Donnerstag, 20. Februar 2020

Ein Papst, ein Kardinal, ein Weihbischof und ein Priester

Vor zwei Jahren versammelten sich Monat für Monat die Opfer eines Bottroper Apothekers auf dem Kirchplatz zwischen der „Alten Apotheke“ und der benachbarten Cyriakuskirche, um eine gerechte Strafe für diesen perfiden Täter zu fordern. Auf diese Weise trugen sie auch ihre Hilflosigkeit auf die Straße, angesichts eines Verbrechers, der aus blanker Geldgier die lebensrettenden Medikamente unterdosiert hatte und damit seine Opfer möglicherweise sehenden Auges dem Krebstod überantwortete. Der in der Bottroper Stadtgesellschaft und auch in der Kirche gut vernetzte Mann schwieg zu seinen Taten und dieses Schweigen breitete sich aus. So taten sich auch die Kirchenleute schwer mit einem klaren Wort, Behörden und Politiker schwiegen betreten oder betroffen. Die Opfer schlugen „auf die Pauke“ um ihre Hilflosigkeit sichtbar zu machen und Konsequenzen zu fordern. Und viele Leute, die die Familie des Bottroper Apothekers kannten und schätzten, warfen sich für diese in die Bresche, erzählten von deren guten Taten und von besseren alten Zeiten. Demonstrativ trugen manche Bottroper ihre Rezepte weiter in eine Apotheke, von der nicht Heilung und Gesundheit sondern deren glattes Gegenteil ausgegangen war. 

Bei dieser Demo stand ich irgendwann einmal neben einem Mann in meinem Alter. Als Markus stellte er sich vor! Ah, ich auch! Krebsbetroffen war er nicht, aber solidarisch! Und diese Solidarität hatte offenbar Gründe. Ich weiß nicht, ob er das auch so sieht – aber er kennt das Gefühl, als Opfer einer unbeweglichen, gut vernetzten Organisation gegenüber zu stehen und über lange Zeit nicht gehört zu werden. Und er kennt das Gefühl, mit tröstenden Worten abgespeist zu werden, aber am Ende mit leeren Händen da zu stehen und keine echte Hilfe zu bekommen. Ein Kämpfer!

Als Kind wurde er in Bottrop von einem Kaplan missbraucht. Einige Wochen später hat er mir einmal seine Geschichte im Zusammenhang erzählt. Und berichtet, dass sein Täter heute mit voller Pension als Privatmann kaum geschoren irgendwo in München wohnt und im Grunde nie bestraft wurde. Trotz vielfach wiederholter Taten hielt es niemand für notwendig ihn, der auf Bewährung draußen war und blieb, einmal einzulochen. Er ist nach wie vor Priester, wenn auch suspendiert (seit 2010).

Jetzt ist es Markus gelungen – zusammen mit den Journalisten vom Netzwerk Correktiv – die Geschichte von Pfarrer Pe. Hu. (ich weiß nicht, ob es strafbewehrt ist, den Namen klar zu nennen, daher vermeide ich das hier) noch einmal prominent ins Fernsehen zu bringen. Bei Frontal 21 wurde der Fall – durch neue Details angereichert – erneut präsentiert. 

Für Journalisten ist dieser Fall besonders interessant, weil er zunächst einmal sehr exemplarisch das Versagen der katholischen Kirche im Umgang mit Missbrauchstätern im Priesterhemd schildert. Und weil in diesem dunkel schillernden Bild hier einige besonders interessante Protagonisten hervorstechen. Da ist einmal der in Essen hoch verehrte Kardinal Hengsbach, dann in München der dortige Weihbischof Heinrich Sigmund Maria Rudolf Graf von Soden-Fraunhofen und schließlich – besonders spannend – der ehemalige Papst Benedikt XVI,, alles Personen die in der ganzen Angelegenheit eine gewisse Rolle spielen. 

Erstere sind bereits verstorben, letzterer jedoch ist noch am Leben. Er trug vom Tag seiner Bischofsweihe 1977 an Mitverantwortung für die Leitung der katholischen Kirche und damit auch für den Umgang mit Missbrauchstätern in der Kirche. Das macht ihn für die Öffentlichkeit besonders interessant. Dazu braucht es im Übrigen keineswegs die aktuell gerade wieder gern bemühte angebliche Feindschaft eines "liberalen" Kirchenflügels und einer noch liberaleren, kirchenfeindlichen Presse, die darauf aus sei, seine Lebensleistung zu beschädigen.

Bisher bestand die Verbindung zwischen Pfarrer-Täter und Kardinal-Erzbischof ja nur auf dem Papier. Ein schönes Detail im schillernden Gesamtbild dieses Falls wäre ja eine Art Showdown; eine Begegnung des Täters mit demjenigen, dem als Präfekten der Glaubenskongregation die angemessene Verfolgung der Täter oblag. Das riecht ja für den investigativen Journalisten geradezu nach qualmendem Scheiterhaufen... 

Und im aktuellen Bericht ist nun tatsächlich so was drin. Ein Ohrenzeuge (nicht irgendwer, sondern der damals mit dem Pfarrer befreundete Gemeinderatsvorsitzende Klaus Mittermeier) berichtet darüber, dass Pfarrer H. ihm erzählt habe, dass Kardinal Ratzinger eines Abends überraschend an seiner Tür gestanden habe. Da der Kardinal den Weihbischof nicht antraf, wollte er offenbar beim Pfarrer fragen, wie er diesen erreichen und besuchen könne. Eine kleine Begegnung von zwei, drei Minuten. Ein Kardinal klingelt bei einem Pfarrer H.. Ob der Name des Pfarrers dem Kardinal damals noch in den Ohren „klingelte“ ist dabei noch gar nicht ausgemacht. Direkte Personalverantwortung für den Fall trug Joseph Ratzinger 1980/1981. Der Vorfall soll sich im Jahr 2000 zugetragen haben, als man noch glauben konnte, die Kirche habe kein tiefes Missbrauchsproblem. Es gebe nur Einzelfälle!

Weitaus verstörender als die denkbare Begegnung zweier Kirchenmänner in der bayrischen Provinz ist für mich in dem aktuellen Correktiv-Text die Tatsache, dass Weihbischof von Soden-Fraunhofen seinen Altersruhesitz ausgerechnet in der Gemeinde nahm, wo Pfarrer Hu., der zu therapierende Missbrauchstäter aus dem Bistum Essen segensreich (zynischer Einfwurf!) wirkte. 

Es ist etwas rätselhaft, warum der Weihbischof höchstselbst in diese Gemeinde zog. In seiner aktiven Zeit war er mit dem Fall des Pfarrers Hu. befasst. Er kannte offenbar alle Details. Dem behandelnden Psychiater soll er gesagt haben, er ziehe nach Engelsberg, weil er Pfr. Hu. auf die Finger gucken, ihn überwachen wollte. Offiziell wurde gesagt, seine Haushälterin habe Verbindungen in den Ort, er wähle ihn als Altersruhesitz ihr zuliebe. Das erinnert frappant an den Missbrauchstäter, den sein Orden nach Afrika versetze. Offenbar waren die Ordensoberen beruhigt, weil der dortige Bischof den Täter im Blick halten wollte. Ähnliche Beteuerungen hörte man kürzlich auch aus dem Bistum Münster für einen Täter in Westfalen. Aber de facto kann niemand glauben, dass er einen Missbrauchstäter im Griff haben kann. Und wer die kirchlichen Strukturen einigermaßen kennt, der weiß, dass niemand einen Priester rund um die Uhr überwachen kann. Auch insofern zeigt der Fall das hilflose Bemühen der kirchlichen Obrigkeit, das Phänomen und Problem des sexuellen Missbrauchs durch Priester angemessen anzugehen und zu bekämpfen (geschweige denn zu bestrafen). Von daher bin ich beinahe dankbar, dass Correktiv und Markus Elstner diesen Fall neu in die Öffentlichkeit bringen. Als Kirche sollten wir diese (vermutlich überscharfe Kritik) nicht abwehren, sondern lieber auch die andere Wange hinhalten, auch den Mantel geben oder eine Meile weiter mitgehen als vom Opfer gefordert. 

Zumal auch in dieser Hinsicht Pfr. Hu. ein Musterbeispiel für das Doppelleben solcher Täter ist. Viele beschreiben ihn noch heute als Priester erster Güte, fröhlich, modern, aufgeschlossen, offen, zugewandt, engagiert. Viele waren mit ihm befreundet, vertrauten ihm blind, vertrauten ihm gar die Kinder an. Gibt es eigentlich ehrenwertere Berufe als der des Apothekers, des Pfarrers, des Arztes … ? Und doch überdeckt und überstrahlt dies zuweilen eine überaus dunkle Schattenseite. 

Pfarrer Hu. war im Übrigen ein Priester ganz im Sinne der Einlassungen von Papst em. Benedikt XVI. zur Frage des sexuellen Missbrauchs im Kontext der sexuellen Revolution. Niemand sollte glauben, Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. hätte irgendeine Sympathie für solche Priester-Täter gehegt noch auch nur im Ansatz Verständnis für ihre widerlichen Taten gehabt. Im Gegenteil, es ist vielfach belegt, dass er sich als Präfekt der Glaubenskongregation redlich um Aufklärung und Bestrafung bemühte. Aber in diesem Anliegen in erster Linie um das Ansehen, die Reinheit und Glaubwürdigkeit der Kirche in Sorge war. 

Selbst Daniel Deckers berichtete 2011 in der FAZ über den Fall des Pfarrer Hu. und hebt hier die kaum bestreitbaren Verdienste Kardinal Ratzingers als Präfekt und Papst im Kampf gegen den Missbrauch und für untadelige Priester hervor. 

Umso mehr erstaunt jetzt, dass – offenbar auf Nachfrage der Tagespost – Papst Benedikt XVI. es für notwendig hielt, die Episode einer persönlichen Begegnung mit dem Täter (und nur diese) dementieren zu lassen. Er sei dem Täter im Jahre 2000, bei seinem Besuch am Krankenbett von Weihbischof von Soden-Fraunhofen nicht begegnet!

Hm!

Das Erzbistum München ist groß! Jedes Jahr lädt der Erzbischof vermutlich seine Priester auch zu verschiedenen Begegnungen oder zur Chrisammesse in den Freisinger Dom ein. Ich halte es für höchst wahrscheinlich, dass Pfarrer Hu. seinem Bischof in den Jahren 1980 / 1981 irgendwann einmal begegnet ist. 

Ich grüble daher darüber nach, warum man es in Rom für opportun erachtet, eine beiläufige und völlig unbedeutende (immerhin aber denkbare) Begegnung eines römischen Kardinals mit einem Dorfpfarrer zu dementieren. Was ist, wenn sich nach diesem Dementi plötzlich die alte fromme Haushälterin von Pfr. H. meldet, die dem Kardinal damals (möglicherweise) die Pfarrhaustür geöffnet hatte? Auch wenn Papst Benedikt sich (was völlig verständlich wäre) an die kleine Episode im bayerischen Dorf nicht mehr erinnern kann, dieses Dementi kann dann erst recht großen Schaden anrichten. Es erinnert an die Frage an einen hessischen Bischof, ob er erster Klasse nach Indien geflogen sei – was dieser strikt verneinte. Am Ende stellte sich heraus, dass es doch die erste Klasse war – und die Glaubwürdigkeit war ganz dahin. Sind hier wieder wohlmeinende Leute am Werk, die sich schützend vor Benedikt XVI. stellen - und ihm am Ende - gut gemeint - eher schaden?

Die Spitze des aktuellen (nun nach 10 Jahren wieder aufgewärmten) Berichts ist doch die, dass der damalige Münchener Erzbischof im Jahre 1980 auch nicht klüger oder besser beraten war, als viele seiner Amtsbrüder auch. (Ich erinnere an die Worte des emeritierten Hamburger Erzbischofs Thissen). Der Bericht sagt mir (auch wenn ich alle fragwürdigen Details und Interpretationen weg lasse), dass auch der Münchener Erzbischof hinter der Kulisse eines engagierten, zugewandten und allseits beliebten Pfarrers die dunkle, gut verborgene aber teuflische Fratze des Gewalttäters nicht erkannt hatte. Was bisher über den Fall bekannt ist legt nahe, dass der Erzbischof wohl nicht über alle Details des Aufenthalts des Essener Diözesanpriesters in seinem Bistum informiert war oder dass er sie nicht angemessen zu interpretieren vermochte. Aber er kannte die harten Fakten: ein Missbrauchstäter sollte fernab der Tatorte und der Opfer sinnvoll beschäftigt, therapiert und überwacht werden. 

Anders scheint sich das bei den anderen Verantwortlichen in der Bistumsleitung zu verhalten, beim Personalchef und Generalvikar (der schon vor Jahren die ganze Verantwortung allein übernommen hatte) und vor allem beim Weihbischof. Dieser glaubte offenbar, das schändliche Treiben des Mitbruders durch persönliche Anwesenheit in dessen Nähe verhindern zu können. Wie sich heute zeigt, war das (möglicherweise) so ehrbar wie naiv. Aber er wäre nicht der erste Kirchenmann, der auf diesem Auge nicht ausreichend scharf sehen konnte. Da ist die Betroffenheit unter älteren Bischöfen und Prälaten heute hoch. Bei uns als normalen Gläubigen und einfachen Seelsorgern im Übrigen auch, wenn wir die Tatsache bedenken, dass man offenbar lieber verdächtige Priester (oder gar verurteilte Priester) in der Hoffnung auf Besserung normal weiter arbeiten ließ, statt umfassend darüber zu informieren, dass da jemand eine Gefahr für Kinder und andere Schutzbedürftige darstellen könnte. (Was natürlich in Frage gestellt hätte, dass so jemand überhaupt in der Seelsorge tätig sein kann). Mitgegeben hat man ihnen strenge Ermahnungen und Forderungen, aber versäumt die unmittelbaren Vorgesetzten zu informieren oder ernsthaft zu kontrollieren. Im Grunde ist so was die Quadratur des Kreises. Es gibt keine seelsorgliche Tätigkeit ohne Begegnung mit (schutz-)bedürftigen Menschen.) 

Ich bin fest überzeugt: es schadet dem Ansehen von Papst Benedikt XVI. in keiner Weise, wenn er hier und heute (noch einmal und klarer) erklärt hätte, dass auch er damals an die Therapierbarkeit des Täters geglaubt habe, dass auch er mit der naiven Vorstellung gescheitert sei, man könne diese Täter durch Therapie und "auf die Finger schauen" im Griff halten und von weiteren Taten abhalten.

Kein Bischof ist mit den Irrungen und Wirrungen des menschlichen Sexuallebens und mit der vielfältigen Wirklichkeit sexueller Straftaten vertraut. Es ist für mich nicht verwunderlich, dass ein Bischof auch deutlich lieber Bücher über Jesus Christus, über Glaubenswahrheiten und Trinität liest und schreibt, als sich diesen abstoßenden Schattenseiten der menschlichen Existenz auszusetzen. Ich glaube auch gern, dass man als Bischof sich lieber mal abwendet, wenn von freundlichen Pfarrern widerwärtige Dinge berichtet werden. Das haben mit dem Bischof auch viele andere Leute so getan, ja sogar Mütter und Väter gegenüber ihren Kindern. Trotzdem, die Verantwortung eines Bischofs für ein Opfer gleicht nach meiner Auffassung meiner eigenen Verantwortung als Vater für meine Kinder. Wir müssen zusammen hellwach sein. Und ab und an bereit, das Undenkbare zu denken und für möglich zu halten.

Es täte gut, wenn Benedikt XVI. im Rahmen seiner Erklärung in der Tagespost gesagt hätte, er habe keine genaue Erinnerung an den damaligen Besuch, aber wenn der Gemeinderat das berichte, könnte es möglich sein, dass es eine kurze Begegnung gab.

Es hätte auch gut getan zu hören, dass er die furchtbaren Realitäten heute rückblickend besser durchschaue und dass er alle kirchlichen Stellen aufrufe, unbürokratisch und großzügig den Opfern zur Seite zu stehen und so die mütterliche Sorge nachzuholen, an der es die Kirche so lange (und bis heute) habe fehlen lassen.

Wenn er gesagt hätte, ich bitte alle Opfer um Verzeihung und appelliere an die bischöflichen Ordinariate und ihre Verantwortlichen, ja möglicherweise an die bischöflichen Mitbrüder persönlich, sich mit den Opfern zu treffen und unbürokratisch und großzügig mit ihnen nach Wegen zu suchen, mit den Mitteln der Kirche ein möglicherweise schwieriges und belastetes Leben leichter zu machen.

Wie schön wäre es, wenn sie wenigstens etwas Frieden mit der Kirche Christi machen könnten, in deren Verantwortungsbereich ihnen Furchtbares angetan wurde.

Ich würde mir wünschen, dass Benedikt XVI. die Kirche entschieden aufruft, bei der Auswahl der Priester sehr aufmerksam und streng zu sein und Vergehen gegen das (Seelen-)heil der Kleinsten konsequent und deutlich zu ahnden, so wie es der Abscheulichkeit dieser Taten angemessen ist. Eine baldige Entlassung des Pfarrers Hu. aus dem Priesterstand wäre dann das I-Tüpfelchen.

Ich bin sicher, dass Papst Benedikt all dieses wirklich aus vollster Herzens-Überzeugung erklären könnte, ohne sich dabei zu verbiegen.

Zum Hintergrund, hier der Correktiv-Text: 


Exemplarisch ein Bericht der WAZ (Regionalzeitung, auch für Essen, Bottrop) von 2010:

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