Mittwoch, 18. Juli 2012

Ein Besuch im Kartäuserkloster Marienau

In welcher Gegend Deutschlands könnte man eine Wüste entdecken? Für die Kartäuser, die ihre Klöster bevorzugt in menschenleeren Einöden errichten, war diese Wüste im Jahre 1964 ein sogenannter „Einödhof“ im Allgäu. Dort haben die Mönche des strengsten katholischen Ordens die gesuchte Einsamkeit gefunden. 

Pfortenhaus der Kartause Marienau bei Seibranz im Allgäu
Wer sie in diesen Tagen besucht, legt von Voerde aus beinahe den gleichen Weg zurück, auf dem die weißen Mönche in den 60er Jahren vor dem Lärm der Großstadt Düsseldorf und des nahen Flughafens geflüchtet sind. Der Weg von Voerde nach Seibranz im Allgäu streift aber auch bedeutende Orte des Kartäuserordens. In Wesel bestand bis zum Jahr 1628 auf der Grav – Insel ein heute beinahe vergessenes Kartäuserkloster. In Düsseldorf bestand bis 1964 das nach der Säkularisation letzte deutsche Kloster dieses Ordens, die Kartaus Maria Hain. Aus dem weitläufigen Klostergelände sollte Bauland werden, deshalb konnte die Ordensgemeinschaft vom Verkaufserlös im Süden Deutschlands einen abgelegenen Bauernhof kaufen und auf dem Gelände ihr neues Kloster errichten. 
Von Düsseldorf aus erreicht mein Zug Köln, den Heimatort des Hl. Bruno, des „Vaters der Kartäuser“. Der wurde im Jahre 1032 in der rheinischen Stadt geboren und war schon damals ein echter Europäer, er studierte und lebte später vor allem in Reims in Frankreich, lebte als Mönch in Molesme, im Chartreuse-Massiv bei Grenoble und am Hof des Papstes in Rom. Gestorben ist er 1101 in Kalabrien. Als scharfer Kritiker kirchlicher Machtausübung zog er sich mit sechs Gefährten in ein wildes, menschenleeres Gebirgstal zurück. Die kleine Gemeinschaft verwirklichte hier ein geistliches Leben nach Brunos Ideen, ein Leben als Einsiedler mit einer Prise Gemeinschaft. An die Gründung eines eigenen Ordens hatte Bruno wohl noch nicht gedacht. Die Gemeinschaft folgte schlicht den Idealen ihres Gründers. Zwischen 1084 und 1090 leben sie so. Doch dann erscheinen Boten des neu erwählten Papstes Urban II. in der Einöde. Dieser, ein ehemaliger Schüler Brunos, möchte seinen Lehrer als Berater in Rom sehen. Bruno blieb keine Wahl. Kurze Zeit später folgen ihm seine Gefährten nach Rom, doch schon bald schickte Bruno sie zurück in ihr schlichtes Kloster, wo sie ihr ursprüngliches Leben wieder aufnehmen. Als der Papst sich endlich bereit erklärt, Bruno von seinem Dienst im Vatikan zu befreien, begründet dieser ein zweites Kloster in Kalabrien, wo er 1101 stirbt. Erst ca. 25 Jahre später schreibt Brunos Nachfolger Guigo als 4. Oberer der Gemeinschaft eine Art Ordensregel auf, die er bescheiden „Consuetudines“ nennt, die „Gebräuche der Kartäuser“. Diese Regel hat sich im Verlauf der Jahrhunderte kaum verändert, auch die Kartäuser der Marienau folgen ihr bis zum heutigen Tag. Von Köln aus fährt mein Zug durch das Rheinal und durchquert Deutschland. Seine Blüte hatte der Kartäuserorden vom 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. In Deutschland bestanden in dieser Zeit bis zu 58 Kartausen. Doch mit der Reformation begann der Niedergang, die Revolution in Frankreich und die Maßnahmen Napoleons und Bismarcks gegen die Orden beendeten zeitweilig die Existenz des Kartäuserordens in Deutschland. Nur eine Kartause wurde danach wieder besiedelt, das Haus Maria Hain in Düsseldorf im Jahre 1890. Die vorerst letzte Station auf meiner Reise ist in Memmingen, dort bestand im Dorf Buxheim die – auch künstlerisch höchst bedeutende – Reichskartause mit den bis heute erhaltenen, von berühmten süddeutschen Barockkünstlern prächtig ausgestatteten Klostergebäuden.
Kapelle der Brüder
Doch all diese Pracht mag nicht so recht zu dem Orden passen, der heute seine einzige Kartause in Deutschland ca. 30 km von Buxheim entfernt in einem dichten Fichtenwald vor den Augen der Menschen verbirgt. Kürzlich hat der Orden sogar eines seiner Klöster (Aula Dei) in Spanien aufgegeben, weil viele Touristen die prachtvollen historischen Gebäude und Gemälde von Goya besichtigen wollten und die Mönche daher die notwendige Stille und Einsamkeit nicht mehr fanden.

Die Präsenz der Kartäuser im Allgäu könnte leicht übersehen werden, Hinweisschilder sind selten und in der Regel mit dem Zusatz versehen, dass eine Besichtigung des Klosters nicht möglich ist. Der deutlichste Hinweis auf die Kartäuser findet sich an unerwarteter Stelle in der Tatsache, dass in den Dörfern um Bad Wurzach selbst kleine „Tante-Emma-Läden“ im Spirituosenregal den berühmten Kartäuserlikör führen. Normalerweise gibt es den in Deutschland nur in Spezialgeschäften für exklusive Liköre. Im Supermarkt in Bad Wurzach gibt es ihn günstiger, beinahe zum halben Preis.
Selbst unmittelbar vor der Kartause sieht man noch wenig davon...
Vom Örtchen Seibranz aus schlängelt sich eine schmale, asphaltierte Straße zu den „Einödhöfen“ im Talacker. Hier, nach vier Kilometern (auf denen mir als Fußgänger kein einziges Auto begegnete) steht ein erster Wegweiser: „Kartause Marienau“. Nun sind es noch gut 1 ½ km bis zur Klosterpforte. Man muss schon genau hinsehen, um hinter den Bäumen am Rande der Weiden überhaupt ein Kloster zu entdecken. Dabei umgibt die 2 ½ m hohe Klausurmauer eine Fläche von ca. 10 Hektar.

Ich habe es bei meinem ersten Besuch vorgezogen, quer durch den Wald von hinten an das Kloster heranzuwandern. Auf dem ca. 6 km langen Wanderweg durch die tiefen Wälder sind mir zwar etliche Wildschweine, aber wieder kein Mensch begegnet. Dass diese wunderschöne, sanft geschwungene Landschaft mit Bächen und Teichen, Wäldern und Hügeln so wenige Touristen anzieht, wundert mich. Plötzlich, im tiefen Wald durchbricht der Klang einer Kirchenglocke die Stille und das Zwitschern der Vögel. Der Jungfuchs, der gemächlich über den Waldweg zieht, lässt sich hierdurch nicht stören. Er kennt das Geräusch offensichtlich, das hier sogar nachts um halb eins ertönt, wenn die Mönche für ihre ersten Gebete, die Matutin und Laudes ihren Schlaf unterbrechen und in der Kirche zusammenkommen. Jetzt ist es 14.00 Uhr, das Geläut ist das Zeichen für eine weitere Gebetszeit, die Non, die alle Kartäuser allein in ihren „Zellen“ beten. Es ist eine der neun Gebetszeiten, die das Leben der Mönche prägen.

Auch sonst gibt es im Kartäuserorden einige Besonderheiten. Die Mönche leben im Grunde vegetarisch, allerdings steht ab und an Fisch auf den Speiseplan. Es gibt nur zwei Mahlzeiten am Tag, das Frühstück fällt aus. Zusätzlich gibt es ausgedehnte Fastenzeiten. Die Nachtruhe ist geteilt. Mitten in der Nacht erheben sie sich zu einem ca. zweistündigen Gebet. Die gesamten Gottesdienste werden in lateinischer Sprache gefeiert. Der Orden hat eine eigene, von unserer gewohnten Messfeier abweichende Liturgie. Der Kartäusermönch lebt allein in einem eigenen kleinen Häuschen und pflegt einen eigenen Garten. Niemals verlässt er seine Zelle einfach so. Nur selten spricht der Mönch mit seinen Mitbrüdern, er wahrt das Schweigen. In der Woche gibt es zwei Gelegenheiten zum Gespräch, bei der gemeinsamen Erholung am Sonntag oder beim wöchentlichen Spaziergang. Die Tage sind ausgefüllt mit Gebetszeiten, Studium, Handarbeit und Gartenarbeit. Jeder Mönch heizt seine eigene Zelle mit selbst gesägten Holz. Das macht selbst Pater Werenfried Schrör, der Prior der Gemeinschaft.

Auf den ersten Blick scheint dieser Orden wie aus der Zeit gefallen, ein Reservat vergangener Zeiten irgendwie... Die Kartäuser bleiben hinter den Klostermauern und konzentrieren sich ganz auf Gott. Daher gibt es auch fast keine Publikationen von Kartäusermönchen. Sie kommunizieren auch nicht per Brief, Telefon oder e-mail. Für Außenkontakte werden einzelne Konventsmitglieder beauftragt.

Als ich an der Pforte stehe, öffnet mir einer von ihnen, der Pförtner Bruder Antonius. (Sein Name kommt vom frühchristlichen ägyptischen „Wüstenvater“, den er sehr verehrt.) Wie es mit dem Nachwuchs aussieht, möchte ich gern wissen. Man konnte kürzlich einmal lesen, dass von zehn ernsthaften Interessenten nur einer tatsächlich im Kloster bleibt. „In letzter Zeit ist es etwas besser mit dem Bleiben“, sagt der Pfortenbruder. Zur Zeit lebten 35 Mönche im Kloster, damit ist es beinahe voll. „Zehn von ihnen sind unter vierzig Jahre alt“ und „wir kommen aus zehn Nationen“, berichtet Bruder Antonius, der für einen schweigenden Mönch durchaus gerne Auskunft gibt. „Sie werden nicht glauben, was wir im Pfortendienst hier alles erleben!“. Es kämen immer mehr Leute, die sich einfach einmal aussprechen möchten, einen guten Rat wünschen oder das Gebet der Mönche erbitten. Zwei Brüder teilen sich diesen herausfordernden Dienst. 

Das Gebet ist zu Ende.
Bruder Antonius ist 82 Jahre alt und hat mehr als 2/3 seines Lebens hinter Klostermauern verbracht. „Die Pfarrer haben heute so viel zu tun und sind für die Leute nicht mehr so erreichbar.“ Hier an der Pforte ist immer jemand da. Wie er damit umgeht, dass er vielen Menschen nicht tatkräftig helfen kann, möchte ich gern wissen. Der Kartäuserbruder sagt, dass er in einer anderen Welt lebe und daher aus einer anderen Perspektive auf das Leben schaue. Er zitiert Schopenhauer um den Blick Gottes auf die Welt zu verdeutlichen: „Die Erde ist nunmehr nur eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen gezeugt habe.“ Und doch sei Gott diesen Menschen verbunden und ihren Sorgen nahe. Der Mönch spricht von seinem Vertrauen in Gott, der alles zum Guten wende. Darauf baue er und schließe die Sorgen der Menschen in sein persönliches Gebet ein.

Vor einigen Tagen hatte ich den Bad Wurzacher Pfarrer Stefan Maier gefragt, ob es pastorale Kontakte zu den Kartäusern gibt. „Nein!“, sagte er, „sie leben ganz für sich, weil sie das so wollen und es zu ihrer Spiritualität gehört.“ „Aber ich bin sehr dankbar, dass sie da sind und dafür, dass sie für uns alle beten. Das gibt mir Kraft.“

Freitag, 6. Juli 2012

Keine Schublade frei für Gerhard Ludwig Müller???


Er wird mir geradezu sympathisch, der Bischof em. Gerhard Ludwig Müller von Regenburg, inzwischen dort emeritiert und zum Erzbischof und „Dritten Mann im Vatikan“ ernannt. Gerade hat der Papst ihn zum Präfekten der Glaubenskongregation berufen. Die Reaktionen darauf sind – gelinde gesagt - „gemischt“. Ich würde sagen: Meine Güte, hat der arme Mann Gegner! 
Selbst das sonst so sachliche ZDF garniert seinen Bericht über die Ernennung so mit Einseitigkeiten, dass man meinen könnte, Johann Tetzel persönlich sei zurückgekehrt. Oder Bischof Müller sei zum Großinquisitor ernannt und gleich wieder mit diesem Titel ausgezeichnet worden. Dabei wäre es doch eigentlich einmal ein guter Anlass gewesen, fröhlich zu jubilieren und zu rufen: „Wir sind Papst...“, nein, das jetzt nicht... Aber warum nicht einfach froh darüber sein, dass ein deutscher Theologe auf diesen vor allem theologisch so wichtigen Posten berufen wurde. Schließlich wurde immer wieder betont, es sei das „drittwichtigste“ Amt im Vatikan. Und daher kann es doch nur gut sein, wenn hier jemand arbeitet, der von der Sache etwas versteht und eigenständig zu denken gelernt hat. 

„Als Präfekt der Glaubenskongregation ist dieser bornierte Scharfmacher fehl am Platz“, soll Hans Küng gesagt haben. Es versteht sich von selbst, dass auch „Wir sind Kirche“ von der Ernennung nicht erfreut ist. Schließlich hatte Gerhard Ludwig Müller als Bischof von Regensburg mit den engagierten Laien gerne einmal „die Klinge gekreuzt“ und so manchen Strauß ausgefochten. Manchmal sogar vor kirchlichen und weltlichen Gerichten. Trotzdem bescheinigt der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Albert Schmidt dem Bischof einen „ansteckenden Humor“ und sieht in ihm eine „Idealbesetzung in diesen schwierigen römisch-vatikanischen Zeiten“. Gerhard Ludwig Müller ist ein Freund des offenen Wortes und ich finde, manchmal schießt er auch über das Ziel hinaus, z.B. als er „Wir sind Kirche“ als „parasitäre Existenzform“ bezeichnete. Was er damit meint, formuliert er nun im Interview mit Radio Vatikan so: „Es darf nicht sein, dass die Einheit der Kirche Gottes gestört wird durch Ideologien, sektenhafte Art – am linken oder rechten Rand –, die auf sonderbare Weise kollaborieren und so der Kirche schaden. Diese Gruppierungen haben leider in manchen Medien mehr Resonanz als die vielen Millionen Gläubigen, die den Weg der Nachfolge Jesu Christi gehen und Vieles und Gutes leisten für den Aufbau der Kirche." Ich mag ihm und seinen Einschätzungen nicht widersprechen. Zumeist lohnt es sich bei Müller, den ganzen Text zu lesen und von dort her die ein oder andere Spitze zu verstehen. Es wäre wünschenswert, wenn er selbst es seinen Kritikern durch übertriebene Zuspitzungen nicht zu leicht machen würde.

Man sollte nun meinen, wenn ein „(erz-)konservativer“ Bischof auf diesen Posten berufen wird, sollte die konservativ – fromme Szene jubilieren. Aber weit gefehlt: Pius-Bischof Alfonso de Galarreta kommentierte noch am selben Tag – offensichtlich spontan in seine Predigt zur Priesterweihe eingefügt – der Papst habe einen „Häretiker“ zum Glaubenswächter ernannt. Damit habe er sprichwörtlich „den Bock zum Gärtner“ gemacht (Das ist jetzt kein Zitat). Nun, de Galarreta hat ihn nicht direkt „Häretiker“ genannt, aber gesagt: „Es ist unglaublich, dass wir heute so weit sind, dass der Oberste Hüter des Glaubens Häresien verbreitet.“ Auf diese Unterscheidung (worin auch immer der Unterschied genau liegt) legte man zunächst bei der Piusbruderschaft wert. Doch nur einen Tag später legte man durch P. Matthias Gaudron nach, der eine offizielle Erklärung veröffentlichte und darin benannte, worin die Häresien des neuen Präfekten der Glaubenskongregation denn nun – nach Ansicht seiner Bruderschaft – bestehen. Ob er für diesen Text wohl die Originaltexte Müllers gelesen hat? Jedenfalls klingt die Erklärung, als habe er sie eher bei kreuz.net und den einschlägigen Blogs zusammengestoppelt. Vom Dogmatiker der Piusbruderschaft hätte ich mehr erwartet! 
Und die Vorwürfe sind zumeist so auf einen Satz zugespitzt, dass man sich fragt, was Gaudron und seine Piusbruderschaft mit dieser Attacke erreichen möchten. Immerhin ist der zukünftige Kardinal Müller letztlich der Mann, der in Sachen Versöhnung mit der Bruderschaft ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen hat. Will man hier gleich im Vorfeld das persönliche Klima so vergiften, dass ein Scheitern der Versöhnungsbemühungen dem Vatikanischen Behörden in die Schuhe geschoben werden kann? Ich mag mir die taktischen Spielereien (mit dem Feuer) hinter den Kulissen der Piusbruderschaft gar nicht ausmalen. Schade, wie hier das Entgegenkommen des Hl. Vaters verspielt wird. Aber ich schweife ab. Jedenfalls bin ich sehr gespannt, was Bischof Müller oder Bischof Fellay zu einer Befriedung der Situation beitragen wollen.
Es kann doch selbst in der Piusbruderschaft niemand ernsthaft glauben, dass der Hl. Vater nicht intensiv geprüft hat, wen er für diese gewichtige Aufgabe beruft und ob seine theologischen Positionen der Lehre der Kirche widersprechen. Wenn die Einzelsätze aus dem theologischen Werk des Bischofs (der gleichzeitig Herausgeber der gesammelten Werke des Papstes ist und bleibt) Anlass zu lehrmäßigen Beanstandungen geben würden) hätte man dies sicherlich im Vorfeld geklärt. Schließlich ist z.B. das Lehrbuch zur Dogmatik des Regensburger Bischofs sogar schon vor seiner Bischofsweihe erschienen. Erste gewichtige Verteidiger von Müller melden sich auch schon entsprechend zu Wort (z.B. Don Nicola Bux)). Nun gut, im Grunde verwundert es natürlich nicht, dass ein dem Sedisvakantismus zuneigender, irregulär geweihter Bischof eigentlich in jedem nach dem 2. Vaticanum geweihten Bischof (mit Ausnahme vielleicht von Albert Malcolm Kardinal Ranjith Patabendige Don ;-)) einen Häretiker erblickt.
Bischof Gerhard Ludwig Müller, ich muss es gestehen, ist mir bisher nicht besonders sympathisch gewesen. Aber, dass seine Ernennung derart widersprüchliche Reaktionen hervorruft, dürfte Beleg für seine Vielseitigkeit und sein eigenständiges Denken sein. So mag es seine Kritiker aus dem „linken Lager“ erstaunen, dass er gemeinsam mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez ein Buch herausgegeben hat und offensichtlich sogar mit ihm befreundet ist. Als „Ökumenebischof“ war er bei den evangelischen Schwestern und Brüdern in Deutschland durchaus geschätzt und das sogar eher wegen als trotz seiner offenen Worte und seines theologischen Sachverstandes.
Der Mann sprengt die Klischees!
Wie auch immer – ich mache mir wegen der Ernennung von Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation keine Sorgen mehr. Im Gegenteil! Ich bin gespannt, was dieser Mann uns zu sagen hat und ob es ihm gelingt, den Glauben und das Nachdenken über den Glauben wieder mehr zum Gesprächsthema zu machen. Es würde mich freuen, wenn er im Konzert der Meinungen den „vielen Millionen Gläubigen, die den Weg der Nachfolge Jesu Christi gehen und Vieles und Gutes leisten für den Aufbau der Kirche“ eine Stimme gibt und vor allem ihnen sein Ohr leiht und Aufmerksamkeit schenkt. 

Mehr über Erzbischof Müller gibt es bei Wikipedia, den Text von P. Gaudron kann man hier lesen: www.pius.info/offizielle-stellungnahmen/698-distrikt-stellungnahmen/6947-presseerklaerung-zur-ernennung-von-bischof-mueller
Hier findet sich etwas über die Entgegnung aus Rom: www.kath.net/detail.php?id=37270
Und hier eine Beschwerde über die Einseitigkeiten im ZDF: www.kath.net/detail.php?id=37223

Mittwoch, 27. Juni 2012

Bischof Gregor Maria Hanke ./. Prälat Peter Neher

Diesmal soll mein Blog-Beitrag in einem Brief an den Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke OSB bestehen. Als normaler Katholik war ich etwas irritiert über den - wenn auch unfreiwillig - öffentlich ausgetragenen Disput. Hierauf versuche ich mit diesem Brief an Bischof Hanke zu reagieren. Möglicherweise ist mein Brief auch für den ein oder anderen Leser dieses Blogs interessant.

Lieber Bischof Gregor Maria Hanke!

Bitte entschuldigen Sie, dass ich diese vertraute Ansprache der formalen Anrede vorziehe. Nehmen Sie es bitte als Zeichen der inneren Verbundenheit mit Ihrer Person und Ihrem Amt.
In diesen Tagen wurde offensichtlich durch eine Indiskretion Ihr Brief an den Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes, Prälat Dr. Peter Neher publik. Ihr Ordinariat hat bestätigt, dass dieser Brief authentisch ist.
Auch wenn er nicht an mich gerichtet war und Ihnen selbst die Veröffentlichung nicht recht sein kann, erlauben Sie mir aus der Perspektive eines vierfachen Familienvater, der zudem Vater eines „echten Krippenkindes“ ist, eine Reaktion auf die von Ihnen aufgeworfene Problematik.
Lassen sie mich vorab betonen, dass ich eine gewisse Verbundenheit mit Ihnen empfinde, da ich ein hohe Interesse am Orden des Hl. Benedikts habe, Ihren Ordensgründer sehr verehre, Ihr persönliches Engagement für die Bewahrung der Schöpfung hoch schätze und mir als Pastoralreferent in der Katholischen Diözese Münster das Wort eines Bischof durchaus etwas bedeutet.
Als ehemaliger Benediktinerabt werden Ihnen die Worte des Hl. Benedikt über den Abt noch im Herzen klingen. „Bei Zurechtweisungen gehe er mit Klugheit vor und gehe nie zuweit, sonst könnte das Gefäß zerbrechen, wenn er es allzu sauber vom Roste reinigen will. Er rechne immer mit seiner eigenen Schwäche und erinnere sich, dass man ein geknicktes Rohr nicht vollends brechen darf. Damit wollen wir jedoch nicht sagen, er dürfe Fehler fortwuchern lassen, vielmehr soll er sie, wie schon gesagt wurde, mit Klugheit und Liebe ausrotten in der Weise, die er für jeden einzelnen zuträglich findet.“
Ob Sie diese Worte bei der Abfassung Ihres Briefes wohl ausreichend beherzigt haben? Ich bin jedenfalls verwundert über den scharfen Ton Ihres Briefes. Ich habe die Äußerungen von Prälat Neher (soweit sie mir zugänglich waren) noch einmal gelesen. Er spricht sich ja in keiner Weise gegen eine „Anerkennung und damit Hochschätzung elterlicher Erziehungsleistungen“ aus. Im Gegenteil! Er fordert sie ebenso und macht auch konkrete Vorschläge hierzu. Vielleicht hätte er an einer Stelle noch einen Satz wie den Folgenden anfügen können: „Nun, das, was da mit dem Erziehungsgeld kommen soll ist nicht gut, es ist nicht unbedingt sozial gerecht, aber es ist besser als gar nichts...“
Dass Sie in Ihrem Brief dem Caritasverband sogar eigene ökonomische Interessen unterstellen empfinde ich als besonders problematisch. Gerade wo Sie selbst eine Dissonanz in widerstreitenden kirchlichen Meinungsäußerungen beklagen, sollten Sie doch auch selbst vermeiden, bestimmte, der Kirche nicht wohl gesonnene Kreise in ihrem Vorurteilen gegenüber dem Caritasverband (und der Kirche) zu bestärken.
Hier im Bistum Münster haben wir als Kirchengemeinde eigene Kinderbetreuungseinrichtungen. In beiden Einrichtungen unserer Gemeinde nehmen wir auch Kleinkinder auf. Nicht aus finanziellen Gründen oder weil wir gegen die „katholische Soziallehre“ arbeiten (wo genau ist denn hier eigentlich gesagt, dass die Soziallehre der Kirche sich gegen frühe Betreuung ausspricht?), sondern weil es einen Bedarf gibt; weil Eltern zur Berufstätigkeit gezwungen oder gedrängt sind und gute Betreuung brauchen; weil im Einzelfall den Kindern die Zeit in unserer Einrichtung gut tut und sie davon profitieren. Meine eigene, jüngste Tochter war von ihrem 6. Lebensmonat an in der Betreuung einer Caritas-Kindertageseinrichtung. Daher weiß ich auch, was das für das Kind und die Familie bedeutet.

Lieber Bischof Hanke! Ich kann Ihre Perspektive durchaus verstehen, unterstütze sehr die Vorstellung, dass der Staat und die Gesellschaft mehr tun müssen, um Eltern zu unterstützen, die die Kinder, die Gott uns schenkt gut zu versorgen und zu erziehen. Ich teile auch die Ansicht, dass ein Mehr an Betreuungsmöglichkeiten, das allenthalben, sogar von „christlichen“ Politikern gefordert wird, nicht die einzig notwendige Unterstützung ist, die Eltern benötigen. Es ist ja auch etwas widersinnig, von Unterstützung werdender und „seiender“ Eltern zu sprechen und das Miteinander von Eltern und Kindern durch immer neue Betreuungsformen und Ausweitung der Schulzeiten zu begrenzen. In unserem Bundesland NRW gibt es zur Zeit die widersinnige Diskussion, dass in der offenen Ganztagsschulen die Kinder möglichst bis zum Ende um 16.00 Uhr verbleiben mögen und nicht mehr flexibel und früher von den Eltern abgeholt werden sollen. Hier geht es vor allem um eine bessere Ausnutzung der Einrichtungen und damit der zur Verfügung gestellten Finanzmittel. Hier würde ich mir durchaus ein klares Wort eines Bischofs oder der Caritas wünschen.
Doch in meinem Wunsch nach „Anerkennung und damit Hochschätzung meiner Erziehungsleistung“ als Vater finde ich mich dennoch ebenso in Ihrem Grundanliegen und der im Brief an die Bayrische Staatsministerin Christine Haderthauer formulierten Position, wie auch in der Argumentation von Prälat Neher als Präsidenten des Deutschen Caritas-Verbandes wieder.
Ich kann nicht erkennen, dass der Caritasverband die erzieherische Eigenverantwortung der Eltern als unaufgebbares Prinzip kirchlicher Soziallehre in Frage gestellt hat. Wo seine Aussagen der „katholischen Soziallehre“ widersprechen, erschließt sich mir weder aus der Kenntnis der katholischen Soziallehre noch aus der wiederholten Lektüre Ihres Briefes an Prälat Peter Neher.

Aber so wenig das Betreuungsgeld diese elterliche Eigenverantwortung unterstützt, so wenig nehme ich wahr, dass sich der Caritasverband vor den Karren mancher Familienideologen spannen lässt, die glauben, dass eine externe Erziehung der Kinder in Krippen, Kindertagesstätten und Ganztagsschulen dem erzieherischen Einfluss der Eltern vorzuziehen sei. Aber die Situation der Familien ist heute bunt und vielschichtig. Sie brauchen eine individuelle Unterstützung und Förderung, die eben nicht immer in zusätzlichem Geld und weniger pädagogischer Begleitung besteht. Es ist und bleibt auch problematisch, dass die jetzt umzusetzende Variante des Betreuungsgeldes gerade dort nicht ankommt, wo mehr Geld in den Familien echte Not wenden könnte. Es wäre doch viel sinnvoller, genau hinzuschauen und passgenau mit dem zu helfen, was in dieser besonderen Familie gerade gebraucht wird. Manchmal ist das Geld, manchmal ist es frühe Förderung und Betreuung durch Fachkräfte in der Familie und in Einrichtungen, manchmal seelsorgliche Begleitung, Verständnis und Zuwendung. Und genau davon hat ja auch Prälat Neher gesprochen.

Ich frage mich, warum Sie als Bischof, bei allem – in Ihrem Brief förmlich spürbaren Ärger über die eine oder andere Argumentationsspitze des Prälaten – nicht zum Telefonhörer greifen, sich durchstellen lassen und mit ihrem Amtsbruder ein klärendes Gespräch im „nichtöffentlichen“ Raum suchen. Bisher hatte ich es als angenehm empfunden, dass Prälat Peter Neher in der öffentlichen Diskussion eine kritische Stimme war, die sowohl den politischen Gegnern des Betreuungsgeldes widersprach, indem er sagte: jawohl, Familien brauchen finanzielle Hilfen als auch den politischen Freuden dieser Geldleistung, indem er sagte: aber auch mit dem Betreuungsgeld bleiben die Probleme in den Familien und da müsst ihr noch mehr tun, statt euch nun gemütlich zurückzulehnen und auf das Betreuungsgeld zu verweisen.

Aber ich würde gerne noch auf meine Erfahrungen als Familienvater zurückkommen. Als Pastoralreferent, der in der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit tätig ist, kenne ich viele Familien und deren manchmal schwierige Situation.
Schön wäre es, wenn die Betreuungseinrichtungen möglichst passgenaue Betreuungsangebote anbieten würden, die uns Eltern entlasten (so wir berufstätig sein müssen) und uns dennoch erlauben, so viel Zeit als möglich mit unseren Kindern zu verbringen. Da fehlt es insgesamt noch an Vielseitigkeit, Flexibilität und Kundenfreundlichkeit.

Leider ist in all den aktuellen Diskussionen viel zu viel Ideologie im Spiel. Oft sind bestimmte „wissenschaftliche“ Befunde von Interessen und erkenntnisleitenden Überzeugungen bestimmt. Das gilt leider auch für die Diskussion über die psychischen Folgen der frühen Betreuung oder über den erhöhten „Kortisolspiegel“ bei Kindern. Hier würde ich mir mehr unvoreingenommene Fachlichkeit bei klarer Parteinahme für das wirkliche Wohl der Kinder wünschen. Die Ursache psychischer Auffälligkeiten ist vielschichtig und nicht selten liegt sie eher in den Familien begründet denn in anderen Einflüssen.
Sie schreiben: „Es ist unbestreitbar, dass es für ein Kleinkind im Normalfall kaum einen besseren Hort der Erziehung und der ge-/erlebten Wertevermittlung gibt als das Leben innerhalb der eigenen Familie.“ Ich hoffe sehr, dass diese Aussage zumindest für meine Familie und unsere vier Kinder stimmt. Auch wir bemühen uns sehr, unsere Kinder zu gläubigen Menschen zu erziehen. Ob uns das besser als anderen Familien gelingt? Manchmal zweifle ich durchaus daran.
Die Vielfalt in den Familien, die ich in meiner Arbeit aber auch in der Schule und im Kindergarten erlebe, ist groß. Der „Normalfall“ ist heute selten. Und ich erfahre auch, dass meinen Kindern die Zeit im Kindergarten, in der Betreuung, in der Schule gut tut. Dass sie dort Dinge erfahren, auch Werte vermittelt bekommen, die ich ihnen im Rahmen unseres Familienlebens nicht hätte vermitteln können. Dabei kommt unsere Familie dem Familienideal der katholischen Soziallehre vermutlich näher als bei manchen anderen Familien. Um so mehr gilt dies für die Familien in denen Kinder allein, einzeln aufwachsen.

Sie werden mich hoffentlich nicht falsch verstehen. Es ist ein hohes und wichtiges Ideal, das auch von Ihnen verteidigt wird und ich gehe sehr davon aus, dass Ihnen die Sorge um ein gelingendes Familienleben mit den entsprechenden Rahmenbedingungen sehr am Herzen liegt.

Ich würde mir allerdings wünschen, dass die Kirche hier mit einer Stimme spricht, Partei für Familien in ihrer ganzen Vielfalt ergreift (selbst dann, wenn sie sich vom kirchlichen Familienideal entfernt haben) und sich spürbar von der Lebenswirklichkeit der Familien inspirieren und von Familienvätern und Müttern beraten läßt. Die Verantwortung hierfür liegt aber auch innerhalb der bischöflichen Amtsführung. Ganz bestimmt gibt es in der verfassten Caritas einen „Entweltlichungsbedarf“ und an der ein oder anderen Stelle auch deutlich Reformbedarf. Ich fände es gut, wenn die Bischöfe hier in enger Abstimmung mit den Verantwortlichen der Caritas einen guten Weg finden und nicht über halböffentliche Briefe verkehren, die sowohl auf die Arbeit der Caritas als auch die Absichten der Kirche einen gewissen Schatten werfen.
Ich bin jedenfalls dankbar, dass sowohl Prälat Neher als auch Sie, Bischof Hanke, eine Lanze für uns Familien brechen möchten. Ich nehme wahr, dass Sie jeweils andere Familienwirklichkeiten im Blick, aber letztlich das eine Ziel vor Augen haben.
Möge es auf die Fürsprache des Heiligen Menschenkenners Benedikt gelingen, dass Sie miteinander für das Wohl der Kinder und Familien etwas zum Besseren bewegen können. So verbleibe ich im Gebet verbunden mit frohem Gruß!
Ihr
Markus Gehling

P.S.: Ich erlaube mir, diesen Brief an Sie auch Herrn Prälat Dr. Peter Neher zur Kenntnis zu geben und ihn in meinem katholischen Blog www.kreuzzeichen.blogspot.com zu veröffentlichen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir eine Antwort geben könnten.


Die Stellungnahmen von Prälat Dr. Peter Neher:

Mittwoch, 13. Juni 2012

Richard Steiner und Rudolf Williamson?

Was sagt Ihnen eigentlich der Name Rudolf Steiner? Denken Sie – bevor Sie weiter lesen – doch einem Moment hierüber nach.
Die meisten Menschen werden vermutlich sagen: kenne ich nicht! Der Name ist mir fremd! Lebt der noch? Vermutlich kommen Sie aber darauf, wenn ich Ihnen ein weiteres Stichwort hinzu gebe: Waldorfschule! Ach ja, auf Steiners Ideen beruht die Pädagogik der Waldorfschule und er ist der Begründer der sog. Anthroposophie. Viele Menschen, die heute in Bioläden „Demeter“-Waren oder biologisch-dynamisch erzeugte Lebensmittel erwerben, ahnen gar nicht, wie viel das mit den Ideen Rudolf Steiners zu tun hat. Steiner lebte von 1861 bis 1925. Hier ist nicht der Platz, eine so vielfältige Persönlichkeit und ein so vielfältiges Werk (Hunderte von Büchern, Aufsätzen und Vorträgen) zu würdigen. Aber, nur die wenigstens „Fans“ des biologisch-dynamischen Landbaus oder der Waldorfpädagogik haben sich umfassend mit Steiners Werk auseinandergesetzt. Das wird auch schwer fallen, angesichts der schieren Menge der überlieferten Texte. Manche seiner Gedanken sind durchaus anregend und sympathisch. Seine Sprache ist „speziell“ und manche seiner theologisch – philosophischen Gedanken muten uns heute fremd an. Wer einmal an einem Gottesdienst, einer sog. Menschenweihehandlung in der von Steiner inspirierten Christengemeinschaft teilnehmen konnte, wird in der äußeren Form manches finden, was katholisch anmutet. Auch die hohe Verehrung, die die Anhänger der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik einigen katholischen Heiligen entgegen bringen, macht neugierig. Alles in allem, ist das „Katholische“ in seiner Lehre aber eher Äußerlichkeit und die Gedankenwelt dahinter wirkt eigentümlich verstaubt und überholt. Viele von Steiners Erkenntnissen halten einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht mehr stand. Was die biologisch-dynamischen Landwirte aber nicht davon abhält, die Äcker in bestimmten Mondnächten mit Ackerschachtelhalmtee oder Heilpflanzenextrakten zu „informieren“. Wer sich mit Steiners Lehre beschäftigt, blickt wie durch ein Guckloch in die Gedankenwelt bestimmter Kreise des frühen 20. Jahrhunderts.

Ganz ähnlich geht es mir, wenn ich mich mit den Schriften der Piusbruderschaft beschäftige, die für sich selbst beansprucht, den theologischen Schatz von 1.900 Jahren Kirchengeschichte zu bewahren. Auch hier schaue ich durch ein Schlüsselloch in eine vergangene Geisteswelt, allerdings scheint es mir weit eher nur die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sein. Ich denke, die Bruderschaft nennt sich auch deshalb nach dem Hl. Papst Pius X. (Amtszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts von 1903 bis 1914) und nicht nur wegen des Antimodernisteneides und weil sie ihn für einen der letzten „vollständigen“ Päpste hält, ohne die aus Sicht der Bruderschaft – bei seinen späteren Nachfolgern diagnostizierten theologischen Defizite. Nicht von ungefähr – so meine ich – verwendet die Bruderschaft in ihren Publikationen vor allem Bilder aus der Zeit zwischen 1850 und 1950 und stattet auch ihre Kirchen und Sakristeien mit liturgischer Kunst dieser Zeit aus. Schauen wir einmal in die Kirchengeschichte, so ist das eine Zeit der Rückkehr zu alten Bauformen und zu – meist pseudo – mittelalterlicher Kunst. „Neoromanik“ und „Neogotik“ lauten die Stichworte und „Historismus“. Von ihrer religiösen Wirkung und künstlerisch-architektonischer Kraft her bleiben diese Plagiate aber weit hinter den Originalen zurück.

Heute stellt sich für uns die Diskussion um die Wiedereingliederung dieser Gemeinschaft in die katholische Kirche vor allem als ein Streit um in rechten Weg in Liturgie und Theologie dar. Aber vermutlich ist es viel mehr und die Gedankenwelt der Anhänger der Piusbruderschaft ist wesentlich vielfältiger. Ginge es „nur“ um diese Fragen, so ließe sich in der doch sehr vielfältigen katholischen Kirche sicherlich eine einfache Lösung finden und ein Platz für diese Gemeinschaft.

Aber es geht vielen in ihr um das „große Ganze“. Der extreme Zweig hält an der Überzeugung fest, dass es nur eine wahre katholische Kirche gebe und die sei nicht nur „subsistit in“ sondern sie ist allein die Piusbruderschaft. Jedenfalls gilt das so lange, bis sich „Rom“ zum „Ewigen Rom“, also den Vorstellungen der Piusbruderschaft bekehre. Vor dem Hintergrund dieses Denkens kann es keine Einigung geben. Diese extreme Auffassung vertreten vor allem die drei Titularbischöfe Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta.

Es hat den Hl. Vater Benedikt XVI. besonders in Bedrängnis gebracht, dass der konvertierte Anglikaner Richard Williamson sich im Umfeld der Bemühungen um eine Aufhebung der Exkommunikation der „gültig aber unerlaubt“ geweihten Bischöfe der Piusbruderschaft als Holocaustverharmloser präsentierte. Vermutlich hat man im Vatikan bei der Prüfung dieser Angelegenheit vor allem auf die frommen Überzeugungen der Bruderschaft geblickt und weniger darauf, dass die Gründung der Piusbruderschaft auch politische Hintergründe hat und dass hinter all der Theologie auch politische bzw. kirchenpolitische Überzeugungen stehen. Es ist doch eigenartig, dass gerade ein sich katholisch nennender Christ, gar Priester und Bischof irgendwelche Sympathien für die Nationalsozialisten zu Protokoll gibt. Schließlich waren gerade Katholiken für die Nationalsozialisten ein rotes Tuch. Heute zeigt sich mehr und mehr, dass Williamson ein erbitterter Gegner der Rückkehr der Gemeinschaft in den „Schoß“ der Kirche ist und auch genau so agiert. Ist es da so unwahrscheinlich zu fragen, ob die Holocaustleugnung nicht Methode hatte? Mit keiner theologischen Provokation wäre der Papst derart in Bedrängnis geraten, wie nach dem Bekanntwerden dieser Aussage. Ein probates Mittel also, eine Annäherung zu torpedieren. 

Aber sicher fallen die antisemitischen und antijudaistischen Positionen nicht vom Himmel. Innerhalb der Piusbruderschaft ist durchaus ein gestörtes Verhältnis zum Judentum zu beobachten, was zu zahlreichen zumindest sehr grenzwertigen Aussagen führt. Stilblüte am Rande: In den Ausgaben ihres Mitteilungsblattes 4+5/2012 präsentiert sie den angeblich orthodoxen (im Judentum höchst umstrittenen) Juden Reuven Cabelmann als Kronzeugen ihrer Judentumsfreundlichkeit und stellt den Lesern zudem eine sehr spezielle jüdische Splittergruppe unter den ultraorthodoxen Juden vor, nämlich die, die ausgerechnet den Zionismus und die Gründung des Staates Israel vehement ablehnen. Einer ihrer wenigen Vertreter in Deutschland ist Cabelmann. Damit bedient sich die Piusbruderschaft gewisser Stereotypen, die auch von Rechtsextremen in Deutschland gern benutzt werden. Das vom Verfasser des Artikels präsentierte Bild des orthodoxen Judentums ist allerdings nicht mehr als ein Zerrbild oder letztlich eher als ein Spiegelbild der Beziehungen zwischen Piusbruderschaft und katholischer Kirche.

Aber, vermutlich liegt bei Williamson noch mehr im Argen. Seine Sympathie für totalitäre Regierungen deckt sich mit der Idee einer Beziehung von „Kirche und Staat“ in der die Kirche in bestimmten Fragen das staatliche Handeln zu lenken hat. Von klarer Trennung zwischen Kirche und Staat ist in der Piusbruderschaft nur selten die Rede. Und wer im Besitz der Wahrheit ist, wird auch wohl das Bestreben haben, diese Wahrheit auch mit Mitteln der Macht in die Tat umzusetzen und andere Menschen im Zweifel „in die Wahrheit“ zu zwingen. Kardinal Henri Schwery aus der Schweiz hat kürzlich noch auf diesen Aspekt hingewiesen. Im Extremfall also ein totalitärer Staat unter dem Christus König, geführt von seinen Stellvertretern auf Erden.
In solchen Denkwelten stören natürlich die Wortmeldungen und die Lehre eines amtierenden Papstes weit mehr als wenn man nur im Kontakt mit dem „ewigen Rom“ steht, das in der Regel nicht widerspricht. In manchen „liberalen“ Kreisen der Kirche gibt es ja ähnliche Phänomene.

Aber die Piusbruderschaft ist nicht nur Williamson und seine Anhänger. Für dessen Anhänger (die sich z.B. in Deutschland geballt bei kreuz.net tummeln) kann es keine Einigung mit der katholischen Kirche geben. Sie würden sich hiermit den Ast absägen, auf dem sie sitzen, denn sie müssten die Kirche und ihren Papst als rechtmäßig anerkennen und sich zumindest mit seinen Ansichten und Lehren auseinandersetzen. Aber sie sind es seit Jahrzehnten nicht gewohnt, ihre Ansichten in Frage stellen zu lassen. Sie verkünden sie schließlich in der Autorität des „ewigen Rom“ und letztlich glauben sie den Willen Christi zu kennen. Bernard Tissier de Mallerais fasste diese Haltung einmal so zusammen: „Wir ändern unsere Positionen nicht, aber wir haben die Intention, Rom zu bekehren, das heißt, Rom zu unseren Positionen zu führen.“ Wenn sie ehrlich sind müssten sie zugeben, dass sie – notdürftig getarnte – Sedisvakantisten sind, solche Spinner, die den Papst und seine Autorität völlig ablehnen und irgendwann selbsternannten Gegenpäpsten nachlaufen.

Mein Eindruck ist allerdings, dass die Mehrheit in der Piusbruderschaft das inzwischen alles anders sieht. Dass es ihnen vor allem um die liturgische Heimat und die Treue zu überlieferten Glaubensüberzeugungen geht. Ich vermute, dass es – je tiefer man in der Hierarchie geht – immer mehr sind, die sich eine Rückkehr in die katholische Kirche und einen Platz darin von Herzen wünschen. Steht es bei den Bischöfen noch 1 (Bernhard Fellay) zu 3, so kehrt sich bei den Priestern dieses Verhältnis vermutlich um und noch besser dürfte es bei den Laien und Ordensleuten sein.

Natürlich steckt in den Überzeugungen der Traditionalisten manche (vorsichtig gesagt) Einstellung, die höchst problematisch ist. Aber mit dem Weg in die Kirche muss die Gemeinschaft auch bereit sein, sich in Frage stellen zu lassen. Sie müssen ihre Positionen an der Wirklichkeit erproben. Und mancher andere Katholik muss sich mit den Meinungen der Piusbruderschaft konfrontieren lassen. Ich hoffe, da klärt sich dann manches. Und ich hoffe, den Verantwortlichen der Piusbruderschaft geht auf, dass beim eiligen Abschied aus der „großen Kirche“ auch manches mitgenommen wurde, was nicht bewahrt gehört, sondern auf den Müllhaufen der Geschichte. Da gibt es nämlich auch manches, was nur durch Zufall im Traditionsregal der Kirche stand und nicht, weil Jesus Christus es uns anvertraut hat. Man erkennt noch viel Ideologie des späten 19. Jahrhunderts, die mit dem echten Glauben nichts zu tun hat. Weg damit!
Vielleicht finden wir „normalen“ Katholiken in diesem Regal auch den ein oder anderen Schatz wieder, der in der Umbruchphase der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verschwunden ist. Das alles wird sicher ein langer Weg. Ich hoffe, dass möglichst viele ihn mit gehen.

http://www.pius.info/

Montag, 28. Mai 2012

Von ATHANASIUS von Alexandrien zu Athanasius von Astana


Athanasius der Groß
Schon als Kind ließ mich in der Allerheiligenlitanei ein Name ganz besonders aufhorchen. Heiliger Athanasius – bitte für uns. Während die Namen der „vertrauten“ Heiligen nur so dahinplätschern und man sich im wohltuenden Wechselgebet zwischen Priester und Gemeinde aufgehoben fühlt, so erklang dieser Name wie ein Donnerschlag. Athanasius, das klingt nach Energie, nach Nähe zum Ursprung, nach unverrückbarem Fundament, nach geistlicher und sprachlicher Kraft.
Erst viel später habe ich nachgesehen, um welchen „Athanasius“ es sich handelt. Es ist Athanasius der Große. Sein griechischer Name bedeutet „der Unsterbliche“. Als Bischof von Alexandria war er entschiedener Gegner des Arianismus (der Idee, Jesus Christus sei Geschöpf des Vaters). Neben Nikolaus von Myra und vielen weiteren Bischöfen war er Teilnehmer des Konzils von Nicäa. Ganz im Gegensatz zum starken Namen war er wohl ein kleiner schwarzer Mann, seine Gegner verspotteten ihn als „schwarzen Zwerg“. Zeit seines Lebens war er zahlreichen Verfolgungen ausgesetzt und musste immer wieder vor seinen Verfolgern fliehen. Die Wahrheit, die er im Glauben erkannt hatte, verteidigte er Zeit seines Lebens.
Es ist sicher gut, einem solchen „Kirchenvater“ zu nachzufolgen. Und wenn man das aufregende Leben des „heiligen schwarzen Zwerges“ im theologischen Hinterstübchen hat, dann wird man besonders aufmerksam, wenn man heute einem Menschen begegnet der diesen Namen trägt. Kennen Sie da einen? Ich wüsste nicht, dass in den über 30 Jahren, die ich sehr bewusst in der Kirche lebe, ein einziges mal erlebt habe, dass ein Kind (nicht einmal mit zweitem oder drittem Namen) Athanasius getauft wurde.
Den dazu notwendigen frommen Mut hatten wohl auch Josef Schneider und seine Frau Maria nicht, als sie ihren Sohn im Jahre 1961 auf den Namen Anton tauften. Aber immerhin kommt das von Antonius, und wenn sie als seinen Namenspatron den Wüstenvater gewählt hatten, dann war er der, dessen Lebensbeschreibung aus der Feder des Athanasius bis heute berühmt ist.
Bischof Atanazy Schneider ORC
Als Anton Schneider nunmehr im Jahre 1982 dem Orden der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz beitrat, legte er den Vornamen des Wüstenvaters ab und nahm als Ordensnamen den Namen des urchristlichen Bischofs an. Seit 2006 ist er selbst Weihbischof Athanasius von Astana in Kasachstan. Zum Bistum gehören 21 Pfarreien und ca. 90.000 Katholiken, die von 34 Priestern betreut werden. Der Weihbischof ist seitdem viel unterwegs, hält zahlreiche Vorträge und feiert Hl. Messen, vor allem im außerordentlichen Ritus. Wer seinen Namen googelt findet Belege seines Wirkens in vielen Orten der Welt. Mehr über die Kirche in Kasachstan findet sich auch in deutscher Sprache hier: http://www.catholic-kazakhstan.org/
Sehr populär wurde Weihbischof Athanasius Schneider ORC in einigen Kreisen in Deutschland durch sein Buch „Dominus est“ mit Gedanken über die Hl. Kommunion. Auf dem Titel ist ein sehr hübsches Bild zu sehen, auf dem Papst Benedikt XVI. einem Erstkommunionkind die Hl. Kommunion spendet. Zum Inhalt dieses Buches und zum kraftvollen Vornamen des Verfassers passt, was dieser kürzlich in einem Vortrag in Paris (15.1.2012) ausführte. Er sprach – unter anderem von den „fünf Wunden am liturgischen Leib der Kirche“.
Sie ahnen schon, was er meinen könnte... (1. Zelebrationsrichtung, 2. Handkommunion, 3. neue Opferungsgebete, 4. Verschwinden der lat. Sprache und schließlich 5. Frauen im liturgischen Dienst. Möglicherweise ist diese bildhafte Sprache ja eine Besonderheit der kasachischen Frömmigkeit, ich muss aber ehrlich gestehen, dass mich die Gleichsetzung der Wunden Jesu und der – nach Auffassung von Weihbischof Athanasius – fünf Irrungen und Wirrungen des liturgischen Lebens etwas irritiert zurücklässt. Mir wäre es etwas nüchterner lieber gewesen. Ich habe in einem alten Gebetbuch einmal gelesen, man soll den Namen Jesu nicht unwürdig aussprechen.... Diese Art, seine persönlichen Anliegen und Überzeugungen mit dem Leben Jesu zu verbinden würde für mich darunter fallen. Letztlich möchte Bischof Athanasius Schneider ORC auf folgendes hinaus: „Wenn man diese fünf Wunden heilen würde, dann wäre der Unterschied („der Bruch“) in der Liturgie der außerordentlichen und der ordentlichen Form des römischen Ritus beinahe aufgehoben.“
Vielleicht sollte es mich versöhnen, dass der Weihbischof davon spricht, dass die Wunden nach Heilung rufen. Das unterscheidet sie von den Wunden Jesu, die vor seiner Himmelfahrt nicht heilen konnten und die der Apostel Thomas am Auferstandenen in Augenschein nehmen wollte.
Ich möchte dem Weihbischof gar nicht in allen Punkten widersprechen. Mir geht es vielmehr darum zu bedenken, ob der Bruch, den er zu erkennen glaubt, vielleicht gar keiner ist. Daher möchte ich gern auf seine Argumentation in Sachen Zelebrationsrichtung eingehen.
Es liegt sicher eine gewisse Geringschätzung darin, wenn davon gesprochen wird, dass in der außerordentlichen Messform die Messe „mit dem Rücken zum Volk“ zelebriert würde. Weihbischof Athanasius und mit ihm inzwischen viele Diskutanten sprechen daher inzwischen von „ad orientem, ad Crucem, ad Dominum“; also Zelebration nach Osten, zum Kreuz, zum Herrn hin. Oder, dass Gemeinde und Priester sich gemeinsam zum Herrn hinwenden. (Vielleicht sollte man in diesen Foren einmal darüber nachdenken, wie überzeugend es eigentlich ist „ad tabernaculum“ zu zelebrieren, wie es in den meisten Messen im außerordentlichen Ritus noch immer geschieht.)
Im „normalen“ Ritus wird üblicherweise „versus populum“ gefeiert. Aber manchmal wird das ebenso geringschätzig zugespitzt. Vielleicht sollte man besser von „versus participantes“ reden.
Ich halte es für falsch, hier zu behaupten, dass man „zum Volk hin“ schaut oder zelebriert. Jeder einigermaßen gebildete Katholik weiß, dass im Mittelpunkt der Altar steht. Dass also Priester und „Volk“ auf die eucharistischen Gaben schauen. Auf Christus, der in der Mitte der Gemeinde gegenwärtig ist. Auch ist vorgeschrieben, dass auf oder über dem Altar ein Kreuz sichtbar ist.
Also ist auch diese Zelebrationsrichtung nichts anderes als „ad Crucem“ und mehr noch „ad Dominum“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott Vater, dass Christus, ja dass das Wirken des Hl. Geistes nur auf eine Richtung hin „wirksam“ werden können. Anders als die Muslime kennen wir Christen daher auch keine verbindliche Gebetsrichtung und unsere Kirchen sind nicht konsequent orientiert bzw. geostet.
Am heutigen Pfingsttag hören wir im Evangelium, dass Christus in die Mitte seiner Jünger tritt. In der Lesung des Pfingsttages ist das Brausen und das Feuer des heiligen Geistes mitten unter ihnen, ohne dass sie genau beschreiben können was mit ihnen geschieht. Und wenn nur zwei oder drei in Jesu Namen beisammen sind, dann ist er mitten unter ihnen. Dem Apostel Thomas tritt Christus gegenüber und zeigt ihm seine Hände und seine Seite.
Immer wieder wird (auf den ersten Blick zu Recht) darauf hingewiesen, dass das Konzil überhaupt keine Veränderung der Zelebrationsrichtung gefordert hatte. Aber gleichzeitig darf man auch nicht so tun, als wäre die Zelebration „versus populum“ eine Erfindung übereifriger deutscher Priester. Sie war Teil der Liturgiereform, die Papst Paul VI. im Auftrag der Konzilsväter des 2. Vatikanischen Konzils umgesetzt hatte. Aber es entschied, dass der Altar frei stehen sollte, damit er die Mitte ist, auf die sich die Versammlung ausrichtet.
Vor einigen Jahren (2000) hatte Joseph Kardinal Ratzinger in seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ Sympathien für die „alte“ Zelebrationsrichtung erkennen lassen. Aber schon 1966 schrieb er – wie ich finde recht nachdenklich - „Muss eigentlich wirklich jede Messe versus populum (=zum Volk hin gewendet) zelebriert werden? Ist es eigentlich so wichtig, dem Priester ins Gesicht schauen zu können, oder ist es nicht oft recht heilsam, daran zu denken, dass er Mitchrist mit den anderen ist und so allen Grund hat, sich gemeinsam mit ihnen zu Gott hin zu wenden und so mit allen zu sagen ‚Vater Unser’?“ Wer wird ihm da widersprechen wollen?
Interessant ist, dass die päpstliche Hauskapelle so eingerichtet ist, dass der Zelebrant gar nicht „hinter“ dem Altar stehen kann, der Papst zelebriert hier also grundsätzlich vor dem Altar. Im Vorwort zum ersten Band seiner gesammelten Werke geht er auf die – für ihn offensichtlich überraschend heftige Diskussion auf die Bemerkungen im „Geist der Liturgie“ ein und versucht die Positionen zusammenzuführen. So schreibt er, man solle „...einfach das Kreuz in die Mitte des Altares zu stellen, auf das Priester und Gläubige gemeinsam hinschauen, um sich so auf den Herrn hinführen zu lassen, zu dem wir alle miteinander beten.“ Der heutige Papst möchte offensichtlich vermeiden, dass man die Diskussion um die Gebetsrichtung „ideologisch“ auflädt.
Ich denke, dass es sehr unterschiedliche Sichtweisen und (Be)Deutungen der Gebetsrichtung geben kann. Bei einem Wortgottesdienst mit Kommunionausteilung stelle bzw. kniee ich mich auch zu einer Zeit der Stille und Anbetung mit den Gottesdienstbesuchern vor den Altar. In Taizé richten sich alle zum Gebet gemeinsam „zum Herrn hin“ aus. In vielen Gebetsformen ist diese Gebetsrichtung auch in „normalen“ katholischen Gemeinden üblich. Bei anderen Gelegenheiten versammelt man sich im Gebet um eine Mitte herum, die idealerweise auf Gott, auf Christus hinweist. Aber in der Messe kommt noch etwas hinzu. Hier ist es der Priester, der im Moment der Wandlung „in persona Christi“ handelt. Unser Gegenüber ist in der Tiefe nicht der Priester, es ist in Wahrheit Christus selbst. 

Lieber Weihbischof Athanasius Schneider OSC von Astana. Wäre es nicht schön, wenn wir gemeinsam die Wunden des Leibes Jesu verkündigen, wie am Feuer der Osternacht: „Durch seine heiligen Wunden, die leuchten in Herrlichkeit behüte uns und bewahre uns Christus der Herr.“ Denn „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.“


Aktuelle Predigt von Weihbischof Atanazy Schneider in Maria Vesperbild: www.gloria.tv/?media=295287. Darin greift er die Methapher von den Wunden am liturgischen Leib ebenfalls auf.

Dienstag, 22. Mai 2012

Katholikentage sind auch nicht mehr das...

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich war gar nicht beim Katholikentag in Mannheim! Eigentlich bedauere ich das, denn ich erinnere mich gern an die großen Katholikentage, die ich besuchen konnte, die vielfältigen Messen, Vorträge und Gebetszeiten, die Gespräche zwischen Christen und Juden und nicht zuletzt die lebendigen Diskussionen auf den Straßen, zwischen Katholiken aus dem ganzen breiten Spektrum der Kirche. In jedem Jahr nutzten auch Gruppen wie die z.B. die Piusbruderschaft, die Petrusbruderschaft und die Jugend 2000 dieses Forum, um ihre Themen unter die Leute zu bringen.
So nimmt es nicht Wunder, dass kürzlich quer (oder längs) durch die ganze Blogozese der Ruf hallte: „Es gibt eine „Alte Messe“ beim Katholikentag!“ Eine „Premiere“ sollte das sein (was ich gar nicht so recht glauben kann, schließlich sind Petrus- und Piusbruderschaft schon lange in Deutschlands großen Städten präsent.) Auch aus dem schönen Mühltal stimmte „Landpfarrer“ Jolie in den Jubel mit ein, packte seine Schola und einen Teil der Gemeinde in den Bus, um in Mannheim gleich noch eine zweite... alte, nein „gregorianische“ Messe zu feiern.
Ich bewundere das Netzwerk katholischer Priester und seine Protagonisten dafür, dass sie die Klaviatur der modernen Medien so gut beherrschen. So nutzte Pfarrer Hendrik Jolie die öffentliche Aufmerksamkeit noch besser als P. Bernward Deneke und versäumte es nicht gleich seine gesamte Kritik an seinem – etwas unwilligen - Gastgeber in eine Pressemeldung zu packen und über kathnews.de publik zu machen. Nicht ohne zu beklagen, dass diese zweite "alte" Messe gar nicht ins Programmheft gedurft hätte. 
Ich vermute, es gab dafür zwei Gründe. Einmal: Das Heft würde aus allen Nähten platzen, wenn jede Mannheimer Gemeinde ihre Gottesdienste darin finden wollte. Und vielleicht hat er sich nicht an die richtigen Stellen gewandt oder war schlicht zu spät. Ich tue mich jedenfalls schwer damit, darin die böse Absicht der ach so "liberalen" Organisatoren zu vermuten. Und es ist auch nicht sehr freundlich, über den mangelnden Dialog des gastgebenden Erzbistums zu klagen, wo doch der Ortspfarrer (Priester dieses Bistums) die Nutzung der Kirche für die "gregorianische" Messfeier ausdrücklich genehmigte, ohne dass sein Bischof ihn "zurückpfiff". (Ja, Pfarrer Jolie, ich gebe Ihnen recht, das, was Herr Glück später gesagt hat war jetzt auch nicht klug. An seiner Stelle wäre ich einfach mal zur "alten Messe" hingegangen. Er wird doch das Stufengebet wohl noch auswendig können!?!)
Aber zu glauben, dass das Erzbistum hier opponiert hat, um seine „liberale Gesinnung“ zu zeigen fällt mir sehr schwer. Das wäre doch ein sehr ungewöhnlicher Aufwand für einen – nach den Pressemeldungen – zwar gelungenen, festlichen und frommen Gottesdienst, der aber ansonsten – außer der gregorianischen Liturgie nichts Besonderes hatte. Gut 100 Leute haben mitgefeiert. Dafür hat er in der Presse mehr Raum eingenommen als manche große Aktion. Das Priesternetzwerk kann doch sehr zufrieden sein.
Angesichts der sonstigen Dimensionen auf Katholikentagen; denken Sie nur an die ständigen „Halle überfüllt“ - Schilder, nimmt sich das alles aber bescheiden aus. 20.000 Teilnehmer beim Hauptgottesdienst; 80.000 Teilnehmer insgesamt und 33.000 Dauerteilnehmer. Das sind zwar – wie der Kölner Kardinal so spitz wie treffend bemerkte – nicht gerade die „Massen“, die da einen neuen Aufbruch wagen. Aber in diesen beiden „alten Messen“ so etwas wie einen „Exorzismus“ für die in manchen Augen allzu liberale Großveranstaltung zu sehen ist auch alles andere als angemessen. Die „offizielle“ tridentinische Messe mit P. Deneke aus der Petrusbruderschaft hat es immerhin auf 150 – 250 Teilnehmer gebracht. Die Angaben gehen da sehr auseinander. Aber immerhin nutzen einige „normale“ Katholikentagsgäste die Gelegenheit, diese besondere Liturgie einmal selber mitzufeiern. Und auch hier herrschte eher normale Frömmigkeit als Skandal. P. Deneke wehrte sich ja auch ausdrücklich gegen eine mediale Zuspitzung dieser Messfeier als gegen die „ordentliche“ Liturgie gerichtet.
Da „saß“ (und schmerzte die Organisatoren) viel mehr, was Kardinal Meisner aus der Ferne; Bischof Tebartz van Elst (es fehlten ihm die Themen Katechese, Ehe und Familie) und Bischof Müller (der einige Termine auf dem Katholikentag absagte und erst später erschien) zum Katholikentag zu sagen hatten. Vielleicht hatten sie aus ihrer Perspektive recht. Aber war es nötig, den anderen damit die Freude an dem zu verderben, was gelungen ist in diesen Tagen in Mannheim?
Schade eigentlich, dass es so schwer ist, miteinander ins Gespräch zu kommen und einen neuen Aufbruch zu wagen. Der Katholikentag wäre doch ein Forum dafür. Und ein Bischof, der etwas vermisst oder zu verbessern hat, hat doch alle Chancen seine Kritik an geeigneter Stelle einbringen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Familienbischof, der gute Vorschläge zum Katholikentagsprogramm mitbringt, diese nicht umgesetzt bekommt.
«Katholikentage sind nicht mehr das, was sie mal waren», sagte Kardinal Meisner der «Kölnische Rundschau« und dem Bonner «General-Anzeiger». Da wird man ihm aus vollem Herzen zustimmen! Aber die Welt hat sich auch sehr verändert. Ob es aber auch stimmt, dass man „Verbundenheit und Einheit von Papst, Bischof, Priestern und dem Volk Gottes“ nicht mehr spürt? Ich weiß es nicht, es kommt wohl sehr auf die Perspektive an. Und – mit Verlaub, lieber Herr Kardinal, wer dieser Veranstaltung fern bleibt, kann aus der Ferne auch nichts spüren. Dabei ist gerade der Kölner Erzbischof mit seiner Herzlichkeit und teils einfachen und klaren Sprache durchaus ein Mensch, der Beziehung aufnehmen und ein Gefühl der Verbundenheit vermitteln könnte. Und „Wertschätzen“ kann er eigentlich auch, wie das Lob für die Hl.-Rock–Wallfahrer und Kölner-Dom-Besucher im selben Interview zeigt.
Aber zurück zu Pfarrer Jolie und seiner kritischen Analyse, die er uns begleitend zur „gregorianischen“ Messe in Anlehnung an die Kritik des Kölner Kardinal liefert: „Den heutigen Katholikentagen fehlt es an profilierten Persönlichkeiten: Menschen, die erkennen lassen, dass spirituelle Kraft, Originalität und Durchsetzungsfähigkeit einerseits und Glaubenstreue, Romverbundenheit und Liebe zur Kirche andrerseits kein Widerspruch sind. Diese Personen haben im derzeitigen System keine Chance, nach „oben“ zu kommen – weder als Laie noch als Kleriker. Sie haben sich deshalb längst auf andere Kongresse glaubenstreuer Katholiken verzogen, weil sie durch die beständigen Verleumdungen und Angriffe mürbe gemacht wurden. Auch in Mannheim trifft man sie nur am Rande.“
Ich glaube nicht, dass es uns an profilierten Persönlichkeiten fehlt. Die sind schon da, aber die Aufmerksamkeit für das, was sie zu sagen haben nimmt ab. Oder aus anderem Blickwinkel betrachtet – wie ordnet Pfr. Jolie denn Leute wie P. Anselm Grün OSB oder P. Notger Wolf OSB ein (waren gar nicht in Mannheim), bei deren Auftritten die Hallen aus allen Nähten platzen. Ja, stimmt, mit der Menge der Worte, die sich gedruckt in Büchern finden, muss nicht zwangsläufig auch die Qualität des Gesagten steigen. Aber lesen Sie doch heute mal die alten Bücher und Texte solcher profilierter Persönlichkeiten wie P. Leppich SJ oder Christa Meves. Würden die auch heute noch Leute auf die Beine bringen?
Etwas schmunzeln musste ich, als Pfr. Jolie dann die Eigenschaften solcher spirituellen Wundermenschen aufzählte: Einerseits „spirituelle Kraft, Originalität und Durchsetzungsfähigkeit und andererseits „Glaubenstreue, Romverbundenheit und Liebe zur Kirche“. Als spräche er hier tatsächlich von Gegensätzen. Es klingt mir ein wenig so, als wäre das eher ein selbstgefälliges Schulterklopfen der Kreise, die sich auf „Kongresse glaubenstreuer Katholiken“ verzogen haben. Es klingt auch sehr nach Pfarrern, die gegenüber ihren Gemeinden manchmal so beinhart auftreten und so "alleswisserisch", als wären Liebe zur Kirche und Liebe zum Gottesvolk Eigenschaften, die nicht zusammen gehen. Ich glaube auch nicht, dass „profilierte Persönlichkeiten“ automatisch zur Zielscheibe ungerechter Kritik werden. Das geschieht eher, wenn Profil und Persönlichkeit nicht zusammen passen.
Vielleicht würde etwas draus, wenn solche Christen neben den von Jolie aufgezählten Eigenschaften noch diese besäßen: Lebenerfahrung, den Mut zu schweigen, wenn es not tut, Bescheidenheit, Liebe zu den Menschen, Frömmigkeit, Dialogbereitschaft, Demut; Dienstbereitschaft und manches mehr.

Sonntag, 13. Mai 2012

Noch eine Wallfahrt nach Banneux...

Seit Jahrzehnten schon pilgern Katholiken aus dem Dekanat Dinslaken (mit Voerde, Walsum und Hünxe) in die belgischen Ardennen, nach Banneux. Banneux, das ist ein kleines, verschlafenes Dorf der Gemeinde Pepinster.
Dort erschien in dem Jahr, da in Deutschland die Faschisten unter Hitler die Macht übernahmen, eine „schöne Frau“ einem 12jährigen Mädchen. Mariette Beco, nicht frömmer als ihre Altersgenossen damals, erkannte in der leuchtenden Gestalt die Gottesmutter Maria. Es war eine Zeit, die für solche Erfahrungen sehr offen und bereit war. Die großen, neueren Marienwallfahrtsorte Europas wie Lourdes und Fatima und auch die weniger bekannten Orte wie Knock in Irland, Wigratzbad in Deutschland oder La Salette in Frankreich entstanden in der Folge solcher Erscheinungen in den Jahren zwischen 1850 und 1950. Das Phänomen selbst gab es allerdings in der gesamten Geschichte des Christentums. Nicht alle dieser Erscheinungen erregten so großes Aufsehen wie Lourdes (1858) und Fatima (1917).
Im Jahr 1932/33 versetzten die Erlebnisse von fünf Jungen in Beauraing, ebenfalls in der Wallonie, die belgischen Katholiken in Aufregung und wurden heftig diskutiert. Die Gottesmutter war ihnen dort über 30 Mal erschienen. Zahllose Bücher und Artikel wurden über die „Echtheit“ solcher Marienerscheinungen geschrieben. Theologen, Priester und Gläubige schlugen sich die Argumente und die Glaubenserfahrungen um die Ohren. Bis heute tobt z.B. ein erbitterter Streit um die Ereignisse in Medjugorje, wo die Marienerscheinungen bis auf den heutigen Tag anhalten sollen.
Werfen wir einmal einen Blick auf die Seherinnen und Seher, die am Anfang all dieser Wallfahrtsorte stehen. Während die Seherkinder in Lourdes und Fatima seit langem selig und heilig gesprochen sind, enttäuschte die Seherin von Banneux die allzu frommen Verehrer eher. Obwohl Banneux heute der bedeutendste Wallfahrtsort Belgiens ist (erwarten Sie von einem Besuch nicht zu viel „Sehenswertes“ – ich komme noch dazu), spielt die Figur der Seherin darin kaum eine Rolle. Symptomatisch ist, dass man auf der Suche nach Bildern von ihr im ganzen Internet nur einige sympathische Kinderfotos und ein einzelnes Bild einer älteren Dame findet. Mariette Beco blieb offensichtlich Zeit ihres Lebens „völlig normal“. Jedem „Hype“ um ihre Person entzog sie sich und profitierte in keiner Weise von ihrer besonderen Rolle. Im vergangenen Jahr ist sie – nunmehr - 90jährig verstorben.
Das aktuelle Wallfahrtsmagazin „Jungfrau der Armen“ widmet ihr einen Nachruf. Und darin ist offensichtlich weder von einer Heiligen die Rede noch werden irgendwelche aufregenden mysteriösen Details berichtet. Wir erfahren, dass Mariette Beco während der Kriegsjahre im Widerstand aktiv war und aus der deutschen Gefangenschaft geflohene belgische Soldaten durch die Region schleuste. 1942 heiratete sie gegen den Willen ihrer Eltern (21jährig) und eröffnete mit ihrem Mann ein Restaurant. Die beiden hatten zwei Kinder, ein drittes Kind starb kurz nach der Geburt.
Die Ehe ging in die Brüche und Mariette bestritt ihren Lebensunterhalt mit einer „Fritüre“ (ein Schnellrestaurant) im benachbarten Pepinster. 1981 zog sie mit ihrem Lebensgefährten (!) zusammen, der 1989 verstarb. Der Lebensbericht von Abbé A. Reul im Wallfahrtsmagazin endet so unspektakulär, wie er begonnen hat: „Während ihrer letzten Lebensjahre wurde sie schwerhörig, die Sehkraft ließ nach. Auch die Beine wollten nicht mehr. Mehrere Todesfälle – ihr Bruder René starb 2007, ihre Tochter Myriam 2008 und ihre Schwester Simone 2009 – haben sie sehr mitgenommen. Mariette sagte: „Ich verstehe es nicht, die Jungfrau hat mir gesagt: „Ich komme, das Leid zu lindern“, und ich, ich leide schon seit meinem sechsten Lebensjahr. Warum?“
Nachts konnte sie nur zwei, drei Stunden schlafen. Die restliche Zeit saß sie betend in ihrem Bett. In ihren Schmerzen klammerte sie sich an die Worte der Jungfrau der Armen: „Ich werde für dich beten“.
Neben mir liegt der „Totenzettel“ von Mariette Beco, auf der letzten Seite des Pilgermagazins ist ihr Name ohne besondere Hervorhebung als 12. in einer Liste der Verstorbenen vermerkt. Nichts zeichnete sie vor anderen Betern in Banneux aus und die Begegnungen mit der „Schönen Dame“ haben ihr Leben nicht leichter und schöner gemacht. Auch ihr Glaube war nicht einfacher, sie hatte wohl keine größere Gewissheit in Händen als jede(r) von uns. Ich kann es mir nicht erklären, aber, wenn ich am Ende eines menschlichen Lebens die Gelegenheit bekomme, auf Höhen und Tiefen zu blicken und die Spuren von Kampf und Freude, von Leiden und Hochzeiten des Lebens betrachten darf, überkommt mich Rührung und eine tiefe Gewissheit, dass ein solcher Mensch in Gottes Reich willkommen ist. Ob es nun Mariette Beco ist, die als Jugendliche der Gottesmutter begegnen durfte oder ein anderer Mensch, der im Verlauf seines Lebens seine Frau und seinen Mann gestanden hat. Mit all den kleinen Siegen und allen Niederlagen. Mit seiner Schuld und Sünde und seinem guten Wollen und seinen guten Seiten.
Es macht mich betroffen, dass Mariette Beco sehr gelitten hat unter Christen, die nicht akzeptieren konnten, was das junge Mädchen in einer inneren Schau gehört und gesehen hatte. Es muss zu sehr unchristlichen Begegnungen und Ereignissen gekommen sein.
Ein schönes Ereignis war für Mariette sicher die Begegnung mit Papst Johannes Paul II., der den Ort 1985 besuchte. Zahlreiche Bilder dieses Ereignisses sind in der großen Kirche in Banneux ausgestellt. Keines zeigt den Papst mit Mariette. Sie traf ihn verborgen in einer Sakristei. Auch von diesem Gespräch wissen wir nichts, sie hat Zeit ihres Lebens keine Interviews gegeben.
„Jungfrau der Armen“ hatte sich Maria in Banneux genannt. Da war sie bei der Familie Beco und auch im Dorf selber an den richtigen Ort gekommen. Mir kommt in den Sinn, dass diese Wallfahrt immer eine Wallfahrt der Laien war. Die kirchliche Hierarchie, die Priester und Bischöfe haben sich oft auf Distanz gehalten. „Lourdes für Arme“ nannte man Banneux spöttisch und akzeptierte achselzuckend, dass kleine Gruppen von Gläubigen eher halboffiziell immer wieder dorthin fuhren.
Vielleicht ist der spöttische Name aber eine treffende Charakterisierung des Wallfahrtsortes. Es ist ein Ort „für Arme“ und Maria hat ihn ausdrücklich so gewollt. „Kommt alle her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“. Dieses Wort Jesu kommt einem in den Sinn, wenn man die Pilger sieht, die an der Quelle ihre Hände in das Wasser tauchen. Banneux ist kein Ort einer abstrakten Frömmigkeit und hoher Theologie. Nie habe ich so konkretere und frommere Predigten gehört, wie hier. Die Priester sind fromm, vielleicht auch sehr traditionell. Da ist zum Beispiel „Don Camillo“, Kaplan Jean Schoonbroodt, der stets in Soutane und mit Birett oder in Priesterkleidung auftritt, die mindestens so „von gestern“ erscheint, wie die Wallfahrt selber. Er ist so etwas wie das personifizierte offene Ohr Gottes. Unscheinbar, eher im Hintergrund ist er so zahllosen Pilgern zum Beichtvater und Gesprächspartner geworden.
Er und seine Mitbrüder sorgen dafür, dass Banneux ein Ort der Laien bleibt. Wo immer es ihm möglich ist, stellt er die Beter und Pilger in den Vordergrund. Wenn für den Gebetsweg am Nachmittag einmal genug Pilger dabei sind, die die Lesungen und Gebete vortragen zieht er durchaus einmal – in Soutane - den Lautsprecherkarren. Um kurz danach wieder im Beichtstuhl zu sitzen oder bei der Krankensegung einem der Gastpriester zu assistieren, der die Pilger mit der Monstranz segnet. Wer immer als Lektor, Kirchenmusiker, Pilgerbegleiter, Kommunionausteiler sich einbringen möchte – ist in Banneux herzlich willkommen. Die zurückhaltende Bescheidenheit und Freundlichkeit des Ortes und der dort tätigen Priester, Schwestern und Laien rührt an und öffnet das Herz.
In Banneux gibt es nichts zu sehen und nichts zu bestaunen. Keine kunsthistorischen Besonderheiten, kein uraltes Gnadenbild, dass durch mysteriöse Ereignisse in den Ort kam, keine grandiosen Kirchen, selbst die „große Kirche“ hat den Charme einer Turnhalle. Figuren und Standbilder sind von lokalen Künstlern aus Ton oder Gips geformt worden, alle Gebäude aus den örtlichen Natursteinen errichtet. Die meisten Fenster in den Kirchen und Kapellen sind mit Normalglas ausgestattet. „Richtige“, kleine Kirchenfenster finden sich nur in der Michaelskapelle, finanziert aus Deutschland und in der zentralen Erscheinungskapelle neben dem Haus der Familie Beco. Alles erhält sich aus Spendengeldern und die fließen deutlich überschaubarer als die Kirchensteuer im benachbarten Deutschland. Vieles wirkt improvisiert und mit eigener Hand errichtet. Und gerade das macht einen tiefen Eindruck, denn nichts wirkt aufgesetzt, gekünstelt oder übertrieben. Selbst die Restaurants und Andenkengeschäfte sind aus dem eigentlichen Wallfahrtsbezirk „verbannt“. Außer dem Pilgerheft mit Liedern und Gebeten gibt es in den Kirchen nichts zu kaufen.
Man mag über die „Erscheinungen“ spotten, über den geistlichen Gehalt der Botschaften Mariens unterschiedlicher Meinung sein, die Kirchenmusik, die „hohe Kirchenkunst“, vermissen, die Wahrheit und Wirklichkeit der Ereignisse 1933 anzweifeln... Für all diese Haltungen bietet Banneux Raum. Und nimmt auch diese Pilger gastlich auf. Für „Wundergläubigkeit“ bietet der Ort keinen Raum. Und die Botschaft die hier verkündet wird ist keine andere als das Wort der Bibel, die auch in Banneux viel mehr gilt als die schlichten Worte, die Mariette von der „Schönen Frau“ gehört hat. Wer auf das Leben von Mariette Beco schaut, der wird spüren: Hier in Banneux bin auch ich willkommen. Mit all meinen Fragen und Zweifeln, mit all meinem Versagen, meinen Hoffnungen und Sehnsüchten und mit meinen Bitten.
Möge Mariette Beco ruhen in Frieden.

Das belgische Fernsehen berichtete über den Tod von Mariette Beco:
http://brf.be/nachrichten/regional/301134/ hier ist auch ein kurzer Film zu sehen.

Der Wallfahrtsort: www.banneux-nd.be