Samstag, 11. März 2023

Maria macht mobil - Folge 1.0

(c) Synodaler Weg /
Maximilian von Lachner
Eines muss man den Akteuren von Maria 1.0 neidlos zugestehen. Es ist beeindruckend, welche Aufmerksamkeit eine doch überschaubare Gruppe von katholischen Aktivisten auf sich ziehen kann, wenn sie nur professionell genug agiert und in gewisser Weise einen Nerv in der Diskussion trifft. Zudem wecken sie Aufmerksamkeit, weil sie als junge Frauen für den Erhalt einer angeblich frauenfeindlichen Institution kämpfen. Am kommenden Dienstag kann man zur besten Sendezeit im Rahmen der Reihe 37 Grad im ZDF eine Dokumentation über die Gruppe sehen. (Ab Sonntag vorab in der Mediathek verfügbar). 

https://www.zdf.de/dokumentation/37-grad-leben/update-gescheitert-kirche-im-reformversuch-102.html

In der Öffentlichkeit wird Maria 1.0 durchaus als gleichgewichtige Gegenbewegung zu Maria 2.0 gehandelt und kann ihre Position als Kontrast hierzu in manchen Zeitungen darlegen. Die Aktivistinnen werden immer wieder auch für Interviews und Diskussionen angefragt. Witziges Detail: Auf der Cocktailkarte bei den abendlichen Begegnungen des Synodalen Weges im März 2023 gab es die Varianten 1.0 und 2.0 des Cocktails Bloody Mary.

Gegründet wurde Maria 1.0 als unmittelbare Reaktion auf die Initiative Maria 2.0, die sich im Kontext des Synodalen Weges Anfang 2019 zunächst in der Gemeinde Hl. Kreuz im Münsteraner Kreuzviertel bildete, aber bald Unterstützung durch katholische Frauenverbände wie die KFD und den KDFB erhielt. Durch einen sogenannten „Kirchenstreik“ und weitere Aktionsformen fand die Bewegung sehr viel öffentliche Resonanz. Nach drei Jahren sind einige prominente Aktivistinnen inzwischen aus der katholischen Kirche ausgetreten, was sie aber nicht hindert, sich weiter zu engagieren und weitreichende Reformen in der Kirche zu verlangen.

Für kirchlich-konservative Kreise war diese Bewegung offenbar ein rotes Tuch und so gründete die Schongauer Lehrerin Johanna Stöhr die Bewegung Maria 1.0, die Frauen sammeln wollte, die die deutliche Kritik an der Haltung der katholischen Kirche nicht teilten. Man könne die Kirche nicht „wie einen von Menschen gemachten Verein verändern.“ Mit den Worten: „Maria braucht keine Update!“ bringt die Gruppe, der sich bald weitere Frauen anschlossen, ihre Haltung bis heute auf den Punkt. Maria sei perfekt.

Inzwischen will man den Status einer Gegenbewegung zu Maria 2.0 überwunden haben und „ nimmt jetzt jedoch alle katholischen Themen in den Blick und verleiht so der katholischen Lehre eine Stimme“, wie man auf der Homepage nachlesen kann. Stöhr sah sich nicht als Traditionalistin, sie wolle „normal katholisch sein“ und sich „an der katholischen Lehre orientieren.“ https://www.youtube.com/watch?v=mhdI0Drmdus

Weil Johanna Stöhr mehr Zeit für die Familie haben wollte übernahm im Mai 2021 die heute 25jährige Clara Steinbrecher die Leitung der Initiative, weitere exponierte Vertreterinnen sind Jessica Brandstetter als Vize-Leitung Margarethe Strauss, die als Mag. Strauss auch mit zahlreichen Youtube-Videos im Netz präsent ist und die Journalistin Dorothea Schmidt, die schließlich von der deutschen Bischofskonferenz als Vertreterin der Bewegung in den Synodalen Weg berufen wurde und diese Position auch für einen sehr kritischen Blog und zahlreiche Artikel in der Tagespost nutzte.

Wer und was ist nun die Bewegung Maria 1.0?

Per Selbstdefinition ist sie lt. Dorothea Schmidt dies: „Der innere Kern von Maria 1.0 sind junge, ehrenamtlich tätige Frauen, vor allem junge Mütter, die abends neben Beruf und Familie Interviews geben, Newsletter schreiben, organisieren et cetera. Ich denke, es gibt unzählige Menschen auf der ganzen Welt, die uns im Gebet unterstützen und die vor allem den Spirit von Maria 1.0 leben, die mit der Muttergottes leben, sie lieben und sie zum Vorbild haben.“

Konkret spricht man von Unterstützerzahlen von ca. 3.000 – 5.000 Katholiken in Deutschland und teilweise hierüber hinaus. 4.481 Menschen folgen deren Facebook-Auftritt. Den offenen Brief an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz Bischof Georg Bätzing vom Sommer 2022, in dem dieser aufgefordert wurde, die Zusammenarbeit mit der Präsidentin des Zentralkomitees der dt. Katholiken aufzukündigen, unterschrieben ca. 2.600 Katholiken, darunter auch viele bekannte Protagonisten der konservativen Kirchenszene. Eine formale Mitgliedschaft scheint es nicht zu geben, auf der Homepage kann man sich mit seiner Adresse als Unterstützer*in eintragen. Selbst spricht die Bewegung jedoch von ca. 50 Unterstützern und Unterstützerinnen, wobei man auch Männer in diesen Reihen sieht.

Mit dem offenen Brief an Bischof Bätzing wollte man „dem stillen Schrei der treuen Katholiken" Gehör verschaffen. Mit auffallender Deutlichkeit werden in Presseerklärungen und weiteren Wortmeldungen der Bewegung auch Bischöfe angegriffen und belehrt. Ganz zu Schweigen von den Diskussionen, die auf Social Media geführt werden.

Am 28. Februar 2022 besuchten Clara Steinbrecher, Jessica Brandstetter und Johanna Stöhr den apostolischen Nuntius, Dr. Nikola Eterović, der die Gruppe angeblich ermutigte „weiterzumachen“ und deren Arbeit lobte. Auch Bischöfe lobten die Gruppe und empfingen sie wie z.B. Bischof Rudolf Voderholzer von Regensburg oder der vormalige Bischof von Augsburg Konrad Zdarsa. Kardinal Kurt Koch traf Clara Steinbrecher, auch gab es Begegnungen mit einigen weiteren Bischöfen.

Als wesentliches Thema ihres Engagement benennt die Bewegung auch den Lebensschutz, u.a. durch Präsenz beim "Marsch für das Leben".

Darüber hinaus strebt man eine stärkere Vernetzung sog. glaubenstreuer Kreise an. „Ein großer Wunsch von uns wäre, dass Maria 1.0 eine Art Sammelstelle für verschiedene katholische Initiativen und Bewegungen wird. Deshalb sind wir dabei uns mit anderen katholischen Gruppierungen zu vernetzen und wollen u.a. die Bandbreite dieser katholischen Angebote über unsere Kanäle darstellen.“ Quelle: Kath.news

Nach meiner Wahrnehmung hat Maria 1.0 inzwischen die katholische Mitte klar verlassen., Das ist immer wieder spürbar, so z.B. kürzlich auf der Facebook-Seite von Maria 1.0 als dort die Mundkommunion diskutiert wurde. Hier kommt einem der Text vor, wie von einer Traditionalisten-Seite abgeschrieben, wenn hier z.B. vom „Novus Ordo“ die Rede ist. „VA II hat weder die Kommunionbank abgeschafft, noch die Handkommunion eingeführt. Letzteres erfolgte eigenmächtig durch einige europäische Bischöfe.“ Die folgende Diskussion ist dann wirklich erhellend, wie überhaupt der Kreis jener, die sich dort als Freunde der Bewegung äußern.

Konkret gelang es der Bewegung, bei der Frühjahrsvollversammlung in Dresden 35 Gebetsdemonstrant*innen für eine Gebetsdemo zu motivieren, wobei der Anteil junger Menschen bei unter einem Dutzend blieb. Etwas größer war die Gruppe beim der Gebetsdemonstration bei der heute beendeten Versammlung des Synodalen Weges in Frankfurt. Man sei mit 14 Personen vor Ort. Hier in Frankfurt wurden sie flankiert von Demonstranten der Bewegung TFP, für Tradition, Familie und Privateigentum, mit deren auffälligen roten Fahnen. In Dresden waren Demonstranten von Pro Missa Tridentina präsent. Auf Transparenten in Dresden und Frankfurt wurden Bischöfe als „Mietlinge“ tituliert – im Sinne der Worte Jesu aus dem Evangelium, als Hirten, die vor der Verantwortung fliehen, weil sie nur bezahlte Knechte sind. In den Kommentarspalten klingt das dann unwidersprochen so: „Weicheier mit Mitra“, „modernistische Zeitgeistgefocuste Karrieretiger“.

Für einen Skandal sorgte Maria 1.0 aktuell mit einem auf allen sozialen Medien verbreiteten Filmschnipsel aus der Performance, die im Frankfurter Dom das Thema des Missbrauchs in den Focus stellen wollte. Teil dieser Inszenierung war eine Tanzperformance, die von der Gruppe in einem – interessanterweise – englischsprachigen Kommentar als „satanisch“ und „dämonisch“ bezeichnet wurde. Die Kirche sei hierdurch entweiht (desecrating) worden. Auch eher konservative Bischöfe wie Bischof Oster und wohl auch Kardinal Woelki distanzierten sich daraufhin von dieser Wortmeldung, auch sonst gab es viel Kritik. Maria 1.0 verteidigte diese Sicht jedoch vehement in den Kommentarspalten und bat um Unterstützung aus der Weltkirche, was wohl auch von vornherein so intendiert war.

Nachvollziehbar ist sicherlich das Unbehagen, die Frankfurter Hauptkirche zum Schauplatz einer Performance zu machen. Das verwendete Vokabular und die Skandalisierung machen jedoch darauf aufmerksam, dass Maria 1.0 längst zum Kristallisationspunkt einer eher ultrakonservativen und rechthaberischen Kirchenszene geworden ist. Die Gruppe ist mitnichten einfach nur ein Zusammenschluss jener, die „normal katholisch“ bleiben wollen, sondern längst tief vernetzt mit Personen und Bewegungen wie z.B. TFP, Petrusbruderschaft, Forum Deutscher Katholiken, „Neuer Anfang“, „Pro Missae Tridentina“. Der Kanal des TFP-Aktivisten Mathias von Gersdorff wird vom Maria 1.0 am 23.2.23 auf facebook ausdrücklich empfohlen. Dieser arbeitet sich mit täglichen Videostatements am Synodalen Weg, den Bischöfen und seinen Unterstützern ab. Für einen Eindruck sollte man ruhig einmal seinen Kanal aufsuchen. Es ist schon ein sehr besonderer Ton, der hier angeschlagen wird.


Zum Ende der Synodalversammlung demonstrierte eine Gruppe der KJB, der Jugendorganisation der Piusbruderschaft vor dem Tagungsgebäude am "Kap Europa" mit einer "Gebetskundgebung". Maria 1.0 schreibt dazu bei facebook: "Ein Teil unseres Teams harrte bis zum Nachmittag am Lifestream aus, während eine zweite Abteilung sich aufmachte, um einer gleichgesinnten Jugendgruppe bei einer Glaubenskundgebung Verstärkung zukommen zu lassen. Clara bog von dort aus zu einem Interview ab. Am Nachmittag beteten wir mit der erwähnten Jugendgruppe den Rosenkranz vor dem Dom, während die Synodalen zur Abschlussmesse einzogen, welche mit allen notwendigen Elementen wie Laienpredigt und Abweichung von den liturgischen Vorgaben versehen war." Auf den Fotos und Filmen der Proteste sind die markanten Transparente der KJB "Der synodale Irrweg" deutlich zu erkennen und auch die Maria 1.0 - Aktiven mit einem Transparent "Nein zu Häresie und Schisma". Bemerkenswerte Koalitionen!

Ich habe gar keine Schwierigkeiten mit frommen und konservativen Überzeugungen. Im Gegenteil, diese müssen unter dem Dach der katholischen Kirche Raum haben und mehr als nur Duldung oder Gastrecht.

Selbst über die aktuelle Diskussion um die sogenannte „Alte Messe“ und die vatikanischen Maßnahmen dagegen bin ich sehr unglücklich. Das Vorgehen des Vatikans wird die Probleme nicht lösen. Natürlich ist die Argumentation des Hl. Stuhls nachvollziehbar. Der Kern des Problems liegt aber nicht in der traditionellen Liturgie selbst oder gar bei jenen, die ihre Spiritualität in der alten Messe, den lateinischen Gebeten, der Hochachtung vor dem künstlerischen Ausdruck der katholischen Tradition und Vergangenheit, der Freude am gregorianischen Gesang suchen und darin Gott begegnen.

Schwierig wird es aber dann, wenn die erneuerte Liturgie als minderwertig, ungültig oder häretisch angesehen wird. Und schwer wird es – gerade auch in Sinne der angestrebten Synodalität – wenn die Diskussionen sich so zuspitzen, dass es nicht in erster Linie die Spiritualität ist, die mir persönlich und meinem Glauben gerecht wird, sondern die Spiritualität, der nach meiner Meinung die ganze Kirche, ja möglichst die ganze Welt folgen sollte und die zum Hebel wird, andere Gläubigkeiten und Spiritualitäten auszugrenzen.

Genau diese Haltung hat aber in der Kirche zugenommen, übrigens durchaus auch im reformerischen Lager. Der Stil, in dem liberale Katholiken sich zu Wort melden ist leider wenig erfreulich, ja manchmal geradezu abstoßend. Die Klagen von Dorothea Schmidt über ihre Erfahrungen auf dem Synodalen Weg sind sicher nicht aus der Luft gegriffen. Wenngleich sie selbst auch nicht zimperlich ist.

Ich bin fest überzeugt, dass wir als Kirche von den Bewahrern der alten Traditionen profitieren, dass sie die Reflektion über den richtigen Weg der Kirche bereichern. Sie müssen Raum haben in unserer Kirche, ohne als überkommen gebrandmarkt und marginalisiert zu werden. Aber ihr Weg ist ihr Weg und nicht das Rezept für den Weg der ganzen Kirche. Im Stil der Amish-People, der Piusbruderschaft, der Gruppe von Palmar oder als Katholiban haben wir keine Zukunft.

Gesunden Zulauf werden auch traditionsverbundene Gruppen nur haben, wenn sie sich offen und einladend zeigen und vor allem ihren Mitgliedern auch jederzeit ermöglichen, dieses Umfeld, den eigenen Raum ganz entspannt wieder zu verlassen – wenn es letztendlich nicht zur Person passt. Im Raum einer einzig wahren und unfehlbaren Religion und Spiritualität besteht – das mussten wir als Kirche bitter erfahren – ein großes Risiko des spirituellen und sonstigen Missbrauchs. Der Glaube muss uns in die Freiheit führen, auch der recht verstandene Gehorsam gegenüber religiösen Autoritäten.

Unerfreulich wird es leider immer wieder, wenn man versucht, über die unumstößlichen Positionen zu diskutieren. Erst recht, wenn diese für sich in Anspruch nehmen, dass sie die reine Lehre der Kirche, die Lehre an sich repräsentieren. In dieser Gefahr sehe ich die Protagonisten von Maria 1.0 inzwischen deutlich. Es ist eine gewisse Hybris spürbar, wenn eine junge Studentin glaubt einen katholischen Bischof einfach so als Häretiker verdammen oder als „Mietling“ brandmarken zu können. Ich glaube einfach, auf diese Weise leistet man weder der Diskussion noch der Sache der Kirche einen hilfreichen Dienst.


Abschließend noch einige Informationen über wichtige Aktivisten von Maria 1.0, die diese öffentlich in Interviews und Wortmeldungen bekannt gemacht haben:

Clara Steinbrecher stammt aus München. Sie ist Studentin für das Gymnasiallehramt mit den Fächern Mathematik und Schulpsychologie und seit letztem Jahr mit Felix Steinbrecher (wiss. MA an der theol. Fakultät, Eichstätt) verheiratet. Nach eigener Aussage hat sie die Gemeinschaft Emmanuel kennengelernt und engagierte sich bei der Jugend 2000 in Eichstätt. Prägend sei für sie auch der „Vetus ordo“, die Messe, wie sie früher gefeiert wurde. Dies verbinde sie mit der „Kirche aller Zeiten.“ Sie lebt in Eichstätt. Ihr Ehemann war offenbar früher auch in der Nightfever-Bewegung engagiert. Aktuell strebt er seine Promotion an.

Jessica Brandstetter lebt ebenfalls in Eichstätt. Sie kommt aus einer eher atheistischen Familie, hat dann aber zum Glauben gefunden, sich firmen lassen und „geht wie Clara auch gern zum alten Ritus“.

Dorothea Schmidt kommt aus Peiting im Erzbistum München. Sie gehört offenbar zur ersten Generation von Maria 1.0. 2019 war sie mit Johanna Stöhr und Katrin Schwegele beim Regensburger Bischof zum Gespräch. Sie arbeitet als „freie Journalistin“ und hat unter dem Titel „Pippi Langstrumpf – Kirche“ ein Buch über ihre Erfahrungen beim Synodalen Weg geschrieben. „Ich mach mir die Kirche … wie sie mir gefällt....“ Schmidt hat den Synodalen Weg vor der letzten Versammlung öffentlichkeitswirksam verlassen, gemeinsam mit drei weiteren Frauen. Zur Begründung sagte sie auf Domradio: „Ich habe auf echte Debatten gehofft, auf sachliche Debatten, einen echten Austausch, eine echte Suche auch nach dem Willen Jesu für die Kirche, damit wir die Krise überwinden können. Aber von Anfang an habe ich mich auf einer rauen politischen Bühne befunden, in der es im Tauziehen um Mehrheiten ging, statt um ein Ringen um die Wahrheit.“ Es gab auch immer wieder Emotionalisierungen, die den notwendigen sachlichen Diskurs einfach ersticken. Denn bei Emotionalisierung gewinnt immer der, der die extremsten Gefühle zeigt. Aber die Kirche ist doch eine Familie, keine politische Bühne. Sie ist der Leib Christi mit Christus als Haupt. Da hätte ich mir eine echte Suche nach der Wahrheit im Gebet gewünscht.“

Dr. Margarete Strauss scheint erst später dazu gestoßen zu sein. Sie stellt sich selbst auf ihrem Blog so vor: „Als katholische Theologin und Publizistin setze ich mich mit meinem Internet-Apostolat für die Neuevangelisierung unserer Gesellschaft und eine kniende Theologie in unserer Kirche ein.“ Sie wurde in Karaganda, Kasachstan geboren und kam mit ihrer Familie als Spätaussiedlerin nach Deutschland. Als „Familie Berger“ ist die Familie auch musikalisch aktiv. Sie studierte an der Universität Münster und promovierte im Fach „Exegese des Neues Testaments“ bei Prof. Dr. Adrian Wypadlo.

Sonntag, 2. Oktober 2022

Wofür soll(te) sich Kardinal Koch entschuldigen?

Es hat einige Empörung ausgelöst, dass der römische (ursprünglich schweizerische) Kardinal Kurt Koch, die Bemühungen des Synodalen Weges mit einem Verweis auf eine Parallele in der Nazizeit kritisiert hat. 

Diese Nachricht traf offenbar den Vorsitzenden der deutschen Bischöfe am letzten Tag der Bischofskonferenz auf dem falschen Fuß. Der nannte dies eine inakzeptable Entgleisung, forderte eine Entschuldigung und wollte gar Beschwerde beim Papst einlegen. Der Kardinal habe sich "theologisch disqualifiziert." Prof. Thomas Söding (Vizepräsident des Synodalen Weges) verbat es sich, mit den „Deutschen Christen“ verglichen zu werden. Eine Welle von teils unflätiger Kritik flutete durch die sozialen Medien, eine Reise des Kardinals nach Deutschland wurde aufgrund von Hassbotschaften und Drohungen abgesagt. Was ist da los?

Gestern habe ich mir in diesem Zusammenhang die dreieinhalbstündige Übertragung eines Symposiums der Schülerkreise von Joseph Ratzinger auf Youtube angehört. Im römischen Institutum Patristicum Augustinianum in Rom endete das Treffen der Schülerkeise mit einer öffentlichen Podiumsveranstaltung, moderiert vom deutschen Journalisten Martin Lohmann. Im Kontext dieser Versammlung hat dieser das kritisierte Interview mit Kurt Kardinal Koch, dem römischen Protektor (Beschützer) der beiden Schülerkreise, geführt.

Die Tagung der Ratzinger-Schülerkreise ist so etwas wie das jährliche Hochamt der lehramtstreuen, (deutschsprachigen) römischen Theologie. Und damit der (eher gesetzte und seriöse) Antipol zu liberaleren Theologen und damit auch zum Synodalen Wege in Deutschland. (Im Unterschied zu den Hau-Drauf-Kritikern des Synodalen Weges.)

Unter dem Motto „Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe.“ - Verbindliche Wahrheit und Weiterentwicklung der Lehre der Kirche“ sprachen die Vertreter eines konservativ-katholischen „Think-Tanks“ vor allem miteinander und voreinander. Augenscheinlich war in den Gesprächen und Vorträgen der deutsche Synodale Weg als Elefant im Raum, besonders hörbar auch im Abschlussreferat von Bischof Voderholzer. Ein Dialog mit jenen, die auf einen Wandel in der Kirche und Entwicklung der Lehre drängen, war ganz offensichtlich nicht eingeplant. 

So verwundert es nicht, dass der teilnehmende Kardinal Koch für das Interview entsprechend eingestimmt war und darin etwas auf den Busch klopfte. Vielleicht muss man das einmal so sehen, wie beim politischen Aschermittwoch oder bei einer Bierzeltrede des CSU-Vorsitzenden in München sehen, wenn starke Worte vor lauter Gleichgesinnten gesprochen werden. 

Passend zum Thema der Tagung ging es im Interview um die Frage, ob es neben der Bibel, der Hl. Schrift und der Tradition der Kirche weitere Quellen der Offenbarung geben kann. Das 2. Vatikanum hatte die „Zeichen der Zeit“ und den „Glaubenssinn der Gläubigen“ zum Thema gemacht, wenngleich darin wohl nicht eine Quelle der Offenbarung gesehen, worauf der Kardinal zum Abschluss der Übertragung deutlich hinweist (und gleichzeitig die Traditionalisten in die Schranken weist.) 

Es lohnt sich, das Interview und die betreffende Stelle genau zu lesen, beginnend mit der Frage Lohmanns (die dann später dem Kardinal ein Fluchttürchen öffnet): 

„Man kann immer wieder, auch von Bischöfen, hören, dass es angeblich neue Offenbarungsquellen gibt. Der Zeitgeist und das - ich nenne das mal so - Gefühl der Gläubigen spielen da offenbar eine Rolle. Lässt sich denn die Lehre der Kirche auf diese Weise ändern? Ist beziehungsweise wäre das eine Weiterentwicklung?"

Schon hier verwundert die zugespitzte Fragestellung. Hier ist nun (abwertend) von Zeitgeist und Gefühlen der Gläubigen die Rede, von denen nicht mal beim Synodalen Weg gesprochen wird. Ich habe auch noch keinen einzigen Bischof gehört, der behauptet, man müsse mehr einem Zeitgeist folgen oder sich stärker von Gefühlen leiten lassen. Aber hören wir die Antwort des Kardinals einmal komplett: 

„Es irritiert mich, dass neben den Offenbarungsquellen von Schrift und Tradition noch neue Quellen angenommen werden; und es erschreckt mich, dass dies – wieder – in Deutschland geschieht. Denn diese Erscheinung hat es bereits während der nationalsozialistischen Diktatur gegeben, als die so genannten „Deutschen Christen“ Gottes neue Offenbarung in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers gesehen haben. Dagegen hat die Bekennende Kirche mit ihrer Barmer Theologischen Erklärung im Jahre 1934 protestiert, deren erste These heißt: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle der Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Der christliche Glaube muss stets ursprungsgetreu und zeitgemäß zugleich ausgelegt werden. Die Kirche ist deshalb gewiss verpflichtet, die Zeichen der Zeit aufmerksam zur Kenntnis und ernst zu nehmen. Sie sind aber nicht neue Offenbarungsquellen. Im Dreischritt der gläubigen Erkenntnis – Sehen, Urteilen und Handeln – gehören die Zeichen der Zeit zum Sehen und keineswegs zum Urteilen neben den Quellen der Offenbarung. Diese notwendige Unterscheidung vermisse ich im Orientierungstext des „Synodalen Weges“.“

Ein Nazi-Vergleich ist immer heikel, das mussten Politiker und Kirchenleute immer wieder erfahren. Man sollte also gewarnt sein. Ganz unabhängig vom Inhalt und ob der Sprecher nicht evtl. recht haben könnte, wird es automatisch Widerspruch von vielen Seiten geben. Von jenen Opfern der Nationalsozialisten, die darin eine Verharmlosung der damaligen Zeiten sehen. Von denen, die das Gefühl haben, plötzlich in eine Nazi-Schublade zu kommen, weil sie („wie die Nazis“) -und in diesem Kontext - mit „untauglichen Werkzeugen“ an den Kern der kirchlichen Verkündigung gehen und am offenen Herzen des Glaubens werkeln. Nicht zuletzt kämpfen ja rechts-konservative Politiker und Querdenker in gutem Sinne (manchmal) zu Recht gegen den allzu flink vergebenen Nazi-Stempel. 

Es ist natürlich verständlich, dass man in einer heftigen Diskussion auch einmal zum groben Besteck greift. Und gibt es gröberes Besteck als die Vorkommnisse unter der Diktatur Hitlers? Vielleicht war es die allgemeine Stimmung des Symposiums, die Kardinal Koch fragen ließ: Wenn denn die „Zeichen der Zeit“ am Ende nur Zeitgeist sind, was schützt dann das Heilige, den Kern des Katholischen vor allzu voreiligen Reformen? Eine berechtigte Frage. Ein drastisches Beispiel könnte da die Problematik offen legen.

Im genannten Beispiel versuchten die Vertreter der deutschen Christen, die Bibel zu arisieren, ja sogar das Alte Testament umzuschreiben oder ihm den Status der Hl. Schrift zu entziehen. Das Problem bei solchen Vergleichen ist allerdings, dass im konkreten Kontext mindestens soviel an dem Vergleich falsch wie richtig ist. So kamen ja auch gewichtige Einwände und auch die sehr berechtigte Frage, wo der Kardinal denn die gefährliche und machtvolle Ideologie sieht, die in dieser Weise die kirchliche Lehre verbiegen möchte?

Das ist durchaus ein heikler Punkt, holt er hier doch just jene Kreise ab, die in allen Ecken irgendwelche Weltverschwörungen, Bestrebungen zur Konstruktion einer One-World-Religion erkennen, den Teufel am Werk wähnen oder in den Forderungen nach Gleichberechtigung der Geschlechter und jenen der LGBTQIA*-Bewegung ein Ende des christlichen Abendlandes erwarten. 

Eigentlich skurril, dass der römische Kurienkardinal ausgerechnet einen ur-evangelischen Teil der „Barmer Erklärung“ zitiert, die das – gegen die katholische Theologie gerichtete – Prinzip des „Sola scriptura – nur die Hl. Schrift“ hoch hält. So manche ureigene katholische Tradition hatte der Protestantismus in und nach der Reformation aufgegeben, weil sie sich gerade nicht mit dem Rückgriff auf die Bibel rechtfertigen ließ. Hier zeigt sich schon, wie heikel ein solcher historischer Vergleich ist und wie schnell er missverstanden werden kann. 

Man fühlt sich erinnert an die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI., wo ein kleines historisches Zitat über Missionierung mit Gewalt einen Sturm der Entrüstung auslöste, weil es klang, als habe der Papst negativ über den Propheten des Islam gesprochen. 

So geht es nun auch Kardinal Koch, unmittelbar nachdem er die erboste Kritik seines deutschen Amtsbruders vernommen hatte, meldete er sich erneut über die Tagespost zu Wort, mochte aber seinen so treffenden Vergleich nicht zurücknehmen, entschuldigte sich aber bei all jenen, die sich getroffen fühlten. Er habe auf eine allgemein gestellte Frage reagiert. 

„Ich antworte umgehend, kann aber meine grundsätzliche Aussage nicht zurücknehmen, und zwar schlicht deshalb, weil ich keineswegs den Synodalen Weg mit einer Nazi-Ideologie verglichen habe, und ich werde dies auch nie tun.“

Ich halte Kurt Kardinal Koch für einen sehr klugen und ehrlichen Menschen und nehme ihm das ab. Leider aber tun seine allerlautesten Verteidiger aktuell genau dies und preisen den Kardinal für den Klartext und den Schlag den er, der Großtheologe dem Synodalen Weg versetzt habe. Die Theologen des Synodalen Wegs sind dieser Unterstützerszene nicht besser als die Theologen Hitlers aus den Reihen der Deutschen Christen. 

„Es war in keiner Weise meine Absicht, jemanden zu verletzen. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass wir auch heute aus der Geschichte, auch aus einer sehr schwierigen, lernen können. Wie die heftige Reaktion von Bischof Bätzing und andere zeigen, muss ich nachträglich feststellen, dass dieser Versuch mir misslungen ist. Und ich muss wahrnehmen, dass Erinnerungen an Erscheinungen und Phänomene in der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland offensichtlich tabu sind. Diejenigen, die sich von mir verletzt fühlen, bitte ich um Entschuldigung und versichere sie, dass dies nicht meine Intention gewesen ist und nicht ist.“

Bischof Georg Bätzing ist mit dieser Antwort gar nicht zufrieden und der Konflikt schlägt weiter Wellen. Mariano Delgado, ein Schweizer Theologe und Kirchenhistoriker spricht mit Blick auf die Formulierungen von Kardinal Koch von einem „katastrophalen Kommunikationsfehler.“ und schreibt. „Dass der Kardinal darauf antwortet, er habe es nicht so gemeint, wie es von vielen verstanden wurde (und wir können es ihm gerne glauben), gehört zur «Busse» bei solchen katastrophalen Kommunikationsfehlern.“

In der Tat, sehe ich auch in dem historischen Vergleich nicht den eigentlichen Fauxpas. Das kann man tatsächlich wagen, auch mit Blick auf Geschehnisse der heiklen Nazi-Zeit. Man sollte es aber dann vielleicht noch etwas kontextualisieren und weitere Beispiele bringen, wie z.B. das Verhalten des russischen Patriarchen Kyrill, der die russische Orthodoxie zum Pudel Putins macht, indem er keinerlei prophetischen Protest gegen den Krieg erhebt. 

Was aber letztlich auch Kardinal Koch einleuchten sollte, ist eine aufmerksame Re-Lektüre des Interviews. Natürlich muss man ihm zu Gute halten, dass ihm eine sehr allgemeine Frage gestellt wurde. Aber nach dem Symposium wusste doch jeder, dass „der Elefant Synodaler Weg im Raum stand“. Worauf sonst sollte sich ausgerechnet Lohmanns Frage beziehen, der sich ja in seiner sonstigen publizistischen Tätigkeit als geradezu fixiert auf den Synodalen Weg zeigt?

Insofern ist der falsche Satz in der Antwort des Kardinals nicht der Verweis auf die Versuche der frühen 1930er Jahre, ein regimeverträgliches Christentum zu konstruieren.

Gänzlich falsch ist aber ein Nebensatz, der da lautet: „und es erschreckt mich, dass dies – wieder – in Deutschland geschieht.“

Hierfür sollte sich der Kardinal entschuldigen, nicht für den historischen Bezug selbst. Denn, nur durch diesen Nebensatz muss man die Antwort des Kardinals als Kritik an jenen lesen, die sich auf dem synodalen Weg um einen Ausweg aus der Krise bemühen, in die die Kirche in Deutschland und weltweit aufgrund ihres Versagens im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch und aufgrund mancher anderer Sünden geraten ist und die sie mehr und mehr von den Menschen entfremdet und ihre Mission der Verkündigung des Evangeliums schwer macht. Die Kirche in ihrer heutigen Gestalt erweist sich durchaus als Klotz am Bein des Christseins und der Verkündigung des Glaubens an den dreieinen Gott. 

Die Anfrage des Kardinals ist sicher berechtigt. Aber, der oben schon kurz zitierte Prof. Delgado schreibt weiter: „Wer sich ... mit pointierten Stellungnahmen ... äußert und dies auch mit der Autorität seines Amtes tut, muss auch in Kauf nehmen, dass ihm widersprochen wird."

Das gehört zur Kunst der theologischen Streitkultur, die heute leider zu wenig gepflegt wird, weil sich die Fronten verhärten und wir nicht mehr «die Wahrheit des Anderen» zu retten bemüht sind, wie Ignatius von Loyola anmahnte.  

Leider zeigt sich auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nicht als jemand, der eine kunstvolle theologische Streitkultur pflegt. Und es wird sich mir nie erschließen, warum in einer solchen kommunikativen Krisensituation der eine Bischof nicht sofort den anderen Bischof anruft. Was hätte Kardinal Koch eigentlich verloren, wenn er den Vergleich mit den Deutschen Christen umgehend zurückgenommen und sich für die Missverständlichkeit unmissverständlich entschuldigt hätte. Statt alles mit einer gewundenen Erklärung zu verschlimmbessern. Was man zur Antwort Bischof Bätzings leider auch sagen muss. Ein Traum, wenn Kardinal Koch dann seinem Amtsbruder eine öffentliche Disputation über die Bedeutung des Glaubenssinns der Gläubigen, über Quellen der Offenbarung und „loci theologici“, über Zeitgeist und Zeichen der Zeit angeboten hätte. Diese Disputation hätte sicher aufgrund der kurzzeitig großen Aufmerksamkeit mehr Herzen und Hirne erreicht, als die Übertragung eines dreieinhalbstündigen Vortragssymposiums mit wenig überraschenden Antworten auf EWTN. (Den Theologen unter uns sei das dennoch empfohlen, spannend wäre allerdings wenn dort auch der Disput mit Personen wie Thomas Söding, Julia Knop und Michael Seewald (der direkt angesprochen wurde) gesucht worden wäre.)

Die Verhärtung der Fronten wird uns als Kirche nicht weiter bringen. Wenn die jeweiligen Unterstützerzirkel der beiden Kontrahenten sich enger um ihre zeitweiligen Idole scharen, wird das nur die Lagerbildung in der Kirche verschärfen. Einer Gestalt von Kirche, die nach wie vor ein Klotz am Bein der Verkündigung bleiben und immer mehr werden wird, weil die Menschen sich abwenden, wenn die Rede von Gott immer weiter zu einem Gezänk um des Kaisers Bart verkommt. 


Interview von Martin Lohmann mit Kurt Kardinal Koch:

www.die-tagespost.de/kirche/aktuell/die-wahrheit-macht-frei-nicht-die-freiheit-wahr-art-232532

Reaktion von Bischof Bätzing nach der Bischofskonferenz:

www.katholisch.de/artikel/41259-nach-nazi-vergleich-baetzing-fordert-umgehende-entschuldigung-von-koch

Antwort des Kardinals: 

www.die-tagespost.de/kirche/synodaler-weg/koch-antwortet-baetzing-nehme-aussage-nicht-zurueck-art-232671

Antwort des Vorsitzenden der Bischofskonferenz: 

www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/bischof-baetzing-stellungnahme-zur-antwort-von-kardinal-kurt-koch-vom-29-september-2022

Kommentar von Prof. Dr. Mariano Delgado:

www.kath.ch/newsd/katastrophaler-kommunikationsfehler-mariano-delgado-kritisiert-kardinal-koch/


Dienstag, 13. September 2022

Wer hat Angst vorm (bösen...) Synodalen Weg?

© Synodaler Weg/Maximilian von Lachner
Mit einem „Paukenschlag“ begann die Versammlung des Synodalen Weges (SW) am Donnerstag. Ein Grundlagentext zur Sexualität und Partnerschaft, der im Verlauf der vergangenen zwei Jahre entstanden war, fand zwar die Zustimmung der überdeutlichen Mehrheit der Synodalen. Allerdings stimmten nur 61 Prozent der Bischöfe mit „Ja“ (bezogen auf die Nein und Ja – Stimmen, denn Enthaltungen werden im SW nicht gezählt.) 209 Synodale hatten sich versammelt, von ihnen stimmten insgesamt 34 mit „Nein“. Allerdings waren von diesen 33 Stimmen 21 bischöfliche Stimmen, die Sperrminorität war damit erreicht, obwohl damit nur 12 weitere Synodale gegen das Papier waren. Eine sehr deutliche „Unwucht“ zwischen Bischöfen und weiteren Synodalen. Vor der Abstimmung hatten sich nur zwei Bischöfe in einem Statement gegen den Beschluss positioniert, direkt nach der Abstimmung bekannten sich drei weitere Bischöfe zu ihrem Nein.

Schwester Dr. Katharina Kluitmann beklagte in einer Predigt in Köln am Sonntag, dass sie sich nicht über die Ablehnung selbst geärgert habe, sondern darüber, „dass man uns im Dunkeln belassen und nicht vorher gesprochen hat.“ Zwei Jahre sei Zeit dafür gewesen.

In der Tat wird in diesem Vorgang zweierlei deutlich: Große Mehrheiten der Katholiken wünschen sich – gegen lehramtlichen Widerstand – seit Jahrzehnten Reformen der Sexualmoral. Und erleben aufgrund der hierarchischen Verfasstheit der Kirche immer wieder, dass am Ende ihre Bemühungen,  ihre Lebenserfahrung, ihre Stimme und alle theologischen und menschlich-emotionalen Argumente wertlos sind, wenn das Amt entscheidet. Genau das zeigt wie in einem Brennglas die Problematik der Kumulierung der Leitungsverantwortung bei den Geweihten, bei Bischöfen und Pfarrern – naturgemäß allesamt Männer. „Beratet uns gern – Entscheiden tun am Ende wir.“ Die Erschütterung und Ratlosigkeit nach diesem „Paukenschlag“ sorgte dann aber doch für einen insgesamt erstaunlichen und überraschenden Verlauf der 4. Vollversammlung des SW in Frankfurt.

Der laute Jubel auf allen konservativen Kanälen bliebt Manchem dann im Halse stecken, als weitere Beschlüsse auch bei den Bischöfen weitgehend Zustimmung fanden. Und zu Beginn der neuen Woche ist die Lage doch eher unübersichtlich.

In der katholischen Kirche tobe ein „Bürgerkrieg“ meinte kürzlich Marco Politi in einem Interview. Politi ist ein bekannter italienischer Publizist.

Je nachdem, ob man lieber „Kirche und Leben“ oder Tagespost liest, bekommt man jedoch die Schilderungen vom Schlachtfeld nicht übereinander. Wenn da nicht die verbindenden Bilder und das Logo des SW wären, scheint die Schilderungen der Einen nichts mit den Berichten der Anderen zu tun zu haben. Waren sie wirklich auf ein und derselben Veranstaltung?

Überhaupt scheint Kriegsrhetorik gerade angesagt: Dorothea Schmidt, die Vertreterin von Maria 1.0 beim SW spricht in der Tagespost von „Feindlicher Übernahme der katholischen Kirche“. Am letzten Versammlungstag habe man den „Grundstein für die Deutsche Nationalkirche gelegt“. „Allerdings mit unfairen Mitteln.“ „Ich habe in den vergangenen Tagen die feindliche Übernahme der katholischen Kirche miterlebt, eine Art Putsch mit verbalen Säbeln.“

„Vor meinem inneren Auge sehe ich Panzer das Kirchenschiff plattfahren, um Platz zu machen für die deutsch-nationale freizügig-feministische Genderkirche.“

Die Tagespost schießt aus allen Rohren und unterstützt ein Netzwerk von Aktivisten, dass sich gegen den SW engagiert. Ein Interview eher konservativer Bischöfe und Vertreter von Anti-SW-Initiativen wie „Neuer Aufbruch“ und Maria 1.0, ein Text von Bernhard Meuser und Franziska Harter jagt den Nächsten. Der Tonfall ist mehr als gereizt und nicht gerade von journalistischer Neutralität geprägt.

Kein Wunder, dass Irme Stetter-Karp auch Tagespost und Maria 1.0 für eine Flut böser Angriffe und Briefe verantwortlich macht, was diese empört zurückweisen.

Der Ton ist gereizt: ein bei Facebook sehr aktiver katholischer Aktivist schreibt: „Seit Jahrzehnten waren die Bischöfe, die man dem Hl. Vater zur Wahl vorschlägt „faule Früchte“, „Kath.Bischöfe die sich in Deutschland zum Papst - zu Rom und zur Kath.Lehre bekennen und diese offen verteidigen, werden von den „Synodalen“ gezielt angefeindet - gemobbt und verleumdet!“

Diese Sicht wurde gefüttert durch gewisse Andeutungen einiger (Weih-)bischöfe in ihren Statements beim SW. Man habe sich „massiert“ gefühlt und zur Zustimmung gedrängt oder gar „emotional unter Druck gesetzt.“ Ganz offensichtlich ist ein offener Schlagabtausch und klarer Widerspruch für manchen Bischof schwer auszuhalten. Erst recht, wenn man auf Augenhöhe zu sprechen hat und nicht aufs Tablett gehoben wird.

Bernhard Meuser wittert in der Tagespost schon den Rauch qualmender Scheiterhaufen: „Abgesehen davon, dass für manche - etwa Religionslehrer oder Pfarrer - es schon heute schwer ist, sich öffentlich zum Lehramt zu bekennen, sind die Bedingungen für eine Jagd auf lehramtstreue Katholiken aufgestellt. Mehr denn je sind Bekennermut und Zeugnis notwendig.“

Man muss es ihm lassen, Dramatik kann er: „Im Streaming konnte nun jeder, der wollte, den Heldenmut der Wenigen angesichts einer dämonischen Drohkulisse ebenso wahrnehmen, wie den erschütternden Kniefall der Vielen vor dem Synofanten.“ Das putzige Kuscheltier, das vor einigen Monaten einmal auf einem Foto des DBK-Vorsitzenden auftauchte wurde zum Goldenen Kalb des Zeitgeistes stilisiert, dem das Volk im SW huldigte.

So kommt er, der Verteidiger der wahren Katholizität und rühriger Initiator der Initiative „Neuer Anfang“ zu einem erstaunlichen Ergebnis. Während man sonst die Hierarchie (zumindest das Modell) mit Zähnen und Klauen verteidigt… … wenn man den eigenen Bischof für einen Häretiker hält, darf man offenbar geistlich in ein anderes Bistum switchen. Dann ist der eigene Diözesanbischof eben abgeschrieben und man folgt treu dem fernen Bischof, der halt in allen Abstimmungen „Nein“ gestimmt hat. „Sollte es sich herausstellen, dass ein Amtsträger mit dem gemeinsamen Glauben der Kirche manifest gebrochen hat, und sollte er damit die Kommuniongemeinschaft der einen Kirche verlassen haben, so besteht gegenüber diesem "Bischof" nicht nur keinerlei Loyalitäts- und Gehorsamspflicht mehr, sondern man hat als getaufter und gefirmter Christ sogar die Pflicht, ihm jede Unterstützung zu entziehen. Nun wird man die Texte des Synodalen Weges in Ruhe betrachten müssen, um dann das reale Abstimmungsverhalten der Bischöfe anzuschauen.“

Auch wenn er sich da noch ein argumentatives Ausstiegstörchen offen gelassen hat: Im Grunde verlässt man mit diesem Satz die überlieferte Kirchenordnung weit mehr als mit der Einführung eines synodalen Ausschüsschens, das in Zukunft etwas verbindlicher als sonst die Bischöfe beraten darf.

Meuser plädiert in einem Kommentar sogar dafür, die Bischöfe bezüglich Ihres Amtseides kritisch und brieflich anzufragen und seine Zweifel an der Treue des jeweiligen Bischofs auch an höherer Stelle kundzutun. Meuser versteht es, sprachlich auf den Busch zu klopfen und die dicke Pauke zu schlagen. Aber auch die „Gegenseite“ wollte sich offenbar nicht lumpen lassen.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller Schüller fragte: „Was machen jetzt ein Kardinal Marx mit seinem Weihbischof Stolberg, ein so lernbereiter Bischof Genn mit Weihbischof Zekorn?“

Ja nix, will ich hoffen. Wenn das ihre Überzeugung war, dann muss man das aushalten und darf es und kann es nicht sanktionieren.

Aus der „neutralen“ Schweiz titelte kath.ch allen Ernstes: „Sind Bischof Gebhard Fürst und Weihbischof Thomas Maria Renz «feige Heckenschützen»? „Die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist ein Schweizer Nachbarbistum. Früher wehte hier ein liberaler Wind. Doch nun gibt es Unmut: Bischof Gebhard Fürst und Weihbischof Thomas Maria Renz verschweigen ihr Votum beim Synodalen Weg.“

Es ist sicher bedauerlich, dass offenbar gerade die Weihbischöfe die "Mühen der Ebene" scheuten und sich wenig in die Diskussionen einbrachten, und am Ende dann "dagegen" stimmten. Es ist ja sowieso bedrückend, dass Arbeitsgruppen über Monate Konsenstexte erstellen, um einzelne Sätze ringen und am Ende steht nur ein "ja" oder "nein" zur Verfügung. Bischöfe sollten sich nicht in einer konstruierten Opferrolle einnisten, sondern auch anerkennen, dass der Widerspruch etwas spät kommt. Synodale Debattenkultur bedeutet Ringen um die Wahrheit. Und das erfordert Zeit und Mühe. Selbst dann, wenn man als Weihbischof einen vollen Terminkalender hat.

Dabei war es vorhersehbar, dass es zu dieser Zuspitzung kommen könnte. Die Synodalin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz hatte offenbar bei einem Vortrag im österreichischen Kloster Heiligenkreuz darauf hingewiesen und klar gemacht, dass die Bewahrer augenscheinlich besser zählen können als die Reformer. Obwohl auch die Religionsphilosophin erstaunt konstatierte: "Die Bischöfe schweigen in ganz großer Mehrheit". 

Ich bin ziemlich sicher, dass auch ich als aufmerksamer Beobachter der katholischen Szene die 21 bischöflichen Nein-Stimmen benennen könnte und würde ziemlich hoch wetten, dass ich dabei mindestens 19 Treffer lande.

Natürlich steht es jedem Synodalen frei, eine Meinung zu haben und zu einer Entscheidung zu kommen. So viel Freiheit braucht es und Synodalität heißt auch, auszuhalten, dass mein Weihbischof anderer Meinung ist. Ich hoffe, diese Professionalität bringen alle Beteiligten bald wieder auf.

Leider ist auch auf der Seite der Reformer die Stimmung extrem aufgeheizt. Dazu tragen auch Bewegungen wie Maria 2.0 bei oder Stimmen wie die des Kirchenrechtlers Norbert Lüdecke, der im SW „Beteiligungssimulation“ beobachtet. Konservative Stimmen müssen sich manchmal gar als Vertuscher, Undemokraten, „angebliche Reformer“ oder in die geistige Nähe von Gewalttätern rücken lassen. Wobei die sozialen Netzwerke auch einen bunten Zoo von Menschen anziehen und der Umgangston dort sicher rauher ist als im normalen Leben.

Unangenehm berührt hat mich – bei verständlicher Emotionalität und Mitfühlen mit Betroffenen – auch eine Wortmeldung von Gregor Podschun, der für den BDKJ in der Versammlung sitzt: „Menschen werden umgebracht wegen der Haltung der Kirche. Sie hat dazu beigetragen, dass die Person beim CSD neulich (In Münster) umgebracht wurde."

Nein! Bei allem Verständnis für Mitgefühl. Das erscheint mir reichlich „unterkomplex“. Um nicht unfair zu sagen. Ich will nicht ausschließen, dass die kirchliche Verkündigung vergangener Jahrzehnte einen Einfluss auf eine gewisse homophobe Grundstimmung meines dörflichen Lebensumfeldes hatte. Sprüche in der Schule, auf dem Sportplatz, in Stammtischrunden kenne ich natürlich. Dass aber ein Vredener Pastor es für notwendig hielte, irgendwas zu Homosexualität oder zu schwulen Paaren zu predigen, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Das wird auch schnell zur Frage vom Huhn oder Ei. Was ist der originäre Anteil der Kirche an einer solchen Haltung? Fragwürdig wurde Homosexualität in der Pubertät als Anfrage an die eigene sexuelle Orientierung. Die Kirche habe ich da eher – selbst im konservativen Münsterland – als Gegenwelt erlebt. Hier war das Lästern über Leute, die Anders waren verpönt. In der Jugendarbeit hatten wir ein offenes Herz für Typen, die anderswo ausgegrenzt wurden. Erste intensive und offene Gespräche mit schwulen Männern hatte ich bei Katholikentagen. Manchmal arbeiten wir auch eine dunkle kirchliche Vergangenheit auf, die schon lange Jahrzehnte keine Gegenwart mehr war. Jedenfalls nicht überall. Dass sich kleine Gruppen und Milieus nach wie vor wie in der „guten alten Zeit“ denken und verhalten ist Teil einer sehr vielgestaltigen Kirchenwelt. Und leider haben sich Sonderwelten gerade in der Domumlaufbahn besonders lange gehalten.

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass die Kirche sich sorgfältig überlegen muss, was ihre Moral- und sonstige Verkündigung möglicherweise auslöst. Da verantwortet sie durchaus eine Unheilsgeschichte. Niemals darf es dazu kommen, dass Menschen zurückgesetzt und bedrängt oder gar gewalttätig angegangen werden. Hier sollte die Kirche immer Position beziehen. Das ist wichtiger als auf irgendwelchen Lehrpositionen zu beharren oder diese gar mit der eigenen Pastoralmacht, dem Arbeitsrecht oder der Finanzkraft umzusetzen. Manchen Zuspitzungen auf dem SW und auch in der nachträglichen Kommentierung kann ich (bei aller guten Absicht) nicht folgen. Niemand will Missbrauchstäter unterstützen, weil er an Katechismusformulierungen festhalten möchte.

Das alte Diktum „Den Sünder lieben und die Sünde hassen.“ ist in seiner Tiefe noch gar nicht ausgeschöpft. Es ist ein Paradoxon, das uns immer wieder herausfordert. Aber es verbietet, einem Menschen den Platz im Gemeinderat zu verwehren oder ihm als Mitarbeiter stumpf zu kündigen.  Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen um das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen.“ Ich denke, es bleibt richtig, dass wir theologisch Ideale und Prinzipien beschreiben, an denen man sich orientieren kann. Aber wir dürfen nicht mit diesen Idealen auf Menschen einprügeln, die ihnen nicht entsprechen. So viel geistlichen Spagat sollten wir uns zutrauen.

Es uns aber damit auch nicht leicht zu machen. Es ist sicher richtig, Menschen nicht pauschal wegen vergangener Fehler auszuschließen. Aber ohne einen klaren Kompass kirchlicher Lehre kann es nicht gehen. Auch die Reformer wollen nach meiner Wahrnehmung keinen Relativismus und kein „everything goes“. Es braucht Regeln. Gerade in Fragen des sexuellen und geistlichen Missbrauchs entstehen aufschlussreiche neue Regelwerke und Selbstverpflichtungen. Niemand möchte aus lauter Barmherzigkeit den Missbrauchstäter wieder in der Seelsorge sehen. Und es wird auch in Zukunft menschliches Fehlverhalten geben, das sich nicht mit einer Arbeit für die katholische Kirche verträgt.

Kehren wir zurück zur Beobachtung der nunmehr zu Ende gegangenen Vollversammlung des SW. Wenn man die Reaktionen in den sozialen Medien betrachtet, müsste der Synodale Weg die ganze katholische Welt in Atem halten. Tut er aber nicht. Wenn ich in meinen beruflichen Alltag schaue, so ist das ein ziemliches Insiderthema. Wir hatten einmal den Plan, in der Gemeinde einen Infoabend dazu zu starten und eine Synodalin einzuladen. Aber das Interesse war so mäßig, dass wir davon Abstand genommen haben. Es fehlt an der Vermittlung in die Gemeinden, vielleicht pointierten Zusammenfassungen der sehr komplexen Papiere und Ereignisse. Die Kritik aus gut organisierten Aktionsgruppen ist laut. Die Presse interessiert sich vor allem für die „heißen Eisen“ und die Konflikte. Für die Gemeinden wäre interessant, was in ihrem Gemeindealltag Relevanz haben könnte.

Manchmal kommen mir die Gemeinden vor Ort und die Kirchenleitungen in Münster und Rom schon wie Parallelwelten vor, die zwar aufeinander bezogen sind – aber doch weit voneinander entfernt existieren. Und die bittere Kirchenkritik vieler Medien trifft mich in der täglichen Seelsorge selten, wenngleich ich weiß, dass die Strukturen, Macken und Fehler meiner Kirche existierten und teils noch heute existieren. Wobei allzuoft ein Status der Kirche kritisiert wird, der längst der Vergangenheit angehört. Dass heute ein Missbrauch vertuscht wird, kommt mir undenkbar vor, aber viele glauben noch immer, dass die Personalabteilungen in erster Linie die Akten von Missbrauchstätern verschwinden ließen und diese nach wie vor irgendwo in der Kirchenorganisation verstecken. Es scheint manchmal, als kämpfe Don Quichote gegen die frommen Windmühlen. Nicht, dass alles schon gut wäre, aber der Wandel kann doch nicht übersehen werden, selbst wenn er nur oft, aber noch nicht immer und überall zum Guten geschieht. Ich mag die Kirche nicht verloren geben. (Und weil dazu schon eine kritische Anmerkung kam: Es liegt mir völlig fern damit das bodenlose Versagen von Bischöfen und Verantwortlichen in der Vergangenheit zu leugnen oder mit dem aktuellen Stand im Umgang mit Betroffenen und deren Entschädigung zufrieden zu sein.)

Ich muss gestehen, dass ich mich auch nur mit Mühe durch die Papiere des SW ackere und im Grunde nur wenig mit Ruhe gelesen habe. Daher hatte ich mir diesmal einige Stunden Zeit genommen, um dem Livestream zu folgen.

Meine ganze Hochachtung hat die 31jährige Katharina Norpoth, die einige Stunden lang die Versammlung mit stoischer Ruhe und Freundlichkeit moderierte. An einer Stelle hatte sich eine Gruppe von 5 Synodalen gefunden, die mit dem Verweis auf einen Passus der Satzung eine geheime Abstimmung forderten und sich einfach nicht davon überzeugen ließen, dass die Zahl 5 nur verhindern sollte, dass Einzelpersonen aus strategischen Gründen bei jeder Gelegenheit eine geheime Abstimmung fordern könnten. Damit hätten sie jede der satzungsmäßig vorgesehenen namentlichen Abstimmungen verhindern können. So wollten diese 5 es auch nicht akzeptieren, dass ihre Forderung geheimer Abstimmung nun selbst zur Abstimmung gestellt wurde. Da offensichtlich die fünf Antragssteller aus dem eher oppositionellen Kreis stammten, fanden Sie bei Franziska Harter in der Tagespost große Sympathien und Frau Norpoth musste sich folgendes Verdikt über die eigenen Moderations“leistungen“ zu Gemüte führen:

„Die Moderation von Katharina „BDKJ“ Norpoth am Samstagmorgen verschaffte übrigens einen Eindruck davon, wie die Kirche aussehen wird, wenn demnächst mehr Frauen mehr Macht in der Kirche haben. Soviel eiskalten Autoritarismus dürfte sich kein Bischof auch nur im Ansatz erlauben. Synodale, die sich höflich darum bemühen, eine geheime Abstimmung als einen geschützten Rahmen für eine Gewissensentscheidung zu erreichen, mussten sich wie Schulkinder von ihrer Oberlehrerin über den Mund fahren lassen. Frauen wie Männer – wenigstens da herrschte Geschlechtergerechtigkeit.“

Das ist völlig unfair. Ich würde mir eine souveräne Moderation für viele Gremien in Politik und Kirche wünschen. Und ein ruhiger Blick in die Satzung und Geschäftsordnung sollte auch deutlich machen, dass der Zweck dieses Passus keineswegs die Erzwingung einer geheimen Abstimmung durch eine winzige Gruppe sein kann. Der grundsätzliche Abstimmungsmodus der Versammlung war eine öffentliche Abstimmung. Durch die Verwendung der Stimmgeräte jedoch wurde hieraus schon per se eine mindestens halbgeheime Abstimmung und je nach persönlicher Vorliebe auch eine Geheime, wenn man die Tastatur zu hielt. Norpoth ist übrigens seit 2020 nicht mehr BDKJ-Vorsitzende.

Insgesamt habe ich die Debatten gern verfolgt. Ich habe vielen Menschen zugehört, die sich mit Engagement und Sachverstand meldeten und für ihre Sache und für ihren Glauben und ihre Kirche brannten. Das macht mir Hoffnung.

Mit Respekt habe ich auch Wortmeldungen eher konservativer Synodaler gehört, frage mich aber, ob es wirklich ausreichend ist, auf Kirchentreue, Tradition und Gehorsam zu pochen oder Kurzreferate über das eigene Amtsverständnis als Bischof zu halten. In zwei Minuten kann man viel Unsinn reden und langatmig seine Emotionen schildern, was manchmal ziemlich nervig war. Aber man kann in zwei Minuten auch wesentliche Punkte benennen. Und wenn sich die Konservativen einmal einigen könnten, auf Wiederholungen, Zynismus und Mimimi zu verzichten, sondern abgestimmt für Ihre Position zu werben und sich mehr mit ihrer Meinung konstruktiv in die Textarbeit einzubringen, wäre auch hierfür viel gewonnen. Wen soll es überzeugen, wenn Treue zur Lehre eingefordert wird, ohne dazu zu sagen, welchen tiefen Sinn diese Treue haben könnten, und wer davon wie profitiert.  

Und hier bin ich wieder an dem Punkt, wo ich mit Leidenschaft immer wieder ende. Und wo ich denke, dass ich auch voll auf der Linie des Hl. Vaters bin, wenn er über Synodalität redet und die Gabe der Unterscheidung. Der Synodale Weg kannte sicher Sternstunden. Aber die schienen mir eher selten zu sein, wenn ich dem folgen darf, was ich selbst angehört habe und was in verschiedenen Medien zu lesen war. Leider wirken gewisse Lobby- und Antilobby-Kreise hier wenig segensreich. Sie fördern nicht die Synodalität, sondern die Konfrontation. Die Einen mit dem Knüppel der unveränderlichen Kirchenlehre, die anderen mit dem Vorwurf einer Menschenfeindlichkeit der Lehre und ihrer Verteidiger. Es wird Zeit, bei aller, teils verständlichen Emotionalität und Ungeduld auch verbal abzurüsten. Und jenen Stimmen wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen, die für Verstehen werben. Aber das würde auch von allen Anwesenden fordern noch mehr auf Machtpositionen und Sperrminoritäten zu verzichten. Und der Einflüsterung und Stimmungmache von Außen zu widerstehen.

Franziska Harter kommt nach dem Paukenschlag am Donnerstag zu dem Schluss: „Denn entgegen allen geduldigen Mahnungen von Papst Franziskus ist der Synodale Weg alles, nur nicht eins: synodal.“

Vermutlich können sich alle Seiten wenigstens darauf einigen. Da sollte noch etwas gehen. Und wir dürfen zuversichtlich sein. Da geht auch noch was. Beim weltweiten synodalen Weg, aber auch bei den weiteren Synodalversammlungen und beim geplanten synodalen Ausschuss.

Ein Zurück zur Bestimmerkirche, in der alle Macht in der Hand der Geweihten liegt, kann es nicht geben. Weder in demokratisch-westlichen Staaten, aber auch nicht in Afrika, Asien, Lateinamerika, wo die Kirche angeblich wächst und wächst. Selbstverständlich ist und bleibt Christus das Haupt der Kirche. Und der Bischof von Rom wird auch ihr Papst sein und bleiben. Aber ohne dass jene mitbestimmen, über die und deren Anliegen entschieden wird, hat unsere Kirche keine Zukunft. Um den rechten Weg müssen wir ringen. Und selbstverständlich werden wir über Gottes Wort nicht abstimmen, auch wenn Josef Bordat in einer Glosse in der Tagespost genüsslich vorschlägt, um die Synodalen lächerlich zu machen. Jesu Wort, das was das Evangelium sagt, was die Hl. Schrift uns im Geist Gottes vermittelt, das muss es sein und bleiben, das uns in der Nachfolge immer weiter führt, Schritt für Schritt dem kommenden Christus entgegen.