Donnerstag, 7. Februar 2013

Zwischen Homo- und Kathophobie

Martin Lohmann - er war das Gesicht der Kirche an Bord dreier Flaggschiffe der Meinungsbildung im deutschen Fernsehen: Anfang Dezember bei Frank Plasbergs „Hart aber Fair“ zur Homo-Ehe; Anfang Februar bei Günther Jauch über den „gnadenlosen Konzern“ Kirche und etwas später im Talk bei Markus Lanz. Wer ist eigentlich dieser Mann, der der katholischen Kirche und ihrer Lehre seine Stimme und sein Gesicht lieh? Fast alle Katholiken mit denen ich sprach waren zunächst ratlos: Nie gehört, dieser Name! Auch das bekannte Nachrichtenmagazin „Focus“ spekulierte zunächst, Lohmann sei „TV-Pfarrer“.
Richtig ist, dass Lohmann CDU-Mitglied, Familienvater, Lebensschützer, Journalist und als solcher seit 2011 Chefredakteur des privaten Senders „K-TV“ ist. Ins öffentlich rechtliche Fernsehen kam er weil..., weil...., weil ... . Ja warum eigentlich?
Der katholische Zuschauer (auch ich war darunter) wunderte sich jedoch zunächst, dass hier (wo sonst wichtige Politiker oder bekannte Künstler diskutieren) kein deutscher Ortsbischof, kein aus der Öffentlichkeit bekannter Priester oder der päpstliche Nuntius Erzbischof Jean-Claude Perisset in den Ring gestiegen ist. So erhielt Martin Lohmann die Rolle, als „freier Katholik“ oder „katholischer Journalist“ die Stimme der katholischen Kirche zu sein. Aber was für eine Stimme? 
Natürlich werden die Leute zu einer solchen Talk – Show so ausgewählt, dass möglichst viel Bewegung entsteht, dass kontroverse Stimmen zur Sprache kommen und letztlich, dass eine solche Diskussion neben der sachlichen Seite auch genügend Show- und Krawall-Faktor hat, damit der Zuschauer sich vor der Röhre binden lässt und nicht schnell weiter zappt. Neben dem so gerne in den Vordergrund geschobenen Bildungsauftrag geht es natürlich auch um Einschaltquoten und damit auch ums schnöde Geld. 
Es ist verständlich, dass sich kein deutscher Bischof zur Zeit eine in diesem Sinne polarisierende Rolle zuschreiben lassen möchte. Aber sollte man den Planern der TV-Shows nicht einfach einen Strich durch die Rechnung machen? Haben wir Katholiken nicht das Recht zu erleben, dass ein deutscher Bischof die Sache der Kirche in der Öffentlichkeit mit Demut, Freundlichkeit und Entschiedenheit vertritt? Das ist keine einfache Sache und mancher ist damit schon auf die Nase gefallen. Aber ich halte „Talkshowtauglichkeit“ durchaus für eine Qualifikation, die ein Bischof mitbringen sollte. Bestimmt kann man sich mit Blick auf öffentliche Diskussionen  im Fernsehen auch helfen und schulen lassen und man kann lernen, die Mechanismen solcher Sendungen im Blick zu behalten. Ich traue da unseren Bischöfen so einiges mehr zu als heute sichtbar wird. 
Nun hätten die Sender ja auch einen katholischen „Freak“ z.B. in Soutane einladen können. Aber da hätten alle Beobachter gleich gesagt, so ein „Piusbruder“, der sieht ja gar nicht so aus wie mein Pfarrer oder das normale Pfarrgemeinderatsmitglied von nebenan. Den nehme ich nicht ernst.
Da ist Martin Lohmann ein anderes Kaliber und das ist sicher auch der Grund, warum gerade er es auf das Podium geschafft hat. Auf der einen Seite hat er nämlich den Ruf und das Verdienst, ein talentierter Journalist und ein eloquenter Gesprächspartner zu sein. Auf der anderen Seite steht er eindeutig und treu zu Papst und Kirche . Es gibt sogar eine Reihe von Bildern (die teilweise auch präsentiert wurden) auf denen Lohmann mit dem Hl. Vater zu sehen ist. Zudem engagiert er sich in der CDU.
Im Setting einer solchen Sendung konnte er also bestens als Vertreter für die „reine (und als weltfremd empfundene) kirchliche Lehre“ gesetzt werden. Für die anwesenden Kirchenkritiker oder die Sprecher der homosexuellen Menschen war er also eine wunderbare Reibungsfläche, an der sich eine feurige Diskussion entzünden konnte. So schob man den Katholiken Lohmann auf die angeblich dunkle, "böse" Seite der Kirche, die dem im Grunde auch ohne Glauben „guten Menschen“ ihre weltfremden Weisungen aufzwingen möchte. Und alle Moderatoren wollten Martin Lohmann in dieser Ecke halten. Die Versuche Lohmanns, die menschenfreundliche Lehre der Kirche darzulegen und im konkreten Fall auch auf die Freiheit und die Gewissensentscheidung der einzelnen Menschen zu verweisen wurden von Plasberg, Jauch und Lanz mit manchmal absurden Wendungen, Aktionen und Fragestellungen abgeblockt. Die Neutralität und Sachlichkeit blieb dabei immer öfter auf der Strecke. Wirklich keine journalistische Glanzleistung! 
Geradezu lachhaft war es zu erleben, wie Markus Lanz (der sich selbst als Katholik bezeichnete) eine klarere Weisung der Kirche verlangte. Sie solle den Relativismus lassen und verkünden, dass nach einer Vergewaltigung die Pille danach ganz selbstverständlich sei, wogegen Martin Lohmann die Gewissensentscheidung der Frau betonte, die die Kirche respektiere, auch wenn sie gegen kirchliche Lehre entscheide. Verkehrte Welt! Geradezu skurril war, dass Lanz in der Sendung auf einmal vom „Du“ zum „Sie“ wechselte, weil dies zu größerer Klarheit beitrage. 
Die FAZ wunderte sich über Günther Jauch und fragte angesichts der Diskussion: „will Jauch statt des mündigen den ahnungslosen Zuschauer, der sich an der falschen Stelle aufregt – Hauptsache, er regt sich auf?“ Die Frage ist gut, oder? Schade dass es keine Antwort geben wird.
So blies dem Katholiken Lohmann ein kräftiger Wind entgegen, beklatscht wurden nur wenige seiner Aussagen, gerne war auch das Publikum bereit, seine Sätze misszuverstehen (bevor sie überhaupt zu Ende geführt waren), oder nach einem Halbsatz protestierend zu raunen und zu lachen, weil es schien, als käme jetzt was „Frauenfeindliches“. Selbst verschuldet war allerdings die Bemerkung, in der Lohmann vom „genormten“ Gewissen sprach, das die Kirche fördere. Dass er damit das „informierte“ Gewissen meinte, mochte ihm das Publikum nicht mehr abnehmen. Oder was soll der Fernsehzuschauer beim verdienten abendlichen Bier mit einer Bemerkung dieser Qualität anfangen: „Wir leben in einer sexualisierten Diktatur des Relativismus!“
Trotz alledem muss ich aber gestehen, mein Mitleid mit dem Glaubensbruder hält sich in Grenzen. Denn Martin Lohmann ist kein Opfer! Er hält was aus und er ist keiner, der im Fernsehen gute Mine zum bösen Spiel macht (er fällt wirklich (fast) nie aus der Rolle). Aber er spielt dieses Spiel bewusst und gerne mit, weil er die – aus seiner Sicht – notwendige Klarheit auch über Polarisierung zu erreichen sucht. Er ist der ideale Talkshow – Gast. Lohmann ist Überzeugungstäter, er weiß genau, worauf er sich einlässt und was er bewirkt. 
Selbst die Reaktionen auf seine Auftritte, die etwas unfaire Moderation, der „Ausflug“ ins Persönliche durch Günther Jauch, die anonyme Drohung mit der aidsverseuchten Spritze, das „Ausgelacht und Ausgebuht-Werden“, der Verlust seines Minijobs als Dozent bei einer Kölner Akademie... all das macht er sich zu Nutze und bringt er geschickt und wohldosiert in facebook-Beiträgen und Stellungnahmen in die Öffentlichkeit. 
Nicht, dass ich gutheißen würde, dass ein Mensch bedroht, beschimpft, ausgelacht und ausgebuht wird. Ganz im Gegenteil, ich finde es widerlich. Aber hier ist es ein notwendiger Teils eines „Spiels“. Von Martin Lohmann kann man etwas lernen, selbst wenn ich den Eindruck habe, dass er zur Zeit einige wirkliche Opfer zu bringen hat. „Seine Sache“ bringt er gut voran. Aber ist „seine Sache“ auch wirklich die Sache der Kirche, des Papstes und des Lehramtes?
Unter den deutschen Bischöfen scheint er nicht viele Freunde zu haben. Bis heute ist ihm noch niemand beigesprungen. Auch das ist ein Signal! Die Pressestelle des Kölner Erzbistums teilt sogar mit, er sei ja „auf eigene Rechnung“ ins Fernsehstudio gegangen. 
Heute wurde ein Brief des Kölner Kardinals Joachim Meisner bekannt, den er an seine Priester und Seelsorger(innen) geschrieben hat. Er beklagt darin Feindseligkeit und Häme gegenüber der Kirche und fordert: „Um so wichtiger ist es, dass wir für solche Angriffe keine Gründe liefern. Nur dann können wir tapfer ungerechtfertigte Angriffe ertragen.“ ... und zitiert zum Abschluss Papst Benedikt: „Tapferkeit besteht nicht im Dreinschlagen, in der Aggressivität, sondern im Sich-schlagen-lassen und Standhalten...“ 
Wir können zur Zeit beobachten, dass interessierte Kreise versuchen, die Kirche in ihrem Herzen zu treffen, dort wo sie für die Menschen da sein will. Man versucht, ihr die „Fratze“ der Unmenschlichkeit überzustülpen, und zu belegen, dass sie selbst die von ihr verteidigte Humanität und Menschenfreundlichkeit gar nicht lebe. Im Umgang mit allen, die ihre Moralvorstellungen nicht teilen und mit denen, die im Leben scheitern und in kirchlichen Diensten lässt sich die Kirche leicht als hartherzig und unbarmherzig vorführen. Vielleicht allzu leicht, auch darüber sollten die Kirchenverantwortlichen nachdenken. Gibt es auch menschlichere, christlichere Wege mit Menschen umzugehen, die über lange Zeit der Kirche gedient haben und bei denen nun – durch welche Umstände auch immer – Lebensführung und kirchlicher Anspruch kollidieren? 
Und es mangelt in der Kirche nicht an echten Fehlern und Sünden. Davon haben die Bischöfe und auch die Päpst oft genug gesprochen. Darüber darf man auch sprechen, aber fair und dann auch von ihren Stärken und von ihren Heiligen.
Nun wäre es völlig verkehrt, Martin Lohmann einen Vorwurf zu machen, dass er sich aus der Deckung und in die Öffentlichkeit wagt. Er will für seine Überzeugungen streiten und sicher auch seinem Fernsehsender aus der Nische hinaushelfen und zu einem wichtigen Medium für fromme und treue Katholiken machen. 
In der aufgeheizten Situation sollten die Wortführer der Kirche und der Katholiken anders auftreten. Vielleicht einfach nachdenklicher, bescheidener, zurückhaltender, schuldbewußter, demütiger. Eben so, als würde man uns wie Schafe unter die Wölfe senden. Zeitweise wirkte sogar Martin Lohmann im Fernsehen so. Aber die Zuschauer nahmen es ihm meist (über weite Strecken ungerechtfertigterweise) nicht ab. Doch es gab auch Momente, die dieses Misstrauen verstärkten, zum Beispiel bei Lanz, wo er sehr süffisant in die Kamera sagte: „ich sag's noch mal zum Mitschreiben, für die lieben Zuschauer, zum Mitschreiben...“ Das wirkte arrogant und von oben herab. 
In den Foren und Blogs seiner Szene wird Martin Lohmann für seine Standhaftigkeit gefeiert, ein wenig sogar zum Märtyrer stilisiert. Mit Blick auf die negativen Rückmeldungen, die er erhält spricht der Journalist selbst von satanischen Stimmen und beschwört parallel zur „Homo-“ eine „Kathophobie“. Sein Kollege, der Publizist Michael Hesemann postet: „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt." (Mt 5, 10-12) Warum fällt mir dieses Herrenwort jetzt so spontan ein???“ Tja, warum wohl? So was kommt an bei den Freunden und Anhängern.
Mir ist jedenfalls nicht wohl dabei. Und mir drängt sich ein anderes biblisches Wort auf. "Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: ... eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden" (Kohelet). Der Volksmund hat daraus die Weisheit gemacht: „Reden ist Silber und Schweigen ist Gold“.
Leider muss ich gestehen: Ich habe mich heute selber nicht daran gehalten. Kyrie eleison!

Hier der Brief von Kardinal Meisner: http://media1.kathtube.com/document/30179.pdf

Zur Ergänzung: Ein lesenswerter Text gegen den Shitstorm gegen Martin Lohmann: http://www.queerpri.de/die-lohmann-diskussion-wenn-der-respekt-verlustig-geht-1104

Kommentare:

  1. Der Blogger www.geistbraus.de regt sich über meinen Text auf. Da er das auf seiner Seite tut weise ich halt hier auf seine Kritik hin. Direkt dorthin: http://www.geistbraus.de/2013/02/zum-teufel-mit-dem-differenzieren/

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  2. Guter Post! Ich bewundere Herrn Lohmann dafür, dass er den Mut hat, öffentlich den katholischen Glauben darzustellen. Natürlich habe ich auch nichts dagegen, wenn sich noch jemand findet, der dazu bereit ist, und vielleicht etwas sympathischer daherkommt, das ändert aber nichts an der Botschaft, sie würde lediglich hübscher verpackt sein. Ich vermute aber, dass viele Katholiken, die sich über Lohmanns Auftritt im Fernsehen echauffieren, eher Probleme mit dem Inhalt haben, das aber nicht direkt zum Ausdruck bringen.

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