Mittwoch, 6. Juli 2016

Ja, wohin gucken sie denn? Ab Advent nach Osten?

Ja, ich gestehe es ganz offen! Ich bin ein Nachgeborener! Ich bin nach dem Konzil zur Welt gekommen und … wie ich glaube … in Ermangelung liturgischer Bücher - vermutlich mit Hilfe eines Schnellhefters - getauft worden, damals 1967. 

Warum ich damit einsteige? Weil mir als „Nachgeborenem“ in den aktuellen Diskussionen um die korrekte Zelebrationsrichtung heute mal wieder abgesprochen wurde, überhaupt mitreden zu dürfen, da ich das Konzil ja nicht selbst erlebt habe. Schließlich sei „durch das Konzil“ der „Rauch Satans“ in die Kirche gedrungen, das habe sogar ein Papst (Paul VI.) gesagt. 

Ich will trotzdem mitreden, weil mich die Diskussion beschäftigt und nachdenklich macht. Sie gehört unter allerlei, meist ideologisch zugespitzten Umschreibungen zu den Standards in der Diskussion um die rechte Weise der liturgischen Feier. „Zum Volke hin zelebrieren“, „orientierte Zelebration“ „Mit dem Rücken zum Volk!“ „Auf Gott hin...“ „Zelebration zur Wand“.

Aber kommen wir zunächst zum Anlaß. Vor einigen Tagen hat Robert Kardinal Sarah, ausgerechnet der für die Liturgie zuständige Präfekt der Gottesdienstkongregation, von London aus einen sehr praktischen Vorschlag gemacht (oder er soll ihn gemacht haben): Die Priester mögen doch vom Advent 2016 an versuchsweise zur Zelebration nach Osten „zurückkehren“. Katholisch.de berichtet wie folgt: „"Es ist sehr wichtig, dass wir so bald wie möglich zu einer gemeinsamen Ausrichtung zurückkehren, in der die Priester und Gläubigen gemeinsam in die gleiche Richtung schauen – ostwärts oder zumindest in Richtung der Apsis – auf den kommenden Herrn", sagte Kardinal Sarah. "Habt Vertrauen, dass das etwas Gutes ist für die Kirche und für die Gläubigen." Mit ihrem pastoralen Urteilsvermögen könnten die Priester selbst einschätzen, wie und wann die Messfeier "ad orientem" möglich sei, aber vielleicht könnten sie damit am ersten Sonntag dieses Advents beginnen.“

Es ist schon eigenartig, dass ein solcher Vorschlag recht salopp in den Raum gestellt wird. Wenn das nun von Kardinal Brandmüller gekommen wäre oder von Weihbischof Schneider... Aber wenn der Präfekt der Gottesdienstkongregation so etwas sagt, dann fragt man sich schon, ob ihm klar ist, dass dies ein einigermaßen brisanter und ungewöhnlicher Vorgang ist. Er wird auch wissen, dass diese Frage höchst umstritten ist, umstritten vor allem unter denen, die Liturgie gestalten und feiern. Die große Masse der katholischen Gläubigen wird da wohl eher etwas verständnislos sein und sich fragen, was das werden soll. Und welche „rechtlich-liturgische“ Bedeutung hat das Ganze? Wie kann es sein, dass eine solche „lockere Idee“ vom obersten Liturgiker der Kirche in den Raum geworfen wird, wo die Kirche noch nicht einmal die „kleine“ Veränderung der Wandlungsworte vom „für alle“ zum „für viele“ oder für „die vielen“ verdaut und - in Deutschland zumindest - noch nicht mal umgesetzt hat. Ich hatte mich in einem früheren Blogbeitrag damit eingehend beschäftigt. 

Zur Zelebrationsrichtung möchte ich zunächst einmal einige Beobachtungen voranschicken: 

  • In der Diskussion um die korrekte Zelebrationsrichtung ist mir noch nie das Argument der Ökumene begegnet. Oder habe ich das nur übersehen? In vielen evangelischen Kirchen ist der Altar so angeordnet, dass eine Zelebration „hinter“ dem Altar gar nicht möglich ist. Gerade wenn das Abendmahl gefeiert wird, wenden sich viele evangelische Pfarrer nach Osten (wenngleich manchmal auch nur symbolisch). In der Orthodoxie ist das – soweit ich es sehen kann – auch ganz selbstverständlich so.
  • Es gibt Kirchen und Kapellen, die von der Architektur her eigentlich eine Zelebration mit Blick auf die Apsis „erfordern“. Jedenfalls ist es spürbar, dass sie so gebaut wurden und dass die nachträglich eingefügten Zelebrationsaltäre nicht wirklich in den Raum passen. Manchmal ist der Altarraum so eng, dass der Priester hinter dem Alter „eingezwängt“ erscheint.
  • Bei allen Formen der Anbetung, die ich bisher miterleben durfte, erscheint es mir immer stimmig, wenn der Priester (oder auch der Leiter der Andacht) sich mit den Mitbetenden vor dem Herrn „klein“ macht. Das geht auch allen Mitfeiernden in der Regel so. Ich erinnere mich mit Schaudern an die eucharistischen Anbetungen im Rahmen einer Gemeindemission in meiner Heimatgemeinde, wo der Pater, mit dem Schultervelum bekleidet und die Monstranz in der Hand, die Hauptgedanken der Missionspredigt wiederholte, bevor er den eucharistischen Segen spendete. Das hat da nichts zu suchen – Anbetung ist Anbetung! Auch bei Andachten sitze ich als Vorbeter am Liebsten unter den Leuten (wenn das akustisch möglich ist).
  • Im Kloster Stiepel beten die Zisterzienser in der recht kleinen Klosterkirche in zwei nachträglich angebauten Seitenkapellen. Jeweils eine Hälfte des Konventes rechts und links. Wann immer die monastischen Stundengebete eine Wendung nach „Osten“ erfordern, stehen die ersten Mönche stumpf vor der Wand. Dies als „liturgisch sinnvoll“ zu erfahren und einzuordnen erfordert einige liturgische Kenntnis und Durchdringung. Visuell erfahrbar ist das im Grunde nicht. Ähnlich wäre dies auch in manchen modernen Kirchen, wo die Hinwendung zur Apsis, „zum kommenden Herrn“ angesichts einer schlichten Mauer oder Betonwand nur mit Mühe als solche zu erkennen ist. 
Zur Begründung seines Vorschlages führt Kardinal Sarah aus: „Einige liturgische Studien legten nahe, dass manche nachkonziliare Reformen dem Zeitgeist entsprechend durchgeführt und über das "Sacrosanctum Concilium", die Konstitution über die heilige Liturgie der Konzilsväter, hinausgegangen sei. Einige "sehr ernste Fehlinterpretationen der Liturgie" hätten sich durch die Einstellung eingeschlichen, die den Menschen anstelle von Gott in den Mittelpunkt stelle. "Die Liturgie dreht sich nicht um dich und mich", sagte Sarah. "Darin feiern wir nicht unsere Identität oder unsere Leistungen, wir verherrlichen oder bewerben darin nicht unsere Kultur oder lokalen religiösen Bräuche. Die Liturgie handelt zuallererst von Gott und was er für uns getan hat."“

Wer möchte dies – vor allem  die abschließenden Sätze – ernsthaft bestreiten wollen; nur was schließen wir daraus? Und stimmt neben der theologischen Überzeugung auch die Diagnose? Ist es wirklich so, dass Gottesdienste gefeiert werden, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen? Und wenn dieser Eindruck entstehen sollte - ist das den Zelebranten bewußt oder geschieht dies gar gewollt? Ich glaube immer noch, dass die weitaus meisten Gottesdienstbesucher keinesfalls Kultur oder lokale religiöse Bräuche "verherrlichen oder bewerben" möchten. Natürlich handelt die Liturgie von Gott, aber doch auch von meiner Schuld, von Vergebung, Erlösung und von menschlicher Not, Angst und Sorge. 

Ich habe keine Erinnerung an die Durchführung liturgischer Reformen nach 1965. Aber viele Menschen haben mir erzählt, dass sich der Wechsel der Gebetsrichtung in der Kirche mit Windeseile durchgesetzt hat. Von Konflikten zu dieser Zeit und um diese „Reform“ hat mir bisher jedenfalls niemand berichtet. Dass es diese gab, weiß ich aus anderne Quellen, aber die „normalen Gläubigen“ haben das offensichtlich weitgehend begeistert angenommen. Ganz offensichtlich war der Sinn der Zelebration ad orientem nicht allzu tief ins Glaubensbewußtsein von Priestern und Volk eingedrungen. Auch ganz persönlich erfahre ich beispielsweise die Feier der Messe nach der außerordentlichen Form der römischen Liturgie nicht „automatisch“ als „gottvoller“ oder stärker auf Gott als auf die Mitfeiernden ausgerichtet. 

Dabei sagen die Konzilstexte selbst über die Zelebrationsrichtung überhaupt nichts aus. Erst später wird festgelegt, dass der Altar frei stehen soll und dass man ihn umschreiten können sollte. 1969 findet sich in der allgemeinen Einführung ins Messbuch die Zelebration versus populum (zum Volke hin). Ich glaube nicht, dass sich der Wandel in der Gebetsrichtung zwischen Konzilsende und neuem Messbuch plötzlich eingeschlichen hat und alle Priester ganz überrascht waren, davon in der Einführung zu lesen. In der Geschichte der Kirche hat es in dieser Fraga auch sehr unterschiedliche Traditionen gegeben. Im Einzelnen darauf einzugehen, bin ich nicht Liturgiker genug. Was viele nicht wissen: selbst das „tridentinische“ Missale von 1962 sieht die Möglichkeit der Zelebration zum Volke hin vor, wenn auch nur in Ausnahmefällen. Darüber hinaus kann man die Fakten hierzu auch an zahlreichen Stellen im Netz nachlesen und es wird in den nächsten Wochen ganz bestimmt von kundigen Leuten Reaktionen auf Kardinal Sarahs Vorschlag geben. 

Die alten römischen Kirchen sind ursprünglich so ausgerichtet gewesen, dass der Altar im Westen und der Eingang im Osten war. Erst im Mittelalter setzte sich die „Ostung“ der Kirchen durch. Der Gedanke dahinter ist ja die Ausrichtung zum Sonnenaufgang als Symbol für den wiederkehrenden auferstandenen Christus. Was ja die Frage stellt, wo genau denn nun - im Jahreslauf - dieses Osten ist? In der Folge gibt es sogar Kirchen, deren Ostung genau auf den Sonnenaufgang des Patronatsfestes ausgerichtet ist. Was ja durchaus Charme hat. Aber so "zwanghaft" ist die „Orientierung“ der Kirchen in der kath. Welt insgesamt nicht. Es ist eine Symbolik die zwar bedeutsam ist, aber nicht überbetont werden muss.

Liturgiewissenschaftler weisen durchaus auf Schwächen der jeweiligen Gebetsrichtungen hin. So ist auch die vertraute Form der Zelebration zum Volke hin sicher nicht ohne Schwächen und Fragezeichen. Aber die Rückkehr zur alten Form ist ebensowenig die Lösung aller Probleme und Abhilfe für alle Defizite der heutigen Liturgiepraxis. Ich finde es durchaus sinnvoll, einmal wirklich in Ruhe die Liturgiereform der späten 60er Jahre in den Blick zu nehmen; was hat sich bewährt, was ist tragfähig, was ist zeitbedingt? Wo ist die ältere Liturgie stimmiger? Die aus der „Konserve“ wiederbelebte außerordentliche Form könnte auch einen Feinschliff gebrauchen, warum nicht auch die ordentliche Form? Das ist ein weites Feld, wo ich „Stückelei“ als kontraproduktiv empfinde. Es kann ja nicht sinnvoll sein, dass bei jeder neuen liturgischen Reform weitere "außerordentliche" Formen entstehen. Stell man sich einmal vor, es gäbe wirklich die Reform der Reform ... und ein namhafter Teil der Priesterschaft fordere die Zelebration nach dem Messbuch Paul VI. als zweiter außerordentlicher Form des röm. Ritus. (So abwegig ist das nicht, wenn man an die Einführung (und Einmottung) des neuen Begräbnisrituale vor einigen Jahren denkt.)

Dabei bin ich durchaus offen für Veränderungen der Gebetsrichtung. Warum sollten Teile der Messe nicht „gen Osten“ gebetet werden? Der Gedanke, dass Christen sich nicht zum geschlossenen Kreis zusammenschließen, der sich ausschließlich gegenseitig anschaut, sondern dass wir Gottesvolk sind, im Aufbruch zum Oriens, zum kommenden Christus, der uns entgegenkommt (Joseph Ratzinger), ist doch eindrucksvoll und stimmig. Aber kann eine solche Haltung nicht auf unterschiedliche Weise Ausdruck finden? Mein Eindruck ist auch, dass die Liturgiker von heute in dieser Frage eine größere Offenheit vertreten als dies in früheren Jahren der Fall war. 

Weiterführend ist ja auch der Gedanke, dass die Feiernden den Altar, der DAS Symbol für Christus ist „umstehen“. „Der Hauptaltar muss so angeordnet und gestaltet sein, dass er stets als ein Zeichen Christi erscheint, als der Ort, an dem die Heilsmysterien gefeiert werden, und gleichsam als die Ehrfurcht gebietende Mitte der versammelten Gemeinde." So heißt es in der Instruktion „Eucharisticum mysterium“ von 1967. 

Mir greift die Bemerkung "orientierte Zelebration" zu kurz, wenn es bedeuten soll, die Gebets"richtung" des Priesters schlicht um 180 Grad zu verändern. Ich kenne sehr wohl Priester, die "orientiert" zelebrieren und zwar wirklich zum Herrn hin, ohne mit mir in eine Richtung zu schauen... Es ist für mich auch weniger eine Frage wo und wie die Füße stehen, sondern wo Herz, Sinn und Geist sind...

Ganz ähnlich wird das ja auch von der Kongregation für den Gottesdienst  im September 2000 gesehen, dass die physische (topographische) Ausrichtung von der geistlichen (theologischen) unterschieden werden muss. Wenn der Priester versus populum feiert, solle seine geistliche Ausrichtung genau wie die der Gemeinde doch immer versus Deum per Iesum Christum (auf Gott hin, durch Jesus Christus) sein (zitiert aus Wikipedia).

Die Gleichsetzung: Zelebration zum Volke hin = der feiernde Mensch steht im Mittelpunkt und Zelebration nach Osten = der wiederkommende Herr steht im Mittelpunkt, greift mir zu kurz. Mir ist das zu oberflächlich und ich vermute und hoffe, dass auch der Kardinal das in seinem Vortrag differenzierter dargestellt hatte.

Letztlich kommt es in der Liturgie auf Kommunikation an und durchaus auch auf kulturell geprägte Verständnisse. Das dürfte dem Afrikaner (Guinea) Robert Sarah doch aus eigener Erfahrung kennen. Gottesdienst ist Kommunikation. Kommunikation mit Gott und Kommunikation unter den Menschen. Ich finde, beides muss sich im Gottesdienst die Waage halten. Gottesdienst ist kommunikatives Geschehen, nicht nur im Moment der Predigt. Und diese Kommunikation muss immer und deutlich spürbar ausgerichtet sein, auf den Vater im Himmel, durch den Sohn im Hl. Geist. Das gelingt nicht immer, und sicher gibt es Priester, bei denen die Aufmerksamkeit der Feiernden erst einmal in der Priestergestalt hängen bleibt. Und andererseits gibt es auch Priester, die sich in der Kommunikation mit Menschen schwer tun, sei es mit Einzelnen, sei es mit Gruppen. Auch sie brauchen den notwendigen Raum in unseren Gemeinden. Es ist wichtig, dass sich jeder, der im liturgischen Raum aktiv ist, immer wieder selbstkritisch fragt und auch befragen läßt: wer und was steht hier im Zentrum oder im Focus, Gott; sein Wort; die Anbetung … oder ich und „meine Art“ zu predigen, zu beten, Liturgie zu feiern. Bin ich wirklich durchlässig – auf Gott hin?

Ich glaube, dass eine neue liturgische Reform eine ausgesprochen komplexe Angelegenheit wäre. Die braucht Zeit und Vorbereitung, Studium und Katechese. Die Erfahrungen der 60er/70er-Jahre sollten uns da wachsam und zurückhaltend machen. Der Komplex eignet sich jedenfalls nicht für eine derartige „Hauruck-Aktion“. Ich fürchte, dass die Einlassung von Kardinal Sarah nicht zu einer ergebnisoffenen Diskussion dieses spannenden Themas führt, sondern die bestehenden Verhärtungen eher noch verstärkt. 

Dieser Vorstoß ist eine vergebene Chance. Sehr schade!

Hier in englischer Sprache eine (nicht autorisierte) Mitschrift der Worte von Kardinal Sarah: http://www.catholicworldreport.com/Blog/4902/cardinal_robert_sarahs_address_towards_an_authentic_implementation_of_sacrosanctum_concilium.aspx

Nun gibt es den Text auch übersetzt: http://www.kathnews.de/auf-dem-weg-hin-zu-einer-authentischen-umsetzung-von-sacrosanctum-concilium

Eine Reaktion auf Kard. Sarah durch den Erzbischof von London: http://www.catholicherald.co.uk/news/2016/07/11/cardinal-nichols-discourages-priests-from-celebrating-mass-ad-orientem/

Kommentare:

  1. Der Priester ist die einzige Person in der Kirche, die dauerhaft während der Liturgie (wenn auch nur symbolisch (jedoch sind Symbole der neuen Theologie ansonsten doch sehr sehr wichtig) den real präsenten Herrn im Tabernakel mit seiner Rückenmuskulatur und seinem Hinterteil anbetet, um das mal richtig derb zu formulieren.
    Nun habe ich in meinem langweiligen Leben ja nicht viele Priester kennengelernt - es mögen höchstens sieben- oder achthundert gewesen sein in verschiedenen Diözesen, Ordensgemeinschaften und Ländern. Aber nahezu keinem aus diesen ist es gelungen, während sie beteten, ja gar während sie zelebrierten, ihre Augen nur auf einen begrenzten Raum zu richten. Sie scheinen immer das ganze Volk in den Blick nehmen zu wollen, sie lächeln, sie kratzen sich nachdenklich am Kopf, sie schauen verärgert auf den einen oder anderen Ministranten, der mit seinem Nachbarn schwätzt.
    Durchlässig auf Gott hin? Sehr, sehr witzig! Ein ständig dem "Publikum" zugewandter Priester ist ein von den vielen Eindrücken, die er beim Schauen durch den Kirchenraum auf das blickdichte Gemeinde-Publikum gewinnt, stets abgelenkter Moderator.
    Er blickt ja nicht durch die Gläubigen hindurch, er nimmt sie wahr, während er redet, während er betet, während er wandelt: "Dies ist mein Blut" spricht der Mund und das rechte Auge schaut auf Oma Kunze, der er eigentlich schon für gestern einen Besuch versprochen hatte. Na dann eben morgen. - Das linke sieht den kleinen dreijährigen Max durch die Kirchengänge zappeln, während er "das für Euch und für viele vergossen wird" anhängt und sich kurz darauf gar nicht mehr sicher ist, ob er tatsächlich den Text ganz richtig aufgesagt hat, weil er gerade auswendig gesprochen und nicht ins Messbuch geschaut hat. Denn der Chorleiter reichte schnell mal eben Notenblätter durch die Reihen seiner Leute, damit das nach dem Hochgebet musikalisch wie am Schnürchen weiterlaufen kann und das Rascheln, vor allem aber die durch das Sonnenlicht heftig reflektierenden weißen Blätter hatten ihn irgendwann im Hochgebet abgelenkt…
    Warum nicht zumindest beim Hochgebet, bei der Wandlung geostet sein als alter Christus? Bei k-tv klappt das. Und der emeritierte (mittlerweile verstorbene) Sudetendeutsche Ordensbischof, der im Jahre 2000 unsere Hochzeitsmesse zelebrierte, hat dies - ohne dass ihn irgendjemand darum gebeten hätte, wie selbstverständlich getan.
    Realistisch betrachtet lässt sich die Ostung weltweit in der Fläche allerdings nicht mehr rückeinführen. Nicht nur in Deutschland würde man es als unerträglich empfinden, diese "Errungenschaft des Konzils" - was ja eine kirchengeschichtliche Lüge ist) wie ja auch "vorkonziliare Messe" eine Begriffslüge darstellt, da dies die Messe des Konzils war und eben keine dieser Bischofsversammlung zeitlich vorausgehende und durch die Konzilsväter abgeschaffte Liturgie - und dieses Zeichen wahrhafter Ökumene mit den protestantischen Gemeinschaften zu revidieren.
    Nein, Nein - Die aktuell bischöflich und akademisch regierende Theologenschaft wird niemals erlauben, dass man durch partielle Revision (und schon gar nicht in einem so sichtbaren Akt) auch nur den leisesten Zweifel an der Legitimation der Rezeption der Liturgiekonstitution hegt. Ihr den Konzilsvätern als Intention unterschobener Wille hinsichtlich der Änderung der Zelebrationsrichtung, der Kirchensprache und der Form des Kommunionempfangs ist dogmatisch, nicht hinterfragbar. Denn der Heilige Geist hat all das genau so gewollt. Ende, Aus Micky Maus!
    Wenn aber jetzt schon der Präfekt der Gottesdienstkonstitution Korrekturbedarf sieht, sollten wir kleinen Theologen lieber mal in uns gehen, statt gleich wieder reflexhaft, das Superdogma zu verteidigen. - Mit letzterem meine ich selbstverständlich nicht Sie, Herr Gehling. Denn von Ihnen weiß ich, dass viel und gut reflektieren, auch wenn Sie leider nicht immer zu dem Ergebnis komme, dass ich mir wünsche.
    Na ja, man kann halt nicht alles haben im Leben :)

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  2. P.S.: Ich bin übrigens im allerstrengsten Sinn kein Nachgeborener, sondern besitze die Gnade, noch vor Ende des II. Vatikanischen Konzils getauft worden zu sein (am 12. September 1965, zwei Tage vor der Eröffnung der vierten und letzten Konzilssession). An diesem 12.09. setzte Paul VI. mit einer Bußfeier in den Domitilla-Katakomben ein Zeichen. Er erinnerte in der Versöhnungsfeier an die Zeit der Katakomben, an die Kirche des Schweigens und des Leidens und damit auch an die Feindseligkeit der damaligen Umwelt.
    Und so ist dieses parallel zu meiner "Nottaufe" (geboren am 07.09.65, aber die Ärzte und Schwestern im Dinslakener St. Vincentius-Hospital waren sich nicht sicher, ob ich statt des Kindergartens doch eher in den - wie wir heute alle wissen - nicht existierenden Limbus kommen würde) abgelaufene Ereignis mir Zeichen und Ansporn zugleich, if you know, what I mean!

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