Mittwoch, 18. Juli 2012

Ein Besuch im Kartäuserkloster Marienau

In welcher Gegend Deutschlands könnte man eine Wüste entdecken? Für die Kartäuser, die ihre Klöster bevorzugt in menschenleeren Einöden errichten, war diese Wüste im Jahre 1964 ein sogenannter „Einödhof“ im Allgäu. Dort haben die Mönche des strengsten katholischen Ordens die gesuchte Einsamkeit gefunden. 

Pfortenhaus der Kartause Marienau bei Seibranz im Allgäu
Wer sie in diesen Tagen besucht, legt von Voerde aus beinahe den gleichen Weg zurück, auf dem die weißen Mönche in den 60er Jahren vor dem Lärm der Großstadt Düsseldorf und des nahen Flughafens geflüchtet sind. Der Weg von Voerde nach Seibranz im Allgäu streift aber auch bedeutende Orte des Kartäuserordens. In Wesel bestand bis zum Jahr 1628 auf der Grav – Insel ein heute beinahe vergessenes Kartäuserkloster. In Düsseldorf bestand bis 1964 das nach der Säkularisation letzte deutsche Kloster dieses Ordens, die Kartaus Maria Hain. Aus dem weitläufigen Klostergelände sollte Bauland werden, deshalb konnte die Ordensgemeinschaft vom Verkaufserlös im Süden Deutschlands einen abgelegenen Bauernhof kaufen und auf dem Gelände ihr neues Kloster errichten. 
Von Düsseldorf aus erreicht mein Zug Köln, den Heimatort des Hl. Bruno, des „Vaters der Kartäuser“. Der wurde im Jahre 1032 in der rheinischen Stadt geboren und war schon damals ein echter Europäer, er studierte und lebte später vor allem in Reims in Frankreich, lebte als Mönch in Molesme, im Chartreuse-Massiv bei Grenoble und am Hof des Papstes in Rom. Gestorben ist er 1101 in Kalabrien. Als scharfer Kritiker kirchlicher Machtausübung zog er sich mit sechs Gefährten in ein wildes, menschenleeres Gebirgstal zurück. Die kleine Gemeinschaft verwirklichte hier ein geistliches Leben nach Brunos Ideen, ein Leben als Einsiedler mit einer Prise Gemeinschaft. An die Gründung eines eigenen Ordens hatte Bruno wohl noch nicht gedacht. Die Gemeinschaft folgte schlicht den Idealen ihres Gründers. Zwischen 1084 und 1090 leben sie so. Doch dann erscheinen Boten des neu erwählten Papstes Urban II. in der Einöde. Dieser, ein ehemaliger Schüler Brunos, möchte seinen Lehrer als Berater in Rom sehen. Bruno blieb keine Wahl. Kurze Zeit später folgen ihm seine Gefährten nach Rom, doch schon bald schickte Bruno sie zurück in ihr schlichtes Kloster, wo sie ihr ursprüngliches Leben wieder aufnehmen. Als der Papst sich endlich bereit erklärt, Bruno von seinem Dienst im Vatikan zu befreien, begründet dieser ein zweites Kloster in Kalabrien, wo er 1101 stirbt. Erst ca. 25 Jahre später schreibt Brunos Nachfolger Guigo als 4. Oberer der Gemeinschaft eine Art Ordensregel auf, die er bescheiden „Consuetudines“ nennt, die „Gebräuche der Kartäuser“. Diese Regel hat sich im Verlauf der Jahrhunderte kaum verändert, auch die Kartäuser der Marienau folgen ihr bis zum heutigen Tag. Von Köln aus fährt mein Zug durch das Rheinal und durchquert Deutschland. Seine Blüte hatte der Kartäuserorden vom 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. In Deutschland bestanden in dieser Zeit bis zu 58 Kartausen. Doch mit der Reformation begann der Niedergang, die Revolution in Frankreich und die Maßnahmen Napoleons und Bismarcks gegen die Orden beendeten zeitweilig die Existenz des Kartäuserordens in Deutschland. Nur eine Kartause wurde danach wieder besiedelt, das Haus Maria Hain in Düsseldorf im Jahre 1890. Die vorerst letzte Station auf meiner Reise ist in Memmingen, dort bestand im Dorf Buxheim die – auch künstlerisch höchst bedeutende – Reichskartause mit den bis heute erhaltenen, von berühmten süddeutschen Barockkünstlern prächtig ausgestatteten Klostergebäuden.
Kapelle der Brüder
Doch all diese Pracht mag nicht so recht zu dem Orden passen, der heute seine einzige Kartause in Deutschland ca. 30 km von Buxheim entfernt in einem dichten Fichtenwald vor den Augen der Menschen verbirgt. Kürzlich hat der Orden sogar eines seiner Klöster (Aula Dei) in Spanien aufgegeben, weil viele Touristen die prachtvollen historischen Gebäude und Gemälde von Goya besichtigen wollten und die Mönche daher die notwendige Stille und Einsamkeit nicht mehr fanden.

Die Präsenz der Kartäuser im Allgäu könnte leicht übersehen werden, Hinweisschilder sind selten und in der Regel mit dem Zusatz versehen, dass eine Besichtigung des Klosters nicht möglich ist. Der deutlichste Hinweis auf die Kartäuser findet sich an unerwarteter Stelle in der Tatsache, dass in den Dörfern um Bad Wurzach selbst kleine „Tante-Emma-Läden“ im Spirituosenregal den berühmten Kartäuserlikör führen. Normalerweise gibt es den in Deutschland nur in Spezialgeschäften für exklusive Liköre. Im Supermarkt in Bad Wurzach gibt es ihn günstiger, beinahe zum halben Preis.
Selbst unmittelbar vor der Kartause sieht man noch wenig davon...
Vom Örtchen Seibranz aus schlängelt sich eine schmale, asphaltierte Straße zu den „Einödhöfen“ im Talacker. Hier, nach vier Kilometern (auf denen mir als Fußgänger kein einziges Auto begegnete) steht ein erster Wegweiser: „Kartause Marienau“. Nun sind es noch gut 1 ½ km bis zur Klosterpforte. Man muss schon genau hinsehen, um hinter den Bäumen am Rande der Weiden überhaupt ein Kloster zu entdecken. Dabei umgibt die 2 ½ m hohe Klausurmauer eine Fläche von ca. 10 Hektar.

Ich habe es bei meinem ersten Besuch vorgezogen, quer durch den Wald von hinten an das Kloster heranzuwandern. Auf dem ca. 6 km langen Wanderweg durch die tiefen Wälder sind mir zwar etliche Wildschweine, aber wieder kein Mensch begegnet. Dass diese wunderschöne, sanft geschwungene Landschaft mit Bächen und Teichen, Wäldern und Hügeln so wenige Touristen anzieht, wundert mich. Plötzlich, im tiefen Wald durchbricht der Klang einer Kirchenglocke die Stille und das Zwitschern der Vögel. Der Jungfuchs, der gemächlich über den Waldweg zieht, lässt sich hierdurch nicht stören. Er kennt das Geräusch offensichtlich, das hier sogar nachts um halb eins ertönt, wenn die Mönche für ihre ersten Gebete, die Matutin und Laudes ihren Schlaf unterbrechen und in der Kirche zusammenkommen. Jetzt ist es 14.00 Uhr, das Geläut ist das Zeichen für eine weitere Gebetszeit, die Non, die alle Kartäuser allein in ihren „Zellen“ beten. Es ist eine der neun Gebetszeiten, die das Leben der Mönche prägen.

Auch sonst gibt es im Kartäuserorden einige Besonderheiten. Die Mönche leben im Grunde vegetarisch, allerdings steht ab und an Fisch auf den Speiseplan. Es gibt nur zwei Mahlzeiten am Tag, das Frühstück fällt aus. Zusätzlich gibt es ausgedehnte Fastenzeiten. Die Nachtruhe ist geteilt. Mitten in der Nacht erheben sie sich zu einem ca. zweistündigen Gebet. Die gesamten Gottesdienste werden in lateinischer Sprache gefeiert. Der Orden hat eine eigene, von unserer gewohnten Messfeier abweichende Liturgie. Der Kartäusermönch lebt allein in einem eigenen kleinen Häuschen und pflegt einen eigenen Garten. Niemals verlässt er seine Zelle einfach so. Nur selten spricht der Mönch mit seinen Mitbrüdern, er wahrt das Schweigen. In der Woche gibt es zwei Gelegenheiten zum Gespräch, bei der gemeinsamen Erholung am Sonntag oder beim wöchentlichen Spaziergang. Die Tage sind ausgefüllt mit Gebetszeiten, Studium, Handarbeit und Gartenarbeit. Jeder Mönch heizt seine eigene Zelle mit selbst gesägten Holz. Das macht selbst Pater Werenfried Schrör, der Prior der Gemeinschaft.

Auf den ersten Blick scheint dieser Orden wie aus der Zeit gefallen, ein Reservat vergangener Zeiten irgendwie... Die Kartäuser bleiben hinter den Klostermauern und konzentrieren sich ganz auf Gott. Daher gibt es auch fast keine Publikationen von Kartäusermönchen. Sie kommunizieren auch nicht per Brief, Telefon oder e-mail. Für Außenkontakte werden einzelne Konventsmitglieder beauftragt.

Als ich an der Pforte stehe, öffnet mir einer von ihnen, der Pförtner Bruder Antonius. (Sein Name kommt vom frühchristlichen ägyptischen „Wüstenvater“, den er sehr verehrt.) Wie es mit dem Nachwuchs aussieht, möchte ich gern wissen. Man konnte kürzlich einmal lesen, dass von zehn ernsthaften Interessenten nur einer tatsächlich im Kloster bleibt. „In letzter Zeit ist es etwas besser mit dem Bleiben“, sagt der Pfortenbruder. Zur Zeit lebten 35 Mönche im Kloster, damit ist es beinahe voll. „Zehn von ihnen sind unter vierzig Jahre alt“ und „wir kommen aus zehn Nationen“, berichtet Bruder Antonius, der für einen schweigenden Mönch durchaus gerne Auskunft gibt. „Sie werden nicht glauben, was wir im Pfortendienst hier alles erleben!“. Es kämen immer mehr Leute, die sich einfach einmal aussprechen möchten, einen guten Rat wünschen oder das Gebet der Mönche erbitten. Zwei Brüder teilen sich diesen herausfordernden Dienst. 

Das Gebet ist zu Ende.
Bruder Antonius ist 82 Jahre alt und hat mehr als 2/3 seines Lebens hinter Klostermauern verbracht. „Die Pfarrer haben heute so viel zu tun und sind für die Leute nicht mehr so erreichbar.“ Hier an der Pforte ist immer jemand da. Wie er damit umgeht, dass er vielen Menschen nicht tatkräftig helfen kann, möchte ich gern wissen. Der Kartäuserbruder sagt, dass er in einer anderen Welt lebe und daher aus einer anderen Perspektive auf das Leben schaue. Er zitiert Schopenhauer um den Blick Gottes auf die Welt zu verdeutlichen: „Die Erde ist nunmehr nur eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen gezeugt habe.“ Und doch sei Gott diesen Menschen verbunden und ihren Sorgen nahe. Der Mönch spricht von seinem Vertrauen in Gott, der alles zum Guten wende. Darauf baue er und schließe die Sorgen der Menschen in sein persönliches Gebet ein.

Vor einigen Tagen hatte ich den Bad Wurzacher Pfarrer Stefan Maier gefragt, ob es pastorale Kontakte zu den Kartäusern gibt. „Nein!“, sagte er, „sie leben ganz für sich, weil sie das so wollen und es zu ihrer Spiritualität gehört.“ „Aber ich bin sehr dankbar, dass sie da sind und dafür, dass sie für uns alle beten. Das gibt mir Kraft.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen