Freitag, 25. September 2020

„Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden...“

Was muss sich in der katholischen Kirche ändern?

Denken Sie doch mal kurz nach – was steht auf ihrer eigenen Liste?

  1. Lebensform der Priester?
  2. Rolle der Frauen?
  3. Kirchensteuer?
  4. Umgang mit den Themen Sexualität, Liebe, Ehe?
  5. Verhältnis zu den anderen Kirchen und Konfessionen?
  6. Umgang mit Macht, Geld, Einfluss?
  7. Umgang mit Verbrechern in den eigenen Reihen und deren Opfern?
  8.  
  9. ...
Ach, es liegt so viel im Argen… 

Mutter Theresa, die aus Albanien stammende Ordensschwester, die fast ihr ganzes Leben lang in Indien tätig war und in der ganzen Welt wie eine Heilige verehrt wurde und wird, sie sagte einmal auf die Frage, was sich in der Kirche ändern müsse: 

Nur zwei Dinge: „Sie und ich!“

Dieser Spruch wird sehr gern zitiert, wenn die Verteidiger eines idealisierten Kirchenbildes auf notwendige Reformen angesprochen werden. 

Ich hatte in den letzten Tagen etwas Zeit, um in den sozialen Medien, in Zeitungsartikeln und im Fernsehen die Versammlung unserer Bischöfe in Fulda zu verfolgen. An dem, was mich rund um die Bischofsversammlung berührt und beschäftigt hat, möchte ich euch teilhaben lassen. 

So hatte ich gestern, als ich das Mittagessen für die Familie zubereitete, die Stimme von Georg Bätzing im Ohr. Wirklich, ein liebenswürdiger Typ der neue Vorsitzende. Ein anderer Ton! Manchmal redet auch er um den heißen Brei herum. Alles mit Höflichkeit und Freundlichkeit. Ein Schlüssel-Moment wie vor einigen Monaten scheint bei ihm kaum möglich: Wer erinnert sich nicht, als sich die Bischöfe Ackermann und Marx auf die Frage nach persönlichen Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal (Rücktritt eines oder mehrerer Bischöfe) ratlos anschauten, bevor der damalige Vorsitzende sich zu einem sehr verbissenen NEIN durchrang.

Lockere Sprüche über Verbloggen und Verblöden kämen dem Neuen wohl kaum in den Sinn. 

Das Gegenstück zur abschließenden Pressekonferenz war ein erstes Pressegespräch zu Beginn. Da schilderte der freundliche Vorsitzende die Situation, die durch das Schreiben aus dem Vatikan zum Thema der eucharistischen Gastfreundschaft entstanden war. In allergrößter Freundlichkeit machte er sogar ausdrücklich Werbung für die Tagespost, die ein vatikanisches Schreiben veröffentlicht hatte, zu dem der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz selbst noch gar nicht sagen konnte, ob und wann es denn veröffentlicht werden dürfte, also jetzt offiziell. 

In der ZEIT war zu lesen, dass der apostolische Nuntius den an Bischof Bätzing adressierten Brief zeitgleich allen deutschen Bischöfen geschickt hatte. Und irgendwo zwischendrin hatte jemand den Brief auch gleich der Tagespost gegeben. Darüber war der freundliche Vorsitzende zu Recht wenig erfreut, wie eine Mail zeigte, die irgendwie den Weg in die ZEIT gefunden hatte.

Man beginnt zu verstehen, dass sich mancher Beobachter die Zeit handgeschriebener, gesiegelter Briefe zurückwünscht, die mit berittenen Boten über die Alpen transportiert werden. 

Ganz offensichtlich herrscht unter unseren Bischöfen keineswegs eitel Freude und Einigkeit, wenn sie in Fulda zusammen kommen. 

Die Leseordnung der Liturgie lieferte Kardinal Woelki, in dem Manche neuerdings den Retter ihres Kirchenideals sehen, eine echte Steilvorlage für seine Predigt. Die dieser natürlich verwandelte: Wenn die Leute das Wort Gottes nicht gerne hören... „Da ist dann unter Umständen die Versuchung groß, dem Wort Gottes etwas hinzuzufügen, um es angenehmer zu machen.“ Zustimmenden Applaus gab es im Netz von seinen alten und neuen Fans. Ja, es lohnt sich wirklich, die Predigt von Kardinal Woelki von Anfang bis zum Ende zu lesen. Schön, dass er die Herausforderungen der Lesungstexte sehr persönlich aufgenommen hat. Es geht darin nämlich auch um Auftritt, Macht und Reichtum.

Hören wir kurz zu: 

„Aber wer würde sich denn dann auch gegen Reichtum wehren?

Warum betet da jemand, dass der Herr ihn davor bewahren möge und erbittet sich nur das Brot, das nötig ist? Auch aus dieser Bitte, liebe Schwestern, liebe Brüder, spricht eine tiefe psychologische Erkenntnis: wer reich ist, wer viel hat, der kann auch viel verlieren. Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden, dass man am Ende den Herrn verleugnet.“

Ist das nicht eine großartige Erkenntnis, wenn man durch diese Brille mal auf die aktuelle Krise der Kirche schaut? „Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden...“ 

Lesen Sie mit diesem Satz im Herzen mal, was Bischof Ackermann auf die Frage gesagt hat, warum bis heute kein Bischof aufgrund des kirchlichen Versagens im Umgang mit den Missbrauchs fällen zurückgetreten ist. Oder das Interview, dass Erzbischof Heße in der ZEIT gegeben hat und seine Antworten auf die Frage nach persönlicher Schuld. 

„Exzellente Fragen an seine Exzellenz.“ kommentierte Christiane Florin. Und ließ sich bei facebook auf die Diskussion mit einer Dame ein, die die Überforderung der Bischöfe durch die Herausforderungen der Missbrauchsfälle entschuldigend ins Feld führte. Bischöfe und Priester sollten solche Leitungsposten in der Verwaltung, als Personal- oder Finanzchef nicht ausüben. Das sollten Laien tun. Bischöfe und Priester seiden dort schlicht überfordert, die seien doch berufen, das Wort zu verkünden, die Sakramente zu spenden, die Hl. Messe zu feiern. 

„Bei uns stiehlt man sich nicht durch Rücktritt aus der Verantwortung“, so Bischof Ackermann sinngemäß. 

Ja, es ist schwierig! Nicht nur in der Kirche. Das zeigte an anderer Stelle eine große Geburtstagsanzeige für Hartmut von Hentig in der FAZ. Wie geht man mit einem Heroen der Reformpädagogik um, der nur schwer einsehen konnte, dass sein Freund und Lebensgefährte furchtbar an Kindern gehandelt hatte,  dass er damals in der Odenwaldschule zum Verbrecher wurde? Wie geht man mit einem Kardinal um, der nicht sehen wollte, was in der Eliteeinrichtung der Regensburger Domspatzen geschehen war, durch renommierte Persönlichkeiten, denen man vertraute, und die musikalisch Großartiges geleistet hatten?

Was tun, wenn sich liebenswürdige Menschen, großartige Meister ihres Fachs und im kirchlichen Kontext: aufopferungsvolle, kirchentreue oder moderne Priester als janusköpfig erweisen und wenn man plötzlich der hässlichen Fratze ins Angesicht blicken muss?

Und was ist in Rom los? Ein Dreizeiler des vatikanischen Presseamtes von gestern Abend machte bekannt, dass Kardinal Giovanni Angelo Becciu (72), der Präfekt der Heilig- und Seligsprechungskongregation des Vatikans, von diesem Amt zurückgetreten ist und auf alle mit der Kardinalswürde verbundenen Rechte verzichtet. Solch einen Vorgang hat es in der Römischen Kurie noch nie gegeben. Über die Hintergründe ist kaum etwas bekannt, ob dessen Beteiligung an einem umstrittenen Geschäft des Vatikan in London für diesen Absturz eine ausreichende Erklärung ist?

Man darf gespannt sein. Papst Franziskus will eine arme Kirche an der Seite der Armen. Davon ist immer wieder zu lesen. Wie passt das mit Immobiliengeschäften in London zusammen? Wie passt das damit zusammen, dass Paderborn nach einem gründlichen Blick in die Schatullen nun vermeldet, dass dort 7,15 Milliarden Euro liegen?

Angesichts der 114,7 Milliarden, über die Bill Gates allein verfügt, mag das auch nicht so unfassbar viel sein, aber die Nachricht überraschte schon. Und trägt nicht zum positiven Bild bei, das die Kirche in der Öffentlichkeit bietet. Dabei ist der Kardinalfehler sicher nicht, dass ein Bistum gut wirtschaftet und evtl. Überschüsse gut anlegt. Für mich ist der Kardinalfehler, dass es erst jetzt vermeldet wird und dass wir nicht seit Jahren für die notwendige Transparenz sorgen. 

Und jetzt lesen Sie noch mal die Predigt von Kardinal Woelki oder den von mir zitierten Satz daraus. 

Ich bin dankbar, dass es uns in der Kirche gelungen ist, deutlich verantwortlicher mit dem Geld der Gläubigen umzugehen, als dies in manchen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens geschehen ist. Wie gut, dass wir nicht bis über beide Ohren verschuldet sind. Aber es sei auch erinnert an die Haltung des Heiligen Franziskus und den großen, heute fast vergessenen Streit um die Katharer und deren Idee einer besitzlosen Kirche. Mir kommt der Gedanke in den Sinn, mit dem die Kartäusermönche ihre Form des einsamen Lebens erklären: So viel Einsamkeit wie möglich – so viel Gemeinschaft wie nötig. Also: So viel Armut und Einfachheit wie möglich – so viel Besitz wie nötig. 

„Wenn ich mir das vorstelle: ganz ohne Geld, ohne Vorratstasche, ohne alles loszulaufen.“ – sagt Kardinal Woeki in seiner Predigt. 

Diese Form der Besitzlosigkeit würde man sich in vielen anderen Bereichen der Kirche wünschen. Sicher auch in allen Fragen der Machtausübung und des Umgangs mit den einfachen Gläubigen. 

Ich will mal ein winziges, persönliches Beispiel bringen, ein Erleben der jüngsten Tage. Als einziges deutsches Bistum hat Limburg als zweiten Patron den Hl. Bischof Nikolaus. Der vormalige Limburger Bischof Franz Peter Tebartz van Elst hatte im Portal des Bischofshauses eine Darstellung des heiligen Kinderfreundes einarbeiten lassen. Vor dem Sommer schrieb ich daher dem Bischof von Limburg eine längere e-mail. Ich bat ihn um ein geistliches Wort für unsere Schokoladen-Nikolausaktion, bei der wir jedes Jahr eine Nikolauslegende mit einem Bischöflichen Wort veröffentlichen. Ich legte Flyer mit den Texten verschiedener Bischöfe und Kardinäle bei, die das in den letzten Jahren schon für uns getan hatten, damit er nicht denkt, es mit irgendwelchen windigen Leuten zu tun zu haben. Nachdem dann sechs Wochen keine Reaktion kam, dachte ich: Schreib noch mal ordentlich per Post. Also machte ich einen Brief fertig und schickte ihn per Post nach Limburg. Jetzt, wo es etwas knapp wird, um noch einen Flyer zu erstellen fragte ich noch mal sehr freundlich und ausführlich in seinem bischöflichen Büro, ob man mir wenigstens mitteilen könnte, ob ich mit einer Antwort rechnen könnte. Bis heute habe ich auf diese drei Anschreiben keine Antwort erhalten. Weder eine Absage noch ein vertröstendes Schreiben. Nichts. 

Kurz vorher hatte ich im Frühsommer auch den Wiener Kardinal Schönborn angeschrieben, mit Verweis auf die österreichische Herkunft unserer Nikoläuse. Der reagierte nach wenigen Tagen mit einer wirklich liebenswürdigen  Absage und dem Hinweis auf seine angegriffene Gesundheit.

Jetzt kam ich in Not und folgte dem ursprünglichen Gedanken und schrieb auf deutsch eine Mail an das Erzbistum Ljubljana in Slowenien. Nur wenige Tage später meldete sich der Weihbischof persönlich und übersandte mir ein schönes geistliches Wort zum Hl. Nikolaus, dem Patron der Kathedralkirche des Erzbistums Laibach. Ebenfalls sehr liebenswürdig und sehr direkt.

Das mag alles Zufall sein oder der "Vielfalt der Zuschriften und Anfragen geschuldet". Dennoch, manch einer kann ein Lied singen von solchen Erfahrungen in der Kommunikation mit kirchlichen Stellen. Auch in weit existentielleren Fragen.

Vor dem Fuldaer Dom standen einige Frauen der KfD und wollten einen eigens gestalteten Zollstock an die Bischöfe überreichen. Eine gute Anzahl der Bischöfe sei aber kommentarlos vorbei gegangen und habe das Geschenk nicht in Empfang genommen. 

Ein Bischof ist ein wichtiger Mann. Ein Mensch mit Einfluss, Verantwortung, Macht. Er beschäftigt in Deutschland tausende von Menschen (unter dem Strich), unterstützt von einer großen Verwaltung. Wohin er kommt erregt er Aufmerksamkeit und erfährt eine herausgehobene Behandlung. Wenn er eine Gemeinde besucht (visitiert) zeigt man sich von der besten Seite. Bevor man den Bischof mit kritischen Fragen konfrontiert muss schon Druck auf dem Kessel sein. Korrekt spricht man ihn mit "Exzellenz" an. Ich frage mich oft, wie das alles seine Weltsicht prägt. 

Aber, wir müssen sehr klar erkennen, dass all die Macht und Bedeutsamkeit eines Kirchenamtes die Kirche nicht aufbaut. Ohne "Jünger", ohne "Follower", ohne einfache Gläubige ist ein Bischof oder Priester nichts. Und ohne Menschenfreundlichkeit und tiefe Frömmigkeit auch nicht. 

Wir kommen nicht umhin, die Menschen vom Glauben zu überzeugen und für die Kirche zu gewinnen. Die Botschaft muss gewinnend sein und der Überbringer auch überzeugend. Dabei meine ich nicht "nach dem Mund reden" und einschleimen oder irgendwelche Formen des geschickten Marketing. Was wahr und richtig ist, das darf auch mal ungemütlich und unbequem sein. Auch da gebe ich Kardinal Woelki recht. Aber nicht alles, was ungemütlich und unbequem ist ist auch gleich wahr und richtig. 

Der Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt meldete sich am Rande der Herbstvollversammlung der Bischofkonferenz im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Tagespost“: „Zum einen missfalle ihm der Ton, in dem oft Kritik geäußert werde…“ Wenn Menschen, die selbst Angestellte der Kirche seien, "das eigene Nest beschmutzen", müsse man daran erinnern, dass es das Geld der Gläubigen sei, mit dem die Kirche sie bezahle. Genauso verhalte es sich mit dem Reformprozess an sich: "Diese Veranstaltung, wer bezahlt sie denn? Wer gibt dieses Geld?", fragte Ipolt. Es seien die einfachen Gläubigen, die in die Kirche gingen. Für sie wolle er "eine Lanze brechen", deren Glauben müsse man stärken.

Zum anderen äußerte sich der Görlitzer Bischof kritisch über das oftmals sehr theologische Niveau der Debatten, dem "einfache Gläubige oft nicht folgen können". Daher plädiere er dafür, ein theologisches Fundament aufzubauen, auf dem alle Seiten – Bischöfe, Laien, Frauen und Männer – lernen müssten, gemeinsam zu reden. "Das sehe ich im Augenblick als die größte Herausforderung an", so Ipolt.“

Da erscheint vor meinem geistigen Auge die kleine Schwester aus Kalkutta mit ihrer Bemerkung zur Kirchenreform. Und flüstert mir ins Ohr: Ändern in der Kirche müssen Sie sich, Bischof Ipolt! Und diejenigen, die Sie „Nestbeschmutzer“ nennen natürlich auch. 

Interessant, dass ein Bischof sich zum Anwalt der kleinen Leute in der Kirche macht. Ich hoffe, das gilt auch noch dann, wenn über den Bau eines Bischofshauses entschieden wird oder den Neubau einer Bistumsverwaltung, den Abriss einer Kirche oder den Ankauf eines Gästehauses in Rom. 

Interessant, dass ein Bischof für ein Diskussionsniveau plädiert, dem die einfachen Leute zu folgen in der Lage sind – während der ein oder andere Mitbruder gerade die Volkstümlichkeit der Diskussion beklagt, deren theologisches Niveau zu wünschen übrig lasse. 

Interessant, dass man kritische Kirchenangestellte (ich denke, wir reden hier von Menschen, die sich als Priester, Pastoralreferent*innen, engagierte Verbandsvorstände, Theologieprofessor*innen, sogar Bischöfe) in den Dienst der Kirche gestellt haben aufgrund ihres kritischen Tons als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet. 

Es ist leider mitnichten so, dass „die einfachen Gläubigen“ die Kirche der 60er Jahre zurück wollen. Ich erlebe es zunehmend, auch bei den Treuesten der Treuen, dass sie den Zölibat oder die exklusive Stellung der Priester im Gefüge der Kirche in Frage stellen. Inzwischen komme ich immer mehr in die Situation, die Kirche und ihre Traditionen verteidigen zu müssen, selbst dort, wo es die einfachen Leute sind, die Woche für Woche in die Kirche kommen. 

Es ist schön, dass Bischof Ipolt via Tagespost einmal einen Bick in sein Herz und seine Empfindungen möglich gemacht hat. Trotzdem irritiert diese Weltsicht. Mit der „Nestbeschmutzer“ – Keule kann ich jede Kritik abbügeln. Und vom Tisch wischen. Natürlich braucht es Kritik. Es braucht auch schmerzhafte Kritik. Und ein Ringen um die Wahrheit. Und es braucht gute Antworten, die auch dann überzeugen, wenn sie nicht von der machtvollsten Seite gegeben werden. 

Hier sei einmal an den heiligen Benedikt und seine Regel erinnert: Im dritten Kapitel legt der dem Abt nahe: „Tue alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“ Für Benedikt spielt dabei sogar der Rat der Jüngsten eine wichtige Rolle. Der Abt soll ihn einholen, weil die Jüngsten dem Ideal noch sehr nah sind. Von dieser Dialogkultur könnte die Kirche lernen und wirklich profitieren. 

Die katholische Welt in der ich lebe, hat unterschiedliche Dialogräume. Da ist einmal die Gemeinde er einfachen Gläubigen, die in die Kirche gehen. Und dann ist da das Dekanat, das Bistum in dem ich tätig bin und die einen Rahmen bilden, der mir die pastorale Arbeit vor Ort überhaupt möglich macht. Und schließlich die katholische Blase in der ich mich bewege, was ich also so in sozialen und öffentlichen Medien wahrnehme und teils bei facebook diskutiere. 

Darin ist in der Szene derjenigen, die eine ideale, am Lehramt ausgerichtete Kirche erträumen, gerade mal wieder gern vom Schisma die Rede. Einige sehnen das offenbar herbei. Da heißt es, der Papst habe Bischof Bätzing bei seinem Antrittsbesuch gesagt, es gäbe ja in Deutschland schon eine evangelische Kirche und die deutschen Bischöfe mögen doch bitte keine weitere protestantische Kirche gründen. Man wisse um diese Bemerkung aus sicherer Quelle und wenn es nicht wahr sei, so sei es doch gut erfunden. Viele aus meiner Blase kommentieren kritische Wortmeldungen turnusmäßig mit der Aufforderung, die Kirche zu verlassen und sich den Protestanten anzuschließen. In Rom schüttele man sowieso den Kopf über die deutsche Kirche. Einzelne Diskutanten schmähen Bischöfe als Häretiker, Schismatiker, Bischofsdarsteller, Karrieristen. Mit leichter Hand trennt man die Spreu vom Weizen im deutschen Episkopat. Die Guten ins Töpfchen, die „Schlechten“, die „Mietlinge“ ins Kröpfchen. Kardinal Woelki hat man dann noch schnell vor dem hungrigen Schnabel des Täubchens bewahrt und ins Töpfchen gerettet. 

Gerade die Kritiker des synodalen Weges haben offenbar das Ohr gewisser Kreise im Vatikan. Daher tragen sie auch Verantwortung dafür, ob sie und wie sie die Berichterstattung zuspitzen.

Mir gefällt auch nicht, wenn Kreuze pink angepinselt werden oder Gebet und Gottesdienst zu kirchenpolitischen Zwecken zugespitzt werden. Selbst wenn die Anliegen dahinter mehr als berechtigt sind. 

Bischof Ipolt hat recht. Die einfachen Gläubigen können dem „oft nicht folgen“ und auch mir missfällt der Ton, in dem ein Bischof Overbeck, ein Bischof Bätzing, ein Bischof Bode, ein Kardinal Marx kritisiert werden. Mir missfällt auch der Ton in dem ein Bischof Voderholzer, ein Weihbischof Schwaderlapp, ein Kardinal Woelki kritisiert wird. Und letztendlich missfällt mir auch der Ton, in dem Bischöfe und Kardinäle sich gegenseitig kritisieren. 

In der Beziehung bin auch ich „einfacher Gläubiger“, der mit seiner Kirchensteuer all das bezahlt und der auch von der Kirchensteuer bezahlt wird. 

Und ich wünsche mir nichts mehr als ein sauberes Nestchen. 

Aber manchmal muss man sich auch einfach hinstellen und sagen: Schaut bitte mal hin, wie vollgeschissen dieses Nest inzwischen ist. 

Ich habe kein Rezept, wie wir zurückkommen zu einer Kirche, 

  • in der Jesus Christus so verkündigt wird, dass es seinem Wirken auf Erden ganz nahe kommt, 
  • in der Gott angebetet wird und in der ich Kraft für mein Leben tanken kann, 
  • in der das Evangelium wirklich allen Menschen verkündigt und angeboten wird, 
  • ohne dass diese Kirche sich zu einer Kirche der Wahren und Reinen verzwergt 
  • und der Glaube in unserem gesellschaftlichen Leben keine prägende und gestaltende Bedeutung mehr hat, 
  • weil er nur noch in Sonderwelten gelebt wird. 

Ich bin sicher, die einfachen Gläubigen wünschen sich eine Kirche, die in den Dörfern und Städten präsent ist. Die gastfreundlich ist und ein offenes Ohr hat. Deren Türen offen stehen für alle und in denen das Evangelium in seiner ganzen Fülle verkündet wird. Sie wünschen sich, dass vom Evangelium Impulse für das alltägliche Leben ausgehen und dass Menschen in der Kraft des Evangeliums das Leben in den Städten und Dörfern prägen. Sie wünschen sich eine Kirche, die da ist in der Not und die da bleibt, auch wenn sie Fehler gemacht haben. Sie wünschen sich Kirchenvertreter. Sie möchten diese Kirche mitgestalten und Ideen einbringen. Sie möchten, dass in dieser Kirche Männer wie Frauen gleichberechtigt sind und dass ihr Rat in jeglicher Hinsicht gehört wird. Sie wünschen sich, dass in der Kirche kein Unrecht und kein Verbrechen geschieht. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder sicher und geschützt sind und dass Menschen miteinander auf Augenhöhe umgehen. Sie wünschen sich Hirten mit dem Geruch der Schafe, die mal voran gehen, mal mit ihnen gehen und mal der Herde folgen. Sie wünschen sich keine Skandale und keine Karrieristen in der Kirchenleitung und eine Kirchenverwaltung, die mithilft, dass der Glaube in der Familie und in der Gemeinde gelebt werden kann. Sie wünschen sich Leitungspersönlichkeiten, die nicht Herren des Glaubens, sondern Diener der Freude sein wollen. Sie wünschen sich einen barmherzigen Umgang mit allen Gescheiterten und beherzte Hilfestellung, dass diese umkehren und neu beginnen können. Sie wünschen sich...

Was für ein weises Wort der Heiligen aus Kalkutta: Sie und ich!

Was für ein weises Wort des Bischofs von Görlitz: Die einfachen Gläubigen! Selbst die, die nicht immer in die Kirche kommen, möchte man ergänzen.

Was für ein weises Wort des Kardinals von Köln:  Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden.

Vielleicht sollten wir einfach wieder mehr aufeinander hören, miteinander reden, gemeinsam beten. Und alle Verdächtigungen, alle taktischen Spielchen, alles Bewerten von Menschen hintan stellen. 

Hoffentlich gelingt es mir auch ganz persönlich, dem Wort von Mutter Theresa gerecht zu werden. Und wenn es mal nicht gelingt, will ich es immer wieder neu versuchen. 

Predigt von Kardinal Woelki: 
https://dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2020/2020-147-HVV-Fulda-Predigt-Kard.-Woelki.pdf

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