Mittwoch, 20. Juli 2016

Das hat nichts mit dem Islam zu tun!? Wirklich?!

In unterschiedlichen Varianten wurde ich in den vergangenen Tagen mit diesem Satz konfrontiert. Das lädt geradezu ein, sich darüber einmal auszulassen, denn aufschlussreicher als die Bemerkung an sich ist die jeweils dahinter stehende Haltung. 
  • In den vergangenen Wochen und Monaten gab es immer wieder Wortmeldungen und offiziöse Stellungnahmen hoher religiöser Autoritäten des sunnitischen Islam, die bestritten, dass der islamische Staat oder der islamische Terrorismus sich überhaupt als "islamisch" bezeichnen dürfe.  Teilweise wurden hierzu sogar entsprechende Rechtsgutachten veröffentlicht. Leider werden derartige Stellungnahmen hoher und höchster muslimischer Autoritätspersonen hierzulande kaum wahrgenommen. Während über einen einzelnen Terroristen und seine Tat wochenlang berichtet wird (einschließlich der breiten Publikation von Material der Terrorgruppen und der ihnen nahe stehenden "Nachrichtenagenturen selbst) werden die Verlautbarungen der Religionsgelehrten meist nur in einer kleinen Randnotiz erwähnt. (Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Wortmeldung des Ägyptischen Großmuftis Schauki Allam.)

    Selbst der Passauer Bischof Stefan Oster erregt mit einem im Internet veröffentlichten Beitrag hohe Aufmerksamkeit, wenn er fragt: "Wo sind die Protagonisten des friedlichen Islam – und wo sind sie gemeinsam?" Rein formal könnte man ihm da sicher widersprechen. Aber dennoch sind seine Anfragen ein Innehalten und eine ausführliche Antwort wert. 
  • Muslimische Gruppen und Verbände und wohlmeinende Politiker und Kirchenvertreter in Seutschland betonen in Ihren Stellungnahmen immer wieder "Terror hat keine Religion", der Islam bzw. der Koran werde von den Terroristen mißbraucht und man müsse zwischen Islam und Islamismus unterscheiden. 
  • In Wortmeldungen unterschiedlicher Akteure im Netz wird der Satz "das hat nichts mit dem Islam zu tun" oder "das hat nichts mit nichts zu tun..." beständig verbreitet und inzwischen sogar als zynischer Kommentar zu jedem Terrorangriff und zu jeder schlechten Nachricht gepostet. 
  • Eher versteckt geht es um diese Frage auch in der Diskussion, ob es sich bei den Anschlägen mit dem Lastwagen in Nizza durch einen Tunesier und in einem Zug bei Würzburg auf chinesische Touristen nun um Amokläufe oder Terrorakte handelt. Alternativ wird das auch so formuliert: "Das sind keine Terroristen, das sind Kriminelle." (Äh: vielleicht sind sie ja beides? Wäre ja möglich? Oder gar wahrscheinlich!) Ginge es nach den Lautsprechern des sog. Islamischen Staates, der beide Angriffe flugs "adoptierte", hätte Beides sehr wohl und sehr viel mit dem Islam zu tun und es habe sich um "Soldaten" eines Islamischen Staates gehandelt. Derartiger Terror kennt keine "legitimen" Ziele mehr, ja offensichtlich geht es im Grunde gar nicht um Anschläge auf Personen, die man in irgendeiner Weise für "schuldig" erklärt, sondern um eine möglichst große Aufregung, viel öffentliche Aufmerksamkeit und höchste Verunsicherung in der Bevölkerung. Es kann jeden treffen, nicht einmal der fromme Muslim oder ein kleines Kind sind vor solchen wahnsinnigen Angriffen sicher. Ich mag meine Phantasie gar nicht auf die Reise schicken, welche irren Terror - Szenarien in Zukunft noch auf uns warten mögen.
Auf eine gnadenlose und furchtbare Weise machen die Täter und die Strategen des IS beinahe jeden zum Komplizen, der auf die Angriffe in irgendeiner Art und Weise reagiert. Aus Angst, Sorge, Verunsicherung wird Mißtrauen, Gegnerschaft, Haß. Alle Maßnahmen zur Terrorabwehr, alle Vorsichtsmaßnahmen führen zu einer weiteren Verunsicherung und Polarisierung in unserer Gesellschaft aber auch darüber hinaus. Ob es Möglichkeiten gibt, dieser vielschichtigen Eskalationsspirale zu entkommen oder diese zu durchbrechen?

Ich fürchte, der zitierte Satz "Das hat nichts mit dem Islam zu tun." ist inzwischen völlig kaputt und geradezu verbrannt. Ähnlich wie die Formulierung "Der Islam gehört zu Deutschland" ist er einfach zu unpräzise und erklärungsbedürftig (was leider einige fromme Theologen noch nicht gemerkt haben). Der Satz allein ist so wahr, wie er falsch ist. Dennoch sollten wir die Botschaften, die hinter diesem Satz stehen, nicht einfach beiseite schieben. 

Da wo er dazu dient, zu beschwichtigen, zu verharmlosen und zu vernebeln, ist er sicher abzulehnen. Es ist heute nicht mehr möglich, sich mit dieser Bemerkung aus der Verantwortung zu stehlen, weder als Muslim noch als Christ. (Fast noch schlimmer finde ich allerdings seine Verwendung als zynischen Kommentar. Wer dies tut, disqualifiziert sich für eine weiterführende Diskussion.)

Auch als Katholik kann es mir nicht gleichgültig sein, wenn "christliche" Prediger in Uganda oder in Amerika über den Tod homosexueller Menschen jubeln oder gar zum Mord an ihnen aufrufen. Als Christ kann es mir nicht gleichgültig sein, wenn Menschen mit Schlachtrufen wie "Allahuh akbar" "deus lo vult" oder den Apostel Jakobus als "Santiago Matamoros" anrufend losziehen, um anderen Menschen zu töten, zu verstümmeln oder zu terrorisieren. Die einmal entfesselte Gewalt überschreitet auch bei Glaubenden allzu schnell den "legitimen Rahmen", wenn es einen solchen überhaupt geben kann.

Auch wenn ich (also, jetzt natürlich nicht persönlich) als Muslim überzeugt bin, dass die Islamisten eine schlimme Verirrung im extremen Randbereich meiner Glaubensgemeinschaft darstellen, muss ich dennoch alles tun, um ihnen den Boden zu entziehen. Damit übernehme ich doch im hohen Maße Verantwortung für meinen eigenen Glauben. Und das kann auch schon mal dort anfangen, wo  sich der Geist des Terrors erst langsam zu entfalten beginnt. 

Der islam(istische) Terrorismus ist ein Krebsgeschwür im Körper des Islam. Ich weiß wovon ich rede, wenn ich dieses Bild wähle, und ich fürchte, ohne eine harte Therapie wird der Islam sich nicht davon befreien können. 

Ich habe eine Krebserkrankung überwunden (so Gott will) und musste lernen: mein Krebs gehört zu mir, er ist ein Teil von mir, es sind meine eigenen Körperzellen, die entartet sind und ich musste mit Hilfe von Chemotherapie und Bestrahlung gegen den Krebs in mir kämpfen. Und dass dies auch den restlichen Körper trifft (und schwächt), mußte ich vielfach erfahren. 

Ich glaube der Satz, "das hat nichts mit dem Islam" zu tun, ist so berechtigt - wie falsch. Wer ihn allerdings als Waffe gegen die islamische Religion verwendt, der handelt nicht anders als all die, die in der Vergangenheit (manchmal bis heute) z.B. in den HIV-Erkrankten oder den - schon biblischen - Aussätzigen nicht die Krankheit, sondern die Kranken selbst bekämpft haben. 

Mir kommt die Begegnung Jesu mit 10 Aussätzigen in den Sinn. Jesus heilt sie alle und schickt sie zu den Priestern. Nicht "Dein Glaube hat Dir geholfen!" steht im Mittelpunkt dieser "Heils-Geschichte", sondern der Eine, der zurück kommt, seinen Dank ausdrückt und Jesus nachfolgt. Aber auch die neun Anderen waren es wert, dass Christus sich ihnen zugewandt hat. Das ist sicher auch ein sprechendes Bild, das uns hilft in unserem Bemühen nicht nachzulassen und auch mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, auch wenn sie meine eigenen Grundüberzeugungen nicht teilen.

Insofern ist es auch wesentlich, all jene Muslime zu bestärken, die aus tiefster Überzeugung glauben, dass dem Terror jegliche islamische Grundlage und Legitimation abgeht. Gemeinsam mit ihnen sollten wir (Christen, Agnostiker, Atheisten) alles tun, um die religiöse Legitimation des Terrors und vor allem das Anwerben von Geld, Waffen und Menschen für den Terror zu unterbinden. Ich bin in der Tat überzeugt, dass es für diesen Kampf ein Miteinander von Menschen unterschiedlichster (Glaubens-)Überzeugungen braucht. Wie der Krebskranke einen guten Arzt und mancherlei Unterstützung braucht, so kann man den Kampf gegen den islamistischen Terror nicht allein den friedliebenden Muslime zuschieben. Der einzelne Muslim ist für den Terror (und seine Bekämpfung) nicht mehr und nicht weniger in der Pflicht als Sie und ich.

Wichtig für eine erfolgreiche Krebstherapie sind gute Ärzte. Aber wesentlich ist auch die innere Einstellung des Patienten. Und da ist es gut, sich nicht hinter "das hat nichts mit dem Islam zu tun" zu verstecken, sondern aufrecht und engagiert zu zeigen: "das ist der Islam" und "das nicht".

Das 2. Vat. Konzil war für meine Kirche eine Therapie der oben geschilderten Art. Es war richtig und erfolgreich, blieb aber nicht ohne Nebenwirkungen und Phantomschmerzen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang zwei Aspekte hervorheben, die im Kontext des Kampfes gegen den Islamismus und für seine Einordnung wesentlich sein dürften. Sie sind auch wesentlich für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Tradition und Religion, gerade angesichts der unaufhaltsamen Globalisierung. Die "zwei" Aspekte erinnern mich dabei an meine Krebstherapie mit Chemotherapie und Bestrahlung. Daneben gibt es natürlich weitere Therapien, die der Erwähnung wert wären. Ich möchte mich hier aber beschränken.
  • Da ist einmal die persönliche Religionsfreiheit. Es ist verständlich, dass Religionen sich für Orthodoxie engagieren. Die Anhänger einer Religion sollten ihren Glauben innerhalb eines gewissen Rahmens verwirklichen und leben. Es muss so etwas wie Rechtgläubigkeit geben. Aber es muss auch die Freiheit geben, sich aus diesem Rahmen zu entfernen, bis dahin, einer Kirche vollends den Rücken zu kehren. Es gibt sicher hierfür einen legitimen Rahmen an Sanktionen, über das rechte Maß an "Papsttreue" und "Kirchentreue" wird ja bis heute auch innerhalb des Katholizismus gestritten. Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob eine geschiedene und neu verheiratete Frau z.B. Pfarrsekretärin sein kann. Aber heute muss niemand mehr mit Strafen oder gar Verfolgung rechnen, weil der den Rahmen der Kirche verläßt. Mein ehemaliger Bischof hat einmal eine Schrift herausgegeben unter dem Leitwort "Glaube durch Einsicht und Entscheidung" und die viel beachtete Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. wollte ja eigentlich die Frage von Glaube und Vernunft thematisieren und sich gegen jeglichen Zwang in der Religion wenden. 
Diese Fragen eignen sich auch zur Gewissenserforschung der muslimischen Autoritäten. Für mich ist es ein heftiger Widerspruch, wenn beispielsweise der Großimam der Al-Azhar - Universität in Kairo den Islamismus klar verurteilt, aber gleichzeitig Strafen für Apostaten gutheißt oder auch nur rechtfertigt. 
Auch der Islam muss auf Strafmaßnahmen verzichten, die den religiösen Rahmen überschreiten, wenn Gläubige aus den Rahmen der Rechtgläubigkeit herausfallen bzw. sogar zu einem anderen Glauben konvertieren. Eine so verstandene Religionsfreiheit stellt natürlich die Frage, ob das nicht auch den gewaltbereiten Salafisten einschließt. Kann auch er sich auf die Freiheit der Religion berufen? Oder anders gefragt: darf sich die religiöse Gemeinschaft von der Sorge um die Gewaltbereiten dispensieren bzw. die Verpflichtung sie zu stoppen, allein auf staatliche Behörden verlagern? Ich denke nein, es braucht klare Kriterien, wo die Freiheit in den religiösen Überzeugungen endet. 
  • Das zweite "heiße" Eisen in der Therapie ist, inwieweit sich Religionen in den Auseinandersetzungen zwischen Menschengruppen und Staaten mißbrauchen lassen. Das sehe ich mit großer Sorge. Dabei ist der allfällige Streit, ob es sich bei Streitigkeiten beispielsweise unter Christen und Muslimen (vielleicht sogar in der Flüchtlingsunterkunft) nun um religiöse Konflikte, um "Lagerkoller" oder um Ventile für allzu großen persönlichen Druck handelt. Ich glaube, diese Aspekte sind nicht voneinander zu trennen. Meist stehen hinter den Auseinandersetzungen unterschiedlicher Völker ganz handfeste Gründe, gibt es soziale Gefälle oder eine unterschiedlich verteilte Macht. Wenn man diese Konflikte in irgendeiner Weise aufladen kann, wirkt manchmal auch die Religion wie ein zusätzlicher Treibsatz. Wir und die anderen! 
Hier sollten alle religiösen Menschen, insbesondere alle, die in ihren Religionsgemeinschaften mit Autorität ausgestattet sind, hoch sensibel sein und bleiben. Es geht darum, die religiöse Aufladung von Konflikten soweit als möglich zu verhindern und alles zu vermeiden, was Konflikte insofern anheizt! Auch wenn das im Einzelfall sehr schwer fallen kann. Wir erleben zur Zeit, wie eine unsichtbare Schranke z.B. zwischen Christen und Muslimen in Deutschland wieder bewußter wird und wie das Miteinander - oft durch Taten und Worte Einzelner - mehr und mehr auf die Probe gestellt wird. Das geht einen jeden Gläubigen an und gerade dann müssen Gläubige der Versuchung widerstehen, sich in der eigenen Gemeinschaft einzuigeln und offensiv auf die Andersgläubigen zugehen und nach Wegen der Versöhnung und des Miteinanders suchen. 
Dazu gehören auch klare Worte am rechten Ort. Es nützt nichts, bestehende Konflikte zuzukleistern, erst recht dann nicht, wenn mein Gerede durch die Wirklichkeit bzw. den nächsten Terrorangriff plötzlich als wohlfeiles Gequatsche offenbar wird. Aber auch das andere Extrem der leichtfertigen Schuldzuschreibungen ist zu meiden. Die Grundregel: alles was ich über einen Menschen sage, muss ich auch bereit sein im Vier-Augen-Gespräch mit ihm zu diskutieren könnte hier hilfreich sein. Viel besser wäre natürlich die Befolgung des Evangeliums bei Matthäus, 18:15 ff auch im Umgang mit den Muslimen unter uns.

Leider wählen heute viele eine problematische Weise der Kommunikation. Als "Islamversteher" habe ich z.B. niemals gesagt (was mir immer mal wieder vorgehalten wurde), dass die hohe Zahl der Flüchtlinge nicht auch über die Fragen von Unterbringung, Spracherwerb und Finanzierung hinausgehende Probleme verursachen könnte. Ganz sicher sind unter den Flüchtlingen auch Menschen, die am Ende für den Ruf der Sirenen des Terrors empfänglich sind oder gar schon mit dem Vorsatz hierher kamen, Verbrechen oder gar Terrorakte zu begehen. Dagegen hilft aber nicht, gleich alle Flüchtlinge in trostlose Lager zu sperren oder auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu zwingen. Im Gegenteil, traumatisierte und verzweifelte Menschen sind anfälliger für Ideologen jeglicher Couleur, die Hilfe versprechen. 

Natürlich ist es legitim, wenn Christen zunächst ihren Schwestern und Brüdern helfen. Aber das reicht nicht, wie die Erzählung vom barmherzigen Samariter vor Augen stellt. Wir sollten auch wachsam sein, ob durch unser Handeln der soziale Zusammenhalt über Grenzen hinweg in Gefahr gerät. Christen sollten hoch aufmerksam sein, ob sie durch ihr Handeln nicht am Ende das Geschäft derer betreiben, die in zerrütteten Gesellschaften und zerbröckelnden Staaten freien Raum für die Verbreitung und Verwirklichung ihrer menschenverachtenden Pläne und Ideologien vorfinden. Insofern ist die Rede vom "Gefährlichen Islam" oder in ähnlichen Kurzformeln mindestens so fahrlässig wie (inzwischen) die Phrase: "Das hat nichts mit dem Islam zu tun." Wer diesen Satz inhaltlich ablehnt, der sollte auch nichts ins andere Extrem verfallen. 

Zum Weiterlesen:

Stellungnahme des Großmuftis Schauki Allam: http://www.sueddeutsche.de/politik/aegypten-fehlgeleitete-wahnsinnige-1.3092495



Auch Monika Metternich scheibt - in einem anderen Kontext - über "mein" Thema: http://www.katholisch.de/aktuelles/standpunkt/hofmanns-kritiker-springen-zu-kurz

Kommentare:

  1. und dann lese ich den Koran, Sure nach Sure und denke, der Autor hat auch nichts begriffen....

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  2. Was mich unsicher macht, ob Sie den Autor des Koran meinen oder mich. Vermutlich beide. Nun gut, das ist Ihre Sache, wenn die Koranlektüre sie überfordert oder herausfordert, sollten Sie einmal mit dem örtlichen Imam reden, oder?

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