Sonntag, 28. Februar 2021

Wie kannst Du in dieser Kirche bleiben?

Diese Frage stellte mir vor gut 30 Jahren meine damalige Freundin, und ich erinnere mich mit erstaunlicher Frische an diese Situation. Ich hatte mich damals gerade von der Idee, Ordensmensch zu werden verabschiedet und war in die Ausbildung zum Pastoralreferenten eingestiegen. Wie ich damals geantwortet habe, das weiß ich nicht mehr. Aber sicher so etwas wie dass es in der Kirche viel Licht und Schatten gleichzeitig gibt und dass ich mich auf der hellen Seite engagieren möchte. 

Nach 30 Jahren hauptberuflicher Arbeit in der Kirche kann ich sagen, dass die Frage sich immer wieder neu und anders stellt und dass sie nicht verstummt ist. Aber heute fällt mir eine klare Antwort schwieriger denn je. Denn heute bekomme ich diese Frage auch von jenen gestellt, die wie ich auf der Sonnenseite des Lebens und der Kirche unterwegs sind. Und die Taktzahl dieser Frage steigt rapide. Meist höre ich sie mit der freundlichen Einleitung „Du bist ja eigentlich ein netter Kerl, aber...“. 

Nur einige Beispiele aus dieser Woche will ich schildern: 

Ein Bekannter, respektierter Handwerker im Heimatstädtchen, jemand aus der Mitte einer bürgerlich-katholischen Stadt postete gestern in etwa: „Liebe Freunde, ich verstehe, dass ihr aus der Kirche austreten wollt. Aber seht doch die Rolle, die Kirche für das Sozialwesen und den Zusammenhalt der Gesellschaft hat. Wenn ihr gehen wollt, verstehe ich das, aber geht doch nicht ganz, geht in eine andere Kirche und stärkt diese...“

Das hat mich gestern so berührt, dass ich aus meinem Herzen folgende Antwort gab: „Ich bin vor jetzt 30 Jahren aufgrund guter Erfahrungen mit der Kirche (Kaplan Roth, Kaplan Emmerich, Christel Terlinden, Kaplan Gehrmann, Schwester Almuth, Schwester Ermenhild, Schwester Georgis... und wer nicht noch alles... in den kirchlichen Dienst gegangen. Und habe seitdem mit Herz und Seele in vielen Gemeinden gearbeitet mit und für die Leute. Bestimmt sind nicht alle immer zufrieden mit meiner Arbeit. Aber ich versuche mein Bestes zu geben. Alles wertlos und umsonst...? Weil einige Leute in der Führung Bockmist gebaut haben im Umgang mit Verbrechern...?“

Bei Twitter postete gestern eine prominente Journalistin: „Wer wegen des Bodenpersonals aus der Kirche austreten will, solle sich vorher genauer umsehen. Sie kenne viele wunderbare und großartige Pfarrer*innen.“ Ich habe ihr darauf geantwortet, dass ich in der Kirche auch viele ganz normale Leute mit Engagement und mit Fehlern kennen würde, die ihr Bestes gäben. Und auch für sie lohnt es sich, in der Kirche zu bleiben. Es muss nicht immer alles großartig sein... 

Wenn ich an meine Zeiten als normales Gemeindemitglied zurückdenke, dann haben wir uns natürlich über gewisse Eigenheiten des Pastors geärgert. Und ganz bestimmt sind wir auch mal sauer aus einer Begegnung nach Hause gekommen. Aber das ist auch ein Stück Leben und gehört zum menschlichen Miteinander dazu. Natürlich muss man schauen, was ein Pfarrer (wie jeder, der ein Amt ausfüllt) mit seiner Macht anfängt und wie er sie einsetzt.

„Kirche ist meine Familie“ sagte kürzlich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing. Da könne er nicht einfach weggehen... 

Das ist eine sehr persönliche Antwort, aus der man keine Regel machen kann. In mancher Familie ist es ja auch wirklich zum Weglaufen. Und auch in der Kirche menschelt es manchmal unerträglich. 

„Nichts Menschliches ist mir fremd.“ pflegte mein alter Pastor in Lohberg zu sagen. Und auch mit Blick in die Kirchengeschichte muss man feststellen, dass Kirche umso mehr eingebunden war in ungutes Geschehen, umso machtvoller sie war. Sie war immer auch der Raum, wo sich normales menschliches Leben ereignete. Manchmal hat sie die menschliche Fehler abgemildert, oft hat es Leute gegeben, die sich aus der Kraft des Evangeliums dem Bösen in ihr in den Weg stellten (Franziskus, Pater Alfred Delp, Friedrich von Spee), manchmal hat kirchliches Denken und Handeln die Katastrophen der Menschheit noch verstärkt. Die Kirchengeschichte erben wir als heutige Christen auch mit all ihren Schattenseiten (meinetwegen auch ihrer Kriminalgeschichte). Nicht anders wie das deutsche Volk, dass die Last der Shoah, der Verfolgung der Juden und die Schuld am furchtbaren Weltkrieg nach wie vor zu tragen hat. Mir persönlich wäre es zu billig, da zu sagen, „Ich bin Altkatholik, meine Kirche hat kein Problem mit den Frauen.“ oder „Ich bin ja evangelisch, mit den Kreuzzügen haben wir Protestanten nichts zu tun.“ Nicht anders als die Reformatoren früher wollen viele engagierte Menschen in der Kirche, wollen Laien, Priester, Bischöfe, Papst … eine bessere Kirche. Einen neue Spaltung wird die Kirche nicht verbessern und die Welt insgesamt schon gar nicht. Selbst wenn ich mich persönlich als Mitglied einer „einzig wahren“ - oder gar keiner Kirche dann besser fühle. 

Aktuell bewegt die Öffentlichkeit weiter die Frage, wie die Kirche mit den Missbrauchstätern in den eigenen Reihen umgegangen ist. Diese Frage stellt zur Zeit die Glaubwürdigkeit der ganzen Kirche in den Schatten oder ganz in Frage. Für zahlreiche Menschen ist sie der konkrete Auslöser, warum sie der Kirche den Rücken kehren oder erst gar nicht erst den Kontakt mit der Gemeinde vor Ort aufnehmen. Kein Wunder, die Kirche beansprucht eine bessere Welt zu sein – und präsentiert sich doch als unglaubwürdig. Die Kirche stellt Forderungen und hält sie selbst nicht ein. 

Aufgabe der Christen sei es, so sagte das Frère Roger von Taizé immer wieder, „Ferment der Versöhnung“ in der Gesellschaft zu sein, der Kitt, der die Menschen im Dorf, in einer Stadt immer wieder zusammenführt und zusammen hält. Aktuell erleben wir – bis in unsere persönlichen Kontakte hinein – dass alles auseinanderdriftet und dass Auseinandersetzungen zunehmend verbissener und giftiger werden. Dazu tragen die Möglichkeiten der (sozialen) Medien, des Internet und die politischen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Krisen einen guten Teil bei. 

Die Kirche, ja die Kirchen (auch aus der evangelischen Kirche treten die Menschen in Scharen aus), können ihre Aufgabe, die Menschen zu versöhnen, die Menschen zusammenzuführen immer weniger erfüllen. Größer noch als meine Sorge um die Kirche ist die Sorge, dass ich weit und breit nichts sehe, was/wer diese konkrete Rolle in der Zukunft übernehmen könnte. Auch Politik und Institutionen schaffen es nicht, Vereine finden nur noch schwer ehrenamtlich Engagierte, das Konzert der Meinungen wird immer vielstimmiger und der Rückzug ins Private und in die eigene kleine Lebenswelt nimmt zu. Zudem bräuchte es ja eine Grundlage und die können wir Menschen uns nicht einfach selbst erschaffen. Ob wir zu einer gemeinsamen Vorstellung von Humanität ohne eine Verwurzelung in Gott, in der Bibel finden können? Ich sehe das mit Skepsis.

Wer meine Texte und Wortmeldungen verfolgt, der weiß, dass ich eine sehr klare Meinung zum Umgang meiner Kirche mit klerikalen Missbrauchstätern habe. Und da auch deutliche Kritik äußere. Wem das bisher entgangen ist, er kann hier auf diesem Blog und auf www.wirnicht-missbrauch.de dazu etwas lesen. 

Aktuell fühlt sich all das an, als sei in den 10 Jahren nichts passiert in der Kirche. Und als müsse man z.B. Kardinal Woelki erst zum Handeln zwingen. In den Diskussionen auf der Straße und bei Twitter und Facebook, ja selbst vor der Kirchentür wird noch immer erschütternd wenig differenziert. Gerade noch las ich einen erbosten Beitrag wo eine Dame dem Erzbischof vorhielt, er solle endlich zu seinen Missbrauchstaten stehen.

Daher liegt mir daran, dass wir noch mal genau hinschauen, worum es im Einzelnen geht und wo wir da aktuell stehen: 

1. Da ist zunächst einmal die Frage der Prävention. Was tut die Kirche, dass es keine weiteren Fälle gibt? Da stellen auch kritische Fachleute der katholischen Kirche ein gutes Zeugnis aus. Es gibt inzwischen personell gut aufgestellte Prävention in den Kirchen und ihren sozialen Institutionen. Mitarbeiter*innen werden intensiv geschult, bis hin zum betagten Pfarrer. Präventionskonzepte werden erstellt. Die Aufmerksamkeit für auffälliges Verhalten von Haupt- und Ehrenamtlichen ist gewachsen. Hier fährt der Zug wirklich in die richtige Richtung und man muss nur darauf achten, dass das Engagement nicht erlahmt. Mir scheint, da hat die Kirche sogar die Nase vorn? Wenn Sie das nicht glauben, fragen Sie doch mal den Trainer ihrer Kinder oder die Lehrerinnen Ihrer Schule, wann der letzte mehrtägige Präventionskurs stattgefunden hat? Ich verweise hier auch auf unser Präventionskonzept auf www.katholisch-in-voerde.de.

Missbrauch, sexualisierte Gewalt ist leider ein Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Erschütternd wird uns das z.B. bewusst an den aktuellen Fällen, wo Eltern ihre eigenen Kinder anbieten und verkauften, wo Kinderporno-Ringe aufgedeckt wurden und manches mehr. Täter suchen – bewusst oder unbewusst – Felder für ihre Arbeit und ihr freiwilliges Engagement, wo sie auch potentielle Opfer finden. Und das kann auch in der Kirche sein, auch heute noch. Zudem gibt es in der Kirche einige besondere Bedingungen, die zu Verbrechen an Kindern und Jugendlichen führen könnten bzw. geführt haben. Die Position und Rolle und die Lebensweise eines Priesters spielt hier eine gewisse Rolle, nur nicht immer so plakativ wie es in der Diskussion um den Zölibat behauptet wird.  

2. Mit Blick auf die Gegenwart geht es hier also um Prävention, mit Blick auf das was war um die Aufdeckung der Taten und die Zusammenarbeit mit der Justiz. Das ist aber ein anderer Punkt und hier schneidet die Kirche auch weit schlechter ab. Nach wie vor ist es ja so, dass die meisten Missbrauchstaten (auch außerhalb des kirchlichen Bereichs) in Bezug auf die lebenslangen Folgen für die Opfer durch die Gerichte augenscheinlich milde bestraft werden. Ein Täter, für den sich nach der Verurteilung in den Augen der Betroffenen nichts ändert weil er vielleicht eine überschaubare Geldstrafe zu zahlen hat, aber ansonsten unter Bewährung weiter in kirchlichen Diensten bleibt – das ist im höchsten Maße unverständlich. Und was ist eine Freiheitsstrafe von drei, sechs Monaten oder gar wenigen Jahren gegen die lebenslange Last einer solchen Tat? Es wird ja manchmal so argumentiert, als sorge die Kirche dafür, dass die Täter nicht vor ein staatliches Gericht kommen. Das ist allerdings heute nicht mehr der Fall. Leider gelingt es nicht, klar zu machen, dass es sich beim Kirchenrecht um ein zusätzliches Verfahren handelt, ähnlich wie beim Disziplinarrecht im öffentlichen Dienst. Da wird geprüft, wie die Kirche als Dienstgeber ein Verbrechen noch zusätzlich bestrafen kann. Also Dinge, die einen Trainer im Sport oder Täter aus dem familiären Umfeld nie träfen. Da muss die Kirche oft die staatlichen Urteile abwarten. Und wenn dann jemand aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird … wird es auch für die Kirche mit einer gerechten Strafe schwer, wenn die Bestraften dann gegen solche Strafen vor Gericht ziehen. In diesem Kontext geht es auch um solche Fälle, die sich in den kirchlichen Personalakten verbergen und die in der MHG – Studie untersucht wurden. Da finden sich tatsächlich erschreckend viele Fälle, die heute nicht mehr aufgearbeitet werden können, weil die Täter längst verstorben oder nicht einsichtig sind. Manchmal sind auch die Opfer nicht bekannt oder erreichbar. Viele haben sich in den vergangenen 10 Jahren erst an die Kirche gewandt und haben ihre Leidensgeschichten geschildert.

Manche glauben, dass diese Akten noch immer ausreichend Material zur Verurteilung von Tätern enthalten. In Bayern hat man offenbar einen großen Teil dieser Akten durch die Staatsanwaltschaften überprüft. Mit einem eher mäßigen Ergebnis, aufgrund von Verjährung, Tod der Täter oder dem Mangel an belastbaren Beweisen hat das nur zu einem einzigen Verfahren geführt. Aber genau dies ist ein sehr dunkles Kapitel in der jüngeren Geschichte der Kirche, dass wir dazu beigetragen haben, dass die Taten nicht umfassend aufgeklärt wurden, dass Täter weiter im Dienst der Kirche bleiben konnten, dass Opfer vergessen wurden, dass Täter ihrer gerechten Bestrafung entgingen und weitere Opfer forderten. Um diesen Aspekt geht es übrigens bei der Untersuchung in Köln nur in zweiter Linie. Bei der Untersuchung in Berlin hat man dies z.B. in einem einzigen Gutachten mit aufgearbeitet, aber mit der Folge, dass man die entscheidenden Seiten des Gutachtens nicht veröffentlichen konnte, weil Opfern und Tätern ein Grundrecht auf Persönlichkeitsschutz zusteht, dass man nicht einfach über Bord werfen kann, weil es die Institution Kirche entlasten würde. 

Nicht zuletzt ist es im höchsten Maße komplex aufzuarbeiten, was tatsächlich geschehen ist. Insbesondere, wenn wir nicht von schwerem Missbrauch reden. Die meisten Täter reden sich ihre Übergriffe schön, entschuldigen sich mit Phantasie, spinnen ein Netz von Verteidigern, vermeiden Zeugen. Für die Opfer dagegen sind oft auch Übergriffe schwerwiegend, die in anderen Kontexten als Belästigung mit einer kräftigen Ohrfeige abgewehrt würden. Aber gegenüber dem priesterlichen Täter sind sie wehrlos, können sich der Situation nicht entziehen... In vielen Fällen gibt es hier unterschiedliche „Wahrheiten“. Da den Opfern glaubwürdig zu versichern: „Ich glaube Ihnen!“ und die Täter angemessen zu bestrafen, das ist schon eine Herausforderung. Zumal dann, wenn man sich an Recht und Gesetz halten muss. Hier muss der Kirche gelingen, wo die Justiz nicht selten scheitert.

Ich fände es wünschenswert, wenn eine unabhängige Institution diese Fälle prüfen würde. Hier könnten die Akten unter den Bedingungen des Personenschutzes geprüft werden. Hier könnten sich auch Opfer melden, ohne es mit kirchlichen Mitarbeiter*innen zu tun zu haben und in direkten Kontakt mit der Täterorganisation zu geraten. Aber aufgrund der weit umfassenderen Bedeutung macht eine solche Institution nur für die Kirche keinen Sinn. Man sollte deren Aufgabe auch auf andere Tatorte erweitern, überall da, wo Taten nur dadurch möglich werden, dass Täter als Trainer, Erzieher, Therapeuten, Seelsorger*innen etc. Kontakt mit und Macht über Kinder, Jugendliche, Erwachsene bekommen. 

3. Der dritte Punkt ist die umfassende Sorge für die Opfer. Auch das ist ein schwieriges Feld, weil die Kirche ja letztlich die Täterorganisation ist, unter deren Dach die Verbrechen geschahen. Viele Opfer sind traumatisiert. Die Kirche war und ist viel zu zögerlich in der Frage der Entschädigung und Unterstützung. Lange waren die Opfer „das schlechte Gewissen in Person“ und Kirchenvertreter wehrten sie ab oder mochten Ihnen nicht gegenüber treten. Das ist ein nach wie vor herausfordernder Aspekt, in dem es der Kirche nicht leicht fallen wird, diesen zu bestehen. Ich wäre da sehr dafür, dass die Kirche hier den Tätern klar finanzielle Einbußen auferlegt, die den Opfern zu Gute kommen. Und dass darüber hinaus großzügig therapeutische und seelsorgliche Unterstützung ermöglicht wird. Auch wäre eine Art großzügig bemessene Opferrente ein gutes Signal, um den Menschen das Leben zu erleichtern. Wenn ein Täter seine volle Priesterpension bezieht und daneben sein Opfer aufgrund der Brüche in seinem Leben im Alter von der Grundsicherung lebt, dann muss diese Ungerechtigkeit irgendwie aufgehoben werden. Auch hier wäre eine unabhängige Institution hilfreich. 

4. Der vierte Punkt ist das, was man aus dem Fiasko der Vergangenheit lernen kann. Da geht es um die Fehler, die konkrete Verantwortliche, Bischöfe, Personalabteilungen, Generalvikare, Personalchefs in der Vergangenheit im Umgang mit Opfern und Tätern gemacht haben. Und genau um dies geht es auch im Kölner Gutachten. Und hier ist es zu den Fehlern gekommen, durch die ein Kölner Kardinal nun im Kreuzfeuer der Kritik steht. Und in diesem Kontext steht ja interessanter Weise auch der synodale Weg der Kirche, in dem Kardinal Woelki zu einem Wortführer der Kritiker geworden ist. Und dieser synodale Weg zieht seine Berechtigung unter Anderem aus der Frage, inwieweit die konkrete Gestalt der Kirche als Institution und Bürokratie zu der Krise und der Fehlerhaftigkeit im Umgang mit Missbrauchstaten und Tätern beigetragen hat. Dass sich in diesen Diskussionsprozess natürlich allzu gern all jene mit einbringen, die schon immer grundstürzende Reformen gefordert haben, das scheint mir nicht verwunderlich. Dass sich aber diejenigen diesem Prozess weitgehend verweigert haben, die eine heilige und traditionsbewußte Kirche im Herzen tragen, das gibt mir nach wie vor Rätsel auf. So fällt Kardinal Woelki in dem ganzen Prozess eine besondere Rolle zu, die – neben den gemachten Fehlern – die Aufmerksamkeit aller auf ihn gezogen haben. Dazu kommt sicher noch die Tatsache, dass das „hillige Köln“ sicher das bedeutendste Bistum in Deutschland ist und dass Köln sicher eine der bedeutsamsten Medienstädte der Republik ist. Von daher muss der Kölner Kardinal als de facto „primas germaniae“ nun den Kopf hinhalten für die lieben Kollegen, die doch allesamt im Glashaus sitzen. Kein Wunder, dass diese – angesichts der sich zuspitzenden Krise – zunehmend dünnhäutiger werden. 

Insofern stimme ich konservativen Kreisen zu, die aufgrund der aktuellen Diskussion den Verdacht haben, die aktuelle Aufmerksamkeit für Köln habe mit dem synodalen Weg zu tun. Aber ich teile in keiner Weise die Vorstellung, "man" wolle den Kardinal ausschalten, der dem Durchmarsch in eine neue Kirche im Wege stehe. (Wer auch immer diese dunkle Macht sein soll? Das ach so mächtige ZdK vielleicht?)

Also, das Kölner Gutachten müsste eigentlich ein Grundlagentext für den synodalen Weg werden. Zusammen mit dem Aachener, Münchner, Münsteraner, Essener... Worum geht es bei diesem Gutachten wirklich? Die Anwälte aus München, die das erste Gutachten erstellen, haben den Weg gewählt, aus den gut 200 „Fällen“ einige besonders auffällige, exemplarische Fälle auszuwählen. Diese haben sie eingehend erforscht und daraus ihre Schlüsse gezogen, wo die Institution Fehler gemacht hat. Aufgrund dieser Untersuchungen haben sie benannt, wer diese Fehler zu verantworten hat. Es liegt in der Natur der Sache, dass niemand über sich in der Presse lesen möchte, wo er im Dienst versagt habe. Erst recht nicht, wenn das Folgen für den Lebenslauf und die Karriere hätte. Daher begibt man sich damit auf ein heikles Gelände.

Zumal, wenn das auch Personen betrifft, die heute als Bischöfe andere Bistümer leiten.  

Das war wohl der Grund, weshalb der Kardinal weitere Juristen gebeten hat, sich  mit der Frage zu beschäftigen, ob man da nicht vor den Gerichten eine Klatsche bekommt, wenn man damit an die Öffentlichkeit ginge. Und da hat er wohl Signale (und ein Gutachten) bekommen, dass das durchaus sein kann. Nur konnte man nun – nach vollmundigen Ankündigungen – nicht einfach aussteigen oder die Namen rauslassen. Und die Betreffenden würden sicher argumentieren, es seien ja nur einzelne Fälle im Gutachten erforscht worden und daher sei das Urteil sehr einseitig. Daher hat man einen weiteren renommierten Juristen beauftragt ein neues Gutachten zu machen, das ausdrücklich alle Fälle in den Blick nimmt und sich in diesem Punkt nicht angreifbar macht. Rings um all diese Vorgänge gab es eine gewisse Zahl von Pleiten, Fehlern und Pannen und eine zunehmende Ungeduld in der Öffentlichkeit.

Die wird umso mehr gesteigert, als dass viele Beobachter die Details gar nicht im Blick haben und so verfestigt sich der Eindruck, dass sich in der Kirche gar nichts verändert und verbessert. Journalisten und ihre Leser, Hörer und Zuschauer erwarten Antworten auf ihre Fragen, verweisen zu Recht darauf, dass der Prozess ja nun schon lange dauert. Kirchenleute trauen sich aus Angst vor hitzigen Debatten und Ungerechtigkeiten gar nicht mehr auf öffentliches Parkett oder wollen sich dreimal absichern, dass am Ende kein schlechtes Bild bleibt. Es ist verständlich, dass Kardinal Woelki, bevor er Fehler und Verantwortliche benennt, dafür erst die Einschätzung eines neutralen Gutachters lesen will. Trotzdem würde ich mir mehr Mut wünschen, sich mit klaren Worten auf die Agora oder auch den heißen Stuhl zu begeben. Warum nicht „Was nun Herr Woelki?“ im Garten hinter dem Bischofshaus. Und gerne mit Christiane Florin als Interviewerin.

Die hat letztlich erstmals die Frage nach spürbaren Konsequenzen, nach Rücktritten gestellt. Seitdem ist das – zuvor Undenkbare – in der Welt. Von dem, was bisher bekannt ist, trägt Kardinal Woelki auch nicht mehr Schuld als seine Bischofskollegen in München, in Regensburg, in Essen, in Münster, in Osnabrück... Ich erwarte da weder von dem einen noch von dem anderen Gutachten Mitte Mai grundstürzende Neuigkeiten. Wenn es danach ging könnte vielleicht noch Bischof Wilmer aus Hildesheim bestehen oder Bischof Hanke in Eichstätt. Beide kommen aus einem Orden und bekleideten keine hohen Positionen in der diözesanen Bürokratie und Verwaltung. Obwohl … auch die Orden haben da ja ihre diesbezügliche Geschichte. Trotzdem stellt sich ja die Frage, wie in der Kirche die Verantwortung für Fehler eingestanden werden kann und welche konkreten Folgen ein solches Eingeständnis hat. Kostet es mich etwas? Also mehr als einige unangenehme Diskussionen und unerfreuliche Artikel in der Tageszeitung? Kostet es mich meine Position, meine bedeutsame Rolle, meine Macht? Mein Geld? Meine Privilegien? Und wem wäre damit gedient? Kardinal Marx hat ja erfreulicherweise hier schon vorgedacht und einen beachtlichen Teil seines privaten Vermögens abgegeben. Andere Bischöfe haben schon mal prophylaktisch persönliche Fehler eingestanden. Diejenigen, die mutmaßlich selbst Täter waren oder aktiv solche gedeckt haben sind lange schon tot. Viele derjenigen, die die Taten nicht ernst genug nahmen oder Täter einfach versetzten sind ebenfalls verstorben oder längst nicht mehr im Amt. 

Kardinal Woelki träte heute zurück aufgrund der Fehler seiner Vorgänger und seiner Diözesanverwaltung. Viel wichtiger wäre mir, dass die Kirche aus ihren Fehlern lernt. Dass sie sich entschlossen von weltlicher Macht und Privilegien trennt. Dass sie viel transparenter wird in ihrem Handeln, dass sie nur solche Menschen in Ämtern einsetzt, die mit sich, ihrer Rolle und Position und ihrer Sexualität und ihrem Gefühlsleben im Reinen sind. Ich fürchte mit Frauen in Ämtern, nicht klerikalen Priestern und einer liberaleren Sexualmoral allein ist es nicht getan. 


„Wie kannst Du in dieser Kirche bleiben?“ Ich denke, diese Frage wird mich weiter begleiten. Die Familien-Antwort von Bischof Bätzing taugt für mich nicht. 

Vielleicht habe ich zwei Teilantworten. Die Eine: Die Kirche ist für mich immer noch weit mehr Lösung als Problem. Dass es uns gibt, macht die Gesellschaft menschlicher, sozialer. Trotz aller Schwächen und Fehler. 

„ecclesia semper reformanda“ 

Wenn es die Kirche nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Wir müssen alles tun, damit sie ihre Kraft wieder auf die Straße bekommt. Und vielleicht muss sie wirklich mal ausziehen aus den Ruinen ihrer einstigen Herrlichkeit und ganz klein und ganz neu wieder anfangen. Obwohl dann auch manches kaputt geht, was gut und hilfreich ist. Apropos erfinden. Nach wie vor ist für mich die Kirche keine menschliche Sache, sondern sie ist Gottes Werkzeug, seine Erfindung, seine Kirche. Bei der lauthals vorgetragenen Forderung von (Neu-)Evangelisierung kommt es mir allerdings manchmal so vor, als ginge es allein darum die alte Herrlichkeit zu retten, zu restaurieren und aufzupolieren. Ein alter Pfarrer sagte mir, der erste Schritt müsse sein, sich selbst zu evangelisieren.

Die Bibel ist nicht ein schönes Buch unter vielen, eine weise Schrift der Vergangenheit, nein in ihr klingt Gottes Wort in seiner ganzen Frische und auch Sprengkraft. Und wo sonst könnte man sie zum Klingen und Erklingen bringen, wenn nicht in der Kirche.

Ja, ich bin seit 30 Jahren dabei. Ich weiß um manche Misstöne. Irgendwie ist die Kirche aktuell wie eine völlig verstimmte Orgel. Es wird ein Kraftakt werden, sie wieder richtig zum Klingen zu bringen. Und selbst dann, wenn alles fertig ist und glänzt – wird irgendeine Taste wieder klemmen oder eine Orgelpfeife quäken. 

Aber, sie kann schön klingen, sehr schön und zu Herzen gehend.

Deshalb bin ich noch immer dabei. 

Und ich glaube fest, dass ich auch bleiben werde. 

Aber ich habe auch Lust, das Instrument mit einer kräftigen Bürste von allem Dreck zu befreien. 

Aber doch auch mit Engagement, Liebe und Sachkunde, so dass die Substanz nicht verloren geht. 


Und Sie? Und du? Bleibst Du auch mit dabei? Oder fängst Du wenigstens was Neues an, was die Leute zusammenbringt und die Gesellschaft zusammen hält? Was ist Dein Beitrag?


Bildquelle: Von Caspar David Friedrich - https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2184609

Mittwoch, 13. Januar 2021

Die Worte des Bischofs von Köln...

Das „hillige Köln“. Die schöne Stadt am Rhein ist für meinen Glauben durchaus ein Sehnsuchtsort, nicht nur in diesen Tagen, wo sich die Aufmerksamkeit den Hl. Königen aus dem Morgenland zuwendet, deren Grab ja – sogar geografisch – der Mittelpunkt dieser Stadt ist. Hier auf meinem Blog finden sich vermutlich mehr Berichte über das Erzbistum als über mein Heimatbistum Münster. Ob das der Einfluss des Rheins ist?

Es hat nun ein viertel Jahr gedauert, bevor sich mir ein Thema aus der Kirche für einen Blogartikel aufdrängte. Ich glaube ja auch nicht, dass ich Wesentliches beizutragen hätte, sondern möchte schlicht meine Gedanken mit anderen teilen und diskutieren. Auch war dies neben Corona wohl einer milden Form von Enttäuschung geschuldet. 

„Warum schweigen so viele Kirchenleute zu den Vorgängen in Köln?“ „Jetzt muss ein Aufschrei durch das Bistum gehen.“ So triggerten mich zwischenzeitlich manche Netzfreunde in den vergangenen Monaten. Ich habe damals geantwortet: „Was soll ich dazu Substanzielles beitragen, was nicht von weit besser informierten Journalisten und Pfarrern im Erzbistum schon gesagt wurde...?“ 

Doch Sonntag sprach mich ein pensionierter Kollege beim Betrachten einer Krippe an: „Was meinst Du, wie lange sich der Woelki noch hält?“ Morgens, beim Scrollen meiner Timeline hatte ich den wöchentlichen Netzbeitrag des Kölner Kardinals ebenso wie den seines Weihbischofs Schwaderlapp schon nach wenigen Sekunden abgeschaltet, was jeweils weder an den Inhalten noch an der Aufmachung lag. Es war ja wieder inhaltlich gut und technisch gut gemacht. Aber es sträubt sich inzwischen etwas in mir, ich empfinde es so, dass deren Glaubwürdigkeit in Frage steht, solange sie sich in der Frage der Missbrauchsaufklärung nicht überzeugend erklären. Tragen sie evtl. gar mit Schuld am Leid missbrauchter Kinder, Jugendlicher, Erwachsener? 

Ich spüre, ich kann ihre Beiträge nicht mehr unbefangen hören und könnte ihren Predigten nicht mehr mit offenen Herzen lauschen. Zu drängend sind die Fragen: „Was haben sie gewußt? Was hätten sie tun können und haben es nicht getan?“

Wie kann ich einen Menschen zur Feier meiner Kardinalserhebung als Gast mit nach Rom nehmen, von dem ich weiß, dass er ein Kind im Kindergartenalter missbraucht hatte? Oder einen Priester katechetische Bücher schreiben lassen, den man schon vor Jahrzehnten mit Jugendlichen onanierend im Gebüsch aufgegriffen hat? Und über den ich viele weitere Beschwerden gehört habe? Darauf muss man doch eine Antwort geben können. 

Dabei hat mich der Amtsantritt des Kölner Kardinals damals tief beeindruckt und nachhaltig für ihn eingenommen. Nach meiner Krebserkrankung, die ich im Herbst 2014 gerade überstanden hatte und die mich in die Selbstisolation zwang (wegen des angegriffenen Immunsystems) habe ich die Amtseinführung des Kölner Kardinals als meinen ersten Gottesdienst unter Menschen mitgefeiert. Ich habe hier auch darüber berichtet... Eine großartige und freudige Feier mit einer weiten Palette von Kirchenmusik und einem höchst sympathischen und humorvollen Erzbischof. Nie vergessen werde ich den Moment, wo er nach der Eucharistie geduldig und schmunzelnd wartete, bis ihm die Mitra angereicht wurde. Dann wandte er sich den Gläubigen zu und sagte augenzwinkend „Wer vornehm sein will, kommt mit Hut, nicht...“ Und dann fand anschließend auf dem Roncalliplatz eine locke Feier mit Bewirtung für Jedermann statt. Die Bischöfe und Kardinäle (darunter auch Kardinal Müller) mischten sich unter das Kölsche Volk, vom Obdachlosen bis zum Minister standen alle zusammen. Wirklich hoffnungsvoll! Und das nicht, weil Kardinal Woelki sich von seinem Vorgänger absetzen wollte, wie mancher glauben machen wollte. Dass Woelki ein eher konservativer Theologe ist, das stand doch niemals in Frage. Er hat sich da auch nicht im Laufe seiner Amtszeit wesentlich verändert, wenngleich er sich in Berlin vermutlich anders entwickelt hätte als nun in Köln mit einem hier weit größeren Hintergrund an Traditionen, Lebensart, Macht, Geld und persönlichen Verbindungen. Man nennt Letzteres hier auch Klüngel.

Von Anfang an hatte er mit klaren Worten über das Drama des Missbrauchs auch im Erzbistum Köln gesprochen und rückhaltlose Aufklärung zugesagt und sehr frühzeitig versucht, auch die Betroffenen in den Prozess mit einzubeziehen. Auch in die Prävention und Aufklärung hat der neue Oberhirte offenbar investiert und hierfür wirksame Strukturen geschaffen. Von seinem Handeln her ist Kardinal Woelki kein Vertreter einer Täterorganisation, de facto muss er dieses Erbe aber annehmen.

Man hatte zunächst den Eindruck, dass er in der Frage der Aufklärung wirklich voran gehen will. So hat er selbst sich die Hürde sehr sehr hoch gelegt und wird nun auch daran gemessen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einigen anderen Akteuren in der Kirche die hohe Aufmerksamkeit für Kardinal Woelki durchaus recht kommt. So kann man sich etwas zurücklehnen und schaut mal, was geschieht. (Das Bistum Aachen konnte damit punkten, dass sie veröffentlichten, was Köln zurückhielt – ein Gutachten aus derselben juristischen Quelle.) Das ist ja alles auch durchaus menschlich. Positiv gesehen kann man aus den Kölner Erfahrungen lernen ohne dieselben Schmerzen, kritisch betrachtet kann man weiter die Füße still halten und untätig bleiben. 

Aber das Verhalten geht ja weit über den Raum der Kirche hinaus. Als katholsiche Kirche stehen wir seit Jahren im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und das sicher zu recht. Hoffentlich erledigen auch alle anderen gesellschaftliche Akteure derweil ihre Hausaufgaben in Sachen Prävention und Aufarbeitung ordentlich. Warum gibt es eigentlich von Seiten der Politik aktuell keine nennenswerten Bestrebungen, die Aufklärung von Missbrauchsfällen an sich zu ziehen und Fachleute damit beauftragen?

Aber zurück nach Köln. Und zu dem innerlichen Widerstand, der sich bei mir aktuell einstellt, wenn ich die Verkündigung von Kardinal Woelki und Anderen höre. Ich frage mich, was die Aufklärung des Missbrauchs so schwer macht? Und was ein gradliniges, offenes und schnelles Handeln verhindert?

Viel kritisiert und analysiert wurden Woelkis Worte in der Christmette.  „Zu den Sorgen, die Sie alle durch Corona ohnehin schon haben, haben wir, habe ich leider noch eine Bürde hinzugefügt. Was die von sexueller Gewalt Betroffenen und Sie in den letzten Tagen und Wochen vor Weihnachten im Zusammenhang mit dem Umgang des Gutachtens zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in unserem Erzbistum, was sie an der Kritik darüber und insbesondere auch an der Kritik an meiner Person ertragen mussten. Für all das bitte ich Sie um Verzeihung."

Er habe vor zwei Jahren sein Wort gegeben, "dass wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln die Vorgänge aufklären und auch Verantwortliche benennen werden". Das solle "ungeschönt und ohne falsche Rücksichten" geschehen. "Ich stehe weiterhin zu diesem Wort, auch wenn dies öffentlich gerade anders gesehen und angezweifelt wird", sagte der Kölner Erzbischof Woelki.

Das erscheint zunächst einmal als ziemlich verdrehte Formulierung, die missverstanden werden kann. Und was falsche und richtige Rücksichtnahmen sind, das wäre ein weites Feld... 

Ich glaube aber, ein einziges Wort hätte die Erklärung weit besser gemacht: „Was Sie an berechtigter Kritik...“

Vielleicht hat er es sogar so gemeint, denkbar ist das. Ich glaube durchaus, dass Woelki es gut und richtig machen will. Aber, viele Köche verderben den Brei und viele Berater und Rechtsanwälte machen die Fakten nicht unbedingt klarer. Erst recht nicht, wenn sie darauf aus sind, dass die Beschuldigten (in diesem Fall die Personalverantwortlichen) mit einer einigermaßen milden Verurteilung und ohne Karriereknick davon kommen. Ich glaube gern, dass die Juristen dem Kardinal die Risiken dargelegt haben, die eine schlichte Veröffentlichung des ersten Gutachtens mit sich brächte. Und dass er sein gegebenes Wort nicht zurücknehmen wollte, ohne hierfür die Unterstützung der Betroffenen zu haben. Aber auch das ist wieder schief gegangen. Und währenddessen offenbarte sich der Betroffenheitston des Kardinal Meisner „Nichts gewußt...“ als das, was es ehrlicherweise sein sollte: „Ich, Kardinal Meisner, ich habe es nicht glauben, ich habe es nicht wissen wollen. Ich habe die Augen zugemacht vor diesem Abgrund... Weil...“

Ja, warum eigentlich? Warum begibt sich ein wortmächtiger und ansonsten durchaus glaubwürdiger Kardinal auf derart glattes und dünnes Eis?

Die ganze Angelegenheit zeigt: „Es ist an der Zeit, die Dinge aus der Hand zu geben.“ Es braucht eine Aufklärung durch absolut unabhängige Stellen. Die Kirchenleitung muss die Kontrolle abgeben. Es ist an der Zeit? Nein, eigentlich ist es schon viel zu spät. „Wovor habt ihr solche Angst...“ „Fürchtet euch nicht.“ Offenbar schlagen diese Sätze aus dem Evangelium der Weihnacht in diesem Bereich nicht durch bis in die Herzen der Kirchenverantwortlichen. 

Überhaupt fragt man sich, wie wahrhaftig unsere Verkündigung in Fragen von Schuld und Sünde, Vergebung und Neuanfang ist, wenn man sieht, wie sich die bischöflichen Sünder und ihre Verwaltungsspitzen gegen ein rückhaltloses Mea culpa wehren. Zählt hier nur noch die Andachtsbeichte und ist das Klopfen an die Brust ein leerer Ritus geworden? „Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr....“ Dieser Satz aus einem lieb gewordenen Lied von Huub Osterhuis enthält eine tiefe Wahrheit und Erkenntnis, ohne dass ich deshalb glaube, ich sei völlig wertlos und ohne Fähigkeiten. Aber genau diese Wahrheit spüre ich doch, wenn mir ein Missbrauchsopfer sein Schicksal und seinen Hass gegen diese Kirche, diese Täterorganisation erzählt. Da kann die Antwort wirklich nur lauten: „Ja, ich glaube Dir!“ Und nicht „Ja, aber Du musst auch sehen und verstehen, dass...“ Genau das hat das TV-Gespräch zwischen Kardinal Schönborn und Doris Reisinger so berührend gemacht.

Nicht wenige fordern heute den Rücktritt des Kardinals. Nicht nur vermeintliche Kirchenfeinde. Da kann die Reaktion doch nicht sein, dem Pfarrer den Personalchef auf den Hals zu hetzen und ihn an seine Loyalitätspflichten zu erinnern und mit Sanktionen zu drohen. So tut das ein straff geführtes Unternehmen. Und selbst dieses wäre da nicht immer gut beraten. In einer derart aufgeheizten und auch für den Kardinal existenziellen Situation mag es die weit hilfreichere Geste sein, des Morgens im Zivil in der Werktagsmesse eben dieses Pfarrers zu sitzen und ihn anschließend in der Sakristei um ein Gespräch zu bitten. Oder gar bei ihm zu beichten. Oder einem kritischen Journalisten schlicht in einem Kölschen Brauhaus Rede und Antwort zu stehen. Allein und ungeschützt!

Dabei bin ich mir keineswegs sicher, dass Kardinal Woelki in diesem Drama der Böse ist. Die Bibel hält ja ein gerüttelt Maß an Lebensweisheit bereit. So zitiert das Buch Hesekiel ein Sprichwort (und lehnt es gleichzeitig ab): „Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“

Aber ist es nicht genau dies, was Kardinal Woelki und auch die anderen Bischöfen gerade erleben? Sie „ernten“ die Folgen der Versäumnisse ihrer geistlichen Väter. 

Vermutlich haben sich die Allermeisten von ihnen keine persönlichen und gravierenden Fehler vorzuwerfen. Sie meinen es gut. 

In den Präventionskursen und von jenen, die Opfer sexueller Gewalt begleiten, lernen wir doch etwas über die Täterstrategien. Diese schaffen um sich und ihre Taten herum ein Umfeld von Freunden und Anhängern, sie präsentieren sich als glänzende Katecheten und Prediger, als fromme und gebildete Priester, als zugewandte und freundliche Menschen, denen man nichts Böses zutraut. Ihr Umfeld soll einfach nicht glauben können, dass dieser Priester „so etwas“ getan hat und so den Täter abschirmen und die Aufdeckung seiner Taten verhindern. 

Das funktioniert leider. Diese Reflexe begegnen uns auch in der kirchlichen Diskussion immer wieder. So kürzlich, als der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer in einem Aufsatz über einen „gesunden Generalverdacht“ gegenüber Priestern und kirchlichen Mitarbeitern sprach (mit dem Akzent auf gesund). Er wollte damit sagen: „Man muss das Unmögliche für denkbar halten, ohne dauernd mit Misstrauen durch die Welt zu laufen. Aber man müsse wachsam sein für kleine Anzeichen und den Opfern Glauben schenken." „Und wenn der großartige Priester doch eine dunkle Schattenseite hat?“ Sicher schwierig, aber leider ein notwendiger Spagat.

Das Thema stellt unendlich viele Fragen und auch eine unabhängige Stelle wird mit gewaltigen Problemen konfrontiert sein und Fehler machen. Aber sie ist nicht verstrickt in Strukturen von Freundschaft, Vertuschung, Verharmlosung, Klerikalismus... Sie kennt keine Ehrfurcht vor Priestern und Bischöfen, vor Hoch- und Merkwürden. 

Ich habe durchaus etwas Verständnis dafür, wie schwer sich die Personalverantwortlichen (Bischöfe, Generalvikare, Personalchefs, Geheimsekretäre) früher mit solchen Fällen taten. Zumal in einer hochkomplexen und hochprofessionellen Verwaltung die Verantwortung auch solange aufgeteilt wurde, dass am Ende niemand mehr der Letzt- oder allein Verantwortliche ist. Und sogar dafür, dass ein Kardinal Meisner dann – ohne zu erröten sagen konnte – er habe es nicht gewusst. Denn um das Unappetitliche und die Details kümmerte sich ja vermutlich der Personalchef. Oder man konnte sich mit dem Gedanken beruhigen, dass die Taten ja Jahrzehnte zurück lagen. Oder man hat den sexualisierten Anteil der Beschuldigungen klein geredet... 

In diesem Zusammenhang ist das aktuelle Buch von Bernhard Meuser sehr aufschlussreich. Dieser schildert in „Freie Liebe“ wie der Pfarrer, bei dem er als Jugendlicher seit einiger Zeit im Haus lebte, ihn unvermittelt in einem Moment der Nähe küsst und zwischen die Beine greift. Im ersten Moment ist man als Leser versucht zu sagen: Es passiert vermutlich auf jeder zweiten Firmenparty, dass ein Kollege übergriffig wird. Aber Meuser schildert sehr berührend, dass durch dieses Erlebnis im Grunde alles zerstört wird und er braucht Jahre, um wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Jetzt könnte man sich Meusers Missbrauchsgeschichte harmlos reden und über den Pfarrer und seine Schwächen und seine naive Sehnsucht, zu einer reale Vater-Figur zu werden, seiner Sehnsucht nach Liebe sinnieren. Und genau sowas wird vermutlich in zahlreichen Gesprächen hinter verschlossenen Türen geschehen sein. Aber wir müssen die Dinge konsequent auch aus der Sicht und an der Seite der Opfer sehen. Und dafür sorgen, dass solche Übergriffe nicht wieder geschehen, weil sie unendlich viel zerstören. Das legt Bernhard Meuser unter der Überschrift: „Ein Vater darf alles, nur nicht geil auf sein Kind sein.“ erschütternd und wortmächtig dar.

Wie konnten Menschen, die mit der Bibel leben, die deutlichen Worte Jesu zu all diesen Fragen derart ignorieren? Da sind einmal die Worte Jesu über die „Kleinen“, was in jüngerer Zeit (aber auch früher schon) als „Option für die Armen“ gedeutet wird. Was ging wohl im Bischof vor, der einem Missbrauchsopfer gerade einen Vertrag über eine Entschädigungszahlung mit Verschwiegenheitserklärung vorgelegt hatte und am Abend im feierlichen Gottesdienst das Evangelium nach Lukas vorliest: „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Deshalb wird man alles, was ihr im Dunkeln redet, im Licht hören, und was ihr einander hinter verschlossenen Türen ins Ohr flüstert, das wird man auf den Dächern verkünden. Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht.“ Es müsste ihm doch eigentlich die Sprache verschlagen.

Was ist die Folge all der Bemühungen, das Versagen einzelner kirchlicher Mitarbeiter nicht öffentlich werden zu lassen? Die Folge ist, dass wir heute einen sehr hohen Preis zahlen, in vielfacher Hinsicht. Doch, weit höher ist ja der Preis, den die Opfer zu zahlen hatten. Das dürfen wir nie vergessen und müssen es immer wieder neu erkennen. Und wir müssen durchaus tief in die Taschen greifen, wenn ihnen das helfen kann.

Auf vielfältige Weise hat unsere Kirche in der Vergangenheit versagt. Es gilt – bei aller Aufarbeitung – sicher auch darum, zu lernen, wie man Prävention verbessern, aber auch die Opfer besser zu begleiten und am Ende auch, wie man mit Tätern richtig umgehen kann. 

Damit muss man aber wirklich nicht warten, bis auch die letzte Studie rechtssicher und öffentlich ist. Die Benennung von Verantwortlichen der Vergangenheit ist sicher ein ganz heißes Eisen. Aber es kann doch nicht darum gehen, ihr Versagen zu brandmarken, ihre Gräber klammheimlich aus den Domen und Kreuzgängen zu entfernen und alle Bischof Xxxyz – Häuser umzubenennen. Wir müssen klar sehen, was geschehen ist, worin die Verletzungen der Opfer konkret bestehen, wie wir ihnen zur Seite stehen und bei der Bewältigung der Folgen der Taten helfen.

Auch die Täter müssen dabei einsehen, worin die Schwere ihrer Tat begründet liegt, alle Verharmlosung muss vom Tisch. Diesen Dienst sind wir auch ihnen schuldig. Es ist ein Unterschied, ob mir als 14jährigem ein gleichaltriger Bekannter betrunken auf einer Party in die Hose greift, oder ob das der Priester tut, der glaubt, dass er die Stelle des abwesenden Vaters bei mir einnehmen kann und mir dies auch vermittelt. Auch wenn ein Priester (wie die Meisten) niemals übergriffig wird, er muss wissen und jeden Tag neu reflektieren, wer er in seiner Rolle ist und ob er seine Rolle gegenüber schutzbedürftigen Menschen falsch einsetzt. Analog gilt das auch für jede Pastoralreferentin und jeden Erzieher.

Der Bischof ist dafür verantwortlich, dass seine Mitarbeiter*innen die Prävention ernst nehmen und dass sie als gestandene und gefestigte, reflektierte Persönlichkeiten ihren Dienst tun. Und dass es im Bistum eine Fehlerkultur gibt, die es möglich macht, noch vor dem Abgrund inne zu halten und Hilfe zu finden. Und dies möglichst schon ausreichend früh, bevor ein Mensch durch mich zu Schaden kommt.

Wer dazu nicht in Lage ist, der darf weder geweiht noch gesandt werden. Wer in seiner Dienstzeit dokumentiert, dass er seine (Sehn-)süchte nicht kontrollieren kann, muss im Notfall auch konsequent aus diesem Dienst entfernt werden. In diesem Umfeld werden wir auch noch einmal auf den Zölibat schauen müssen. Ich schätze den Zölibat sehr. Aber ich habe Fragen an Verantwortliche wie Pfr. Regamy Thillainathan (Diözesanstelle für Berufungspastoral im Erzbistum Köln), wenn dieser sagt: „Aus meiner Erfahrung heraus kann ich aber sagen, dass dies (die Ehelosigkeit) letztendlich nicht das entscheidende Kriterium ist, sich gegen das Priesteramt zu entscheiden.“ Umso dringlicher ist es, diese Frage zum Thema zu machen und umso dringlicher ist es, fromme junge Menschen, die sich für das Priesteramt interessieren sehr gut zu begleiten. Pfr. Thillainathan ist da sicher auf einem guten Weg, aber an einer offenen Diskussion über Auswirkungen der Zölibatsverpflichtung kommen wir trotzdem nicht vorbei.

Was geschieht mit jenen, die bis zum Weihetag nicht bis zur notwendigen Reife gelangen? Gibt es eigentlich echte Alternativen für fromme junge Männer? Gibt es auch noch andere Lebensformen analog zu Klöstern oder geistlichen Lebensgemeinschaften oder auch Berufe in der Kirche, die eine weitere Reifung und einen gelingenden Lebensweg ermöglichen ohne die besonderen Herausforderungen, die das priesterliche Amt bereithält?

Wir müssen uns all diesen Fragen dringend stellen – und erste und weitere Lösungsansätze entdecken. Das Gerangel um die Deutungshoheit steht uns da sehr im Weg. „Ist der Missbrauchskandal nun das Fanal, dass nach einer neuen Sexualmoral schreit oder braucht es eine Rückbesinnung auf das, was die Kirche schon immer dazu gesagt haben will.“ 

Ich denke, da muss es noch was in der Mitte geben, ein gemeinsames Suchen und Ringen um den richtigen Weg, bei dem nicht derjenige der Böse ist, der die Moralverkündigung der Kirche und den Zölibat in Frage stellt. Und auch derjenige nicht verteufelt wird, der gegen eine Segenshandlung für homosexuelle Paare argumentiert. 

Soll der Kardinal in Köln also zurücktreten? Ich weiß es nicht. Dieser Frage muss Rainer Maria Woelki sich selbst und letztlich allein stellen. 

Die Frage stellt sich ja durchaus auch jenseits persönlicher Schuld. Wie kann Glaubwürdigkeit wieder gewonnen werden? Ein Sündenbock ist es wohl nicht, der unsere Kirche dauerhaft wieder glaubwürdig macht. Nicht einmal, wenn es ein Weihbischof, ein Erzbischof oder Kardinal wäre. 

Bei Hesechiel wird das Sprichwort „Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“ von Gott selbst abgelehnt. Gott verspricht Gerechtigkeit für jeden Einzelnen, misst jeden Einzelnen an seinem Tun und Lassen. Trotzdem tragen wir Katholiken jetzt in der Öffentlichkeit an der Schuld der Täter und am Versagen der Verantwortlichen der Vergangenheit und Gegenwart schwer. Unsere Zähne fühlen sich wahrhaft stumpf an. 

Aber Gott verheißt Gerechtigkeit. 

Wohl dem, der dem kommenden Christus in seinem Leben ohne Angst entgegen gehen kann.

Freitag, 25. September 2020

„Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden...“

Was muss sich in der katholischen Kirche ändern?

Denken Sie doch mal kurz nach – was steht auf ihrer eigenen Liste?

  1. Lebensform der Priester?
  2. Rolle der Frauen?
  3. Kirchensteuer?
  4. Umgang mit den Themen Sexualität, Liebe, Ehe?
  5. Verhältnis zu den anderen Kirchen und Konfessionen?
  6. Umgang mit Macht, Geld, Einfluss?
  7. Umgang mit Verbrechern in den eigenen Reihen und deren Opfern?
  8.  
  9. ...
Ach, es liegt so viel im Argen… 

Mutter Theresa, die aus Albanien stammende Ordensschwester, die fast ihr ganzes Leben lang in Indien tätig war und in der ganzen Welt wie eine Heilige verehrt wurde und wird, sie sagte einmal auf die Frage, was sich in der Kirche ändern müsse: 

Nur zwei Dinge: „Sie und ich!“

Dieser Spruch wird sehr gern zitiert, wenn die Verteidiger eines idealisierten Kirchenbildes auf notwendige Reformen angesprochen werden. 

Ich hatte in den letzten Tagen etwas Zeit, um in den sozialen Medien, in Zeitungsartikeln und im Fernsehen die Versammlung unserer Bischöfe in Fulda zu verfolgen. An dem, was mich rund um die Bischofsversammlung berührt und beschäftigt hat, möchte ich euch teilhaben lassen. 

So hatte ich gestern, als ich das Mittagessen für die Familie zubereitete, die Stimme von Georg Bätzing im Ohr. Wirklich, ein liebenswürdiger Typ der neue Vorsitzende. Ein anderer Ton! Manchmal redet auch er um den heißen Brei herum. Alles mit Höflichkeit und Freundlichkeit. Ein Schlüssel-Moment wie vor einigen Monaten scheint bei ihm kaum möglich: Wer erinnert sich nicht, als sich die Bischöfe Ackermann und Marx auf die Frage nach persönlichen Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal (Rücktritt eines oder mehrerer Bischöfe) ratlos anschauten, bevor der damalige Vorsitzende sich zu einem sehr verbissenen NEIN durchrang.

Lockere Sprüche über Verbloggen und Verblöden kämen dem Neuen wohl kaum in den Sinn. 

Das Gegenstück zur abschließenden Pressekonferenz war ein erstes Pressegespräch zu Beginn. Da schilderte der freundliche Vorsitzende die Situation, die durch das Schreiben aus dem Vatikan zum Thema der eucharistischen Gastfreundschaft entstanden war. In allergrößter Freundlichkeit machte er sogar ausdrücklich Werbung für die Tagespost, die ein vatikanisches Schreiben veröffentlicht hatte, zu dem der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz selbst noch gar nicht sagen konnte, ob und wann es denn veröffentlicht werden dürfte, also jetzt offiziell. 

In der ZEIT war zu lesen, dass der apostolische Nuntius den an Bischof Bätzing adressierten Brief zeitgleich allen deutschen Bischöfen geschickt hatte. Und irgendwo zwischendrin hatte jemand den Brief auch gleich der Tagespost gegeben. Darüber war der freundliche Vorsitzende zu Recht wenig erfreut, wie eine Mail zeigte, die irgendwie den Weg in die ZEIT gefunden hatte.

Man beginnt zu verstehen, dass sich mancher Beobachter die Zeit handgeschriebener, gesiegelter Briefe zurückwünscht, die mit berittenen Boten über die Alpen transportiert werden. 

Ganz offensichtlich herrscht unter unseren Bischöfen keineswegs eitel Freude und Einigkeit, wenn sie in Fulda zusammen kommen. 

Die Leseordnung der Liturgie lieferte Kardinal Woelki, in dem Manche neuerdings den Retter ihres Kirchenideals sehen, eine echte Steilvorlage für seine Predigt. Die dieser natürlich verwandelte: Wenn die Leute das Wort Gottes nicht gerne hören... „Da ist dann unter Umständen die Versuchung groß, dem Wort Gottes etwas hinzuzufügen, um es angenehmer zu machen.“ Zustimmenden Applaus gab es im Netz von seinen alten und neuen Fans. Ja, es lohnt sich wirklich, die Predigt von Kardinal Woelki von Anfang bis zum Ende zu lesen. Schön, dass er die Herausforderungen der Lesungstexte sehr persönlich aufgenommen hat. Es geht darin nämlich auch um Auftritt, Macht und Reichtum.

Hören wir kurz zu: 

„Aber wer würde sich denn dann auch gegen Reichtum wehren?

Warum betet da jemand, dass der Herr ihn davor bewahren möge und erbittet sich nur das Brot, das nötig ist? Auch aus dieser Bitte, liebe Schwestern, liebe Brüder, spricht eine tiefe psychologische Erkenntnis: wer reich ist, wer viel hat, der kann auch viel verlieren. Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden, dass man am Ende den Herrn verleugnet.“

Ist das nicht eine großartige Erkenntnis, wenn man durch diese Brille mal auf die aktuelle Krise der Kirche schaut? „Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden...“ 

Lesen Sie mit diesem Satz im Herzen mal, was Bischof Ackermann auf die Frage gesagt hat, warum bis heute kein Bischof aufgrund des kirchlichen Versagens im Umgang mit den Missbrauchs fällen zurückgetreten ist. Oder das Interview, dass Erzbischof Heße in der ZEIT gegeben hat und seine Antworten auf die Frage nach persönlicher Schuld. 

„Exzellente Fragen an seine Exzellenz.“ kommentierte Christiane Florin. Und ließ sich bei facebook auf die Diskussion mit einer Dame ein, die die Überforderung der Bischöfe durch die Herausforderungen der Missbrauchsfälle entschuldigend ins Feld führte. Bischöfe und Priester sollten solche Leitungsposten in der Verwaltung, als Personal- oder Finanzchef nicht ausüben. Das sollten Laien tun. Bischöfe und Priester seiden dort schlicht überfordert, die seien doch berufen, das Wort zu verkünden, die Sakramente zu spenden, die Hl. Messe zu feiern. 

„Bei uns stiehlt man sich nicht durch Rücktritt aus der Verantwortung“, so Bischof Ackermann sinngemäß. 

Ja, es ist schwierig! Nicht nur in der Kirche. Das zeigte an anderer Stelle eine große Geburtstagsanzeige für Hartmut von Hentig in der FAZ. Wie geht man mit einem Heroen der Reformpädagogik um, der nur schwer einsehen konnte, dass sein Freund und Lebensgefährte furchtbar an Kindern gehandelt hatte,  dass er damals in der Odenwaldschule zum Verbrecher wurde? Wie geht man mit einem Kardinal um, der nicht sehen wollte, was in der Eliteeinrichtung der Regensburger Domspatzen geschehen war, durch renommierte Persönlichkeiten, denen man vertraute, und die musikalisch Großartiges geleistet hatten?

Was tun, wenn sich liebenswürdige Menschen, großartige Meister ihres Fachs und im kirchlichen Kontext: aufopferungsvolle, kirchentreue oder moderne Priester als janusköpfig erweisen und wenn man plötzlich der hässlichen Fratze ins Angesicht blicken muss?

Und was ist in Rom los? Ein Dreizeiler des vatikanischen Presseamtes von gestern Abend machte bekannt, dass Kardinal Giovanni Angelo Becciu (72), der Präfekt der Heilig- und Seligsprechungskongregation des Vatikans, von diesem Amt zurückgetreten ist und auf alle mit der Kardinalswürde verbundenen Rechte verzichtet. Solch einen Vorgang hat es in der Römischen Kurie noch nie gegeben. Über die Hintergründe ist kaum etwas bekannt, ob dessen Beteiligung an einem umstrittenen Geschäft des Vatikan in London für diesen Absturz eine ausreichende Erklärung ist?

Man darf gespannt sein. Papst Franziskus will eine arme Kirche an der Seite der Armen. Davon ist immer wieder zu lesen. Wie passt das mit Immobiliengeschäften in London zusammen? Wie passt das damit zusammen, dass Paderborn nach einem gründlichen Blick in die Schatullen nun vermeldet, dass dort 7,15 Milliarden Euro liegen?

Angesichts der 114,7 Milliarden, über die Bill Gates allein verfügt, mag das auch nicht so unfassbar viel sein, aber die Nachricht überraschte schon. Und trägt nicht zum positiven Bild bei, das die Kirche in der Öffentlichkeit bietet. Dabei ist der Kardinalfehler sicher nicht, dass ein Bistum gut wirtschaftet und evtl. Überschüsse gut anlegt. Für mich ist der Kardinalfehler, dass es erst jetzt vermeldet wird und dass wir nicht seit Jahren für die notwendige Transparenz sorgen. 

Und jetzt lesen Sie noch mal die Predigt von Kardinal Woelki oder den von mir zitierten Satz daraus. 

Ich bin dankbar, dass es uns in der Kirche gelungen ist, deutlich verantwortlicher mit dem Geld der Gläubigen umzugehen, als dies in manchen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens geschehen ist. Wie gut, dass wir nicht bis über beide Ohren verschuldet sind. Aber es sei auch erinnert an die Haltung des Heiligen Franziskus und den großen, heute fast vergessenen Streit um die Katharer und deren Idee einer besitzlosen Kirche. Mir kommt der Gedanke in den Sinn, mit dem die Kartäusermönche ihre Form des einsamen Lebens erklären: So viel Einsamkeit wie möglich – so viel Gemeinschaft wie nötig. Also: So viel Armut und Einfachheit wie möglich – so viel Besitz wie nötig. 

„Wenn ich mir das vorstelle: ganz ohne Geld, ohne Vorratstasche, ohne alles loszulaufen.“ – sagt Kardinal Woeki in seiner Predigt. 

Diese Form der Besitzlosigkeit würde man sich in vielen anderen Bereichen der Kirche wünschen. Sicher auch in allen Fragen der Machtausübung und des Umgangs mit den einfachen Gläubigen. 

Ich will mal ein winziges, persönliches Beispiel bringen, ein Erleben der jüngsten Tage. Als einziges deutsches Bistum hat Limburg als zweiten Patron den Hl. Bischof Nikolaus. Der vormalige Limburger Bischof Franz Peter Tebartz van Elst hatte im Portal des Bischofshauses eine Darstellung des heiligen Kinderfreundes einarbeiten lassen. Vor dem Sommer schrieb ich daher dem Bischof von Limburg eine längere e-mail. Ich bat ihn um ein geistliches Wort für unsere Schokoladen-Nikolausaktion, bei der wir jedes Jahr eine Nikolauslegende mit einem Bischöflichen Wort veröffentlichen. Ich legte Flyer mit den Texten verschiedener Bischöfe und Kardinäle bei, die das in den letzten Jahren schon für uns getan hatten, damit er nicht denkt, es mit irgendwelchen windigen Leuten zu tun zu haben. Nachdem dann sechs Wochen keine Reaktion kam, dachte ich: Schreib noch mal ordentlich per Post. Also machte ich einen Brief fertig und schickte ihn per Post nach Limburg. Jetzt, wo es etwas knapp wird, um noch einen Flyer zu erstellen fragte ich noch mal sehr freundlich und ausführlich in seinem bischöflichen Büro, ob man mir wenigstens mitteilen könnte, ob ich mit einer Antwort rechnen könnte. Bis heute habe ich auf diese drei Anschreiben keine Antwort erhalten. Weder eine Absage noch ein vertröstendes Schreiben. Nichts. 

Kurz vorher hatte ich im Frühsommer auch den Wiener Kardinal Schönborn angeschrieben, mit Verweis auf die österreichische Herkunft unserer Nikoläuse. Der reagierte nach wenigen Tagen mit einer wirklich liebenswürdigen  Absage und dem Hinweis auf seine angegriffene Gesundheit.

Jetzt kam ich in Not und folgte dem ursprünglichen Gedanken und schrieb auf deutsch eine Mail an das Erzbistum Ljubljana in Slowenien. Nur wenige Tage später meldete sich der Weihbischof persönlich und übersandte mir ein schönes geistliches Wort zum Hl. Nikolaus, dem Patron der Kathedralkirche des Erzbistums Laibach. Ebenfalls sehr liebenswürdig und sehr direkt.

Das mag alles Zufall sein oder der "Vielfalt der Zuschriften und Anfragen geschuldet". Dennoch, manch einer kann ein Lied singen von solchen Erfahrungen in der Kommunikation mit kirchlichen Stellen. Auch in weit existentielleren Fragen.

Vor dem Fuldaer Dom standen einige Frauen der KfD und wollten einen eigens gestalteten Zollstock an die Bischöfe überreichen. Eine gute Anzahl der Bischöfe sei aber kommentarlos vorbei gegangen und habe das Geschenk nicht in Empfang genommen. 

Ein Bischof ist ein wichtiger Mann. Ein Mensch mit Einfluss, Verantwortung, Macht. Er beschäftigt in Deutschland tausende von Menschen (unter dem Strich), unterstützt von einer großen Verwaltung. Wohin er kommt erregt er Aufmerksamkeit und erfährt eine herausgehobene Behandlung. Wenn er eine Gemeinde besucht (visitiert) zeigt man sich von der besten Seite. Bevor man den Bischof mit kritischen Fragen konfrontiert muss schon Druck auf dem Kessel sein. Korrekt spricht man ihn mit "Exzellenz" an. Ich frage mich oft, wie das alles seine Weltsicht prägt. 

Aber, wir müssen sehr klar erkennen, dass all die Macht und Bedeutsamkeit eines Kirchenamtes die Kirche nicht aufbaut. Ohne "Jünger", ohne "Follower", ohne einfache Gläubige ist ein Bischof oder Priester nichts. Und ohne Menschenfreundlichkeit und tiefe Frömmigkeit auch nicht. 

Wir kommen nicht umhin, die Menschen vom Glauben zu überzeugen und für die Kirche zu gewinnen. Die Botschaft muss gewinnend sein und der Überbringer auch überzeugend. Dabei meine ich nicht "nach dem Mund reden" und einschleimen oder irgendwelche Formen des geschickten Marketing. Was wahr und richtig ist, das darf auch mal ungemütlich und unbequem sein. Auch da gebe ich Kardinal Woelki recht. Aber nicht alles, was ungemütlich und unbequem ist ist auch gleich wahr und richtig. 

Der Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt meldete sich am Rande der Herbstvollversammlung der Bischofkonferenz im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Tagespost“: „Zum einen missfalle ihm der Ton, in dem oft Kritik geäußert werde…“ Wenn Menschen, die selbst Angestellte der Kirche seien, "das eigene Nest beschmutzen", müsse man daran erinnern, dass es das Geld der Gläubigen sei, mit dem die Kirche sie bezahle. Genauso verhalte es sich mit dem Reformprozess an sich: "Diese Veranstaltung, wer bezahlt sie denn? Wer gibt dieses Geld?", fragte Ipolt. Es seien die einfachen Gläubigen, die in die Kirche gingen. Für sie wolle er "eine Lanze brechen", deren Glauben müsse man stärken.

Zum anderen äußerte sich der Görlitzer Bischof kritisch über das oftmals sehr theologische Niveau der Debatten, dem "einfache Gläubige oft nicht folgen können". Daher plädiere er dafür, ein theologisches Fundament aufzubauen, auf dem alle Seiten – Bischöfe, Laien, Frauen und Männer – lernen müssten, gemeinsam zu reden. "Das sehe ich im Augenblick als die größte Herausforderung an", so Ipolt.“

Da erscheint vor meinem geistigen Auge die kleine Schwester aus Kalkutta mit ihrer Bemerkung zur Kirchenreform. Und flüstert mir ins Ohr: Ändern in der Kirche müssen Sie sich, Bischof Ipolt! Und diejenigen, die Sie „Nestbeschmutzer“ nennen natürlich auch. 

Interessant, dass ein Bischof sich zum Anwalt der kleinen Leute in der Kirche macht. Ich hoffe, das gilt auch noch dann, wenn über den Bau eines Bischofshauses entschieden wird oder den Neubau einer Bistumsverwaltung, den Abriss einer Kirche oder den Ankauf eines Gästehauses in Rom. 

Interessant, dass ein Bischof für ein Diskussionsniveau plädiert, dem die einfachen Leute zu folgen in der Lage sind – während der ein oder andere Mitbruder gerade die Volkstümlichkeit der Diskussion beklagt, deren theologisches Niveau zu wünschen übrig lasse. 

Interessant, dass man kritische Kirchenangestellte (ich denke, wir reden hier von Menschen, die sich als Priester, Pastoralreferent*innen, engagierte Verbandsvorstände, Theologieprofessor*innen, sogar Bischöfe) in den Dienst der Kirche gestellt haben aufgrund ihres kritischen Tons als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet. 

Es ist leider mitnichten so, dass „die einfachen Gläubigen“ die Kirche der 60er Jahre zurück wollen. Ich erlebe es zunehmend, auch bei den Treuesten der Treuen, dass sie den Zölibat oder die exklusive Stellung der Priester im Gefüge der Kirche in Frage stellen. Inzwischen komme ich immer mehr in die Situation, die Kirche und ihre Traditionen verteidigen zu müssen, selbst dort, wo es die einfachen Leute sind, die Woche für Woche in die Kirche kommen. 

Es ist schön, dass Bischof Ipolt via Tagespost einmal einen Bick in sein Herz und seine Empfindungen möglich gemacht hat. Trotzdem irritiert diese Weltsicht. Mit der „Nestbeschmutzer“ – Keule kann ich jede Kritik abbügeln. Und vom Tisch wischen. Natürlich braucht es Kritik. Es braucht auch schmerzhafte Kritik. Und ein Ringen um die Wahrheit. Und es braucht gute Antworten, die auch dann überzeugen, wenn sie nicht von der machtvollsten Seite gegeben werden. 

Hier sei einmal an den heiligen Benedikt und seine Regel erinnert: Im dritten Kapitel legt der dem Abt nahe: „Tue alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“ Für Benedikt spielt dabei sogar der Rat der Jüngsten eine wichtige Rolle. Der Abt soll ihn einholen, weil die Jüngsten dem Ideal noch sehr nah sind. Von dieser Dialogkultur könnte die Kirche lernen und wirklich profitieren. 

Die katholische Welt in der ich lebe, hat unterschiedliche Dialogräume. Da ist einmal die Gemeinde er einfachen Gläubigen, die in die Kirche gehen. Und dann ist da das Dekanat, das Bistum in dem ich tätig bin und die einen Rahmen bilden, der mir die pastorale Arbeit vor Ort überhaupt möglich macht. Und schließlich die katholische Blase in der ich mich bewege, was ich also so in sozialen und öffentlichen Medien wahrnehme und teils bei facebook diskutiere. 

Darin ist in der Szene derjenigen, die eine ideale, am Lehramt ausgerichtete Kirche erträumen, gerade mal wieder gern vom Schisma die Rede. Einige sehnen das offenbar herbei. Da heißt es, der Papst habe Bischof Bätzing bei seinem Antrittsbesuch gesagt, es gäbe ja in Deutschland schon eine evangelische Kirche und die deutschen Bischöfe mögen doch bitte keine weitere protestantische Kirche gründen. Man wisse um diese Bemerkung aus sicherer Quelle und wenn es nicht wahr sei, so sei es doch gut erfunden. Viele aus meiner Blase kommentieren kritische Wortmeldungen turnusmäßig mit der Aufforderung, die Kirche zu verlassen und sich den Protestanten anzuschließen. In Rom schüttele man sowieso den Kopf über die deutsche Kirche. Einzelne Diskutanten schmähen Bischöfe als Häretiker, Schismatiker, Bischofsdarsteller, Karrieristen. Mit leichter Hand trennt man die Spreu vom Weizen im deutschen Episkopat. Die Guten ins Töpfchen, die „Schlechten“, die „Mietlinge“ ins Kröpfchen. Kardinal Woelki hat man dann noch schnell vor dem hungrigen Schnabel des Täubchens bewahrt und ins Töpfchen gerettet. 

Gerade die Kritiker des synodalen Weges haben offenbar das Ohr gewisser Kreise im Vatikan. Daher tragen sie auch Verantwortung dafür, ob sie und wie sie die Berichterstattung zuspitzen.

Mir gefällt auch nicht, wenn Kreuze pink angepinselt werden oder Gebet und Gottesdienst zu kirchenpolitischen Zwecken zugespitzt werden. Selbst wenn die Anliegen dahinter mehr als berechtigt sind. 

Bischof Ipolt hat recht. Die einfachen Gläubigen können dem „oft nicht folgen“ und auch mir missfällt der Ton, in dem ein Bischof Overbeck, ein Bischof Bätzing, ein Bischof Bode, ein Kardinal Marx kritisiert werden. Mir missfällt auch der Ton in dem ein Bischof Voderholzer, ein Weihbischof Schwaderlapp, ein Kardinal Woelki kritisiert wird. Und letztendlich missfällt mir auch der Ton, in dem Bischöfe und Kardinäle sich gegenseitig kritisieren. 

In der Beziehung bin auch ich „einfacher Gläubiger“, der mit seiner Kirchensteuer all das bezahlt und der auch von der Kirchensteuer bezahlt wird. 

Und ich wünsche mir nichts mehr als ein sauberes Nestchen. 

Aber manchmal muss man sich auch einfach hinstellen und sagen: Schaut bitte mal hin, wie vollgeschissen dieses Nest inzwischen ist. 

Ich habe kein Rezept, wie wir zurückkommen zu einer Kirche, 

  • in der Jesus Christus so verkündigt wird, dass es seinem Wirken auf Erden ganz nahe kommt, 
  • in der Gott angebetet wird und in der ich Kraft für mein Leben tanken kann, 
  • in der das Evangelium wirklich allen Menschen verkündigt und angeboten wird, 
  • ohne dass diese Kirche sich zu einer Kirche der Wahren und Reinen verzwergt 
  • und der Glaube in unserem gesellschaftlichen Leben keine prägende und gestaltende Bedeutung mehr hat, 
  • weil er nur noch in Sonderwelten gelebt wird. 

Ich bin sicher, die einfachen Gläubigen wünschen sich eine Kirche, die in den Dörfern und Städten präsent ist. Die gastfreundlich ist und ein offenes Ohr hat. Deren Türen offen stehen für alle und in denen das Evangelium in seiner ganzen Fülle verkündet wird. Sie wünschen sich, dass vom Evangelium Impulse für das alltägliche Leben ausgehen und dass Menschen in der Kraft des Evangeliums das Leben in den Städten und Dörfern prägen. Sie wünschen sich eine Kirche, die da ist in der Not und die da bleibt, auch wenn sie Fehler gemacht haben. Sie wünschen sich Kirchenvertreter. Sie möchten diese Kirche mitgestalten und Ideen einbringen. Sie möchten, dass in dieser Kirche Männer wie Frauen gleichberechtigt sind und dass ihr Rat in jeglicher Hinsicht gehört wird. Sie wünschen sich, dass in der Kirche kein Unrecht und kein Verbrechen geschieht. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder sicher und geschützt sind und dass Menschen miteinander auf Augenhöhe umgehen. Sie wünschen sich Hirten mit dem Geruch der Schafe, die mal voran gehen, mal mit ihnen gehen und mal der Herde folgen. Sie wünschen sich keine Skandale und keine Karrieristen in der Kirchenleitung und eine Kirchenverwaltung, die mithilft, dass der Glaube in der Familie und in der Gemeinde gelebt werden kann. Sie wünschen sich Leitungspersönlichkeiten, die nicht Herren des Glaubens, sondern Diener der Freude sein wollen. Sie wünschen sich einen barmherzigen Umgang mit allen Gescheiterten und beherzte Hilfestellung, dass diese umkehren und neu beginnen können. Sie wünschen sich...

Was für ein weises Wort der Heiligen aus Kalkutta: Sie und ich!

Was für ein weises Wort des Bischofs von Görlitz: Die einfachen Gläubigen! Selbst die, die nicht immer in die Kirche kommen, möchte man ergänzen.

Was für ein weises Wort des Kardinals von Köln:  Die Angst vor dem Verlust kann so stark werden.

Vielleicht sollten wir einfach wieder mehr aufeinander hören, miteinander reden, gemeinsam beten. Und alle Verdächtigungen, alle taktischen Spielchen, alles Bewerten von Menschen hintan stellen. 

Hoffentlich gelingt es mir auch ganz persönlich, dem Wort von Mutter Theresa gerecht zu werden. Und wenn es mal nicht gelingt, will ich es immer wieder neu versuchen. 

Predigt von Kardinal Woelki: 
https://dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2020/2020-147-HVV-Fulda-Predigt-Kard.-Woelki.pdf

Mittwoch, 9. September 2020

Bitte, nicht schon wieder... - "ein Bischof tritt noch vor seiner Weihe zurück!"

Ein ganz normaler Dienstag in der ersten Septemberhälfte 2020: 

Ich scrolle mein Facebook heute einmal fix durch, mal sehen, was sich so tut in der katholischen Welt. Es ist so, dass sich meine Info-Blase bei Facebook (neben Schafen, Heimatnachrichten und Bienen) auf Kirchenthemen focussiert: 

  • Die englische Abtei Downside löst sich auf. Die wenigen, verbliebenen Mönche litten an der Schuld, die ihre Mitbrüder auf sich und auf sie geladen haben. Ein Missbrauchsskandal im angeschlossenen Elite-Internat war vor 6 Jahren aufgedeckt worden. 

  • Der erwählte Bischof eines amerikanischen Bistums reicht seinen Rücktritt schon vor der festlichen Weihe ein, weil ihn Missbrauchsvorwürfe einholen. 

  • Einem Eichstätter Vatikan-Diplomaten werfen zwei Mitbrüder sexuelle Übergriffe im Schatten des Petersdoms vor. Der Vorgesetzte hätte sie zu sexuellen Handlungen gezwungen. 

  • Freunde eines indischen Priesters, unterstützt durch seine jetzige Einsatzgemeinde starten eine Petition. Der Priester beklagt sexuelle Übergriffe eines ehemaligen Kreisdechanten, den zögerlichen Umgang des Bistums Münster damit und die sehr unsensiblen Verlautbarungen der betreffenden Stellen.

Seit 2010 schauen wir aufgrund des Missbrauchsskandals durch eine neue Brille und mit einem anderen Blick auf die katholische Kirche. Ich brauche die traurigen Fakten nicht zu wiederholen. Der Privatsekretär von Papst Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein nannte die Aufdeckung das 9/11 der katholischen Kirche. Ganz von der Hand zu weisen ist nicht, dass die Mißbrauchstäter in Priesterhemd, Ordenskleid und Soutane ihren Opfern unendliches Leid zugefügt habe und dass ihre Taten nun auch in der Kirche verheerende Auswirkungen zeigen. 

Auch wenn ich den Vergleich nicht mag, es kommt mir aktuell so vor, als wird der Moment beschrieben, wo die Zwillingstürme nach dem Einschlag der Flugzeuge für kurze Zeit noch stehen. 

Die Verbrechen zu vertuschen, das war wie wenn man ein in seiner innersten Struktur schwer beschädigtes Gebäude mit etwas Putz und Farbe wieder schön macht. Über Jahrzehnte waren offenbar kirchliche Obere, Bischöfe, Kardinäle und sogar Päpste mit dem Farbeimer unterwegs, um die bröckelnden Bauten, ja die Gräber – um es biblisch zu sagen – zu übertünchen. 

So wird das nichts, mit dem Neuanfang! 

Dieser Satz schoss mir gestern nach dem kurzen Blick auf meine facebook-Timeline durch den Kopf. Wann liegt endlich alles auf dem Tisch?

Die Hoffnung, dass mit der Aufdeckung und Aufarbeitung des Skandals irgendwann einmal wieder Ruhe und Alltag in der Kirche einkehren könnte, dass wir langsam wieder eine Vertrauensbasis aufbauen könnten, dass man irgendwann wieder mit stiller Freude und Stolz in einer Runde sagen könnte: „Ja, ich stehe zur katholischen Kirche, das ist eine großartige Gemeinschaft.“, diese Hoffnung schwindet mehr und mehr dahin. Es kommt mir vor wie mit Corona, immer mehr wird uns bewusst, dass es – wenn überhaupt – lange dauern wird, bis so etwas wie Normalität wieder in unser gesellschaftliches und familiäres Leben einkehren kann.

Mit Blick auf den Missbrauchsskandal in der Kirche haben wir es offenbar mit einem vielschichtigen Phänomen zu tun, das viele Facetten kennt. Besonders schmerzhaft ist es, dass man das nicht „outsourcen“ kann, es gibt augenscheinlich nicht die an sich gute Kirche, aus der man eine Art „Krebsgeschwür“ mit Hilfe von Aufdeckung, Aufklärung und Prävention und Einschärfung strikter Regeln ausmerzen kann. Selbst traditionalistische Gemeinschaften, die sich selbst als reine Kirche sehen kennen Missbrauch in den eigenen Reihen.

Es ist auch nicht der „Rauch des Satans“, der aufgrund des immer lockereren gesellschaftlichen Umgangs mit der Sexualität in die Kirche eingedrungen ist. Dazu gibt es zu viele Beispiele von menschlich und geistlich scheinbar tadellosen, „heiligmäßigen“ Missbrauchstätern. Sie haben die fromme Fassade bewusst ausgebaut, um eine dunkle Seite ihrer Persönlichkeit sorgfältig zu verbergen. Teilweise sogar vor sich selbst. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Fassade nun „liberal“ oder gar „erzkonservativ“ angestrichen war. Selbst grausamste Missbraucher haben mit großartigen Predigten das Herz der Menschen berührt, moderne Priester haben junge Menschen für die Kirche begeistert, manchen gelang es, junge Katholiken für ein Lebensengagement in Kirche, Orden oder Priesteramt zu interessieren. Die Gründer neuer geistlicher Gemeinschaften konnten sogar den Hl. Vater selbst für ihre neuen Aufbrüche begeistern. Selbst wenn sie ihm morgens in einer privaten Audienz begegneten zerriss es sie offenbar nicht, am Abend schon eine junge Schwester oder einen Bruder in ihr Bett zu drängen und deren Verstörung mit frommen Floskeln zu vernebeln.

Solches Handeln zerstört die Struktur der Kirche bis ins Mark. Verantwortliche, die solches Handeln vertuschen, sorgen dafür, dass die Schäden nicht beseitigt werden, sondern inzwischen als irreparabel zu Tage treten. Verantwortliche, die sich nicht entschlossen an die Seite der Opfer stellen und ihr Leid zu lindern trachten sorgen dafür, dass selbst die Grundmauern unserer Kirche unwiederbringlich zerfallen. Der Eckstein bleibt allein an seinem Platz. 

Aktuell stellt der „Synodale Weg“ die Lebensform der Priester, den Zölibat und die Sexualmoral der Kirche auf den Prüfstand. Ausdrücklich wird immer wieder der Missbrauchsskandal und seine Aufarbeitung als Anlass für den „Synodalen Weg“ benannt. Die Verteidiger der „wahren Lehre“ bekämpfen ihn mit allen Mitteln, sprechen sogar vom „Missbrauch, der mit dem Missbrauch“ betrieben werde, um den Zölibat und die Sexualmoral der Kirche „auszuhebeln“. Die sei ja nicht schlecht, denn hätten sich alle Priester immer an das gehalten, was die Kirche vorschreibe, wäre es ja nie dazu gekommen.

Besonders der Zölibat ist umkämpft. Und der habe – so ist von verschiedener Seite zu hören – nichts mit dem Missbrauch zu tun. Da lohnt es sich, einmal die vier oben geschilderten Fälle anzusehen. Mindestens zwei davon erzählen von Priestern, die Priester missbrauchen. Dass Missbrauch von Kindern entsetzlich ist, darauf kann man sich leicht einigen. Aber wenn – wie aktuell in meinem Bistum – ein junger indischer Priester die Übergriffigkeit eines weithin geschätzten leitenden Pfarrers und Kreisdechanten beklagt, da fallen dann die Meinungen offenbar weniger eindeutig aus. Ähnliches liest man auch zum Fall des vatikanischen Prälaten, der heute in Eichstätt lebt und dem ähnliche Vorwürfe gemacht werden. Ein erwachsener Mann wird sich doch der Übergriffigkeit eines Vorgesetzten erwehren können? Ich frage mich, ob wir nach dem Skandal um Kindesmissbrauch jetzt eine innerklichliche #metoo – Debatte bekommen? Oder gar brauchen? Aus anderen Ländern klang sowas ja schon an, wenn Ordensfrauen Übergriffe durch Priester oder gar Bischöfe beklagen. Die übergriffigen Personen finden in der Regel leicht Unterstützer, die sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Und solche, die das alles nicht gut finden, aber sagen: „Er ist doch ein erwachsener Mann.“ Meist finden auch die Gerichte da wenig zu verurteilen, auch weil sie sich schwer tun, die feinen Mechanismen der Machtausübung in der Kirche zu verstehen. Wo im „normalen Leben“ die hübsche Sekretärin einigermaßen energisch die Übergriffigkeiten eines Vorgesetzten abwehrt dürfte es in der Kirche vermutlich weniger robust zugehen, wenn der leitende Pfarrer den eigenen Hintern tätschelt. 

In dem aktuellen Fall der beiden Priester aus Münster wissen wohl nur ganz wenige Personen, was da vorgefallen sein mag. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass ein indischer Mitbruder in eine Art Schockstarre verfällt, wenn er eine Übergriffigkeit seines Vorgesetzten erlebt. Wer weiß schon wie harmlos es am Anfang erschien und welches Netz aus Schuldgefühlen, moralischen Überzeugungen und kulturellen Hürden  einen entschlossenen Widerstand unmöglich macht?

Stellen wir uns schlicht einmal vor, ein Priester neigt dazu, einer anderen Person eine Massage anzubieten. Ein Anderer nimmt (fast) jeden zur Begrüßung und zum Abschied in den Arm. Während einzelne das schätzen gewöhnen sich Andere langsam und widerstrebend daran und nehmen es hin, eher wenige erwehren sich. „Der ist halt so...“ „Und weil es der Pastor ist, kann es ja sich „soooo (sexuell) gemeint sein“. „Aber er kann so gut zuhören.“

Wie reflektiert ist der Umarmer und Massierer mit sich selbst? Wird ihm klar, dass Umarmen und Massieren auch seine persönliche Bedürftigkeit stillt, dass es auch ihm gut tut zu Umarmen und Massieren? Wo konkret ist die Grenze und wer sorgt dafür, dass diese eingehalten werden? Wie kann ein Bistum angemessen reagieren? Wie ist es überhaupt möglich, einen kirchenrechtlich sauber installierten, aber durch übergriffiges Verhalten auffälligen Pfarrer (ohne eine eindeutige Verurteilung) aus dem Pfarramt zu entfernen (möglichst bevor das Kind in den Brunnen fällt). Und das scheinbar Harmlose kann durchaus – in gewissen Situationen ins Gefährliche abgleiten. Und auch der Täter wird sich in seinem Inneren die Dinge schön reden und vielleicht auch selbst daran glauben.

Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass der Zölibat ohne Risiken in dieser Beziehung ist. Er muss ernsthaft auf den Prüfstand. Obwohl ich grundsätzlich ein Freund dieser Lebensform bleibe und nicht einmal seine Abschaffung für Weltpriester fordern würde. Wenn es uns aber nicht gelingt, die jungen Priester auf dem Weg ihrer Reifung und Formung so zu begleiten, dass sie ihren Zölibat so einhalten können, dass sie nicht im Verborgenen (oder gar offen) Menschen für ihre sexuellen Bedürfnisse „gebrauchen“, dann ist der Preis für dieses prophetische Zeichen zu hoch. Viel zu hoch. 

So naiv es ist, den Zölibat mit Zähnen und Klauen als Risikofaktor für Mißbrauch auszuschließen, so naiv ist es, die Priesterehe als Lösung für alle Probleme zu propagieren. 

Wir müssen in der Kirche über Sexualität reden. Und damit vielleicht damit beginnen, ohne gleich die fein austarierte Sexualmoral zu bemühen. Wenn wir uns in den freien, westlichen Gesellschaften die Bilanz der sexuellen Revolution anschauen, so ergibt sich ein buntes, vielgestaltiges Bild. Wer einmal mit älteren Menschen in der Gemeinde über die katholisch geprägte gelebte Moral der 30er – 50er Jahre gesprochen hat, wird allerdings nicht nur Niedergang entdecken. 

Einige Beobachtungen aus unserer Zeit: 

  • Selbst junge, katholische Frauen haben keine Bedenken, sich im Freundeskreis eine Auswahl an Sexspielzeug anzuschauen.
  • Selbst Priester und Diakone werden als Konsumenten von Kinderpornografie erwischt. Grauenhafte Netzwerke und Straftaten werden nur ab und an aufgedeckt. 
  • Priester besuchen Bordelle oder pflegen heimliche Partnerschaften.
  • Homosexuelle Paare werden auch in den Dörfern und Städten sichtbarer und selbstverständlicher.
  • Eltern und deren Kinder tun sich nach wie vor mit dem offenen Gespräch über Sexualität schwer. 
  • Zahlreiche Menschen haben keinen Sex, Singles aber auch Paare.
  • Es gibt frei im Internet verfügbar jede Form von Pornografie. Kinder und Jugendliche werden damit früh konfrontiert. 
  • One-Night-Stands sind fast normal, bei Tinder finden sich leicht Sexpartnerschaften. Es gibt noch weit eindeutigere Angebote im Internet.
  • Sexshops bieten die abstrusesten Sexspielzeuge und erzeugen damit eine neue, künstliche Normalität.
  • In einigen muslimischen Familien wird die „Jungfräulichkeit“ der Schwestern von Jungs verteidigt, die selbst jede Gelegenheit zum Sex nutzen. 
  • Sexszenen im öffentlichen Fernsehen werden immer expliziter, die Privatsender gehen hier voran. 
  • Prostitution changiert zwischen „Sugar Babe“ und brutalem Menschenhandel.
  • Eine „offene“ Partnerschaft wird normaler, Treue verliert an Wert, sich und dem Anderen sexuelle Abenteuer „gönnen“ wird als Wert deklariert. 
  • Beziehungen zwischen mehr als zwei Personen werden denkbarer. 
  • Jugendliche erleben immer früher „das erste Mal“. 
  • Sexualität wird nicht immer auf Augenhöhe ausgelebt. Es gibt Menschen, die genießen Macht- und Gewaltausübung. Bücher wie "50 Shades of Grey" werden Bestseller mit Millionenpublikum.

Mit der „Freiwilligkeit“ als Maßstab allein ist das so eine Sache, wenn inzwischen schon Kurse angeboten werden, die Männern bzw. Frauen über persönlich Grenzen hinweg "helfen" sollen und an anderer Stelle im Pornogeschäft junge Darstellerinnen zu immer härteren Praktiken gedrängt werden. Pornografie prägt die gelebte Sexualität junger Menschen weit mehr als christliche Sexualethik.

Mein Fazit: Die menschliche Sexualität ist extrem komplex und anfällig. Angesichts der Tatsache, dass immer weniger Menschen aufgrund ihrer Religiösität auch Maßstäbe für richtig und falsch oder eher richtig und eher falsch für ihre gelebte Sexualität entwickeln, bräuchte es auch gesellschaftlich eine breite und offene Debatte über die Vielgestaltigkeit der Sexualität. Da reicht es nicht, nur über Einzelthemen wie Pornografie, Sexualerziehung oder Prostitution zu reden. 

Mein früherer Seelsorgeamtsleiter, heute Generalvikar in Berlin, Pater Manfred Kollig SSCC fragte jüngst bei einem Treffen zum „Synodalen Weg“ in Berlin „für wen man denn die Sexualethik umformulieren wolle. Für alle Menschen? Für jene mit einer Gottesbeziehung? Oder Katholiken?“

Die Frage ist interessant. Ich bin davon überzeugt, dass im Kern der katholischen Sexualethik Werte stehen (sollten), die allen Menschen, unabhängig von der Tiefe ihrer Glaubensüberzeugungen bei der menschlichen Ausgestaltung ihrer persönlichen Sexualität helfen könnten. Aber wir müssen auch in der Lage sein, offen und tolerant selbst mit jenen im Gespräch zu sein, die unsere ethischen Überzeugungen auf den ersten Blick ablehnen. 

Was tragen wir als Kirche zu dieser Debatte bei? Es ist viel zu billig zu sagen, wenn sich alle an die katholische Sexualmoral halten würden, dann hätten wir keine Probleme. Wir müssen konstatieren, dass sich offenbar selbst Priester, Bischöfe und Kardinäle, die ja die „fleischgewordene Moral“ der Kirche darstellen müssten, nicht daran halten. Nein, das schlechte Beispiel macht die katholische Ethik ja nicht schlecht. Aber wir sollten schon darüber reden, warum unsere Moralverkündigung von rund 99 Prozent der Menschen und sogar von 95 Prozent der Katholiken konsequent überhört wird. (Die Zahlen sind symbolisch gemeint, aber sicher nicht unrealistisch.) Dass inzwischen in der normalen Feld-, Wald- und Wiesengemeinde kaum noch über Sexualmoral gepredigt wird, dass die deutschen Bischöfe einst die Königsteiner Erklärung abgegeben haben, das halte ich in der Tat nicht für die Ursache dieses Phänomens, allenfalls für einzelne Symptome.

Statt einem einzelnen Menschen im Detail zu erklären, warum er als Katholik kein Kondom anfassen soll, sollten wir ihm vermitteln können, welchen Schatz die gelebte Sexualität darstellt, welche Bedeutung die Fruchtbarkeit des Menschen in diesem Kontext hat. Wenn dann jemand mit guten Gründen (und seinem Gewissen gegenüber verantwortet) ein Kondom wegwirft, auf eine sexuelle Begegnung verzichtet oder ein Kondom verwendet, dann dürfen wir ab und an ein wenig stolz sein. Ich denke da eher so, wie es Antoine de Saint-Exupéry in einem berühmten Satz formuliert: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht die Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Erst dann käme der handwerkliche Unterricht, denn Schiffbau ist auch eine Kunst.

Die brennende Frage „Wie hilfreich ist die kath. Sexuallehre und die kath. Sexualmoral für die Ausprägung meiner persönlichen Sexualität und mein Sexualleben?" stellt sich nicht nur an den sog. Rändern der Kirche. Nein, sie brennt in ihrer Mitte, in ihrem Herzen. Und man kann leider nicht sagen, dass Lehre und Moral unschuldig geblieben sind mit Blick auf die Verbrechen, die die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert haben und offenbar nach wie vor täglich erschüttern. Auch darüber müssen wir reden. Dringend!

Ich hoffe, dass dies beim Synodalen Weg gelingt. 

Oder, dass es dort zumindest beginnt... 


Mehr Informationen

Zum römisch - eichstättischen Prälaten: 
https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/missbrauchsskandal-im-apostolischen-palast;art4874,211833?fbclid=IwAR29XzyzTtN8weDGAnTzpXP-_QLI39Q0aqEECOReZFyZLLzrixPYNFArNhw

Zur Petition für den indischen Priester:
https://www.st-peter-recklinghausen.de/cgi-bin/spart_.pl?usr=0#ID1599208597 

Rücktritt des erwählten Bischofs von Duluth:
https://www.katholisch.de/artikel/26798-missbrauchsvorwuerfe-ernannter-bischof-tritt-noch-vor-weihe-zurueck

Auflösung der Abtei Downside Abbey: 
https://www.kirche-und-leben.de/artikel/nach-missbrauchsskandal-moenche-schliessen-ihr-eigenes-kloster

Donnerstag, 23. Juli 2020

Auf! Aufbruch! Per Instruktion zur pastoralen Umkehr!

Kürzlich gab es für das älteste deutsche Bistum eine Vollbremsung im Prozess der Neuaufstellung der Pastoral. Ausgelöst wurde die von einen Brief aus Rom. Begleitet von Jubelrufen all jener, die sich Ähnliches auch für den Synodalen Weg erhoffen!

In einer aufwendigen Diözesansynode hatte man sich in Trier u.a. überlegt, wie man angesichts immer weiter sinkender Priesterzahlen noch eine geordnete Seelsorge sicher stellen kann. Das Ergebnis war (neben vielen anderen Plänen) dass die vielen (887 an der Zahl) kleinen Pfarreien im Moselbistum zu 35 Großpfarreien zusammen geführt werden sollten. Rein rechnerisch hätte sich dann ein leitender Pfarrer um 25 Kirchtürme (und meist noch viel mehr Dörfer) zu kümmern. Das ist schon eine Nummer und daher hatte man auch geplant, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen und dem Pfarrer in Verwaltung und Seelsorge gut qualifizierte Mitarbeiter*innen zur Seite zu stellen. 

Damit waren jedoch viele Engagierte in den Pfarreien nicht einverstanden. Viele Laien vor Ort und auch nicht wenige Pfarrer wollten „ihren“ Kirchtum behalten und sahen ihre kirchliche Verortung in Gefahr. Sie protestierten vor dem Dom und beklagten sich brieflich beim kirchlichen „Weltgerichtshof“ im Vatikan. Die Folge war, dass Bischof Ackermann nun erst mal zurück rudern muss. 

Offenbar hatten sich einige Mitarbeiter der Kleruskongregation der Sache im Nachgang noch gründlicher angenommen und dachten nun, dass man sich grundsätzlicher zu der Frage äußern müsse, was denn nun in der ganzen Kirche zu gelten habe. Schließlich sind – bei allen Unterschieden im Detail – fast alle Bistümer auf ähnlichen Reformpfaden unterwegs.

Man bewegt sich dabei im Wesentlichen an zwei Leitplanken entlang: die Leitungsfunktion der Pfarrer soll nach wie vor gegeben sein, selbst wenn der Pfarrer sie konkret aufgrund der übergroßen Pfarreien kaum noch wahrnehmen kann. Daran haben neben der Kleruskongregation und den Bischöfen auch die Ordinariate und Generalvikariate ein großes Interesse im Sinne einer geordneten und strukturierten Verwaltung. Gleichzeitig sollten Laien und auch hauptamtlich tätige Personen in Verwaltung und Seelsorge angesichts ihrer hohen Qualifikation auch entsprechend eingesetzt werden und im notwendigen und sinnvollen Rahmen Leitungsaufgaben übernehmen. Mal geschieht dies ohne, aber inzwischen auch hier und da schon mit einem Verweis auf den schwierigen Canon 517,2 CIC.

Insgesamt spricht mich in der Instruktion manches an, so die hohen Hürden, die für die Aufhebung von Pfarreien gesetzt werden und für die Profanierung von Kirchen. Die Möglichkeit, Laien im Notfall für Gottesdienste, Beerdigung, Taufe und Trauung - auch Gemeindeleitung (selbst wenn es nicht so heißen darf) zu beauftragen, eine ausdrückliche Predigterlaubnis, Primat für die Weitergabe des Evangeliums, die Mission... Man fragt sich schon, ob in Zeiten, wo das CIC im Internet verfügbar ist, nicht ein Verweis aus die einschlägigen Canones gereicht hätte. Es gibt zwar einige interessante Aspekte einer Analyse der sich rasant wandelnden Welt und passende Zitate von Papst Franziskus. Aber sonst eigentlich keine Neuerungen. Unter dem Strich wird auch nichts Dramatisches gesagt. Die Autoren in Rom werden vermutlich über die Resonanz recht erstaunt sein.

In die nun veröffentlichte Instruktion hat man weitere Gedanken einfließen lassen, Dinge, die man für regelungswürdig hielt, wo es aber offenbar bisher keine Gelegenheit gab, sie unterzubringen. Da ist der Hinweis, dass es sich sich beim Messstipendium um eine freiwillige Gabe und nicht um eine Gebühr handele. Oder der eher skurrile Einschub, der Pfarrern ein Leben in seiner Herkunftsfamilie ermöglicht, soweit kein Pfarrhaus zur Verfügung steht. Ich habe dazu manche Reaktion von Pfarrern erlebt: Irgendwo zwischen amüsiertem Lachen und Fassungslosigkeit. Soll es ernsthaft eine Lösung sein, dass ein Pfarrer in sein geräumiges altes Kinderzimmer zieht und dann täglich von Mama und Papa aus über 50 km zur Arbeit in seine Großpfarrei aufbricht? Und dann wird das auch noch mit der geistlichen Begründung versehen, dies sei ja der Ort „der menschlichen Formung und der Berufungserfahrung“ und gewährleiste eine „ruhige und beständige häusliche Umgebung“. 

Ähnlich auch die Einschärfung: Laien könnten schon mit der Predigt beauftragt werden, aber nie und nimmer mit einer Homilie in der Eucharistie. (Das Problem, dass ein Laie in einer Eucharistiefeier predigt, wird ja sowieso mit jedem Jahr kleiner. Wenn denn schon mal der Pfarrer in den Ort kommt, dann sollte er auch predigen. Da bin ich ganz einverstanden. Ich weiß nur nicht, ob es eine gute Entwicklung ist, dass die Zahl unserer Eucharistiefeiern so deutlich zurück geht, auch wenn wir Laien damit die Möglichkeit zur Predigt bekommen.) 

Grundsätzlich stärkt das Papier all jenen den Rücken, die sich um die Zukunft ihrer Kirche sorgen. Die Hürden für einen Abriss einer Kirche werden nun deutlich höher gesetzt. Es stärkt auch all jene, die in den immer größeren Gemeinden kein Zukunftsmodell sehen. Oder darin eine Planung vom grünen Tisch vermuten. Und in der Tat darf man ja an die immer größeren Einheiten auch pastoral ein großes Fragezeichen setzen. Zumal, wenn dann quer über ein Bistum teils tausendjährige Pfarreien per bischöflichem Dekret aufgehoben und allein aus praktischen Erwägungen zu neuen Pfarreien fusioniert werden. Auch manchem Pfarrer wird ja Angst und Bange, wenn er gefragt wird, ob er ein pastorales Gebilde von der Größe (gemessen an den Mitgliedszahlen) des Bistums Görlitz übernehmen möchte. Von daher sehe ich die Instruktion auch positiv. 

Wenn wir als katholische Kirche schon eine ja durchaus bewährte und überlieferte Struktur haben, nämlich dass die Pfarrei von ihren Pfarrer inspiriert, zusammengehalten, begleitet, geführt, unterstützt wird. Dann sollten wir diese Struktur auch nicht allzu leichtfertig aufgeben. Ich arbeite sehr gern in einem überschaubaren Arbeitsfeld eng mit einem Pfarrer zusammen, der sich auf Leitung versteht. Mit dieser Hoffnung bin ich in den pastoralen Dienst gegangen. Pfarrersurrogat wollte ich als Pastoralreferent nie werden. Pfarrer auch nicht. 

Aber ich habe in den fast 30 Jahren meines Dienstes auch erfahren, dass die Vorstellung des Pater familias und der überschaubaren Pfarrfamilie nicht mehr tragfähig ist und dass zunehmend mehr Schafe keinen Hirten mehr haben. Reisen und Partnerschaften in Afrika und Lateinamerika haben mir vor Augen gestellt, dass es die Pfarrgemeinde (wo also Pfarre und Gemeinde als christliche Lebensgemeinschaft zusammen fällt) dort fast nie und nirgendwo gegeben hat. Wohl ist dort die Rolle des Pfarrers weit weniger angefragt als hierzulande. Und die Bedeutsamkeit des Priesters ist da nicht davon geprägt, ob er in allen Fragen der Pastoral und des Gemeindelebens „den Hut auf hat“. Nach wie vor würde ich gerne einmal konkret in einem solchen Papier ausformuliert haben, was unverzichtbar zu den Hirtenaufgaben eines leitenden Pfarrers gehört und was auch vertrauensvoll an Gemeindemitglieder delegiert werden kann. Und in welchem Rahmen ein Pfarrer die Möglichkeit hat, in Entscheidungsprozesse einzugreifen und Entscheidungen an sich zu ziehen. 

Natürlich ist es richtig, dass man jemanden, der nicht Priester ist, nicht zum Pfarrer erhebt. Aber jemand, der eine wichtige Funktion in der Gemeinde bekleidet braucht auch eine Funktions- und Berufsbezeichnung, die von Außenstehenden verstanden und richtig eingeordnet wird. Warum man daher ausdrücklich darauf setzt, alle Begriffe zu vermeiden, die sich nach Leitung anhören wie „Leitungsequipe, Leitungsteam“ erschließt sich nicht. Dass man jemanden nicht Kaplan nennt, der keiner ist – absolut einverstanden. Aber warum sollte jemand, der eine Gemeinde leitet ohne Pfarrer zu sein nicht Leiter der Gemeinde heißen? Dazu muss man doch nur die Rolle des Pfarrers klar beschreiben und fertig. Ich sehe da die Rolle des Pfarrers durch nichts beschnitten, wenn andere Personen sprechende Funktionsbeschreibungen haben. Wenn die Kongregation gewisse Begriffe vermeiden will, warum macht sie dann nicht einfach gute Vorschläge für solche Funktionsbeschreibungen. Beauftragter für …, Assistent, Koordinator... alles genauso schräg wie der Begriff Pastoralreferent, den man dann einstmals auch nur zähneknirschend durch gehen ließ, weil es irgendwie ein wenig nach Verantwortlichkeit klingt.

Ich frage mich seit Jahren: „Warum diese Angst?“ „Warum ist die Kirche nicht in der Lage, Verantwortung auch an jene zu übertragen, die keinem Bischof „Ehrfurcht und Gehorsam“ versprochen haben?

Interessant ist ja die Hierarchiefolge Pfarrer, Priester, Diakon, Gottgeweihte, Laie, die eigens eingeschärft wird. Übernimmt also demnächst der ehren-/nebenamtliche, betagte Diakon Aufgaben, für die ihm sowohl die Zeit als auch möglicherweise die Kräfte fehlen, während die hauptamtlich beschäftigten Pastoralreferenten (manchmal mit Doktortitel und Doppeldiplom) die Briefe an die Kommunionkinder eintüten, den Pfarrbrief tippen und die Kapelle ausfegen? Ich habe immer geglaubt, der Diakon bekleide ein Amt für die Armen und wegen der konstitutiven Bedeutung der Sorge für die Armen erhalte er eine Weihe. Hier riecht es nun doch wieder nach Pfarrer i.V. mit minderer Weihe. „Ein Diakon hat Vortritt vor Gottgeweihten und Laien.“ Ich dachte immer „Ihr aber seid einer in Christus“. 

Ich bin unbedingt dafür, das Amt des Pfarrers klar zu profilieren. Ich habe in keiner Weise den Wunsch, meinem Pfarrer etwas wegzunehmen oder ihn aus seiner Rolle zu verdrängen. Ich möchte ihm aber zur Seite stehen. In Deutschland erlebe ich eine hoch organisierte und bürokratisierte Kirche. Hier läuft alles sehr ordentlich und nach Recht, Gesetz, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen. Alle Projekte werden vielfach geprüft und ordentlich bearbeitet und archiviert. Mal eben so – da geht wenig. Höchstens noch Katechese und Verkündigung und pastorale Projekte. Allein schon die Mitverantwortung in der Führung zahlreicher Kindergärten oder eines großen Krankenhauses fordert einen Pfarrer über alle Maßen. Ich werde nie vergessen, wie ein befreundeter Kaplan in seiner ersten Pfarrstelle als Chef von 2.500 Mitarbeiter*innen im Krankenhaus begrüßt wurde. Gleichzeitig hatte der Nachbarpfarrer noch eine Pfarre mit 2.500 Gemeindemitgliedern, was ihn voll auslastete. Langeweile kommt doch in der Seelsorge nie auf, wenn man nur die pastoralen Herausforderungen wahrnimmt und sich an die Arbeit macht. 

Dadurch, dass ein Pfarrer heute den Stallgeruch seiner Schäfchen und oft auch ihre Gesichter und Namen nicht mehr kennen kann, sinkt auch die Identifkation mit der Pfarrei und die Bereitschaft, sich hierfür in die Seile zu hängen. Zumal bei jenen, wo der berufliche Druck steigt. Und die man ob ihrer Qualifikation in der Gemeindearbeit sehr gut gebrauchen könnte. Aber wer beruflich gewohnt ist, Verantwortung zu tragen - warum sollte der in der Pfarrei Aufgaben übernehmen, wo er an ganz kurzer Leine geführtes, ausführendes Organ ist? Er möchte nicht nur als Notnagel gesehen werden, der beiseite tritt, sobald irgendwer das wünscht. Das ist einfach auch eine Frage der Wertschätzung. Und Wertschätzung für das vielfältigen Engagement der Laien gerade der vielen Frauen, ohne das es keine Kirche gäbe – das vermisse ich in dieser Instruktion.

Was mir an der ganzen Instruktion (die viele schöne Worte verwendet) weiter schmerzlich fehlt ist eine Antwort auf die Frage, was denn dort ist, wo in einer katholischen Pfarrei kein Pfarrer mehr eingesetzt werden kann. Wo z.B. der § 517,2 CIC dauerhaft zum Tragen kommen muss. Das ist doch in weiten Regionen der katholischen Welt schon lange der Fall. Seit Jahren, ja Jahrzehnten kümmern sich hier die Katechisten um die Dörfer, trauen, taufen, beerdigen, halten Gottesdienste und Katechesen. 

Warum spielt man nicht mal konkret durch, wie Gemeindeleitung (nicht Pfarreileitung) durch Katechisten geht? Der Begriff Katechist taucht im Papier nirgends auf, obwohl unglaublich viele Dorfgemeinden in Afrika, Asien, Lateinamerika von Katechisten (ich zähle uns Pastoralreferenten hierzu) "geleitet" werden.

 Ich stelle einmal die These auf, nicht weil die Laien in die Macht- und Leitungspositionen drängen, sondern weil es bis heute keine vernünftige Vorgabe des Mit- und Zueinanders von Priestern und Katechisten aus Rom gibt, haben wir überhaupt erst die verkorksten Leitungsmodelle in manchen Bistümern. Denn dort wollte man gerade den gegebenen Rahmen einhalten, gleichzeitig die Kompetenz der studierten Laien für die Gemeindeleitung nutzbar machen und den Pfarrer von allzu viel Verantwortung in der Leitung frei stellen. Dann hätten die Laien „Leitplanken“ für ihr Engagement ohne allzu häufig in Situationen zu geraten, wo das Fehlen eines von einem Pfarrer ausgeübten Hirtenamtes schmerzlich empfunden wird. Und wo man als Laie ab und an reagieren muss, um als Kirche glaubwürdig zu bleiben. 

Das Papier fordert in den anregenden ersten Zeilen Aufmerksamkeit für tiefgehenden den Wandel der Welt – gibt allerdings wenige Antworten auf die Schwierigkeiten der Kirche und ihrer Pfarreien auf diesen Wandel adäquate Antworten zu geben. 

Papst Franziskus wird mit dem klaren Wort zitiert, dass alles kirchliche Engagement: „mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung“ dienen soll. Welche Konsequenz ist heraus zu ziehen?

Und weiter: „ein festgelegter und unveränderbarer Kontext“ entspreche „immer weniger dem Leben der Menschen...“ Andererseits (?) habe „die digitale Kultur in unumkehrbarer Weise das Raumverständnis, die Sprache und das Verhalten der Menschen … verändert.“ Es sei daher „dringend notwendig, das ganze Volk Gottes in das Bemühen einzubeziehen....“

Bezeichnend ist eine Wendung: „Diese Aufgabe ist keine Last, die zu ertragen ist, sondern eine Herausforderung, die es mit Enthusiasmus anzupacken gilt.“ Offenbar ist selbst den Autoren im Vatikan nicht entgangen, dass die Situation der Kirche in Europa eher im ersten Teil des Satzes repräsentiert ist. „Last, Erschöpfung, Frustration...“ Wie der Turn around zum 2. Teil des Satzes geschehen soll verraten Sie jedoch nicht. 

Ganz bemerkenswert finde ich den Verweis auf die Wallfahrtsorte und die Gastfreundschaft, die diese dem Pilger bieten. Die Autoren ziehen von hier aus Parallelen zum Leben der Pfarrei. Das ist ein richtig guter Ansatz, dass sie bei uns einer „gastfreundlichen Kirche“ begegnen, die nicht nach Vorleistungen fragt. 

Das Papier will, so heißt es eingangs, Einladung an die Pfarrgemeinden sein: „sich zu öffnen und Instrumente für eine auch strukturelle Reform anzubieten, die sich an einem neuen Gemeinschaftsstil, an einem neuen Stil der Zusammenarbeit, der Begegnung, der Nähe, der Barmherzigkeit und der Sorge für die Verkündigung des Evangeliums orientiert“. Leider werden die Instrumente im Text dann nicht ausgeführt, statt dessen wird Altbewährtes und Bekanntes wiederholt. 

Es reicht nicht mehr aus, Aufbruch zu fordern ohne konkrete, lebbare und praktikable Wege zu zeigen, wie der dann auch beginnen könnte.

Die Frage, die viele in der Mitte wie auch an den Rändern der Kirche bewegt, ist doch, wie Kirche mit immer weniger Priestern weiterhin lebendig und erreichbar sein kann. Warum dann keine konkreten Hinweise, welche Aufgaben der Pfarrer delegieren kann und in welcher Weise ihn in den Dorf- und Stadtteilgemeinden Menschen entlasten können, die ihrerseits für Christus und seine Kirche brennen. Ohne dabei „Gottgeweihte“ in einer Weise zu sein, die über Taufe und Firmung hinausgeht. Warum keine Hinweise, wie sich das Hirtenamt des Pfarrers wandeln müßte... ?

Es wäre einfach hilfreich, wenn die Kleruskongregation definiert, was genau zum dreifachen Amt des Priesters, was zu seinem Leitungsamt unaufgebbar dazu gehört. Und was unter besonderen Umständen auch in bewährte Hände abgegeben werden könnte. Ruhig mit konkreten Beispielen. Solange das nicht geschieht, wird in allen Fragen von Leitung, Macht, Amt jemand zucken und STOP rufen. 

Gut, der Grund wird darin liegen, dass die Verfasser in der Kongregation für den Klerus arbeiten und daher vor allem die Priester, Diakone und Bischöfe im Blick haben. Daher wäre es mir ein Anliegen, dass umgehend ein Papier „Christifideles laici 2“ in der Verantwortung des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben folgt. Ein inspirierender, begeisternder Text, der wirklich Lust auf ein von Geist und Glaubensfreude getragenes Engagement für die Kirche, für den Glauben und die Verkündigung der frohen Botschaft macht. Kardinal Farell, übernehmen Sie!

Unsäglich ist, dass aktuell in Deutschland weite seelsorgliche Felder von Priestern unversorgt sind, weil es entweder zu wenige gibt, oder weil ihre Kräfte durch die Administration und die Erwartungen der Ordinariate an die Qualität der pfarrlichen Leitung und Organisation gebunden werden. So kumuliert sich ein manchmal unüberschaubarer Wust an Aufgaben beim Pfarrer. Kein Wunder, dass mancher „leitende“ Pfarrer diesen Beruf sehr gern gegen den eines Priesters in der Seelsorge eintauscht. Ein Pfarrer dürfe ja auch nach Vollendung des 75. Lebensjahrs noch Pfarrer bleiben. Ich wäre gern dabei, wenn der Bischof diese frohe Nachricht zu Beginn einer Tagung der leitenden Pfarrer verkündet. Es ist für mich kein Wunder, dass mancher Interessent für den kirchlichen Dienst angesichts dessen, was er als einfaches Kirchenmitglied mit nicht wenigen Pfarrern erlebt, mit ihrer einsamen Chef-Position, mit ihrer Überlastung, mit ihrer Ehelosigkeit, ihrer Lebensweise, mit einer sehr speziellen Kirchen-Kultur und Sprache... kein Wunder, dass mancher diesen Weg für sich selbst als nicht begehbar abhakt. Und ich glaube nicht, dass dies notwendig zur Prüfung der Echtheit einer Berufung gehört. 

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass wir in der Kirche selbst mindestens so sehr dafür sorgen, dass der Weg der besonderen Nachfolge weniger begangen wird, wie dies der Wandel der Welt tut. Und dass die Krise des Priestertums möglicherweise nicht darin begründet liegt, dass die Laien der Kirche ihre Unterstützung und ihre Mitarbeit anbieten.