Donnerstag, 22. Juli 2021

Verwirrende Vielfalt: von alten und neuen, ordentlichen und unordentlichen Messen

Es kündigte sich schon seit Wochen wie Donnergrollen am Horizont an: „Papst Franziskus wolle die sogenannte „Alte Messe“ ganz verbieten.“ Er sei von je her ein Feind der Tradition oder könne als Papst vom anderen Ende der Welt die Debatten darum in ihrer Tiefe und Ernsthaftigkeit nicht nachvollziehen. 

Vorsorglich erschienen auch schon rührende Filmchen mit jungen Leuten, die den Papst bestürmten, ihren die „Alte Messe“ nicht zu nehmen und lange Artikel, die die sattsam bekannten Argumente bekräftigten, die für einen Erhalt der „alten“ lateinischen Liturgie nach den Messbüchern von 1962 sprechen.

Ein Kernargument, das dabei immer wieder genannt wird, ist der weltweite „Erfolg“ der Gemeinschaften, die in ihrer kompletten Liturgie auf diese „alten“ liturgischen Bücher zurückgreifen, das Wachstum entsprechender Orden und Priestergesellschaften und Gemeinden. Auch wird immer wieder betont, wie sehr in den Hl. Messen nach dem bisher so genannten römischen Ritus in der außerordentlichen Form, auch junge Menschen und junge, kinderreiche Familien präsent seien. 

Als Pastoralreferent, der sich sehr für liturgische Fragen interessiert und auch das Gespräch mit konservativen und traditionell-traditionalistischen Katholiken schätzt, interessiert mich diese Thematik durchaus. Ich besuche bei Gelegenheit auch die tridentinische Messe, mich stört dabei nicht, dass der Priester sie mit dem „Rücken zum Volk“ zelebriert. Das tue ich als Pastoralreferent bei Wortgottesfeiern und Andachten auch – dort wo es stimmig ist. Darüber könnten wir auch im Rahmen der Messe durchaus mal nachdenken.

Inzwischen hat der Papst ein „Motu proprio“, ein päpstliches Schreiben veröffentlicht, mit dem Titel „Traditionis custodes“. Im Vergleich zu manchen anderen päpstlichen Schreiben ist dies erfreulich knapp und klar gehalten. Er erklärt darin das nach dem 2. vatikanischen Konzil 1970 erschienene Messbuch zur einzigen legitimen Ausdrucksform des römischen Ritus. 

Papst Benedikt hatte 2007 ein gleichrangiges päpstliches Scheiben herausgegeben unter dem Titel: „Summorum pontificum“. Mich hatte damals sein Argument überzeugt, dass die Liturgie, die den Menschen über Jahrhunderte heilig war, nicht per Dekret und Liturgiereform wertlos geworden sei. Sie sei auch nie verboten worden. Und es liegt doch auf der Hand, dass die heute gefeierte Liturgie ihre Wurzeln in einer (dieser) jahrtausendealten Tradition hat. Um diese angemessen zu verstehen, muss man diese Wurzeln erkunden und erkennen. Daher hat der Papst damals den Priestern großzügig erlaubt, die Messbücher vor der Reform von 1970 zu verwenden und in dieser Form zu zelebrieren. Der Papst schuf eine besondere Interpretation des römischen Ritus (ist gibt in der katholischen Kirche noch einige weitere Riten, wie den byzantinischen, den toledischen, den mozarabischen...), wonach dieser wichtigste Ritus zwei Formen kennt, nämlich die ordentliche Form (wie wir sie kennen) und die außerordentliche Form. Der Papst wollte hiermit ausdrücklich einen liturgischen Frieden ermöglichen und allen, die an der alten Form festhalten wollten bzw. diese neu für sich entdeckt hatten, großzügig Möglichkeiten zu ihrer Feier einräumen. Auch wollte er sicher die Türen für die Piusbruderschaft öffnen und hoffte auf eine Rückkehr der verlorenen Schäfchen. 

Für mich war „Summorum pontificum“ immer eine Übergangslösung, denn bei einer Koexistenz zweier Formen konnte es nicht wirklich bleiben. Vermutlich war das aber eine salomonische Lösung, um einige schwelende Feuer zu löschen. Auch hoffte der inzwischen emeritiert Papst offenbar darauf, dass sich damit auch die Tür für eine Reform der Liturgiereform öffnete. Denn auch die erneuerte Liturgie ist den Erwartungen und Hoffnungen nicht gerecht geworden. Auch ist das ein oder andere sicher mit heißer Nadel gestrickt oder sehr von persönlichen Überzeugungen einzelner Autoren geprägt. Die Verwendung der Volkssprachen bringt es natürlich mit sich, dass liturgische Sprache weit schneller veraltet als die Verwendung des Latein, das keine dynamische Entwicklung mehr kennt. 

Schon recht bald nach Summorum pontificum wurde deutlich, dass ein Rückgriff auf die liturgischen Bücher von 1962 (letzte Neuauflage des Messbuchs), noch weitere problematische Seiten hatte. Man kann sagen, dass diese ja dann eine seit 1962 unveränderte „Konserve“ waren, was Leute, die darin die unveränderte und unveränderliche „Messe aller Zeiten“ sahen, ja kein Problem darstellte. Aber aus Sicht der Gesamtkirche ergab sich durchaus die Notwendigkeit maßvoller Anpassungen, z.B. durch die Aufnahme neuer Heiligengedenktage und die Beseitigung sehr problematischer Texte, die durch neue lehramtliche Entwicklungen (gerade durch das 2. Vatikanum) überholt waren. 

Die unterschiedliche Leseordnung und ein unterschiedlicher liturgischer Kalender erschweren das Miteinander beider Formen darüber hinaus auch sehr konkret. 

Es wird gern betont, dass während des ganzen Konzils ja die Hl. Messe nach eben diesen Büchern gefeiert wurde und dass die daher den Beschlüssen des Konzils gar nicht widersprechen könnten. Aber die Liturgiereform des Jahre 1970 geht ja unzweifelhaft auf das 2. Vatikanum zurück und auf die dort erkannten Probleme und Schwächen der überlieferten liturgischen Formen. Die weit überwiegende Mehrheit aller Bischöfe der Weltkirche sah die dringende Notwendigkeit einer Reform. Kann es dann angemessen sein, weiter an jedem kleinen Detail der alten Liturgie festzuhalten? Wenn man die konkreten Reformen unter Papst Paul VI. für misslungen oder völlig überzogen hält: Welche Vorschläge gibt es dann für eine Reform in der sich Tradition und Fortschritt besser die Waage halten. Und würde die in der aktuellen „Gefechtslage“ wirklich allgemein akzeptiert? Je länger man nun die Situation aufrecht erhält, altrituelle Gemeinden neben „normalen“ Gemeinden zu haben, desto stärker entwickelt sich die Schere auseinander, denn man kommt sich nicht näher, sondern vergrößert nur die eigene Anhängerschaft – bis einmal das wirkliche Schisma zu konstatieren ist. Kein Wunder, dass das Dubium zur Feststellung eines „Schismas“ in Deutschland eben aus dieser altrituellen Szene kommt. 

Ein Kernthema des Konzils und der Liturgiereform war die lebendige Teilhabe der Gläubigen an der Feier der Liturgie. Wie ich aus vielen Gesprächen weiß, war gerade dies die Kernfrage der liturgischen Bewegung seit den 1920er Jahren. Hier haben viele Akteure Wesentliches dazu beigetragen, die Liturgie den interessierten Personen zu erschließen. Ich nenne nur die Namen Anselm Schott, Romano Guardini oder Odo Casel. Es sind großartige Messbücher entstanden, die die Texte der Liturgie und ihre Gedanken für die einfachen Gläubigen erschlossen. Das war für viele von Ihnen eine echte Offenbarung, ich kannte viele Priester, deren Berufung hier ihre Wurzeln hat. Leider sind sie inzwischen alle verstorben. Die kraftvolle Jugendbewegung von den 1920er Jahren an bis in die Nazizeit hat hier sehr lebendige Wurzeln. 

Doch irgendwann stellte sich die Frage, ob die reine Übersetzung ausreichend ist. Wenn man schon übersetzt, warum dann nicht mehr lebendige Sprache. Zumal ja Latein mitnichten die Sprache Jesu war, sondern die Sprache des Pilatus aber natürlich auch der jungen Kirche Roms. Viele Basistexte der katholischen Tradition sind in Latein verfasst. Folgerichtig betonte auch das 2. Vatikanische Konzil die Bedeutung der lateinischen Sprache. Trotzdem muss man sicher mit Bedauern feststellen, dass diese Sprache sogar in Rom selbst an Bedeutung verloren hat. Selbst unter den Bischöfen wird kaum noch jemand spontan in lateinischer Sprache sprechen und korrekt formulieren können. 

Wenn man ehrlich ist und ich habe mit vielen älteren Menschen über die Kirche ihrer Jugend gesprochen: Im Wesentlichen bestand die Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie der katholischen Kirche vor der Reform in Anwesenheit und Gebet. Die lateinische Sprache verstanden nur sehr wenige Personen, durch Rosenkrangebet und Volksgesang versuchte man, die Gottesdienstbesucher dabei zu halten. Heute noch künden die baulichen Formen der Kirchen dieser Zeit mit geschlossenen Chorräumen und Lettnern davon, dass Liturgie im Wesentlichen die Kleriker, Ordensleute und Ministranten einbezog, das Volk dem beiwohnte. Die Vielfalt der Kunstwerke in einer Kirche diente auch der Beschäftigung und der Prägung der Gläubigen mit religiösen Bildern und Geschichten. Papst Pius X. sorgte mit seinen liturgischen Reformen dafür, dass wenigstens ab und an die Hl. Kommunion empfangen wurde. Wie auch immer man diese Zeit der Kirche betrachtet, man kann die vielen Schwächen nicht übersehen, die zur großen Liturgiereform geführt haben. 

(Vermutlich macht es an dieser Stelle Sinn, eine kritische Anmerkung eines fb-Freundes zu zitieren: "Es ist keine passive Teilnahmslosigkeit - wenn man als Gläubiger schweigt, kniet, betrachtet, betet - ganz im Gegenteil - hier wird dem Gläubigen Gott offenbar." Ich stimme ihm zu, tätige Teilnahme beschränkt sich nicht auf Aktivität, die genannten Formen und Haltungen gehören selbstverständlich auch dazu. Ich habe versucht, dies in den abschließenden Zeilen meines Beitrags auszudrücken.)

In der Diskussion um die „Alte Messe“ wird häufig angemerkt, dass diese ja von „Missbräuchen der Liturgie“ weitgehend frei sei. Kürzlich schrieb mir jemand, dass höchstens eine von zehn Messen, die sie in normalen katholischen Kirchen besuche, frei von Unregelmäßigkeiten und Missbräuchen sei, kaum ein Priester zelebriere treu nach dem Messbuch. Auch Papst Franziskus beklagt dieses Phänomen in „Traditionis custodes“. 

Mir geht dazu durch den Kopf, dass dies vermutlich mit dem Bemühen der Geistlichen zu tun hat, die Menschen in der Kirche anzusprechen, sie durch Singen, Bewegungen, Sprache, Aktionen innerlich (manchmal auch oberflächlich) anzurühren und die tätige Teilhabe an der Liturgie nach Kräften zu fördern. Mancher gerät dabei auch hier oder dort an Grenzen. Oder übertritt sie. Das zeigt, dass die Liturgiereform von 1970 bei allem Bemühen durchaus Schwächen hat, an denen man arbeiten müsste. Es wäre sicher interessant, zu erfahren, warum die Priester so oft sehr frei mit der vorgegebenen Liturgie umgehen. Auch wäre es wichtig die Kritik derjenigen zu hören, die sich eine Liturgie nach den Regeln der Kirche wünschen. Da sind auch die Rückmeldungen der Freunde der alten Liturgie sicher wertvoll. Leider ist nach meiner Wahrnehmung die Bereitschaft, die selbst gefeierte Liturgie und Predigt einer kritischen Reflexion (durch Rückmeldungen der Mitfeiernden) zu unterziehen sehr gering. Auch auf Seiten der Gläubigen selbst tut man sich mit qualifizierten und kritisch-wertschätzenden Kommentaren schwer. 

Bei der Feier der „alten“ Messe gibt es ja keine Notwendigkeit, die vorgegebenen Texte spontan zu verändern. Und den weitaus meisten Zelebranten dürften auch die sprachlichen Fähigkeiten fehlen, spontane lateinische Texte zu formulieren. Kein Wunder, dass da keiner über Missbrauch klagt.

Unter den Anhängern der überlieferten lateinischen Liturgie löste Papst Benedikt XVI. 2007 eine große Freude aus. Sie nutzen die Möglichkeiten, die sich ihnen boten konsequent aus. Viele traditionelle Priester boten einzelne Messen in der außerordentlichen Form in den Gemeinden an oder zelebrierten privat in dieser Weise. Zwei Hoffnungen blieben jedoch bis heute unerfüllt: Es gab keine „Versöhnung“ zwischen beiden Ritusformen und kein „aufeinander-zu“. Selbst mäßige Reformen für die überlieferte Form wurden abgeblockt oder heiß diskutiert (wie z.B. um die mehr als notwendige (und doch verunglückte) Veränderung der Karfreitagsfürbitte „für die Juden“). Selbst die von Benedikt XVI. formulierte Form wurde teilweise abgelehnt, die Diskussion darum gefährdete die mühsam errungenen Fortschritte im jüdisch-christlichen Dialog. Für Leute wie mich waren diese Diskussionen über die Legitimität weiterer Reformen durch die Päpste seit Pius X. so aufschlußreich wie spannend. Manch einer lehnte darin selbst das Messbuch von 1962 ab und machte sich auf die Suche nach älteren Versionen. Ich habe sogar einige ältere Messbücher dafür vermitteln können. 

Befremdlich ist für mich die Information, dass in manchen katholischen Kirchen, wo in beiden Formen des lateinischen Ritus zelebriert wird, auch zwei Ziborien im Tabernakel aufbewahrt werden, als sei die Gegenwart Christi dort geteilt. Nach Summorum pontificum schlug mal jemand vor, dass Priester, die ausschließlich im „vorkonziliaren Ritus“ zelebrierten (z.B. in der Petrusbruderschaft oder auch Piusbruderschaft) doch in einer Messe mit dem Bischof in der ordentlichen Form zur Kommunion gehen mögen. Der Ideengeber wollte wohl darauf hinweisen, dass es unter jenen auch welche gibt, die die reformierte Liturgie für so fehlerhaft halten, dass sie sie gar nicht als legitime Liturgie der Kirche anerkennen. Und in der Tat klingen viele Wortmeldungen aus dieser Szene (hier dann oft auch von Laien) genau so. 

Es ist auch davon auszugehen, dass Wortmeldungen in dem Ton, wie man sie immer wieder in Diskussionen um die Bedeutung der „alten Messe“ oder die wahre Form der Kommunionausteilung zu hören bekommt, auch massenhaft auf dem Schreibtisch der Bischöfe landen und so das Bild prägen von jenen, die dieser Form der Liturgie anhängen. Mich persönlich nervt und verletzt es ab und an, wenn mir immer wieder vorgehalten wird, dass es nur eine wahre Liturgie gibt, dass diese von den Liberalen „bekämpft“ würde, dass Priester, die sich um eine besonders volksnahe Liturgiegestaltung bemühten, den Glauben verloren hätten, dass Priester, die aus gesundheitlichen Gründen nicht knieen keine Ehrfurcht hätten, dass Partikel der Hl. Kommunion in den Schmutz getreten würden und und und... Als Pastoralreferent bin ich noch dazu ja sowieso eine Erscheinungsform „des Konzils“ und mehr dem „Geist“ als dessen Buchstaben zuzuschreiben. Und schließlich ist meine Frömmigkeit defizitär. Manchmal fühlt man sich wie Hase und Igel... Ich bin ein großer Freund von Wallfahrten, ich mag auch traditionelle Gottesdienstformen und die religiöse Ästhetik der Jahrhundertwende, ich möchte die guten Seiten der traditionellen Volkskirche bewahren und bete häufig zur Gottesmutter. Für viele „Liberale“ bin ich da schon verdächtig und gelte als erzkonservativ. Aber manche „Tradis“ wissen allzu genau, dass meine Frömmigkeit ja völlig wertlos ist, ja in Teilen „dem Herrn ein Greuel“. 

Die allerlautesten Kritiker des amtierenden Papstes finden sich interessanterweise auch ausdrücklich unter jenen, die die erneuerte Liturgie ablehnen oder sehr kritisch sehen. Leo Kardinal Burke ist da sicher der prominenteste Kopf. Kardinal Sarah ist da zurückhaltender, aber gerade jetzt fühlt er sich genötig auf Twitter zu erklären, dass für ihn Inkulturation bedeutet, dass die afrikanische Kultur in der Liturgie „getauft“ und seine Kultur ins Göttliche erhoben wird. Natürlich ist das nicht verkehrt, aber doch nur ein Pol der notwendigen Diskussion über Inkulturation. Für Sarah sei die Liturgie nicht der Ort, die afrikanische Kultur zu fördern. Ich sehe solches Denken als eine Wurzel einer Bewegung, die der Kirche und den First Nations in Kanada am Ende die Residential Schools eingebracht hat. 

Mit erstaunlicher Deutlichkeit trägt Papst Franziskus den Bischöfen auf, darauf zu achten, dass die Feier der alten Form der Liturgie nicht mit einer grundsätzlichen Ablehnung des 2. vatikanischen Konzils und der späteren Liturgiereform verbunden ist. Er legt die Verantwortlichkeit hier unmittelbar in die Hand der Bischöfe zurück. Da die Freunde der alten Liturgie zuvor durch „Summorum pontificum“ ein Art Recht auf diese Zelebrationsform erhalten hatten, ist nun die Sorge groß, dass der Bischof stärker hereinregiert. Es ist nachvollziehbar, dass der Gehorsam gegenüber dem Bischof weit konkreter und persönlicher ist als der Gehorsam gegenüber dem „ewigen Lehramt des Papstes“ und der „Tradition der Kirche“. 

Trotzdem ist davon auszugehen, dass sich zunächst einmal für die Gläubigen und Gemeinschaften, die die alten Formen schätzen, nichts verändern wird. Der Bischof von Bayonne hat ein Schreiben aufgesetzt, dass die Wertschätzung für die Entscheidungen des Papstes und die Wertschätzung für die altrituellen Gläubigen ohne jede Polemik und Schärfe verbindet. Der beste Text dieser Diskussion bisher!

Leider scheint eine lautstarke Mehrheit jener, die sich kritisch zu „Traditiones custodes“ zu Wort melden, genau die benannten Sorgen von Papst Franziskus zu bestätigen. Politisch – strategisch kann man manche Stellungnahme nur unklug nennen (um nicht dumm zu sagen). Wer sowieso schon einen kritischen und liberalen Bischof hat, gibt dem reichlich Argumente an die Hand. Trotz aller Beteuerungen, dass man treu zu Kirche, Papst und … naja … auch Bischof stehe. Ein wunderbares Beispiel dafür zeigt sich in den aktuell beliebten Schriftbändern auf facebook – Profilbildern. „Latin mass matters“, frei angelehnt an „Black lives matters“ oder vermutlich noch eher „All lives matters“. Es ist schon verwunderlich, dass der Einsatz für die „Lateinische“ Messe ausgerechnet in eine englische Parole gefasst wird. Und dies offenbar ohne zu reflektieren, dass die vielfachen zu lesenden Sprüche die auf … lives matters endeten aus politisch eindeutigen Kreisen kamen und zumeist auch das Ziel hatten das „Black lives matters“ zu marginalisieren oder diesem etwas entgegen zu setzen. Etwas, das harmlos klang, aber der Bewegung die Spitze nehmen und Aufmerksamkeit entziehen wollte. 

Natürlich kommentieren viele bekannte Stimmen mit drastischen Worten das aktuelle Geschehen. Darunter auch Fürstin Gloria, Gerhard Ludwig Kardinal Müller, Kardinal Zen, Kardinal Brandmüller, Maria 1.0 (überraschend, weil man doch eigentlich für die normal-fromme katholische Frau stehen will), die Piusbruderschaft u.v.m.. Durch das eingangs erwähnte „Donnergrollen“ waren viele ja schon auf Widerstand gebürstet. Recht besonnen fiel die Stellungnahme der Petrusbruderschaft aus, obwohl auch sie aus dem päpstlichen Motu proprio Vorwürfe heraushörte und sich dagegen verwahrte. Dabei muss sie sich im Wesentlichen den Schuh gar nicht anziehen... Ihre Schriften kann man auch in einer "normalen" Gemeinde bedenkenlos verwenden.  Überhaupt kommt mir in diesen Diskussionen immer häufiger der Spruch „Wem der Schuh passt...“ in den Sinn. 

Stellvertretende erwähne ich George Weigel, der u.a. so urteilt, das päpstliche Schreiben sei „theologisch inkohärent, in pastoraler Hinsicht spaltend, unnötig und unbarmherzig.“ Ähnlich klingt es im Grunde fast überall. (Vermutlich fände man eine ganz ähnliche Formulierung bei einigen Liberalen, wenn man die Diskussion um das Segnungsverbot für gleichgeschlechtliche Paare verfolgt.)

Weigels Text ist insgesamt sicher lesenswert und geht weit tiefer als manches Netzgeplänkel. „Urteile aus Rom sollten nicht auf Grundlage der Hysterie und Possen der katholischen Blogosphäre gefällt werden.“ Da hat er bestimmt recht. Allerdings war die Grundlage die Umfrage unter den Bischöfen der Weltkirche, die sicher insgesamt unverdächtig sind, allein „Hysterie und Possen“ nach Rom zu melden. Und es wurden ja auch viele Briefe nach Rom geschickt, um der befürchteten Tendenz dieser Umfrage etwas entgegen zu stellen. 

Gero P. Weishaupt, ein Kirchenrechtler und Facebook-Aktivist dreht die Problematik in einem Interview auf kath.net komplett um und schiebt dem Papst den schwarzen Peter zu. Der Hl. Vater verwende "seinen Hirtenstab als Schlagstock", damit sei er der Schuldige, wenn er die Anhänger der "Messe in der tridentinischen Form" gegen sich aufbringe, er gefährde seine Glaubwürdigkeit und Authentizität. Ein langes Interview ohne einen Hauch von Einsicht und Selbstkritik.

Es überrascht insgesamt, wie wenig nachdenkliche Stimmen zu hören sind. Aus der liberalen Szene der Kirche und den Reformbewegungen kommt zumeist: „Gut, dass diese reaktionäre Szenen begrenzt wird.“ Interessanterweise aber auch bei einer Maria 2.0 – Protagonistin und beim Münchner Geistlichen Wolfgang Rothe: „Verbote bringen nichts, wir brauchen Vielfalt, mit der „alten Messe“. Interessante Koalitionen, aber solche Stimmen werden nirgends zitiert. Da beruft man sich lieber auf Weihbischof Schneider, zitiert Papst Benedikt XVI. und Robert Spaemann oder Atheisten, die die alte Messe schätzen.

Es würde mich nicht wundern, wenn die Unkenrufe rund um Traditionis custodes am Ende zumindest teilweise zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Im Text selbst sehe ich das nicht begründet. Allein in der Festlegung, dass Pfarrkirchen nicht genutzt werden können dürfte für einzelne Kirchen Problempotential liegen, das aber ein Bischof leicht ausräumen könnte.

Warum meldet sich nicht stärker die Mehrheit jener zu Wort, die dem offensichtlichen Wunschbild des Papstes entsprechen, treu zur Kirche, loyal zu ihrer Lehre des Jahres 2021, mit dem lebendigen Lehramt von Papst und Bischof verbunden, politisch nicht allzu extrem und erklärt, was ihnen die „Alte Messe“ bedeutet, spricht wohlwollend über Schwestern und Brüder, die spirituell aus der reformierten Liturgie leben, pflegt das Gespräch mit ihnen, erkennt ihre spirituelle Kraft an, äußert Kritik liebevoll und wertschätzend und bittet den Bischof ihnen weiterhin Priester und Räume für die Feier der „alten Messe“ zu gewähren? 

Als Feld-, Wald- und Wiesen-Pastoralreferent aus der niederrheinischen Stadt habe ich das gestern mal gemacht. Einfach, weil ich daran glaube, dass die Vision von Papst Benedikt XVI. irgendwann einmal wahr werden könnte. Und weil ich an die versöhnende Kraft des Glaubens, des Evangeliums  und der Liturgie glaube. 

Warum bringen sich diese Gemeinschaften nicht geduldig (ja, ich weiß, dass viele von ihnen auch mit den Liberalen ihre schlechten Erfahrungen gemacht haben und ungerecht behandelt wurden) in ihrer zugeordneten Gemeinde ein, feiern Pfarrfeste mit und beteiligen sich an der Pfarrwallfahrt, besuchen Andachten und beten gemeinsam zum Herrn im Sakrament. 

Man muss mit dem hl. Vater konstatieren, dass die großzügigen Öffnungen von 2007 die Hoffnungen von Papst Benedikt XVI. nicht erfüllt haben.Weder von traditioneller noch von liberaler Seite. Von daher kommt mir das Motu proprio von Papst Franziskus nun folgerichtig vor. Die Koexistenz zweier Formen des einen Ritus funktionierte offenbar nicht, weil dadurch eine Konkurrenzsituation entstand. Die jeweiligen Anhänger drängten sich gegenseitig in die Rechtfertigung. Und man wollte dem jeweils Anderen zeigen, wer es besser kann. 

Der Papst hat offen gehalten, welchen Status die „alte Messe“ und Liturgie nach der Neuregelung haben wird. Eine Lösung wäre, die „tridentinische Liturgie“ milde zu reformieren und in den Rang eines eigenständigen Ritus zu erheben, der ähnlich wie die Liturgie von Toledo oder die mozarabische Liturgie ein Heimatrecht in manchen Kirchen erhält. Aber dafür wäre es im Grunde notwendig, die gültige katholische römische Liturgie in gewisser Weise als Bruch zu definieren, ein Vorwurf, den altrituelle Katholiken gern auf der Zunge tragen. Das ist also auch schwierig, aber angesichts der in der Liturgiewissenschaft auch aufgezeigten Verbindungslinien anderer liturgischer Riten oder der Ideen z.B. für einen amazonischen Ritus (oder den des Zaire), wohl nicht völlig undenkbar. 

Undenkbar erscheint dagegen, dass der klassische alte lateinische Ritus völlig verschwindet. Dazu sind die altrituellen Gemeinschaften zu stark und zu erfolgreich. Und man würde jede Brücke zur Piusbruderschaft abbrechen, die immerhin viele extreme Traditionalisten vor dem Abrutschen in ein absolutes (sedisvakantistisches) Sektierertum bewahrt.

Die kritische Sicht der sehr konservativen, traditionellen und traditionalistischen Katholiken muss auch in der Kirche insgesamt offener aufgenommen und genauer gehört werden. Sie haben wirklich etwas zu sagen und selbst das Mitteilungsblatt der Piusbruderschaft lese ich hier durchaus mit Gewinn. Sie legen den Finger in manche schmerzende Wunde. Leider vermögen ihre Antworten mich nicht zu überzeugen. Nein, die Antwort auf alle Fragen und Probleme der Kirche ist nicht die Rückkehr zur alten Liturgie und Gestalt der Kirche. Das 2. Vatikanum ist auch kein Werk diabolischer Kräfte, sondern die Reaktion auf die Moderne und eine direkte Folge davon. Die Kirche ist und bleibt Sakrament für die Welt, nicht für eine erträumte, ideale Gesellschaft und eine katholische Monarchie, sondern Sakrament einer gebrochenen Welt, in der es nicht wenige verlorene Schafe gibt, aber doch weit mehr, die im Umfeld der Herde bleiben und offen sind für das Wort Jesu, für Gebet und Gottesdienst und eine Kirche, die sich selbst nicht idealisiert, sondern ihnen auf Augenhöhe begegnet. 

Hinter den Gedanken, dass alle, die die Hl. Messe mitfeiern, in das Geschehen mit einer Anteilnahme eingebunden werden müssen, wie sie damals Jesus mit seinen Aposteln im letzten Abendmahl verbunden hat, dürfen wir als Kirche nicht zurück. Wir müssen die Messe feiern mit einer inneren Anteilnahme, wie sie Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in den Tagen seiner Gefangennahme, seiner Kreuzigung und Auferstehung verbunden hat. Wir dürfen nicht zurück zu einer Situation, wo aus Mitfeiernden Zaungäste werden, bei denen es im Grunde egal ist, ob sie der Kulthandlung beiwohnen oder nicht. Dafür ist, das musste ich im Verlauf meines inzwischen 30jährigen Dienstes für die Kirche auch erfahren, die Eventisierung der Messe kein allgemeingültiges Rezept. 

Mein Wunsch an alle, denen der Glaube an Jesus Christus als Gotte Sohn etwas bedeutet ist, dass wir miteinander alles tun, um das Wort Jesu Christi nicht um seine Kraft zu bringen. Dass wir aus unserer Mitte alles ausmerzen was unwahrhaftig, zerstritten, falsch, lächerlich oder banal ist. Dass Menschen die uns treffen nach einer Begegnung mit uns fragen: Was ist da dran am Glauben an diesen Gott, den Vater, den Sohn und den Hl. Geist. Und dass sie sich nicht abwenden, weil sie zerstrittene Freaks erlebt haben, sondern Menschen, die ihnen von Jesus erzählen, wenn es sein muss auch mit Worten. (Und bevor ich des Plagiats verdächtig bin: der letzte Satz wird dem Hl. Franziskus zugesprochen).

Dienstag, 22. Juni 2021

Schlag- und Knüppelworte der Kirchenkrise: "der Missbrauch des Missbrauchs"

Auf eine bunte und vitale Art anziehend müssen die christlichen Gemeinden auf die Menschen der Antike gewirkt haben, für „Juden und Proselyten, Kreter und Araber…“. Sie alle hörten, wie die Freunde Jesu Gottes große Taten verkündeten. „Seht, wie sie einander lieben…“ heißt es in der Apostelgeschichte über diese Gemeinschaft. 

Wie war das möglich? Vermutlich aus der verbindenden Botschaft, der Kraft des Hl. Geistes und der wirksamen Medizin der Vergebung, denn sieben mal siebzig mal möge man seinem Bruder und seiner Schwester vergeben – das hatte Jesus ihnen einst mit auf den Weg gegeben. Da kann man schon den Überblick verlieren, ob der Vorrat an Vergebungsbereitschaft bereits erschöpft ist. Leider ist von der fröhlichen Ausstrahlung von früher aktuell (zumindest in der Öffentlichkeit) wenig geblieben.

„Schlecht sieht er aus“, der Kölner Erzbischof in seiner neuesten Videobotschaft. Grau ist er geworden beim Versuch, seinen Zuhörern zu vermitteln, dass ein Verbleib im bischöflichen Amt, seine Weise sei, die Verantwortung für das Versagen seines Bistums gegenüber den Opfern und im Umgang mit den Tätern zu übernehmen und zu tragen. Er kommt dabei durchweg wahrhaftig rüber. Und der Preis ist hoch für ihn, schließlich schwindet bei vielen Verantwortungsträgern im Bistum das Vertrauen, dass diese Krise von der Bistumsleitung noch zu meistern ist. Die Signale kommen beileibe nicht nur aus dem Kreis der Reformer.

Wahrhaftig kam auch Reinhard Marx, Kardinal und Erzbischof zu München rüber, als er angesichts desselben Dilemmas dem Hl. Vater seinen Rücktritt anbot, um Verantwortung für das Versagen seiner Vorgänger und für eigene Fehler zu übernehmen. Das war ein Paukenschlag! Denn eine solche Konsequenz kannte man bis dato nur aus der Politik, wo offenbar werdendes Versagen und von der politischen Bühne gehen, oft nur wenige Tage auseinander liegen. 

Doch der Papst hat diese Pläne durchkreuzt. „So einfach kommst Du mir nicht davon!“ Reinhard Marx möge „sein Fleisch auf den Grill legen“. Ein ziemlich waghalsiges Bild, das nach Fege- und Höllenfeuer klingt und riecht. Der Münchner Kardinal ist nicht zu beneiden, denn es muss sich jetzt spürbar etwas verändern. Ob er dazu die Kraft hat? Die Herausforderung stellt sich für ihn aber nicht weniger als in Köln und Marx ist noch gar nicht da angekommen, wo Kardinal Woelki heute schon ist, nachdem dessen Veröffentlichung eines soliden Gutachtes von zahlreichen kommunikativen Pannen begleitet war. Die Fehler kann Marx zwar jetzt vermeiden, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch das dort erwartete Gutachten wenig erfreulich sein wird, für das Bistum und vermutlich auch für den vormaligen Trierer Bischof höchstselbst.

Die katholische Kirche befindet sich in einer tiefen Krise. Gibt es einen Ausweg? Weder der Verbleib im Amt noch die Flucht in den Vorruhestand scheint Erleichterung zu bringen. Es wird schwer werden und es gibt keine leichte Lösung. Die Missbrauchskrise ist eine Jahrhundertaufgabe, vermutlich die größte Krise nach dem Fiasko der Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit. Oder möglicherweise gar seit der Reformation Luthers, Calvins und Zwinglis.

Gibt es einen Ausweg? Einen Ausweg wohl nicht, aber einen Weg. Und den hat ausgerechnet der Hl. Papst Johannes Paul II. auf den Punkt gebracht. „Der Mensch ist der Weg der Kirche.“ (Redemptor hominis) Daraus kann sie lernen, dass sie sich ohne jedes Wenn und Aber hinter die Opfer zu stellen muss. Ich habe meine Zweifel ob das allen Verantwortlichen bereits klar ist.

Ein bedrückendes Foto fand ich kürzlich bei Markus Elstner (siehe oben), der als Kind von einem Priester des Bistums Essen missbraucht wurde. Jener verschwand aus Bottrop und war später in Bayern tätig, in den Gemeinden Garching und Engelsberg. Bei einem Vortrag entdeckte Elstner kürzlich mit verständlichem Entsetzen auf einer Ehrentafel an der Kirche in Engelsberg den Namen seines Täters. Ein irritierendes Bild, goldene Lettern auf schwarzem Grund. Der Täter lebt auf Anordnung von Bischof Overbeck heute wieder in Essen. Doch dieser Verbrecher scheint in der Gemeinde noch immer geachtet zu sein. Möglicherweise ist das rein katholisch-bayrische Ordnungsliebe, denn ein übermalter Name hinterließe eine Lücke auf der Ehrentafel, als sei in diesen Jahren kein Pfarrer dort gewesen. Aber, warum nicht, schon in der Antike wurden Namen und Bilder entfernt? "Damnatio memoriae - Verdammung des Andenkens" nannte man das. Auch hier wäre es gut, dies mit den Augen der Opfer zu sehen (Markus Elstner ist da nicht der Einzige.) Vielleicht sollte auf einer solchen Tafel demnächst stehen: "Von 1992 – 2008 amtierte ein Pfarrer, der als Missbrauchstäter verurteilt wurde. Aus Achtung und Rücksichtnahme vor seinen Opfern haben wir seinen Namen hier getilgt."  (An dieser Stelle möchte ich kurz etwas darauf hinweisen, dass der Begriff "Opfer" umstritten ist, wegen der vielschichtigen Bedeutung des Wortes. Ich bitte um Verständnis, dass ich ihn dennoch verwende, da auch die Begriffe "Betroffene" und "Überlebende" gewisse Schwächen haben.)

Rätselhaft, warum nach so vielen Jahren der Name immer noch dort steht, als sei nichts geschehen. Nach wie vor ein Baustein für den Eindruck, die Kirche habe ihre Lektion noch immer nicht gelernt. Es führt kein Weg daran vorbei, sich der Vergangenheit und den Opfern zu stellen. Dabei sollten die Verantwortlichen vermeiden, den Eindruck zu vermitteln, man sei von der Organisation der Täter nun zum Anwalt der Betroffenen mutiert. Der Platz in der Büßerecke bleibt auf absehbare Zeit angemessen. 

Der Umgang mit den Opfern ist nicht leicht, denn die Kirche hat sie über viele Jahrzehnte vergessen, hat versucht sie zum Schweigen zu bringen, unsichtbar zu machen. Manche von ihnen starben nach einem von den Missbrauchserfahrungen zerrütteten Leben, ohne jemals aus dem Mund der Täter oder eines Bischofs ein Wort des Bedauerns oder gar eine ehrliche Bitte um Vergebung gehört zu haben. Sie haben jedes Recht zornig zu sein. Und als Kirchenverantwortliche dürfen wir ihnen den Mund nicht verbieten. Auch wenn es schwer fällt und die Anklage ungerecht erscheinen mag: sie haben jedes Recht, ihre Empörung, ihren Schmerz, ihre Enttäuschung, ja sogar ihren Hass Ausdruck zu verleihen.

Wenn wir als Kirchenverantwortliche merken, dass uns das trifft, wenn wir es ungerecht finden, wenn wir den Impuls spüren, die Institution verteidigen zu wollen, dann sollten wir umso stiller werden und Herz und Ohr öffnen. Und sollte das helfen: auch das Portmonaie. Jeder Euro, der das Leben eines körperlich, geistig und seelisch missbrauchten Menschen leichter macht, ist gut investiertes Geld. Im Übrigen auch, wenn er aus aktuellen Kirchensteuereinnahmen genommen werden muss.

So wie es klingt, sind wir aber in unseren Diskussionen schon wieder über diesen Punkt hinaus. Das Aushalten und geduldig helfen ist einem gewissen Aktivismus gewichen. Bei den Opfern zu stehen, hintern ihnen zu stehen, ihre Geschichten zu hören, das ist schwer. Weit leichter ist es, gleich die Kirche umkrempeln zu wollen mit Reformen à la Maria 2.0 oder mit Restauration à la Maria 1.0 – um die beiden Bewegungen einmal als Synonym für die kirchenpolitischen Lager zu gebrauchen.

Soweit ich mich recht erinnere, war es der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der ein Schlagwort in die Diskussion eingebracht hat. Das Schlagwort, das da lautet „der Missbrauch mit dem Missbrauch“. Ich kann eine gewisse Abwehr verstehen, wenn Menschen auftreten und fordern, dass ein Identitätsmarker des Katholischen, das sakramentale zölibatäre Hirtenamt aufgrund der Missbräuche zu reformieren sei, wenn etwas, was mir als Bischof wahrhaft HEILIG ist, grundstürzend verändert werden soll. Es ist verständlich, dass einem das verkehrt vorkommt, dass man vielleicht gar empört ist und die Argumentation als falsch empfindet. Schließlich hat man selbst sein Leben darauf gebaut!Wer in der Diskussion um die richtigen Maßnahmen nicht zuerst das Wohl der Opfer im Auge hat, der missbraucht deren Schicksal für eigene Interessen. Das liegt doch eigentlich klar auf der Hand, oder?

Leider ist „Missbrauch“ ein vielschichtiges Wort, das zahlreiche Tatbestände umfasst. Die Rede vom „Missbrauch mit dem Missbrauch“ setzt allerdings unvergleichliche Dinge gleich. Der sogenannte „liturgische Missbrauch“, die Abänderung eines liturgischen Textes ist nichts gegen das sexuelle Verbrechen an einem Kind. Man darf so etwas nicht sprachlich auf eine Ebene ziehen. Auch unterstellt der Vorwurf des „Missbrauchs mit dem Missbrauch“ dem Gesprächspartner von vornherein Unwahrhaftigkeit und niedere Motive. Ist es etwa ausgeschlossen, dass jene, die wirklich auf der Seite der Opfer stehen, gerade deshalb aus voller Überzeugung und ohne jede Arglist systemische Veränderungen fordern? Selbst wenn die Ursache der Missbrauchstaten nicht im Zölibat allein liegen kann, könnten sie nicht durch die priesterliche Lebensform und die Haltung der Kirche zu Fragen der sexuellen Identität der Priester begünstigt worden sein? Lassen sich die vielen Indizien in diese Richtung so einfach vom Tisch wischen? Kann es sein, dass das zölibatäre Leben im Pfarrhaus eine Anziehungskraft für jene hat, die ihre sexuellen Präferenzen und Bedürfnisse nicht erkunden und erproben konnten und wollten und daher auch nie in Frieden damit leben konnten? Eine vergleichbare These wird mit Blick auf homosexuelle Männer im priesterlichen Dienst gerade unter Kirchentreuen gern vorgetragen. 

Ist möglicherweise das von Papst Benedikt (in seinem jüngsten Text im Klerusblatt) beklagte Verschwinden der besonderen geistlich-priesterlichen Atmosphäre in Priesterseminaren und Kollegien weit mehr ein Ausdruck des grundsätzlichen Problems als ein Teil der Lösung? Könnte die Art und Weise wie die Themen Sexualität und Zölibat in der Formation des Priester bearbeitet wurden und noch werden evtl. ein Risikofaktor sein? Könnten auf diesem Wege Menschen ins Priesteramt gelangen, die sich nicht gründlich und ehrlich mit der eigenen Sexualität auseinandergesetzt und die starken Triebkräfte in ihrem Innersten nicht genügend im Griff haben. Es ist ein Warnzeichen, wenn deutlich wird, dass viele Übergriffigkeiten erst nach über einem Jahrzehnt im Priesteramt stattfanden, in Zeiten einer ersten Lebens- und Berufungskrise. Wie gelänge es, Priester im Blick auf ihren Umgang mit Sexualität und anderen Fragen der Lebensführung gut zu begleiten? 

Auf der anderen Seite betonen die Diskutanten, dass die kirchliche Sexualmoral und das priesterliche Lebensideal jegliche sexuelle Betätigung streng verbieten. Hätten sich die Priester an die gegebenen heiligen Ordnungen gehalten gäbe es heute keine Krise! Hier wird der Weg in einer klaren Verkündigung gesehen. Die Kirche brauche keine Nachbesserungen. Auch diese Argumente haben ja Gewicht. Aber sie finden leider nicht zueinander. Lieber werden im Gerangel um den Zölibat bedeutsame Fakten zurechtgebogen und vom Tisch gewischt. 

Niemand kann bestreiten, dass die Krise der Kirche andauert und kein Silberstreif am Horizont in Sicht ist. Im Gegenteil, es scheint beinahe täglich schlimmer zu werden. Die Missbrauchsfälle gefährden die Glaubwürdigkeit der Institution und erschüttern sie bis auf den Grund. Manch einer hofft schon auf den endgültigen Zusammenbruch der Kirche(n).

Die Heftigkeit der Auseinandersetzungen dieser Tage erklärt sich sicher aus der Dramatik der Situation. Leider werden im Streit die christlichen Tugenden über Bord geworfen und zwar von allen Beteiligten. Manchmal klärt ja ein Gewitter die Fronten und es geht wieder voran. Doch davon scheint weit und breit nichts zu sehen. Die Gewitterzellen haben sich offenbar über der Kirche festgehängt. Auch der Synodale Weg ist heftigst umkämpft. Die Reformer drängen auf Entscheidungen. Die Bewahrer attackieren ihn und drängen die Glaubenskongregation, der Kirche in Deutschland die Spaltung, das Schisma zu attestieren. Man darf gespannt sein, ob die römischen Behörden jenen auf den Leim gehen, die für sich in Anspruch nehmen, die Reinheit der Kirche und deren Einheit wahren zu wollen. Kann es eine Lösung im Sinne Jesu sein, alle rauszuwerfen, die nicht jeden Abschnitt des Katechismus freudig unterschreiben? Kann es eine Lösung sein, die Kirche gesundzuschrumpfen? Das Problem ist, dass man es für die „Neuevangelisierung“ just mit der Kundschaft zu tun bekommt, die man gerade noch vor die Tür gesetzt hat. Wir können uns das Missionsgebiet ja nicht bei Amazon bestellen oder in ferne Länder ausziehen, wo die „edlen Wilden“ das Wort des Evangeliums in ihren Herzen schon lange ersehnten. Und auch eine Kirche, die überaus treu zu Lehramt und Katechismus steht, ist und bleibt eine Kirche der Sünder. Das Übel des geistlichen und des sexuellen Missbrauchs wird bleiben, denn solche Täter (die sich ja ihre eigene Sündhaftigkeit nicht eingestehen können), werden auch da dabei sein und ihre dunklen Seiten sorgfältig verbergen und im Geheimen ausleben.

Wir sind in der Kirche an einem toten Punkt angekommen. Es geht nicht voran. Nirgends. Die widerstreitenden Lager blockieren, was sie angeblich ersehnen: Evangelisierung, gar „Neu-Evangelisierung“. Wer sollte sich für das Wort des Herren interessieren, das eine Horde von „Kesselflickern“ im Streit sich gegenseitig um die Ohren hauen. Wir brauchen eine gänzlich erneuerte Diskussionskultur.

Über ein besonders bedrückendes Beispiel für das Scheitern der bisherigen Dialogkultur stolperte ich in diesen Tagen bei Facebook. Stellvertretend für die Front der „Bewahrer“ trat Martin Lohmann auf, ein langgedienter Publizist, zuletzt verantwortlich für den konservativ-katholischen Fernsehkanal „K-TV“. Der Bonner betont, seit vielen Jahren mit der amtierenden Vizevorsitzenden des ZdK Karin Kortmann befreundet zu sein. In einem „Zwischenruf“ auf seiner facebook-Seite (Ursprünglich wohl bei kath.net) las man etwas über „Gerüchte“ im Kontext der Visitiation im Erzbistum Köln: „Zu den Gerüchten gehört es auch, dass der ZdK-Präsident und seine Stellvertreterin, Thomas Sternberg und Karin Kortmann, reichlich daran interessiert sind, dass vor allem eines nach der Visitation folgt: Woelki muss weg. Ob das stimmen kann? Ob das vorstellbar wäre? Immerhin wäre (auch) das ein Hinweis darauf, dass es nun wirklich nicht um den Missbrauchsskandal und dessen Aufarbeitung geht und ging. Manche Beobachter und Fakten-Kenner hatten das - fast schon unter dem empörten Protest derer, die doch erklärtermaßen nichts als eine Aufklärung wollen - ja schon mehrfach angedeutet und gesagt. Und jetzt kommt für diejenigen, die sich so empört gaben und vermeintlich ausschließlich an der Aufarbeitung interessiert waren, das große „Ertappt“, „Erwischt“?“

Da ist er wieder, der „Knüppel aus dem Sack“, das Wort vom „Missbrauch mit dem Missbrauch“. Hier noch ein weiteres Mal gewendet, denn Lohmanns Fazit lautet: „Ja, es geht darum, diesen (Kardinal Woelki) als Störenfried für den „Suizidalen“ Weg weg zu mobben. Arglist? Falschheit? Missbrauch des Missbrauchs?“

Beim „Gerüchte-Geraune“ im „Zwischenruf“ geht also darum, dass Verantwortungsträgern des Zentralkomitee der Katholiken einen möglichen Rücktritt von Kardinal Woelki begrüßen würden. Die Überzeugung, dass Kardinal Woelki an der Aufgabe der Missbrauchsaufklärung gescheitert ist, ist ja in der Berichterstattung aus Köln häufiger zu hören. Lohmann sieht darin jedoch einen Beleg dafür, dass es in Köln nicht um Aufklärung ginge, sondern das wahre Ziel sei: „Woelki muss weg.“ Nicht wegen des Skandals, sondern weil er dem „Synodalen Weg“ im Wege sei. Sonst macht ja freilich das Name-Dropping der ZdK-Spitze in diesem Kontext auch keinen Sinn. Ist es zynisch, wenn Lohmann seinen Text mit der Frage beschließt, „wie viel Mut es noch gibt zur Ehrlichkeit und zur Fairness“? Es sei längst ein Kampf ausgebrochen zwischen „Gerechtigkeit und Lüge“ und zwischen „wirklicher und katholischer Reform“ und „offensichtlicher antikatholischer Deform“.  

Ist es wirklich notwendig, vor jedem Argument der Gegenseite Unehrlichkeit vorzuwerfen und ihr die Liebe zur Kirche abzusprechen? Kein Wunder, dass sich die so gescholtene Kortmann direkt auf diesen Post zu Wort meldet und bittet: „Lieber Martin, wer Gerüchte schürt ist unredlich und bezweckt Zwist. Behaupte keine Dinge von mir, die Du nicht belegen kannst.“ Dann verteidigt sie den synodalen Weg und betont: „Die Opfer stehen im Mittelpunkt und sind der Auslöser des Synodalen Wegs.“

Martin Lohmann antwortet ihr und der Öffentlichkeit daraufhin doppelt, einmal direkt auf seiner facebook-Seite und später mit einem Interview bei Kath.net. Er gibt sich, leicht ironisch „beruhigt, dass niemand von Euch gegen einen Kardinal vorgeht...“, hält aber dennoch diese Behauptung aufrecht, obwohl er sich so was eigentlich „nicht vorstellen kann“. Ausführlich legt er dar, dass Kardinal Woelki mehr als jeder andere Bischof aufgeklärt habe und dass die Sexuallehre der Kirche eine Schutzfunktion habe, die müsse: „wieder klarer erkannt, verkündet und aus gebotener Verantwortung gelebt werden.“ Es gehe eben nicht um strukturelle Veränderungen wie „Zölibat oder Frauenordination, liebe Karin!“ Denn es gelte „Opfer zu vermeiden, weil sich manche - und jeder einzelne ist einer zu viel - verbrecherisch nicht an das gehalten hat, was die Kirche lehrend anbietet.“

In einem Gespräch mit kath.net legt er nach: „Ich konnte und kann und will mir eigentlich nach wie vor nicht vorstellen, dass zwei von mir so geschätzte Personen wie Thomas Sternberg und Karin Kortmann hinter den Kulissen andere gegen den Kölner Kardinal munitioniert haben sollen. Das wäre nun wirklich schäbig – und letztlich auch verräterisch. Insofern bin ich angesichts der Reaktion von Karin Kortmann schon ein wenig verwundert.“

Lohmann betont, wie sehr er Karin Kortmann schätze, mit der er seit Jahrzehnten eine echte Streitkultur pflege. „Mit Fairness, mit Respekt, mit Wertschätzung.“

Er deutet dann deren Bemerkung, er solle nichts schreiben, was er nicht belegen könne in der Weise, dass diese Wortmeldung ja kein Dementi sei. „Was, wenn es eben – leider – kein Gerücht oder mehr als „nur“ ein „Gerücht“ ist?“ Auf die Nachfrage, ob er mehr wisse verweist er dann aber auf vertrauliche Quellen, die er zu schützen habe. Doch unter dem Strich fühlt sich Lohmann bestätigt: „Der Missbrauchsskandal und damit die Opfer werden genutzt für „strukturelle Veränderungen“ der Kirche.“

Dem folgt eine Reihe bekannter Vorwürfe gegenüber dem ZdK und abschließend fordert Martin Lohmann von diesem schlicht: „Dialog. Respekt. Toleranz. Miteinander. Christusförmigkeit. Bekenntnisbereitschaft. Empathie. Lebensschutz. Wir alle müssen neu lernen, das Verbindende zu suchen und Widerspruch auszuhalten. Ich behaupte nach wie vor, dass wir besser und enger zusammenwachsen, wenn wir uns besser und enger im Sinne der Geistführung, die ja nichts Beliebiges darstellt, am Gottessohn orientieren, ihm näher kommen und ihm treu folgen. Freiheit und Wahrheit haben einen Namen: Jesus Christus.“

Kurz gestreift werden noch „böswillige Cancel Culture“ und „Kontaktschuld“.

Es müsse: „wirklich alles getan werden, um den Opfern dieser schrecklichen Verbrechen derer, die sich an keine Regeln der Verantwortung und der Moral gehalten haben, zu helfen, sie zu schützen und die Täter zu bestrafen. Da gibt es für mich keinen Zweifel. Aber es muss eben, weil man nicht kurzsichtig und geblendet sein darf, auch alles getan werden, um künftige Opfer zu vermeiden. Da helfen dann nur Klarheit und Ordnung, nicht zuletzt gelehrte und gelernte Enthaltsamkeit, was zugegebenermaßen in einer sexualisierten Welt, die etwas ganz anderes laut und bunt predigt, nicht einfach ist.“

Das Interview schließt mit „Ich bin und bleibe ein Anhänger des Dialogs und der Fairness.“ „Ach ja, was mir noch wichtig ist: Ich freue mich auf das nächste Gespräch, die nächste Begegnung mit Karin Kortmann – in alter Freundschaft.“

Ich habe mir das dreimal durchgelesen und frage mich: muss das sein? Offenbar kennen sich die beiden Protagonisten seit Jahren. Aber wenn ich jemanden so schätze, wie ich das behaupte – warum rufe ich nicht an und frage: Was ist da dran, Karin? Und spiele nicht ein solches Spielchen mit ihr... Was mich betrifft, so wäre eine solche Freundschaft spätestens mit dem Schlusssatz des kath.net – Interviews beendet. Offenheit, Gradlinigkeit und Ehrlichkeit sind für mich Basis echter Freundschaft. Man kann nicht von Fairness reden und eine Freundin ohne wirklichen Erkenntnisgewinn öffentlich in die Pfanne hauen. Diese Gesprächs-Unkultur erscheint mir symptomatisch für viele Dialoge im Raum der Kirche. Dass sie inzwischen sogar Freundschaften dominiert und beschädigt macht mir ernsthaft Sorgen.

Warum ich das hier so ausführlich ventiliere? Weil es etwas ist, was ich inzwischen auch zunehmend erlebe. Ich komme aus einer klassischen lebendigen Kleinstadt-Volkskirche. Wir hatten einige sehr konservative Pastöre. Ich habe die Diskussionen mit ihnen immer genossen. Und auch später viele Kontakte mit Menschen gepflegt, die ihre christliche Berufung sehr ernst nehmen und traditionell kirchliche Formen und Inhalte vertraten. Die Tradition der Kirche ist reich, interessant, vielfältig und tief spirituell. Wir dürfen sie keineswegs über Bord werfen. Aber sie braucht auch Lebendigkeit und eine Verwurzelung im gesellschaftlichen Leben. Inzwischen wird man allerdings als Gesprächspartner sofort taxiert und in Schubladen einsortiert. Die Bereitschaft, Dialoge außerhalb der eigenen Bubble zu führen ist gering. Man bemüht sich nicht einmal mehr um Verständnis für die Argumente und Positionen der Anderen. Und gerade das war mir immer wichtig. Ich finde es spannend zu erfahren, was Menschen bewegt, die sich der außerordentlichen Form der Hl. Messe zuwenden oder sich zum Leben in einem Kartäuserkloster berufen fühlen. Deshalb muss ich weder Kartäuser werden noch regelmäßig zur Messe der Petrusbruderschaft fahren.

Die Fronten scheinen unüberbrückbar. Während die Einen die Lösung in einer Festigung der bestehenden Strukturen und energischer Verteidigung der Lehre sehen, erhoffen die Anderen die Erlösung durch die Veränderung der Strukturen und Weiterentwicklung oder Veränderung der Lehre.

Natürlich ist es grundfalsch, die Opfer sexuellen Missbrauchs heranzuziehen, wenn man sie als Hebel gebraucht, um gewisse Forderungen umzusetzen. Im Umgang mit ihnen sollte man ehrlich und wahrhaftig bleiben und ihr Schicksal keineswegs verzwecken. Aber es ist nicht weniger falsch die Gegenposition mit seinem Engagement für die Opfer zu begründen, die bei „echten und kirchentreuen Priestern“ nicht Opfer geworden wären. Denn es waren auch hochgelobte kirchentreue Priester unter den Tätern und Missbrauchern. Es ist sehr einfach zu sagen: „Weil dieser Mann übergriffig war, weil er zum Täter und Verbrecher wurde, haben wir als die helle und gute Seite der Kirche damit nichts zu tun.“ Ich verweise da mal auf die hoch gepriesenen neuen geistlichen Bewegungen, bei denen sich manche Lichtgestalt inzwischen als Dunkelmann entpuppte. Und dennoch verteidigt noch heute Mancher einzelne Täter, weil sie doch so fromm und so treu waren. Da müssen die Anklagen der Opfer unwahr sein.

Nein, die Verbrechen geschahen im Herzen der Kirche, auch durch Täter die als vorbildliche Priester galten und von ihrem Umfeld gegen jeden Verdacht verteidigt wurden. Der Missbrauch ist ein Krebsgeschwür und seine Therapie ist nicht einfach.

Mein Eindruck ist: Die normalen Gläubigen schauen relativ verstört und irritiert auf den immer schärferen Ton. Und wenden sich ab. Die relative Erfolglosigkeit öffentlicher Aktionen des einen oder anderen Lagers spricht da Bände. Gegen Kardinal Woelki demonstriert ein überschaubarer Kreis von 200 – 300 Leuten, für ein „Dubium“, das ein Schisma feststellen lassen will, interessieren sich bei Facebook nicht mal 200 Leute. Und das trotz engagierter Öffentlichkeitsarbeit. Für die breite Öffentlichkeit bietet die Kirche das Bild einer zerstrittenen Organisation, die ihre Probleme und Unglaubwürdigkeiten nicht in den Griff bekommt und deren Wortmeldungen man keinerlei Bedeutung mehr zuschreiben sollte. Nur ihre Finanzkraft und Gestaltungsmacht in Deutschland bremst ihren Weg in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit noch ab. Der Stempel "Missbrauch" klebt so fest an der Kirche, dass die Details der Aufarbeitung und all die Bemühungen um Prävention und Wandel die Mehrheit der Deutschen kaum mehr erreichen.

Allein diese Beobachtung sollte die Kampfhähne wieder zusammen bringen. Zumal – weil sie doch im Grunde (wenn auch mit teils gegensätzlichen Mitteln), ein gemeinsames Ziel verfolgen, das man getrost „Evangelisierung“ nennen darf. Alle wollen doch, dass die Botschaft des Evangeliums weiter gesagt wird, dass die Gesellschaft zutiefst human bleibt und immer mehr wird, dass der Glaube in Gemeinden, Kirchen, Orden und geistlichen Gruppen und Gemeinschaften gelebt wird. Sollte es da nicht möglich sein, wieder mehr zusammenzurücken und in einem ersten Schritt eine halbwegs versöhnte Gemeinschaft in Vielfalt zu werden. Ich weiß, wie schwer das jenen fällt, die „die Sache Gottes“ zu ihrer Sache gemacht haben und die glauben, das Heiligste gegen Profanierung zu beschützen. Und wie schwer das aber auch jenen fällt, die unter den Schwächen und Verbrechen der real existierenden Kirche zu leiden hatten und sich eine ganz andere Kirche wünschen. Bringt die unterschiedliche Sicht auf die Bedeutung eines Segens für ein lesbisches Paar wirklich das Evangelium um seine Kraft? Oder besorgt dies weit mehr der verbissene Streit darum?

Ich fürchte, mit der Stärkung der Disziplin allein ist das Problem für die Kirche nicht gelöst. Natürlich braucht es Regeln, an die sich alle halten müssen. Gerade in der Missbrauchsprävention werden die allgemeinen Regeln oft in einen konkreten Verhaltenskodex übersetzt, Regeln, die auch unbeabsichtigte Grenzüberschreitungen verhindern sollen. Aber es gibt systemische Umstände, die Missbrauch begünstigt haben und die muss man in den Blick nehmen. Und warum sollte man in einer guten Diskussion nicht bewahren, was gut ist und sich von dem verabschieden, was Opfer produziert hat?

Es gibt nur einen Weg, Dialog und Vergebung, Vergebung und Dialog. Wir müssen raus aus den ideologischen Gräben und aufeinander zugehen. Wir müssen neu auf das Evangelium hören und offen sein, dass es uns verändern, ja wandeln kann. Wir müssen die Vorwürfe beiseite legen und die politischen und rhetorischen Tricks und Winkelzüge lassen. Wir müssen aufhören, die einen als Traditionalisten zu verunglimpfen und die anderen als Revoluzzer. Der andere ist und bleibt mein Bruder, die andere meine Schwester und idealerweise auch dann mein Freund, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Ut unum sint - „dass sie eins seien“. Dieser Auftrag des Hl. Johannes Paul II. bedeutet nicht, dass wir eine Schablone entwickeln, nach der die Einen der Einheit würdig sind und die Anderen draußen bleiben oder ins Schisma zu gehen haben. Einheit bedeutet Dialog, Liebe und Vergebungsbereitschaft. Ein anstrengender aber auch ein schöner Weg.

Wie auch immer wir ihn konkret gehen: wir nehmen die Schuld der Vergangenheit mit und wir gehen ihn in Verantwortung für jene, die im Raum der Kirche niederen Gelüsten und hehren Überzeugungen geopfert wurden und die unter ihr gelitten haben. Ihnen dürfen wir nie wieder den Rücken zukehren. Sie erinnern uns an die Verantwortung, die Zahl der Opfer in Gegenwart und Zukunft nicht noch zu erhöhen. Wir müssen wachsam sein und bleiben. Und letztlich auch demütig!

Sonntag, 28. Februar 2021

Wie kannst Du in dieser Kirche bleiben?

Diese Frage stellte mir vor gut 30 Jahren meine damalige Freundin, und ich erinnere mich mit erstaunlicher Frische an diese Situation. Ich hatte mich damals gerade von der Idee, Ordensmensch zu werden verabschiedet und war in die Ausbildung zum Pastoralreferenten eingestiegen. Wie ich damals geantwortet habe, das weiß ich nicht mehr. Aber sicher so etwas wie dass es in der Kirche viel Licht und Schatten gleichzeitig gibt und dass ich mich auf der hellen Seite engagieren möchte. 

Nach 30 Jahren hauptberuflicher Arbeit in der Kirche kann ich sagen, dass die Frage sich immer wieder neu und anders stellt und dass sie nicht verstummt ist. Aber heute fällt mir eine klare Antwort schwieriger denn je. Denn heute bekomme ich diese Frage auch von jenen gestellt, die wie ich auf der Sonnenseite des Lebens und der Kirche unterwegs sind. Und die Taktzahl dieser Frage steigt rapide. Meist höre ich sie mit der freundlichen Einleitung „Du bist ja eigentlich ein netter Kerl, aber...“. 

Nur einige Beispiele aus dieser Woche will ich schildern: 

Ein Bekannter, respektierter Handwerker im Heimatstädtchen, jemand aus der Mitte einer bürgerlich-katholischen Stadt postete gestern in etwa: „Liebe Freunde, ich verstehe, dass ihr aus der Kirche austreten wollt. Aber seht doch die Rolle, die Kirche für das Sozialwesen und den Zusammenhalt der Gesellschaft hat. Wenn ihr gehen wollt, verstehe ich das, aber geht doch nicht ganz, geht in eine andere Kirche und stärkt diese...“

Das hat mich gestern so berührt, dass ich aus meinem Herzen folgende Antwort gab: „Ich bin vor jetzt 30 Jahren aufgrund guter Erfahrungen mit der Kirche (Kaplan Roth, Kaplan Emmerich, Christel Terlinden, Kaplan Gehrmann, Schwester Almuth, Schwester Ermenhild, Schwester Georgis... und wer nicht noch alles... in den kirchlichen Dienst gegangen. Und habe seitdem mit Herz und Seele in vielen Gemeinden gearbeitet mit und für die Leute. Bestimmt sind nicht alle immer zufrieden mit meiner Arbeit. Aber ich versuche mein Bestes zu geben. Alles wertlos und umsonst...? Weil einige Leute in der Führung Bockmist gebaut haben im Umgang mit Verbrechern...?“

Bei Twitter postete gestern eine prominente Journalistin: „Wer wegen des Bodenpersonals aus der Kirche austreten will, solle sich vorher genauer umsehen. Sie kenne viele wunderbare und großartige Pfarrer*innen.“ Ich habe ihr darauf geantwortet, dass ich in der Kirche auch viele ganz normale Leute mit Engagement und mit Fehlern kennen würde, die ihr Bestes gäben. Und auch für sie lohnt es sich, in der Kirche zu bleiben. Es muss nicht immer alles großartig sein... 

Wenn ich an meine Zeiten als normales Gemeindemitglied zurückdenke, dann haben wir uns natürlich über gewisse Eigenheiten des Pastors geärgert. Und ganz bestimmt sind wir auch mal sauer aus einer Begegnung nach Hause gekommen. Aber das ist auch ein Stück Leben und gehört zum menschlichen Miteinander dazu. Natürlich muss man schauen, was ein Pfarrer (wie jeder, der ein Amt ausfüllt) mit seiner Macht anfängt und wie er sie einsetzt.

„Kirche ist meine Familie“ sagte kürzlich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing. Da könne er nicht einfach weggehen... 

Das ist eine sehr persönliche Antwort, aus der man keine Regel machen kann. In mancher Familie ist es ja auch wirklich zum Weglaufen. Und auch in der Kirche menschelt es manchmal unerträglich. 

„Nichts Menschliches ist mir fremd.“ pflegte mein alter Pastor in Lohberg zu sagen. Und auch mit Blick in die Kirchengeschichte muss man feststellen, dass Kirche umso mehr eingebunden war in ungutes Geschehen, umso machtvoller sie war. Sie war immer auch der Raum, wo sich normales menschliches Leben ereignete. Manchmal hat sie die menschliche Fehler abgemildert, oft hat es Leute gegeben, die sich aus der Kraft des Evangeliums dem Bösen in ihr in den Weg stellten (Franziskus, Pater Alfred Delp, Friedrich von Spee), manchmal hat kirchliches Denken und Handeln die Katastrophen der Menschheit noch verstärkt. Die Kirchengeschichte erben wir als heutige Christen auch mit all ihren Schattenseiten (meinetwegen auch ihrer Kriminalgeschichte). Nicht anders wie das deutsche Volk, dass die Last der Shoah, der Verfolgung der Juden und die Schuld am furchtbaren Weltkrieg nach wie vor zu tragen hat. Mir persönlich wäre es zu billig, da zu sagen, „Ich bin Altkatholik, meine Kirche hat kein Problem mit den Frauen.“ oder „Ich bin ja evangelisch, mit den Kreuzzügen haben wir Protestanten nichts zu tun.“ Nicht anders als die Reformatoren früher wollen viele engagierte Menschen in der Kirche, wollen Laien, Priester, Bischöfe, Papst … eine bessere Kirche. Einen neue Spaltung wird die Kirche nicht verbessern und die Welt insgesamt schon gar nicht. Selbst wenn ich mich persönlich als Mitglied einer „einzig wahren“ - oder gar keiner Kirche dann besser fühle. 

Aktuell bewegt die Öffentlichkeit weiter die Frage, wie die Kirche mit den Missbrauchstätern in den eigenen Reihen umgegangen ist. Diese Frage stellt zur Zeit die Glaubwürdigkeit der ganzen Kirche in den Schatten oder ganz in Frage. Für zahlreiche Menschen ist sie der konkrete Auslöser, warum sie der Kirche den Rücken kehren oder erst gar nicht erst den Kontakt mit der Gemeinde vor Ort aufnehmen. Kein Wunder, die Kirche beansprucht eine bessere Welt zu sein – und präsentiert sich doch als unglaubwürdig. Die Kirche stellt Forderungen und hält sie selbst nicht ein. 

Aufgabe der Christen sei es, so sagte das Frère Roger von Taizé immer wieder, „Ferment der Versöhnung“ in der Gesellschaft zu sein, der Kitt, der die Menschen im Dorf, in einer Stadt immer wieder zusammenführt und zusammen hält. Aktuell erleben wir – bis in unsere persönlichen Kontakte hinein – dass alles auseinanderdriftet und dass Auseinandersetzungen zunehmend verbissener und giftiger werden. Dazu tragen die Möglichkeiten der (sozialen) Medien, des Internet und die politischen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Krisen einen guten Teil bei. 

Die Kirche, ja die Kirchen (auch aus der evangelischen Kirche treten die Menschen in Scharen aus), können ihre Aufgabe, die Menschen zu versöhnen, die Menschen zusammenzuführen immer weniger erfüllen. Größer noch als meine Sorge um die Kirche ist die Sorge, dass ich weit und breit nichts sehe, was/wer diese konkrete Rolle in der Zukunft übernehmen könnte. Auch Politik und Institutionen schaffen es nicht, Vereine finden nur noch schwer ehrenamtlich Engagierte, das Konzert der Meinungen wird immer vielstimmiger und der Rückzug ins Private und in die eigene kleine Lebenswelt nimmt zu. Zudem bräuchte es ja eine Grundlage und die können wir Menschen uns nicht einfach selbst erschaffen. Ob wir zu einer gemeinsamen Vorstellung von Humanität ohne eine Verwurzelung in Gott, in der Bibel finden können? Ich sehe das mit Skepsis.

Wer meine Texte und Wortmeldungen verfolgt, der weiß, dass ich eine sehr klare Meinung zum Umgang meiner Kirche mit klerikalen Missbrauchstätern habe. Und da auch deutliche Kritik äußere. Wem das bisher entgangen ist, er kann hier auf diesem Blog und auf www.wirnicht-missbrauch.de dazu etwas lesen. 

Aktuell fühlt sich all das an, als sei in den 10 Jahren nichts passiert in der Kirche. Und als müsse man z.B. Kardinal Woelki erst zum Handeln zwingen. In den Diskussionen auf der Straße und bei Twitter und Facebook, ja selbst vor der Kirchentür wird noch immer erschütternd wenig differenziert. Gerade noch las ich einen erbosten Beitrag wo eine Dame dem Erzbischof vorhielt, er solle endlich zu seinen Missbrauchstaten stehen.

Daher liegt mir daran, dass wir noch mal genau hinschauen, worum es im Einzelnen geht und wo wir da aktuell stehen: 

1. Da ist zunächst einmal die Frage der Prävention. Was tut die Kirche, dass es keine weiteren Fälle gibt? Da stellen auch kritische Fachleute der katholischen Kirche ein gutes Zeugnis aus. Es gibt inzwischen personell gut aufgestellte Prävention in den Kirchen und ihren sozialen Institutionen. Mitarbeiter*innen werden intensiv geschult, bis hin zum betagten Pfarrer. Präventionskonzepte werden erstellt. Die Aufmerksamkeit für auffälliges Verhalten von Haupt- und Ehrenamtlichen ist gewachsen. Hier fährt der Zug wirklich in die richtige Richtung und man muss nur darauf achten, dass das Engagement nicht erlahmt. Mir scheint, da hat die Kirche sogar die Nase vorn? Wenn Sie das nicht glauben, fragen Sie doch mal den Trainer ihrer Kinder oder die Lehrerinnen Ihrer Schule, wann der letzte mehrtägige Präventionskurs stattgefunden hat? Ich verweise hier auch auf unser Präventionskonzept auf www.katholisch-in-voerde.de.

Missbrauch, sexualisierte Gewalt ist leider ein Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Erschütternd wird uns das z.B. bewusst an den aktuellen Fällen, wo Eltern ihre eigenen Kinder anbieten und verkauften, wo Kinderporno-Ringe aufgedeckt wurden und manches mehr. Täter suchen – bewusst oder unbewusst – Felder für ihre Arbeit und ihr freiwilliges Engagement, wo sie auch potentielle Opfer finden. Und das kann auch in der Kirche sein, auch heute noch. Zudem gibt es in der Kirche einige besondere Bedingungen, die zu Verbrechen an Kindern und Jugendlichen führen könnten bzw. geführt haben. Die Position und Rolle und die Lebensweise eines Priesters spielt hier eine gewisse Rolle, nur nicht immer so plakativ wie es in der Diskussion um den Zölibat behauptet wird.  

2. Mit Blick auf die Gegenwart geht es hier also um Prävention, mit Blick auf das was war um die Aufdeckung der Taten und die Zusammenarbeit mit der Justiz. Das ist aber ein anderer Punkt und hier schneidet die Kirche auch weit schlechter ab. Nach wie vor ist es ja so, dass die meisten Missbrauchstaten (auch außerhalb des kirchlichen Bereichs) in Bezug auf die lebenslangen Folgen für die Opfer durch die Gerichte augenscheinlich milde bestraft werden. Ein Täter, für den sich nach der Verurteilung in den Augen der Betroffenen nichts ändert weil er vielleicht eine überschaubare Geldstrafe zu zahlen hat, aber ansonsten unter Bewährung weiter in kirchlichen Diensten bleibt – das ist im höchsten Maße unverständlich. Und was ist eine Freiheitsstrafe von drei, sechs Monaten oder gar wenigen Jahren gegen die lebenslange Last einer solchen Tat? Es wird ja manchmal so argumentiert, als sorge die Kirche dafür, dass die Täter nicht vor ein staatliches Gericht kommen. Das ist allerdings heute nicht mehr der Fall. Leider gelingt es nicht, klar zu machen, dass es sich beim Kirchenrecht um ein zusätzliches Verfahren handelt, ähnlich wie beim Disziplinarrecht im öffentlichen Dienst. Da wird geprüft, wie die Kirche als Dienstgeber ein Verbrechen noch zusätzlich bestrafen kann. Also Dinge, die einen Trainer im Sport oder Täter aus dem familiären Umfeld nie träfen. Da muss die Kirche oft die staatlichen Urteile abwarten. Und wenn dann jemand aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird … wird es auch für die Kirche mit einer gerechten Strafe schwer, wenn die Bestraften dann gegen solche Strafen vor Gericht ziehen. In diesem Kontext geht es auch um solche Fälle, die sich in den kirchlichen Personalakten verbergen und die in der MHG – Studie untersucht wurden. Da finden sich tatsächlich erschreckend viele Fälle, die heute nicht mehr aufgearbeitet werden können, weil die Täter längst verstorben oder nicht einsichtig sind. Manchmal sind auch die Opfer nicht bekannt oder erreichbar. Viele haben sich in den vergangenen 10 Jahren erst an die Kirche gewandt und haben ihre Leidensgeschichten geschildert.

Manche glauben, dass diese Akten noch immer ausreichend Material zur Verurteilung von Tätern enthalten. In Bayern hat man offenbar einen großen Teil dieser Akten durch die Staatsanwaltschaften überprüft. Mit einem eher mäßigen Ergebnis, aufgrund von Verjährung, Tod der Täter oder dem Mangel an belastbaren Beweisen hat das nur zu einem einzigen Verfahren geführt. Aber genau dies ist ein sehr dunkles Kapitel in der jüngeren Geschichte der Kirche, dass wir dazu beigetragen haben, dass die Taten nicht umfassend aufgeklärt wurden, dass Täter weiter im Dienst der Kirche bleiben konnten, dass Opfer vergessen wurden, dass Täter ihrer gerechten Bestrafung entgingen und weitere Opfer forderten. Um diesen Aspekt geht es übrigens bei der Untersuchung in Köln nur in zweiter Linie. Bei der Untersuchung in Berlin hat man dies z.B. in einem einzigen Gutachten mit aufgearbeitet, aber mit der Folge, dass man die entscheidenden Seiten des Gutachtens nicht veröffentlichen konnte, weil Opfern und Tätern ein Grundrecht auf Persönlichkeitsschutz zusteht, dass man nicht einfach über Bord werfen kann, weil es die Institution Kirche entlasten würde. 

Nicht zuletzt ist es im höchsten Maße komplex aufzuarbeiten, was tatsächlich geschehen ist. Insbesondere, wenn wir nicht von schwerem Missbrauch reden. Die meisten Täter reden sich ihre Übergriffe schön, entschuldigen sich mit Phantasie, spinnen ein Netz von Verteidigern, vermeiden Zeugen. Für die Opfer dagegen sind oft auch Übergriffe schwerwiegend, die in anderen Kontexten als Belästigung mit einer kräftigen Ohrfeige abgewehrt würden. Aber gegenüber dem priesterlichen Täter sind sie wehrlos, können sich der Situation nicht entziehen... In vielen Fällen gibt es hier unterschiedliche „Wahrheiten“. Da den Opfern glaubwürdig zu versichern: „Ich glaube Ihnen!“ und die Täter angemessen zu bestrafen, das ist schon eine Herausforderung. Zumal dann, wenn man sich an Recht und Gesetz halten muss. Hier muss der Kirche gelingen, wo die Justiz nicht selten scheitert.

Ich fände es wünschenswert, wenn eine unabhängige Institution diese Fälle prüfen würde. Hier könnten die Akten unter den Bedingungen des Personenschutzes geprüft werden. Hier könnten sich auch Opfer melden, ohne es mit kirchlichen Mitarbeiter*innen zu tun zu haben und in direkten Kontakt mit der Täterorganisation zu geraten. Aber aufgrund der weit umfassenderen Bedeutung macht eine solche Institution nur für die Kirche keinen Sinn. Man sollte deren Aufgabe auch auf andere Tatorte erweitern, überall da, wo Taten nur dadurch möglich werden, dass Täter als Trainer, Erzieher, Therapeuten, Seelsorger*innen etc. Kontakt mit und Macht über Kinder, Jugendliche, Erwachsene bekommen. 

3. Der dritte Punkt ist die umfassende Sorge für die Opfer. Auch das ist ein schwieriges Feld, weil die Kirche ja letztlich die Täterorganisation ist, unter deren Dach die Verbrechen geschahen. Viele Opfer sind traumatisiert. Die Kirche war und ist viel zu zögerlich in der Frage der Entschädigung und Unterstützung. Lange waren die Opfer „das schlechte Gewissen in Person“ und Kirchenvertreter wehrten sie ab oder mochten Ihnen nicht gegenüber treten. Das ist ein nach wie vor herausfordernder Aspekt, in dem es der Kirche nicht leicht fallen wird, diesen zu bestehen. Ich wäre da sehr dafür, dass die Kirche hier den Tätern klar finanzielle Einbußen auferlegt, die den Opfern zu Gute kommen. Und dass darüber hinaus großzügig therapeutische und seelsorgliche Unterstützung ermöglicht wird. Auch wäre eine Art großzügig bemessene Opferrente ein gutes Signal, um den Menschen das Leben zu erleichtern. Wenn ein Täter seine volle Priesterpension bezieht und daneben sein Opfer aufgrund der Brüche in seinem Leben im Alter von der Grundsicherung lebt, dann muss diese Ungerechtigkeit irgendwie aufgehoben werden. Auch hier wäre eine unabhängige Institution hilfreich. 

4. Der vierte Punkt ist das, was man aus dem Fiasko der Vergangenheit lernen kann. Da geht es um die Fehler, die konkrete Verantwortliche, Bischöfe, Personalabteilungen, Generalvikare, Personalchefs in der Vergangenheit im Umgang mit Opfern und Tätern gemacht haben. Und genau um dies geht es auch im Kölner Gutachten. Und hier ist es zu den Fehlern gekommen, durch die ein Kölner Kardinal nun im Kreuzfeuer der Kritik steht. Und in diesem Kontext steht ja interessanter Weise auch der synodale Weg der Kirche, in dem Kardinal Woelki zu einem Wortführer der Kritiker geworden ist. Und dieser synodale Weg zieht seine Berechtigung unter Anderem aus der Frage, inwieweit die konkrete Gestalt der Kirche als Institution und Bürokratie zu der Krise und der Fehlerhaftigkeit im Umgang mit Missbrauchstaten und Tätern beigetragen hat. Dass sich in diesen Diskussionsprozess natürlich allzu gern all jene mit einbringen, die schon immer grundstürzende Reformen gefordert haben, das scheint mir nicht verwunderlich. Dass sich aber diejenigen diesem Prozess weitgehend verweigert haben, die eine heilige und traditionsbewußte Kirche im Herzen tragen, das gibt mir nach wie vor Rätsel auf. So fällt Kardinal Woelki in dem ganzen Prozess eine besondere Rolle zu, die – neben den gemachten Fehlern – die Aufmerksamkeit aller auf ihn gezogen haben. Dazu kommt sicher noch die Tatsache, dass das „hillige Köln“ sicher das bedeutendste Bistum in Deutschland ist und dass Köln sicher eine der bedeutsamsten Medienstädte der Republik ist. Von daher muss der Kölner Kardinal als de facto „primas germaniae“ nun den Kopf hinhalten für die lieben Kollegen, die doch allesamt im Glashaus sitzen. Kein Wunder, dass diese – angesichts der sich zuspitzenden Krise – zunehmend dünnhäutiger werden. 

Insofern stimme ich konservativen Kreisen zu, die aufgrund der aktuellen Diskussion den Verdacht haben, die aktuelle Aufmerksamkeit für Köln habe mit dem synodalen Weg zu tun. Aber ich teile in keiner Weise die Vorstellung, "man" wolle den Kardinal ausschalten, der dem Durchmarsch in eine neue Kirche im Wege stehe. (Wer auch immer diese dunkle Macht sein soll? Das ach so mächtige ZdK vielleicht?)

Also, das Kölner Gutachten müsste eigentlich ein Grundlagentext für den synodalen Weg werden. Zusammen mit dem Aachener, Münchner, Münsteraner, Essener... Worum geht es bei diesem Gutachten wirklich? Die Anwälte aus München, die das erste Gutachten erstellen, haben den Weg gewählt, aus den gut 200 „Fällen“ einige besonders auffällige, exemplarische Fälle auszuwählen. Diese haben sie eingehend erforscht und daraus ihre Schlüsse gezogen, wo die Institution Fehler gemacht hat. Aufgrund dieser Untersuchungen haben sie benannt, wer diese Fehler zu verantworten hat. Es liegt in der Natur der Sache, dass niemand über sich in der Presse lesen möchte, wo er im Dienst versagt habe. Erst recht nicht, wenn das Folgen für den Lebenslauf und die Karriere hätte. Daher begibt man sich damit auf ein heikles Gelände.

Zumal, wenn das auch Personen betrifft, die heute als Bischöfe andere Bistümer leiten.  

Das war wohl der Grund, weshalb der Kardinal weitere Juristen gebeten hat, sich  mit der Frage zu beschäftigen, ob man da nicht vor den Gerichten eine Klatsche bekommt, wenn man damit an die Öffentlichkeit ginge. Und da hat er wohl Signale (und ein Gutachten) bekommen, dass das durchaus sein kann. Nur konnte man nun – nach vollmundigen Ankündigungen – nicht einfach aussteigen oder die Namen rauslassen. Und die Betreffenden würden sicher argumentieren, es seien ja nur einzelne Fälle im Gutachten erforscht worden und daher sei das Urteil sehr einseitig. Daher hat man einen weiteren renommierten Juristen beauftragt ein neues Gutachten zu machen, das ausdrücklich alle Fälle in den Blick nimmt und sich in diesem Punkt nicht angreifbar macht. Rings um all diese Vorgänge gab es eine gewisse Zahl von Pleiten, Fehlern und Pannen und eine zunehmende Ungeduld in der Öffentlichkeit.

Die wird umso mehr gesteigert, als dass viele Beobachter die Details gar nicht im Blick haben und so verfestigt sich der Eindruck, dass sich in der Kirche gar nichts verändert und verbessert. Journalisten und ihre Leser, Hörer und Zuschauer erwarten Antworten auf ihre Fragen, verweisen zu Recht darauf, dass der Prozess ja nun schon lange dauert. Kirchenleute trauen sich aus Angst vor hitzigen Debatten und Ungerechtigkeiten gar nicht mehr auf öffentliches Parkett oder wollen sich dreimal absichern, dass am Ende kein schlechtes Bild bleibt. Es ist verständlich, dass Kardinal Woelki, bevor er Fehler und Verantwortliche benennt, dafür erst die Einschätzung eines neutralen Gutachters lesen will. Trotzdem würde ich mir mehr Mut wünschen, sich mit klaren Worten auf die Agora oder auch den heißen Stuhl zu begeben. Warum nicht „Was nun Herr Woelki?“ im Garten hinter dem Bischofshaus. Und gerne mit Christiane Florin als Interviewerin.

Die hat letztlich erstmals die Frage nach spürbaren Konsequenzen, nach Rücktritten gestellt. Seitdem ist das – zuvor Undenkbare – in der Welt. Von dem, was bisher bekannt ist, trägt Kardinal Woelki auch nicht mehr Schuld als seine Bischofskollegen in München, in Regensburg, in Essen, in Münster, in Osnabrück... Ich erwarte da weder von dem einen noch von dem anderen Gutachten Mitte Mai grundstürzende Neuigkeiten. Wenn es danach ging könnte vielleicht noch Bischof Wilmer aus Hildesheim bestehen oder Bischof Hanke in Eichstätt. Beide kommen aus einem Orden und bekleideten keine hohen Positionen in der diözesanen Bürokratie und Verwaltung. Obwohl … auch die Orden haben da ja ihre diesbezügliche Geschichte. Trotzdem stellt sich ja die Frage, wie in der Kirche die Verantwortung für Fehler eingestanden werden kann und welche konkreten Folgen ein solches Eingeständnis hat. Kostet es mich etwas? Also mehr als einige unangenehme Diskussionen und unerfreuliche Artikel in der Tageszeitung? Kostet es mich meine Position, meine bedeutsame Rolle, meine Macht? Mein Geld? Meine Privilegien? Und wem wäre damit gedient? Kardinal Marx hat ja erfreulicherweise hier schon vorgedacht und einen beachtlichen Teil seines privaten Vermögens abgegeben. Andere Bischöfe haben schon mal prophylaktisch persönliche Fehler eingestanden. Diejenigen, die mutmaßlich selbst Täter waren oder aktiv solche gedeckt haben sind lange schon tot. Viele derjenigen, die die Taten nicht ernst genug nahmen oder Täter einfach versetzten sind ebenfalls verstorben oder längst nicht mehr im Amt. 

Kardinal Woelki träte heute zurück aufgrund der Fehler seiner Vorgänger und seiner Diözesanverwaltung. Viel wichtiger wäre mir, dass die Kirche aus ihren Fehlern lernt. Dass sie sich entschlossen von weltlicher Macht und Privilegien trennt. Dass sie viel transparenter wird in ihrem Handeln, dass sie nur solche Menschen in Ämtern einsetzt, die mit sich, ihrer Rolle und Position und ihrer Sexualität und ihrem Gefühlsleben im Reinen sind. Ich fürchte mit Frauen in Ämtern, nicht klerikalen Priestern und einer liberaleren Sexualmoral allein ist es nicht getan. 


„Wie kannst Du in dieser Kirche bleiben?“ Ich denke, diese Frage wird mich weiter begleiten. Die Familien-Antwort von Bischof Bätzing taugt für mich nicht. 

Vielleicht habe ich zwei Teilantworten. Die Eine: Die Kirche ist für mich immer noch weit mehr Lösung als Problem. Dass es uns gibt, macht die Gesellschaft menschlicher, sozialer. Trotz aller Schwächen und Fehler. 

„ecclesia semper reformanda“ 

Wenn es die Kirche nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Wir müssen alles tun, damit sie ihre Kraft wieder auf die Straße bekommt. Und vielleicht muss sie wirklich mal ausziehen aus den Ruinen ihrer einstigen Herrlichkeit und ganz klein und ganz neu wieder anfangen. Obwohl dann auch manches kaputt geht, was gut und hilfreich ist. Apropos erfinden. Nach wie vor ist für mich die Kirche keine menschliche Sache, sondern sie ist Gottes Werkzeug, seine Erfindung, seine Kirche. Bei der lauthals vorgetragenen Forderung von (Neu-)Evangelisierung kommt es mir allerdings manchmal so vor, als ginge es allein darum die alte Herrlichkeit zu retten, zu restaurieren und aufzupolieren. Ein alter Pfarrer sagte mir, der erste Schritt müsse sein, sich selbst zu evangelisieren.

Die Bibel ist nicht ein schönes Buch unter vielen, eine weise Schrift der Vergangenheit, nein in ihr klingt Gottes Wort in seiner ganzen Frische und auch Sprengkraft. Und wo sonst könnte man sie zum Klingen und Erklingen bringen, wenn nicht in der Kirche.

Ja, ich bin seit 30 Jahren dabei. Ich weiß um manche Misstöne. Irgendwie ist die Kirche aktuell wie eine völlig verstimmte Orgel. Es wird ein Kraftakt werden, sie wieder richtig zum Klingen zu bringen. Und selbst dann, wenn alles fertig ist und glänzt – wird irgendeine Taste wieder klemmen oder eine Orgelpfeife quäken. 

Aber, sie kann schön klingen, sehr schön und zu Herzen gehend.

Deshalb bin ich noch immer dabei. 

Und ich glaube fest, dass ich auch bleiben werde. 

Aber ich habe auch Lust, das Instrument mit einer kräftigen Bürste von allem Dreck zu befreien. 

Aber doch auch mit Engagement, Liebe und Sachkunde, so dass die Substanz nicht verloren geht. 


Und Sie? Und du? Bleibst Du auch mit dabei? Oder fängst Du wenigstens was Neues an, was die Leute zusammenbringt und die Gesellschaft zusammen hält? Was ist Dein Beitrag?


Bildquelle: Von Caspar David Friedrich - https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2184609