, ohne selbst zu (kon-)zelebrieren. Das war zu meiner Jugendzeit eine häufige Praxis. Es kommt heute seltener vor, aber noch immer. Die allermeisten priesterlichen Prediger gehen zur Gabenbereitung, also nach dem Wortgottesdienst. Das wäre dann das Gegenteil von dem, was der Papst in seiner Katechese sagte, denn das trennt sichtbar (manchmal auch hörbar) die Einheit von Wort und Sakrament. 

Noch seltener kämen nach der Grundordnung die Diakone zum predigen, halt „manchmal gegebenenfalls“, wobei das stimmiger wäre, denn sie assistieren ja in der Eucharistie. Erinnert sei an das Motu proprio Benedikt XVI. „OMNIUM IN MENTEM“, in dem wir lesen: „Die die Bischofsweihe oder die Priesterweihe empfangen haben, erhalten die Sendung und die Vollmacht, in der Person Christi, des Hauptes, zu handeln; die Diakone hingegen die Kraft, dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe zu dienen.“

Die Predigt des Diakon müsste dann deutlich unterscheidbar sein von jener des zelebrierenden Priesters, da sie Liturgie und Verkündigung in der Diakonie am Volk Gottes vollziehen und nicht „in der Person Christi“. Wie auch immer das konkret umzusetzen ist. Auf jeden Fall bedeutet das, dass auch eine wesenhaft andersartige Predigt noch eine Homilie ist. 

Schließlich frage ich mich, was ist eigentlich mit jenen Predigten, die landauf landab durch Laien formuliert und von Geweihten vorgetragen werden? Schauen Sie mal in die Predigtliteratur... Findet dort eine Trans- oder Konsubstantiation vom Laienwort und -Gedanken zur echten Homilie statt?

Das hohe Konstrukt hat – so scheint es mir - ein paar Baumängel…

Interessant scheint mir die von Kardinal Roche in seinem Brief angeführte Bemerkung: „Situationen, in denen der Zelebrant verhindert ist — etwa aufgrund einer vorübergehenden körperlichen Beeinträchtigung —, stellen lediglich gelegentliche und zeitlich begrenzte Umstände dar, die nicht als Begründung einer dauerhaften pastoralen Notwendigkeit angesehen werden können“

Das kann doch eigentlich nur bedeuten, dass es Fälle gibt, wo der Zelebrant nicht predigen kann. Die Lösung lässt der Kardinal leider offen. Bedeutet es, dass dann die Predigt trotz ihrer bedeutenden Wertigkeit dann ausfallen muss oder bedeutet es, dass dann auch mal ein Laie einspringen kann? 

Der Brief, den Bischof Wilmer an den Vatikan geschrieben hat, bringt ebenfalls diese Ausnahme ins Wort: "Die Praxis hat gezeigt, dass dieser Predigtdienst durch Laien, trotz des seither erheblich verschärften Priestermangels, eine Ausnahme geblieben ist, begrenzt auf die Fälle, in denen es dem der Eucharistie vorstehenden Priester schwerfällt, den Predigtdienst selbst zu übernehmen." Demnach wäre eine Laienpredigt in diesen Fällen möglich - so wie es auch von 1974 bis zum Predigtverbot mit römischer Genehmigung allgemein möglich war. 

Zwei weitere Stellen scheinen mir bedeutsam: „Angesichts dieser Überlegungen erscheint die vorgeschlagene Unterscheidung zwischen einer „Homilie“, die dem geweihten Amtsträger vorbehalten ist, und einer möglichen „Predigt“, die einem Laiengläubigen anvertraut wird, nicht zulässig, da der vorgeschlagene Platz — unmittelbar nach dem Evangelium — und die ausgeübte Funktion im Wesentlichen mit denen der Homilie selbst übereinstimmen.“ und „Laiengläubige dürfen während der Eucharistiefeier nicht an der Stelle predigen, die für die Homilie vorgesehen ist.“ Roche wiederholt diese Formulierung noch ein weiteres Mal. 

Das kommt meinen persönlichen Überzeugungen durchaus entgegen. Es gibt ja in Deutschland die von einigen Kolleginnen und Kollegen praktizierte Form der Statio. Die ganz Treuen halten diese vor der Messe selbst, wenn der Priester und die Dienste noch gar nicht eingezogen ist. Andere wählen jene Stelle, wo normalerweise eine Einführung in den Gottesdienst – nach der liturgischen Begrüßung – stattfindet (von manchem Priester schon als Ort der 1. Predigt genutzt, wenn er viel zum Thema zu sagen hat…). 

Ich könnte mir eine Predigt sehr gut nach der ersten oder zweiten Lesung vorstellen, zumal jene ja im Kontext der tätigen Teilnahme des Volkes Gottes an der Liturgie, in aller Regel von Laiengläubigen vorgetragen werden. Damit wären sie auch als Ort einer Predigt sehr angemessen und ermöglichten dem Prediger, zu dem biblischen Wort / Gotteswort zu sprechen, das zuvor verkündigt worden ist. Liturgisch erscheint mir das deutlich sinnvoller, als die Inhalte des Gotteswortes vorweg zu paraphrasieren, um biblisch predigen zu können. 

Ich predigte durchaus gerne, und habe inzwischen mehr Gelegenheit dazu, als mir lieb ist. Ich erinnere mich an meinen Heimatpastor, deren Predigten ich nach 15 Jahren mitsprechen konnte. Insofern kann es auch nützlich sein, mehr Menschen zu Wort kommen zu lassen. Aber dann doch bitte so, dass klar bleibt, dass der „in persona Christi“ zelebrierende Priester eben auch derjenige ist, der auslegt was er lebt und feiert. Eine Predigtordnung, die reihum geht und wo Laiengläubige im Wechsel mit Diakonen und Priestern in der Hl. Messe regelmäßig predigen halte ich für falsch. 

Aber ab und an in Absprache mit dem Pfarrer und Priester – das schadet niemandem, im Gegenteil. 

Ich möchte auch gar nicht predigen, weil das meinem Ego gut täte. Das pflege ich sowieso möglichst an anderem Orte. Aber es tut auch der Gemeinde gut, wenn ab und an einmal die Sichtweise einer anderen Person zu Wort kommt und der Tisch des Wortes reichlicher gedeckt ist. Der Predigtdienst ist wahrhaft ein Dienst, am Wort, am Sakrament, am Glauben, am Volk Gottes. 

Ich würde mir wünschen, dass der Kardinal seine Gedanken noch einmal etwas konkretisiert und ggf. klarer Ausnahmen benennt, die vor allem Katechisten, Religionslehrern und Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten gelegentlich eine Predigt nach einer Lesung ermöglichen. Vielleicht ist das das richtige Signal, um Verwechslungen mit der Homilie zu vermeiden, die dann ggf. kürzer ausfällt oder auch mal entfallen darf. 

Ich halte es auch für sinnvoll eine gewisse Unterscheidung zu formulieren, dass die Predigt eine theologische und homiletische Ausbildung und bischöfliche Beauftragung nötig macht und eben nicht von jedermann und jederfrau gehalten werden kann. Oder dass ggf. ein Laie predigen darf, wenn der Zelebrant aufgrund seines Alters oder einer Erkrankung aus freier Entscheidung verzichtet und jemanden konkret darum bittet. 

Ich predige in der Eucharistiefeier ganz bewusst nur sehr selten. Eben, weil ich um die Vorbehalte des Lehramtes an dieser Stelle weiß. Ich habe auch überhaupt keine Neigung einem Pfarrer oder Priester die „Butter vom Brot“ zu nehmen. Wobei die in aller Regel sehr geneigt sind, ihrerseits meine Brote reichlich zu schmieren. 

Mich überzeugen die Argumente des Lehramtes durchaus, besonders die grundsätzlichen Überlegungen. Ich meine aber, dass man zu anderen Schlüssen kommen könnte. Und dass gelegentliche Ausnahmen die Richtigkeit der Grundüberzeugungen eher unterstreichen als ins Wackeln bringen. 

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