Freitag, 20. Mai 2016

Kisslers Manege: von katholischen Zirkuselefanten und Zirkuspferden

(c) wikipedia (s.u.)
Im journalistischen Umfeld von Artikeln wie: „Doris Schröder-Köpf: Merkel hat das Asylrecht ausser Kraft gesetzt“; „Darum stehen Männer auf Analsex“, „Weil er sich zum Christentum bekannte…“ und „Das verraten die Brüste über die Gesundheit“ erschien in diesen Tagen auch ein Artikel mit der Überschrift „Darum schadet dieser Papst seiner Kirche“. Aufgeregt wurde dieser Artikel von einigen begeisterten und anderen – davon angeekelten Foristen in zahlreiche Dialoggruppen gepostet. 

Erst wollte ich schon weiterzappen, da blieb mein Auge an den Stichworten „Alexander Kissler“ und FOCUS hängen. Ah, FOCUS, das Magazin, das einst dem SPIEGEL das Wasser abgraben wollte und inzwischen zum Hausblatt besorgter Bürger mutiert ist. Und Kissler, der so gern mit spitzer Feder schreibt: hat er jetzt den Papst vollends abgeschrieben? Oder stempelt er ihn nun so einprägsam, wie er einst Erzbischof Zollitsch als Zirkuspferd bezeichnete, den Hl. Vater selbst zum Zirkuselefanten im Porzellanladen der Kirche?

Ganz ehrlich, dieser Artikel ließ mich zunächst einmal sprachlos. Aber dann fand ich darin zahlreiche Argumentationsmuster, die mir sowohl aus dem liberal-katholischen Umfeld von „Wir sind Kirche“ wie auch aus traditionalistisch bespielten Diskussionsgruppen bekannt vorkamen. Und von daher lohnt es sich, einmal hierauf zu reagieren. 

Kissler fällt ja schon lange damit auf, dass er (zur Zeit vor allem als Kulturjournalist beim Cicero tätig) im kirchenpolitischen Kampf den Kontrahenten die scharfen Sprach-Schwerter leiht … und seit einigen Monaten auch dadurch, dass er einen Art rasselnden Säbelverleih auch für das AfD – Umfeld bereit hält. 

In seinem Artikel über den schädlichen Papst kommen zahlreiche kaum belegte Vorwürfe vor, denen ich gern etwas auf den Grund gehen möchte. Und dies tue ich als einer, der bisher weder in den Enthusiasmus der Papst-Jubler eistimmen mag, noch in die Sirenengesänge der Papst-Kritiker.

Mit einer steilen Grundthese eröffnet der Autor die Kampfzone: „Vermutlich ist Jorge Mario Bergoglio ein exakt so machtbewusster, geschwätziger und am Katholischen relativ desinteressierter Relativierer, wie Papst Franziskus mehr und mehr erscheint.“

Das muss man sich langsam auf dem Herzen zergehen lassen. Der Papst selbst (die Symbolfigur des Katholischen) sei am Katholischen desinteressiert! Für Kissler scheint er eine zwiegespaltene Persönlichkeit zu sein, einmal die Person eines argentinischen Kardinals (den er zudem unterschlägt) – dann das Amt eines Papstes. Die Botschaft: wo ein Papst zu sein scheint, ist in Wirklichkeit nur ein „desinteressierter, geschwätziger Relativierer“ drin. In Tradi-Foren, also dort, wo man Priester noch mit „Hochwürden“ anspricht, ist es seit langem üblich, vom Hl. Vater nur noch als „Herr Bergoglio“ zu sprechen und ihm jegliche Hochachtung zu verweigern.  

Schon im nächsten Abschnitt erklärt Kissler den Papst subtil zur Witzfigur, ausgehend von dessen eigenem Humor, der – zumindest nach meiner Wahrnehmung – ansonsten weithin geschätzt wird. Wer es gut mit Papst Franziskus meint, fühlt sich an Johannes XXIII. erinnert, dem ebenfalls eine gewisse Selbstironie und ein unkomplizierter Umgang zu eigen war. Als Papst, der sich noch in der „sedia gestatoria“ tragen und von Straußenfederfächern geleiten ließ, wurde dessen humorvolle Art aber nicht so augen- und ohrenfällig wie heute, wo jeder Bischof ein Anekdötchen aus der Privataudienz per Twitter zum Besten gibt. 

„Das Pontifikat droht der Kirche zu schaden und einer Welt zu gefallen, die allem Kirchlichen skeptisch gesonnen bleibt. Franziskus stößt Katholiken vor den Kopf, ohne unter Nichtkatholiken Gläubige zu finden.“ Um dem Satz noch Gewicht zu geben, werden schnell noch „Beweise“ angeführt. „Die Austrittszahlen bleiben hoch...“ Woher weiß Kissler das? Oder ist das eine rein deutsche Einsicht? Als Mann der Kultur und aufmerksamer Beobachter der gesellschaftlichen Vorgänge, sollte ihm doch klar sein, dass die Krise der Kirche mitnichten eine Krise des Papstes oder gar eine Krise der Bischöfe ist. Jedenfalls liegt deren Einfluß im niedrigen einstelligen Bereich (mal mit einer Ausnahme, über die ich zuvor schon in diesem Blog geschrieben habe). An anderer Stelle weist Kissler ja auch gerne darauf hin, dass selbst die rundum reformierte und sanierte evangelische Kirche pastoral nicht erfolgreicher ist als wir Katholiken. Dem jeweils regierendem Papst hier einen signifikanten Einfluss auf Kirchenaustrittszahlen zuzuschreiben zeugt von einer gesunden (oder zweckgerichteten) Naivität. Im gleichen Zusammenhang dürfte auch die Frage der Neupriesterzahlen zu sehen sein. Wie die Zugkraft des außerordentlichen Jahres der Barmherzigkeit einzuschätzen ist, da kann die Phantasie munter ins Kraut schießen. Für solche Zahlen gibt es – gute Gründe – die meist wenig mit der Person des jeweiligen Amtsinhabers zu tun haben. Bei den Audienzen gab es durch den „neuen“ Papst Franziskus auch vorübergehend eine Verdreifachung der Zahlen, inzwischen geht es auch wieder zurück.

Ja, Alexander Kissler, dieser Papst ist anders! Ob aber Ihre Beschreibung „Dieser Papst ist sich für keine Albernheit und keinen Affront wider die eigene Kirche zu schade“ die Sachlage wirklich trifft, möchte ich bezweifeln. 

Im Kontext des päpstlichen Interviews mit der (katholischen) Zeitung La Croix, unterstellt der Autor - ohne Witz - dem Papst (der bei zahllosen Gelegenheiten zum Gebet für verfolgte Christen einlädt, zur Versöhnung unter Völkern und Religionen; der diplomatische Initiativen zur Befriedung von Konflikten anschiebt und auch zu persönlichem Einsatz bereit ist), den verfolgten Christen in den Rücken zu fallen. Selbst wenn der Hl. Vater sich in seinem Versuch, Religionsfreiheit für Anhänger aller Religionen zu fördern und Muslime gegen unberechtigte Angriffe zu schützen sprachlich und inhaltlich verrannt haben sollte. Wer sind wir, dass wir einen möglichen Fehlgriff benutzen, um einen Keil zwischen die verfolgten Christen und ihrem Papst zu treiben? Wer sind wir, dass wir das Schicksal unserer leidenden Schwestern und Brüder für die Rechtfertigung persönlicher Angriffe und Ressentiments gegen den Hl. Vater verwenden zu dürfen glauben? Sind wir nicht genauso gerufen, für die Einheit der Kirche zu arbeiten und im Zweifel den Hl. Vater gegen Verleumdungen und Verdächtigungen zu verteidigen, die heutzutage offesichtlich nicht mehr in erster Linie von Atheisten und Agnostikern, von sozialistischen Kirchenhassern oder darwinistischen Kirchenverächtern stammen, sondern aus der Mitte der Kirche selbst?

Was soll daran falsch sein, wenn der Papst mit Blick auf das laizistische Umfeld Frankreichs Religiosfreiheit fordert, für kreuztragende Christen und kopftuchtragende Musliminnen. In keiner Weise betreibt er hier Gleichmacherei. Hat Kissler das Interview gelesen? Ich kann es mir nicht vorstellen, denn sonst würde ich eigentlich dessen Jubelrede erwarten, angesichts eines Papstes der „manif pour tous“ verteidigt, von Grenzen der Aufnahmefähigkeit Europas für Flüchtlinge spricht, die christlichen Wurzeln in Frankreich und die Gewissensfreiheit aus religiösen Gründen verteidigt, die Piusbruderschaft katholisch nennt und manchen bedenkenswerten Gedanken anregt. Von einem Interview in der Tageszeitung erwarte ich wirklich nicht den Ton eines geschichtlichen oder theologischen Seminars. Der Hl. Vater wollte die laizistisch geprägte und tief entchristlichte Gesellschaft in Frankreich ansprechen. Und dazu muss er eine Sprache wählen, die auch verstanden wird, jenseits des Kulturressorts des Ciceros, sondern auch vom ganz normalen „Focus“-Leser. Die Gefahr von Diskursen in Fachkreisen scheint er dem Verpuffen allzu kirchenpolitisch ausgewogener Fachsprache (Kirchisch) vorzuziehen.

Nun folgt zum zweiten Mal der Vorwurf, dieser Papst sei „theologisch unbeleckt“ und „unwissend“, belegt durch eine spontane Antwort auf die Frage nach dem Diakonat – gegenüber einer großen Gruppe von Frauen, die mit Herz und Seele und ihrem ganzen Leben für die Kirche und ihren diakonalen Dienst einstehen. Hätte wohl dieselbe Bemerkung, mit den gleichen Worten von Benedikt XVI. formuliert, Anlaß zu irgendwelcher Aufregung gegeben? Zumal inzwischen jeder nachlesen kann (auch Herr Kissler bzw. wer, wenn nicht er), dass der Papst mitnichten in irgendeiner Weise irgendetwas theologisch unsauber formuliert hat oder gar irgendwelche Versprechungen gemacht hat. Mir scheint, die Hauptverantwortlichen für die angeblich schwache und wackelige Theologie des Papstes sind die Kollegen des Herrn Kissler, die da aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Dieses Phänomen mußte auch Franziskus hochverehrter Vorgänger immer wieder erleiden. Ich erinnere nur an die Regensburger Rede (und behaupte bitte keiner, Benedikt XVI. habe genau das ausdrücken wollen, was ihm bis heute ab und an in den Mund gelegt wird, nämlich platteste Islamkritik. Es ist inzwischen hinlänglich gezeigt worden, dass es ihm ausschließlich um die Thematik der Rede ging, nämlich Glaube und Vernunft. Dass dies implizite Kritik an bestimmten Theologien (christlich wie islamisch) beinhaltet, versteht sich von selbst. Oder denken Sie an die Bemerkung über Aids und die Schutzwirkung von Kondomen...

Bei Benedikt allerdings, waren es vor allem die Journalisten des liberalen Lagers, die gewisse Botschaften und Stimmungen verbreitet haben, unterstützt vom humanistischen Pressedienst. Bei Franziskus dagegen gibt es Sperrfeuer auch aus gewissen Teilen des papsttreuen Lagers. Und der Kissler-Artikel erscheint mir als bisherige Spitzenleistung dieser Urheber eines anschwellenden „friendly-fire“. 

Ob der Papst im Moment seiner Antwort auf die Fragen der Ordensfrauen die Ergebnisse der internationalen Theologenkommission vor Augen hatte, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber nach dem, was ich bisher von ihm gelesen habe, mangelt es ihm nicht an Kenntnis einschlägiger kirchlicher Dokumente. Aber selbst, wenn in diesem Dokument sämtliche Erkenntnis dieser Welt zur Frage der Diakoninnen enthalten sollte: es hat bis heute keine entsprechende Wirkung entfaltet. Weder verzichten „Reformgruppen“ auf ihren „Tag der Diakoninnen“ noch hat es bis zum heutigen Tage ernsthafte Schritte auf dem Weg zu einem Frauendiakonat gegeben. Nach meiner Wahrnehmung vermeiden die kirchlichen Verantwortlichen geradezu eine klare Festlegung in dieser Frage. (Mit der Ausnahme von Papst Benedikt (wiederum), der einen interessanten theologischen Schritt zur klareren Definition und Abgrenzung zwischen Priestern und Diakonen getan hat. Das geschah übrigens nach der von Kissler zitierten Publikation der Theologenkommission und würde allein schon die Einsetzung einer neuen Kommision rechtfertigen.)

Ich denke, in der Frage des Diakonats und der anderen kirchlichen „Halbämter“ wie Katechisten, Ordensleute, Pastoralassistenten, Laien als De-Facto-Gemeindeleiter könnten durchaus noch Spielräume für sinnvolle und praxistaugliche Klärungen und Weiterentwicklungen stecken. Ich schätze das Amt und den Dienst der Diakone sehr. Doch zu 100 Prozent fügt sich die derzeitige Ausgestaltung des Amtes (noch) nicht in die Praxis der Gemeinden vor Ort ein. Ich sehe nicht, was gegen ein nichtsakramentales Diakoninnenamt spricht, das im Kontext von Riten wie Witwen-, Äbtissinnen- und Jungfrauenweihe gestaltet werden könnte. Aber dann müßte man ein analoges nichtsakramentales Diakonenamt ermöglichen, denn wie würde man eine ausschließlich Frauen vorbehaltene Diakoninnen“weihe“ begründen wollen? Dann sollte allerdings das sakramentale Diakonenamt neu ausgerichtet und unterscheidbar werden. Auch die zahlreichen Laien, die sich haupt- und nebenamtlich in unterschiedlichen Dienstbezeichnungen in den Gemeinden pastoral engagieren (in der Katechese und in der Gestaltung der vielen Aktivitäten der Koinonia, in der Mitgestaltung der Liturgie und in der Verkündigung des Evangeliums im Alltag). Das ist ein weites Feld, wo ich eine Klärung sehr begrüßen würde, weil dies auch das besondere Profil der Priester deutlicher hervortreten läßt. Dieses Anliegen des Papstes öffentlich als „Plauderei“ und ihn selbst als „ahnungslos“ hinzustellen bezeugt eigentlich hinlänglich, dass der Schreiber dieser Worte eben dies selbst ist „ahnungslos“ und ein „Plauderer“. 

Was den finalen Vorwurf der völlig überzogenen „Priesterschelte“ in Kisslers Worten angeht, so zitiere ich einen (gewöhnlich sehr kirchentreuen, besonnenen Priester) in einem Facebook-Forum, der sich unmittelbar an Kissler wendet: „Ich bin am Ende dieses Monats 23 Jahre Priester. Ich war gern Priester unter Johannes Paul II. Ich war gern Priester unter Benedikt XVI. und ich bin gern Priester unter Papst Franziskus. Ich habe eine starke Affinität zur Theologie, ich lese Benedikt XVI., Rahner, Balthasar, die Kirchenväter so wie es mir möglich ist. Ich bin kein Doktor der Theologie, dazu hat es nicht gereicht, aber ich habe Ahnung. Sie nicht, jedenfalls kann ich sie in ihrem Artikel nicht entdecken. Der Papst schadet der Kirche? Nach den Massstäben. die sie in ihrem Artikel verwenden haben ALLE Päpste, die ich und damit auch Sie, erlebt haben, der Kirche geschadet, also halten sie mal inne und denken nach! … Ich danke Gott für Johannes XVIII. und das II. Vatikanische Konzil, denn das hat die Kirche zu einem Ort im Jetzt gemacht, in dem ich gern Priester bin. ...“ Ich bin kein Priester, aber genau so ist es!

Mir ist bisher noch kein Priester persönlich begegnet, der sich von Franziskus kritischen Worten entmutigt fühlt (es mag welche geben). Mich erinnert das an das Wort meiner Oma: „Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an!“ Aber ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass unsere Priester und Bischöfe einen Laien brauchen, der sie publizistisch und polemisch gegen den Hl. Vater verteidigt. Mit drei Bischöfen habe ich gesprochen, die dem Hl. Vater persönlich begegnet sind und mir keinesfalls vermittelten, sie haben „Prügel von hinten und Prügel von vorne“ erhalten. Nicht einmal die in konservativen Kreisen so hoch gelobte schriftliche päpstliche Ermahnung der deutschen Kirche wurde als solche empfunden. Angesicht der Diskrepanzen in der Beurteilung der päpstlichen Verlautbarungen fragt man sich, ob der Papst nur dann zum „Schwätzer“ erklärt wird, wenn einem die öffentliche Resonanz auf dessen Worte (oder manchmal gar seine Worte selbst) inhaltlich nicht passt. 

Und gerade von frommen und kirchenverbundenen Katholiken (die regelmäßig die Sakramente empfangen und auch regelmäßig beichten) höre ich viel Zustimmung gerade hierzu, wobei sie die päpstliche Kritik sehr an in Deutschland längst vergangene Zeiten erinnert, an Zeiten, die heute von manchen Leuten glorifiziert werden (sicherlich auch durchaus glorreich waren) aber dennoch nicht ohne Schatten. Und da muss ich Kissler einmal partiell zustimmen, die „kuschelige Eiapopeia-Verkündigung“ (wenn das denn ein angemessener Begriff für die Bemühungen von Priestern und Bischöfen im Westen sein sollte) hat sich heute weitgehend von dem befreit, was der Papst manchmal engagiert kritisiert. Dennoch, der laute Aufschrei aus Teilen des früher einmal papsttreuen Lagers läßt mich an einen weiteren Spruch meiner Oma denken: „Getroffene Hunde bellen!“

Natürlich fehlt in dem Focus-Text auch die Kritik an Amoris laetitia nicht, eine Schrift, mit der man im liberalen Umfeld keinen Blumentopf gewinnen kann. Mir persönlich fällt es schwer, einem eher abständigen, wiederverheirateten Paar redlich zu erklären, ob sich ihr Status nun verbessert habe. Ich würde im Moment sagen: „Lasst mich ehrlich sein: eher nicht!“ Kissler beschwört mit Spaemanns Worten die angebliche „Verwirrung“ in der Kirche herauf, von der auch schon ein Weihbischof aus Kasachstan geschrieben hatte. Wobei ich ganz sicher bin, dass in Astana der Dompfarrer durch Amoris laetitia ebensowenig verwirrt ist, wie mein Pfarrer Möller in Voerde. „Das Chaos wurde zum Prinzip erhoben!“ Aha, ist mir noch nicht aufgefallen. Bei uns in St. Peter und Paul ist alles ruhig und friedlich. Und die Zahl derer, die sich – in irregulären Verhältnissen lebend – an der Kommunionbank drängeln, ist so überschaubar wie eh und je. „Der Papst hätte wissen müssen, dass er mit eiem solchen Schritt die Kirche spaltet und in Richtung eines Schismas führt.“ Unter dem Eindruck dieser Worte mache ich heute mittag den Briefkasten auf und finde in einem Brief mit dem Absender meines Bischofs Felix die gedruckte Ausgabe von „Amoris laetitia“. Und dies ohne einen begleitenden Brief, der mich auf die Risiken der Lektüre hinweist. Von daher scheint es sich um gut katholische Lektüre zu handeln, so, wie ich es von Zusendungen von Bischof Felix gewöhnt bin. 

Dass Kissler im Hl. Vater einen weiß gewandeten Dalai Lama entdeckt, zeigt vor allem, dass er den Dalai Lama offensichtlich genausowenig kennt wie den Papst. Oder, dass er halt das mediale Bild der beiden mit der Person verwechselt. Dass der Dalai Lama ein bedeutender spiritueller Führer mit tiefer Kenntnis der buddhistischen Lehrtexte und der Theologie des tibetischen Buddhismus ist, wird leider aus den von westlichen Journalisten aus seinen Wortmeldungen herausdestillierten Seichtheiten bei oberflächlicher Betrachtung nicht erkennbar. Der Dalai Lama muss sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, dass er das auch allzu wehrlos mit sich machen lasse. Und vielleicht täte auch dem Hl. Vater ein offensiveres und professionelleres journalistisches Marketing gut. 

Dass dieser kürzlich den Karlspreis verliehen bekam darf man ihm gerechterweise nicht unmittelbar auf das Schuldkonto rechnen und das macht ihn auch noch lange nicht zu einem „Uno-Generalsekretär mit Brustkreuz“. Das hatte wohl mehr mit der Krise des europäischen Gedankens zu tun und der Ratlosigkeit angesichts der Tatsache, dass weit und breit niemand zu sehen ist, der sich durch sein Agieren im europäischen Kontext irgendwelche Meriten verdient hatte. Ähnlich ratlos schien ja vor einigen Jahren auch das Komitee für den Friedensnobelpreis gewesen zu sein. 

„Mene mene tekel u-parsin“, malt Kissler's Konter an die Wand: „Der Nachfolger (dieses Papstes) wird eine spirituell ausgezehrte und verunsicherte Kirche übernehmen.“ Mit Verlaub, das ist grober Unfug. Selbst wenn dieser Papst (die Kirchengeschichte wird es vielleicht einmal zeigen, wenn Kissler, der etwas jünger als ich ist, längst irgendwo – so wie ich vermutlich auch – den Tag der Auferstehung geduldig erwartet), tatsächlich ein theologisches, sprachliches oder menschliches Leichtgewicht sein mag (was ich überhaupt nicht glaube), so hat die Kirche schon ganz andere Päpste ausgehalten und überstanden. Da muss man gar nicht obscure Prophezeiungen des Malachias aus der kirchengeschichtlichen Schublade kramen. 

Ich will ihn ja nicht gegen jede Kritik verteidigen, erwarte aber von Glaubensgeschwistern aber, dass es in einer Art und Weise geschieht, die das bisherige Prädikat „papsttreu“ nicht entwertet. Zum „Zirkuselefanten“ wird dieser Hl. Vater Franziskus nur dann, wenn Journalisten wie Alexander Kissler in seinem weiteren Umfeld die Vasen und Tassen des Porzellanladens Kirche zerdeppern. Nein, Herr Kissler, nicht der Papst selbst schadet seiner Kirche, es sind vielmehr die, die ihm die kalte Schulter zeigen und die grundsätzliche Gefolgschaft verweigern, weil sie der eigenen Unfehlbarkeit mehr vertrauen als der reichen spirituellen Tradition und dem geistlichen Potential der Kirche und dem Wirken des göttlichen Geistes. 

Wir haben in unserer Kirche zahlreiche Priester, Diakone, Ordensleute, Eremiten, Laien die ein reiches, spirituelles Leben führen. Hier hat unter diesem Papst nichts nachgelassen, ich sehe das wirklich nicht. Im Gegenteil, erfahre ich durchaus reiche Inspiration, durch päpstliche Texte, die meinem Leben nahe sind und die unmittelbar von Herz zu Herz sprechen. Und trotzdem lese ich weiterhin die Worte von Papst Benedikt, studiere die Benediktsregel und die Consuetudines Cartusiae, die Worte des Hl. Bernhard und die geistlichen Gedichte von Gottfried Bachl. Ganz zu schweigen vom Reichtum des göttlichen Wortes. 

Doch bevor ich mich weiter in Rage schreibe, schließe ich mit einem Lied von Reinhard Mey, dass ich allen Lesern zu hören empfehle: „Mein achtel Lorbeerblatt“. Als Westfale, der die Eiche liebt und als Schweinefreund mag ich dieses Lied sehr. Hört mal rein!



Auszüge aus dem Interview mit Papst Franziskus in "La Croix":

Sogar Robert Spaemann kritisiert Alexander Kissler: http://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Die-Kirche-ist-nicht-grenzenlos-belastbar;art312,170272

Bildquelle: Wikipedia, von Casa Rosada (Argentina Presidency of the Nation), CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41540543

Montag, 28. März 2016

Blutiges Osterfest?

Über 30.000 Menschen starben im Jahre 2014 durch Terroranschläge. 275 Terrororganisationen waren dafür verantwortlich. Weit über 6.000 Menschen starben allein durch die Gruppe „Boko Haram“ in Nigeria und Umgebung, etwas mehr als 6.000 durch den islamischen Staat in Syrien und im Irak. 

Vor einigen Tagen sprengten sich in Brüssel, gerade mal 250 km von hier entfernt, einige Menschen in die Luft und rissen 35 Menschen mit in den Tod, verwundeten aber viele weitere Menschen an Leib und Seele. Grauenhaft auch der Anschlag in Lahore in Pakistan am Ostermontag, der sich ausdrücklich gegen Frauen und Kinder, gegen Christen richtete und mindestens doppelt so viele Menschen tötete und verletzte. 

Möglicherweise gab es Gründe für das Handeln der Terroristen, möglicherweise waren sie Kriminelle, vielleicht waren sie psychisch gestört. Vielleicht ist es gut und richtig, dass mir nicht gelingt mein Erstaunen und Erschrecken angesichts solcher Taten zu überwinden. 

Gerade führte uns Anders Behring Breivik mal wieder vor, dass eine solche geistige Störung (die in der Tat die meisten Beobachter verstört) durchaus auch mit Intelligenz verbunden sein kann. Der Mann scheint eine gewisse Strategie zu verfolgen. Sonderbarerweise findet er sogar Leute, die sich von ihm fasziniert zeigen, die ihm Briefe schreiben und die seine Gedanken weiter tragen. 

In diese Kategorie fällt sicher auch Adolf Hitler, der es trotz seiner wahnhaften Gedankenwelt zum „Führer“ Deutschlands gebracht hat. Ein Massenmörder, dessen Schuld unbeschreiblich ist. Die Zahl von (über) 6.000.000 systematisch, fabrikmäßig ermordeten Juden wirft das bekannteste Schlaglicht auf diesen teuflischen Menschen. Und bis heute gibt es – normale – Menschen, die, obwohl ihnen die Verbrechen und die himmelhohe Schuld dieses Mannes bekannt ist, sogenannte „Verdienste“ Hitlers rühmen. Und zunehmend größer wird die Schar derer, die auch über seine zweifelhaften „Erfolge“ hinaus zu Hitler – Verteidigern oder sogar Verehrern werden. (Wie kann man eigentlich Menschen ernst nehmen, die zur "Entschuldigung" eines solchen Mörders die Opferzahlen geringer rechnen?)

Was ist da los? Wie ist es möglich, dass bestialische Menschenschinder von anderen Menschen verehrt, entschuldigt, verteidigt werden? Wie ist es möglich, dass andere Menschen sich zu Handlangern und willfährigen Vollstreckern der Terror und Gewaltphantasien solcher „Führer“ wie Stalin, Pol Pot, Kim Jong Un, Hitler oder Abu Bakr al Baghdadi machen lassen? Geht vom abgrundtief Bösen etwa eine gewisse Fasziantion aus, gibt es einen Sog der dunklen Kräfte? 

Als junger Erwachsener habe ich mich intensiv mit dem Nationalsozialismus beschäftigt und zahlreiche Bücher über den Terror und die Konzentrationslager gelesen. Es läßt mir noch heute keine Ruhe, wie das geschehen konnte. Was stecken für destruktive Kräfte in uns Menschen? Wie leicht scheint es zu sein, dass aus einem treusorgenden Familienvater ein gnadenloser Killer wird. 

Mir kommt ein Vers in den Sinn, der eigentlich in einen ganz anderen Kontext gehört, aus der „Geschichte von Gott“ des niederländischen Musikers und Poeten Hermann van Veen. „Es ist der Teufel.“ heißt es dort: „Der Teufel ist in die Menschen gefahren.“

Das Denk-Konzept, neben der Macht Gottes, einem göttlichen Widersacher Raum zu geben, dem personifizierten Bösen, in klar beschreibbarer Gestalt (mit Hörnern und Pferdefuß) ist uralt und es gibt das in unzähligen Facetten rund um den Erdball. 

Im volkstümlichen Denken (heute meist nur noch in schlechten Witzen gepflegt) erscheint der oder die Teufel als Hüter der Hölle, wo sie die bösen Sünder und schlechten Menschen peinigen. Das Mittelalter hat uns großartige Bilder von dieser Dualität von Himmel und Hölle (und vielleicht noch „Fegefeuer“) übermittelt. Da erscheinen die Teufel eher als „dienstbare“ Geister, die der göttlichen Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. 

In diesem überkommenen Denken kommt man schnell auf theologisch „abschüssige Bahnen“ und verläßt zügig ein christliches Gottes- und Menschenbild. Weder überzeugt es, den personifizierten Bösen als Widersacher Gottes zu verstehen noch als von ihm abhängiger Folterhelfer. Ganz sicher steckt in diesen Bildern und Vorstellungen von göttlicher Gerechtigkeit und gerechter Strafe für jene, die auf Erden Blut an den Händen hatten, eine tiefe Wahrheit. Aber ganz so einfach, wie damals – und bis heute – gedacht, ist das mit der Gerechtigkeit Gottes nicht, zumal diese ja auch mit seiner Barmherzigkeit untrennbar verbunden ist. Das ist „menschlich“ und „theologisch“ wohl kaum in seiner Tiefe auszuloten und bleibt – ähnlich wie die göttliche und menschliche Natur Christi ein Paradoxon, ein Geheimnis des Glaubens.   

In der Schöpfungsgeschichte jedenfalls ist noch kein Platz für eine teuflische Macht, auch wenn die arme Schlange später allzugern zum Teufel mutiert. 

Mich überzeugt das Konzept, das Böse zu personifizieren und es damit aus dem menschlichen Inneren zu verdrängen nicht wirklich. (Und noch weniger überzeugen mich die Versuche diese bösen Mächte außerhalb des Menschen in Teufeln und Dämonen zu verorten, die mit allerlei Mummenschanz oder gar mit Exorzismen und Gebeten ausgetrieben werden können. Sicherlich bleibt die dunkle Seite des Menschen unerklärlich und ich bin sicher, dass Beten immer hilfreich ist. Aber der Grat hier ist schmal.) 

Die Jesiden halten es für eine Gotteslästerung und Einschränkung der Allmacht Gottes, sich neben diesem eine böse Macht zu denken. Für die christliche Theologie stellte sich diese Problematik ebenfalls, so dass der Teufel eher als „gefallener Engel“ gedacht wird, als geschaffenes Wesen. Aber auch in diesem Konzept fehlt eine Antwort auf die Frage, warum Gott das Wirken eines solchen Wesens zulassen sollte. Eine Frage, die sich in gewisser Weise auch in der etwas rätselhaften Vater-Unser-Bitte spiegelt, wo es heißt „ und führe uns nicht in Versuchung“. 

Es ist und bleibt ein tiefes Rätsel, was den Menschen zum Bösen verführt. Natürlich spielen psychische Störungen eine Rolle, aber nicht alles läßt sich mit einer „schwierigen Kindheit“ erklären. Die Personifizierung des Bösen in Gestalt eines Teufels oder eines gestürzten Engels stellt letztlich mehr Fragen, als sie zu beantworten in der Lage ist. Ich ziehe es vor, das Böse als geheimnisvolle Kraft zu sehen, die inmitten der Menschheit (und auch in der einzelnen Person) wirkt, der man aber nicht einfach willenlos ausgeliefert ist. 

Das Böse ist kein Naturgesetz. Manch Einer spricht ja davon, dass die Natur grausam sein, dass sie keine Gnade kenne, dass sie gnadenlos ausmerzt, was schwach (und unaufmerksam) ist. Sicher kann man diese Schlußfolgerung aus der Beobachtung der Zusammenhänge in der Natur gewinnen. Es gibt ein Fressen und Gefressen werden. Kühe weiden Pflanzen ab, Mäuse fallen einem Käuzchen zum Opfer und einen Bussard schert es wenig, wenn er seine Jungen mit einem seltenen Feldhamster füttert. Bemerkenswert ist aber auch, dass die Natur zwar „Fressen und Gefressen werden“ kennt, aber – mit wenigen Ausnahmen – keine „sinnlose“ Grausamkeit. Ich denke, diese Regel kann man aufstellen, ohne dass Ausnahmen sie grundsätzlich entwerten (eine Katze, spielt mit der halbtoten Maus und bringt sie langsam zu Tode / einige Tiere lähmen ihre Opfer, um sie später zu verzehren...). Das ist beim Menschen ganz offensichtlich anders. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ lautet ein beinahe sprichwörtlicher Satz des römischen Dichters Plautus. Mir scheint, es ist weit schlimmer... 

Für meine Kriegsdienstverweigerung war es eine bedeutsame Erkenntnis, gewonnen aus den Schriften von Konrad Lorenz, dass jedes Lebewesen eine angeborene Tötungshemmung kennt. Diese bezieht sich auf Auseinandersetzungen im Tierreich zwischen Lebewesen einer Art. Hier geht es meist um den Platz in einer Rangfolge, um Führung und Gefolgschaft. Es scheint auch biologisch naheliegend zu sein, dass der Rivale oder die Rivalin nicht getötet oder schwer verletzt wird, ein Denkzettel reicht meistens aus. Diese Tötungshemmung funktioniert selbst in „erregtem“ Gemütszustand und geht von tief ins Unterbewußtsein eingeprägten Signalen aus. Konrad Lorenz führt in seinem Buch „Das sogenannte Böse“ aus, dass die Tötungshemmung eines Lebenwesens ausgesetzt wird, wenn es keinen persönlichen Kontakt mehr zwischen den Gegnern gibt, dass Waffen hier eine umso leichtere Tötungsentscheidung ermöglichen, je weniger man dem einzelnen Opfer ins Auge blickt. Letztlich erscheint der Betrieb einer Drohne über Pakistan auf dem Bildschirm im Steuerzentrum irgendwo in Amerika eher wie ein Computerspiel... Man kann noch viel darüber sinnieren, was genau dazu führt, dass der Mensch offensichtlich in der Lage ist Terrorakte zu begehen oder gar einen Völkermord. Wie eigenartig, dass der technische Fortschritt die Möglichkeiten der Menschheit zum Guten oder zum Bösen gleichermaßen erweitert. 

Der Papst sprach in seiner Osterbotschaft davon, dass sich im Menschen manchmal Abgründe auftuen, Abgründe des Bösen, Abgründe der Gottesferne. Und er führte weiter aus, dass die Liebe und Barmherzigkeit Gottes diese Abgründe zu füllen vermag. 

Wörtlich sagte Franziskus: „Angesichts der geistigen und moralischen Abgründe der Menschheit, angesichts der Leere, die sich in den Herzen zeigt und Hass und Tod hervorbringen, kann nur eine unendliche Barmherzigkeit uns Rettung bringen. Nur Gott kann mit seiner Liebe diese Leere, diese Abgründe auffüllen. Nur Gott kann es uns gewähren, dass wir nicht versinken, sondern unseren Weg fortsetzen in Richtung auf das Land der Freiheit und des Lebens hin.“ ...

Mit unseren Brüdern und Schwestern, die um ihres Glaubens und ihrer Treue zu Christus willen verfolgt werden, und angesichts des Bösen, das die Oberhand im Leben vieler Menschen zu haben scheint, hören wir wieder das tröstende Wort des Herrn: „Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). 

Dieser Gedanke macht mir Mut! Letztendlich ist die Macht Gottes stärker als alles Dunkel und alle Abgründe dieser Welt. Uns seine Macht überwindet das Böse nicht nur in ferner Zukunft, sondern hilft uns schon heute, das Ruder herumzureißen. Allerdings nicht, indem wir der Logik des Bösen folgen und Gewalt mit Gegengewalt beantworten, Terror mit Haß und Verachtung zu beantworten, sondern der Liebe Gottes und seiner unendlichen Barmherzigkeit Raum geben.

Natürlich bedeutet das nicht, die Terroristen, die Menschenschinder, das Böse wirken zu lassen und ihnen Raum zu geben. Aber alle Maßnahmen zur Abwehr müssen von der Haltung getragen sein, die der Hl. Vater beschreibt. Das ist unsere Verantwortung als Christen!

Mag ja in manchem Radio- oder Fernsehinterview darüber gefaselt werden, dass „Religion“ die Konflikte in der Welt verschärfe. Ich vermag dieser „Logik“ nicht zu folgen. Ohne die Macht der Liebe und der Barmherzigkeit, ohne, dass glaubende Menschen konkrete Schritte auf dem Weg des Friedens und der Versöhnung gehen, wird es uns nicht gelingen, das Böse zu überwinden. Welche Kraft der Welt sollte die Schritte der Menschen sonst auf den Weg des Friedens lenken? 



Osterbotschaft des Hl. Vaters: http://de.radiovaticana.va/news/2016/03/27/wortlaut_osterbotschaft_von_papst_franziskus/1218462

Donnerstag, 3. März 2016

Dass ein Laie lehrt, erlaube ich nicht, er soll sich still verhalten.

Ausgerechnet das offizielle Presseorgan des Hl. Vaters diskutiert aktuell offen die Frage der „Laienpredigt“, wenngleich unter dem speziellen Focus der „Frauenpredigt“. 

Nachdem das im englisch- und italienischsprachigen Raum bereits thematisiert wurde, würde es mich sehr wundern, wenn es nicht auch im deutschsprachigen Raum die beinahe erkaltete Diskussion wieder entfachen würde. Schließlich berührt man hiermit allseits beliebte „Reizthemen“ wie „Frau in der Kirche“ und „Laien und Priester“. Der eine wittert sicher schon wieder einen Angriff auf das Priestertum, andere erinnern sich an das Ringen um die Laienpredigt in den 80er Jahren. 

Dass dieses Thema ausgerechnet im Osservatore Romano aufgegriffen wird, erscheint vielen als Zeichen, dass etwas in Bewegung gerät. Der distanzierte Beobachter wundert sich, warum es eine Sensation sein soll, dass eine solche pastorale Frage in der Kirche öffentlich und auf höchster Ebene diskutiert wird. 

Als Laie, der durchaus predigt, habe ich auch meine Beziehung zu dieser Problematik. Ich erinnere mich an eine Erklärung des damaligen Münsteraner Diözesanbischof Reinhard Lettmann während eienr Sitzung des Diözesanpastoralrates, dessen Mitglied ich war. Der Bischof, der sich sonst vor klaren Worten nicht scheute, bat (!) eindringlich darum, die Laien (sprich Pastoralreferenten) und die Pfarrer in den Gemeinden mögen sich an die neuen Regelungen halten. Er selbst habe zwar für eine weitergehende Öffnung plädiert, in der Treue zur Kirche und zum Hl. Vater warb er jedoch um eine ebensolche Treue zu den Weisungen der Bischöfe. Mich hat das damals sehr beeindruckt und ich habe mir daraufhin vorgenommen, mich in meinem pastoralen Dienst an die neue Ordnung zu halten. 

Mir hat damals die Begründung sehr eingeleuchtet, dass die Predigt des Priesters in der Eucharistiefeier sinnvollerweise auch vom Zelebranten dieser Feier gehalten wird, weil Wortgottesdienst und Eucharistie eins sind und so der innere Zusammenhang zwischen Glaubensverkündigung und Messopfer deutlicher hervor tritt. 

Wobei spätestens jetzt die Frage beantwortet werden muss, worüber wir eigentlich reden, wenn es um die „Frauenpredigt“ geht. In dem Artikel der vatikanischen Zeitung klagt die „schwedische Dominikanerin Madeleine Fredell, sie könne praktisch überall predigen, "manchmal sogar in der lutherischen Kirche", nicht jedoch in einer katholischen Messe.“ In der Öffentlichkeit wird wohl rüber kommen: „Ach ja, die Katholiken! Die sind so rückständig und frauenfeindlich! Dass Frauen da nicht Priester sein können wussten wir, aber dass sie nicht mal predigen dürfen! Und die Pastoralreferentin spricht doch immer so schön!" Dabei kann auch Schwester Madeleine in ihrer Klosterkirche ohne Schwierigkeiten predigen und durchaus sogar eine Fastenpredigt im Münsteraner Dom halten (während der Bischof ihr zuhört). 

„Predigt“ kann vieles sein und beileibe nicht von allen Predigten sind katholische Frauen ausgeschlossen. Von der Predigt zu unterscheiden ist sicher zunächst einmal das „Glaubenszeugnis“ eines gläubigen Menschen, der im Rahmen einer liturgischen Feier etwas von seinen persönlichen Glaubenserfahrungen teilt ohne selbst Theologe zu sein. Da springt manchmal sogar eher ein Funke über als bei einer allzu theologischen Predigt. In gewisser Weise ist ein solches Zeugnis sicher auch „Predigt“, aber für den Predigtdienst an sich braucht es eine bischöfliche Beauftragung. Schließlich geht es nicht um Selbstdarstellung, sondern um Verkündigung. Und wer im Namen einer Gruppe oder eines Vereins etwas sagt, braucht dazu die Beauftragung des Vorsitzenden. 

Mit Predigten werden in der Kirche seit vielen Jahren Frauen und Männer vom Bischof beauftragt. Das ist ein echter Fortschritt gegenüber der kirchenrechtlichen Regelung von 1917. Meist sind dies Theologen und Pastoralreferent(innen) im kirchlichen Dienst. In Klöstern ist es eine Selbstverständlichkeit, dass dort Frauen ihren Mitschwestern eine Predigt halten. Auch ich habe genügend Gelegenheit zu predigen, im Rahmen von Trauergottesdiensten, bei Wortgottesdiensten und Andachten und in anderem Rahmen. Manchmal halte ich im Rahmen eines sonntäglichen Familiengottesdienstes eine Katechese. (Das Direktorium für Kindermessen führt hierzu aus: „Es steht nichts im Wege, dass einer der an der Kindermesse teilnehmenden Erwachsenen im Einverständnis mit dem Pfarrer oder Kirchenrektor nach dem Evangelium eine Ansprache an die Kinder hält, vor allem wenn es dem Priester schwer fällt, sich dem Verständnis der Kinder anzupassen.“)

Eine Ausnahme ist jedoch – und nur hierum geht es aktuell – die Predigt im Rahmen einer Eucharistiefeier, im Fachbegriff Homilie genannt. Diese ist – nach den geltenden Bestimmungen – dem zelebrierenden Priester und „vertretungsweise“ weiteren Priestern und Diakonen vorbehalten. 

Vor dem 2. Vatikanischen Konzil war es für Laien völlig undenkbar, dass sie einen solchen Predigtdienst in der Hl. Messe übernehmen könnten. In der früheren Kirche dagegen hat es wohl durchaus predigende Laien gegeben. Der Hl. Franziskus ist ein bis heute bekanntes Beispiel. In Folge der sich ausbreitenden Laienbruderschaften und Armutsbewegungen (Franziskaner, Waldenser, Beginen etc.) entstand eine heftige Auseinandersetzung um das Predigtrecht dieser Nichtkleriker und ihrer neuen Gemeinschaften. Im Jahr 1228 wies Papst Gregor IX den Erzbischof von Mailand an: „er solle allen Laien, gleich welcher religiösen Gemeinschaft sie angehören mögen, das Predigtamt untersagen." 

Nach der Liturgiereform unter Papst Paul VI. wurde die Laienpredigt wieder neu zum Thema, weil man das allgemeine Priestertum neu entdeckte und die tätige Teilnahme der Laien an der Eucharistiefeier fördern wollte, ein Prozess, dem eine ganze Reihe von Reformen folgten, wie z.B. die Zulassung von Messdienerinnen, die außerordentlichen Kommunionspender und manches mehr. In Österreich und Deutschland gab es schon 1970 Beauftragungen mit dem Predigtdienst mit vatikanischem Einverständnis (als Ausnahmeregelung). Die Würzburger Synode deutete diese neue Aufgabe theologisch und empfiehlt sowohl „Glaubenszeugnisse“ von Gemeindemitgliedern als auch Predigt durch beauftragte Laien. Erklärend führt man aus: „Durch die Zuordnung von Wortgottesdienst und Eucharistiefeier im engeren Sinn (vgl. SC 35, 56; PO 4) ist zwar eine sichtbare, personale Einheit von Prediger und Vorsteher der Eucharistiefeier angemessen, aber nicht unbedingt notwendig; im Übrigen ist nach der Lehre der Kirche bei Wahrung der besonderen Verantwortung des Amtes der Priester nicht allein, sondern die ganze Gemeinde unmittelbarer Träger der Verkündigung und des liturgischen Handelns (vgl. auch 1 Kor 11,26; SC 26; LG 11).
Schließlich wird so sichtbar, daß es, unbeschadet der Einheit der Sendung, dennoch verschiedene Charismen, Dienste und Ämter in der christlichen Gemeinde gibt“ (2.3.3).

Natürlich betrachtet auch die Würzburger Synode den Predigtdienst von Laientheologen als Ausnahme und Sonderfall, in den Gemeinden sind die Pfarrer jedoch zumeist froh über die zusätzlichen Prediger und auch die Gottesdienstbesucher selbst schätzen die neue Abwechslung. Schon vor dem Ende der Synode beginnen die Auseinandersetzungen in dieser Frage. Heute ist das weitgehend vergessen, aber 1988 ist es mit dieser Praxis dann vorbei, was weitere langwierige und zermürbende Auseinandersetzungen zur Folge hatte. Nicht wenige Laientheologen wurden für ihren Predigtdienst abgemahnt. Doch in weitaus mehr Gemeinden störte sich niemand an deren Predigtdienst, im Gegenteil wurde die neue Vielfalt, alternative Sichtweisen und die besonderen Blickwinkel von Frauen geschätzt. 

Völlig abgeschafft wird der Predigtdienst von Laien im Umfeld der Hl. Messe jedoch nicht. Auf Intervention der deutschen Bischöfe ist er weiter möglich in Form einer Statio zu Beginn der Hl. Messe (quasi als ausgedehnte Einführung in den Gottesdienst). Und dies auch nur dann, wenn der zelebrierende Priester aus irgendwelchen Gründen nicht predigen kann. 

Die heftigen Auseinandersetzungen verwundern, zumal sie in den Gemeinden beinahe keine Rolle spielten. Es war ein Thema auf Ebene der Bischöfe und der Kurie und verhandelt wurde es weniger als liturgische Frage, sondern im Grunde ging es um die „Aufgabenteilung“ zwischen Priestern und Laien. Ist der Predigtdienst in der Eucharistiefeier eine Aufgabe, die zum priesterlichen Amt zwingend dazu gehört und von daher Laien im jedem Fall davon ausschließt? Oder ein wenig schief gefragt: „Nimmt es dem priesterlichen Amt etwas, wenn auch ein Laie die Homilie halten kann?“

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann präzisiert den Hintergrund dieser Sichtweise bei einer Ansprache vor den Mitgliedern des Würzburger Diözesanrates 2005: „Wenn also ein Priester die Messe feiert, so feiert in ihm letztlich Christus selbst mit den Gläubigen. Dies geschieht auch bei der Verkündigung des Wortes Gottes. Dienst am Sakrament und Verkündigung des Wortes gehören in der Messe untrennbar zusammen. Weil es also beim Dienst des Priesters in der Eucharistiefeier um die Vergegenwärtigung Christi in seinem Wort wie in seinem Fleisch und Blut zugleich geht, kann der Priester letztlich nicht von der Aufgabe entbunden werden, in der Eucharistiefeier auch selbst zu predigen. Einzig an den Diakon oder einen anderen Priester kann der Vorsteher die Verkündigung in der Messe delegieren, weil auch sie mit der Weihe in den Dienst der Gegenwärtigsetzung Christi mit ihrer ganzen Person einbezogen sind. Die Predigt des Diakons in der Eucharistiefeier sollte aber nicht den Regelfall darstellen.“

Ich muss sagen, dass ich all diesen Gedanken durchaus folgen kann und sie auch bejahe. Aber mich überzeugt nicht vollends, warum ein begrenzter Predigtdienst befähigter Laien derart grundsätzlich ausgeschlossen wird. 

Papst Franziskus spricht immer wieder davon, wie wichtig eine gute Predigt ist. Warum sollte es da nicht möglich sein, dass ab und an in einer Messe der Predigtdienst des Priesters, der diesen vielleicht schon seit Jahrzehnten in eben dieser Kirche versieht, durch eine Predigt eines Laien ergänzt wird. Nimmt dies der Verkündigung des Priesters irgendetwas? Ich erinnere mich an die Predigten meines Heimatpastors, die man irgendwann als regelmäßiger Kirchgänger „auswendig“ aufsagen konnte. 

Wäre es nicht denkbar, dass der Priester und der Laie sich miteinander so absprechen, dass der Priester zur Laienpredigt einführt und diese vielleicht mit einigen vertiefenden Worten auch abschließt, so dass deutlich wird, dass er aus dieser Vergegenwärtigung Christi heraus einem Laien die Möglichkeit eröffnet, seinen Glauben zu bekennen. Sicher sollte dies die Ausnahme bleiben, aber man muss es auch nicht auf Situationen beschränken, wo der Priester krank oder anderweitig am Predigtdienst gehindert sei. So ähnlich hat es schon die Würzburger Synode vorgeschlagen. 

Die ausdrückliche Formulierung, dass Laien predigen könnten, wenn der Priester hierzu „nicht in der Lage ist“ ist im Grunde doch eine Einladung zur Unwahrhaftigkeit. Darin liegt die Gefahr, dass Gründe konstruiert werden, einem Nichtpriester die Homilie zu ermöglichen. Und es ist doch allemal besser, dass ein Laie aus dem eigenen Glauben und mit erfülltem Herzen predigt, also das irgendein Text aus einem Predigtbuch oder einer andere Vorlage vorgelesen wird („Lesepredigt“). Irgendwo war aus bischöflichem Munde zu lesen, es sei besser eine veröffentlichte Predigt eines Priesters vorzulesen als einen Laien predigen zu lassen. Aber was ist, wenn ein Priester die Predigt vorträgt, die ein Laie erarbeitet und in einer Predigtvorlage publiziert hat? Wem will man eigentlich solche kirchlichen Regeln noch erklären?

Ich bin der festen Überzeugung, dass es gut und richtig ist, wenn Laien ab und an eine Predigt als Homilie halten. Ich glaube keinesfalls, dass man bei einer solchen „Laienpredigt“ den notwendigen „Unterschied“ zur priesterlichen Homilie nur so einhalten kann, dass sie als erweiterte Einführung in die Eucharistie gehalten wird und man dann gleichzeitig behauptet, das in derselben Feier halt keine „echte“ Homilie gehalten werden kann. Das wirkt künstlich, konstruiert und ist unter den heutigen Kommunikationbedingungen eher peinlich als überzeugend. Und es ist allemal stimmiger festzulegen, dass ein Laie ab und an die Predigt in enger Abstimmung mit dem Zelebranten übernehmen kann, als festzulegen, dass er es nur dann soll, wenn der Priester an der Predigt gehindert ist. Wer will das überzeugend feststellen?

Wesentlich wäre für mich, dass der doch überzeugende geistliche Grundgedanke, dass Christus in Wort und Sakrament gegenwärtig ist, dass dies eine Einheit ist, was erkennbar und spürbar wird, weil der zelebrierende Priester in seiner Predigt Wortverkündigung und eucharistisches Opfer zu einer Einheit werden lässt. Dazu braucht es aber durchaus mehr als ein klares Regelwerk, das Laien die Homilie verwehrt, sondern sehr viel Liebe und Engagement für die angemessene und dialogische Verkündigung des Gotteswortes. Dann wäre es wünschenswert, dass der Prediger zugleich auch der Zelebrant der Messe ist. Überhaupt nicht stimmig ist vor diesem Horizont ein Priester, der zur Verkündigung des Evangeliums den Chorraum betritt und nach der Predigt die Kirche wieder verlässt. 

Das Argument, dass Priester und Diakone allein wegen ihrer Weihe schon exklusiv in den Dienst der Gegenwärtigsetzung Christi in seiner ganzen Person einbezogen seien und das dies ausreiche um die allgemeine Beauftragung mit dem Predigtdienst zu begründen, erscheint mir da eher schwach. Und die Bemerkung, Diakone mögen doch eher ausnahmsweise predigen (die vermutlich der mangelnden Überzeugungskraft des Arguments geschuldet ist), sollte doch auch Ausnahmen für Laien zumindest denkbar erscheinen lassen. Wenn Laienpredigten im Rahmen anderer Gottesdienste (wir mögen den Wert der Wortgottesdienste neu entdecken, wird gerade heute wieder gern betont) eine tiefere Verbindung mit Christus, der „mitten unter uns ist“ ermöglichen, warum sollte dies nicht in der ein oder anderen Homilie auch gelingen, möglicherweise nicht in der Tiefe, wie es ein Diakon kann, sicher nicht in der Tiefe, wie es der zelebrierende Priester kann, aber vielleicht doch genausogut wie durch eine vom indischen Kaplan vorgetragene Predigt aus der Feder eines Laientheologen, die just zu diesem Sonntag im „predigtforum.at“ veröffentlicht war.

Darüber zumindest nachzudenken, das tut uns allemal gut. 

Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass man die Bedeutung und den Stellenwert des priesterlichen Amtes nur dann angemessen schützen kann, wenn man für ausreichend Distanz zwischen Priestern und Laien sorgt. Darin steckt die Gefahr, dass das Niveau allgemein absinkt oder dass Priester mit der Kumulation von Aufgaben und Erwartungen schlicht überlastet werden. 

Es sollte auch für einen selbstbewußten Laien selbstverständlich sein, dass im Rahmen einer Eucharistie der zelebrierende Priester das erste Predigtrecht hat. Und dass eine Wortgottesfeier auch wegfallen kann, wenn sich ein Priester auf Durchreise anbietet, einer Eucharistiefeier vorzustehen. 

Wohlgemerkt, mich drängt nichts zum Predigtdienst in der Messe. Aber wenn wir ihn ausschließen, dann würde ich gerne einen Priester und Bischof erleben, der die Begründung dafür in einer kurzen Ansprache in einer ganz normalen katholischen Gemeinde schlüssig und überzeugend vortragen kann, ohne sich dafür theologisch verrenken zu müssen. Und der, wenn er dies tut, die Zuhörer, wenn nicht überzeugt, so doch nachdenklich zu machen vermag. 

Ich bin gespannt, ob der Debatte im päpstlichen Hausblatt auch ein offener, theologischer und wertschätzender Dialog folgt. Ein Dialog mit Folgen, der uns als Kirche hilft, die Botschaft Jesu Christi klar und überzeugend in die Welt zu tragen. Bis dahin bemühe ich mich weiterhin den geltenden Vorschriften für den Predigtdienst der Laien in meinem Dienst gerecht zu werden. 

Wichtige Texte zum Thema: 



Aktuell gültige Ordnung: 

Mittwoch, 17. Februar 2016

Ein Paukenschlag aus Münster!

Es war ein „Paukenschlag“, als am Valentinstag einer der profiliertesten Münsteraner Pfarrer seinen Rücktritt vom Pfarramt und eine Auszeit in einem Kloster ankündigte. Er tat das mit einer Erklärung, die mich (und manche andere) sehr beschäftigt. Dass ausgerechnet dieser, kunstsinnige, kluge, nachdenkliche, engagierte Pfarrer, der mit vielen Ideen und Projekten sicher zur Avantgarde der kath. Kirche im Bistum Münster gehört, für sich selbst keine Perspektive mehr im „klassischen Pfarramt“ sieht, diese Tatsache stellt ja auch die Frage an mich (und alle Kollegen): „Warum machst Du eigentlich noch weiter?“ 

Doch zunächst einmal die Zitate aus der langen Erklärung von Pfarrer Frings, die mich besonders angerührt haben: 

„...an diesem Wochenende habe ich den Gemeindemitgliedern mitgeteilt, dass ich auf meinen Wunsch hin … als Pfarrer entpflichtet und als Priester beurlaubt werde. Ich werde weiterhin Priester bleiben... 
An allen Orten, an denen ich als Priester wirken konnte, war ich so, dass ich auf nichts anderes gewartet habe. Innere und äußere Umstände führten zu einer hohen Zufriedenheit. … Aber es stellt sich mir verstärkt die Frage: Wofür lebe ich?
... Solange ich lebe, kenne ich nur eine schwindende Zahl bei den in der Kirche Aktiven und eine wachsende bei den Kirchenaustritten. Die Reaktionen auf dieses Phänomen sind bei Kirchenleitung, Gemeindeleitung und in den Gemeindegremien sehr ähnlich. Gemeinden, Seminare und Klöster werden geschlossen oder zusammengelegt, um dann meist das Bisherige weiterzumachen. 
Als ich 1980 mit dem Studium begann hieß es, die Nachwuchszahlen gehen bergauf. ... Inzwischen steuern die Eintrittszahlen in den Seminaren mancherorts auf eine Null-Linie zu. Wir gestalten die Zukunft von Kirche in den Gemeinden immer noch nach dem Modell der Vergangenheit. ...
Es besteht bei den Antworten auf die Fragen, die sich uns in dieser Umbruchszeit stellen, kein Konsens. Hinsichtlich des Pastoralplans für unsere Gemeinde kam auf die Frage „Was wünschen sie sich für die Zukunft?“ auch die Antwort „Das alles wieder so ist wie vor 30 Jahren“. Diese Antwort halte ich für die ehrlichste, die mehrheitsfähigste und eine, die ich sogar nachvollziehen kann. Und doch ist es diejenige, deren Wunsch am unwahrscheinlichsten in Erfüllung gehen wird. In was für einem Dilemma befinden wir uns, wenn Wunsch und Wirklichkeit so eklatant im Widerspruch stehen?
Unsere zahlreichen Kindergärten und Schulen werden als Chance der Glaubensverkündigung gesehen. Ist diese Hoffnung in den letzten Jahrzehnten in Erfüllung gegangen? ... Wurden die Erwartungen der letzten Jahrzehnte erfüllt, als wir auf noch mehr Erzieher/innen zurückgreifen konnten, die eine Glaubenspraxis kannten und lebten?
Was sich unter dem Begriff ´Caritas´ herausgebildet hat, ließ der Kirche lange Zeit höchsten Respekt zukommen. Das soziale Engagement war eine gute Begründung für eine Kirchenmitgliedschaft. Die letzten Umfragen haben gezeigt, dass die Menschen Caritas und Kirche kaum mehr zusammen sehen. ...
... Entwickelten sich die Modelle der begleitenden Katechese in einer Zeit, in der sie als Ergänzung zum Besuch der Sonntagsmesse verstanden wurden, so stehen sie heute an ihrer Stelle. Begründet wird das Festhalten an diesem Modell mit der Hoffnung, dass die Saat eines Tages aufgehen werde. Die erste Generation, von der man das erhoffte, kommt ins Rentenalter und tritt vermehrt aus der Kirche aus, wie die letzten Austrittszahlen zeigten. 
Die Glaubenspraxis der Menschen hat sich geändert, aber das Kirche sich an dieser Stelle nicht verändern darf, da sind sich Fernstehende und Verantwortliche einig wie selten. Die Einen wollen nicht die Tradition und die Anderen nicht die Hoffnung aufgeben. 
Wir haben den Satz ´Die Menschen da abzuholen wo sie stehen´ gelernt umzusetzen. Jetzt müssten wir noch den Umstand akzeptieren, dass immer mehr Menschen gar nicht dahin wollen, wo wir sie hinführen möchten, nämlich zur Mitfeier dieser Sakramente. 
...Ich bin kein Verfechter des ´heiligen Restes´, wohl aber eines mutigen Abschiednehmens vom Gewohnten, auch wenn es Ärger gibt. Ermöglichen wir allen alles, aber sagen wir auch, was das kostet, und zwar nicht nur an Kirchensteuern, sondern auch im Leben, am Werktag wie am Sonntag. Uns kann das Mitglieder kosten, aber das tut die jetzige Praxis auch. Vielleicht gewinnen wir aber auch Menschen und an Glaubwürdigkeit. Das Risiko ist es mir wert.
Ich feiere mit Freude die Messe, am Sonntag wie am Werktag. … Dennoch wächst der Spagat zwischen den immer seltener im Leben der Menschen stattfindenden Gottesdienste (Hochzeit, Taufe, Erstkommunion, Firmung, Beerdigung, Jubiläum, Weihnachten) und der inneren Gestimmtheit dafür, dem Grundgerüst, das man zum Mitfeiern vielleicht braucht. ...
Foren, Synoden, Umfragen, Erhebungen, Untersuchungen, Dialoge, Beratungen, Pläne – all das sind notwendige Aktionen angesichts der aktuellen Probleme. Viele Gespräche und Überlegungen bringen Erkenntnisgewinn. Dennoch fällt die Bilanz ernüchternd aus, hat sich doch am Bedeutungsverlust vom in der Kirche gelebten Glauben nichts geändert...
Wir sind Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, auf die wir nur einen marginalen Einfluss haben. ...
Seit der Gemeinschaft der Apostel hat es nie eine ideale Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu gegeben. Es ist jedoch ein Unterschied, ob diese Gemeinschaft sich ausbreitet, Gemeinden gründet, Kirchen baut und Gesellschaft beeinflusst oder ob man Zeit seines Lebens einen Konsolidierungsprozess erfährt, in dem gleichzeitig die Servicementalität wächst. Ich erlebe einen ununterbrochenen Rückzug. Alle Korrekturen sind schon mit einem Verfallsdatum oder Fragezeichen versehen und mir fällt es zunehmend schwer, mich in diesem Kontext zu engagieren. ...
Alles bisher Gesagte klingt nach Veränderung und Entschiedenheit. Dies ist aber etwas, das man nicht von Anderen erwarten sollte - vielleicht nicht einmal von einer so alten und noch immer in Zahlen großen Kirche wie der Unsrigen. Erwarten darf man das letztlich nur von sich selber!
Mir ist die Perspektive abhanden gekommen, angesichts der Entwicklung und der Aussichten. ... Die Strukturveränderungen habe ich aus Überzeugung mitgetragen. Eine Erneuerung habe ich davon nicht erwartet und würde ich auch von Veränderungen wie z.B. bei der Zulassung zum Priesteramt nicht erwarten.
Es ist auch nicht so, als ob ich wüsste, wie der Weg in die Zukunft für Kirche und Gemeinden auszusehen hat. ... Ich werde gehen und suchen. 
Mit aller Klarheit und Deutlichkeit sage ich am Ende dieser Stellungnahme, dass ich niemandem einen Vorwurf mache. ...
Meine Bewunderung gilt allen, die in den Gemeinden in dieser Zeit aktiv bleiben. ...“

Diese Worte gehen mir in dieser Woche nach und sie werden auch den Priesterrat im Bistum Münster aktuell beschäftigt haben, das Gremium, dessen Sprecher Pfr. Frings ist (war). Wenn ich die Reaktionen richtig mitbekomme: Die Erklärung ist weitgehend mit Respekt aufgenommen worden und zwar quer durch das Spektrum der Kirche. Kaum eine hämische oder spöttische Reaktion (mal abgesehen von der dämlichen Zuspitzung auf Helene Fischer in Focus und BILD). Etwas schmunzeln musste ich über einige unentwegte Tradis, die natürlich gleich die richtige Antwort parat hatten: nicht 30 Jahre zurück ist der richtige Schritt, nein es müssen mindestens 60 sein, also zurück zur „Tridentinischen Messe“ und zur alten Kirchenzucht! Aber so einfach kann die Antwort nicht sein, denn dann sähe man durchaus blühende Kircheninseln dort, wo die Vergangenheit konserviert wird. Ja, liebe Tradi's – ich sehe wohl, dass es durchaus muntere altrituelle Gemeinden und Aktivitäten gibt. Aber um den Preis eines Aderlasses der Feld-/Wald- und Wiesengemeinden. Es gibt auch andernorts beachtenswerte Aufbrüche, aber von einem Weg für die ganze Kirche, von einem Aufbruch in diese oder jene Richtung ist noch weit und breit nichts zu sehen. Aber kann dieses „zurück“ zur „guten alten Zeit“ ein Weg in die Zukunft sein, auch wenn er hier und da Erfolge zeitigt?

Alles klingt nach „Veränderung und Entschiedenheit“, wie Pfr. Frings zu Recht feststellt! Doch selbst in seiner eigenen Gemeinde, mit mutigen Aufbrüchen (z.B. in der Erstkommunionvorbereitung) kommt manches Ermunternde und manches Enttäuschende dabei rum. Die Vision, das Aufblühen einer neuen Glaubenskultur ist kaum erkennbar. Es wächst noch manches Unkraut unter den Getreidehalmen. Und ich fürchte, wir können nicht viel mehr tun, als dieses Durcheinander geduldig zu ertragen, denn wer das Unkraut ausrauft, wird auch die Ähren schädigen. 

Es stellt sich die Frage nach einer Kirchenvision. Derer gibt es sicher die ein oder andere. Aber bis heute keine gemeinsame Vision, eine, die Getaufte, Gefirmte, Beauftragte und Geweihte zu einer Jüngerschaft zusammenschweißt. Kardinal Woelki schreibt in seinem aktuellen Hirtenwort zur Fastenzeit 2016: „Doch ohne eine gemeinsame Vision sind weder Aufbruch noch Weitergehen möglich. Neue Wege entwickeln nur dann eine Überzeugungskraft, wenn sie von einer Vision geleitet sind, die möglichst viele Menschen teilen.“ Der Kölner Kardinal verweist auf Abraham, der auf Gottes Ruf hin ins Ungewisse aufbricht, und stellt fest: „Auch heute spüren wir, dass die augenblickliche Form unseres Kirche-Seins vielerorts nicht mehr passt. Wir sehen das unter anderem daran, dass von ihr nur noch eher selten eine wirklich prophetische Kraft ausgeht, dass sie unseren eigenen Glauben nicht mehr ausreichend nährt und uns darum kaum noch missionarisch und evangelisierend sein lässt.“ Eine bemerkenswerte und schonungslose Analyse. 

Spannend ist, dass ein nicht unwesentlicher Teil dieses lesenswerten Hirtenwortes sich dem Einsatz für das Priestertum widmet. „Grundlegend ist dabei die Rückbesinnung auf die je eigene Berufung. Denn es erfordert tiefes Gottvertrauen, gewohnte Dinge zu lassen oder Ungewohntes zu tun.“ Bei aller Sympathie für die an und für sich völlig richtigen Gedanken; doch hier möchte ich widersprechen. Grundlegend ist die Besinnung auf die gemeinsame Berufung, Jünger Jesu Christi zu sein, in unterschiedlichen Diensten, Ämtern und Verantwortlichkeiten. Vermutlich mühen wir uns heute noch allzu sehr um Struktur und Hierarchie der Kirche.  

Ich bin keinesfalls dafür, das Priesteramt zu nivellieren. Wir brauchen Priester, unbedingt! Aber zur Zeit ist das priesterliche Charisma der Leitung mir zu stark ein „Charisma“ der Bestimmung und der Allverantwortlichkeit. Das frisst an der priesterlichen Berufung. Ein Priester muss nicht die Strippen ziehen beim Bau eines Pfarrheims. Er muss auch nicht Chef von Hunderten von Mitarbeitern sein. Es baut die Kirche nicht auf, wenn Priester und Bischöfe für jedes noch so weltliche Detail „Letztverantwortung“ übernehmen. Der Priester sollte dagegen derjenige sein, der durch Verkündigung und Sakramentenspendung eine innere Struktur in seine Gemeinde bringt, eine Struktur, die die Gemeinde zusammenhält und ihr ein Rückrat verleiht. Priester sollten – gemeinsam mit anderen Getauften ein spirituelles Netzwerk aufbauen, an das sich zahlreiche christliche Initiativen anknüpfen können und das pastorales Handeln durch die Getauften ermöglicht. 

Wie kommt es eigentlich, dass bei allen „Reformüberlegungen“ die Sorge um das rechte Verständnis des Priestertums sofort oben auf der Agenda steht? Als Kirche haben wir Zeiten überlebt, in denen ein greiser Papst seine Amtsführung einem „Kardinalnepoten“ überließ und wo Bischöfe, die nicht einmal eine Weihe empfangen hatten, gleich mehreren Bistümern vorstanden. Beispiele dieser Art, wo die Amtsführung der Priester sich sehr weit von seinen Idealen und Grundlagen entfernte, finden sich in der Geschichte zu Hauf. Da ist mir unter den Bedingungen der heutigen Zeit um die Zukunft des „besonderen Priestertums“ nicht bange. Auch der Kartäusermönch in seiner Zelle ist Priester. Es mangelt ihm nichts! Das „Priestertum des Dienstes“, wie Kardinal Woelki ein Wort des 2. Vat. Konzils zitiert, trägt ein stabiles Identitätspotential in sich. Was Priester heute „verunsichert“ ist nicht ein bröselndes Priesterbild, es sind die Umstände, unter denen sie Dienst tun müssen. 

Aber zurück zur „Strukturvision“. In dieses Netzwerk eingewoben sollten Klöster und geistliche Gemeinschaften sein, die nicht nur für sich leben und beten, sondern je nach ihrem Charisma auch die Gemeinde aufbauen und die Christen untereinander vernetzen. Dazu tragen auch streng kontemplative Gemeinschaften in bemerkenswertem Maße bei. 
(Es scheint mir bezeichnend, dass Pfr. Frings ausgerechnet ein Kloster für seine (vorübergehende) Auszeit wählt und mit den Worten schließt: „Ich möchte an anderer Stelle für sie und alle Menschen glauben, beten und leben.“)
In ein solches Netzwerk eingebunden, sollte auch eine Gemeinde der Petrusbruderschaft, eine charismatische Gruppe oder eine Gemeinde des Neokatechumenats als Teil eine Ganzen bereit sein zum selbstlosen Dienst im Auftrag Jesu Christi. Damit meine ich u.a. die Bereitschaft, die Menschen nicht für sich zu gewinnen, sondern auszusenden und auch weiterzuschicken, bis sie die Quelle finden, aus der das reine Wasser des Evangeliums sprudelt. Allzu sehr wollen wir noch alles für uns festhalten. Unseren „tollen“ Pastor (der nicht wechseln darf), unsere Jugendgruppe, meine KAB, unsere Pfarrbüroöffnungszeit, ... Welcher Schaden da manchmal angerichtet wird, wenn so viele Kräfte in Kampf und Streit investiert werden, davon können manche (Bistums-)Verantwortliche ein Liedchen singen.

Unsere Priester müssen „Geistliche“ im wahren Sinne sein können. Sie müssen die Chance bekommen, eine Lebensform für sich zu entwickeln, wo sie auch Zeit zum Auftanken, zum Gebet für die ihnen anvertrauten Menschen, zur festlichen und feierlichen Liturgie haben. Sie brauchen die Eingebundenheit in Gemeinschaften von Menschen, die sie tragen. Da kann ich mir Ordensleute vorstellen, Alleinstehende und Verheiratete. Das wird neue Schwierigkeiten und Konflikte mit sich bringen, wie immer, wenn Menschen miteinander leben. Aber das wird auch glaubwürdig in die Welt ausstrahlen, denn die Getauften kennen all dies aus dem eigenen Leben. 

Wir müssen als Christen Formen des intensiven Gemeinschaftslebens entwickeln, die aber nicht exklusiv sind. Sie müssen Raum lassen für Andere, Raum und Offenheit für neue christliche, pastorale Initiativen, Raum für Menschen, die auftanken wollen oder einfach nur Obdach für Leib und Seele brauchen. Und diese kleinen Gemeinschaften, die auf unterschiedliche Weise Leben und Glauben teilen (auch unterschiedlich eng und intensiv) brauchen eine spirituelle Vernetzung untereinander. Sicher kann man hierfür ein Konzept und Ideen entwickeln, wie ein Miteinander über „Pfarreigrenzen“ hinweg möglich sein kann. Natürlich braucht all das auch Verbindlichkeit und „Visitation“. Vom Ordensleben können wir auch für die allgemeine Seelsorge manches lernen. 

Natürlich sind auch Priester denkbar, die allein, zölibatär in ihrer Gemeinde leben und arbeiten und auch auf diese Weise inspirierende Kraftquelle sind. Die Menschen, auch die Priester, sind verschieden. 

Um die zahlreichen, nicht priesterlichen Arbeitsfelder kümmern sich demnächst vielleicht unterschiedliche Leute, die im Team organisatorische Aufgaben übernehmen, sich um Kirchen, Kindergärten und Versammlungsräume bemühen. Es ist wichtig, dass die Kultur der Mitverantwortung gestärkt wird, die u.a. auch durch die bequeme Kirchensteuerfinanzierung abgenommen hatte. So konnte man bisher alle Verantwortlichkeit an die abgeben, die auch die finanzielle „Macht“ in den Generalvikariaten an sich gezogen hatten. 

Bei den weiter sinkenden Priesterzahlen (die ja mit sinkenden Zahlen bei den Ordensleuten, den pastoralen Mitarbeitern und bei den Gläubigen einher gehen), werden wir eine ganz neu Organisationsform kirchlichen Lebens entwickeln müssen. Wir brauchen eine tragfähige „Alltagsstruktur“ in der kath. Kirche, die sie Säulen des Gemeindelebens in Gemeinschaft und Liturgie, Verkündigung und Caritas sichert, notfalls auch ohne die Mitwirkung von Priestern. Und wir brauchen so etwas wie eine „Sonntagsstruktur“, die es den Menschen ermöglicht, mit den Priestern und notfalls mit Gottesdienstbeauftragten den Herrentag zu feiern in der Eucharistie, damit diese Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens sein kann. Wie kann das gehen, wenn die Zahl der Priester schneller sinkt als die Zahl der Gemeinden und Gottesdienstorte? Welche liturgischen Formen sind möglich und nötig, wenn an einem Sonntag einmal keine Eucharistie gefeiert werden kann? 

Aber selbst wenn das gelänge: Keine Kirchenreform wird die Gesellschaft in Europa umkrempeln. Besonders zwei Aspekte machen mir große Sorge: das scheinbare "Verschwinden" Gottes und die Individualisierung.

Gerade las ich einen Text von Pastor Wilhelm Kolks aus Spellen über die Gemeinden in Ghana. Dort heißt es: „Das einzige, was die Christen in Ghana nicht verstehen ist, wenn jemand nicht an Gott glaubt.“ Auf dieser Voraussetzung beruhte die mehr oder minder glorreiche und erfolgreiche Kirchengeschichte bis in unsere Zeit. Darauf baut auch die große Chance der Kirche in Afrika und Asien. Aber diese Voraussetzung schwindet in Europa mehr und mehr. Es gibt bei uns eine spürbare Gotteskrise. Zahlreichen Menschen fehlt nichts, wenn ihnen Gott fehlt. Doch damit fehlt uns der fruchtbare Boden, fehlen uns die Möglichkeiten, mit unserer Botschaft bei den Menschen anzuknüpfen. Alle Reformen, Millionen kreativer Ideen und menschennahe Gottesdienste haben es nicht vermocht, den schleichenden Auszug Gottes aus dem Leben der Menschen aufzuhalten. Auf die Verkündigung des Evangeliums erfolgt kein kraftvolles Echo mehr. 

Über die Gründe kann man vielfältig spekulieren. Und es ist wirklich zum Verzweifeln. 

Ich glaube auch nicht, dass der Heilsweg darin liegen kann, uns an Sprache und Stil „der Welt“ anzupassen, aus den Gottesdiensten Events zu machen, mit hohem Aufwand an Technik und Kreativität unsere Verkündigung auf die Höhe des medialen Zeitalters zu hieven. 

Wir brauchen eine Verkündigung und eine Kirche, die mit einfachen aber ehrlichen Mitteln und Worten auskommt. Wir müssen liturgische Formen für den Alltag finden, wo die Menschen sich aufgehoben und daheim fühlen. Wo sie ihr Versagen eingestehen dürfen, ohne „verprügelt“ zu werden, wo sie ihre Dankbarkeit lassen können; wo sie ihre Sorgen und Bitten abladen und Trost erfahren. Wo sie sich in Gemeinschaft geborgen fühlen oder einen Raum für Stille und Gebet eröffnet bekommen. Ich fürchte, es hilft nicht, wenn man sie mit einem hohen Ideal konfrontiert und einem unerreichbar reinem, christlichen Leben. Da spricht mich das Bild von Papst Franziskus an, die Kirche sei ein „Feldlazarett“. Was sicher nicht bedeutet, dass nur lauter Verwundete und vom Leben Zerschlagene dort „auftanken“ dürfen. Diejenigen, die vom Leben beschenkt wurden (weil vieles „glatt“ lief) stärken in solchen Gemeinden diejenigen, die es schwer hatten. 

Wir brauchen eine lebendige Vielfalt an Gottesdiensten und rituellen Formen. Und wir müssen für die Sakramente einen Weg finden, sie an diejenigen zu spenden, die ihrer bedürfen und die aus ihnen Kraft empfangen. Das Potential der Sakramente könnte gewaltig sein. Das spüren wir doch durchaus auch dann, wenn die Menschen heute kommen, um aus Traditionsbewußtsein die Kinder zu taufen, sie zur Kommunion zu führen; die Firmung zu empfangen oder den Bund für's Leben schließen. Wann immer wir die Suche nach Gott in ihnen entdecken, sollten wir durch Verkündigung, Ritual und Sakrament einen weiteren Schritt nach vorn auf diesem Glaubensweg ermöglichen. Was spricht dagegen, auch diejenigen liebevoll zu begleiten, die im Glauben den „guten alten Zeiten“ verbunden sind, ob diese nun 30 oder 60 Jahre zurück liegen? Dass heute noch Leute zu uns kommen, weil man halt den kirchlichen „Service“ beanspruchen möchte, dafür tragen wir mindestens so viel Mitverantwortung wie die Menschen selbst. 

Auch wenn ich hier einige Linien einer Kirchenvision entwickelt habe, bleibe ich skeptisch mit Blick auf offensichtliche Erfolge „neuer Modelle“ der Gemeindewerdung und Organisation. Die Großpfarreien sind ein Versuch, auf schwindende Recourcen zu reagieren, ein Mangel, der sich vor allem im Mangel an überzeugten und engagierten Christen äußert, vom Kind als Messdiener über das Kirchenvorstandsmitglied, den Pastoralreferenten und die Ordensfrau bis hin zum Priester. Natürlich sind diese Strukturveränderungen notwendig, aber trotz aller Mühen noch lange kein Aufbruch. 

Das aus Afrika und Asien inspirierte und vielversprechende Modell der kleinen geistlichen Gemeinschaften hakt für mich in Europa an den oben genannten Problemen; zunächst am Schwinden des Gottesglaubens an sich;  am geringeren Stellenwert Gottes im Leben der Menschen heute (Gott ist eine Randerscheinung geworden, gefragt in positiven wie negativen Extremsituationen, er ist nicht mehr Begleiter in allen Lebenslagen des Alltags), kaum jemand stützt seinen Lebensentwurf auf die Existenz Gottes. Mag das in dieser Schärfe auch lange nicht bei allen Zeitgenossen zutreffen, so ist es doch eine erfahrbare Tendenz. Vielleicht liegt unsere Aufgabe darin, Zweifel an der Abwesenheit Gottes zu wecken, die allzu Satten und Beruhigten zu verunsichern und das „Gottesgerücht“ wach zu halten. Dass wir selbst – trotz aller Zweifel – glauben, dass es Menschen gibt, die ihr Leben auf die „Karte“ Gottes setzen und trotzdem mitten im Leben stehen, das könnte ja durchaus dazu beitragen.

Ein zweites großes Hindernis dürfte in der Tatsache liegen, dass unser „modernes“ Leben sehr stark auf Unabhängigkeit und Autonomie, auf Freiheit des Einzelnen setzt. Das wirkt dem kirchlichen Wunsch nach Gemeinschaftsbildung diametral entgegen. Die Verbundenheit in größere Gemeinschaften hinein schwindet und schwindet. Davon kann jeder Vereinsvorsitzende ein Liedchen singen. Die grassierende „Politikverdrossenheit“ ist auch ein Symptom dieser Entwicklung. Die Identifikation mit dem Stadtteil, dem Dorf, einem Verein, einer „Schulgemeinde“ und letztlich auch einer Kirche und einer Gemeinde sinkt bzw. wird im Konfliktfall leichter aufgegeben.  Niemand möchte sich binden, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. 

Gleichzeitig stelle ich durchaus eine Sehnsucht nach Gemeinschaft fest, die dem Menschen eingeschrieben scheint. Ziel dieser Sehnsucht ist heute stark die Kernfamilie und evtl. noch der engste Freundeskreis. Es ist interessant, was hier für durchaus kluge Sehnsuchtstexte in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Allzu oft aber blenden diese aus, dass der Wunsch nach tragfähiger Gemeinschaft auch einen Preis hat, dass es eigenes Engagement erfordert, Investitionen ... und dennoch keine Garantie bietet, dass die Gemeinschaft auch trägt. Daher bekommen verwandschaftliche Bande heute wieder eine starke Bedeutung, weil diese nicht so leicht gekappt werden können. Wird es uns als Kirche gelingen, um die Botschaft Jesu herum, zweckfreie und tragfähige Gemeinschaften aufzubauen? Und das inmitten einer Dienstleistungsgesellschaft, wo sich alles kaufen lässt, auch der „kirchliche Dienst“? Dennoch: uns ist der Hl. Geist verheißen, die göttliche Kraft die Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenführt. Viele Menschen heute vermissen tragfähige Gemeinschaft, vielleicht gelingt es tatsächlich, diese unter der Führung des Hl. Geistes neu zu begründen. 

Ich bin zwar skeptisch, aber nicht hoffnungslos! 

Wesentlich dürfte für die Zukunft sein, dass die Evangelisierung und Mission, die Weitergabe der Botschaft Jesu Vorrang bekommt vor dem Erhalt von Strukturen und Traditionen der Kirche. Wir verkündigen in erster Linie Jesus Christus, nicht eine bestimmte Kirchengestalt. Da „Tradition“ ein Reizwort darstellt, möchte ich auf die Unterscheidung Yves Congars hinweisen, es gibt die „kirchliche Tradition“ und „zeitgebundene Traditionen“.  Das macht natürlich die Gestalt der Kirche nicht willkürlich, im Gegenteil. 

Kardinal Woelki hat schon recht; es bleibt uns Christen nichts Anderes, als „Volles Risiko“, ein Aufbruch im Nebel in eine ungewisse Zukunft, wie es auch – mit Blick auf Abraham – im Hebräerbrief beschrieben wird. „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land … und er zog weg, ohne zu wissen, wohin der kommen würde...“

Beim Lesen des Textes von Thomas Frings, kam mir sofort ein Lied von Hannes Wader in den Sinn, dass ich hier zitieren möchte, auch wenn es aus einer anderen Kultur als der Christlichen stammt. Die ursprünglichste Version lehnt sich an ein Gedicht von Ferdinand Freiligrath an: 

Das war ´ne heiße Märzenzeit, 
Trotz Regen, Schnee und alledem! 
Nun aber, da es Blüten schneit, 
Nun ist es kalt, trotz alledem! 
Trotz alledem und alledem- 
Trotz Wien, Berlin und alledem, 
Ein schnöder scharfer Winterwind 
Durchfröstelt uns trotz alledem! 

Die Waffen, die der Sieg uns gab, 
Der Sieg des Rechts trotz alledem, 
Die nimmt man uns sacht wieder ab, 
Samt Pulver, Blei und alledem! 
Trotz alledem und alledem- 
Trotz Parlament und alledem, 
Wir werden unsre Büchsen los, 
Soldatenwild, trotz alledem! 

Heißt gnädiger Herr, das Bürschlein dort, 
Man sieht´s am Stolz und alledem! 
Und lenkt auch Hunderte sein Wort, 
Es bleibt ein Tropf, trotz alledem! 
Trotz alledem und alledem- 
Trotz Band und Stern und alledem, 
Ein Mann von unabhäng´m Sinn, 
Schaut zu und lacht trotz alledem! 

Und wenn der Reichstag sich blamiert, 
Professorhaft trotz alledem! 
Und wenn der Teufel reagiert, 
Mit Huf und Horn und alledem! 
Trotz alledem und alledem- 
Es kommt dazu trotz alledem, 
Daß rings der Mensch die Bruderhand 
Dem Menschen reicht trotz alledem!“

Trotz alledem und alledem... Ich denke, es wäre jemandem – der lyrisch mehr drauf hat als ich – leicht möglich die Situation der Kirche in Europa heute in diesem Versmaß und zu dieser Melodie zu besingen...

Trotz alledem und alledem, 
geb ich nicht auf, trotz alledem. 
Der Herr steht immer wieder auf, 
in seiner Kirch', trotz alledem.

Für die Freunde der Dicht- und Sangeskunst zur Inspiration hier drei Fassungen des "Trotz alledem" gesungen von dem wunderbaren Hannes Wader: www.youtube.com/watch?v=mRWkvQEmspg

Eine alternative Fassung desselben Sängers (keineswegs altersmilde): www.youtube.com/watch?v=icQM1zhwuaE

Diese Fassung fällt ausgerechnet in die Zeit des 2. Vaticanums: 

Hier der vollständige Text von Pfr. Frings: 

Hier das Hirtenwort zur Fastenzeit von Kardinal Woelki: 

Samstag, 9. Januar 2016

Zerreißt der „dünne Firnis der Zivilisation“ oder bröselt „der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält“?

Man braucht schon ein „hartes Herz“ und eine „dicke Haut“, um auszuhalten und anzuschauen, was in Syrien, im Irak und kürzlich auch mitten in Europa, mitten in Paris geschah und weiterhin geschieht. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber eigentlich ist es kaum auszuhalten: das Leiden der Opfer und die Brutalität und Bestialität der Täter.

Wer ist stark genug, wirklich mit den Opfern zu leiden? Ihr Leid an uns herankommen zu lassen und oft genug hilflos zu bleiben, weil man, weil ich so wenig tun kann. „Euer Herz verhärte sich nicht...“ sagt die Bibel, aber jede(r) von uns entwickelt doch solche Strategien, um sich inmitten einer unheilen Welt gegen die vielen Bilder des Leidens abzuschotten. Ob ein Stück der „vergangenen heilen Welt“ vielleicht auch im Mangel an Bildern, Filmen, Informationen begründet liegt?

Was macht das eigentlich mit uns?

(Vielleicht ist hier eine Entschuldigung angebracht, dass ich dem Gequatsche und Gefasel dieser Tage zum Thema Silvesternacht und die Folgen noch welche hinzufüge. Zur allgemeinen Einordnung: Ich bin Blogger und damit vermutlich "Rechtskatholik" und Gutmensch und damit hoffnungslos naiv. Irgendwo dazwischen wird die Wahrheit liegen, vielleicht bin auch auch einfach Beides. Wie auch immer, es hat mir geholfen eine Sammlung von Gedanken aufzuschreiben. Vielleicht lohnt sich die Lektüre ja für den ein oder anderen, dann wäre ich schon zufrieden.)

Und was macht das eigentlich mit denen, die unmittelbar betroffen waren, die selbst Opfer der Gewalt wurden – und heute zu uns fliehen. Eine Million von ihnen lebt heute mitten unter uns. Wie gehen sie um mit den Erfahrungen einer Welt, in der über lange Zeit das Gesetz des Terrors und des Krieges herrschte? Kann man – dem entkommen, einigermaßen unbeschadet in Europa neu anfangen? Oder wie sehr hat die zerrüttete Gesellschaftsordnung zu Hause auch die innere Orientierung selbst zerrüttet? Und wer trägt dann eigentlich die Schuld und die Verantwortung?

In Köln – aber auch in anderen Städten - hat es in diesen Tagen unerträgliche Übergriffe gegenüber jüngeren und älteren Frauen gegeben. Verbunden wurden diese sexuellen Übergriffe mit Diebstählen. Dass jemand klaut, das kann man ja noch verstehen, aber die Menschen- und Frauenverachtung von Taten dieser Art schockiert. Beteiligt – und wenn nur durch Herum- und Dabeistehen, wegsehen und unterlassene Hilfe waren zahlreiche (mancher spricht von 1.000, mancher spricht von 2.000 Personen) Männer, viele von Ihnen (aber nicht alle) Zuwanderer aus Nordafrika und dem nahen und mittleren Osten. Besonders verstörend: offensichtlich waren es nicht nur Mitglieder krimineller Jugendbanden, sondern u.a. auch frisch eingereiste Asylbewerber aus verschiedenen Flüchtlingsunterkünften.

Mancher von Ihnen wird vor einigen Wochen noch mit einem „Willkommen“ - Schild am Bahnhof begrüßt worden sein. Viele der Anwesenden sollen – entgegen den Weisungen ihres Propheten – stark alkoholisiert gewesen sein. Angesichts dessen kann es niemanden beruhigen, wenn „nur“ 100 Leute wirklich strafbare und strafwürdige Handlungen begangen haben.

Unglaublich viel ist in diesen Tagen zu diesen Ereignissen und Verbrechen gesagt worden. Leider aber viel zu wenige Worte der Anteilnahme und des Bedauerns. Ich hätte eigentlich erwartet, dass die Polizeiverantwortlichen und die politisch Verantwortlichen, die Vertreter der Stadt, der Bahn, der Politik und der Sicherheitskräfte überzeugend die betroffenen Frauen um Vergebung bitten und jede Hilfe anbieten, mit den traumatisierenden Erlebnissen fertig zu werden. Noch ist nicht klar, wer außer den Tätern alles Verantwortung trägt und Schuld auf sich geladen hat. Aber Gesten der Anteilnahme und des Bedauerns, dass es nicht gelungen ist, die Übergriffe zu verhindern hätte ich viel klarer erhofft. Die (eher etwas unverdienten) Prügel für ein verunglücktes Wort der Kölner Oberbürgermeisterin ist für mich ein Ausdruck davon, dass vielen Menschen die Solidarität mit den Opfern zu kurz kam.

Bricht sich eigentlich ein Polizeipräsident einen Zacken aus der Krone, wenn er – ohne in Rechtfertigungen zu verfallen – zunächst bekennt: „Es tut mir persönlich in der Seele weh, dass es mir und meinen Kollegen nicht möglich war, sie in dieser Nacht vor diesen Männern zu schützen.? Bitte verzeihen Sie uns! Wir werden uns in den nächsten Tagen absolut auf die Hinterbeine setzen, um die Täter zur Verantwortung zu ziehen!“

Viel wird in diesen Tagen darüber spekuliert, was Menschen, die in unserem Land Schutz suchen oder zu Gast sind, zu einem derartigen Verhalten gebracht hat.

Da wird der Alkohol bemüht, der Islam muss herhalten, das „Frauenbild“ der jeweiligen Länder und manches mehr. Aber, welche Erklärung wir auch finden, keine wird die gesamte Motivationslage angemessen darstellen. Vermutlich bekommt man nur dann Antworten, wenn man die einzelnen Personen und ihre Schicksal in den Blick nimmt. Aber, im Grunde interessiert mich viel eher, wie man die Personen dazu bringt, sich angemessen und sozial verträglich zu verhalten. Wie sie zu Verbrechern geworden sind, möchte ich gar nicht wissen. Und wenn es eine Möglichkeit gibt, sie loszuwerden, würde ich dem nicht im Wege stehen wollen.

Ein Unwohlsein aber bleibt auch dann, denn das Verbrechen, das Böse geht davon nicht weg. Ein Taschendieb weniger in Köln könnte ein Taschendieb mehr in Algier oder Tunis sein. Die Welt wird hierdurch kein besserer Ort; allenfalls halten wir uns die böse Welt vom Leibe. So wie es viele tun, die von „geschlossenen Grenzen“ träumen und meinen, alle Freuden und Vorteile der Globalisierung genießen – aber ihre Schattenseiten exportieren oder „außen vor halten“ zu können.

Viele Zuwanderer, auch solche, die längst Deutsche sind, ahnen in diesen Tagen, wie sehr die Ereignisse der Silvesternacht das Miteinander in diesem Lande beeinträchtigen wird. Die Verbrechern weniger, die leider als Menschenmasse auftraten, werden nachhaltige Folgen für die Mehrheit derer haben, die froh und glücklich sind, dass sie hier leben und arbeiten dürfen, dass sie hier Schutz und Sicherheit genießen. Ich fürchte sogar, die Vorfälle werden Menschenleben kosten, denn sie werden bewirken, dass eine Flucht nach Deutschland gerade für die Armen und Schwachen unter den Opfern von Diktatur, Terror und Gewalt immer weniger möglich sein wird.

Für die Ausländerfeinde und Flüchtlingsskeptiker in unserem Land hätte es nicht besser laufen können. Mit zunehmender Freude schreiben sie ihre widerliche Genugtuung „RECHT GEHABT zu haben“ ihren Kritikern und allen sogenannten Gutmenschen ins Stammbuch. Als wenn es nicht nach wie vor noch die Mehrheit der Flüchtlinge ist, die sich besser verhalten, als jeder Knigge es fordern würde. Selbst derjenige, der die Problematik der großen Flüchtlingszahlen immer mit dem Realismus gesehen hat, dass auch Flüchtlinge nicht alles gute Menschen sind, kann sich der Flut selbstgerechter Angriffe nur mit Mühe erwehren. Hier wird ein Gift in unsere Gesellschaftsordnung injiziert, dessen Wirkung erst in einigen Jahren zu Tage treten dürfte.

Besonders ärgerlich ist, dass es diesen Leuten nicht reicht, bei der Wahrheit zu bleiben und bei der durchaus traurigen Realität. Nein, es wird aufgebauscht und gepushed was das Zeug hält. Selbst gestandene Politiker zücken das Wörterbuch des AFD- und Pegida-Sprechs und reden von Schweigekartellen und Vertuschung, wo allenfalls Unsicherheit, Unbeholfenheit oder Fehler zu konstatieren wären.

Die Kölner Medien hatten umfassend und unmittelbar nach den Vorfällen berichtet, schon am 1. Januar war mir klar, dass da etwas geschehen war, was uns noch lange beschäftigen und verstören würde. Ich erinnere mich deshalb so gut, weil meine eigene Tochter an dem Tag noch am Hauptbahnhof in Köln gewesen war. Gut, ich hatte auch den Vorteil im Verbreitungsgebiet von KSTA und Express Urlaub zu machen! Als dann Schritt für Schritt klarer wurde, dass Verbrechen begangen wurden, die bis dato unvorstellbar waren sprangen auch die überregionalen Medien an. Das war sicher keine Sternstunde des Journalismus (aber ehrlich gesagt ist die Qualität mancher Berichterstattung und die vieler Schlagzeilen auch bis heute noch keine solche).

Interessant ist sicher die Frage: Was muss nun geschehen? Vorschläge gibt es ja genug und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Projekte fallen mir ein, die man anpacken könnte, ohne die detaillierte Aufklärung der Silvesternächte in Köln und Düsseldorf, Helsinki und Stuttgart, Frankfurt und Weil am Rhein abzuwarten:

  • Wir brauchen eine breite Debatte – gerade auch mit Menschen aus anderen Kulturen und Religionen – bezüglich des Frauenbildes. Wobei dieses Stichwort irgendwie falsch ist, das „Frauenbild“ bestimmt jede einzelne Frau für sich und es ist keine gesellschaftliche Vereinbarung. Es geht um unseren Umgang mit diesen Frauen. Welche Signale setzen wir in Deutschland durch Werbung, Medien, Pornografie, u.a. auch gegenüber Kindern und Flüchtlingen? Es soll doch niemand glauben, ohne Flüchtlinge wäre hier alles in bester Ordnung! Unsere Gesellschaft ist in Sachen Frauen/Gleichberechtigung und Feminismus sicher auf dem Weg, aber noch lange nicht am Ziel.
  • Speziell die Verfechter eines traditionell – islamischen „Frauenbildes“ sollten sich die Frage stellen, ob das (vielleicht gut gemeinte) Konzept, ihren Frauen und Mädchen einen Schutzraum (durch die Familie, durch Kopftuch, durch Verhaltensregeln für Frauen) zu schaffen wirklich zum Schutz der Frauen beiträgt. Ob es nicht vielmehr notwendiger wäre, den Jungen und Männern Respekt gegenüber jeder (auch noch so „verführerischen“ Frau) beizubringen und das natürliche, respektvolle Miteinander von Mann und Frau, von Jungen und Mädchen zu fördern. Dazu gehört durchaus auch, gerade bei Heranwachsenden, Achtsamkeit bei den verantwortlichen Eltern und Erziehungspersonen und der Respekt von Grenzen zwischeneinander (nicht nur in der Frage der Sexualität).

  • Wir brauchen auch eine Debatte über den Umgang mit Sexualität und mit unseren sexuellen Triebkräften. Auch wenn es scheint, dass wir eine aufgeklärte und abgeklärte Gesellschaft sind. Die Liste von Problemen in diesem Bereich ist in unserem Land auch ohne die Silvestervorfälle lang, wenn man auf die Problemfelder: Mißbrauch, Vergewaltigung, Grenzverletzungen, Pornografie, Prostitution etc. schaut. Ich frage mich, ob nicht gerade auch die Kirchen in diese Diskussionen Wesentliches beizutragen hätten. Und dies auch mit ihren Erfahrungen des Versagens angesichts allzu hoher Idealvorstellungen.
  • Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Respekt. Nicht den „preussischen“ und sklavischen Respekt vor „Respektspersonen“, sondern den Respekt vor jedem Einzelnen, der ein Bild und Gleichnis Gottes ist. Selbst dann noch, wenn er dieses Bild und Gleichnis durch sein Handeln schlimm verunstaltet. Auch der weit verbreitete respektlose Umgang mit Politikern, Polizisten oder anderen kritikwürdigen Menschen sendet neben den eigentlichen Inhalten auch andere Botschaften. Wer sich derart abfällig z.B: über unsere Kanzlerin äußert, wie es z. T. „honorige“ Bürger bei fb tun, der sendet auch ein Signal z.B. an den pubertierenden Jugendlichen für den Umgang mit seinem Lehrer und an unbegleitete Zuwandererkind, das mit der Polizei konfrontiert ist. Wenn es ernst wird, wie in dieser Situation, dann erwarte ich von Politikern aller Couleur auf allfällige politische Spielchen zu verzichten und hart zu diskutieren, aber die „Gegner“ nicht zu entwürdigen oder der Lächerlichkeit preiszugeben.

  • Wir müssen uns ehrlich machen! Es nützt nichts, die Situationen zu beschönigen. Noch weniger nützt es Situationen zu dramatisieren. Wenn Politik, Polizei, Medien Dinge und Informationen unter der Decke oder zurück halten möchten, dient das in den seltensten Fällen dem angestrebten Ziel. Wohlfeil können dann die Kritiker nachher sagen: Seht ihr, was man uns verschweigen wollte. Je klarer die Wahrheit kommuniziert wird, desto weniger bauscht sich eine Angelegenheit künstlich auf. Wenn die verantwortlichen und „wissenden“ Stellen ihre Informationen erst kommunizieren, wenn sie längst durchgesickert sind und als „Gerüchte“ die Runde machen, verlieren diese Leute ihre Glaubwürdigkeit. Krisenkommunikation will gelernt sein. Henriette Reker musste hier gerade schmerzhaft Lehrgeld zahlen. Auf der anderen Seite wird offensichtlich zur Untermauerung der eigenen Position gerne mal ein Schweigekartell oder Geheimnistuerei konstatiert, wo die wesentlichen Fakten längst bekannt, die Verantwortlichen aber nicht mit unausgegorenen Informationen in die Öffentlichkeit wollen. Manchmal gilt nach wie vor „Gründlichkeit vor Schnellligkeit“, wobei man auch mal schnell gründlich sein kann.
  • Zur Ehrlichkeit gehört auch die Erkenntnis: Integration ist ein Kraftakt, der von beiden Seiten Anstrengungen erfordert. Und Integration verändert auch die aufnehmenden Gesellschaften. Das kann doch gar nicht anders sein. Selbst ein Ostfriese in Westfalen und ein Westfale im Rheinland vermag hiervon ein Lied zu singen. Wie viel mehr erst, wenn Menschen aus Kulturen kommen, deren innerer Kompass in der neuen Umwelt erst einmal verrückt spielt. Ich werde nicht vergessen, wie Menschen aus einer Gruppe katholischer Ugander nach einem Partnerschaftsbesuch durch das Erleben unserer Kultur und unseres Reichtums völlig aus der Bahn geworfen waren – und lange für die Re-Integration in Uganda brauchten.
  • Es wird auch notwendig sein, die vielen Debattenbeiträge darauf abzuklopfen, welche Ziele der jeweilige Redner oder Schreiber eigentlich verfolgt. Sind seine Beiträge von der Sache, vom Mitgefühl mit den Opfern und von echter Sorge geprägt? Zeigt der Sprecher Lösungswege auf oder geht es ihm oder ihr eigentlich um andere Dinge und Anliegen. Wer allzu schnell Lösungen präsentiert … dem ist durchaus mit Misstrauen zu begegnen. Wer im konkreten Fall mehr weiß als die Polizei, der sollte dort eine Aussage machen und nicht die sozialen Netzwerke verstopfen. Es gibt viel zu viele Leute, die vor Lügen, Unterstellungen und Fälschungen nicht zurückschrecken, um eigene Ziele zu verfolgen. Auch manche Ablenkungsmanöver unter den Stichworten: Oktoberfest; #einearmlänge und Willkommenskultur zähle ich zu den Indizien für solche Stellungnahmen, ganz zu schweigen vom grassierenden Zynismus.
  • Als Deutsche sollten wir sehr aufmerksam sein, wenn Diskurse von Rassismus geprägt sind. Aufmerksam, nicht empfindlich. Der Rassismusvorwurf wird durchaus auch als „Keule“ verwendet, interessanterweise auch schon mal von „Ausländern“ selbst. Gerade als Christen kann die Frage: „Ist meine Meinung von rassistischem Denken geprägt?“ - im Sinne der schönen Geschichte von den drei Sieben des Sokrates (http://www.k-l-j.de/KGeschichte_7.htm) ein Stück innerer Beichtspiegel sein.
  • Wir brauchen einen Diskurs über angemessene und hilfreiche Strafen. Bei Bagatelldelikten oder z.B. bei Diebstählen oder Körperverletzungen sollte auch der Kontext der Tat und das Leid der Opfer stärker einbezogen werden. Wir brauchen gut ausgestattete Justiz, die schnell reagieren, aufklären und strafen kann. Es sollte einen Unterschied machen, ob eine Prügelei die Folge eines Streits war oder ob Menschen aus Lust an der Gewalt und Machtausübung andere Menschen verletzen. Sexuelle Übergriffe sollten mindestens so schmerzhaft bestraft werden, wie sie die Opfer belasten. Strafen müssen dazu beitragen, dass Menschen sich in den Griff bekommen und von ihrem gesetzlosen Tun ablassen. Das ist ein ganz schwieriges Feld und nicht billig zu haben!
  • Wir brauchen weniger Gleichgültigkeit. Wir müssen uns wieder mehr betreffen lassen von der Not und Hilfsbedürftigkeit eines anderen Menschen. Wir brauchen in unserer Gesellschaft wieder mehr Miteinander. Nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters oder der Hl. Martin und Hl. Nikolaus müssen wir lernen, dass die Not des Anderen uns unbedingt angeht. Wir müssen uns darauf verlassen können, Hilfe zu finden, wo wir in Gefahr geraten. Dass dies nicht mehr selbstverständlich ist, ist ein Alarmsignal. Und das hat auch mit dem eingangs geschilderten Phänomen zu tun. Diese Gedanken berühren durchaus auch unser Gesellschaftsmodell, das darauf setzt, dass jeder in größter Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit seinen Lebensweg geht. „Ich will auf niemanden angewiesen sein!“ - das klingt oberflächlich nach einer guten Lebensmaxime und viele leben auch so. Es sorgt aber für ein zunehmendes Auseinanderfallen der sozialen Strukturen unserer Gesellschaft. Die Förderung des Dienstleistungsgedankens und die wirtschaftskompatible Gestaltung unseres Zusammenlebens verstärken dies. (Mobilität, Kleinfamilien, Aufgliederung der Produktions- und Dienstleistungsprozesse). Das hat in den Jahrzehnten zu einer Entsolidarisierung geführt, die in großen Städten besonders spürbar ist. Hier sehe ich eine bedeutsame Aufgabe für organisierte Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Aber auch für Vereine und Initiativen und für das Ehrenamt. All dies zu fördern sollte vornehmste Aufgabe der politisch Verantwortlichen sein.
  • In einer Gesellschaft, die zunehmend auf Individualität setzt, wird die Vermittlung gemeinsamer Werte schwieriger. Erst recht, wenn diese Gesellschaft keine gemeinsamen religiösen Wurzeln mehr teilt. Daher wird es notwendig sein, an dieser Stelle mehr zu investieren. Die Entwicklung von Werten muss begleitet sein. Lebensnaher Unterricht in Religion, Ethik, Politik und Philosopie leistet da einen wertvollen Beitrag. Öffentliche Debatten, Medien, soziale Netzwerke leisten auch einen – heute leider manchmal auch negativen – Beitrag. Und zu guter Letzt werden wir nicht umhin kommen, gewisse Werte und Gesetze auch entschieden umzusetzen und einzufordern. Wir haben in Deutschland gute Gesetze und für alle Lücken darin ein beispielhaftes Gesetzgebungsverfahren. Wir müssen Polizei und Justiz so ausstatten, dass sie in der Lage sind, der Gesellschaft einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich entfalten kann und in dem die Sicherheit und Unversehrtheit des Einzelnen gewährleistet ist. Natürlich wird es immer wieder Vorfälle wie in der Silvesternacht geben. Verbrechen ist durch reine polizeiliche Maßnahmen nicht zu besiegen. Aber die Polizei sollte in der Lage sein, eine solche Situation in kürzester Zeit in den Griff zu bekommen. Das müssen wir uns auch etwas kosten lassen.
  • Was auf uns zukommt ist kein leichter Weg. Und gerade deshalb halte ich alle, die schnelle Lösungen versprechen, für große Scharlatane. Wer sagt eigentlich, dass all die lautstarken Kritiker aus dem Pegida / AFD / NPD – Lager auch nur irgendetwas besser hin bekämen als die Menschen, die heute an verschiedenen Stellen Verantwortung tragen? Mögen sie sich noch so aufspielen, ja selbst wenn sie mit der ein oder anderen Bemerkung Recht haben sollten... Sie sind doch allesamt genauso schwache und fehlerhafte Menschen wie diejenigen, die heute unser Land durch die Klippen und Stromschnellen, durch die Krisen unserer Zeit zu steuern versuchen. Die Extremisten von Rechts und Links hatten in den letzten Jahrzehnten überall in Europa und darüber hinaus ihre Chancen. Bisher hat noch keine derartige Regierung bessere Ergebnisse abgeliefert als die offene, demokratische Gesellschaft, deren Segnungen wir in Deutschland seit vielen Jahrzehnten genießen. Selbst dann, wenn wir inzwischen etwas übersättigt sind: bitte, keine solchen Experimente.
Wohin ich auch schaue, bei allen kritikwürdigen Umständen und bei allem, was noch besser laufen müsste. Ich bin froh und glücklich über das Privileg, hier in Deutschland leben zu dürfen.