Mittwoch, 10. April 2013

Paul und Pius: die Stellvertreter!


In meiner Heimatstadt tobt ein Kampf um die Benennung einer Straße, die seit der nationalsozialistischen Diktatur nach dem damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg benannt ist. Auf der einen Seite steht eine Koalition der Hindenburg-Gegner, die diesen Namen von den Stadtplänen tilgen und durch „Willi-Brandt-Str.“ ersetzen möchten. Auf der anderen Seite eine etwas kleinere politische Koalition, die allerdings auf breite Unterstützung in der Bürgerschaft setzen kann. Das Quorum für ein Bürgerbegehren wurde mit 6.800 Unterstützern schon dreifach übertroffen. Es sieht also alles danach aus, als ob das Projekt der „posthumen Schuldigsprechung“ des greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg in Voerde ähnlich grandios scheitern wird, wie kürzlich der Versuch in Essen zwei Straßen umzubenennen, die nach ebenfalls längst verstorbenen Wehrmachtsoffizieren benannt waren. Die Hindenburg – Gegner setzen dabei auf die Bewertung der tragischen Rolle, die Hindenburg bei der Machtergreifung Hitlers gespielt hatte. Als „Steigbügelhalter“ Hitlers sei dieser als Namensgeber einer Straße diskreditiert. Seit Woche tobt die Auseinandersetzung in den politischen Gremien, in den Leserbriefspalten und sogar beim traditionellen Karnevalszug in Voerde. 
Die Bürgerinitiative, die den Namen Hindenburgstraße erhalten möchte, verweigert konsequent die Auseinandersetzung um die Person Hindenburgs und seine „Verdienste“, sondern möchte schlicht am Straßennamen festhalten und die Nachteile einer Umbenennung vermeiden. Das macht die Gruppe natürlich nur schwer angreifbar, und so fährt eine Leserbriefschreiberin schweres Geschütz auf: „Hindenburg hat 1933 wissentlich einen Möchtegern-Mörder (Mein Kampf) die Kanzlerschaft übertragen. Selber war er großgrundbesitzender Militär, den Hitler-Förderer Thyssen vor der Pleite bewahrte.“ Vielleicht sollte man die Energien dafür verwenden, den Thyssen-Krupp-Konzern umzubenennen! Der Leserbrief gipfelt in der Bemerkung, dass es in Wirklichkeit „um Anderes“ geht. „Die Umbenennung war eine politische Entscheidung, der Aufruhr dagegen ist es ebenso. (....) Und wo die NPD anschickt, möglichst flächendeckend zur kommenden Bundestagswahl ihre volksverhetzenden Parolen ungestraft zu verbreiten, ist kritische Beschäftigung mit der eigenen Geschichte um so wichtiger.“ Dieser letzten Aussage ist sicher zuzustimmen, jedenfalls insofern damit „kritische“, also ausgewogene Auseinandersetzung gemeint ist. 
Es könnte diese vielleicht befördern, wenn ich in der Diskussion fordern würde, die Hindenburgstraße stattdessen in Eugenio Pacelli-Straße oder gleich „Allee Papst Pius XII.“ umzubenennen. Den Aufschrei möchte ich hören! Pius XII., das ist doch „Hitlers Papst“, oder? An den Stammtischen und in den Kreisen, die allgemein die „kritische Beschäftigung“ mit der Geschichte der Kirche pflegen „weiß“ man, dass dieser der Papst war, der das Konkordat mit der Hitler-Regierung abgeschlossen und zu Hitlers Verbrechen stets geschwiegen habe. Mancher „Geschichts(un)kundige“ kann da schöne, griffige Schlagworte in die Diskussion am Stammtisch einwerfen. Da hilft meist nicht einmal der schüchterne Hinweis, dass Pius XII. erst 1939 das Ruder des „Schiffleins Petri“ übernommen hat und zumindest als Papst für den Konkordatsabschluß kaum Verantwortung tragen kann. Oder dass die Kirche damals, 1933, allenfalls ahnen konnte, welche Bedeutung das Konkordat für die Propagandisten des Regimes eine Zeitlang entfalten konnte. Ähnlich wie Hindenburg mögen die auch die deutschen Bischöfe und der spätere Papst Pius XII. zunächst gehofft haben, dass sich Hitler durch demokratische Spielregeln und Vertragswerke in
Zaum halten ließe. Dass dies im Grunde nicht zu erwarten war hätte ein aufmerksamer Leser des Machwerks „Mein Kampf“ vielleicht wissen können, in jedem Fall lässt sich aus heutiger Sicht dieses Urteil leicht fällen. Vielleicht auch allzu leicht, denn heute sehen wir klar, was für grauenhafte Folgen die möglicherweise leichtfertigen Entscheidungen von Persönlichkeiten wie Eugenio Pacelli, Paul von Hindenburg, Kurt von Schleicher, Ludwig Kaas, Heinrich Brüning (und vieler mehr) hatten. Hätten sie durch entschiedenes Handeln Hitler nicht stoppen können? Die vielen Fragen, die sich dabei stellen können wir heute leider nicht zufriedenstellend beantworten. Jedenfalls nicht so, dass es einen allgemeinen Konsens darüber geben würde. 
Für Rolf Hochhuth war Anfang der 60er Jahre die Sache klar: Pius XII. (soeben verstorben) hatte im Umgang mit dem Diktator Hitler versagt und mit ihm die ganze katholische Kirche (und manche mehr). Für uns „Nachgeborene“ ist die durch die Uraufführung seines Dramas „Der Stellvertreter“ am 20. Februar 1963 ausgelöste gewaltige Theaterdebatte kaum noch nachvollziehbar. Die damals aufsehenerregende Diskussion hat wenig mehr hinterlassen als die Erkenntnis: Pius XII. hat versagt, er hat Hitler und den Holocaust an den Juden nicht energisch genug zu stoppen versucht. Er hat nicht genug getan. Auf diese Stammtischüberzeugungen sattelte später der englische Autor John Cornwell 1999 mit seinem Buch „Hitler's Pope (Hitlers Papst)“ noch drauf, wenn auch der deutsche Titel des Buches schon auf Hochhuth – Niveau entschärft wurde: „Pius XII. – Der Papst, der geschwiegen hat“. Aber Daniel Jonah Goldhagen schlug 2003 mit seinem Werk über „die kath. Kirche und der Holocaust“ noch einmal in diese Kerbe. 
Doch, wird diese Basisüberzeugung der großen Mehrheit der Deutschen dem Handeln und der Persönlichkeit Pacellis wirklich gerecht? Ich denke, es wird in einem Blog-Beitrag nicht möglich sein, die historische Rolle des letzten Pius – Papstes aufzuarbeiten. Zu tief sitzt die Überzeugung vom Versagen des Vatikans auch in den Seelen der jüdischen Opfer in Israel und in aller Welt.
Da mag es interessant sein, sich der Geschichte einmal von einer anderen Seite zu nähern und einen Blick auf eine Randfigur der Historie zu richten, der allerdings in den Jahren 1940 bis 1943 einen großen Titel trug: „Großrabbiner von Rom“. Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Rom tragen diesen Titel seit Jahrzehnten, auch wenn die Größe der Gemeinde kaum über die einer normalen katholischen oder evangelischen Kirchengemeinde in Deutschland hinausging. Als direkte Gesprächspartner der römischen Päpste werden ihre Stellungnahmen zum christlich-jüdischen Miteinander weltweit zur Kenntnis genommen. 
Noch vor dem Ende des zweiten Weltkrieges geschah das Undenkbare. Israel Zolli, der Großrabbiner von Rom ließ sich mit seiner Familie katholisch taufen. Wir können heute kaum die Bedeutung dieser persönlichen Entscheidung einiger jüdischer Menschen nachempfinden. Das wäre so, als wenn der Publizist Matthias Matussek morgen in einem SPIEGEL-Artikel mitteilen würde, dass er soeben zum Buddismus konvertiert sei oder wie der Eintritt von Michael Hesemann in die ägyptische Muslimbruderschaft, die Hochzeit des Kölner Kardinals Meisner oder das Outing des traditionalistischen Katholiken David Berger als Homosexuellen und Anhänger des liberalen Kirchenflügels. Hups, das letzte ist ja wirklich passiert. Nun ja! In jedem Fall erregte diese Konversion in Rom die Gemüter und sorgte auch für massive Angriffe aus der jüdischen Gemeinschaft.
Israel Zolli wurde 1881 im galizischen Brody geboren, studierte in Wien und Florenz, wurde Professor in Padua und 1918 zunächst Oberrabbiner von Triest. Bei Kriegsbeginn wurde er Großrabbiner nach Rom berufen. Dort warnte er die älteste Diasporagemeinde der Judenheit  vergeblich vor einer dramatischen Verschärfung der Lage. Paul Badde berichtet in einem spannenden Artikel in der WELT was weiter geschah: Kaum hatten die Deutschen Rom besetzt verlangte Obersturmbannführer Kappler von den Juden Roms 50 Kilo Gold oder 300 Geiseln. Mit Mühe bekamen die Juden 35 Kilo zusammen. Der Oberrabbiner sprach mit Papst Pius XII., der dafür sorgte, dass in den römischen Pfarreien die fehlenden 15 Kilo Gold gesammelt wurden. Kappler nahm das Gold, brach aber alle Vereinbarungen und plünderte auch das Archiv und die Bibliothek der Gemeinde. Auf Weisung Himmlers ließ er dann die Deportation der römischen Juden am 16. Oktober 1943 vorbereiten. Im Morgengrauen dieses Sabbats begann die Razzia, gegen Mittag war sie abgeschlossen. 1.022 Juden, unter ihnen 200 Kinder hatte die SS verhaftet und mit Viehwagen deportiert. Von ihnen kehrten nur 15 wieder zurück. Rabbiner Zolli musste all das machtlos mit ansehen, aber er sah auch, dass 4.447 Juden auf Weisung des Papstes in 150 Klöstern und kirchlichen Häusern versteckt und ernährt wurden: In Rom, im Vatikan oder in Castel Gandolfo, dem Sommersitz der Päpste, wo zeitweise bis zu 8000 Flüchtlinge Unterschlupf fanden. Er las die Protestnoten des Papstes gegen die judenfeindlichen Maßnahmen der Besatzer. In seinem Tagebuch notierte er: „Kein Held der Geschichte hat ein tapfereres und stärker bekämpftes Heer angeführt als Pius XII. im Namen der christlichen Nächstenliebe. Bände könnten über seine vielfältige Hilfe geschrieben werden. Doch wer wird jemals erzählen, was er alles tat? Er steht wie ein Wächter vor dem heiligen Erbe des menschlichen Leids. Er hat in den Abgrund des Unheils geblickt, auf das sich die Menschheit zubewegt. Die Größe der Tragödie hat er ermessen und vorausgesagt: als klare Stimme der Gerechtigkeit und Verteidiger des wahren Friedens."
Für alle „Follower“ Hochhuts sicher sehr erstaunliche Worte. Am 17. Februar 1945 trat in der Kirche S. Maria degli Angeli e dei Martiri, der hochgelehrte Rabbi Zolli nach 40 Jahren rabbinischen Studiums in die katholische Kirche über - „in unveränderter Liebe zum Volk Israel in all dem Leid, das über es gekommen ist". Als neuen Namen nahm er in der Taufe aus Dankbarkeit den Taufnamen des Papstes an: Eugenio. Im Jahre 1956 verstarb Israel Eugenio Zolli, er wurde auf dem Campo Verano in Rom beigesetzt. 
Staunenswert, dass dieser Mann, der Papst Pius XII. näher war als viele, die ihn heute verurteilen (oder gar als künftigen Seligen verherrlichen), dem Papst des 2. Weltkrieges ein so positive Zeugnis ausstellt. Sollte das nicht nachdenklich machen?
„Der Stellvertreter“, so hat Rolf Hochhuth sein Drama überschrieben. Der Titel lässt mich innehalten. Müsste man ihn nicht ganz anders verstehen? Kann es sein, dass es bei dem erbitterten Streit um die historischen Rollen von Persönlichkeiten wie Paul von Hindenburg oder Eugenio Pacelli um etwas anderes geht? Kann es sein, dass man das Wort „Stellvertreter“ eigentlich mit „Sündenbock“ übersetzen müsste?
Eins ist sicher. Beide haben in gewisser Weise „versagt“, sie haben Fehler gemacht, sie haben zu wenig getan bzw. sie hätten mehr tun und anders handeln können. Fakt ist aber auch – sie haben es nicht getan und die Geschichte ist so gelaufen, wie sie gelaufen ist. Trotzdem haben sie ja auch etwas (Gutes) getan, etwas gewollt, etwas bewegt. Vielleicht sogar viel mehr, als ihre Kritiker ihnen zugestehen. 
Doch es gibt doch eine viel entscheidendere Fragestellung, nämlich die: „Was ist eigentlich mit mir?“ Daniel Jonah Goldhagen hat vor einigen Jahren in einem Buch die Deutschen insgesamt als „Hitlers willige Vollstrecker“ geoutet. Er stellt darin schwierige Fragen: „Warum fand Hitler für sein Ziel – die Vernichtung der Juden – so viel Unterstützer und warum traf er auf so wenig Widerstand? Wie konnten die Deutschen so beispiellose Verbrechen verüben bzw. zulassen?“ Ob seine Antwort wirklich überzeugt vermag ich nicht zu sagen. Aber mich persönlich lässt die Frage nicht in Ruhe, wie ich in dieser Zeit reagiert hätte und ob ich energisch genug Widerstand geleistet hätte. Ich schaue auch in meine Familiengeschichte und wüsste zu gerne, ob mein Opa als Wehrmachtssoldat im Süden Russlands „sauber“ geblieben oder zum Verbrecher geworden ist. Er ist nicht nach Hause zurück gekommen. 
Beruhigende Antworten – das habe ich in dieser nun fast 30jährigen Auseinandersetzung erfahren müssen – werde ich nicht bekommen. Aber ich halte dies inzwischen für eine „heilsame“ Unruhe. Und die wäre auch für uns alle hilfreich, damit wir aufmerksam und wachsam bleiben. Ganz im Sinne von Hans Dieter Hüsch, der bei seinen öffentlichen Vorträgen gerne dafür sorgte, dass einem das Lachen im Halse stecken blieb, auch mit seinem Text „Das Phänomen“, dessen Vortrag ich einige Male erleben durfte. Danke dafür, Hans Dieter Hüsch!
Sein Text endet wie folgt:
„Und wenn ihr heute Dreirad fahrt
Ihr Sterblichen noch klein und zart
Es ist doch eure schönste Zeit
voll Phantasie und Kindlichkeit

Lasst keinen kommen der da sagt
Dass ihm dein Spielfreund nicht behagt
Dann stellt euch vor das Türkenkind
dass ihm kein Leids und Tränen sind

Dann nehmt euch alle an die Hand
Und nehmt auch den der nicht erkannt
Dass früh schon in uns allen brennt
Das was man den Faschismus nennt“

Brennt es auch in mir? Brennt es im Miteinander in meiner Stadt? Brennt es auch in den Diskussionforen und Blogs?

„Nur wenn wir eins sind überall
Dann gibt es keinen neuen Fall
Von Auschwitz bis nach Buchenwald
Und wer’s nicht spürt der merkt es bald

Nur wenn wir in uns alle sehn -
Besiegen wir das Phänomen
Nur wenn wir alle in uns sind -
Fliegt keine Asche mehr im Wind“

Samstag, 30. März 2013

Selbst die Bienen künden von der Auferstehung Christi!

In dieser Nacht, der Nacht, in der Jesus Christus von den Toten auferweckt wurde besingt der Priester (oder Diakon) die Osterkerze und das Licht der Auferstehung, das von ihr ausgeht mit folgenden Worten: 
„In dieser gesegneten Nacht, heiliger Vater,
nimm an das Abendopfer unseres Lobes,
nimm diese Kerze entgegen als unsere festliche Gabe!
Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet,
wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche
durch die Hand ihrer Diener.
So ist nun das Lob dieser kostbaren Kerze erklungen,
die entzündet wurde am lodernden Feuer zum Ruhme des Höchsten.
Wenn auch ihr Licht sich in die Runde verteilt hat,
so verlor es doch nichts von der Kraft seines Glanzes.
Denn die Flamme wird genährt vom schmelzenden Wachs,
das der Fleiß der Bienen für diese Kerze bereitet hat.“
Als Hobbyimker bin ich vielleicht etwas zu sensibel, aber es hat mich immer gestört, dass hier (zumindest weitgehend) die Unwahrheit besungen wird. Ich meine das natürlich nicht in dem Sinne, als wolle ich die Realität der Auferstehung Jesu und das leere Grab leugnen, sondern mit Blick auf ein „keines“ Detail. 
Die Osterkerzen sind heute nicht mehr aus Bienenwachs, sondern zu mindestens 90 Prozent aus künstlichem Wachs, also aus Paraffin oder Ceresin bzw. aus den pflanzlichen Wachsen Stearin und Raps. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass der Gesang des Exsultet viel älter ist als die moderne Kerzenherstellung. Aber sollte man nun – um der höheren Wahrhaftigkeit willen – das Exsultet ändern? Natürlich nicht! Aber es lohnt es sich, einmal bei diesen alten Worten (teilweise aus dem 4./5. Jahrhundert) zu verweilen. 
Fast alle Katholiken sehen in der Osternachtsmesse die zentrale Feier unseres Glaubens. Trotz des späten Beginns ist die Kirche immer voll und der feierliche Einzug des neuen Osterlichtes in die dunkle Kirche und die Erfahrung, wie sich das Osterlicht in der Kirche ausbreitet gehört zu den bedeutsamsten und stimmungsvollsten Momenten des Kirchenjahres. Sie berühren das Herz und bereiten der Botschaft von der Auferstehung den Weg. 
Während des ganzen Jahres hat die Osterkerze in Liturgie und Kirchenraum eine herausgehobene Stellung. Bei einer Taufe spendet sie ihr Licht der Taufkerze des Täuflings als Symbol, dass das Licht Christi diesem Kind stets leuchten möge. Bei einer Trauerfeier steht die Kerze am Sarg und symbolisiert das „ewige Licht“, das dem Verstorbenen leuchten möge. Es lohnt sich also, einige Gedanken auf diese Kerze, dieses zentrale Glaubenssymbol zu „verschwenden“. 
Wenn im Exsultet die Rede vom Bienenwachs ist, dann geht es auch nicht nur um das Material, aus dem die Kerze letztlich hergestellt wird, sondern um die besondere Symbolik, die die Gläubigen des alten und neuen Testamentes und in der Frühzeit der Kirche mit dem Wachs, dem Bienenvolk und dem Honig verbunden haben. 
Der Brauch, an Ostern eine besondere Kerze anzuzünden, ist sehr alt. Der Gebrauch einer Osterkerze als Symbol für Christus ist erstmals im Jahre 384 in einem Brief des hl. Hieronymus bezeugt. In dem reinen "Leib" der Kerze aus teurem, gebleichtem Bienenwachs sah man ein Sinnbild für die menschliche Natur Christi oder für seinen verklärten Leib nach der Auferstehung, während man die Flamme als Zeichen seiner göttlichen Natur auffasste. Die Verwandlung von (scheinbar totem) Wachs in ein lebendiges Licht ist ein Gleichnis für die Hoffnung auf die Auferstehung. 
Die Kerzen wurden aus flüssigem Wachs gezogen. Spätestens Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Chr. waren Wachskerzen so weit entwickelt, dass sie auch in geschlossenen Räumen verwendet werden konnten, ohne durch Rußen und unangenehmen Geruch lästig zu werden. (Beim Abendmahl haben wahrscheinlich noch Öllichte den Abendmahlssaal erhellt.)
Das Material, aus dem die Kerze besteht, wird im Osterlob besonders gewürdigt. Wachs galt als sehr kostbar, weil es mit mühevoller Arbeit verbunden und weil es der fleißigen und „jungfräulichen“ Biene zu verdanken war. Zum Bienenwachs gab es jahrhundertelang keine Alternative. Fast jedes Kloster hatte eine Imkerei, nicht (nur) wegen des köstlichen Honigs (der ja über Jahrhunderte auch das einzige Süßungsmittel war), sondern mehr noch, damit genügend Wachs für die in der Liturgie verwendeten Kerzen produziert werden konnte. Bis heute prägt das Wissen der Ordensleute die Imkerei. Sehr bekannt ist der inzwischen verstorben Bruder Adam (Kehrle) aus der englischen Benediktiner-Abtei Buckfast. Im 19. Jahrhundert standen auch in zahlreichen Pfarrgärten Bienenvölker und zahlreiche Fachbücher dieser Zeit stammen aus der Feder von Priestern und Ordensmännern. 
Kein Wunder, dass auch die Bienen selbst religiöse Bedeutung bekamen. Das Bienenvolk galt als Symbol für den lebendigen Organismus der Kirche selbst. In älteren Varianten des Exsultet wird diese Symbolik noch weit ausführlicher entfaltet. Auf den bemalten Exsultet – Rollen, aus denen gesungen wurde sind uns interessante Bilder von Bienen und Bienenstöcken überliefert. Der Bienenstock ist für die Dichter des feierlichen Lobgesangs auf Christus (im Bild der Osterkerze) ein Symbol für die Kirche überhaupt. Leider fliegen heute nicht alle so fleißig und zuverlässig in die Kirche wie die Bienen in einen Bienenstock. Durch ihren sprichwörtlichen Fleiß ist die Biene in vielen Kulturen ein Bild für ein funktionierendes, geordnetes Gemeinwesen. Im Bienenstock wie in der Gemeinde, hat jede(r) eine Aufgabe, die ihn oder sie erfüllt, und so wie Christus die Kirche lenkt und leitet und am Leben erhält, so tut dies bei den Bienen die Königin. Die „Jungfräulichkeit“ der Bienen wurde ebenfalls hoch geschätzt und als Bild der jungfräulichen Gottesmutter gedeutet, allerdings hatte man bis dahin noch nicht erkannt, dass auch im Bienenvolk Männchen, die Drohnen leben. Der Patron der Imker, der Hl. Ambrosius von Mailand schreibt dazu: „Seht zu, dass eure Arbeit der eines Bienenstocks ähnelt, denn eure Reinheit und eure Keuschheit sollen mit den arbeitsamen, bescheidenen und enthaltsamen Bienen verglichen werden. Die Biene ernährt sich von Tau, kennt keine sinnlichen Laster und bringt kostbaren Honig hervor. Der Tau einer Jungfrau ist das Wort Gottes selbst; er sinkt wie der Tau der Bienen wohltätig und rein vom Himmel herab.“
Die Hochschätzung des Bienenwachses hat sich in der Kirche ebenfalls erhalten, denn den Kirchenkerzen wird noch immer ein gewisser, symbolischer Anteil an Bienenwachs beigemischt. Die Hochschätzung der Biene hat dazu geführt, dass sie als eines der wenigen Tiere in den offiziellen kirchlichen Gebeten namentlich erwähnt wird. 
Die Osterkerze steht mit der Exodus-Erzählung in Verbindung, die ebenfalls im Exsultet besungen wird. „Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertrieben hat.“ Wie das Volk Israel damals durch die Wüste und durch das Rote Meer hindurchgezogen ist, indem es der Feuersäule folgte, so ziehen jetzt die Christen in der Osternacht in die Kirche ein und folgen der brennenden Flamme der Kerze. Im brennenden Dornbusch hatte sich Gott einige Zeit zuvor dem Mose in der Wüste geoffenbart. Früher war es Brauch, den Funken zur Entzündung des Osterfeuers aus einem Stein zu schlagen. So war schon dieser Funke ein Hinweis auf Christus, der aus dem Dunkel seines Felsengrabes als Auferstandener hervorgetreten ist. Christus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wandelt nicht im Dunklen, sondern er wird das Licht des Lebens haben.“ Diese Worte und Berichte der Bibel werden in der Osternacht lebendig. 
Aber kommen wir zur Osterkerze aus reinem Bienenwachs zurück. Als Kind habe ich einige Male einen Imker beim Kerzenziehen beobachten können und war fasziniert von dieser Arbeit. Noch heute habe ich den herrlichen Duft in der Nase. So eine Kerze war – unabhängig vom Preis – etwas sehr Kostbares. Sie ist das Endprodukt eines längeren Arbeitsprozesses, großer Erfahrung und hoher Wertschätzung für den Werkstoff „Bienenwachs“. 
Nach dem Tod meines Vaters habe ich sein Hobby, die Imkerei „geerbt“. Am Ende der „Saison“ fallen immer Wachs- und Wabenreste an, die ich über Jahre eingeschmolzen und gesammelt habe. Ich hatte immer den Traum, daraus einmal eine Osterkerze entstehen zu lassen. In Deutschland gibt es heute – meines Wissens – nur einen Handwerker, der in der Lage ist, eine große Osterkerze aus reinem Bienenwachs zu ziehen. Das ist Bruder Clemens aus der niederbayrischen Benediktinerabtei Schweiklberg. Aber das ist vom Niederrhein aus gesehen weit weg und bei ihm kann man nicht einfach eine Kerze bestellen, weil er nur begrenzte Kapazitäten hat. Durch einen glücklichen Umstand konnte mein Traum wahr werden, denn ich lernte in der Abtei Mariendonk am Niederrhein die Benediktinerin Sr. Clara Vasseur kennen. Sie zeichnet für manche künstlerische Projekte der Abtei verantwortlich, arbeitet unter anderem an Paramenten und gestaltet Kerzen. Wir kamen miteinander ins Gespräch und es zeigte sich, dass sie eine Expertin für die Geschichte der Osterkerze ist und mit Bruder Clemens eng zusammenarbeitet. So konnte ich meinen Bienenwachs bei ihr abgeben. Sie schickte das Wachs mehrerer Imker nach Schweiklberg, wo Bruder Clemens es klärt und bleicht und dann daraus die Kerzen zieht. In der Abtei Mariendonk wurde die Kerze mit den klassischen österlichen Symbolen und einem besonderen Kreuz aus der Tradition der iroschottischen Mönche geschmückt. Die Symbolkraft der Osterkerze wird verstärkt durch den Brauch, das Kreuz Christi darauf anzubringen und dazu das Alpha und das Omega, den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabetes; in Erinnerung an das Jesuswort: „Ich bin ... der Anfang und das Ende“. Schließlich schreibt man auf die Kerze auch die jeweilige Jahreszahl, um deutlich zu machen, dass wir Christen in dieser Welt leben, dass wir nicht auf eine (glorreiche) Vergangenheit starren und auch nicht nur auf eine bessere Zukunft hoffen, sondern die Dinge jetzt und heute in die Hand nehmen, dass wir anpacken und unsere Welt aus christlichem Geist gestalten.
Die fertige reine Bienenwachskerze ist etwa ein Meter lang und 7 kg schwer. In der Osternacht wird sie dem ewigen, göttlichen Licht, Christus dienen. Da Bienenwachs als Rohstoff etwa 10 € / kg kostet und auch der Arbeitsaufwand nicht gering ist, ist verständlich, warum das kostbare Bienenwachs immer weniger in Kirchenkerzen zum Einsatz kommt. Aber angesichts der herausragenden Bedeutung der österlichen Kerze wäre durchaus zu überlegen, ob nicht zumindest diese eine Kerze in unseren Gemeinden ganz nach den beeindruckenden Worten des Exsultet gestaltet werden könnte. 
Die Schlussverse des Osterlobes nehmen noch einmal den lieblichen Duft der Kerze in den Blick und deuten ihn auf Gott hin. „Darum bitten wir dich, o Herr. Geweiht zum Ruhm deines Namens, leuchte die Kerze fort, um in dieser Nacht das Dunkel zu vertreiben. Nimm sie an als lieblich duftendes Opfer, vermähle ihr Licht mit den Lichtern am Himmel.“ Das große Loblied des Exsultet endet mit dem Wunsch, die Osterkerze möge leuchten, „bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht: dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, der von den Toten erstand, der den Menschen erstrahlt im österlichen Licht...“.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern von Herzen ein frohes und gesegnetes Osterfest. 

Freitag, 15. März 2013

Franziskus, Papst der Armen!


ANNUNTIO VOBIS – GAUDIUM MAGNUM – HABEMUS PAPAM. Ich hatte noch den Klang der Worte von 2005 im Ohr und im Geist, als ich sie vor zwei Tagen erneut hörte, aus dem Mund des – von seiner Parkinson-Erkrankung gezeichneten – französischen Kardinalprotodiakons Jean-Louis Tauran. Es berührte sehr, ihn dort zu sehen und aus seinem Mund zu hören, dass Jorge Mario Bergoglio als Papst den Namen Franziskus führen sollte. 
Natürlich war ich überrascht, wie alle, denn sein Name war zwar kurz nach der Ankündigung des Amtsverzichts durch Benedikt XVI. genannt worden, dann aber hinter Namen wie Scola, Scherer, Quellet wieder verschwunden. Mit 76 Jahren erschien er vielen Beobachtern schlicht „zu alt“. Selbst Andreas Englisch lag mit seinen – im Brustton der Überzeugung vorgetragenen - Prognosen voll daneben, befand sich aber dabei in „guter Gesellschaft“. Niemand konnte für sich in Anspruch nehmen, nach dem Konklave von 2005 auf den Erzbischof der argentinischen Hauptstadt gesetzt zu haben.
Nun hieß es für die Medien schnell Informationen herbei zu schaffen und neben manchem Wissenswerten gab es auch reichlich Spekulationen und Fehlinformationen. Je länger ich das aufgeregte Mediengetue und die Diskussionen um den Papst und seine Agenda beobachte, desto mehr drängt es mich zu schweigen und für ihn und seinen Vorgänger zu beten. Warten wir ab, welche Akzente er setzt und wie er sein Amt ausfüllt. 
Ob er mir gefällt oder nicht; ob ich ihn nun sympathisch finde oder nicht, ob er traditionstreu genug ist oder es in der Vergangenheit war, all das spielt keine Rolle. Er ist Petrus und auf diesem Felsen wird Gott seine Kirche bauen, durch den Papst und mit seinen Stärken und trotz seiner Schwächen. Franziskus ist jetzt unser Papst und ihm schulden wir Gefolgschaft, Gehorsam und Gebet. 
Ich habe mich gefreut, heute in der der morgendlichen Messe erstmals seinen Namen zu hören (im Grunde ja erstmals in der zweitausendjährigen Geschichte des Papsttums). 
Ich freue mich über die Schlichtheit und Einfachheit seiner ersten Auftritte. Es irritiert mich aber, dass seine „Bescheidenheit“ so viel gelobt wird und dass diese Tatsache allüberall hervorgehoben wird. Jorge Maria Bergoglio lebt, (man wird wohl sagen müssen, lebte) so wie viele Menschen heute auch, er zahlt seine Rechnungen selbst (sogar noch als Papst), kocht offensichtlich auch mal aus Dosen, wohnt in einem recht einfachen Hotel in Rom, wohnt in einem kleinen Appartement in Buonos Aires und nicht in einem Palais, reist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, geht einfach so spazieren. Irritierend ist, dass manche hierzulande meinen, ein Bischof müsse im Luxus leben, wie einer der oberen zehntausend. Aber das ist außerhalb der "Ersten Welt" den meisten Bischöfen gar nicht möglich. Diese Bescheidenheit, als gläubiger Christ "einfach" zu leben, im Einklang mit der Schöpfung und den eigenen Überfluss mit den Anderen und den Armen zu teilen, das muss doch der biblische Normalzustand sein. Nur dann macht Bescheidenheit Sinn, wenn sie die Lebensweise Jesu Christi reflektiert. Es hat mich schmunzeln lassen, dass Erzbischof Zollitsch in seiner Stellungnahme zur Wahl des neuen Papstes nicht umhin kam, beinahe entschuldigend vom „Termindruck“ zu sprechen, der ihn als Bischof quasi in die Limousine zwänge. Der Karikaturist Thomas Plassmann reagierte darauf mit einer – wie immer – treffenden Karikatur. 
Kardinal Meisner führt (im domradio-Interview) den Gedanken in die Tiefe: „Er ist kein Hungerkünstler der Liebe, sondern ein Mann der Fülle Gottes. Da braucht man keine äußere Fülle, da kann man sehr bescheiden leben. Das sieht ihm also ähnlich, dass er sich Franziskus nennt.“
Der „SPIEGEL“ und manche andere Medien brauchten nur wenige Stunden um vom „Begeisterungsmodus“ in den „Kritikmodus“ zu wechseln. Hauptpunkte der Kritik: „Auch dieser Papst ist katholisch!“ und seine Rolle in der Zeit der Militärdikatur (1976-1983) in Argentinien. Im Grunde lässt sich das auf die Frage zuspitzen: „Hat der Provinzial der Jesuiten, damals Jorge Mario Bergoglio, genug getan, um seine Mitbrüder aus dem Gefängnis zu befreien?“ Die waren fünf Monate lang unter schlimmen Umständen in Haft. Einer von ihnen, Pater Franz Jalics SJ hat heute dazu Stellung genommen und gesagt: „Ich kann keine Stellung zur Rolle von P. Bergoglio in diesen Vorgängen nehmen. Nach unserer Befreiung habe ich Argentinien verlassen. Erst Jahre später hatten wir die Gelegenheit mit P. Bergoglio, der inzwischen zum Erzbischof von Buenos Aires ernannt worden war, die Geschehnisse zu besprechen. Danach haben wir gemeinsam öffentlich Messe gefeiert und wir haben uns feierlich umarmt. Ich bin mit den Geschehnissen versöhnt und betrachte sie meinerseits als abgeschlossen. Ich wünsche Papst Franziskus Gottes reichen Segen für sein Amt.“ Wer vermag zu beurteilen, ob ein Mensch unter dem Druck einer unmenschlichen Diktatur immer „genug“ gegen die Machthaber getan hat? Und es stellt sich auch die Frage, ob ein Bischof, der ein durchaus offenes Wort gegenüber den Mächtigen der hohen Politik und der Wirtschaft wagt, nicht mit Spekulationen über „seine Vergangenheit“ diskreditiert werden sollte. So kann eine laute Stimme für die Armen auch zum Schweigen gebracht werden, manchem Mächtigen mag es nutzen. Aber, das Wort vom „Kardinal der Armen“ ist sicher nicht vom Himmel gefallen und auch keiner gezielten Imagekampagne zu verdanken.
Zu Beginn des Konklaves fragte mich die Rheinische Post, was ich vom neuen Papst erwarte. Ich habe geantwortet: „Zunächst einmal, dass er ein Mensch ist, der die Theologie und das theologische Denken im Blut hat, wie es bei Benedikt XVI. der Fall war. ... 
Ich wünsche mir, dass es ihm gelingt, den Menschen zu vermitteln, dass die kirchliche Lehre und Haltung dem Wohl der Menschen dienen soll und nicht im Einhalten überkommener, verstaubter Überzeugungen besteht. 
Dass er den Glauben an Gott in den Mittelpunkt seiner Verkündigung stellt und dafür sorgt, dass alles in der Kirche eindeutig auf Jesus ausgerichtet wird.
Ich wünsche mir, dass er die innerkirchlichen Polarisierungen zwischen Traditionalisten und Liberalen überwinden hilft und die lebendige Mitte der Kirche stärkt. 
Dass er sich aus seiner globalen Verantwortung heraus deutlich für Frieden, Gerechtigkeit und gegen Armut und Gewalt engagiert und dabei im Dialog mit anderen Religionen, insbesondere mit dem Islam neue Impulse setzt.
Vielleicht wäre es ein schönes Zeichen, wenn der neue Papst aus dem wirtschaftlich ärmeren Süden, z.B. aus Lateinamerika kommt. 
Dass er die innerkirchlichen Konfliktthemen engagiert anpackt und auf der Basis des Evangeliums einer Lösung oder Befriedung zuführt. 
Dass er in den Katholiken in aller Welt die Freude am Glauben wieder zu wecken vermag. 
Dass er Demut und Bescheidenheit vermittelt und dazu das manchmal höfische Gepräge im Vatikanstaat entschieden reformiert. 
Vor allem mit Blick auf den Missbrauchsskandal wäre mir wichtig, dass er es versteht Fehler und Defizite, Sünden der Kirche nicht fromm zu bemänteln, sondern offen zu legen und zu verbessern.“ 
Wenn ich das heute wieder lese, habe ich das Vertrauen, dass ich mit meinen Hoffnungen nicht ganz daneben gelegen habe. Doch, noch ist Franziskus für uns alle ein Fremder. Wie er denken könnte, erschließt sich vielleicht einem Zitat, das bei Facebook die Runde machte und das ich beachtlich finde: 
„Wenn wir rausgehen auf die Straße, dann können Unfälle passieren. Aber wenn sich die Kirche nicht öffnet, nicht rausgeht, und sich nur um sich selbst schert, wird sie alt. Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Kirche, die sich beim Rausgehen auf die Straße Verletzungen zuzieht und einer Kirche, die erkrankt, weil sie sich nur mit sich selbst beschäftigt, dann habe ich keine Zweifel: Ich würde die erste Option wählen.“
Das klingt nicht nach einfachen Lösungen vordergründig „wichtiger“ Fragen im reichen Westen, sondern nach einer Hinführung auf das Eigentliche der Kirche: Gebet, Gottesdienst, Verkündigung und Hilfe für die Armen und Unterdrückten. 
Anrührend war, was Kardinal Meisner noch zu sagen hatte: „Der arme Mann, jeder Augenschlag und jede Handbewegung wird jetzt registriert, der kann doch jetzt gar nicht die Seele baumeln lassen und mal in den Himmel gucken, ohne dass er dabei fotografiert wird. Das ist schon eine Last, dass man so eine öffentliche Person wird. Auch innerhalb der Kirche. Da muss er sich sicherlich erst noch dran gewöhnen. Ich habe im Konklave mit ihm im Gästehaus auf dem gleichen Flur gewohnt. Das war ganz normal und jetzt, wo er Papst geworden ist, stehen zwei Schweizer Gardisten vor der Türe.“
Ich hoffe sehr, dass es ihm gelingt, mit seiner eigenen Persönlichkeit ein Stück Entweltlichung in der Kirche möglich zu machen, dass er dem Vatikan so prägt, wie er auch seinen ersten Auftritt geprägt hat: Den Menschen zugewandt, einladend zum Gebet für sich und andere, ein Segen für die Stadt und die Welt, engagiert für Brüderlichkeit, gemeinsam mit den Bischöfen der ganzen Welt und allen Menschen guten Willens auf dem Weg, dem kommenden Christus entgegen. 
Nachdem die Kardinäle Papst Franziskus die Treue versprochen haben, hat er zu jedem ein persönliches Wort gesprochen. Zu Kardinal Meisner auf deutsch: „Herr Kardinal, beten Sie für mich, ich brauche das Gebet sehr.“ Kardinal Meisner hat ihm dann gesagt: „Sie können sich auf mich verlassen, ich werde Ihnen die gleiche Zuneigung und Solidarität entgegenbringen, wie Ihrem Vorgänger.“ Damit ist eigentlich alles gesagt!

Beten wir für den Hl. Vater, Papst Franziskus.
Für den Nachfolger des Apostels Petrus, unseren Papst Franziskus: 
Erfülle ihn mit Weisheit und Mut. Hilf ihm, die Wahrheit des Evangeliums zu bezeugen und den Glauben im Volk Gottes lebendig zu halten. 

Für das Kollegium der Bischöfe, in dem Papst Franziskus seinen Petrusdienst versieht: 
Stärke die Verbundenheit unter den Nachfolgern der Apostel, 
damit sie die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums deuten 
und gute Entscheidungen treffen für den Weg der Kirche in die Zukunft. 

Für Christinnen und Christen in aller Welt, 
die vom neuen Papst Wegweisung und Orientierung erhoffen: 
Stärke unseren Glauben an deine Nähe. Festige unsere Hoffnung auf deine Treue. 
Erneuere in uns den Geist der Liebe. 

Für die Schwestern und Brüder im Erzbistum Buenos Aires, 
die ihren Bischof verloren, aber der Weltkirche einen Hirten geschenkt haben, 
und für die Kirche in ganz Lateinamerika: 
Um Mut und Zuversicht, die Armut und Ungerechtigkeit durch Solidarität im Glauben zu überwinden. 

Für die Schwestern und Brüder in den getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften: 
Heile die Wunden, die durch menschliche Schuld gerissen wurden, 
und hilf Papst Franziskus, der Einheit aller Christen zu dienen. 

Für alle, die unter der Friedlosigkeit unserer Tage leiden. 
Sie vertrauen darauf, dass unser Papst vor aller Welt seine Stimme erhebt: 
Ermutige sie durch das Wort und tatkräftige Beispiel vieler Menschen. 

Herr, wir glauben und bekennen voll Zuversicht, 
dass du deiner Kirche Dauer verheißen hast, solange die Welt besteht. 
Darum haben wir keine Sorge und Angst um den Bestand und die Wohlfahrt deiner Kirche. 
Wir wissen nicht, was ihr zum Heile ist. 
Wir legen die Zukunft ganz in deine Hände und fürchten nichts, 
so drohend bisweilen die Dinge auch scheinen mögen. 
Nur um das eine bitten wir dich innig: Gib deinem Diener und Stellvertreter, dem Heiligen Vater Papst Franziskus, wahre Weisheit, Mut und Kraft. Gib ihm den Trost deiner Gnade in diesem Leben und im künftigen die Krone der Unsterblichkeit. Amen. 

Dienstag, 26. Februar 2013

Wie macht man in der Kirche Karriere?


„Wie macht man in der Kirche Karriere, Herr Berger?“ So lautet die Überschrift über einem Artikel im aktuellen SPIEGEL, wenige Tage vor dem Ende des Pontifikats von Papst Benedikt XVI.. Es ist gleichzeitig der Tag, an dem einer der Kardinäle, die in einigen Wochen den neuen Pontifex wählen sollen, seinen Rücktritt erklärte, weil er einigen Priestern gegenüber „unangemessenes Verhalten“ an den Tag gelegt habe. 
Papst Benedikt wollte diesen speziellen Fall von Belästigung und Machtmissbrauch offensichtlich noch vor dem Ende seines Pontifikats ahnden und die Teilnahme des Kardinals am Konklave verhindern. Eigentümlich: einem Kardinal, der sich stets distanziert gegenüber den Homosexuellen und gegen rechtliche Verbesserungen ihrer Lebenssituationen ausgesprochen hatte – werden ebensolcher Neigungen vorgeworfen. Problematisch daran ist nicht nur, dass er zölibatäres Leben versprochen hatte, sondern auch, dass er (in den 80er Jahren) vermutlich das Machtgefälle gegenüber den Studenten schamlos ausgenutzt hat. 
Das alles geschieht zu einer Zeit, wo zahlreiche Zeitungen weltweit bereitwillig die Spekulationen der italienischen Zeitung „La Repubblica“ über „homosexuelle Netzwerke“ im Vatikan verbreiten, als sei dort der Beelzebul selbst zugange. Ich glaube zwar nicht daran, aber selbst wenn, was an homosexuellen Netzwerken an sich „gefährlich“ sein könnte erschließt sich mir nicht. Wie viele Leute sind eigentlich ein Netzwerk? Gibt es sowas wie den verborgenen „Verband der dem Zölibat untreuen Schwulen und Lesben im Gebiet des Vatikanstaates“ oder kann jetzt alles und jedes als Netzwerk betrachtet werden? Woher kommt diese „Schwulenfixierung“ in der Kirchenberichterstattung?
Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück. David Berger wird vom Spiegel vorgestellt als „Kirchenkritiker und ehemaliger Theologieprofessor in Rom“. Soweit es öffentlich nachvollziehbar ist wurde Berger zwar an einer Universität in Polen habilitiert, hat aber niemals eine ordentliche Professur bekleidet, als „korrespondierender Professor“ wurde er in der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin geführt. Der Name David Berger begegnete mir schon vor Jahren in der konservativen, betont „papsttreuen“ Zeitschrift „Theologisches“, deren Schriftleiter er von 2003 – 2010 war. Er galt als einer der profiliertesten Kenner der Theologie des Hl. Thomas von Aquin und war einer der theologischen Wortführer des extrem konservativen Kirchenflügels. Nicht wenige seiner Texte werden nach wie vor von den Herausgebern der Zeitschrift „Theologisches“ im Internet bereitgestellt. Der Publizist Alexander Kissler urteilt denn auch über ein Berger – Buch aus dieser Zeit (im Vatikan-Magazin): „Der Autor des Buches, das ich gerade lese, ist Traditionalist durch und durch...“. Wer in Bergers Artikeln die Tiraden gegen liberale Theologen wie Karl Rahner, Johann Baptist Metz und Herbert Vorgrimler liest, der glaubt nicht, dass der Verfasser derselbe David Berger des Jahres 2013 ist. Ich kenne kaum eine Lebensbiografie, die sich derartig umgekehrt, quasi von innen nach außen gekrempelt hat. Aus dem ultrakonservativen theologischen Jungstar wurde der bekennende homosexuelle Kirchenkritiker (wobei das noch milde beschrieben ist). So kann man sein Buch „Der heilige Schein!“ als Abrechnung mit seinem bisherigen Leben lesen. Der Ärger über die Kirche (oder, man müsste richtiger sagen, über den speziellen „Ausschnitt“ der katholischen Kirche, in dem Berger bisher gelebt und „Karriere“ gemacht hat) führt zu einer Generalabrechnung. Man fragt sich nur: Ist das, was Berger als „die Kirche“ beschreibt, wirklich die katholisch Kirche an sich oder geht es um den engen Ausschnitt der Kirche, der er die ersten Jahrzehnte seines theologischen Wirkens gewidmet hat. Das habe ich mich aber auch schon bei den Werken anderer „Kirchenkritiker“ gefragt, insbesondere bei der Lektüre von Drewermanns „Kleriker“. Mein damaliger Pastor sagte, dass Drewermann vollkommen recht habe, allerdings beschreibe er eine Kirche, die seit 30 Jahre so nicht mehr existiere. Schade, dass sie das Niveau ihrer wissenschaftlichen Arbeit bei ihrer Kirchenkritik nicht in Ansätzen erreichen.
David Berger hat seine homosexuellen Neigungen in seinem Lebensmilieu wohl viele Jahre verbergen müssen. Nach eigener Aussage war ihm schon 20 Jahre vor seinem „Outing“ klar, dass er schwul ist und als schwuler Mann auch leben möchte. Da ist es nicht verwunderlich, dass eine so lange Zeit des Versteckens und Verbergen – müssens ihre Folgen hat. Aber ist es wirklich angemessen aus persönlichen Erfahrungen heraus die Kirche sehr pauschal und sehr einseitig zu kritisieren? Mag das auch menschlich verständlich sein, an Tiefe und Glaubwürdigkeit gewinnt seine Kritik hierdurch nicht. Das Interview macht es – wieder einmal – deutlich. Berger überzieht! 
In ähnlicher Weise hatte sich Berger eigentlich schon disqualifiziert, als er davon sprach, dass er von einer homosexuellen Veranlagung Papst Benedikts XVI. ausgehe. Belege dafür konnte er niemals anführen, allenfalls eine angebliche „Homophobie“. In einem Interview mit der tageszeitung vom 30. November 2012 erklärte Berger, es gebe „keine Neujahrsansprache des Papstes, wo er die Homosexuellen nicht nur indirekt als Menschen zweiter Klasse bezeichnet und homosexuelle Veranlagungen verteufelt werden.“ Alexander Kissler wies ihm auch hier nach, dass nichts davon wahr ist und Berger hat dem (meines Wissens) bis heute nicht widersprochen. 
Ehrlich gesagt, mir geht es mit dem David Berger nach seinem Outing genau so wie mit David Berger zu seiner traditionalistischen Zeit: ich mochte seinen Überzeugungen weder vorher noch nachher zustimmen. „Vorsicht bei Konvertiten, sie sind die eifrigsten Kirchgänger und intolerantesten Inquisitoren!“ sagt eine alte katholische Lebensweisheit. Ob sie im Falle des Kirchenkritikers und Aktivisten David Berger nicht auch ein Körnchen Wahrheit enthält? 
In seinem SPIEGEL-Beitrag bedient er allzu gern die üblichen Klischees. Erstes Stichwort: „Opus Dei“. Macht erlange man in der katholischen Kirche nur über das „Opus Dei“, auch wenn ein Engagement in dieser geistlichen Gemeinschaft nicht „zwingend“ sei, es reiche dort ab und an zu predigen oder Exerzitien abzuhalten. Selbst wenn man das von Peter Hertel zur „Heiligen Mafia“ stilisierte „Opus Dei“ nicht leiden kann, das dürfte in der Wirklichkeit der Kirche wohl maßlos übertrieben sein. Bestimmt hat diese fromme und kirchentreue Gemeinschaft ihre eigentümlichen Seiten. Aber ihr Einfluss in der Kirche ist auch lange nicht so bedeutend, wie es unterstellt wird. 
Weiter meint Berger: Wer in der Kirche etwas werden will, müsse zeigen, dass er „konservativ“ sei und das gehe durch ein Faible für die „Alte Messe“. Das widerspricht diametral den Klagen der Freunde der „Alten Messe“ in aller Welt, die sich durch die allzu liberalen Bischöfe beinahe überall behindert und unterdrückt fühlen. Ich sehe unter der Priesterschaft allenfalls Minderheiten, die sich für die außerordentliche Form des römischen Ritus interessieren. Aber ich denke, es wäre korrekter, wenn man sagen würde, dass ein „Faible für die alte Messe“ eher einer Karriere entgegensteht als sie zu befördern. 
Anders sieht es sicher mit der priesterlichen Kleidung aus. Da wird man Berger recht geben müssen, wenn er schreibt, dass der römische Priesterkragen an Bedeutung gewinnt. Wobei er hier dem Irrtum unterliegt, dass das „Kollarhemd“, der sogenannte Tipp-Ex-Kragen, der inzwischen wieder häufiger getragen wird, ein „römischer Priesterkragen“ (rundum weiß) sei. Vollends wunderlich wird es, als Berger behauptet, die „Soutane“ sei ein Bekenntnis zum Vatikan und karriereförderlich. Das ist blanker Unsinn! Priester in Soutane wird man in Deutschland von heute mit der Lupe suchen müssen. Ich kenne persönlich im Bistum Münster (mit Ausnahme der Bischöfe zu öffentlichen Anlässen) keinen Priester, der regelmäßig Soutane trägt. 
Karriere mache man in der Kirche durch „vorgebliche Demut“. So Berger über die Tricks, mit denen man aufsteigen könne. Hilfreich seien auch „mächtige Förderer“. Als Priester im Umfeld von Kardinal Meisner habe man gute Chancen. Oberflächlich betrachtet hat Berger recht. Einige Weihbischöfe des Kölner Bistums sind in der Tat inzwischen Diözesanbischöfe geworden. Diese Analyse fällt nicht schwer. Da aber Kardinal Meisner in wenigen Monaten im Ruhestand sein wird, müsste sich hieraus ja dann ein schweres Karrierehindernis für den restlichen Kölner Klerus ergeben.
Mir stellt sich die Frage, was letztendlich mit Karriere gemeint ist. Und ich stelle fest, dass es in der Kirche durchaus Menschen gibt, die etwas werden möchten und andere, für die ihr Dienst in der Kirche die einzige Karriere ist, die sie sich vorstellen können. Sie möchten der Kirche und den Menschen dort dienen, wo Gott sie hinstellt. Ein gutes Beispiel dafür ist Papst Benedikt selbst. Er verzichtet auf die machtvolle Position des Papstes und sieht das für sich selbst sogar noch als Aufstieg: „Der Herr ruft mich, den ‚Berg hinaufzusteigen’, mich noch mehr dem Gebet und der Betrachtung zu widmen. Doch dies bedeutet nicht, die Kirche zu verlassen, im Gegenteil. Wenn Gott dies von mir fordert, so gerade deshalb, damit ich fortfahren kann, ihr zu dienen, mit derselben Hingabe und mit derselben Liebe, mit denen ich es bis jetzt versucht habe, aber in einer Weise, die meinem Alter und meinen Kräften angemessener ist“ (Ansprache zum letzten Angelus-Gebet). 
Das gute Gespür für Karrieristen, das wir fast alle haben, ist auch in der Kirche ausgeprägt. Dort wo die Worte mit dem Handeln nicht übereinstimmen, verliert der Amtsträger, was allein die Bedeutung seines Amtes ausmacht: Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. So sind die weitaus meisten kirchlichen „Karrieren“ mehr dem Zufall und dem Hl. Geist geschuldet als gezielter Karriereplanung. So gelangen manchmal kluge Köpfe an die Schalthebel und manchmal Leute, die am falschen Ort sind. Die Kirche ist – leider – nicht immer die Vorfeldorganisation des Himmels. Auch in ihr läuft manches falsch, aber vieles auch richtig. Sicher kommt es – wie in anderen Bereichen des menschlichen Lebens – darauf an, mit seinen Stärken und Fähigkeiten von Entscheidungsträgern bemerkt zu werden. Eine Castingshow wie im normalen Leben gibt es dafür nicht. Man muss sich in der Pastoral (oder der Theologie) bewähren. In der Nähe eines Bischofssitzes und als publizierender Mensch fällt man eher auf, als wenn man Landpfarrer am Niederrhein ist. Aber greifen solche Mechanismen nicht überall? 
Grober Schwachsinn ist letztendlich die Berger-Bemerkung, für eine kirchliche Karriere müsse man „homophob“ sein, „absolut loyal“ (wem gegenüber eigentlich? Wenn er Gott meint oder den Hl. Vater mag das stimmen) und man müsse „auf der Klaviatur von Angst und Geheimhaltung“ spielen können. Ich bin nun seit fast 25 Jahren im kirchlichen Dienst. Ich fühle mich dort bis heute freier als unter meinen früheren Dienstgebern, Angst habe ich auch noch nicht haben müssen und Geheimhaltung gehört zu meinen täglichen Pflichten, da ich über den Inhalt seelsorglicher Gespräch eisern schweige. Was Berger damit jenseits der selbstverständlichen Vertraulichkeit solcher Gespräche meint – erschließt sich mir nicht.
Das „Interview“ gipfelt in der Bemerkung, dass Frauen, die in der Kirche etwas „erreichen“ wollen entweder austreten müssen oder sich noch ein Jahrtausend gedulden sollten. Es ist keine Frage, dass die Rolle der Frau in der Kirche besprochen und geklärt werden muss, aber, was will man eigentlich in der Kirche „erreichen“? Allgemein verbindet sich mit der Idee einer „Karriere“ die Vorstellung von Genuss, Macht und Reichtum. Niemand wird bestreiten, dass Bischöfe in Deutschland von all dem etwas haben. Macht und Einfluss sicherlich, ein anständiges Gehalt (allerdings deutlich unter dem vergleichbarer „Manager“). Aber was können sei aus all dem machen? Luxusleben – Fehlanzeige, übervolle Kleiderschränke – fast undenkbar, dekadenten Luxus mit „Wein, Weib und Gesang...?“ - unvorstellbar, Flüge „Erster Klasse“ - um Himmels Willen! 
Das Leben eines deutschen Bischofs dürfte für weit mehr als 95 Prozent der deutschen Bevölkerung das genaue Gegenteil eines erstrebenswerten Lebens sein. Und nicht umsonst erklommen auch im Jahr 2012 in Deutschland nicht einmal mehr 100 potentielle Interessenten für einen solchen Aufstieg überhaupt nur die erste Stufe der Karriereleiter und ließen sich zum Priester weihen. Schaut man einmal in die Weltkirche, so sieht es bei den Aussichten auf Geld, Macht und Einfluss eher „mau“ aus. Als Bischof in Mauretanien, Island oder Brasilien macht man nicht so viel her und lebt oft sogar auf gefährlichem Fuß. Auch wenn der Ausschluss von der Priesterweihe für manche Frauen schmerzhaft ist. „Karrierechancen“ können auch nicht der Antrieb sein, einen solchen Beruf anzustreben. Da erscheint es dem eigentlichen Sinn des Priesteramtes auch weit näher, was Kardinal Kaper kürzlich anregte, ein eigenes Dienstamt für Frauen als Diakonin, abgeleitet aus dem altkirchlichen Diakoninnenamt. Vielleicht würde ein solcher echter Neubeginn sich auch positiv auf die „männlich“ besetzten Ämter der Priester und Diakone auswirken.
Aber, noch einmal zurück zum Ausgangspunkt und zum Kernthema des Konvertiten Berger: Die katholische Kirche und die Homosexuellen. Es ist offensichtlich, dass die Kirche hier zu einer neuen Sicht und Haltung gegenüber Schwulen und Lesben kommen muss. Was spricht zunächst einmal dagegen, dass sie sich in Zukunft einmal ähnlich positiv zu einzelnen Aspekten gleichgeschlechtlicher Liebe äußert, wie sie das im 2. Vat. Konzil beispielsweise zum Islam getan hat. Oder ähnlich wie es Rainer Maria Kardinal Woelki kürzlich im Dialog mit Homosexuellenverbänden seiner Bischofsstadt getan hat oder Christoph Kardinal Schönborn mit dem Schwulen Pfarrgemeinderat. Ich glaube kaum, dass die Homosexuellenverbände von der kath. Kirche erwarten, dass sie die Speerspitze einer Gleichstellungsbewegung bildet. Aber zu Recht kann sie erwarten, dass die Kirche den Schwulen und Lesben in ihren Gemeinden soviel Offenheit entgegenbringt und soviel Lebensmöglichkeiten bietet, dass sie als Katholikinnen und Katholiken dort selbstverständliches Heimatrecht haben und es auch beanspruchen können. Und dass sie unmißverständlich „nein“ sagt zu „Homophobie“ und Diskriminierung von Homosexuellen. Das hat sie in der Vergangenheit durchaus auch getan. Um es mit den Worten von Kardinal Meisner zu sagen:  „Auch wenn ein Homosexueller die kirchliche Sicht nicht uneingeschränkt übernehmen will, können beide Seiten gemeinsame Ziele entdecken und sich zum Beispiel energisch dafür einsetzen, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden, dass abfällige Äußerungen über Homosexuelle aus unserer Alltagssprache verschwinden und dass Stammtischgeschwätz seiner Plattheit überführt wird. Ich denke, das wären lohnende Ziele.“ 
Die Kirche hat ihre Positionen, die durchaus begründet sind und die sie nicht zunächst revidieren muss. Der Papst darf katholisch bleiben! Und auch nicht jeder Schwule tritt entschlossen für die Einführung einer Homo-Ehe ein.
Die Kirche darf durchaus darauf setzen, dass eine jahrtausendelang erprobte Lebensforn auch aus sich selbst heraus Bestand hat. Der katholische Publizist Andreas Püttmann plädiert in Christ und Welt für Zurückhaltung der Kirche: „Sollte nicht gerade, wer die natürliche Anziehung von Mann und Frau in Gottes Schöpferwillen verankert sieht, mehr Vertrauen haben, dass dies auch ohne kulturelle Stützungsklimmzüge immer so sein wird?“
Es ist offensichtlich, dass ein Reformbedarf an vielen Stellen der katholischen Kirche besteht. Es wird aber nicht immer der sein, der von gewissen „Kirchenkritikern“ eingefordert wird. Und ich kann es nicht besser sagen als ein anonymer Kommentator im Internet: „David Berger erweist seinen Anliegen mit seinen übersteigerten Verschwörungstheorien einen Bärendienst.“ Vielleicht denkt er auch selbst einmal darüber nach. Aber möglicherweise betrachtet Berger das Thema Kirche im Grunde schon „von außen“. Für sich selbst scheint er keine Veränderung in der Kirche mehr zu erwarten.

Freitag, 15. Februar 2013

Christus zieht aus, Allah zieht ein!


In Hamburg hat die muslimische, arabische Al-Nour-Moscheegemeinde ein altes Gebäude erworben, das seit gut zehn Jahren im Stadtteil Horn leer steht und mehr und mehr verfällt. 
Der Vorgang hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt, vor allem, weil es sich bei dem Gebäude nicht um eine alte Fabrikhalle, ein ehemaliges Bordell oder ein Geschäftshaus handelt, sondern um eine ehemalige evangelische Kirche. Bis 2002 betete in der damaligen Kapernaum-Kirche eine offensichtlich eher überschaubare christliche Gemeinde. Aus Kostengründen beschloss die evangelisch-lutherische Kirche das Gotteshaus aufzugeben. Es wurde entwidmet und geräumt, die Orgel und die Glocken hat man an andere Kirchengemeinden verkauft.  
Der Beobachter fragt sich, was hat die muslimische Gemeinde geritten, sich so etwas anzutun? Nicht nur die Aufregung, die dieser „Präzedenzfall“ in der „kritischen“ Öffentlichkeit auslöste, auch die Tatsache, dass die Muslime ein Gebäude übernehmen, für dessen Erhalt die Finanz- und Glaubenskraft der kirchensteuerfinanzierten christlichen Gemeinde nicht mehr ausreichte, lässt einen zunächst an der Vernunft der muslimischen Akteure zweifeln.
Die Presseberichte legen jedoch einen wichtigen Aspekt offen. Die Gemeinde hatte sich zunächst um andere Immobilien beworben – kam aber nirgendwo zum Zuge. Eine muslimische Gemeinde, die ihr Gotteshaus dort errichten möchte wo ihre Mitglieder wohnen, nämlich mitten in der Stadt, hat es nicht leicht. Freiflächen stehen kaum noch zur Verfügung und das Baurecht verbannt die meisten dieser Bauten oft in die Rand- und Gewerbebezirke der Städte. Die besonderen „Privilegien“ im Kirchenbau, die die Christen (zumindest theoretisch noch) genießen, gelten bis dato nicht für islamische Moscheen oder hinduistische Tempel. Widerstand aus der Bürgerschaft führt die gern übervorsichtigen Politiker dazu, das Baurecht vorzuschieben, bevor man sensible Fragen des Zusammenlebens oder die Islamskepsis bis Islamfeindlichkeit (und andere Gründe) diskutiert oder sich in der Öffentlichkeit dazu positionieren muss. 
So blieb der muslimischen Gemeinde in Hamburg nichts anderes übrig, als sich eine "Schrottimmobilie" zu kaufen, einen Kirchenbau des Jahres 1958, für den sich in den vergangenen 10 Jahren (trotz zunächst konkreter Pläne (eine Kindertagesstätte) und vertraglicher Vereinbarungen) keine vernünftige Folgenutzung gefunden hat. 
Der „Islam in Deutschland“ bietet ein komplexes Bild mit vielen unterschiedlichen Akteuren, Vereinen und Institutionen. Daher möchte ich hier meinen Blick ausschließlich auf die Frage richten, was wirklich gegen die Nutzung einer ehemaligen Kirche als Gebetsraum für Muslime spechen könnte. Ich gehe dabei von muslimischen Partnern aus, die an Dialog und guter Nachbarschaft ehrlich interessiert sind, also von den weitaus meisten Muslimen in Deutschland. 
Rollen wir das Feld einmal in Ruhe auf und betrachten einzelne Aspekte der – durchaus problematisch erscheinenden – Folgenutzung von Kirchenbauten. Für zusätzliche Aspekte bin ich durchaus dankbar. 
Als Katholik gehe ich erst einmal von der katholischen Sicht der Dinge aus. Ein katholischer Kirchenraum wird durch die Kirchweihe zu geweihtem Boden. Alljährlich wird der Weihetag dieser Kirche festlich begangen. Die Weihe hebt das Gebäude aus dem profanen Umfeld heraus. Die Gebete und Gottesdienste, die in einer Kirche gefeiert und gesprochen werden, „laden“ das Gebäude in gewisser Hinsicht mit Heiligkeit auf. Daher ist es im Grunde undenkbar, einen solchen Ort der Gottesverehrung einfach aufzugeben. Der Platz, auf dem der Beter steht, ist „heiliger Boden“. Daher bedarf es auch der ausdrücklichen Anweisung des katholischen Bischofs und eines festlichen Aktes, in dem eine Kirche wieder „profaniert“ wird. 
Auch wenn es eigentlich nicht sein darf, natürlich geschieht es, dass Kirchen aufgegeben werden. Und auch für solche Fälle muss eine Möglichkeit gefunden werden, mit dem Undenkbaren umzugehen. Einfach ist das, wenn es sich um ein Gebäude von historischem Rang handelt, ein Erbe der Menschheit oder ein Erbe für den Ort, in dem es steht. Hier werden Viele ein Interesse haben, dieses Gebäude nicht verfallen zu lassen. In den Niederlanden sehen wir das an den großen Kirchen, die heute zur Besichtigung offen stehen, aus denen sich die Christen aber längst zurückgezogen haben. Schwieriger wird es, wenn ein sakrales Gebäude keinen – in der Gegenwart schon erkennbaren – historisch–künstlerischen „Wert“ hat. 
Hier muss man auch schon einmal in der Lage sein, sich nach einem angemessenen Trauerprozess von einem Gotteshaus zu trennen. Das ist schmerzlich für alle, die in einem solchen Haus gebetet haben, schmerzhafter noch für die, die es mit eigener Hände Arbeit oder eigenem Geld errichtet und gestaltet haben. Aber das Leben mutet uns immer wieder zu, Abschied zu nehmen, von Menschen, von Plänen, von Häusern. Als Christen ist uns der Tabernakel, das Zelt Gottes immer noch näher als die „feste Burg“. Wir haben hier auf Erden (eigentlich) keine bleibende Stätte.
In der Diskussion um eine Kirche, die zur Moschee wird, richten sich die Blicke (und die Vorwürfe) zunächst auf die Muslime. Aber das ist unfair! Für Muslime ist das Kirchengebäude selbst zunächst nur einfach ein Gebäude. Er muss halt einige Voraussetzungen erfüllen, damit er nutzbar ist. Die bisherige Nutzung ist kein Kriterium... Das Gebäude selbst ist kein heiliger Ort, entscheidend ist, dass dort gebetet wird. In Dinslaken-Lohberg befindet sich eine Moschee in einer ehemaligen Metzgerei. Dort beten die Muslime also an dem Ort, wo zuvor Schweine geschlachtet wurden. Für die Gläubigen ist das kein Problem.
Ich halte es für absolut unangebracht, die muslimische Gemeinschaft, die eine Kirche als Gebetsraum nutzt, zum Sündenbock zu machen. Letztlich übertragen wir die Enttäuschung darüber, dass es dem Christentum (das es uns Christen) immer weniger gelingt unsere Gesellschaft zu prägen, von innen her menschlich zu machen und auf Gott hin auszurichten, auf die, denen das augenscheinlich „besser“ gelingt. Es erscheint manchen angesichts der Umwandlung einer Kirche so, als habe der Islam über das Christentum „gesiegt“. Die Gründe für den Rückgang des Christentums sind vielschichtig. Ein angeblicher muslimischer Missionserfolg ist daran kaum schuld. Der Schmerz der Christen angesichts eines immer schwächer werdenden Christentums kann nicht bei unseren muslimischen Schwestern und Brüdern abgeladen werden.
Dennoch sollten sich Muslime gut überlegen, ob sie eine Kirche zur Moschee umgestalten. Es kann auch ihnen nicht egal sein, welche Gefühle sie bei Christen (oder denen, die sich irgendwie noch dafür halten) damit auslösen. 
Die bauliche Gestalt einer Kirche ist ein Glaubenszeugnis. Es wäre gut, wenn Muslime dies vor der Umnutzung bedenken. Vor allem katholische Kirchen haben eine, dem Bau eingeprägte Symbolik, die je nach Kunstepoche unterschiedlich ist. Sie ist allerdings nicht zu leugnen. Es stellt sich also die Frage, ob der Kirchenbau so neutral und schlicht gehalten ist, dass er zur Moschee umgebaut werden kann, ohne beständig an die ehemalige Kirche oder theologische Überzeugungen zu erinnern. Ob im Kirchenbau eine Ausrichtung nach Mekka möglich ist, werden die Verantwortlichen sowieso prüfen. Oft erfordert aber diese Ausrichtung ein Abweichen von der christlichen Ostung einer Kirche.  Die Kapernaum – Kirche in Hamburg wird offensichtlich durch Öffnung des Daches und Einbau einer Empore auch baulich entscheidend verändert. Der Kirchturm allerdings, der 1958 besonders hoch gebaut wurde, um einen baulichen Gegenpol zu den umgebenden Hochhäusern zu bieten, er wird wohl kaum in ein Minarett verkleidet werden und immer an den christlichen Ursprung der Moschee erinnern. 
Belastend ist sicherlich bis heute der geschichtliche Befund, dass Kirchen von kämpferischen Muslimen, von den muslimischen Eroberern eines christlichen Landes in der Vergangenheit in Moscheen umgewandelt wurden. Das bekannteste Beispiel ist die heute – sensiblerweise zum Museum umgewandelte – Hagia Sophia – Kirche. Die antike Kirche aus dem 7. Jahrhundert, Hauptkirche des byzantinischen Reiches wurde 1453 erobert und fortan als Moschee genutzt. Angesichts ihrer geschichtlichen und kunsthistorischen Bedeutung wandelte Kemal Atatürk sie ab 1934 in ein Museum um. Solche traumatischen Erfahrungen der Christenheit haben eine gewisse Auswirkung bis in die Diskussionen des heutigen Tages hinein, auch wenn sie unter anderen Vorzeichen stattfinden und das allgemeine Geschichtsbewußtsein der Bevölkerung häufig lückenhaft ist. Man sollte die Nachwirkungen solcher „Kränkungen“ aber nicht völlig negieren und vernachlässigen. 
Es gibt übrigens auch gegenteilige Beispiele: Im Zentrum von Pécs (Ungarn) steht z.B. eine Moschee (Moschee Gazi Khassim), die heute als Kirche genutzt wird. Sie ist ein Überbleibsel aus dem osmanischen Reich. Der Halbmond auf ihrer Kuppel umschließt ein christliches Kreuz. 
Im Verlauf der Jahrhunderte hat sich eine Moscheebaukunst entwickelt, die zwar nicht unbeeinflußt von den antiken Kuppelbauten christlicher Kirchen ist, aber dennoch eigenständig. Die christliche Hagia Sophia beispielsweise wirkte für Moscheen stilprägender als für die späteren Kirchen. Doch auch in anderen Epochen, beispielsweise während der muslimischen Zeit in Spanien, bereicherten sich christliche und muslimische Baukunst gegenseitig. Dennoch: Muslime, die einen fertigen christlichen oder profanen Bau zur Moschee umgestalten wollen, müssen zahlreiche Kompromisse machen. Geld, das in aufwendige Umbauten, Renovierungen oder gar in das Beheizen schlecht isolierter Altbauten investiert wird, ist zunächst einmal verschwunden. Es könnte vielleicht auch besser investiert werden.
Letztlich steckt eine moderne europäische Moscheearchitektur noch in den Kinderschuhen. Einzelne „moderne“ Moscheen, wie z.B. die neue DITIB-Zentralmoschee in Köln oder die DITIB-Moschee in Moers, die Moschee des islamischen Forums in Penzberg oder das islamische Kulturzentrum in Wolfsburg scheinen noch Ausnahmen zu sein. Warum sollten muslimische Gemeinden nicht stärker in "moderne" Moscheen investieren, statt Altbauten zu sanieren. Leider orientieren sich die muslimischen Gemeinschaften  heute noch gern an historischen Bauten ihrer Heimatländer, was auch ein Schlaglicht auf eine besondere Funktion des angestammten Glaubens wirft, nämlich die eigene Identität im fremden Land zu wahren. 
Aber zurück zur Ausgangsfrage: Was spricht in der Tiefe, also theologisch gegen die Folgenutzung einer Kirche (die baulich dafür geeignet ist) durch Muslime? Sicher, es gibt gute pastorale Gründe (in einer Zeit des Übergangs), die allerdings nicht ewig gültig sein können. In die Diskussion um eine Kirchennutzung durch Muslime bringen ja selbst hochrangige Kirchenvertreter und gebildete Theologen fast ausschließlich Argumente mit den Stichworten „Emotion“ „Symbolkraft“ und Gefühl ein. Selbst Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland ist aus diesen "Gründen" kein Freund solcher Umnutzungen: „Ich ganz persönlich spreche mich auch grundsätzlich dagegen aus, ich glaube, dass damit religiöse Gefühle verletzt werden können, und darauf sollte man es nicht ankommen lassen“, sagte er (der FAZ). Die kirchenoffiziellen Verlautbarungen gehen in exakt dieselbe Richtung. Die Deutsche Bischofskonferenz hat festgelegt, dass die „kultische Nutzung“ von Kirchenbauten durch nichtchristliche Religionsgemeinschaften „wegen der Symbolwirkung nicht möglich ist“. In einer Handreichung der EKD von 2006 heißt es, dass die Umwandlung einer Kirche in eine Moschee „oftmals von vielen Christen nicht nur als ein persönlicher Verlust empfunden“ wird und „darüber hinaus auch zu Irritationen in der öffentlichen Wahrnehmung führen“ kann. Diese Argumentation greift der Hamburger Hauptpastor Alexander Röder mit der Bemerkung auf: „Religion ist nicht nur vernünftig, sondern auch emotional." 
Aber taugt eine so „flache“ Argumentation für eine endgültige Lösung des Problems? Dann müssten nämlich im Gegenzug die Kirchen bereit sein, jedes "heilige" Kirchengebäude auf Dauer zu nutzen und sinnvoll mit Leben zu füllen. Das wird in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht einfacher werden, bei aller postulierten Liebe zum Kirchen-Gebäude, gerade auch durch nicht praktizierende Personen. Eine Kirche kann nur ein Haus aus lebendigen Steinen sein. Der Kult um ein „totes Gebäude“ ist im Grunde Götzendienst. 
Die inzwischen häufig gehörte Universallösung: „Besser Abriß als Moschee oder Disko“ hilft zwar kurzfristig aus einem Dilemma heraus. Allerdings bezweifle ich stark, dass die Zerstörung eines Kirchenraumes aus vordringlich emotionalen Gründen wirklich Balsam für das leidende Herz eines Christen sein kann. Und: welchen Sinn macht eine solche Vernichtung von Werten (nicht nur materieller Art) angesichts der Forderung, die Schöpfung (und die Kultur) zu bewahren. Auch die Architektur der letzten hundert Jahre ist wertvoll bzw. wird in Zukunft als wertvoll erkannt werden. Was, wenn die Muslime im 15. Jahrhundert die Hagia Sophia abgerissen hätten, weil man zu der Überzeugung gekommen wäre, dass ein uralter christlicher Bau sich nicht als muslimische Gebetsstätte eignet.
Ein anderer Grund, der gegen eine Umwidmung von Kirchen in Moscheen sprechen könnte, sind die unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen. Man könnte sagen (manche tun das), die Kirche müsse alles tun, um einem anderen Glauben die Missionsarbeit zu erschweren. EKD-Kirchenamtspräsident Hans Ulrich Anke bringt das so auf den Punkt, man solle Kirchenräume nicht für das Predigen anderer Gottesbilder zur Verfügung stellen. Ob das sich aber an der Gebäudefrage entscheidet, wage ich zu bezweifeln.  Katholischerseits springt ihm der Hamburger Weihbischof Jaschke bei und meint: „Die Austauschbarkeit von Christentum und Islam ist nicht im Sinne eines guten interreligiösen Dialogs.“ Wirklich fundierter Einwände klingen anders. 
Im Grunde ist die Folgenutzung von Kirchen ein eher unbedeutendes Problem. Nicht jede Kirche eignet sich zur Nutzung durch andere Konfessionen und Religionen. Bis heute sind daher erst wenige Kirchen an Muslime verkauft worden. Aber als Christen sollten wir es nicht kategorisch ausschließen. Wenn es für profanierte Kirchen eine Folgenutzung geben soll, dann ist mir persönlich der muslimische Beter lieber als der christliche Geschäftemacher. 
Ich halte es allerdings für wichtig, darauf zu achten, dass die Gebäudediskussion nicht den Konflikt der Religionen befeuert und dass keine unnötigen Gegensätze entstehen. Eine Umwandlung einer Kirche in eine Moschee braucht also theologische Grundlegungen und intensive Gesprächs- und Informationsprozesse. Und die wären auch für ein besseres Miteinander der Glaubenden der abrahamitischen Religionen sinnvoll.
Vermutlich wird die Zukunft zeigen, dass das, was in Großstädten anderer Länder schon längst „normal“ ist, auch hierzulande keinen mehr aufregt. Was spricht wirklich dagegen, dass glaubende Menschen die Gebetsräume anderer Religionen für sich übernehmen und nutzen. Schließlich gibt es schon heute zahlreiche Beispiele interreligiöser Gebetsräume in Schulen, Flughäfen und vereinzelt auch schon in großen Städten. In denen – wohlgemerkt – jeder bleiben kann, was er ist, Katholik, Protestant, Buddhist oder Muslim.

Dienstag, 12. Februar 2013

"Mein" Papst Benedikt XVI.


Generalaudienz, Nov. 2005
Was für eine Überraschung: Es ist Karneval, Rosenmontag 2013. Vor einigen Minuten sind die Karnevalszüge in Köln und Düsseldorf losgezogen, da sickert die Meldung durchs Netz: „Italienische Medien berichten vom Rücktritt des Papstes.“ „Was für ein Quatsch!“, war mein erster Gedanke. Ein Karnevalsscherz, nicht mehr ... und obendrein überhaupt nicht witzig. 
Ich hatte kurz zuvor noch eine Diskussion über den künftigen Kölner Erzbischof auf kreuzgang.org verfolgt. Ein heißer Tipp war da Erzbischof Gänswein. Mein Kommentar: solange Benedikt XVI. lebt, ist es undenkbar, dass Erzbischof Gänswein "seinen Papst" im Stich lässt. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass Papst Benedikt zurücktreten könnte, auch wenn er diesen Schritt im Gespräch mit Peter Seewald vor einigen Jahren selbst erwogen hatte. Nach „sterbenskrank“ sah er trotz nachlassender Kräfte auch nicht aus. Also musste es sich um eine Falschmeldung handeln, denn seit 700 Jahren ist kein Papst zurückgetreten. Wie soll man auch als einfacher Katholik auf den Gedanken kommen, dass nun dieser (sonst eher traditionelle) Papst das tut, nach einem Pontifikat von noch nicht ganz acht Jahren.
Blenden wir einmal zurück. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie Kardinal Ratzinger in den Tagen nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. als Kardinaldekan „das Gesicht“ der katholischen Kirche wurde. Der Abschluß seiner Predigt ist mir noch lebendig in Erinnerung. Er erinnerte an den letzten Segen seines Vorgängers und versicherte, dass dieser nun vom Vaterhaus auf uns schaue, uns sehe und segne. Er stand plötzlich im Zentrum, er der zwar von der deutschen Presse als „Panzerkardinal“ oder „Rottweiler“ beschimpft wurde, eigentlich aber persönlich bescheiden und zurückhaltend daher kam. Er war mir einmal auf dem Petersplatz begegnet, als er von seiner Wohnung zu seinem Arbeitsplatz ging, mit einer schlichten, ledernen Arbeitstasche unter dem Arm, mit Baskenmütze und Collarkragen. Nicht anders als einer der vielen Priester, die rings um den Petersdom ihren Dienst tun. Ich habe ihn damals erst erkannt, als er längst an mir vorbei war. Auf den Fotos in den Zeitungen wirkte er zumeist weniger freundlich. In Erinnerung habe ich noch seine tiefliegenden dunklen Augen und ein Foto, wo er auf einem goldenen Thronstuhl sitzend in die Kamera blickte. Wenig sympathisch!
Dann kam der Tag der Papstwahl. Irgendwie war es durchgedrungen: „weißer Rauch“ über der Sixtina. Bald sollte der neue Papst namentlich genannt werden. Der rote Vorhang öffnete sich. Jorge Arturo Kardinal Medina Estévez betrat die Mittelloggia des Petersdomes, umständlich wurde ein Mikrofon bereitgemacht und eine Mappe mit dem Text bereitgehalten. Der Kardinal begrüßte umständlich in mehreren Weltsprachen die ungeduldigen anwesenden Brüder und Schwestern und sagte dann auf lateinisch „Ich verkünde euch eine große Freude (Applaus), Habemus Papam (Applaus, den er geduldig abwartet). Ich dachte damals: wie können die jetzt applaudieren, der Name ist doch gar nicht genannt worden. Der Kardinal schaute interessiert und geduldig in die Menge und sagte dann „Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum (Pause) Dominum Josephum“ (Pause und vereinzelter Applaus), „Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger“ (Jubel). Er verkündete noch den Namen des neuen Papstes, Benedikt XVI., winkte freundlich und verließ die Loggia, auf der kurz darauf der neue gewählte Papst erschien. 
Aus dessen Worten ist mir noch in Erinnerung, dass er sich als einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn bezeichnete, der einem großen Papst folge. Es wirkt echt und stimmig so wie er das sagte.
Damals war Bruder Maurus Runge OSB aus meiner damaligen Lohberger Gemeinde zum Studium in Rom. An diesem Tag war er auf dem Petersplatz „live“ dabei und berichtete in einer e-mail von seinen Erlebnissen. Wir haben das direkt im Pfarrbrief abgedruckt und auch den Zeitungen zugesandt, die Rheinische Post mache eine ganze Seite daraus. 
Alle waren zurückhaltend gespannt, was dieser Papst wohl noch alles auf den Weg bringen würde. Es gab aber auch kritische Kommentare. „Er wird uns noch alle überraschen“, sagt der italienische Kardinal Ersilio Tonini später im Fernsehen: „Er kann ironische Witze machen, seine Überzeugungskraft ist enorm, und er ist sehr souverän“, meint der 90-jährige Kardinal. Die BILD brachte mit der Schlagzeile „Wir sind Papst“ eine Stimmung auf, die von großem Wohlwollen gegenüber dem Deutschen auf dem Stuhl Petri geprägt war. 
„Ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“, nur dass dieser Weinberg einen äußeren Rahmen hatte, der so gar nicht zu einem „Arbeiter“ passte. Dennoch, Benedikt machte sein Wort wahr, er wirkte trotzdem immer bescheiden, milde, überzeugend, zugewandt. 
Tief eingeprägt hat sich mir, dass er einen seiner schärfsten Kritiker, den emeritierten Professor Hans Küng zu einem Gespräch empfing. Ich denke an die Begegnung mit den Vertretern der Weltreligionen in Assisi und die Besuche in orthodoxen und evangelischen Kirchen, in Moscheen und Synagogen. Fasziniernd auch, wie er bei einem Besuch in England die „Anti-Papst“-Stimmung in ein freundliches Interesse an seiner Botschaft verwandelte.
Gestört hat mich manchmal, dass es so schien, als kehre durch Benedikt XVI. manches geschnörkelte und goldgestickte, manches Barocke und Feudale ins Erscheinungsbild des Vatikan zurück. Mancher Stuhl wurde wieder zum Thronsessel; manches Messgewand entführte in längst vergangene Zeiten. Aber das Auftreten des Papstes, die Art der Nutzung solcher Äußerlichkeiten, sorgte dafür, dass das äußere Anschein nicht mit einer rückwärtsgewandten Bedeutung aufgeladen wurde. Benedikt setzte sich auf einen päpstlichen Thron wie auf einen Küchenstuhl. Auf die Amtsführung kommt es an, so signalisierte er und man bekam den Eindruck, dass es für ihn letztlich nur das Erbe der Jahrhunderte sei, dass nicht museal bewahrt sondern sinnvoll genutzt gehört. 
Dieser Papst war kein absolutistischer Herrscher, er wollte nicht von oben herab bestimmen, er wollte durch Worte und Taten überzeugen. Überhaupt, seine Worte! Ich konnte mich dem Zauber seiner Stimme und seinen klugen Gedankengängen nicht verschließen. Man kann ihm einfach gut zuhören und er versteht es, in wenigen, einfachen Sätzen einen ganzen Kosmos an Gedanken unterzubringen. Er ist sicher kein mitreißender Prediger, der durch sprachliche Effekte zu fesseln versteht, er fesselt durch den Gedanken, durch die Botschaft... Ich erinnere mich gut, dass man beim Weltjugendtag in Köln während der Predigt keinen Muks hörte, dabei waren über eine Millionen Menschen auf dem Platz versammelt. Eine tolle Atmosphäre, alle lauschten in stiller Andacht einer anspruchsvollen Meditation über Anbetung und Eucharistie. 
Generalaudienz, Nov. 2007
Kurz darauf erlebten wir den Hl. Vater bei unserer Gemeindepilgerfahrt nach Rom, bei der Audienz am Mittwoch und bei der Seligsprechung des seligen Charles de Foucault. 2007, 2009 und 2011 war ich wieder in Rom und durfte den Hl. Vater im Rahmen einer Audienz oder beim Angelus-Gebet hören (und sehen), gemeinsam mit meinen Kindern Joanna, Kilian und Carlotta. Sicher ist das „Setting“ einer solchen Veranstaltung nicht eben kindertauglich. Aber, zu meinem Erstaunen wurde es den Kindern nicht langweilig. Irgendetwas muss sie bewegt haben in dieser Begegnung mit dem bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn. Fleißig gaben sie später den päpstlichen Segen an alle weiter, die   daheim geblieben waren, genau so, wie er es in seiner Ansprache gewünscht hatte.
Ein besonderes Erlebnis war auch der Besuch des Papstes in Deutschland und mein Ausflug nach Berlin, mit dem ich diesen Blog einmal gestartet habe. 
Ich bin keinesfalls ein „Benedetto-Rufer“ geworden. Das fand ich immer sonderbar und das passte auch nicht zur Persönlichkeit des Joseph Ratzinger. Sicher war ich auch nicht mit allen seinen Worten einverstanden oder in jeder Frage an seiner Seite. Bei der Regensburger Rede habe ich mir die Haare gerauft bei diesem Zitat, dass so leicht mißverstanden und mißbraucht werden konnte. Was hätte der Rede ohne das Zitat gefehlt? Hätte er den Ärger nicht ahnen können? Und warum hatte ihm niemand vor diesem Holocaustleugner und Exzentriker Williamsson gewarnt? Als Präfekt der Glaubenskongregation wußte er genau, dass es in der Piusbruderschaft neben der religiösen Haltung auch eine politische Untergrundströmung gab, die man von den theologischen Streitpunkten nicht einfach trennen kann. Ich bin überzeugt, dass Benedikt in seinen Stellungnahmen nach der Aufhebung der Exkommunikation absolut die Wahrheit gesagt hat und nur das Gute und Wahre für die Kirche suchen wollte. Leider hat er in seiner Hoffnung (auf den Hl. Geist) die Beharrungskräfte und die Komplexität der inzwischen sehr verfestigten Gedankenwelt der Piusbruderschaft unterschätzt bzw. sich von bestimmten Gesprächspartnern und deren postulierten guten Willen blenden lassen. Es ist schlimm, dass die ausgestreckte Hand von vielen so missgedeutet wurde, so als würde Benedikt selbst Sympathien für die abseitigen Botschaften aus den Niederungen der Bruderschaft hegen. 
Ich bin überzeugt, dass es richtig war, der tridentinischen Liturgie wieder ihren Platz im Leben der Kirche zu geben. Aber ich denke, dass noch die Aufgabe aussteht, dieses „Museumstück“, das über Jahrzehnte quasi im Depot lag, sinnvoll und behutsam nach den Vorgaben des 2. Vatikanischen Konzils zu aktualisieren, ohne sich erneut dem Vorwurf auszusetzen, einen liturgischen Bruch zu verursachen. Wie Liturgie auch in der erneuerten Form absolut würdig und heilig zu feiern ist, hat Benedikt uns bei zahllosen liturgischen Feiern als lebendiges Modell vor Augen gestellt. Dabei kann natürlich nicht einfach übernommen werden, was der Papst tut. Das gilt sicher auch für die Form des Kommunionempfangs, bei dem Benedikt sich angesichts der Besonderheiten der Papstliturgie für die Spendung der Kommunion in der Form der Mundkommunion ausgesprochen hat, ohne daraus eine allgemeine Regel für die gesamte Weltkirche entwickeln zu wollen (vgl. den Interviewband: „Licht der Welt“).
Eingeprägt haben sich aus diesem Pontifikat auch besondere Momente und quasi „Filmschnipsel“. Der Rabbiner der Kölner Synagoge bläst im Gebetsgottesdienst den Shofar; Benedikt steht in Istanbul in einer Moschee und betet still; der Papst in Auschwitz an der Hinrichtungsmauer; Benedikt im Deutschen Bundestag; der Einzug hunderter Messdiener in das Berliner Olympiastadion; der Regenschauer, als der Papst in die Sakristei dort ging, die „normalen Gläubigen“ blieben trocken, die Ehrengäste mussten sich Regenmäntel überstreifen. Seine Auftritte waren immer ein wenig zurückhaltend, niemals „triumphal“. Er wollte mehr erreichen als selbst der Mittelpunkt zu sein, er wollte, dass das Licht Christi durch ihn in die Welt leuchten konnte, dass Menschen sich durch sein Handeln und Sprechen von Christus angesprochen fühlten. 
Der größte Schmerz seines Pontifikates war für ihn sicherlich die Aufdeckung der Missbrauchsfälle in der Kirche. Selbst die kritisch gesinnten Medien hatten ein Gespür dafür, dass Missbrauch im Umfeld des Heiligen und der Verehrung Gottes ein besonders furchtbares Vergehen ist. Wenn sich die Berichterstattung über diese Fälle auch mit vielen andere Themen und mancher „alter Rechnung“ mit der Kirche mischte: diese Verbrechen haben den Papst und mit ihm die ganze Kirche schwer getroffen. Und zwar von innen heraus! Da gibt es (leider) nichts zu beschönigen. Wenn nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, allzu lange in der Kirche weggeschaut oder zu wenig getan wurde, so hat sich das Blatt inzwischen deutlich gewandelt. Die Sensibilität ist gestiegen, das Bewusstsein, dass Kirche auch an diesem wunden Punkt „sündige“ Kirche ist und die  Präventionsbemühungen sind auf allen Ebenen deutlich spürbar. 
Papstbesuch in Deutschland, Berlin 2011
Hier kann es nicht um eine umfassende Würdigung dieses großen Kirchenmannes gehen. Das traue ich mir auch gar nicht zu. Hier geht es um persönliche Erinnerungen und Eindrücke. Und meine sind durchweg positiv! Der Spiegel brauchte gestern in seiner Online-Ausgabe leider nur wenige Stunden um von der Überraschung über den päpstlichen Amtsverzicht zur ersten Negativ-Würdigung überzugehen. Die Kommentare in den Zeitungen, von Politikern und Bischöfen sind zwar zumeist von Hochachtung geprägt, aber einige Zeitgenossen entblöden sich nicht, in dieser historischen Situation zunächst den dutzendfach aufgekochten Kram neu aufzutischen, den sie seit Jahren erzählen. Aber auch unter Kirchenmännern gab es einige Ausfälle. War es angemessen, dass Erzbischof Stanisław Kardinal Dziwisz von Krakau in seinem Statement an Johannes Paul II. erinnern, der gesagt hatte: „Vom Kreuz steigt man nicht herunter!“ Ähnlich äußerten sich auch einige Leute aus dem traditionalistischen Lager. Eine schärfere und theologisch unfairere Kritik ist ja kaum denkbar. Wenn ein Papst so etwas sagt, der seine persönliche Motivation beschreibt, trotz schwerer Krankheit im Amt zu bleiben, dann ist das sicher gut und richtig. Es aber einem Papst zu sagen, der der Meinung ist, dass die Kirche heute einen Mann auf dem Höhepunkt seiner körperlichen und geistigen Kräfte braucht, lässt mich stark an der seelsorglichen Kompetenz des Sprechers zweifeln. 
Die hinlänglich bekannten Kritiker des deutschen Katholizismus beeilen sich, noch vor Beginn der Fastenzeit den Anlass zu nutzen, ihre sattsam bekannte Kritik an der ach so  papstkritischen deutschen Kirche und ihrer Bischöfe noch einmal zusammenzufassen. Beinahe skurril die Bezüge, die manche Facebook-User zu den Weissagungen des Malachias herstellen; so erleben obskure mittelalterliche Schriften ihre Wiederauferstehung zu den Bedingungen des 21. Jahrhunderts (mit bevorstehendem Weltuntergang natürlich, schließlich ist der Maya-Kalender inzwischen publizistisch „durch“. In diese Kategorie fallen dann auch die Spekulationen über die „passende“ Karikatur des Papsts aus einem Kalender von Sonntag und das originelle Foto, das einen just am Rosenmontag in die Kuppel des Petersdomes einschlagenden Blitz zeigte und nun vielfach gläubig – abergläubig kommentiert wird. Das Naturphänomen scheint manchem interessanter als die Rücktrittsankündigung selbst.
Kontemplatives Kloster
in den vatikanischen Gärten 2007
Ich hoffe sehr, dass die Welt sich in guter Weise von ihrem Papst Benedikt XVI. verabschiedet. Denn dieser hat seinen Dienst als Dienst für die Menschen verstanden, nicht nur für die, die ihn als Oberhaupt der Kirche anerkannten. Ich finde es faszinierend, dass er sich nun in ein kontemplatives Kloster zurückzieht um (gemeinsam mit den dortigen Schwestern (es ist noch nicht ganz klar, ob die Salesianerinnen, die das Kloster im November 2012 geräumt haben, zurückkehren)) für seinen Nachfolger und für die Kirche in der ganzen Welt zu beten. So leistet er seiner Kirche und seinem Gott einen wesentlichen Dienst. Es erinnert mich an die Biografie des Hl. Bruno, der für eine Zeit an den päpstlichen Hof gerufen wurde und der dann, als er spürte, dass es auch ohne ihn weiter ging, wieder in die Stille und Einsamkeit zurückkehrte und die Kartause St. Bruno in Kalabrien gründete, die Papst Benedikt 2011 besuchte. Damals begrüßte ihn der Prior Dom Jacques Dupont u.a. mit folgenden Worten: „Wir sind uns auch bewusst, eine sehr spärliche und geringfügige Aufgabe in der Kirche wahrzunehmen. Unser Leben wird nicht immer gut verstanden, aber wir versuchen nicht, jemanden zu überzeugen, denn die Liebe rechtfertigt sich nicht!“ Diese Worte gelten sicher auch heute, da der Papst sich anschickt den ebenso schlichten wie wichtigen Dienst des Schweigens und Betens auf sich zu nehmen. 

Herr Jesus Christus, wir beten für unseren Papst Benedikt XVI.,
der in einem ungewöhnlichen Schritt seinen Rücktritt erklärt hat.
Wir danken Dir für den aufopferungsvollen Dienst
dieses bescheidenen und klugen Arbeiters im Weinberg des Herrn.
Wir bitten Dich um Deinen Beistand für seine letzten Tage im Pontifikat
und für die darauf folgende, zurückgezogene Zeit.
Gütiger Gott, wir wollen nicht nur für Benedikt XVI.,
sondern auch für die ganze Kirche beten.
Wir wollen die Heilige Kirche der Sorge des höchsten Hirten,
unseres Herrn Jesus Christus, anempfehlen.
Wir bitten seine heilige Mutter Maria,
damit sie den Kardinälen bei der Wahl des neuen Papstes
mit ihrer mütterlichen Güte und Weitsicht beistehe.
Herr, sende Deinen Heiligen Geist! Amen
(Quelle: www.katholisch.de)