Dienstag, 19. November 2013

Das gute alte Gotteslob: Friedrich Spee und der kristallklare Leib

Eine charmante Bloggerin regte an, anlässlich der Herausgabe des „Neuen Gotteslob“ einmal über sein persönliches Lieblingslied im „Alten Gotteslob“ zu schreiben/bloggen. Im Bistum Berlin werden ja Prominente gebeten, ihr Lieblingslied im neuen Gotteslob zu beschreiben. Da unsereiner nun mal nicht prominent ist, ist es ja auch konsequent aus dieser Position zurück ins alte Gotteslob zu schauen und in Erinnerungen zu schwelgen.
Ich bin 1967 geboren und – ich glaube – 1976 zur Erstkommunion gegangen. Da war ein Geschenk schon mal klar, ein eigenes Gotteslob. Schließlich wollte man als neues Vollmitglied der Kirche nun auch richtig mitsingen können. An den Vorgänger des Gotteslobs, das Laudate erinnere ich mich nur wenig. Meine Oma hatte eines, schön, mit Goldschnitt. Sie hat es auch nach 1975 noch mit in die Kirche genommen. Heute habe ich es (geerbt) und es steht in meinem Schrank mit historischen und religiösen Büchern. 
Ich erinnere mich auch, dass es vor allem die unregelmäßigen Kirchgänger waren, die sich nicht ans Gotteslob gewöhnen wollten, sondern unbedingt bei Maiandachten und Schützenfestmessen möglichst die Lieder aus dem Laudate singen wollten, die man nicht ins Gotteslob retten wollte. „Hier liegt vor Deiner Majestät...“. Und das „Maria breit den Mantel aus...“ singt man bis heute nach der alten Melodie.  
So hat das gute alte Gotteslob mein Glaubensleben bis zum heutigen Tag begleitet. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir als Jugendliche froh waren, zusätzlich zu dem – vom Liedprogramm doch eher altbackenen Buch – dann in der Gemeinde auch den „Regenbogen“ aus Münsterschwarzach (ein Buch mit neuem geistlichen Lied) nutzen zu können. Es war im westfälischen Vreden jedesmal Schwerstarbeit zu einer Jugendmesse in der riesigen St. Georg – Kirche die Kisten mit etwa 600 Exemplaren dieser Liederbücher aus dem Turm in die Kirche zu schleppen und da zu verteilen. Aber wir haben das gern gemacht. Später habe ich auch das Gotteslob als mein Liederbuch schätzen gelernt und mich gefreut, dass sogar einige „Regenbogen“ - Lieder per Ergänzungsheft darin einzogen. Etwas niedlich fand ich die Sprachrevision per Aufkleber, um dem Gotteslob eine geschlechtergerechtere Sprache beizubringen und aus den vielen Brüdern ab und an Geschwister zu machen. 
In 35 Jahren ist viel passiert mit dem guten alten Gotteslob und um das Gotteslob herum in den Gemeinden noch viel mehr. In meiner Jugendzeit gab es bis zu zehn Jugendliturgiekreise in unserer Gemeinde, die sich intensiv mit der Gestaltung der Hl. Messe und anderer Andachtsformen beschäftigten. Es gab geradezu einen Wettbewerb und zahlreiche junge Menschen fanden sich in Kirchen und Kapellen ein. Busseweise fuhren wir nach Taizé und zu europäischen Jugendtreffen, alles ganz selbstverständlich gemeindeübergreifend organisiert. Der Treffpunkt für die ganze Stadt am Samstagabend war erst mal der Kirchplatz, direkt nach der Abendmesse. Heute sieht es in meiner Kirche ganz anders aus und heute kauft kaum noch eine Kommunionfamilie ihrem Kommunionkind ein eigenes Gotteslob. 
Aber heute soll es ja um das „Lieblingslied“ gehen. Bei mir ist das im Grunde ein Bild aus einem der  Lieder, das mich mit 15/16 Jahren im Innersten berührt hat. Beim Singen der Vers entstand in meinem Inneren eine bildliche Vorstellung, die mich seitdem noch immer anrührt und verzaubert und für etwas „Gänsehaut“ sorgt, wenn die Strophe gesungen wird. Vor meinem inneren Auge entstand ein leuchtender Christus, von Kreuz herabgestiegen, von innen her durchstrahlt von einem geheimnisvollen Licht. Seine Wunden leuchtend wie strahlend rote Rubine. 
Sie werden es längst erkannt haben, das Lied stammt aus der Feder von Friedrich Spee, es findet sich u.a. unter der Nr. 932 im Münsteraner Anhang zum Gotteslob. 

Ist das der Leib, Herr Jesus Christ, 
der tot im Grab gelegen ist? 
Kommt, kommt, ihr Christen, jung und alt, 
schaut die verklärte Leibsgestalt! Alleluja, alleluja!

Der Leib ist klar, klar wie Kristall, 
Rubinen gleich die Wunden all; 
Die Seel durchstrahlt ihn licht und rein, 
wie tausendfacher Sonnenschein. Alleluja, alleluja!

Bedeck, o Mensch, dein Augenlicht! 
Vor dieser Sonn besteht es nicht.
Kein Mensch auf dieser Erde kann, 
den Glanz der Gottheit schauen an. Alleluja, alleluja!

Auch von der Melodie her ein wunderbar, freudiges Auferstehungslied. Ein Muß in der Osternacht und in der Osterzeit. Der (vermutlich) originale Text des berühmten Jesuiten und Streiters gegen den Hexenwahn geht so (aus dem Mainzer Büchlein Himmlische Harmony von 1628, im Gotteslob ist es undatiert, die Melodie soll von 1623 stammen): 

Jst das der Leib Herr Jesu Christ/ 
Der todt im Grab gelegen ist/
Kom/ kom/ O kom/ kom Jung und alt/ 
Kom schaw die schone Leibsgestalt / Alleluia/ Alleluia.

Der Leib ist klar/ klar wie Christall/ 
Die Adern roth/ roth wie Corall/
Die Seel hierdurch glantzt hüpsch und fein/ 
Wie tausentmal der Sonnenschein/ All.

Der Leib hat die Unleidenheit/ 
Bleibt unverletzt in Ewigkeit/
Gleich wie die Sonn bleibt eben klar 
So vil und so vil tausent Jahr/ All.

O wie subtil! O Leib wie zart/
Du gehst durch Stahl und Eisen hart/
Gleich wie die Sonn das Glaß durchgeht/
Da nichts den Stralen widersteht/ All.

Schnell ist der Leib und ist geschwind/
Gleich wie ein Pfeil/ und gleich dem Wind/
Gleich wie die Sonn viel tausent Meil
Die Welt umlaufft in schneller eil/ All.

Nun deck/ nun deck die Augen zu/
Daß dir der Glanz nicht schaden thu/
Jm Leib die Gottheit schawen an/
Kein mensch/ kein Aug auff Erden kan. Alleluja

Interessant, wie Spee die Licht- und Sonnensymbolik mit der Auferstehung, ja sogar mit dem Auferstehungsleib, dem verklärten Leib verbindet. Interessant auch, wie sich das Lied mit der Zeit verändert hat, dass aus den Adern und Korallen später Wunden und Rubine werden, dass „Bilder“, die unserem aktuellen Weltbild nur schwer entsprechen, später doch lieber weggelassen werden. Welcher heutige Sänger mag sich zunächst damit anfreunden, daß Christi Auferstehungsleib „schnell wie ein Pfeil oder der Wind“ zu sein vermag oder sein „zarter Leib“ Eisen und Stahl zu durchdringen vermag. Man kann sich vorstellen, wie bei solchen Strophen der Gesang in der Kirche auf einmal schwächer und dünner wird. 
Aber andererseits? Warum eigentlich nicht, warum sollen Spee's Auferstehungsjubelbilder aus dem Gotteslob „glaubwürdiger“ sein als die aus dem alten Gesangbuch von 1623. Im Grunde wird doch eine Wirklichkeit beschrieben, die Worte allein nicht fassen können, eine wunderbare Wirklichkeit, da ist einer tod – und lebt wieder; jedermann sieht ihn in „verklärter Leibsgestalt“, ein Leib „klar wie Kristall“ „Wunden wie Rubine“ von der Seele durchstrahlt. Ein Licht von Gott, vor dem wir die Augen verschließen sollten, nicht weil es uns schadet, sondern weil es mehr ist, als wir zu verstehen, zu be-greifen instande wären.
Und gerade hier wären ja die „fehlenden Verse“ vielleicht hilfreich, beschreiben sie doch teils paradoxe Dinge – die aber dennoch geschehen. 
Zumal zu den Liedern auch eine Melodie gehört, die manche sperrigen Texte zu durchdringen und lebendig zu machen vermag. Man spürt den inneren Sinnzusammenhang und die innere Wahrheit einer Strophe ja oft erst beim Singen. 
So liegt die Wahrheit des Liedes, die Wahrheit der Auferstehung tiefer als die Bilder mit der wir sie beschreiben. Wer fragt, ob der Leib eines Menschen durch Eisen und Stahl gehen kann, wer fragt, ob Licht durch den Körper strahlen kann, wer fragt, ob ein Toter schneller als der Wind sein kann... Wer vor allem so fragt, der tut sich auch schwer mit der Wirklichkeit und Wahrheit von Auferstehung. Für den ist es auch undenkbar, dass ein Auferstandener plötzlich trotz verschlossener Türen inmitten seiner Freunde und Jünger erscheint. 
Auferstehung ist in Spees Sinne etwas, was diese Welt überschreitet, weitet in eine neue Wirklichkeit hinein, die Wirklichkeit eines Gottes, der diese Welt geschaffen hat der aber doch weit größer und weit mächtiger ist als diese seine Schöpfung.
Ich denke, es ist sicher nicht ganz falsch, in Friedrich Spees Liedern eine spezifisch katholische Reaktion auf die neu aufgekommenen protestantischen Kirchenlieder zu sehen (von denen viele inzwischen treu und brav neben echten „katholischen Schlagern“ im Gotteslob stehen. Im Grunde ist die reiche deutschsprachige Musikkultur der Kirche heute ohne die Reformation nicht denkbar.) Spees sehr poetische, bildmächtige und symbolträchtige Liedkunst ist eine große Bereicherung unseres Liedgutes, kein anderer Dichter ist mit mehr Liedern im (alten) Gotteslob vertreten als er. 
Es ist sehr bedauerlich, dass dieser große Kirchenmann bis zum heutigen Tage nicht einmal selig gesprochen wurde. Wegen seines Einsatzes gegen den Hexenwahn ist er vielen ein Vorbild, er war ein Lichtblick in einer dunklen Zeit der Kirchengeschichte. Sein Seligsprechungsprozess ruht und wird offensichtlich weder von seinem Orden noch von einem Bistum betrieben. 

Nun kommt in mir doch die Frage auf, welches Schicksal meinem Lieblingslied im neuen Gotteslob blüht. Mal nachsehen...
Was für eine Überraschung. Es ist aus dem diözesanen Teil sogar in den Stammteil gerutscht – Nr. 331 – und noch überraschender - es hat statt drei nun sogar sechs Strophen. Die Melodie ist von Köln nach Würzburg umgezogen, der Text auf die Jahre 1623/1938 datiert. Neu sind für mich die zwischen 2. und 3. Strophe eingeschobenen drei Strophen: 

Der Leib empfindet nimmer Leid, 
bleibt unverletzt in Ewigkeit, 
gleich-wie so viele tausend Jahr 
die Sonne leuchtet eben klar. Halleluja... 

O Leib, wie zart, o Leib, wie fein, 
dringst durch verschlossne Türen ein, 
wie durch das Glas die Sonne geht, 
da nichts den Strahlen widersteht. Halleluja... 

Schnell ist der Leib, schnell und geschwind, 
gleichwie ein Pfeil, gleichwie der Wind, 
gleichwie die Welt viel tausend Meil 
die Sonn umläuft in schneller Eil. Halleluja...

Während Friedrich Spee in seiner kriegerischen Umwelt vielleicht stärker an den Stahl und das Eisen der Schwerter und Kanonen gedacht hat, knüpft die moderne Version an die Berichte der Evangelien an. Die Erde kreist im neuen Gotteslob um die Sonne, während Spee selbst geschickt die Problematik umgeht, wer hier eigentlich um wen kreist.

Das fromme Bild meiner Jugend darf also auch weiter lebendig sein und ich freue mich auf die neuen Strophen, die wir demnächst zusammen singen. 

Der Leib ist klar, klar wie Kristall, 
Rubinen gleich die Wunden all; 
Die Seel durchstrahlt ihn licht und rein, 
wie tausendfacher Sonnenschein. Alleluja, alleluja!

Vielleicht ja schon in der Osternacht vom 19. auf den 20. April 2014. 
Der Herr ist auferstanden! Ja, er ist wahrhaft auferstanden! Alleluja, Alleluja!

Kommentare:

  1. Vielen Dank für die Teilnahme an meiner Blogparade. Als ich sie ausgerufen habe, hatte ich nicht zu hoffen gewagt, dass so anspruchsvolle Blogposts herauskommen wie dieser und dass die Leser_innen und ich, neben einer berührenden persönlichen Geschichte auch noch einen Blick in die Musikgeschichte der Kirche werfen dürfen. Herzlichen Dank dafür (und die freundliche Einführung meiner Person am Anfang ;-))

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  2. Das ist ja eine richtig interessante und gleichzeitig vergnügliche Besprechung eines Liedes, dessen Melodie mir sofort eingefallen ist als ich das las. Danke! Richtig schön! (Übrigens gehöre ich fast schon zu der Generation, für die das "alte Gotteslob" bis heute das "neue Gesangbuch" ist ;-) Jahrgang 56!

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  3. Es waren nicht nur die sporadischen Kirchgänger, die sich an das Gotteslob nicht gewöhnen konnten. Ich kenne viele Leute, denen das Buch bis heute nichts gibt und die ihr altes "Sursum Corda" noch immer in Gebrauch haben. Ich zähle auch dazu, und erlebe nun das zweite Gesangbuch, in dem die richtig schönen alten Gersänge fehlen.

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