Dienstag, 13. September 2022

Wer hat Angst vorm (bösen...) Synodalen Weg?

© Synodaler Weg/Maximilian von Lachner
Mit einem „Paukenschlag“ begann die Versammlung des Synodalen Weges (SW) am Donnerstag. Ein Grundlagentext zur Sexualität und Partnerschaft, der im Verlauf der vergangenen zwei Jahre entstanden war, fand zwar die Zustimmung der überdeutlichen Mehrheit der Synodalen. Allerdings stimmten nur 61 Prozent der Bischöfe mit „Ja“ (bezogen auf die Nein und Ja – Stimmen, denn Enthaltungen werden im SW nicht gezählt.) 209 Synodale hatten sich versammelt, von ihnen stimmten insgesamt 34 mit „Nein“. Allerdings waren von diesen 33 Stimmen 21 bischöfliche Stimmen, die Sperrminorität war damit erreicht, obwohl damit nur 12 weitere Synodale gegen das Papier waren. Eine sehr deutliche „Unwucht“ zwischen Bischöfen und weiteren Synodalen. Vor der Abstimmung hatten sich nur zwei Bischöfe in einem Statement gegen den Beschluss positioniert, direkt nach der Abstimmung bekannten sich drei weitere Bischöfe zu ihrem Nein.

Schwester Dr. Katharina Kluitmann beklagte in einer Predigt in Köln am Sonntag, dass sie sich nicht über die Ablehnung selbst geärgert habe, sondern darüber, „dass man uns im Dunkeln belassen und nicht vorher gesprochen hat.“ Zwei Jahre sei Zeit dafür gewesen.

In der Tat wird in diesem Vorgang zweierlei deutlich: Große Mehrheiten der Katholiken wünschen sich – gegen lehramtlichen Widerstand – seit Jahrzehnten Reformen der Sexualmoral. Und erleben aufgrund der hierarchischen Verfasstheit der Kirche immer wieder, dass am Ende ihre Bemühungen,  ihre Lebenserfahrung, ihre Stimme und alle theologischen und menschlich-emotionalen Argumente wertlos sind, wenn das Amt entscheidet. Genau das zeigt wie in einem Brennglas die Problematik der Kumulierung der Leitungsverantwortung bei den Geweihten, bei Bischöfen und Pfarrern – naturgemäß allesamt Männer. „Beratet uns gern – Entscheiden tun am Ende wir.“ Die Erschütterung und Ratlosigkeit nach diesem „Paukenschlag“ sorgte dann aber doch für einen insgesamt erstaunlichen und überraschenden Verlauf der 4. Vollversammlung des SW in Frankfurt.

Der laute Jubel auf allen konservativen Kanälen bliebt Manchem dann im Halse stecken, als weitere Beschlüsse auch bei den Bischöfen weitgehend Zustimmung fanden. Und zu Beginn der neuen Woche ist die Lage doch eher unübersichtlich.

In der katholischen Kirche tobe ein „Bürgerkrieg“ meinte kürzlich Marco Politi in einem Interview. Politi ist ein bekannter italienischer Publizist.

Je nachdem, ob man lieber „Kirche und Leben“ oder Tagespost liest, bekommt man jedoch die Schilderungen vom Schlachtfeld nicht übereinander. Wenn da nicht die verbindenden Bilder und das Logo des SW wären, scheint die Schilderungen der Einen nichts mit den Berichten der Anderen zu tun zu haben. Waren sie wirklich auf ein und derselben Veranstaltung?

Überhaupt scheint Kriegsrhetorik gerade angesagt: Dorothea Schmidt, die Vertreterin von Maria 1.0 beim SW spricht in der Tagespost von „Feindlicher Übernahme der katholischen Kirche“. Am letzten Versammlungstag habe man den „Grundstein für die Deutsche Nationalkirche gelegt“. „Allerdings mit unfairen Mitteln.“ „Ich habe in den vergangenen Tagen die feindliche Übernahme der katholischen Kirche miterlebt, eine Art Putsch mit verbalen Säbeln.“

„Vor meinem inneren Auge sehe ich Panzer das Kirchenschiff plattfahren, um Platz zu machen für die deutsch-nationale freizügig-feministische Genderkirche.“

Die Tagespost schießt aus allen Rohren und unterstützt ein Netzwerk von Aktivisten, dass sich gegen den SW engagiert. Ein Interview eher konservativer Bischöfe und Vertreter von Anti-SW-Initiativen wie „Neuer Aufbruch“ und Maria 1.0, ein Text von Bernhard Meuser und Franziska Harter jagt den Nächsten. Der Tonfall ist mehr als gereizt und nicht gerade von journalistischer Neutralität geprägt.

Kein Wunder, dass Irme Stetter-Karp auch Tagespost und Maria 1.0 für eine Flut böser Angriffe und Briefe verantwortlich macht, was diese empört zurückweisen.

Der Ton ist gereizt: ein bei Facebook sehr aktiver katholischer Aktivist schreibt: „Seit Jahrzehnten waren die Bischöfe, die man dem Hl. Vater zur Wahl vorschlägt „faule Früchte“, „Kath.Bischöfe die sich in Deutschland zum Papst - zu Rom und zur Kath.Lehre bekennen und diese offen verteidigen, werden von den „Synodalen“ gezielt angefeindet - gemobbt und verleumdet!“

Diese Sicht wurde gefüttert durch gewisse Andeutungen einiger (Weih-)bischöfe in ihren Statements beim SW. Man habe sich „massiert“ gefühlt und zur Zustimmung gedrängt oder gar „emotional unter Druck gesetzt.“ Ganz offensichtlich ist ein offener Schlagabtausch und klarer Widerspruch für manchen Bischof schwer auszuhalten. Erst recht, wenn man auf Augenhöhe zu sprechen hat und nicht aufs Tablett gehoben wird.

Bernhard Meuser wittert in der Tagespost schon den Rauch qualmender Scheiterhaufen: „Abgesehen davon, dass für manche - etwa Religionslehrer oder Pfarrer - es schon heute schwer ist, sich öffentlich zum Lehramt zu bekennen, sind die Bedingungen für eine Jagd auf lehramtstreue Katholiken aufgestellt. Mehr denn je sind Bekennermut und Zeugnis notwendig.“

Man muss es ihm lassen, Dramatik kann er: „Im Streaming konnte nun jeder, der wollte, den Heldenmut der Wenigen angesichts einer dämonischen Drohkulisse ebenso wahrnehmen, wie den erschütternden Kniefall der Vielen vor dem Synofanten.“ Das putzige Kuscheltier, das vor einigen Monaten einmal auf einem Foto des DBK-Vorsitzenden auftauchte wurde zum Goldenen Kalb des Zeitgeistes stilisiert, dem das Volk im SW huldigte.

So kommt er, der Verteidiger der wahren Katholizität und rühriger Initiator der Initiative „Neuer Anfang“ zu einem erstaunlichen Ergebnis. Während man sonst die Hierarchie (zumindest das Modell) mit Zähnen und Klauen verteidigt… … wenn man den eigenen Bischof für einen Häretiker hält, darf man offenbar geistlich in ein anderes Bistum switchen. Dann ist der eigene Diözesanbischof eben abgeschrieben und man folgt treu dem fernen Bischof, der halt in allen Abstimmungen „Nein“ gestimmt hat. „Sollte es sich herausstellen, dass ein Amtsträger mit dem gemeinsamen Glauben der Kirche manifest gebrochen hat, und sollte er damit die Kommuniongemeinschaft der einen Kirche verlassen haben, so besteht gegenüber diesem "Bischof" nicht nur keinerlei Loyalitäts- und Gehorsamspflicht mehr, sondern man hat als getaufter und gefirmter Christ sogar die Pflicht, ihm jede Unterstützung zu entziehen. Nun wird man die Texte des Synodalen Weges in Ruhe betrachten müssen, um dann das reale Abstimmungsverhalten der Bischöfe anzuschauen.“

Auch wenn er sich da noch ein argumentatives Ausstiegstörchen offen gelassen hat: Im Grunde verlässt man mit diesem Satz die überlieferte Kirchenordnung weit mehr als mit der Einführung eines synodalen Ausschüsschens, das in Zukunft etwas verbindlicher als sonst die Bischöfe beraten darf.

Meuser plädiert in einem Kommentar sogar dafür, die Bischöfe bezüglich Ihres Amtseides kritisch und brieflich anzufragen und seine Zweifel an der Treue des jeweiligen Bischofs auch an höherer Stelle kundzutun. Meuser versteht es, sprachlich auf den Busch zu klopfen und die dicke Pauke zu schlagen. Aber auch die „Gegenseite“ wollte sich offenbar nicht lumpen lassen.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller Schüller fragte: „Was machen jetzt ein Kardinal Marx mit seinem Weihbischof Stolberg, ein so lernbereiter Bischof Genn mit Weihbischof Zekorn?“

Ja nix, will ich hoffen. Wenn das ihre Überzeugung war, dann muss man das aushalten und darf es und kann es nicht sanktionieren.

Aus der „neutralen“ Schweiz titelte kath.ch allen Ernstes: „Sind Bischof Gebhard Fürst und Weihbischof Thomas Maria Renz «feige Heckenschützen»? „Die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist ein Schweizer Nachbarbistum. Früher wehte hier ein liberaler Wind. Doch nun gibt es Unmut: Bischof Gebhard Fürst und Weihbischof Thomas Maria Renz verschweigen ihr Votum beim Synodalen Weg.“

Es ist sicher bedauerlich, dass offenbar gerade die Weihbischöfe die "Mühen der Ebene" scheuten und sich wenig in die Diskussionen einbrachten, und am Ende dann "dagegen" stimmten. Es ist ja sowieso bedrückend, dass Arbeitsgruppen über Monate Konsenstexte erstellen, um einzelne Sätze ringen und am Ende steht nur ein "ja" oder "nein" zur Verfügung. Bischöfe sollten sich nicht in einer konstruierten Opferrolle einnisten, sondern auch anerkennen, dass der Widerspruch etwas spät kommt. Synodale Debattenkultur bedeutet Ringen um die Wahrheit. Und das erfordert Zeit und Mühe. Selbst dann, wenn man als Weihbischof einen vollen Terminkalender hat.

Dabei war es vorhersehbar, dass es zu dieser Zuspitzung kommen könnte. Die Synodalin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz hatte offenbar bei einem Vortrag im österreichischen Kloster Heiligenkreuz darauf hingewiesen und klar gemacht, dass die Bewahrer augenscheinlich besser zählen können als die Reformer. Obwohl auch die Religionsphilosophin erstaunt konstatierte: "Die Bischöfe schweigen in ganz großer Mehrheit". 

Ich bin ziemlich sicher, dass auch ich als aufmerksamer Beobachter der katholischen Szene die 21 bischöflichen Nein-Stimmen benennen könnte und würde ziemlich hoch wetten, dass ich dabei mindestens 19 Treffer lande.

Natürlich steht es jedem Synodalen frei, eine Meinung zu haben und zu einer Entscheidung zu kommen. So viel Freiheit braucht es und Synodalität heißt auch, auszuhalten, dass mein Weihbischof anderer Meinung ist. Ich hoffe, diese Professionalität bringen alle Beteiligten bald wieder auf.

Leider ist auch auf der Seite der Reformer die Stimmung extrem aufgeheizt. Dazu tragen auch Bewegungen wie Maria 2.0 bei oder Stimmen wie die des Kirchenrechtlers Norbert Lüdecke, der im SW „Beteiligungssimulation“ beobachtet. Konservative Stimmen müssen sich manchmal gar als Vertuscher, Undemokraten, „angebliche Reformer“ oder in die geistige Nähe von Gewalttätern rücken lassen. Wobei die sozialen Netzwerke auch einen bunten Zoo von Menschen anziehen und der Umgangston dort sicher rauher ist als im normalen Leben.

Unangenehm berührt hat mich – bei verständlicher Emotionalität und Mitfühlen mit Betroffenen – auch eine Wortmeldung von Gregor Podschun, der für den BDKJ in der Versammlung sitzt: „Menschen werden umgebracht wegen der Haltung der Kirche. Sie hat dazu beigetragen, dass die Person beim CSD neulich (In Münster) umgebracht wurde."

Nein! Bei allem Verständnis für Mitgefühl. Das erscheint mir reichlich „unterkomplex“. Um nicht unfair zu sagen. Ich will nicht ausschließen, dass die kirchliche Verkündigung vergangener Jahrzehnte einen Einfluss auf eine gewisse homophobe Grundstimmung meines dörflichen Lebensumfeldes hatte. Sprüche in der Schule, auf dem Sportplatz, in Stammtischrunden kenne ich natürlich. Dass aber ein Vredener Pastor es für notwendig hielte, irgendwas zu Homosexualität oder zu schwulen Paaren zu predigen, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Das wird auch schnell zur Frage vom Huhn oder Ei. Was ist der originäre Anteil der Kirche an einer solchen Haltung? Fragwürdig wurde Homosexualität in der Pubertät als Anfrage an die eigene sexuelle Orientierung. Die Kirche habe ich da eher – selbst im konservativen Münsterland – als Gegenwelt erlebt. Hier war das Lästern über Leute, die Anders waren verpönt. In der Jugendarbeit hatten wir ein offenes Herz für Typen, die anderswo ausgegrenzt wurden. Erste intensive und offene Gespräche mit schwulen Männern hatte ich bei Katholikentagen. Manchmal arbeiten wir auch eine dunkle kirchliche Vergangenheit auf, die schon lange Jahrzehnte keine Gegenwart mehr war. Jedenfalls nicht überall. Dass sich kleine Gruppen und Milieus nach wie vor wie in der „guten alten Zeit“ denken und verhalten ist Teil einer sehr vielgestaltigen Kirchenwelt. Und leider haben sich Sonderwelten gerade in der Domumlaufbahn besonders lange gehalten.

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass die Kirche sich sorgfältig überlegen muss, was ihre Moral- und sonstige Verkündigung möglicherweise auslöst. Da verantwortet sie durchaus eine Unheilsgeschichte. Niemals darf es dazu kommen, dass Menschen zurückgesetzt und bedrängt oder gar gewalttätig angegangen werden. Hier sollte die Kirche immer Position beziehen. Das ist wichtiger als auf irgendwelchen Lehrpositionen zu beharren oder diese gar mit der eigenen Pastoralmacht, dem Arbeitsrecht oder der Finanzkraft umzusetzen. Manchen Zuspitzungen auf dem SW und auch in der nachträglichen Kommentierung kann ich (bei aller guten Absicht) nicht folgen. Niemand will Missbrauchstäter unterstützen, weil er an Katechismusformulierungen festhalten möchte.

Das alte Diktum „Den Sünder lieben und die Sünde hassen.“ ist in seiner Tiefe noch gar nicht ausgeschöpft. Es ist ein Paradoxon, das uns immer wieder herausfordert. Aber es verbietet, einem Menschen den Platz im Gemeinderat zu verwehren oder ihm als Mitarbeiter stumpf zu kündigen.  Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen um das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen.“ Ich denke, es bleibt richtig, dass wir theologisch Ideale und Prinzipien beschreiben, an denen man sich orientieren kann. Aber wir dürfen nicht mit diesen Idealen auf Menschen einprügeln, die ihnen nicht entsprechen. So viel geistlichen Spagat sollten wir uns zutrauen.

Es uns aber damit auch nicht leicht zu machen. Es ist sicher richtig, Menschen nicht pauschal wegen vergangener Fehler auszuschließen. Aber ohne einen klaren Kompass kirchlicher Lehre kann es nicht gehen. Auch die Reformer wollen nach meiner Wahrnehmung keinen Relativismus und kein „everything goes“. Es braucht Regeln. Gerade in Fragen des sexuellen und geistlichen Missbrauchs entstehen aufschlussreiche neue Regelwerke und Selbstverpflichtungen. Niemand möchte aus lauter Barmherzigkeit den Missbrauchstäter wieder in der Seelsorge sehen. Und es wird auch in Zukunft menschliches Fehlverhalten geben, das sich nicht mit einer Arbeit für die katholische Kirche verträgt.

Kehren wir zurück zur Beobachtung der nunmehr zu Ende gegangenen Vollversammlung des SW. Wenn man die Reaktionen in den sozialen Medien betrachtet, müsste der Synodale Weg die ganze katholische Welt in Atem halten. Tut er aber nicht. Wenn ich in meinen beruflichen Alltag schaue, so ist das ein ziemliches Insiderthema. Wir hatten einmal den Plan, in der Gemeinde einen Infoabend dazu zu starten und eine Synodalin einzuladen. Aber das Interesse war so mäßig, dass wir davon Abstand genommen haben. Es fehlt an der Vermittlung in die Gemeinden, vielleicht pointierten Zusammenfassungen der sehr komplexen Papiere und Ereignisse. Die Kritik aus gut organisierten Aktionsgruppen ist laut. Die Presse interessiert sich vor allem für die „heißen Eisen“ und die Konflikte. Für die Gemeinden wäre interessant, was in ihrem Gemeindealltag Relevanz haben könnte.

Manchmal kommen mir die Gemeinden vor Ort und die Kirchenleitungen in Münster und Rom schon wie Parallelwelten vor, die zwar aufeinander bezogen sind – aber doch weit voneinander entfernt existieren. Und die bittere Kirchenkritik vieler Medien trifft mich in der täglichen Seelsorge selten, wenngleich ich weiß, dass die Strukturen, Macken und Fehler meiner Kirche existierten und teils noch heute existieren. Wobei allzuoft ein Status der Kirche kritisiert wird, der längst der Vergangenheit angehört. Dass heute ein Missbrauch vertuscht wird, kommt mir undenkbar vor, aber viele glauben noch immer, dass die Personalabteilungen in erster Linie die Akten von Missbrauchstätern verschwinden ließen und diese nach wie vor irgendwo in der Kirchenorganisation verstecken. Es scheint manchmal, als kämpfe Don Quichote gegen die frommen Windmühlen. Nicht, dass alles schon gut wäre, aber der Wandel kann doch nicht übersehen werden, selbst wenn er nur oft, aber noch nicht immer und überall zum Guten geschieht. Ich mag die Kirche nicht verloren geben. (Und weil dazu schon eine kritische Anmerkung kam: Es liegt mir völlig fern damit das bodenlose Versagen von Bischöfen und Verantwortlichen in der Vergangenheit zu leugnen oder mit dem aktuellen Stand im Umgang mit Betroffenen und deren Entschädigung zufrieden zu sein.)

Ich muss gestehen, dass ich mich auch nur mit Mühe durch die Papiere des SW ackere und im Grunde nur wenig mit Ruhe gelesen habe. Daher hatte ich mir diesmal einige Stunden Zeit genommen, um dem Livestream zu folgen.

Meine ganze Hochachtung hat die 31jährige Katharina Norpoth, die einige Stunden lang die Versammlung mit stoischer Ruhe und Freundlichkeit moderierte. An einer Stelle hatte sich eine Gruppe von 5 Synodalen gefunden, die mit dem Verweis auf einen Passus der Satzung eine geheime Abstimmung forderten und sich einfach nicht davon überzeugen ließen, dass die Zahl 5 nur verhindern sollte, dass Einzelpersonen aus strategischen Gründen bei jeder Gelegenheit eine geheime Abstimmung fordern könnten. Damit hätten sie jede der satzungsmäßig vorgesehenen namentlichen Abstimmungen verhindern können. So wollten diese 5 es auch nicht akzeptieren, dass ihre Forderung geheimer Abstimmung nun selbst zur Abstimmung gestellt wurde. Da offensichtlich die fünf Antragssteller aus dem eher oppositionellen Kreis stammten, fanden Sie bei Franziska Harter in der Tagespost große Sympathien und Frau Norpoth musste sich folgendes Verdikt über die eigenen Moderations“leistungen“ zu Gemüte führen:

„Die Moderation von Katharina „BDKJ“ Norpoth am Samstagmorgen verschaffte übrigens einen Eindruck davon, wie die Kirche aussehen wird, wenn demnächst mehr Frauen mehr Macht in der Kirche haben. Soviel eiskalten Autoritarismus dürfte sich kein Bischof auch nur im Ansatz erlauben. Synodale, die sich höflich darum bemühen, eine geheime Abstimmung als einen geschützten Rahmen für eine Gewissensentscheidung zu erreichen, mussten sich wie Schulkinder von ihrer Oberlehrerin über den Mund fahren lassen. Frauen wie Männer – wenigstens da herrschte Geschlechtergerechtigkeit.“

Das ist völlig unfair. Ich würde mir eine souveräne Moderation für viele Gremien in Politik und Kirche wünschen. Und ein ruhiger Blick in die Satzung und Geschäftsordnung sollte auch deutlich machen, dass der Zweck dieses Passus keineswegs die Erzwingung einer geheimen Abstimmung durch eine winzige Gruppe sein kann. Der grundsätzliche Abstimmungsmodus der Versammlung war eine öffentliche Abstimmung. Durch die Verwendung der Stimmgeräte jedoch wurde hieraus schon per se eine mindestens halbgeheime Abstimmung und je nach persönlicher Vorliebe auch eine Geheime, wenn man die Tastatur zu hielt. Norpoth ist übrigens seit 2020 nicht mehr BDKJ-Vorsitzende.

Insgesamt habe ich die Debatten gern verfolgt. Ich habe vielen Menschen zugehört, die sich mit Engagement und Sachverstand meldeten und für ihre Sache und für ihren Glauben und ihre Kirche brannten. Das macht mir Hoffnung.

Mit Respekt habe ich auch Wortmeldungen eher konservativer Synodaler gehört, frage mich aber, ob es wirklich ausreichend ist, auf Kirchentreue, Tradition und Gehorsam zu pochen oder Kurzreferate über das eigene Amtsverständnis als Bischof zu halten. In zwei Minuten kann man viel Unsinn reden und langatmig seine Emotionen schildern, was manchmal ziemlich nervig war. Aber man kann in zwei Minuten auch wesentliche Punkte benennen. Und wenn sich die Konservativen einmal einigen könnten, auf Wiederholungen, Zynismus und Mimimi zu verzichten, sondern abgestimmt für Ihre Position zu werben und sich mehr mit ihrer Meinung konstruktiv in die Textarbeit einzubringen, wäre auch hierfür viel gewonnen. Wen soll es überzeugen, wenn Treue zur Lehre eingefordert wird, ohne dazu zu sagen, welchen tiefen Sinn diese Treue haben könnten, und wer davon wie profitiert.  

Und hier bin ich wieder an dem Punkt, wo ich mit Leidenschaft immer wieder ende. Und wo ich denke, dass ich auch voll auf der Linie des Hl. Vaters bin, wenn er über Synodalität redet und die Gabe der Unterscheidung. Der Synodale Weg kannte sicher Sternstunden. Aber die schienen mir eher selten zu sein, wenn ich dem folgen darf, was ich selbst angehört habe und was in verschiedenen Medien zu lesen war. Leider wirken gewisse Lobby- und Antilobby-Kreise hier wenig segensreich. Sie fördern nicht die Synodalität, sondern die Konfrontation. Die Einen mit dem Knüppel der unveränderlichen Kirchenlehre, die anderen mit dem Vorwurf einer Menschenfeindlichkeit der Lehre und ihrer Verteidiger. Es wird Zeit, bei aller, teils verständlichen Emotionalität und Ungeduld auch verbal abzurüsten. Und jenen Stimmen wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen, die für Verstehen werben. Aber das würde auch von allen Anwesenden fordern noch mehr auf Machtpositionen und Sperrminoritäten zu verzichten. Und der Einflüsterung und Stimmungmache von Außen zu widerstehen.

Franziska Harter kommt nach dem Paukenschlag am Donnerstag zu dem Schluss: „Denn entgegen allen geduldigen Mahnungen von Papst Franziskus ist der Synodale Weg alles, nur nicht eins: synodal.“

Vermutlich können sich alle Seiten wenigstens darauf einigen. Da sollte noch etwas gehen. Und wir dürfen zuversichtlich sein. Da geht auch noch was. Beim weltweiten synodalen Weg, aber auch bei den weiteren Synodalversammlungen und beim geplanten synodalen Ausschuss.

Ein Zurück zur Bestimmerkirche, in der alle Macht in der Hand der Geweihten liegt, kann es nicht geben. Weder in demokratisch-westlichen Staaten, aber auch nicht in Afrika, Asien, Lateinamerika, wo die Kirche angeblich wächst und wächst. Selbstverständlich ist und bleibt Christus das Haupt der Kirche. Und der Bischof von Rom wird auch ihr Papst sein und bleiben. Aber ohne dass jene mitbestimmen, über die und deren Anliegen entschieden wird, hat unsere Kirche keine Zukunft. Um den rechten Weg müssen wir ringen. Und selbstverständlich werden wir über Gottes Wort nicht abstimmen, auch wenn Josef Bordat in einer Glosse in der Tagespost genüsslich vorschlägt, um die Synodalen lächerlich zu machen. Jesu Wort, das was das Evangelium sagt, was die Hl. Schrift uns im Geist Gottes vermittelt, das muss es sein und bleiben, das uns in der Nachfolge immer weiter führt, Schritt für Schritt dem kommenden Christus entgegen.

Dienstag, 8. Februar 2022

Gerechte Empörung über Bischof Voderholzer?

Vor einigen Monaten war ich in Wien. Da fiel mir ein origineller Sprachgebrauch auf, denn dort wurde für eine pointierte Aussagen eines Politikers oder einer Person, die in der Öffentlichkeit steht, das Wort „Sager“ verwendet. 

Einen solchen „Sager“ hat am Wochenende im Rahmen des Synodalen Weges auch der Bischof von Regensburg formuliert und dafür empörte Proteste geerntet. Der Protest kam leider etwas vorschnell und ebenso zügig folgte aber auch eine deutliche Entschuldigung des Kritisierten. 

Mir war schon bei der ersten Meldung klar, dass es dem Bischof keineswegs um die Verharmlosung von Missbrauch gehen konnte. Dazu hat dieser in der Aufarbeitung der Geschichte der Regensburger Domspatzen zu tief in den Abgrund geschaut. Sicher war der unter Zeitdruck formulierte Satz missverständlich, aber er wollte keineswegs die Missbrauchsfälle als "im Grunde harmlos" bezeichnen, sondern beschreibt seine Wahrnehmung sexualwissenschaftlicher Ausführungen der damaligen Zeit, die er - unzweifelhaft und auch im ersten Statement ausgesprochen - ablehnt. Die Empörung über ihn war voreilig und ungerecht. 

Ich frage mich dennoch, worauf Bischof Voderholzer in seiner Wortmeldung beim synodalen Weg eigentlich hinaus wollte. Das beschäftigt mich, wohl auch, weil er in seiner späteren Entschuldigung ausdrücklich betont, dass sein Gedankengang als „Sager“ nicht tauglich ist und er dazu eigentlich einen ausführlicheren wissenschaftlichen Text hätte schreiben müssen. Wir dürfen gespannt sein, ob dieser noch erscheinen wird. Dennoch lohnt es sich, schon jetzt einmal mit Voderholzer zu denken. 

Es sollte ja darum gehen, die Äußerung des Anderen nach Möglichkeit zu retten, so habe ich heute mehrfach bei Facebook mit Verweis auf den Hl. Ignatius lesen dürfen. Daher, nehmen wir uns etwas Zeit, sein Anliegen zu verstehen. Bischof Prof. Dr. Rudolf Voderholzer ist ja als Theologieprofessor, Dogmatiker und Bischof von Regensburg nicht irgendwer, sondern ein kluger Kopf. Kaum vorstellbar, dass er einfach etwas daher redet. 

Seine Aussage selbst kann man auf den Seiten des Bistums Regensburg im Detail nachlesen. 

Er weist in seinem Statement (neben zwei anderen Punkten) darauf hin, dass durch die Strafrechtreform des Jahres 1973 eine Veränderung der den sexuellen Missbrauch betreffenden Gesetzgebung eingetreten sei, so dass seitdem:  "Kindesmissbrauch nicht mehr als Verbrechen" sondern als Vergehen eingeschätzt worden sei. Dieser Fakt käme ihm im WSW-Gutachten zu kurz, welches behaupte, „dass man in den 1970er und 1980er Jahren sowohl die Opferperspektive einnehmen konnte“. Ich denke er wollte hier „sehr wohl die Opferperspektive“ sagen.

Was der Bischof in den Raum stellt ist, dass durch die Strafrechtsreform und hier wohl aufgrund der sog. "sexuellen Revolution" Kindesmissbrauch nicht mehr so streng geahndet wurde wie zuvor, als es noch als sog. "Unzucht mit Kindern" unter Strafe stand. Ich bin kein Jurist, aber soweit ich das nachvollziehen konnte, war ein Leitgedanke bei der Reform des Sexualstrafrechts (wo es nicht nur um Fragen von Missbrauch ging), dass man in Zukunft nicht mehr nur allgemeine Normen von Sittlichkeit schützen wollte, sondern konkrete Menschen. In diesem Zuge wurde ja auch der berüchtigte § 175 reformiert. Die Gesetzgebung wollte Kinder vor Missbrauch schützen, aber auch nicht automatisch jede einvernehmliche sexuelle Handlung unter Jugendlichen strafwürdig machen. Das fällt insbesondere beim § 174 StGB ins Auge. 

Für juristische Laien handelt es sich bei den Strafrechtsreformen um sehr komplexe juristische Fragestellungen. Eine genauere Betrachtung wäre sicherlich interessant, weil ja immer wieder behauptet wird, die sexuelle Revolution habe zu mehr Missbrauch an Kindern geführt, weil die moralischen Normen aufgeweicht wurden. 

Die Unterscheidung zwischen Verbrechen und Vergehen (worauf der Bischof abhebt) finde ich im reformierten Recht jedoch nicht, wohl aber können in weniger schweren Fällen auch kurze Freiheits- oder Geldstrafen verhängt werden. Das wäre in der Definition dann ein Vergehen. Ab 6 Monaten Freiheitsstrafe ein Verbrechen. Das was der Bischof erkannt haben will, ist an den Gesetzestexten aber nicht abzulesen. Der Strafrahmen bleibt 1973 ganz ähnlich wie zuvor, allerdings geht es jetzt stärker um den Schutz des einzelnen Kindes als um den Schutz der gesellschaftlichen Sittlichkeit an sich. Es ändert sich also der Blickwinkel. Mit Blick auf die späteren Reformen des einschlägigen Paragrafen § 176 StGB darf man sicher feststellen, dass die Reform von 1973 Schwächen hatte. Ob diese aber mit einer liberaleren Sicht von Sexualität zu tun hatten, das darf durchaus bezweifelt werden.

Schon gar nicht kann aus dem Vergleich der einschlägigen Paragrafen geschlossen werden, dass der Gesetzgeber plötzlich Sympathien für Pädophile hegte. Möglicherweise bezieht sich der Bischof mit seinen Darlegungen auf die Formulierung des § 174 wo es heißt: "kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn bei Berücksichtigung des Verhaltens des Schutzbefohlenen das Unrecht der Tat gering ist." Diese Formulierung (die bis heute im Gesetz steht) dürfte sich jedoch auf "einvernehmliche" Beziehungen zwischen jugendlichen Schutzbefohlenen und Lehrern, Erziehern u.ä. beziehen. 

Dass es in der konkreten Rechtsprechung Unsicherheiten gab, welche konkreten Folgen Missbrauchserfahrungen für Kinder und Jugendliche haben, mag der Hintergrund der von Voderholzer angedeuteten Fälle sein. Hier geht es aber um die konkrete Rechtsprechung und weniger um die Folgen gesellschaftlicher Diskussionen oder einem Agitieren der Pädophilen-Lobby auf die Reform des Strafrechts. Dass die strafrechtliche Verfolgung von Missbrauchstäterinnen und Tätern verbesserungswürdig war und ist, das wird niemand bestreiten. So hat es ja auch schon erste Reformen hierzu gegeben. 

Interessanterweise spricht der Bischof ja hier auch von „sexualwissenschaftlichen Urteilen“ „die davon ausgehen, dass, für die betroffenen Kinder und Jugendlichen die Vernehmungen wesentlich schlimmer sind als die im Grunde harmlosen Missbrauchsfälle.“ Später erklärt er sich ja noch in der Versammlung und sagt u.a.: „Und es empört mich, wenn da gesagt und geschrieben wurde, dass der Missbrauch oft ein „Verbrechen ohne Opfer“ sei.“ All diese gehört in einzelnen Fällen in der Tat zur bitteren Realität des juristischen Umgangs mit dem Missbrauch. Und blieb nicht ohne Folgen für den kirchlichen Umgang mit den - oft allzu milde - bestraften Tätern. Und wenn die Justiz schon milde strafte, hat dies  es der kirchlichen Obrigkeit leichter gemacht, sich dem anzuschließen.  

Ich denke mit den erwähnten „Urteilen“ geht er auf „die Wissenschaft“ ein, die damals (in Teilen) der Meinung war, Pädophilie sei heilbar. Oder das Stichwort „Verbrechen ohne Opfer“ verweist ja auf die Diskussion, ob es so etwas geben kann wie „einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen“. Das so etwas diskutiert wurde bzw. auch in Gutachten geschrieben wurde, ist ja denkbar. Dass das aber allgemein gültige Sichtweisen wurden und dass diese in Justiz und Kirche zum Maßstab wurde, das erlaube ich mir doch zu bestreiten. 

Ich erinnere mich übrigens nicht, trotz der immer wieder erwähnten pädophilen Zirkel und ihrer Theoretiker, dass ich irgendwo schon einmal wahrgenommen hätte, dass Missbrauch irgendwo als entschuldbar dargestellt oder verharmlost wurde. Ich habe es nie anders als als allgemeinen gesellschaftlichen Konsens erlebt, dass Missbrauch von Kindern und Jugendlichen rundheraus abgelehnt wurde. Das schließt nicht aus, dass Menschen dennoch energisch weggesehen haben. Diesen Kompass haben offenbar sogar Schwerverbrecher, denkt man an die verbreitete Auffassung, dass Missbrauchstäter in der Knasthierarchie ganz unten stehen. 

Letztlich versucht Bischof Voderholzer in den in seinem Statement geschilderten Aspekten einen Beleg für die Argumentation zu sehen, dass die liberalere Sicht auf die Sexualmoral in der Gesellschaft dazu geführt habe, dass sich auch für die kirchlichen Oberen das klare Urteil über pädophile Straftaten aufgeweicht habe. Wenn also schon die weltliche Justiz den Kompass verloren hatte, wie hätte dann die Kirche richtig handeln können?

Ich kann der These nicht zustimmen. Unabhängig von den konkreten Urteilen (da weiß ich nicht, ob es hierzu Studien gibt) wurde Missbrauch (§ 176 StGB) vor der Reform mit Freiheitsstrafen von 6 Monaten bis 10 Jahren geahndet. Nach der Reform mit ganz ähnlich mit 6 Monaten - 10 Jahren. Bei minder schweren Fällen konnte die Freiheitsstrafe durch Geldzahlungen abgegolten werden. Das war neu. Bei Taten mit Todesfolge war die Mindeststrafe vor und nach der Reform 10 Jahre bis lebenslänglich. Aber die Grundlage der Strafzumessung änderte sich. Während zuvor die allgemeine Sittlichkeit verteidigt wurde, stand jetzt der Schaden für die Opfer im Mittelpunkt. Eigentlich genau der Perspektivwechsel der in der Kirche erst langsam kam und bis heute noch stockt. 

Anders als Bischof Voderholzer andeutet, gab es ja gerade durch die Reform 1973 das Anliegen, die Opfer stärker in den Blick zu nehmen. Ob das dann wirklich gelang und ob die Agitation der Pädophilenlobby hier möglicherweise „Erfolge“ hatte, steht auf einem anderen Blatt. Auch wenn es in der konkreten juristischen Verfolgung der Täter Schwächen gab, stützt das die Argumentation des Bischofs nicht. Er sollte sich von diesem Denken verabschieden. 

Die Opferperspektive ist der Kirche sicher nicht durch die Folgen der sexuellen Revolution abhanden gekommen. Eher könnte man sagen, dass man in der Kirche eher noch dem alten Recht verhaftet war und das Thema der „Sittlichkeit“ und der Verstöße gegen das Zölibat und die Berufsehre stärker im Blick waren als die Folgen für die Opfer priesterlicher Übergriffe und Verbrechen. 

Das ist im Grunde das glatte Gegenteil der Spur, auf die uns Bischof Voderholzer – wenn auch sicherlich nicht aus böser Absicht heraus – führen möchte. 

Schuld an dem Elend ist nicht die sexuelle Revolution an sich. Selbst wenn die allgemeine Liberalisierung der Sexualität Auswirkungen auf einzelne Taten und Täter hatte. Das wird ja auch niemand leugnen. Wir kennen genügend Fälle liberaler Priester, die sich unter dem Deckmantel von „Aufklärung“ und „Erziehung“ an ihre Opfer heran machten. Die Aufhebung der Distanz zwischen Laien und Klerikern im Gefolge der gesellschaftlichen Umwälzungen brachte sicher auch Missbrauchsfälle eines neuen Typs. Dafür wäre ja der Fall des gerade stark diskutierten Pfr. Peter H. aus dem Bistum Essen ein Paradebeispiel. 

Die erste Aufregung darüber, dass Bischof Voderholzer von "im Grunde harmlosen Missbrauchsfällen" gesprochen hat, war in der Tat ungerecht. Da hatte er offensichtlich unter Zeitdruck, den gedanklichen Faden nicht sauber formuliert. Er hat ja auch schon das Statement selbst mit den Worten abgeschlossen, dass sich dieser Fehler der Kirche nicht wiederholen dürfe. Verharmlosung darf man Bischof Voderholzer sicher nicht vorwerfen.

Hintergrund der Wortmeldung von Bischof Voderholzer ist die These, dass die gesellschaftliche Liberalisierung der Sexualmoral dazu geführt habe, dass die kirchlichen Verantwortlichen weniger genau hingeschaut hätten, wenn Übergriffe von Pfarrern gemeldet wurden. Die gesellschaftliche Liberalisierung bekommt damit eine Mitschuld am System der Vertuschung. Dieses Argument liegt auf einer ähnlichen Linie wie der Verweis auf pädophile Strömungen in der Gründungsphase der Grünen Partei (und auch noch unter deren Dach), die das gesellschaftliche Urteil über Pädophilie aufgeweicht hätten. 

Wie sehr der Bischof sich auf diesen Gedanken fixiert, zeigen auch seine Predigten aus der vergangenen Zeit, die ja zusätzlich gern den Vorwurf des "Missbrauchs mit dem Missbrauch" in den Raum stellen. Ich teile mit dem Bischof den Eindruck, dass die "sexuelle Revolution" nicht ohne Auswirkungen auf die Missbrauchstaten dieser Zeit war, die hierdurch evtl. ihre konkrete Gestalt (zumindest bei einigen Tätern) veränderten. Auch bot die größere Offenheit in dieser Thematik den Tätern weitere Möglichkeiten, Taten anzubahnen und Chancen, die Taten selbst zu verschleiern bzw. Menschen aus dem Umfeld von Tätern und Opfern einzuwickeln. 

Aber ich glaube keineswegs daran, dass die Kirche sich mit Verweis auf derlei Einflüsse exculpieren darf, noch den Eindruck vermitteln, wenn es die "sexuelle Revolution" nicht gegeben hätte, wäre in der Kirche alles in bester Ordnung geblieben und die Reformen, wie sie heute gefordert werden nicht notwendig. Im Gegenteil, trug doch gerade die auf sittliche Reinheit fixierte kirchliche Moralverkündigung dazu bei, die Opfer nicht zu sehen oder ihnen gar eine Mitschuld zuzuschreiben. 

Wir kennen ja vor allem aus dem Raum der Kindererziehung, aus Heimen und Internaten unvorstellbar brutale Taten durch Priester und Ordensleute, die sich sogar als strenge Verfechter der Moral gerierten und den hieraus entstehenden Druck auf die Kinder und Jugendlichen und sogar die Beichte für ihre abscheulichen Verbrechen nutzten und die Opfer zum Schweigen brachten. 

Es wäre wünschenswert, wenn Bischof Voderholzer seine Fixierung auf die Folgen der "sexuellen Revolution" überwinden könnte. Die Täter finden sich unter strengen und barmherzigen Priestern, unter Liberalen und Traditionalisten gleichermaßen. 

Die so gern vertretene Idee, dass es nur eine Rückkehr zur guten alten Moralverkündigung, das Einhalten der klaren Verhaltensnormen braucht, damit das Problem des Missbrauchs in der Kirche überwunden ist zeigt sich als Irrglaube. Sie hat vor 1968 nicht funktioniert, sie wird auch nach 2022 nicht funktionieren. 

Jeder Fall ist einzigartig, jeder Fall ist einzigartig schrecklich. Wir dürfen da nicht mit Schablonen im Kopf herangehen. Und die Kernfrage muss lauten: "Wie können wir den Opfern so gut wie möglich helfen?" und nicht "Wie können wir die Kirche retten?". 

Gegen die Verbrechen des Missbrauchs in der Kirche hilft nur Prävention, die Stärkung der Kinder, Jugendlichen und aller Gläubigen (was Respekt vor ihren Lebensentscheidungen voraussetzt, selbst wenn sie gegen kirchliche Vorgaben verstoßen), die gute Auswahl der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden, Wachsamkeit, offener Umgang mit Fragen der Sexualität, gerade auch in der Aus- und Fortbildung von Katechisten, Priestern, pastoralem Personal und im Falle eines Falles: klare Parteinahme für die Opfer, Bestrafung der Täter, Unterstützung jeder Art für die Opfer. 

Eine reine Liberalisierung der Sexualmoral, die von Vielen gefordert wird, und da stimme ich Bischof Voderholzer absolut zu, wird natürlich keinen Missbrauch verhindern. Das kommt mir leider auch im synodalen Weg etwas zu kurz. 

Ich würde mich freuen, wenn Menschen, die Bischof Voderholzer besser kennen als ich oder Juristen, die die Hintergründe des Sexualstrafrechts besser verstehen, meine Gedanken hier korrigieren möchten.

Hier die Wortmeldung von Bischof Voderholzer:
https://bistum-regensburg.de/news/dritte-synodalversammlung-am-3-februar-2022 

Hier die Entschuldigung: 
https://bistum-regensburg.de/news/persoenliches-statement-von-bischof-voderholzer

Die strafrechtlichen Veränderungen findet man in Anlage 6 des WSW-Gutachtens, in der Online-Fassung ist das ab Seite 1414. 

Mittwoch, 2. Februar 2022

Nun sag', wie hast Du's mit Papst Benedikt?

Wie stehst Du zu Benedikt XVI.? Das war und ist – solange ich meinen Weg mit der und in der Kirche zurück verfolgen kann – die Gretchenfrage des Katholischen und der Maßstab der kirchenpolitischen Einordnung des Gegenübers. 

Aufgrund meines Geburtsjahrgangs rede ich natürlich von der Kirche nach dem Konzil. Nach dem Konzil? Gemeint ist das 2. Vatikanum, das die Kirche, in die ich hinein geboren und vermutlich mit einem „ad experimentum“ - Taufritus hinein getauft wurde. Bei den Nachrichten aus einem US-Bistum heute (zur hochkorrekten Taufformel), hoffe ich, dass der Kaplan sich damals nicht irgendwie verhaspelt hat. Gott sei Dank gibt es kein Video davon, nur ein nostalgisches s/w – Foto auf dem Domhof in Vreden. 

Joseph Ratzinger – Professor Ratzinger – Erzbischof Ratzinger – Joseph Kardinal Ratzinger – Glaubenspräfekt Ratzinger – Papst Benedikt XVI. - Papa emeritus. So vielfältig wie seine Rollen in der Kirche, so vielschichtig ist auch sein Wirken. 

Zwischen Reformtheologe, Panzerkardinal und „Wir sind Papst“ hat er unterschiedlichste Rollen gespielt und die Kirche wie ich sie kenne geprägt. Zumindest seit seiner Ernennung zum Präfekten der Glaubenskongregation stand er auch für ein bestimmtes, traditionell-modernes Kirchenbild. Ein Kirchenbild, das manche – durch die Reformen des 2. Vaticanums - für überwunden hielten. Aber da war doch eher der Wunsch der Vaters des Gedankens. Das 2. vatikanische Konzil wollte die Kirche reformieren, nicht revolutionieren. Es wollte die Wurzeln und die Flügel des Glaubens freilegen und von Überflüssigem und Falschem befreien. In diesem Sinne war der junge Theologieprofessor Ratzinger einer der einflussreichsten theologischen Denker während des Konzils. Aber sicher kein Revolutionär.

Das 2. Vatikanum ist sein Lebensthema geblieben. Der rasante Wandel in der Kirche, der Zusammenbruch gewisser Kirchenstrukturen, der Rückgang der Priesterzahlen, die schrumpfende Bedeutung der Kirche in Europa hat ihn immer stärker zum Bewahrer werden lassen, zur Symbolfigur einer Kirche, die den alten Traditionen die Treue hält, aber dennoch Kirche in der Welt bleibt. Ein Teil des traditionellen Flügels der Kirche hat ihn dafür geliebt, ein Teil hat ihn als „zu modern“ abgelehnt, ein Teil hat versucht, ihn vor den Karren der eigenen ehernen Glaubensüberzeugungen zu spannen. 

Ich kann hier sicher nicht auf Lebenswerk und Lebensleistung Joseph Ratzingers in der ganzen Fülle eingehen, möchte aber doch einige Gedanken notieren wie ich heute, angesichts der aufgeregten Diskussion um seine Stellungnahme zum Gutachten über das Versagen des Münchener Erzbistums im Umgang mit Opfern und Tätern zum emeritierten Papst Benedikt XVI. stehe. 

Mich befremdet die Kampagne mancher seiner treuen Anhänger, Freunde und Verehrer und ihrer Medien. Es ist verständlich, dass sie ihre Lichtgestalt verteidigen. Aber wenn es völlig kritikfrei bleibt, allein eine Heldengeschichte, dann wird es der Dramatik der Lage und der Tiefe der Krise nicht gerecht. 

Mich erschreckt und bedrückt, wie sehr die einfachen Gläubigen von der Tatsache erschüttert sind, dass ein ehemaliger Papst sich mit juristischen Winkelzügen für unschuldig erklärt, möglicherweise (wissentlich oder unwissentlich) sogar die Unwahrheit gesagt haben könnte. Der kluge Jesuit Pater Zollner hat gefragt, ob die Bischöfe nicht Manns genug sind, zu ihrer Verantwortung zu stehen, Manns genug, einen Rücktritt auch durchzutragen. Diese Frage ist richtig? Aus den Gutachten treten uns lauter Leute entgegen, die ihre persönliche Verantwortung abstreiten, klein reden, nichts gewußt haben wollen oder anderweitig zu beschäftigt waren. Offenbar muss während der Sitzungen in den Ordinariaten ein dichter Nebel aufgekommen sein, sobald es um die „Brüder im Nebel“ und ihre Opfer ging. Vielleicht passt dieser von Kardinal Meisner geprägte Begriff auch eher auf die Vertuscher als auf die Täter. Denn ihnen fehlte der klare Blick für die bitteren Realitäten. 

Ich bin traurig, dass sich diese Dinge abspielen, wo Joseph Ratzinger auf seinen 95. Geburtstag zugeht. Wie auch immer man im Einzelnen seine Rolle beurteilt, das hat er nicht verdient, nicht diese Verachtung, nicht diesen Furor, der aus manchem Presseartikel, aus vielen Wortmeldungen in den sozialen Medien trieft. Ein schlimmes Beispiel ist die BILD, die sich beim Papstbesuch noch mit dem „Wir sind Papst – Titel“ und dem päpstlichen Glanz schmückte und plötzlich von Benedikts Missbrauchs-Priestern schreibt, als habe dieser einen Täterring betrieben. Verdient hat er aber auch nicht die völlig kritiklose Verteidigung seiner allerbesten Freunde. 

Die Wut und den Frust der zahlreichen Opfern eines Pfr. Peter H. und anderer Täter im Erzbistum München dagegen ist völlig gerechtfertigt. Ihr muss sich auch der spätere Papst Benedikt XVI. zu Recht stellen.

Wir müssen leider ohne Umschweife anerkennen, dass die Kirche durch Verbrechen von Priestern schwerste Schuld auf sich geladen hat und diese Schuld offenbar bis ins Pontifikat Johannes Pauls II. nicht sehen und nicht bekennen wollte. Benedikt hat hier in gewisser Weise eine späte Wende eingeleitet. Das ist sein unbestreitbares Verdienst. Ein Anfang. 

Aber zu seiner Münchner Zeit war er Teil des kollektiven Versagens des Episkopats in der ganzen Welt. Ich verzweifle daran, dass es ganz offensichtlich keinen einzigen Gerechten unter unseren Bischöfen gab. Und tendenziell bis heute auch nicht gibt. Ich gestehe gern ein, dass das für einen Bischof schwierig ist, der ja allerlei Scheren im Kopf hat. Aber in der aktuellen Lage kann es nur Eines geben: den Opfern auf Augenhöhe zu begegnen. Ihren Ärger, ihre Not, ihre Verzweiflung auszuhalten. Sie zu fragen, was sie jetzt brauchen und was sie von der Kirche erwarten und Ihnen mit allem, was die Kirche hat zur Seite zu stehen. 

Wo sind die Therapieeinrichtungen für Missbrauchsopfer? Wo kirchlich finanzierte Häuser, in denen sie sich erholen könnten (wenn sie das wollen), umsorgt von Menschen, die ihr Leiden achten? Wo sind die Juristen, die dafür sorgen, dass den Tätern entschlossen in den Geldbeutel gegriffen wird, dass soviel Geld wie eben möglich von den Konten der Täter für die Hilfe für deren Opfer eingesetzt wird. Wo sind die Kirchenjuristen, die dafür sorgen, dass die Täter so gut und sicher wie möglich verwahrt werden können und nicht Wirkungsfelder erhalten, die sie zu Wiederholungstätern machen könnten. 

Wo sind die unabhängigen Beratungsstellen, die aus eigener Kompetenz schnelle Hilfe durch Therapie, finanzielle Hilfen und Entschädigungen, Begegnungen mit Bischöfen etc. etc. möglich machen. Wie kann es sein, dass die Opfer so lange warten müssen, egal worum sie bitten? Die Liste könnte man noch etwas fortführen. Ja, es ist viel getan worden, damit Kirche ein sichererer Ort wird für die immer weniger werdenden Kinder und Jugendlichen, die mit uns noch zu tun haben möchten. Aber im Umgang mit den Betroffenen können auch nach 12 Jahren noch keine guten Noten vergeben werden. 

Wie ist das möglich, dass augenscheinlich unendliche Ressourcen für die kirchenrechtliche Untersuchung der Gültigkeit der Ehen längst getrennter Eheleute zur Verfügung stehen, aber für die Aufdeckung von priesterlichen Verbrechen und die disziplinarische Bestrafung der Täter sind keine Leute und Kompetenzen da?

Noch immer fehlen mir überzeugende Erklärungen für das Handeln der Bischöfe und Personalverantwortlichen jener Zeiten. Warum hat man gehandelt, wie man gehandelt hat? Warum ist das Thema nie entschlossen angepackt worden? Wir erinnern allzu gerne an den entschlossenen Widerstand eines Kardinal von Galen gegen die Nationalsozialisten, wir sprechen Papst Johannes Paul II. für seinen Kampf gegen den gottlosen Kommunismus heilig. Wir erinnern an große Reformer der Kirche, die entschlossen gegen Widerstände innerhalb der Kirchenorganisation angegangen sind, wie Papst Hadrian oder auch der Hl. Franziskus. Aber welche Gestalt kämpfte gegen die Verbrechen von (notgeilen) Priestern an Frauen und Kindern? Sag mir bitte niemand, das gab es in der Pianischen Zeit der Kirche nicht. Googeln Sie mal „War einst ein Karmeliter“ oder „Es wollt ein Bauer früh aufstehen...“ (Ja, man kann streiten, ob gerade diese Spottlieder ältere Wurzeln haben oder nicht. Man kann aber nicht darüber streiten, dass es auch vor 1945 Missbrauch in der Kirche durch Priester gab. Und nichts spricht dafür, dass dies in geringerem Maße stattfand als in den späten 40er und 50er Jahren.)

Leider wird wenig darüber gesprochen, welche Rolle es in der unseligen Vergangenheit spielte, dass Nationalsozialisten und Kommunisten solche „Sittlichkeitsverbrechen“ auch als gezielte Waffe gegen die Kirche eingesetzt haben. Insofern war es leicht, den Zweifel zu streuen. Welche Nachwirkungen hat das wohl für die Aufklärung und Verfolgung gehabt, wenn in den ersten Nachkriegsjahren Gerüchte über Täter-Pfarrer aufkamen? Doch dann hätte man umsomehr dafür sorgen müssen, dass die Kirche nicht nur dem Anschein nach rein da steht, sondern als Kirche der Sünder alles tut, umzukehren...

„Wie stehst Du zum Ratzinger?“ Es wundert mich nicht, dass sich die Diskussion jetzt derart auf den alten Papa emeritus zuspitzt. Obwohl er sicher Verdienste hat, die einen Wandel innerhalb der Kirche möglich gemacht haben. Für die Presse, die ja auch Aufmerksamkeit, Auflagen und Klicks verkauft ist das eine gute Gelegenheit. Für seine Feinde die Chance, mal wieder aufzuspringen und „ich hab es ja immer gesagt...“ zu rufen. Jetzt ist nicht die Zeit, seine Rolle in der katholischen Kirche und seine Rolle im Missbrauchsskandal umfassend und gerecht zu würdigen. Er wird diese Last auch stellvertretend auf seine Schultern nehmen müssen (aber bitte ohne Spiritualisierung). Die Versuche seiner Verehrer kommen hilflos daher und schütten nach meiner Wahrnehmung eher noch Öl ins Feuer. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bleibt dann umso mehr, als der Glanz der Heiligkeit poliert wird. 

Es ist bedauerlich und unnötig, dass auch die Erklärung des emeritierten Papstes zum Münchner Gutachten nicht anders klingt, als die Einlassungen seiner vielen Brüder im Episkopat. „Ich war es nicht. Ich wußte es nicht. Ich trage keine Schuld.“ Und das nun auch noch dazu kommt, dass er (warum auch immer das geleugnet wurde) an einer wichtigen Sitzung doch teilgenommen hat und der Aufnahme eines Missbrauchspriesters in sein Bistum arglos oder wissentlich zugestimmt hat. 

Dieser Fehler wäre absolut vermeidbar gewesen, wie ein Blick in die Benedikt-Biografie von Seewald belegt. Leider hatte dieser in einer noch vor der Vorstellung des Gutachtens veröffentlichten Stellungnahme selbst noch die Verteidigungslinie „er war gar nicht dabei“ verwendet, bevor er einige Tage später mit Verweis auf das eigene Werk zurückrudern musste. Offenbar war das Umfeld des emeritierten Papstes in genau die Falle getappt, die mit ursächlich für die Vertuschung des Missbrauchs in der jüngsten Vergangenheit war. Im Bemühen die Person oder die Institution rein dastehen zu lassen wurde und wird die Wahrheit verbogen und verbeult. Das es auch anders ginge, belegt die wunderbare Klarheit eines recht verstandenen: „durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“  

Ich hoffe sehr, dass die angekündigte Stellungnahme aus seinem Altersruhesitz im Schatten von St. Peter endlich den richtigen Ton trifft. Dass Benedikt die Größe zeigt, persönliche Fehler und Fehleinschätzungen einzugestehen. Dass er um Entschuldigung bitten und ein überzeugendes Zeichen den Opfern gegenüber setzen kann. Und das dies dazu beiträgt, dass die Kirche ihre Haltung und ihr Verhalten gegenüber den Opfern der Verbrecher in Priesterkleidung grundlegend und unumkehrbar verändert. Wie schön wäre es, wenn das mit Spannung erwartete Wort des emeritierten Papstes die Qualität des „Ich glaube Ihnen“ des Kardinals Schönborn gegenüber Doris Wagner bekäme.

Ich hoffe, dass sich meine Kirche in der Folge so grundlegend wandelt, dass sie immer und überall die Rolle der Obrigkeit abstreift und sich konsequent an die Seite der Menschen stellt, sich mehr und mehr zur pilgernden, dienenden Kirche wandelt. Die Macht, die Christus ihr zugesprochen hat, ist allein die Macht der Vergebung, der Heilung, des Dienstes...

Ich wünsche mir auch klare Worte und Gesten der Entschuldigung und Ermutigung für alle Menschen, die als einfache Gläubige, als engagierte Ehren- und Hauptamtliche, als Priester und Ordensleute ihr Leben schon lange in den Dienst einer Kirche nach dem Herzen Gottes gestellt haben. Sie tragen jetzt die Lasten der kirchlichen Sünden und Verbrechen der Vergangenheit mit.

Beten wir für die Kirche, für de Bekehrung ihrer Mitarbeiter und Verteidiger, für die Opfer von Machtmissbrauch, Gewalt, geistlichem und sexuellem Missbrauch, auch und selbst für die Täter und Vertuscher und für den emeritierten Papst Benedikt, der in nicht allzu ferner Zeit seinem gerechten und barmherzigen Richter gegenüber stehen wird. 

Wenn es die Kirche nicht gäbe, so müsste man sie erfinden. Ich sehe schwarz für eine Gesellschaft, in der das Evangelium nicht mehr verkündet wird. Und dabei braucht es die Erfahrungen aus der Tradition der Kirche, die auch dazu beitragen, Gottes Wort in der rechten Weise zu verkündigen. Nämlich nicht als Herren des Glaubens, sondern als Diener der Freude. Die Kirchengeschichte – mit all ihren Fehlern und Verbrechen – ist nicht wertlos. Sie ist sicher voller Verbrecher, einfacher Leute aber auch Heimat vieler Heiliger, sie enthält einen Schatz von Erfahrungen und bietet die Chance, Fehler nicht endlos zu wiederholen. 

Ich bitte alle, die bis hierhin gelesen haben, bleiben Sie dabei, gestalten Sie, was in der Kirche gut und hilfreich ist mit, verbessern Sie, was falsch und sündhaft ist. Gott braucht jeden von uns. Denn er hat keine anderen Hände als unsere Hände. Und wenn Sie sich entscheiden sollten, aus der Institution auszusteigen (ich kann Ihnen da nicht böse sein): bleiben Sie trotzdem in der Nähe und packen Sie mit an für eine bessere Kirche und eine bessere Welt.

Freitag, 1. Oktober 2021

Ein neuer Anfang auf synodalen Wegen?

Ich muss gestehen, dass ich den sogenannten Synodalen Weg meiner Kirche von Anfang an skeptisch gesehen habe. Aus vielerlei Gründen sind und waren meine Erwartungen daran nicht hoch gesteckt. Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass ich ihn mit mehr Aufmerksamkeit verfolgt habe, als ursprünglich gedacht.

Das "verdanke" ich vielen kirchlich-konservativen Freunden, die jede Regung des synodalen Weges mit Gegenwind und Abwehr begleitet haben.

Skeptisch war ich, weil ich selbst viele Jahre Mitglied in einem synodalen Beratungsgremium des Bischofs von Münster, im sogenannten Diözesanpastoralrat war (damals, während meiner Ausbildungszeit ab ca. 1993 als erster angehender Pastoralreferent überhaupt), später erneut als gewählter Vertreter der Pastoralreferenten im Bistum Münster. In diese Zeit fiel auch der – heute offenbar weitgehend vergessene – Zukunftsprozess im Bistum Münster, das Diözesanforum „Mit einer Hoffnung unterwegs“. Insofern habe ich „synodale Erfahrungen“ in der Beratung eines Bistums und im Gespräch mit Bischöfen und Bistumsleitung. In Erinnerung ist mir noch, wie sensibel dabei stets die Frage der Leitung in der Kirche war. Sobald das Stichwort fiel, sprang mindestes ein Mitglied der Bistumsleitung auf und betonte, wie wichtig es sei, dass diese unter allen Umständen in den Händen des Priesters liege und das der Anteil der Laien daran nur in der Beratung des jeweiligen Priesters oder Bischofs liegen könne. Selbst wenn es in mancher konkreten Leitungsfrage einfach nur um praktische Dinge ging, die allemal ein Laie regeln könnte.

Weiter in Erinnerung geblieben ist mir die Antwort des Bischofs auf die Frage, warum alle Leitungspositionen in der Diözesanverwaltung mit Priestern besetzt seien: „Ja was denken Sie denn, welche Gehälter ich Fachleuten zahlen müßte.“

Um mich mit den vielen Papieren des synodalen Wegs auseinanderzusetzen, fehlte mir bisher die Zeit. Zumal ich ihren konkreten Entstehungsprozess nicht kenne, sie sowieso noch überarbeitet werden und ich keinerlei Einfluss darauf habe, was damit geschieht. Es sei denn, ich würde mir bekannte Synodale daraufhin „bearbeiten“. Inzwischen bin ich auch mit einigen von Ihnen bei fb „befreundet“ und habe einzelne Themen auch mit ihnen persönlich diskutiert.

Was mir zugegebenermaßen mehr und mehr gegen den Strich geht, ist der Popanz, der von interessierter Seite aus dem Synodalen Weg gemacht wird. Beispielhaft einmal auf die Spitze getrieben in einer heutigen Wortmeldung einer facebook-Seite namens: „Wir sind katholisch“.

"Aufruf betr. der momentanen Tagung des Synodalen Weges

Was momentan in Frankfurt während der Tagung des Synodalen Weges abläuft, ist eine Kreuzigung der Kath. Kirche und somit eine erneute Kreuzigung Jesu.
Bitte betet den Rosenkranz um Reinigung der "deutschen" Kirche!
Rom muss das Schisma feststellen. Die kleine übrigbleibende römisch-katholische Herde muss in Deutschland neu beginnen.
Schreibt über die ungeheuerlichen Vorgänge in Frankfurt (Abspaltung von Rom, Abstimmungen gegen die röm. kath. Lehre) an die Glaubenskongragation.
Sie - Luis Kardinal Ladaria SJ - muss jetzt eingreifen, bevor "alles" zerstört ist!

Es folgen die Beschwerdeanschriften der Glaubenskongregation und der Nuntiatur.

Andere Akteure beschwören gerade wieder das „Schisma“ oder schreiben jedes erdenkliche kirchliche Forum mit ihren immergleichen Kommentaren voll. Die Wortmeldungen lassen inzwischen jede Sachlichkeit vermissen: "Der SW ist häretisch. Er ist ein bösartiges Krebsgeschwür im mystischen Leib Christi." schreibt allen Ernstes ein deutscher Priester. Bei Kirchenkrise.de schrieb der 33jährige Patrick: „Warum sucht ihr euch nicht einfach eine andere Kirche und sägt nicht an den Pfeilern?“

Meine Antwort darauf war: „Das Bild ist schräg. "Sägt an den Pfeilern?" Das wäre ja grundsätzlich und immer falsch. Ich habe da eher ein vielfach umgebautes und verwinkeltes Haus im Blick. Es wird Zeit, es endlich zu sanieren, neu zu gestalten, alte Details und Substanz sichtbar zu machen, spätere Einbauten zu entfernen, mehr Licht reinzulassen... Dazu muss ein guter Statiker die tragenden Wände identifizieren und klar machen: "Hier muss alles so bleiben, wie es ist." Aber manche andere Wand kann durchbrochen, manches düstere Hucke mit Licht versorgt werden. Ich liebe mein Haus und finde viele schöne Räume darin. Aber leider auch "menschenunwürdige Schmuddelbuden" die dringend frische Luft und mehr Licht brauchen. Die Pfeiler müssen unbedingt stehen bleiben. Und Katholiken sind einfach konservativ und ziehen ungern in schöne Neubauten. Von daher weigere ich mich, mich von anderen Glaubensgemeinschaften locken zu lassen, deren Schattenseiten ich erst erkenne, wenn ich eingezogen bin. Ich will mein Zuhause schön.“

Nun ja, auch die Papiere auf der Alternativseite von Bischof Voderholzer mochte ich mir nicht in Gänze durchlesen. Die Lust dazu hat mir der Bischof allerdings selbst verleidet, als er in seiner letzten Predigt von einer notwendigen „historischen Einordnung der Missbrauchsfälle“ sprach und erneut die MHG – Studie und deren Verfasser angriff. Seine Haltung gipfelte jetzt in Bemerkungen bei der Vollversammlung des „Synodalen Wegs“ am 1. Oktober. Da sprach er von einer "geradezu dogmatisch überhöhten MHG-Studie" und später "Was ich ablehne ist ein Lehramt der Betroffenen." Diese Art zu reden verletzt. Sollen die Opfer weiter schweigen? Hoffentlich hat er die Größe, sich dafür zu entschuldigen.

Damit übertrifft er nämlich noch das Geraune des Bischofs Stephan Ackermann über die „Aktivisten“ unter den Betroffenen. Ja sicher, der Umgang mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs ist manchmal eine Herausforderung für jene, die ein helles Bild der Kirche im Herzen und in der Biografie haben (dürfen) und die Schattenseiten nicht erleiden mussten. Aber das Reich der Studien (MHG, Gehrke-Gutachten, WHS-Studie für Aachen) ist doch durchweg sachlich und von Übertreibungen frei. Auch Aufrufe zum Revoluzzertum sind mir dort nicht begegnet. Nur Fragen, die eine saubere Antwort brauchen. 

Den sogenannten „Missbrauch mit dem Missbrauch“ habe ich schon in einem vorigen Artikel hier in Frage gestellt. Dass diese These immer noch geritten wird, irritiert. Man könnte das inzwischen „Missbrauch mit dem Missbrauch des Missbrauchs“ nennen. Selbstverständlich müssen mir die Schlussfolgerungen, die jemand zieht, nachdem er das Ausmaß von sexuellem Missbrauch in der Kirche wahrgenommen hat, nicht gefallen. Aber dann muss ich in der Sache widersprechen und nicht mit dem Spruch vom „Missbrauch mit dem Missbrauch“ dessen Vorschläge deligitimieren, als seien seine Forderungen ein erneuter Missbrauch der Betroffenen, er also eine Art „Mittäter“, weil er profitiere ja vom Missbrauch, wenn seine Forderungen erfüllt würden. Erstaunlich, dass es keinem Bischof gelingt, ein flammendes Plädoyer für den Wert des Zölibats zu halten, der die ganze Aula nachdenklich stimmt.Nein lieber verlegen sie sich auf Predigten, Zusendung von Fachartikeln, Interviews und eigene Webseiten.Oder verabschieden sich gleich ganz aus der Diskussion.

Auf jeden Fall kam es mir jetzt gerade passend, dass nun eine Initiative in 9 relativ knapp gefassten Punkten den ganzen synodalen Prozess vom Kopf auf die Füße stellen möchte. Sie nennt sich „neuer Anfang“. Mein fb-Freund Bernhard Meuser war hier wohl an vorderster Stelle beteiligt. Da sich seine Einlassungen eigentlich immer aufschlußreich und iinteressant finde (so wie auch sein Buch „Freie Liebe“ – Über neue Sexualmoral) schien es mir, dass es sich lohnen könnte, einmal diese Thesen zu bedenken und so besser zu verstehen, worum es bei der Kritik am Synodalen Weg geht. Zumal diese Reform-Manifest ja hochaktuell und just passend zur Vollversammlung des synodalen Wegs unter die Leute gebracht wurde.

Nachfolgend möchte ich zur Präambel und den 9 Punkten spontane Eindrücke aufschreiben.

Die Präambel geht davon aus, dass „der Synodale Weg auf dramatische Weise den Ansatz wahrer Reform“ verfehle und in seiner Fixierung auf äußere Strukturen am Kern der Krise vorbei gehe. Reform brauche Umkehr und lebensverändernde Neuentdeckung des Evangeliums.

1. Legitimation

Den fett geschriebenen Merktext kann ich unterschreiben. In der Erklärung wird die Legitimation des synodalen Weges bestritten, denn die beteiligten Laien seien „Vertreter von Vereinen, Gremien und Verbänden und willkürlich hinzugezogene Dritte.“ welche „weder durch Sendung noch durch Repräsentation legitimiert seien.“

Soweit ich weiß, sind zahlreiche Vertreter des synodalen Weges Bischöfe und Weihbischöfe, dazu kommen gewählte Vertreter von Priestern, Diakonen, Pastoralreferenten, Ordensleuten, geistlichen Gemeinschaften und akademischen Theologen. Sogar eine Vertreterin von Maria 1.0 ist dabei, weitere konservative Gruppen hatten eine Einladung zur Mitwirkung ausgeschlagen. Man kann sicher über die Frage diskutieren, wie die Laien in diesem Gremium dorthin entsandt wurden und wie repräsentativ sie sind. Aber ihnen in Bausch und Bogen jegliche Legitimation abzusprechen finde ich problematisch. Die haben sie nämlich durchaus, nicht nur durch ihre Entsendung über diözesane Gremien, das ZdK und Vereine, Gemeinschaften und Verbände sondern auch über ihre Kompetenz und Sachkunde. Fragwürdig bleibt sicher, wie die normalen Katholiken von der Basis mehr eingebunden werden könnten.

Sicher korrekt ist der Verweis auf die vom Papst angesetzte Weltsynode auf deren „allgemeinverbindliche Beschlüsse“ wir aber noch warten müssen. Was spricht dagegen, die Vorarbeit des synodalen Weges in Deutschland hier einzubringen?


2. Reformkonzept

Auch hier ist der Überschrift sicher zuzustimmen.

Dem synodalen Weg wird unterstellt, es ginge nicht um echte Reformen durch Bekehrung und spirituelle Erneuerung. Man wolle das Modell der „hochinstitutionalisierten „Betreuungskirche““ durch Modernisierung und Anpassung retten. Als Gegenmodell wird eine Kirche des „real geteilten geistlichen Lebens, in der Menschen zu einer Lerngemeinschaft des Glaubens werden“ vorgestellt. Dies sei von vornherein nicht im Blick. Wie konkret dieses Gegenmodell zu erreichen ist und was geschehen muss, um die Kirche von heute vor „Verbürgerlichung“ zu bewahren wird leider nicht verraten. Soll die Kirche sich von großen Verwaltungen, Kindergärten, Krankenhäusern, Schulen etc. trennen? „Kirche solle sich nicht wie ein Unternehmen verhalten, das sein Angebot verändere, wenn die Nachfrage nachläßt...“ In diesem Sinne wird Kardinal Bergoglio zitiert. Soll also doch im Kern alles bleiben? Oder bedarf es einer „Reform an Haupt und Gliedern“. Selbstverständlich kann es nicht darum gehen, die Kirche und ihre Botschaft "leicht verdaulich" zu machen. Glaube ist kein frommer Zuckerguss über einer heillosen Welt. Kirche als Institution wird weiter quer zu vielem stehen, was in modernen Gesellschaften weitgehender oder auch unausgesprochener Konsenz ist. Eine stromlinenförmige Kirche die überall mitschwimmt ist bald obsolet. Ich sehe aber angesichts des Anspruchs des Evangeliums nicht das Risiko, das der synodale Weg die Ecken und Kanten der Institution völlig abschleift.


3. Einheit mit der ganzen Weltkirche

Übereinstimmend mit vielen Stimmen im Synodalen Weg wird eine „deutsche Sonderkirche" abgelehnt. Das Papier „Neu anfangen! Das Reform-Manifest“ behauptet, dass man römische und päpstliche „Einsprüche“ zu Themen des „Synodalen Weges“ „ignoriert, relativiert und sogar lächerlich gemacht“ habe. Man möchte sich selbst an einer „Kirche des Ungehorsams und der Rebellion“ nicht beteiligen.

Hier werden offenbar Beschlüsse des „Synodalen Weges“ erwartet, aufgrund von lautstarken Einzelstimmen von Teilnehmern oder gar aus der allgemeinen kirchlichen Öffentlichkeit, die teils gar nicht in den Beratungen präsent sind. Soweit ich das verfolgen konnte (ja, ich habe doch den ein oder anderen Text gelesen) sind in den Grundtexten sehr vielschichtige Überlegungen festgehalten, die teilweise auch von außen kritisiert und als „Sonderweg“ gestempelt werden. Dazu hat sich jüngst ja auch Kardinal Kasper zu Wort gemeldet. Ob das in der Tat so ist (und wird) und ob die Einsprüche des Papstes, aus Rom und der Weltkirche kein Gehör finden, das ist noch gar nicht erwiesen. Wenngleich ich die Vermutung teile, dass manches davon sich an traditioneller Lehre reiben wird. Dennoch: der lautstarke und scharfe Protest antizipiert Ergebnisse, die noch gar nicht auf dem Tisch liegen. Und mir fehlt ehrlich gesagt die Phantasie, dass ausgerechnet die deutschen Bischöfe mit großer Mehrheit einem Umsturz in der Kirche und einer Reform an "Haupt und Gliedern" zustimmen.


4. Macht

Hier taucht der Begriff des „Missbrauchs mit dem Missbrauch“ leider wieder auf. Im vorangestellten Merktext kann ich soweit mitgehen, bis der Begriff „Herrschaft der Büros“ als Gegengewicht zum „falschen Machtgebrauch von Hirten“ eingeführt wird. Was damit gemeint sein soll, kann man nur vermuten. Vermutlich gewisse Fachabteilungen in den Ordinariaten.

Die Autoren des Manifestes lehnen die These ab, dass „klerikale Ignoranz, mangelnde Partizipation und fehlende Demokratie“ mit ursächlich für die Missbrauchstaten seien. Immerhin wird eingestanden, dass es „Machtmissbrauch in der Kirche“ gebe, es fehle an „Wertschätzung und echter Partizipation von Laien, insbesondere von Frauen.“ Man wolle aber „keine Kirche der Beamten und Funktionäre, der aufgeblähten Apparate und des dauerinstallierten Geschwätzes.“

Hm, wer will das schon? Der „Synodale Weg“? Die Verfasser des Manifestes möchten keine Kirche, die „Berufungen durch Anstellungen, Hingabe durch Vertrag und Vertrauen durch Kontrolle ersetzt werden.“ Sondern eine „einfache, dienende und betenden Kirche in der Nachfolge Christi.“ Wie dies erreicht werden soll bleibt allerdings im Dunkel. Und ich wüßte gern, warum Berufene nicht auch von der Kirche angestellt werden können, wenn sie ihre ganze Kraft in deren Dienst stellen möchten und die Kirche ihren Dienst braucht. Schon Paulus hält es für möglich, dass die Gemeinden Menschen für ihren Dienst ernähren und versorgen.


5. Frauen

Diese These habe ich mit Spannung erwartet. Es wird gefordert, dass „Frauen auf allen Ebenen in der Kirche die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer haben und selbstverständlich auch an leitender Stelle handeln können.“ Nicht mehr mitgehen will man, wenn sich diese Forderung auch auf sakramentale Ämter in der Kirche beziehe und zitiert dazu Ordinatio sacerdotalis. Auch hier liegt meines Wissens noch kein Entscheid des „Synodalen Weges“ und keine Formulierung vor. Denkbar, dass diese Forderung gar nicht erhoben wird, sondern einzig ein diakonales Amt der Frau eingefordert würde? Etwas, was ja sogar der Papst aktuell prüfen läßt. Leider endet dieser Abschnitt mit einer sehr allgemeinen Erklärung: Es sei „die Nagelprobe echter Erneuerung“, sich „zur spezifischen Berufung von Frauen in der Kirche zu bekennen, ihre Stärke dankbar anzunehmen.“ „Ihr Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft.“ Hier endet diese These leider wieder ohne konkrete Vorschläge, wie das – beispielhaft – oder umfassend geschehen könnte. Wie kann die Art und Weise kirchlicher Machtausübung wieder stärker Dienstcharakter bekommen und wie können Frauen konkret mehr Einfluss auf die Gestaltung der Seelsorge und des kirchlichen Lebens nehmen?


6. Ehe

Hier erkenne ich Bernhard Meusers Gedanken aus seinem Buch wieder. Es wird beklagt, dass es neben der Ehe heute vielfältige andere Formen des Zusammenlebens gebe. Dem Synodalen Weg wird hier „beschönigende Wertschätzung“ vorgeworfen. Man wolle die „Alleingeltung der Ehe“ durch ihre „Höchstgeltung“ ersetzen. Es fehle daher die Sicht auf die „Mängel oder die Sündhaftigkeit dieser Verbindungen“ und die „Not und Suche an sich gläubiger Menschen“. Dagegen halten die Autoren des Manifestes die „Ehe als eigentlichen und legitimen Ort von Sexualität und normative Form“ hoch, in der die Kinder die Liebe „ihrer leiblichen Mutter und ihres leiblichen Vaters“ erfahren. Ich dachte: Wie lesen das wohl meine Freunde, die sich liebevoll um ihren behinderten, adoptierten Sohn kümmern? Was mit „Fragmentierung“ menschlicher Sexualität, die „letztlich menschenfeindlich“ sei gemeint sein soll hätte ich auch gern besser erklärt. Das erschließt sich wohl nur im Kontext der Lektüre von Meusers Buch. Hier könnten die Autoren eigentlich schon zitieren, was später in Punkt 7 erwähnt wird, ein Verweis auf die Worte des Papstes in „Amoris laetitia“, der eine barmherzigere Sicht formuliert. Bei mir bleibt die Frage offen, was konkret das Reformmanifest an kirchlicher Verkündigung mit Blick auf die steigende Zahl der Menschen die unverheiratet, gleichgeschlechtlich, wiederverheiratet zusammen leben empfiehlt und wie die Ehe wieder zur normativen Form werden könnte in einer immer weniger vom Christentum geprägten Gesellschaft.


7. Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften

Dieser Abschnitt beginnt mit den schönen Worten von Papst Franziskus aus Amoris laetitia. Er besteht zu 2/3 aus dem entsprechenden Zitat, um dann aber zu beklagen, dass der „Synodale Weg“ die „Gebrochenheit der menschlichen Natur“ nicht mehr in Rechnung stelle. Er lehne damit die „fruchtbare Komplementarität der Geschlechter“ in der Schöpfungsordnung ab und unterminiere die „Normativität der Ehe“. Auch hier erwarte ich gespannt, wie der synodale Weg entscheiden wird und wie er sich zu diesen wesentlichen Fragen stellt. Einen Vorschlag für die Seelsorge und den konkreten Umgang mit solchen "irregulären Partnerschaften" macht das Manifest nicht. Ich hoffe aber, es macht sich die zitierten Worte des Papstes zu Eigen.


8. Laien und Priester

Laien, so heißt es, „müssen (angesichts des Priestermangels) alle Aufgaben übernehmen, zu denen man die priesterliche Berufung nicht unbedingt benötigt.“ Im Text wird dann die Lehre der Kirche zum Priesteramt kurz zusammengefasst und dem synodalen Weg vorgeworfen, er „verdunkelt diese spezifische Berufung des Priesters, indem er den Priester theologisch und strategisch marginalisiert“ und versuche „theologisch qualifizierte Laien ohne Weihe funktional in Priesterersatz-Positionen hineinzuheben.“ Ich frage mich: „Sind wir Gemeinde-/Pastoralreferent*innen hier gemeint?“ Man halte dies für „durchsichtigen Lobbyismus“. Nur von wem? Von den Laienvertretern? Aber die Mehrzahl der Mitglieder des synodalen Weges sind doch geweihte Kleriker, wie kann sich da eine Lobby durchsetzen? Unsere Berufsgruppe stellt nur wenige Vertreter. Spannend wäre ja die Antwort auf die Frage, wie es bei zunehmendem Priestermangel mit den Pfarreien in Deutschland weiter gehen soll und welche konkreten Aufgaben Laien für den weiteren Bestand der ordentlichen Seelsorge übernehmen sollen, damit die Priester frei sind für andere (welche?) Aufgaben. Sollen immer mehr Pfarreien aufgelöst und unter der Leitung eines Pfarrers zusammengeführt/fusioniert werden? Was ist mit vakanten Pfarreien? Dürfen Laien demnächst taufen, Sonntagsfeiern halten und bei der Eheschließung katholischer Paare assistieren? Oder bleibt in vielen Dorfkirchen der Altar verwaist? Sehen wir bald Massentrauungen am Bischofssitz? Wer erfüllt das Gebot der Barmherzigkeit „Tote zu begraben“ und Kranke zu salben, wenn ein Priester der Hirte von 20.000 bis 35.000 Katholiken sein soll? Ich strebe gar keine „Klerikalisierung“ an, im Gegenteil. Aber Menschen, die seelsorgliche Begleitung suchen, für die möchte ich da sein oder sie an einen Priester weiter vermitteln, der sich ihrer annimmt. Und dafür brauche ich heute Entscheidungen und Klärungen und nicht erst dann, wenn mein Pfarrer einmal emeritiert ist und in den benachbarten Städten keiner mehr kurzfristig erreichbar ist

 

9. Missbrauch

Erneut stimme ich dem Merksatz zu. Bis auf das abschließende Stichwort vom „Missbrauch mit dem Missbrauch“. Dem Synodalen Weg wird vorgeworfen, er instrumentalisiere ihn „zur Durchsetzung einer lang bekannten, kirchenpolitischen Agenda“. Er werde benutzt „um sachfremde Ziele und Positionen kirchlich durchzusetzen“. Mich wundert nicht, dass einige Teilnehmer des Synodalen Weges die Frage stellen, ob der Zölibat der Priester möglicherweise eine Bedeutung im Kontext der Missbrauchstaten haben könnte. Das wird sicher jene bestärken, die diesen aus anderen Gründen bereits ablehnen. Aber ist das nicht eine legitim katholische Position angesichts der Tatsache, dass katholische Teilkirchen verheiratete Priester kennen? Die Aufdeckung des Missbrauchs bestärkt sie in ihren bisherigen Überzeugungen. Ist das nicht verständlich, ja naheliegend?

Das Manifest mahnt dagegen zur „größten Sorgfalt“ in der Diskussion. Und bringt (als sei dies nicht vielfach schon diskutiert und gedeutet worden) den Aspekt ein, dass angeblich „80 Prozent der Übergriffe im „katholischen“ Raum gleichgeschlechtlicher Natur“ seien. Es beklagt, dass solche „Fakten“ vom Synodalen Weg ignoriert würden. In anderen Kirchen käme es überwiegend zu „heterosexuellem Missbrauch“. Man spricht von einem „Stellvertreterkrieg, auf dem es in Wahrheit um Claims einer liberalen Kirchenagenda“ ging. Es bleibt etwas rätselhaft, was man damit konkret aussagen will. Ich vermute einmal, dass der Vorwurf einfacher ausgedrückt lautet: „Gewisse homophile Kirchenkreise möchten die Diskussion über die sexuelle Orientierung der Täter vermeiden.“ Stimmts? Aber, folgt man dieser Argumentation, so brächte der Zölibat der Kirche offenar nicht nur heilige Priester, sondern gleichzeitig erschreckend zahlreich homosexuelle, übergriffige Tätertypen im Priesterhemd ein. Damit stellt man Fragen an die Kriterien der Auswahl von Priestern nach 1945, also die Zeit, für die wir mehr über die Übergriffe wissen. Da die Taten zumeist seit den 50er Jahren dokumentiert wurden, sprechen wir damit über deutlich frühere Weihejahrgänge, da ja bekanntlich zwischen Weihe und den ersten dokumentierten Taten im Durchschnitt 14 Jahre liegen. Das ist dann aber Jahrzehnte vor der „sexuellen Revolution“, die ja anderweitig gern für die Missbrauchsverbrechen in Haftung genommen wird. In einer Zeit, die gern noch als "heile Welt der Kirche" verklärt wird.

Der tatsächliche, systemische Hintergrund der Vertuschung liege in einer „um sich selbst kreisenden Kirche, der es mehr um ihr Image als um die Opfer geht.“ Da ist sicher auch was dran, aber nach meiner historischen Kenntnis gehörten mutmaßliche sexuelle Übergriffe zu den vom Nationalsozialismus regelmäßig vorgebrachten Beschuldigungen im Kampf gegen die Kirche. Diese Abwehrhaltung wird in den ersten Jahren sicher noch wirksam geblieben sein. Nach dem Krieg ging es der Kirche dann sicher sehr um ihr Image, bzw. wurde die Dimension der Taten möglicherweise nicht erkannt. Das hängt bestimmt auch mit einer gewissen Tabuisierung von Sexualität, mit einer rigiden Durchsetzung moralischer Leitideen (und Übergriffigkeiten z.B. in der Beichte und kirchlichen Kindererziehung) und einem Desinteresse an dem weiten Feld der Sexualität der Priester zusammen. 

So richtig deutlich wird das Reform-Manifest leider auch nicht, welche Schritte man denn nun gegen Missbrauch in der Kirche wünscht. Die beliebte Verkürzung „es waren die Schwulen“ reicht als Erklärung für die Missbrauchstaten nicht aus. Zumal die Studien ja auch feststellen, dass die sexuelle Orientierung der Täter mit dem Geschlecht der Opfer in aller Regel wenig zu tun hat. Auch gibt es ja überzeugende Begründungen, warum im katholischen Raum so viele Jungen zu Opfern wurden. Im Vergleich zu anderen Kirchen waren hier weit mehr Jungen in der Jugendarbeit aktiv, die auch in der Regel von Priestern/Brüdern betreut wurden. Mädchen waren keine Messdiener, in Jungeninternaten und Heimen waren Patres und Brüder eingesetzt, bei den Mädchen eher Ordensschwestern. Dennoch bleibt sicher ein Anteil von Tätern, die nicht in Frieden mit ihrer homosexuellen Orientierung im Raum der Kirche Zuflucht im Priesteramt gesucht haben, möglicherweise auch Pädophile/Ephebophile und die aufgrund des Zölibats hofften, hier ihren als falsch empfundenen Trieb überwinden zu können. Das ist alles ausgesprochen vielschichtig und individuell. Auch die sexuelle Revolution hat ihren Teil daran. 

Aber, wenn das Manifest schon Sorgfalt einfordert, dann sollte es sie zumindest hier auch eindeutig liefern. Die Gleichung Opfer = Junge, Täter = schwul geht jedenfalls in keiner Weise auf.

 

Unter dem Strich bin ich enttäuscht vom Reform-Manifest. Ich hatte viel mehr erwartet, eine substantielle Kritik an den bisherigen Weichenstellungen, konkrete Idee für eine Erneuerung der Kirche, Kompromissvorschläge, die möglichst viele Positionen zusammenführen... Ich bin keineswegs ein Anhänger populärer Reformschritte, weil ich ebenfalls glaube, dass wir allein mit der Weihe von Frauen, der Segnung von Homosexuellen und der Aufhebung des Zölibats die Krise der Kirche und der christlichen Religion nicht überwinden werden. Ich fürchte auch, dass wir vom synodalen Weg einen Bildband und einen Textband mit wohl abgewogenen, langen und komplizierten Texten zurückbehalten, die beide irgendwann im Buchregal der Fachtheologen verstauben

"Die Kirche bedarf einer Reform an Haupt und Gliedern,
aber jede echte Reform in der Kirche beginnt
mit Bekehrung und spiritueller Erneuerung.

Die Kirche gewann noch nie Salz und Licht zurück
durch Reduzierung der Ansprüche
und strukturelle Anpassung an die Welt."

Das klingt ein wenig nach der Radikalität eines Franziskus von Assisi. Leider finde ich im Text fast gar keine Ideen und Vorschläge, wie das alles umgesetzt werden kann. Allenfalls wohlig-konservative Wunschbilder und klare Ansagen, was man nicht will. Und leider kaum neue Antworten auf die vielen  (bohrenden) Fragen, die in der Kirche und im „Synodalen Weg“ (oft zur Recht) gestellt werden.

Im Grunde ist das Reform-Manifest keines, sieht man mal von der möglichen Deutung ab, dass das „neu Anfangen“ sich vielleicht auf den Wunsch eines Neustarts eines innerkirchlichen Diskurses bezieht, der ausdrücklich auch die konservativ-bewahrenden Kräfte mit einbezieht. Wie das konkret gelingen könnte und was die (anonymen) Autoren und vermutlich zahlreichen Unterstützer des Papiers dazu beitragen möchten, das würde mich brennend interessieren.

Der Monolog ist da sicher nicht tauglich, auch nicht stapelweise neue und kirchentreue Aufsätze, Vorträge oder gar Bücher. Es braucht gute, überzeugende Antworten auf kritisch und manchmal hart gestellte Fragen. Und das - wenn nötig - auch in zwei, drei Sätzen. Zum Beispiel auf die Fragen der Missbrauchsopfer, die eine angemessene "Wiedergutmachung" wünschen. Auf die Frage der Gesellschaft und der Gläubigen, wie die Kirche ein sicherer Raum werden kann. Wie unsere Kinder vor Indoktrinierung geschützt werden und eigenständige Persönlichkeiten mit eigenständigen Überzeugungen werden können. Wie können wir als Kirche kritische Fragen der Gesellschaft klar beantworten, wenn unsere Positionen quer zum gesellschaftlichen Konsens liegen?

Und so lade ich die Autoren des Manifestes, die Mitglieder des Arbeitskreises Christliche Anthropologie, dazu ein, zu den neun Thesen jeweils konkrete Reformideen zu formulieren und Beispiele für gelingende Reformen zu nennen. Und vielleicht wäre es ja wirklich möglich, den Dialog über alle Gräben hinweg neu zu starten und einen respektvollen und ergebnisoffenen Dialog zu beginnen. Der ist leider selten geworden. (Was mitnichten allein die Schuld der Konservativen ist.)

Gerade heute wurde ich wieder an ein Erlebnis bei einem Katholikentag vor Jahren erinnert. Am Rande eines Standes der Piusbruderschaft entstand eine erregte Diskussion über den Weg der Kirche. Nach und nach kamen immer mehr Passanten dazu und mischten sich ein. Manchmal wurde aufgeregt geschrien. Ich versuchte etwas zu moderieren, so dass die einzelnen Redner ihre Gedanken bis zum Ende vortragen konnten. Es ging über eine Stunde lang und lief nach und nach in ruhigere Bahnen. Schließlich wollten einige der eher Progressiven weitergehen, weil sie noch andere Pläne hatten. Der Priester der Piusbruderschaft schlug dann vor, abschließend ein Vater unser zu beten. Alle stimmten zu und so sprachen wir gemeinsam das Vater unser, um dann in Frieden auseinander zu gehen. 

Ich bin nach wie vor kein Fan des Synodalen Wegs. Ich sehe vieles kritisch. Viele Lautsprecher dort holen mich nicht ab. Ich bin auch von manchen Reformideen nicht überzeugt. Aber wirklich substanzielle und weiterführende Kritik findet sich viel zu selten (da war kürzlich ein Beitrag von Felix Neumann auf katholisch.de). Und die Kritik aus dem sog. papsttreuen und kirchentreuen Lager überzeugt mich leider gar nicht. Da ist der SW allzu oft ein Popanz, ein Krebsgeschwür, eine erneute Kreuzigung Christi. Man spürt keine Akzeptanz der Anderen, nicht den Gedanken, dass auch im synodalen Weg Menschen die Kirche lieben; antizipiert Ergebnisse, die noch nirgendwo vorliegen, tut so als gäbe es dort schon Einigkeit, wo noch um Themen gerungen wird. Kaum etwas davon ist wirklich weiterführend oder gar einladend zum Dialog. Dieses Reform-Manifest leider auch nicht. Viele Worte, nur um zu sagen: "Wir lehnen das ab! Wir wollen das nicht!" Kein einziges gutes Haar und wertschätzendes Wort für die Schwestern und Brüder mit anderer Auffassung. Schade, trotz des ermutigenden Titels: eine weitere Chance für einen neuen Anfang scheint vertan. 

Ob es wohl irgendwann gelingt, eine neue Tür zu öffnen?
"Komm her, öffne dem Herrn dein Herz;
deinem Bruder/deiner Schwester öffne das Herz und erkenne in ihr/ihm den Herrn. 

Der Text des Reform-Manifest: www.neueranfang.online