Donnerstag, 26. April 2018

Was nun, Angstprediger? Was tun, Liane Bednarz?

Hier folgt der abschließende Teil meiner Gedanken zu Liane Bednarz Buch "Die Angstprediger". Daher nun auch mit einigen kritischeren Bemerkungen.

Dass ich hier dieses offizielle Autorenportrait verwende, liegt in der Beobachtung begründet, dass einige Fundamentalkritiker glauben, ihre "Argumente" durch besonders unvorteilhafte Fotos der Autorin stützen zu müssen. Eigentlich sollte ein Autor, der seine Weltsicht durch eine immergültige Philosophie geschärft glaubt, instinktiv spüren, dass er solche Stilmittel nicht nötig haben sollte. Und die Anderen könnten schlicht aus Anstand ein besonders schönes Foto verwenden, auch wenn sie die Autorin inhaltlich scharf unter Feuer nehmen. (Wollte ich nur mal so loswerden...) 

Zur Kontroverse um die Person Liane Bednarz

Es bleibt mir im Grunde rätselhaft, warum Liane Bednarz ein derartiges Feindbild darstellt, warum man sich unter (gewissen) konservativen Katholiken gern über sie lustig macht (um es mal freundlich zu formulieren). Im Grunde möchte ich es auch gar nicht im Detail wissen, aber sicher spielt eine Rolle, was Harald Stollmeier in seiner Buchbesprechung bei „the cathwalk“ andeutete, dass ihre Abwendung von einem gewissen konservativ-katholischen Milieu mit politischen Ambitionen als Verrat begriffen wurde. Und in dem ihre nachfolgenden Veröffentlichungen als „Namedropping“ und „Geisterjagd“ abgetan wurden, ohne auf die Substanz ihrer Kritik überhaupt einzugehen. Sehr schnell stand als Urteil fest: Bednarz Kriterien seien willkürlich und subjektiv. Man könne im Buch weder Sachlichkeit noch Niveau erkennen. Ergebnis: Buch irrelevant und die kritischen Fragen darin uninteressant.

Liane Bednarz steht/sitzt zwischen den Stühlen, zwischen den Lagern mit ihrer Kritik. Und klare Abgrenzung ist ja das Rezept, mit dem man hier politisch „Nektar“ saugt. Gegen einen klar definierten Gegner läßt es sich leicht kämpfen. Man vereinfacht die komplexe Welt und am Ende ist Bednarz ein „linke Publizistin“ oder war ein „linkes U-Boot“. Und eine komplexe Welt wird auf einmal erklärbar. Hier die Guten, dort die Bösen, hier die Rechten, dort die Linken, hier die Deutschen, dort die Fremden. Besonders putzig wirds, wenn sich die extreme Linke wegen anderer Themen über Liane Bednarz zu Wort meldet.

In der Diskussion um Bednarz vorheriges Buch „gefährliche Bürger“, das sie zusammen mit dem liberalen Politiker Christoph Giesa schrieb, wurde der Autorin vorgehalten, sie könne gar nicht schreiben, ihre Behauptungen seien nicht ausreichend belegt und ihr Beitrag zum gemeinsamen Buch sei im Grunde nur marginal gewesen.
Von diesem Vorwurf bleibt – nachdem ich nun das neue Buch gelesen hatte – nicht viel übrig. Es liest sich flüssig, ist spannend geschrieben und stringent aufgebaut.

Man hat Liane Bednarz „Panikmache“ und „Geisterjagd“ vorgeworden oder die Skandalisierung von Randbemerkungen, mit denen sie Personen, Medien und Organisationen pauschal als problematisch und „rechtsradikal“ abstempele. Auch das kann ich nicht bestätigen. Verständlicherweise wird es niemanden erfreuen, in dem Buch erwähnt zu sein. Aber eigentlich kann sich auch niemand über eine ungerechte Behandlung oder absurde Zuspitzung beschweren. (Wer sich allzu spitzfindig, mehrdeutig oder ironisch ausdrückt darf sich nicht wundern, nur in der allgemeinen Tendenz "verstanden" zu werden.) Liane Bednarz ist nicht ungerecht, sondern durchaus differenziert (ob sich das dem unbedarften oder gar linken Leser immer erschließt, vermag ich nicht zu beurteilen). Ich erinnere mich persönlich auch bei manchen der benannten Akteure an weit schärfere Positionen in spontanen Facebook-Wortmeldungen der letzten Jahre. Oder an obskure Beiträge, bei denen ich manchmal per Kommentar anregte, auf deren Weiterverbreitung doch besser zu verzichten, um das eigene Renommé nicht zu beschädigen.

Bednarz Buch ist keinesfalls eine stumpfe Liste „neurechter“ Christen und problematischer Autoren, sondern liefert zahlreiche Belege für die These, dass konservative Christen teilweise auch politisch nach rechts driften.
Bednarz hält einen Spiegel vor. Er ist durchaus kein Zerrspiegel und wir sollten offen hineinschauen und uns prüfen. Die abschließende Bewertung nimmt sie uns nicht ab, aber sie bietet Maßstäbe an. Die müssen wir nicht übernehmen, aber verstehen und bedenken sollten wir sie schon, denn Christen sind immer zur Umkehr aufgerufen und dürfen sich an Jesu Wort neu orientieren. Nein, das Wort Christi ist niemals rechts. Aber es ist legitim zu prüfen, ob es letztlich um seine Nachfolge geht oder ob jemand Jesu Wort (und Zeichen) für eigene Interessen einspannt.

Mancher Widerstand gegen die Anfragen von Liane Bednarz wird damit begründet, sie wende sich insgesamt gegen das konservative katholische / evangelikale Milieu, sie stemple deren Überzeugungen schlicht und unberechtigt als „rechts“ ab, ja sie verdächtige insgesamt die Kirche rechter Umtriebe. Das wäre übertrieben und das gibt eine unvoreingenommene Lektüre des Buches absolut nicht her. Wenn, dann beklagt die Autorin, dass die Kirchen als Institution nicht aufmerksamer das Treiben ihrer sog. „Angstprediger“ verfolgen und dagegen vorgehen. Aber hierzu werde ich später noch einige Gedanken notieren.

Im rechts-konservativen Mileu gibt es durchaus auch Zustimmung zum Buch, wie auch Desinteresse, weil einen die Thematik persönlich gar nicht betrifft. Die ablehnenden Reaktionen (die teils schon vor Erscheinen des Buches formuliert wurden) kann man grob in vier Variationen einordnen:
  • Das Buch wird in Bausch und Bogen abgelehnt und es wird mit schillernden Argumenten widersprochen (bis hin in die Amazon-Rezensionen), obwohl es offenbar weder gelesen noch das Anliegen verstanden wurde. Einige verleihen ihren Aussagen sogar Relevanz indem sie betonen, sie hätten es in der Buchhandlung in der Hand gehalten und ihnen sei beim Blättern aufgefallen...
  • Es wird konstatiert, dass mit der Autorin etwas nicht stimme, daher seien auch ihre Argumente eigentlich für die Tonne. Eine Alternative zu dieser Linie ist die, dass es der Autorin nur ums Geld ginge, das man mit diesem Thema aktuell gerade „machen könne“. Mit diesem Argument bliebe aber auf dem Büchermarkt nicht mehr viel übrig, vor allem nicht mehr viel, was man dann noch lesen möchte.
  • Andere Rezensenten bzw. Reaktionen sind, dass die Autorin eine ganz normale, berechtigte Haltung kritisiere. Der wahre Christ sei eben rechts und konservativ und rechte Positionen würden unberechtigterweise von links kritisiert bzw. skandalisiert. Überhaupt würde die Autorin die differenzierte Argumentation der rechts-konservativen Christen unzulässigerweise mit verdrehten und verkürzten Zitaten belegen und sich nicht die Mühe machen, die evtl. feineren Schattierungen der geäußerten Überzeugungen auch zu verstehen. Die Autorin unterscheide auch nicht genug zwischen legitimen rechten und rechtsextremistischen Positionen und gäbe der „Linken“ Argumente in die Hand die konservative Weltsicht noch weiter zu diskreditieren. Auch insgesamt sei die Kirche zu weit nach links gerückt und brauche die wahren, konservativen und überzeugten rechten Christen. Und die seien keineswegs Angstprediger, sondern bemühten sich um einen Lebensweg, mit dem sie vor dem Richterstuhl Christi bestehen könnten.
  • Die vierte Gruppe von Reaktionen beklagt, dass Liane Bednarz wohl viel von Dialog spreche, aber dass ihr Buch kein wirkliches Dialogangebot sei, sondern eher als Angriff auf die eigenen Positionen empfunden wird. Die Autorin fordere nur, trage Unruhe in die Kirchen und spiele Christen gegeneinander aus. Einen echten Dialog wolle sie nicht bzw. der sei mit ihr auch nicht möglich.
Was Bednarz in ihrem Buch berichtet, hat mich überhaupt nicht erstaunt. Ich habe – leider – nur wenig Neues erfahren. Das was sie berichtet, ist offenkundig und vielfach belegt und genau das, was mir aus dem Netz täglich entgegen schallt. Von „Geisterjägerin“ kann keine Rede sein. Allenfalls bleibt die Frage, wie man die offenkundige Übernahme rechter Positionen, die Zusammenarbeit und die Solidarität mit Personen, Parteien und Bewegungen und die publizistische Unterstützung für deren Thesen in den christlich-kirchlichen Raum hinein zu bewerten hat. Während katholischer Saure-Gurken-Zeiten (wo gerade nichst über Papst Franziskus, dem Vatikan und der DBK zu berichten ist) werden von konservativen Akteuren und Vereinigungen in den letzen Jahren auffällig zunehmend „Nachrichten“, teils aus zweifelhaften Quellen zu sehr politischen Themen geteilt und verbreitet. Gleichzeitig nimmt man offenbar den Widerspruch nicht wahr, gleichzeitig von – als liberal gestempelten – Bischöfen und Kirchenleuten vehement politische Zurückhaltung einzufordern.

Dabei fällt auf, dass der Stempel „liberal“ oder „konservativ“ gern anhand solcher theologieferner Wortmeldungen der Bischöfe verteilt werden. Wie wenig solche „Stempel“ oft passen, zeigt sich aktuell bei Kardinal Woelki, der sich gerade vom Outlaw zum Lieblingskardinal der Konservativen wandelt, ohne seine Positionen und Überzeugungen überhaupt verändern zu müssen.

Erschwerend kommt hinzu, dass offenkundig sowohl auf Seiten der Autorin als auch auf Seiten ihrer schärfsten Kritiker Verletzungen und Empfindlichkeiten vorhanden sind, die manchmal eine mögliche Verständigung schwierig bis unmöglich machen.

Wohin fährt der Zug? Sind „Angstprediger“ auch „gefährliche Bürger“?

„Die Allianzen zwischen christlichem und rechtem Denken haben sich weit über das Pegida – Milieu hinaus verstärkt und werden auch offener gezeigt als früher.“ So resümiert Liane Bednarz auf S. 188 ihres Buches, nachdem sie entsprechende strategische Planungen von Götz Kubitschek zitiert hatte. Offenbar haben die Strategien einen gewissen Erfolg.

Ob man das aber wirklich so werten muss, da bin ich persönlich unsicher. Mag auch der Kontakt fester geworden sein, mögen auch gemeinsame Themen die Gruppen verbinden, eine über die bisherigen Protagonisten hinaus gehende Breitenwirkung ins allgemeine christliche Milieu ist eigentlich kaum festzustellen. Allenfalls sind konservative Christen politischer geworden oder haben den Kampfplatz gewechselt, weil ihnen die Politik „geschmeidiger“ erschien als die eher starren kirchlichen Strukturen.

Nach meiner Wahrnehmung gibt es die meisten Berührungspunkte aktuell mit der AfD und evtl. noch Pegida. Allerdings stößt die Partei und Bewegung aufgrund ihrer offenen Antikirchlichkeit sicher so viele Christen ab (oder hält sie auf Distanz) wie sie für sich gewinnt. Diese tragen häufig auch massive Enttäuschungen und Frustrationen mit sich und erwarten von der „offiziellen“ Kirche nicht mehr viel. Das fröhliche „Bischofs-Bashing“ gewisser kirchenferner Pegida-Anhänger im Verein mit ultrakonservativen Katholiken befremdet Katholiken, die sich als kirchentreu verstehen (also der normale, breite konservative (Volks-)katholizismus, der immer noch die Hauptströmung des pfarrlich-kirchlichen Lebens bildet). Zur IB und rechten Vordenkern wie Kubitschek und Kositza bleiben selbst katholische Traditionalisten nach meiner Wahrnehmung eher auf Distanz, selbst wenn letztere sich dezidiert christ-katholisch geben. Es wäre sicher einmal interessant zu erfahren, wie rechte Vordenker als Mitglieder in einer konkreten Ortsgemeinde gesehen werden.

Natürlich gibt es AfD und Pegida – Unterstützer auch in christlichen Gemeinden, über den Kreis der konservativen Aktivisten hinaus. Voraussichtlich – wie Andreas Püttmann kürzlich empirisch belegte – sind unter ihnen weit eher „kirchenferne“ Christen als regelmäßige Kirchgänger. Aber dennoch sind sie da.

Diejenigen unter den Konservativen, die ihre (gesellschaftspolitischen) Ziele mit Hilfe der AfD zu erreichen trachten, sollten aufmerksam hinsehen. Ich persönlich habe an dieser Partei zuerst eher die Höckes und Poggenburgs wahrgenommen. Daher war sie für mich nie eine Alternative, weil ich alles durch dieses Brennglas betrachte und auch die Ausfälle mancher anderer Akteure aufmerksam wahrnehme. Auch bin ich sicher etwas empfindlich, durch intensive Beschäftigung mit den Ereignissen und der gesellschaftlichen und politischen Bewegungen der Jahre 1900 - 1945. Aber ich weiß, dass man die Partei auch anders betrachten kann. Es ist sicher unfair, alle AfD-Wähler unmittelbar für rechtsradikal bis rechtsextrem zu halten. Aber Vorsicht ist geboten, erst recht mit Blick auf die strategischen Pläne der neurechten Vordenker. Sobald das Wohl und die Würde des einzelnen Menschen nicht mehr im Focus stehen, sobald Leben gegen Leben und Chancen gegen Chancen aufgerechnet werden, ist zumindest Vorsicht angesagt. Mit Blick auf welche Ideologie auch immer.

Durch einen Flirt oder gar eine Affaire mit der extremen Rechten schadet sich die kirchlich-konservative Szene selbst. Sie muss damit zu leben lernen, dass sie inhaltlich/theologisch zwar eine recht starke Position hat, innerkirchlich ihre argumentative Stärke aber kaum ausspielen kann.

Die katholische Zeitung „Der Fels“ stellt seit vielen Jahren die katholischen Opfer des Nationalsozialismus vor. Wir können mit Recht stolz sein, auf Viele, die Widerstand leisteten und dafür allzu oft mit dem Leben bezahlten. Und wir sollten uns da nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, selbst wenn es einige dunkle Stellen im Katholizismus gibt, wo Widerstand unterlassen oder gar die Nazi-Ideologie gestützt wurde. Doch aus der Erkundung just dieser dunklen Stellen wachsen uns Erfahrungen zu, die auch für die heutige Zeit hilfreiche Beurteilungsmaßstäbe beinhalten. Was war die Motivation für die sogenannte „Rattenlinie“ nach dem Untergang des zwölfjährigen, angeblich tausendjährigen Reischs? Es war „falsches Mitleid“ mit „Verfolgten“, die angeblich Hitler aus reinem Idealismus unterstützt hatten. Sollte uns nicht gerade dies eine Lehre sein? Eigentlich verbietet sich jede Identifikation mit autoritären Politikern und rechten Ideologen, auch wenn sie Christus, Christus sagen, sich mit Christen zusammen präsentieren oder ein Kreuzzeichen schlagen. Solidarität mit denen, die im Kreuzfeuer der Meinungen stehen (möglicherweise für Positionen, denen ich mich inhaltlich hier und da verbunden fühle) muss nicht kritiklos sein, sondern sollte die Augen öffnen für Aspekte, die vom Weg Jesu Christi abweichen. Neben der Parabel vom toten Fisch, der mit dem Strom schwimmt gibt es auch das sprechende Bild vom Autofahrer dem überraschenderweise zahlreiche Geisterfahrer entgegen kommen. Wohl dem, der dann mit gesunder Distanz auf sein Leben und Agieren schauen kann. 

Es ist verständlich, dass konservative Katholiken in ihrem Engagement für eine traditions- und glaubenstreue Kirche manchmal frustriert sind. Ihre liberalen und lauen Gegner haben aufgrund der anhaltenden „Kirchenflucht“ nach wie vor Oberwasser, weil sie mit dem Argument punkten können, die Kirche müsse sich mehr zur Gesellschaft und zur Welt hin öffnen und „alte Zöpfe“ abschneiden.

Was ist ein sinnvolles Ziel für katholische Konservative? Zurück in vermeintlich bessere Zeiten, wie die 50er Jahre kann niemand wirklich wollen, und wenn er es wollte, kann er nicht wieder dorthin kommen, weil sich der Rahmen völlig verändert hat. Das darf aber auch kein Argument dafür sein, alles, was nach Tradition „riecht“ pauschal als untauglich abzulehnen.

Letztlich hilft nur die Kraft des persönlichen Engagements, die eigene, überzeugende Frömmigkeit, Gesprächsbereitschaft und Einsatz für die Kirche und für den Nächsten. Politischer Einfluss und Applaus von glaubensfernen Rechtsradikalen wird konservativen Positionen in der Kirche sicherlich nicht zum Durchbruch verhelfen.

Die argumentative Durchschlagskraft in den Raum der Kirche hinein, läßt sich nicht durch Verlagerung des Engagements in die Politik steigern. Im Gegenteil, bestärkt man doch damit die liberale bzw. laue innerkirchliche Opposition. Und liefert diesen weitere und begründetere Argumente, deren Positionen als „Rechtskatholizismus“ zu marginalisieren. (Da muss völlig klar sein, dass Liane Bednarz, Andreas Püttmann und Andere zwar die Überbringer einer Nachricht sind, aber sie sind nicht die Täter.) Auch ist ja inzwischen deutlich zu erkennen, dass sich Personen vom konservativen Milieu absondern und sich klar von allen Kontakten ins politisch rechtere Milieu distanzieren. Da ist die Autorin des Buches selbst ein prominentes Beispiel, wie auch der katholische Publizist Andreas Püttmann und manche mehr. Es ist eine deutliche Spaltung der christlich-konservativen Szene zu beobachten.

Wir (damit meine ich alle Menschen guten Willens, die persönlich gläubig sich für eine lebendige und glaubensfrohe Kirche bemühen) müssen unsere Meinungen äußern, mit der Liebe und Geduld, die auch Jesus (meist) an den Tag gelegt hat und mit der Bereitschaft, auch weiterhin Tag für Tag unser Kreuz zu tragen und unserem Nächsten – und sei er noch so links- (oder rechts-)katholisch die Last des Kreuzes zu erleichtern, wie einst Simon von Cyrene.

Bei aller Offenheit braucht die Kirche auch eine klare, erfahrbare Struktur mit dem einen Ziel: Gott die Ehre zu geben, ihn anzubeten, ihm Raum in unserem Leben zu bieten und mit Gottes Hilfe die Welt ins Gebet zu nehmen und in seinem Sinne zu beackern.

Liane Bednarz beklagt, dass die kath. und evangelische Kirche sich kaum um die „Angstprediger“ in ihren Reihen kümmern und das Problem nicht energisch angehen. Daraus ergeben sich spannende Fragen, da die konservativ – katholische Szene aktuell im Umbruch steckt. Konnte man früher (zur Zeit der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI.) anhand des Kriteriums der „Papst- und Romtreue“ ein gewisses Koordinatensystem für die kirchliche Szene entwickeln, so kehrt sich dies aktuell etwas um. Weil es einigen Leuten schwer fällt, Papst Franziskus hier als klaren, eindeutigen Pol zu verorten, entsteht hier heute eine gewisse Unordnung. Liberale Bewegungen bekennen sich plötzlich (recht selektiv) zu päpstlichen Aussagen, Konservative erinnern sich sentimental an die Predigten von Papst Benedikt XVI.. Während früher von einzelnen Leuten annähernd alle deutschen Bischöfe als laue „Mietlinge“ geschmäht wurden, sucht man aktuell nach rechtgläubigen Bischöfen, die in der neuen Unübersichtlichkeit in der Kirche durch konservative Glaubenstreue glänzen.

Diese kirchenpolitischen Umbrüche beschäftigen viele kirchliche Akteure so sehr, dass sie den ins politische abdriftenden – auch zuvor schon randständigen Katholiken – zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Da deren Wirksamkeit in den katholischen Gemeinden jedoch seit vielen Jahren denkbar marginal war, erwarte ich auch keine ernstzunehmende „Rechtsdrift“ der katholischen Kirche insgesamt.

Viel spannender dagegen finde ich die Frage, wie wir innerkirchlich „mit Rechten zu reden“ lernen können. Wie kann es gelingen, auf berechtigte Fragen und Sorgen angemessene Antworten zu geben? Wie kann das gehen, dass mehr oder weniger kirchentreue, liberale und konservative Christen miteinander ins Gespräch kommen und Extrempositionen überwinden. Das Bednarzsche Buch bietet eine zuverlässige Problembeschreibung. Nun gilt es, sich den Problemen und Gesprächen zu stellen. Gesprächsblockaden gibt es auf beiden Seiten, wie die heftige Diskussion um den Auftritt eines AfD-Vertreters beim Katholikentag in Münster zeigt. Daran scheiden sich die Geister extrem. Während Liane Bednarz eher für das Gespräch plädiert ist Andreas Püttmann der entschiedendste Gegner eines solchen Gesprächs. Ich habe an anderer Stelle in diesem Blog schon einmal als verbindende Position vorgeschlagen, die notwendigen Gespräche auf jeden Fall und intensiv, aber hinter verschlossenen Türen zu führen. So dass keine Seite damit öffentlich allzu sehr „punkten“ kann. Die Kirche ist nicht dazu da, populistische Positionen zu verbreiten und entsprechenden Personen ein Podium dafür zu bieten. Gegen Populismus und Demagogie hilft die Stimme der Vernunft in einem öffentlichen Dialogforum nur bedingt. Diese Überlegung gilt in gewisser Weise aber für „politische Bühnen und Podien“ insgesamt.

Aber auch jenseits der Mikrofone und Lautsprecher könnte unter kirchlichen Dächern eine neue Dialogkultur wachsen, im Sinne eines Wortes von Freré Roger, dass Christen dazu berufen seien, Ferment der Versöhnung in der Gesellschaft zu sein. Oder, wenn Sie es so möchten: Salz der Erde, Licht der Welt...

Abschließend frage ich mich, auch angesichts der aktuellen originellen Versuche des bayrischen Ministerpräsidenten, eine Art politischer Kreuzestheologie zu entwicken, warum es bis heute nicht gelungen ist, eine Partei zu gründen, die aus christlichem Geist den Schöpfungsauftrag annimmt und die Welt zu einem menschenfreundlichen, freien, pluralistischen, offenen Ort zu machen. Eine Partei, in der nicht nur eine etwas abstrakte christlich-jüdische Kultur im Focus steht und ein etwas trockener Gottesbezug in Grundgesetzen befürwortet wird, sondern eine Partei, deren Akteure aus dem Glauben an Gott und aus Liebe zu den Menschen aktiv werden. Und dabei ein politisches Angebot machen, das z.B. auch von Muslimen (und Anderen) in der Weise angenommen wird, wie sie heute vielfach auch kirchliche Kindergärten und Krankenhäuser schätzen, weil dort der Glaube an Gott noch eine Bedeutung hat. Ein politisches Angebot, dass niemanden zum Glauben drängt, sondern zeigt, dass ein Leben nach den Geboten Gottes auch ein Leben ist, dass dem Menschen an sich und seiner Freiheit gerecht wird. Warum könnte man „rechts“ nicht in diesem Sinne einfach neu erfinden, nicht als Neuauflage eines ewigen, darwinistischen Konkurrenzkampfes um Recourcen und Macht, sondern als Dienst am realen Menschen, meinem Zeitgenossen, meinem Nächsten. Einen Dienst, in dem wir dem Lebensopfer Jesu Christi auch in unserem gesellschaftspolitischen Engagement zumindest anfanghaft nacheifern.

Montag, 23. April 2018

Brückenbau von Rechts ins katholische Lager? Liane Bednarz Angstprediger


Hier nun der 2. Teil meiner Gedanken zu den Angstpredigern, notiert bei der Lektüre dieses Buches:

Was bringt Christen nach rechts? Solidarität der Marginalisierten?

Letztlich problematisiert Liane Bednarz in ihrem Buch eine offenkundige Entwicklung, die jedem, der Kontakte ins konservativ-traditionalistische Milieu pflegt, nicht entgehen konnte: Die zunehmende Solidarisierung mit Personen und Parteien des rechten Mileus. Sie beobachtet eine gewisse Solidarität der Marginalisierten.

Ein Grund für solche Solidarisierung liegt wohl in Erfahrungen, die fromme Katholiken mit politisch Radikalen teilen. Ihre Überzeugungen interessieren kaum jemanden, ihre Vorstellungen für eine bessere (christlichere) Gesellschaft lassen sich nicht realisieren. Und in einigen Themenfeldern hat man möglicherweise vergleichbare Vorstellungen.

Christliche AfD-Unterstützer seien, merkt Bednarz auf S. 223 des Buches an, „so sehr auf ihre Schlüsselthemen wie Abtreibung, Gender und Islam focussiert, dass ihnen der Blick dafür fehle, was sie alles mit dazu erhalten.“ Diesen Eindruck teile ich.

Menschen, die bei sich bei Pegida und AfD engagieren, kennen die Erfahrung von Dialogverweigerung und Abwehr ihrer Klagen und Ideen allzu gut. Daher auch das Bemühen, ihre Minderheitenposition als „gesunden Menschenverstand“ allgemeingültig zu machen oder man präsentiert sich als „das Volk“ oder gar als Stimme einer „schweigenden Mehrheit“.

Auch wenn es uns Christen sympathisch ist, dass Probleme, wie sie z.B. im Gefolge der Migration nach Deutschland getragen wurden offen angesprochen werden oder sich Bewegungen plötzlich mit Fragen der Abtreibung, des Islam und der sozialen Gerechtigkeit beschäftigen, sollten wir genau hinschauen, ob sich die vorgeschlagenen Lösungen mit dem Wort und Beispiel Jesu Christi in Einklang bringen lassen.

Ich frage mich schon lange, warum brauchen konservative Katholiken solche Koalitionspartner? Wir sind doch davon überzeugt, dass die Wahrheit sich durchsetzt, aus ihrer inneren Kraft heraus.

Nichts nötigt uns, uns mit denen gemein zu machen, die wegen ihrer steilen Thesen in der Diskussion stehen, selbst wenn sie dafür von „Linken“ unter Feuer genommen werden. Mag es einen konservativen Christen auch an leidvolle Erfahrungen erinnern, mit den eigenen Überzeugungen unter Druck zu stehen, so ist Solidarität um der Solidarität willen nicht immer angemessen.

Verbindende „Trigger“ - Zeitgeist – politische Korrektheit

Wo vom Zeitgeist geraunt wird, da steckt meist der immer gleiche, frustrierte Kulturpessimismus dahinter. Und letztlich blockiert diese Haltung Mission in der Welt und das unbefangene Zugehen auf Menschen, die sich zumindest vorsichtig für den Glauben interessieren. Wie gern wird der evangelischen Kirche vorgeworfen, sich der „Diktatur des Zeitgeistes“ zu ergeben. Und gleichzeitig ist es interessant, dass diese zum Beispiel zum Islam ein sehr kritisches Dokument herausgegeben hat, dass aber in der „Szene“ keinesweg rezipiert und zitiert wird. Vermutlich wegen dessen letztlich differenzierten Gesamthaltung. Da wählt man sich lieber den humanistisch-atheistischen Aktivisten der Giordano-Bruno-Stiftung Hamed Abdel-Samad zum Kronzeugen und Islamkenner. Ja, er kennt den Islam, aber nur den, von dem viele christliche Islamskeptiker gerne hören. Aber letztlich ist das, als würde man sich von Michael Schmidt-Salomon einen Katechismus formulieren lassen.

Dem „Zeitgeist – Konzept“ verbunden ist auch das Schlagwort von der „politischen Korrektheit“, beide sind zu einem Modewort in politisch rechten Kreisen wie unter konservativen Christen geworden. Anders formuliert verbirgt sich hinter „politischer Korrektheit“ so etwas wie Anstand, Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz. Sie schiesst sicher hier und da über das Ziel hinaus, wenn sie aber zu bekämpfen wäre, dann nur im Sinne solcher Übertreibungen, aber nicht als Idee selbst. Mit dem Spruch „man wird doch noch sagen dürfen“ - sollte man sich nicht jeden Radikalismus und jede Nonsens-Bemerkung erlauben. Man darf sicher alles sagen, aber vieles davon ist (im Sinne von „Schweigen ist Gold“) nicht klug, anderes ist falsch und weiteres ist verletzend und bringt Menschen gegeneinander in Stellung.

Selbstredend versuchen eher "linke" Aktivisten christlich-konservative Positionen mit Hilfe der berühmten "Rechtsextremismuskeule" zurückzudrängen und zu verhindern, dass sie überhaupt auf die Agenda kommen. Das ist ja sogar anhand der aktuellen Debatte über antisemitische Übergriffe auf jüdische Bürger zu beobachten. Auch hier gilt es genau hinzuschauen. Peinlich finde ich in diesen Tagen die Wortmeldungen zahlreicher Politiker, die die Selbstverständlichkeit in die Welt posaunen, dass niemand wegen des Tragens religiöser Symbole (insbesondere der Kippa) angegriffen oder angepöbelt werden dürfe. Und dies, ohne auch nur einen Halbsatz dazu zu verlieren, was sie konkret an Maßnahmen planen, um dies zu verhindern. Das ist wohlfeil und billig! Die Sache ist nicht gelöst, wenn man den syrischen Täter jetzt schnell nach Damaskus zurück schickt. 

Auch ist der „Gesunde Menschenverstand“ nicht immer gesund und Freiheit hat ihre Grenzen in der Freiheit des Anderen. Es kommt also immer auf ein ausgewogenes Verhältnis, auf Maß und Mitte an. Niemand kann gegen Anstand und Rücksichtnahme sein, aber auch nicht gegen gesunden Menschenverstand, Freiheit und offene Rede. Aber Extreme müssen ebenfalls benannt und begrenzt werden. Am Wirkungsvollsten durch engagierte Gegenrede und Argumentation.

Katholiken, Homophobe, Islamkritiker, Heimatfreunde, Genderkritiker vereinigt euch?

Ein Beispiel wunderlicher Solidarisierung ist der Schriftsteller Akif Pirinçci, der Gegenwind aus allen Richtungen wegen seiner vulgären und teils unmöglichen und menschenfeindlich, sexistischen Ausdrucksweise bekommt. Diese würde man auch sonst niemandem durchgehen lassen. Warum stellen sich manche Leute hinter ihn, wenn er gewisse Reizthemen anspricht, statt ihm deutlich zu sagen, dass er sich in seinem Furor verrennt? So halte ich „Verschwulung“ nicht für eine Vokabel, die Katholiken auch nur ansatzweise akzeptieren sollten. Der damit ausgedrückte Subtext geht weit, weit über den Katechismus hinaus.

Und was sollte uns als Christen veranlassen, einem erfolgreichen Buchautor, dessen Thesen in allen Foren diskutiert, auf allen Podien besprochen und dessen Verkaufszahlen durch die Decke schießen, für ein Opfer von Tugendterror zu halten? Herr Sarrazin ist sicher Manns genug, seine Dinge zu sagen, er braucht keine katholische Sekundanz! Auch bis zum Erscheinen seines Buches war es möglich, auf die Probleme der Migration und der zunehmenden Auflösung sozialer (oft noch dörflich-kleinstädtischer) Milieus in Deutschland durch die zunehmend erforderliche Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt hinzuweisen und dies zu diskutieren. Allerdings im Sinne eines gesetzeskonformen Prozesses der verbesserten Integration, Bildung, Aufbau sozialer Strukturen etc... Die beliebte Formel von „Man wird doch wohl noch sagen dürfen...“ (in vielen Varianten), wird doch im Grunde immer dann bemüht, wenn Positionen vertreten werden, die zu Recht zu Widerspruch und zur Gegenrede herausfordern.

Das wird man doch noch sagen dürfen?!

Notwendiger Widerspruch braucht es nämlich dort, wo Vorstellungen „gesagt werden dürfen“, die sich in gesetzlichen Zwangsmaßnahmen erschöpfen, den Rechtsstaat aushöhlen, ausschließlich auf harte Strafmaßnahmen setzten oder die „Lösung“ aller Probleme durch „Wegschaffen“ derer zu setzten, die Probleme verursachen. Nein, solcher Widerspruch ist kein Zeichen dafür, dass „man etwas nicht formulieren darf“ wenn auch nicht unbedingt, dass die vorgeschlagene Maßnahme falsch ist. Solcher Widerspruch sollte – zumindest von uns Christen – ernst genommen und Gegenargumente erwogen werden. Davon ist leider in vielen, ach so "christlichen" Diskussionsforen wenig zu spüren.

Hier könnten wir uns engagieren, hier ist christliche Diskussionskultur gefordert. Die einfache Lösung ist nicht immer die Beste. Als Theologen sollten wir wissen, wie komplex die Welt ist. So sehr ich selbst ab und an die Sehnsucht nach einfachen Lösungen teile und von besseren Zeiten und alten Tagen träume...

Liane Bednarz untersucht in ihrem Werk eine ganze Reihe von „Brückenthemen“, anhand derer es zu Kontakten und Allianzen über den Graben zwischen Konservativen und Rechten kommt.

Zäune bauen – Abschieben:

Ein Problem, das ich einfach ins Ausland verlagere, ist nicht weg. Und zudem kann ich nichts mehr zur Lösung der Schwierigkeiten beitragen. Ein Straftäter in Algerien richtet in Deutschland vielleicht keinen Schaden mehr an, kann aber in den Strukturen der Mafia oder des Islamischen Staats weit gefährlicher für Menschen werden, als er es in Deutschland jemals gewesen wäre. Die Probleme im Ausland fallen uns vielfach wieder „auf die Füße“. Wie sich ja angesichts von Migration und Terror sehr schmerzhaft in unseren Tagen zeigt. Kein Zaun der Welt wird uns letztendlich alle Krisen unserer Zeit vom Halse halten. Allenfalls werden uns solche „Lösungen“ kurze Atempausen verschaffen, um dann umso heftiger auf uns einzuprasseln.

Der „liebe Doktor“, der nicht wehtut, der die Krankheit begrenzt und ihre Symptome ertragbar macht, ist nicht zwingend der bessere Arzt als der, der vielleicht manchmal etwas grob erscheint, sein Handwerk aber versteht und der Erkrankung auf den Grund und an die Wurzel geht. Von daher sollte man die allzu leichten Lösungsvorschläge nicht allzu fröhlich unterstützen.

Abtreibung und Ehe für Alle

Auch im Kapitel des Buches, wo es um die Sexualmoral, um Ehe und Genderfragen geht, ist mir ab und an die Frage gekommen, ob man hier klar definieren kann, mit welcher Position, Grenzen und rote Linien überschritten werden. Sicher nicht mit den Haltungen, die der Katechismus der katholischen Kirche nahe legt. Wenn man hier sehr konservativ denke, trifft man sich in den Überzeugungen sicher leicht mit denen von AfD und Protagonisten der Neuen (und alten) Rechten. Bin ich dann etwa schon „rechts“? Diese Anfrage an Liane Bednarz ist ja immer wieder zu hören. Die Gefahr besteht, dass sie durchaus so missverstanden werden kann, wenn sie engagiert die Koalition von christlichen Aktivisten, Lebensschutzbewegung und „Demo für Alle“ mit der AfD (+ Co.) beleuchtet. Aber sie macht auch klar, dass es nicht nur einfache AfD-Leute oder „normale Bürger“ sind, die hier gute Anliegen und Ziele durch Teilnahme an Demonstrationen unterstützen. Unter ihnen sind auch Strategen, die Bürgerliche und konservative Christen für ihre Ziele einspannen möchten und deren politischer Horizont weit über das konkrete Thema hinaus geht.

An einigen Punkten ist es inzwischen so, dass Organisationen und Personen bestens vernetzt sind mit AfD und neurechten Organisationen. Bednarz liefert manche Beispiele. Von daher verwundert es nicht, wenn umgekehrt extreme Linke diese Demonstrationen nicht in der Sache betrachten, sondern zu getarnten rechtsextremen Aufmärschen umdeuten oder als eine Art Trojanisches Pferd betrachten, mit dem neue Sympathisantengruppen erschlossen werden sollen. Nichts kann die Machenschaften ultralinker Gruppierungen im Umfeld solcher Aktionen entschuldigen. Man kann sich auf Demonstrationen seine Unterstützer oft nicht aussuchen, aber zumindest doch sorgfältig organisatorische Verflechtungen vermeiden.

Sexualisierung, Homosexualität, Genderfragen

Bednarz betont, dass sie religiöse Überzeugungen keineswegs in die Kategorie „rechts“ einordnet, ja sich selbst eher als traditionell christlich (evangelisch mit katholischen Sympathien) einordnet. Aber das wird vermutlich fix überlesen. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass einige christliche Aktivisten bei diesen Themen die katholische Katechismusposition längst verlassen haben und zu weit extremeren Haltungen und Formulierungen gefunden haben. Seltener äußern sie diese dann bei „Maischberger + Co.“ oder bei Reden auf offenen Bühnen, sehr wohl aber bei Facebook und Twitter.

Bednarz macht deutlich und begründet dies auch überzeugend, dass manche ihrer „Angstprediger“ aus dem Thema „Gender“ eine Art Popanz kreieren und bekämpfen, den es in der Realität so gar nicht gebe. Als Beleg für die Panikmache um Gender werden dann aus der bunten Welt des extremen Feminismus oder auch aus dem Wissenschaftsbetrieb einzelne Akteure identifiziert und zu Kronzeugen und Lieblingsgegnern stilisiert. Sicher gibt es Übertreibungen, aber den weitaus meisten Akteuren geht es schlicht um Gleichberechtigung und Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern. (Ja, an dieser Stelle kann die allgemeine Verschwörungsschleife nun losgehen: als "Gutmensch" erkenne ich die Gefahr des Genderismus nicht, sogar der Papst warne davor, ich verharmlose die Gefahren, es seien weltweit Strategen am Werke, die göttliche Schöpfungsordnung aufheben wollten, vermutlich noch unterstützt von Bill Gates und Soros - Stiftungen und Freimaurern. Und dass ich mich darüber lustig mache, zeige doch die Naivität, mit der ich den Gender-Strategen auf den Leim gehe.)

Das Gespräch mit jungen und alten Menschen zeigt doch immer wieder, wie viel Sehnsucht nach dem Guten es gibt, nach Treue, wahrer Liebe, gegenseitiger Hilfe. Es kommt darauf an, wohin ich meine Aufmerksamkeit richte. Warum können wir uns nicht freuen, wenn eine junge linke Feministin, die Darstellung von Frauen als Ware kritisiert? Warum im Gegenzug nicht klar kritisieren, wenn Matthias Matussek für sein neuestes Buch ausgerechnet mit der nackten Konzeptkünstlerin Milo Moiré wirbt? Möglicherweise ist das nur, wonach es aussieht: ein Aufleuchten lüsterner Männerphantasien, die auch das Herz konservativer Katholiken bedrängen mögen. Auch wenn sie sich angeblich aus Protest gegen sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen nackend auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln präsentiert hatte, ihre sonstigen Auftritte und Botschaften sind für mich als Katholiken nicht weniger verstörend als ein FEMEN - Protest. Da lasse ich sie gern nackend sein und ziehe meiner Wege, statt mich mit ihnen gemein zu machen. Es hat etwas von Doppelmoral, dem Einen etwas durchgehen zu lassen, weil ich ihn für einen Freund halte, während beim Anderen allzu fix eine ehrenhafte Motivation ausgeblendet wird.

Wenn Gabriele Kuby die traditionelle Familie fördern will, warum reist sie da (ich unterstelle mal ehrenhafte Motive) zu einem Kongress nach Rußland, wo sie auf lauter undurchsichtige Partner und unbekannte Organisationen mit höchst unklaren Zielen trifft? Vermag Frau Kuby all dies auszubalancieren? Auch wenn Präsident Putin sich als orthodoxer Gläubiger präsentiert, eine kritische Distanz ist bei ihm weit mehr geboten als ein klarer Abstand zur Bundeskanzlerin. Was spricht dagegen Rußland, seine Menschen, seine Religion und Kultur wertzuschätzen. Dafür muss niemand Putin umarmen.


Islam – Islamismus – Islamisierung – christliches Abendland

Es ist verständlich, dass Christen einen glaubensstarken Islam als bedrohlich erleben, während sie gleichzeitig ein eher glaubensschwaches Christentum erleben. Dieses hat seinen stützenden, äußeren Halt durch die zunehmend pluralistische, postchristliche, demokratische Gesellschaft weitgehend verloren. Und es krankt nach wie vor daran, dass Menschen mit der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten negative Erfahrungen gemacht haben. Es ist erstaunlich, dass sich solche negativen Erfahrungen und die hieraus folgende Abkehr von der Kirche sogar noch über Generationen weiter "vererben". Kirche wird und wurde als Zwangsorganisation erlebt, die die persönliche Freiheit und Entwicklung beschnitt und hemmte. Aus mancherlei Gründen befreien sich Menschen von kirchlichen Bindungen, auch wenn es aktuell schwer wäre, persönlich negative Kirchenerfahrungen zu machen. Wir müssen den verklärten Blick auf die 50er Jahre aufgeben, als die Kirche nach den traumatischen Erfahrungen der Nazizeit eine Scheinblüte erlebte. Diese Blüte hatte auch einen Preis, den wir heute abzahlen. Warum das so ist, das kann in wenigen Sätzen nicht geklärt werden. Dass es so ist, das erlebe ich beinahe jeden Tag, wenngleich ich in diesem Phänomen nicht den Hauptgrund für die Krise der Kirchen entdecke.

Der Islam dagegen hat durchaus noch stützende Halteplanken, vor allem in Europa sind das: die Suche nach Identität in der Fremde, die damit korrespondierende Verunsicherung, die Heimatgefühle und die Landestraditionen, vor allem aus der Türkei. Als weitere Stärke erweist sich unter den freiheitlich - demokratischen Bedingungen das Fehlen einer Großinstitution. Im Islam ist jeder Gläubige unmittelbar Gott gegenüber verantwortlich, kirchenähnliche Strukturen fehlen. Eine Auflehnung gegen den Islam ist daher kein Kampf gegen eine Kirchenstruktur sondern richtete sich gegen Gott selbst.

Umso wichtiger ist es, dass wir als Kirche auf Christen setzen, die dies aus „Einsicht und Entscheidung“ sein wollen. Und dass wir die Kirche als Institution weniger wichtig nehmen, dass sie deutlich spürbar in erster Linie wieder dem Glauben an Gott dient.

Das christliche Abendland, das ausgerechnet von religionsfernen Bewegungen und Parteien (es ist vielfach empirisch belegt, dass keine andere Partei so wenige praktizierende Christen in ihren Reihen hat, wie die AfD und dass die große Mehrheit der PEGIDA-Leute konfessionslos ist) wird so zum beliebigen Popanz. Ein christliches Abendland, bei dem christlichen Wurzeln beschworen werden, erinnert mich etwas an die Formulierung des „ewigen Rom“, mit dem sich die Piusbruderschaft eine Hilfskonstruktion aufgebaut hat, das Lehramt zu abstrahieren und damit den nach dem 2. Vaticanum amtierenden Päpsten den Gehorsam partiell zu versagen. Der Unterschied ist, dass das „ewige Rom“ Orientierungspunkte kennt, die beispielsweise in den Beschlüssen des tridentinischen Konzils kumulieren, es ist damit – anders als das oft beschworene christliche Abendland - kein reines Gedankenkonstrukt, das von zu viel Phantasie und schlechter historischer Bildung zeugt.

Die Wortverbindung Abendland und Christentum ist überhaupt tückisch, denn Christentum ist weit mehr als „christliches Abendland“ und „christlich-jüdische Wurzeln“.
Interessant ist an dieser Stelle, dass Liane Bednarz sich nicht ausdrücklich der Petrus- bzw. Piusbruderschaft in Deutschland widmet. Aber ich nehme ebenfalls nicht wahr, dass die konservativ-traditionalistischen Gemeinschaften eine besondere Nähe zu politisch rechten Akteuren, Parteien und Bewegungen unterhalten, wenngleich es einige Protagonisten aus deren Umfeld gibt, wie z.B. der Dresdner Rechtsanwalt Maximilian Krah oder der Münsteraner Priester Paul Spätling, der sich auf eine der ersten PEGIDA - Demonstrationen verirrte. In anderen europäischen Ländern muss man das leider differenzierter sehen. Ich würde das mal mit der alten Lebensweisheit "Schuster bleib bei deinen Leisten" beschreiben, an der sich die Freunde der "Alten Messe" in Deutschland weitgehend orientieren.

Skurril aber symptomatisch empfand ich eine Schilderung im Buch, wo ein evangelikaler Christ auf einer AfD-Veranstaltung versuchte, AfD-Ziele biblisch zu begründen. Mit Hilfe des Begriffs „Nächstenliebe“ erklärt er u.a., dass all die Flüchtlinge ja aus weiter Entfernung, manchmal über 10.000 km, zu uns gekommen seien. Für so weit Entfernte könne er doch kein Nächster sein. Nächste seien seine Frau und seine Familie. Er verkehrt damit die Aussageabsicht des Barmherzigen Samariters in ihr glattes Gegenteil. Jesus betont, dass derjenige mein Nächster sei, der gerade in diesem Moment meine Hilfe braucht. (Was mich natürlich in keiner Weise der Sorge um meine Liebsten enthebt.) Aber damit bleibt auch zu der Behauptung, das Evangelium fordere keine „Fernstenliebe“, jeder weitere Kommentar überflüssig.

Ganz zu schweigen von der langen Tradition christlicher Mission und der segensreichen Tätigkeit der kirchlichen Hilfswerke wie Misereor, Adveniat und „Kirche in Not“.

Abschließen werde ich diesen Text im Laufe der Woche noch mit einigen Notizen zur Kontroverse um das Buch, um Liane Bednarz und eine abschließende Bewertung des Bandes. Es folgt also noch ein dritter Teil.


Hier lesen Sie den dritten und abschließenden Teil.: 

Samstag, 21. April 2018

Frohe Botschaft gegen Angstpredigt? Unterwanderung statt Pilgerfahrt?

Etwas reißerisch kommt er schon rüber, der Titel des aktuellen Buchs von Liane Bednarz: „Die Angstprediger - Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern.“ So ganz überzeugend erscheint mir weder Titel noch Untertitel, was aber nichts daran ändert, dass ich das Buch mit großem Interesse gelesen habe.

Ab wann ist man Angstprediger
– und könnte ich einer davon werden?

Während der Lektüre habe ich mich gefragt, wo ich mich persönlich im kirchen(politischen) Spektrum verorten würde. Ich pflege manche Kontakte ins konservativ-traditionalistische Milieu und viele der von Bednarz erwähnten Personen zählen zu meinem „Freundeskreis“ bei facebook. Ich bin nicht gerade ein Verfechter des Frauenpriestertums und halte den Zölibat für die dem Priestertum angemessene Lebensweise. Ich versuche mich mit den Argumenten konservativer und sogar traditionalistischer Katholikinnen und Katholiken auseinanderzusetzen; ich habe Kardinal Müller und Bischof Tebartz van Elst in Blogbeiträgen verteidigt; ich pilgere nach Kevelaer, Banneux, Rom und Santiago; mich fasziniert Reliquienverehrung; ich bete den Rosenkranz; ich bin kein Freund sprachlicher Experimente in der Messfeier; ich schätze das Ordensleben und besonders die Kartäuser, Trappisten; Zisterzienser und die Schwestern und Brüder von Bethlehem; ich kann mich sogar mit Frömmigkeitshaltungen wie der knieenden Mundkommunion anfreunden. Ich sehe meine geistlichen Wurzeln aber auch in Assisi und Taizé, pflege den Dialog mit Muslimen und bin Mitglied in einem Verein, der zum Dialog mit dem Buddhismus einlädt. Als Vater von vier Kindern bin ich klar gegen Abtreibung, habe aber kein Rezept, für dass ich auf die Straße gehen möchte. Ich unterstütze lieber - wenn ich kann - Initiativen wie 1000plus und setze mich in der Pfarrei für Familien ein.

Ich schätze Papst Benedikt XVI. sehr, gebe aber auch Papst Franziskus jenen Vorschuß an Vertrauen, den jener für sein Denken, Verkündigen und Handeln erbeten hatte. Ich schätze das schöne Gebäude der katholischen Sexual- und Ehemoral, halte es aber dennoch hier und da für renovierungsbedürftig. Ich liebe katholische Prachtentfaltung und meine dennoch, dass es sehr sehr notwendig ist, angesichts der Zeit in der wir leben, neue Formen von Schlichtheit und Einfachheit zu entdecken. In der Weise, wie es z.B. Ordensgemeinschaften wie die Monastische Familie von Bethlehem, die Gemeinschaften von Jerusalem oder auch Taizé uns vorleben, als Konzentration auf das Wesentliche und das Evangelium. Wie auch immer, ich vermute, in das Raster „rechter Christ“ passe ich nicht. Ich bin auch etwas skeptisch, ob die politischen Kategorien „rechts“ und „links“ heute überhaupt noch angemessen verwendet werden können. Es fehlt aber ein ähnlich griffiges neueres Koordinatensystem, daher bleiben wir bei dieser Hilfskonstruktion. Jedenfalls, wenn von „rechts“ die Rede ist, so geht es nicht um einen festen Punkt, sondern eher um eine Skala, die zahlreiche Differenzierungen zuläßt. In Bednarz Buch ist so auch die Rede von Rechts, Rechtspopulistisch, Rechtsradikal und Rechtsextremistisch. Die spannende Frage wäre, wo beginnt konkret die „Gefahrenzone.“

Wo verlaufen die roten Linien zwischen konservativ und rechts?

Ich hatte ursprünglich gar nicht vor, über dieses Buch zu schreiben, konnte es dann aber nicht lassen, mir eigene Notizen zu machen und Gedanken zu den Themen und Thesen des Buches zu notieren. Zumal sich – wie mir scheint – an Liane Bednarz „die Geister scheiden...“. Daher wird dies auch keine klassische Rezension, sondern eher eine Reflexion meiner persönlichen Gedanken, angeregt durch ihr Buch „Die Angstprediger“.

Ja, man kann sagen, es ist ein ärgerliches Buch, weil es Phänomene beleuchtet, für die man als konservativer Christ nicht gern im „rechten“ Licht steht. An manchen Stellen erlebte ich ein „Deja vu“ und empfand das Buch als Relectüre des Bandes „Gefährliche Bürger...“. Auch die Frage, die mich bei diesem Buch damals beschäftigte tauchte wieder auf: „Wo konkret läuft die „rote Linie“, die einen konservativen Katholiken zu einem „Angstprediger“ oder gar zu einen „gefährlichen Bürger“ macht?“

Kardinal Marx zieht die roten Linien wie folgt (zitiert auf S. 211 des Bandes): „Es herrscht Meinungsfreiheit, auch unter Katholiken. Aber es gibt rote Linien. Da muss man als Bischof deutlich werden, wenn die rote Linie überschritten wird. Wo Ausländerfeindlichkeit erkennbar ist, wo undifferenziert diskutiert wird, wo mit Schlagworten gearbeitet wird, wo Feindbilder aufgebaut werden, da kann ich keine Diskussion mehr führen.“ Auch wenn das in leicht autoritärer, Marx'scher Diktion rüber kommt, ganz verkehrt ist es nicht.

Bednarz plädiert für eine klare Grenzziehung zwischen konservativen Überzeugungen und Haltungen und (neu-)rechtem Denken. Wobei sich diese Grenze wohl weniger entlang inhaltlicher Positionen bestimmen läßt. Eher anhand des Gesamtkontextes, in den Positionen eingebettet sind und auch anhand der Mittel, mit denen die politischen Akteure ihre Ziele erreichen möchten.

Auf S. 217 wird der Journalist Marc-Felix Serrao aus der NZZ mit seinem Urteil über rechte Publizistik wie folgt zitiert: „Wut verzerrt den Blick. Man liest nur noch, was ins Weltbild passt, und man ignoriert die vielen Zwischentöne, die es in allen großen deutschen Verlagshäusern bis heute gibt. Das Ergebnis sind Texte, die zu laut sind. Zu erwartbar. … Für rechte Wut muss niemand bezahlen. Davon quillt das Netz schon über.“ 
Bednarz legt Verknüpfungen verschiedener Personen und Gedankenwelten offen, ohne dabei polemisch oder ungerecht und anklagend zu werden. Wer darauf hinweist, dass in den rechtspopulistischen Kreisen Probleme dramatisiert und politisch mißbraucht werden, der leugnet die realen Probleme nicht. Er will sie aber korrekt einordnen, denn nur so lassen sich angemessene Gegenmaßnahmen ergreifen.

Es geht dabei nicht um die ein oder andere, etwas extremere Meinung oder Überzeugung. Wenngleich man sicher zu Recht erwarten darf, daß Christen ihre Position an der Realität und an der kirchlichen Lehre messen und sich selbst überprüfen. Natürlich sind gewisse Positionen legitim, die Frage ist, inwieweit man sich darüber hinaus von rechten Topoi beeinflussen und sein Urteilsvermögen in diesen Fragen vernebelen läßt.

Die Bewertung der einzelnen Positionen nimmt das Buch dem Leser zumeist nicht ab, aber die Autorin bietet Maßstäbe dafür an. Diese muss natürlich niemand übernehmen, es macht aber sicher Sinn, sie zu bedenken und zu verstehen. Warum sollte ein solches Buch nicht ein – möglicherweise ähnlich ärgerlicher – Beichtspiegel sein, wie die Ansprachen des Papstes beim Empfang für die Mitarbeiter der Kurie? Als Christen sind wir immer aufgerufen, umzukehren und uns an Jesu Wort und Beispiel neu auszurichten.

Schwierig wird es immer dann, wenn auch im politischen Raum Quasi-Dogmen vertreten werden, z.B. die These, der Islam sei keine Religion, sondern eine extreme politische Ideologie, die es zu bekämpfen gelte. Wer solchen Thesen widerspricht, wird dann entweder für „blind“ gehalten oder als „Gutmensch“ abgestempelt. Dass diese These möglicherweise Nonsens ist, wird gar nicht in Betracht gezogen.

Mathias Mattuseks sehr spezielles „katholisches Abenteuer“

Der katholische Journalist Mathias Mattusek scheint sich geradezu zu bemühen, die Urteile der – ihm früher durchaus gewogenen – Autorin Liane Bednarz über seine politische Entwicklung (bei gleichzeitig lautstark geäußertem Widerspruch) durch Reden und Handeln zu bestätigen oder gar noch zu übertreffen. Man hat den Eindruck, Bednarz steht inzwischen selbst eher sprachlos dieser Entwicklung gegenüber.

Wenn 150 Leute mit Matthias Matussek in Hamburg „Widerstand“ rufen, dann wirkt das auf mich mehr skurril als beeindruckend. Wenn diese kleine Gruppe sich dann noch zum „Volk“ hochstilisiert, zur Vertetung der „normalen Bürger von nebenan“, dann sollten doch alle Warnlampen angehen. Selbst wenn 1.500 Antifa-Leute incl. Schwarzem Block gegen Matussek und seine Bürger Sturm laufen, braucht dieser neben handfestem Schutz durch die Polizei sicher nicht noch unbesehene Unterstützung durch uns Christen (auch wenn er früher sehr lesenswerte Texte geschrieben hat). Wir reden doch ehrlicherweise weder bei Pegida noch bei der AfD noch bei beiden zusammen von einer ernstzunehmenden Vertretung einer schweigenden Mehrheit der Deutschen. Nein, die zeigt sich hier eben nicht, sondern eine überschaubare Gruppe von Bürgern, die ihre von der breiten Mehrheit abweichenden Überzeugungen und Wertmaßstäbe dokumentieren und ihre Enttäuschung ausdrücken, dass ihre Anliegen in der Politik nicht aufgegriffen und vertreten werden und dass sie als Personen oder als Gruppe weder politisch, noch gesellschaftlich, noch kulturell nennenswert Einfluß haben.

„Merkel muß weg“, das mag sich eine Mehrheit der Bundesbürger insgeheim schon mal gedacht haben. Aber doch sieht die Mehrheit der Bundesbürger in ihr weiterhin eine Garantin von Demokratie und Stabilität. Jedenfalls so lange, bis ein Anderer diese Rolle übernimmt und ihre Nachfolge antritt.

Die konservativ-christliche Szene ist gut vernetzt. Viele sind medial aktiv, da boten sich die neuen Medien für diese geradezu an. Ich habe in Bednarz Buch kaum neue Leute kennengelernt und muss auch feststellen: Nicht alle Leute aus der Szene driften nach rechts. Im Gegenteil, einige widesprechen energisch und mit guten Argumenten.

Aber Andere verlassen die Sphäre der Theologie doch, fordern Solidarität mit AfD und Pegida und ereifern sich über Gender und Islam, teilen fleißig Beiträge neurechter Propagandekanäle. Selbst das ursprünglich rein auf kirchliche Themen orientierte „Forum deutscher Katholiken“ wird in seinem Blog und auf facebook erstaunlich und recht eindimensional politisch. Das mag man für wenig problematisch halten, problematisch wird es aber doch, wenn man auch eine gewisse Gegenbewegung beobachtet, die ausgerechnet der Frontmann der identitären Bewegung, Martin Sellner beschreibt. Er konstatiert, dass „von Cicero über AchGut bis hin zur JF (Jungen Freiheit) über viele Pfade ein reger Ideenschmuggel ins Zentrum der Meinungsmacht statt“ fand. Das macht nachdenklich.

Obwohl ich sicher bin, dass keines dieser Medien Sellners Strategie zur Redaktionsmaxime erheben würde, so stimme ich doch in diesem Fall der Analyse zu. Wir Katholiken sollten aufpassen, dass es uns nicht ähnlich geht. Wir sollten aufpassen, von wem wir uns aufzäumen lassen, welches trojanische Pferd wir in die Kirche zerren und welcher Schwanz einst mit uns wackeln möchte.

Oder um die schon von Bednarz zitierte Mahnung von Wolfgang Bosbach zu wiederholen: „Man sollte sich nicht für extreme politische Ziele instrumentalisieren lassen (S. 192). Eine Bemerkung, die sicher auch für den Umgang mit Linksextremen Gültigkeit hat.

Mag es auch eine gewisse Schnittmenge zwischen konservativen christlichen Überzeugungen und den Thesen radikaler rechter Bewegungen geben, so zeichnet es konservative Christen doch eigentlich aus, dass sie Maß und Mitte wahren, weil sie für ihre Überzeugungen klare Orientierungspunkte im Evangelium haben.

So, an dieser Stelle geht es erst los, Fortsetzung folgt zu den inhaltlichen Themen des Angstprediger-Buchs. Hier finden Sie die Fortsetzung. 

Hier meine ältere Besprechung des Bandes "Gefährliche Bürger" aus dem Jahr 2015: 

Mittwoch, 21. März 2018

Ja was denn nu? Gehört er dazu oder nicht? Der Islam? Und welcher?

Diesem Social-Media-Bildchen der CSU und der
darin dokumentierten Meinung vermag ich
keineswegs zuzustimmen. Aber es illustriert wunderbar
die hier im Blog bedachte Thematik.
Zwei Erkenntnisse habe ich beim Schreiben dieses Textes schon mal gewonnen: Die Antwort wird länger und - es wird Widerspruch geben. Nun denn - trotzdem los...

Man mag zu Horst Seehofer stehen wie man will – eines muss man neidlos anerkennen: er ist ein politischer Fuchs. Das bewies er just nach der Regierungsbildung in Deutschland wieder als frisch gebackener Heimatminister, indem er in einem Interview auf die Frage der Journalisten, ob der Islam zu Deutschland gehöre, folgendes zum Besten gab: "Nein. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt. Dazu gehören der freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten."
Die in Deutschland lebenden Muslime, so Seehofer weiter, gehörten aber "selbstverständlich" zu Deutschland. Aber das bedeute nicht, "dass wir deswegen aus falscher Rücksichtnahme unsere landestypischen Traditionen und Gebräuche aufgeben".

In der „Welt am Sonntag“ verteidigte er seine These und sagte: „Dass Deutschland geschichtlich und kulturell christlich-jüdisch und nicht islamisch geprägt ist, kann doch niemand ernsthaft bestreiten.“

Schließlich ließ die WELT noch erfragen, inwieweit Seehofer mit seinen Aussagen die Überzeugungen der Deutschen insgesamt treffe. Mit dem wenig überraschenden Ergebnis: „Horst Seehofer bekommt viel Zuspruch für seine Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. 76 Prozent der Deutschen stimmen ihm zu.“ Nimmt man noch die Unentschlossenen dazu, bleiben gar nicht mehr so viele Leute in Deutschland übrig, die sich hinter den damaligen Bundespräsidenten Wulff stellen, der mit dem Satz „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ 2010 in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Mal am Rande bemerkt: die AfD kann sich beruhigt zurücklehnen und mit ihr alle, die sich vor der Islamisierung fürchten. Selbst inclusive aller GRÜNEN und der westdeutschen Linken findet sich nur eine klare Minderheit von 11 – 20 %, die Horst Seehofer widerspricht. Das rückt die Unterwerfung (Michel Houellebecq) doch – wenn überhaupt – in eine ziemlich ferne Zukunft.

Doch Seehofer „trifft den Nerv“, sein Kalkül scheint aufzugehen. Die bayrische Landtagswahl steht vor der Tür und wenn ein politischer Fuchs wie Horst Seehofer auf diese Weise „preiswert“ das Revier für die CSU markieren kann... …warum sollte er die Gelegenheit ungenutzt lassen?

Doch: die Zustimmung zu seinen Aussagen ist das Eine. Aber nicht immer ist das, worauf sich Mehrheiten einigen auch die Wahrheit. Wer weiß das besser als wir Kenner des Evangeliums, denkt man an die Frage des Pilatus - und die Folgen.

Seehofer macht ja eine bemerkenswerte Einschränkung: Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, da Deutschland durch das Christentum geprägt sei. Die Muslime jedoch gehörten selbstverständlich zu Deutschland, das deshalb aber nicht seine landestypischen Traditionen und Gebräuche aufgeben werde.

Da fragt sich der Theologe unmittelbar: Fehlt da nicht etwas? Ist nicht sonst immer von den jüdisch-christlichen Wurzeln der europäischen Kultur die Rede? Gilt das jetzt für Deutschland nicht (mehr)?
Aber gehen wir einmal davon aus, dass selbst dem politischen Fuchs Seehofer da an dieser Stelle was verloren gegangen ist, schließlich fiel ihm kürzlich auch der Begriff Heimat-Muse(nisterium) auch nicht unmittelbar ein. Dennoch bleibt hier schon eine bemerkenswerte Leerstelle, über die Frau Knobloch mal mit Herrn Seehofer reden sollte. Ich denke, er wird sich dann sehr bemühen, den Beitrag jüdischer Künstler und Wissenschaftler für die deutsche Kultur umfassend zu würdigen.

Und der Islam? Ich frage mich, warum niemand in dieser Debatte die gelebte Kultur und Religion von Millionen von Gastarbeitern, vornehmlich aus der Türkei, aber auch aus Marokko und anderen arabischen Ländern, die Kultur der Flüchtlinge aus Bosnien oder der iranischen Ärzte und Ingenieure in den letzten 50 Jahren für erwähnens- und bemerkenswert ansieht? Ist Kultur also erst etwas, wenn sie bis ins Mittelalter zurückreicht? Seit über 50 Jahren leben Muslime mitten unter uns und sie beten in ihrem Moscheen, sie fasten, sie betreiben Gaststätten, Imbissbuden, Marktstände und Läden und vieles mehr.). Es gibt selbst in Bayern keine Stadt, wo nicht auch Dönerbuden mit Weißwurstständen friedlich koexistieren.

Zumindest für das vergangene halbe Jahrhundert müßte auch ein Seehofer konstatieren: „Ja, der Islam ist ein Teil Deutschlands“, zumal zahlreiche dieser muslimischen Gastarbeiter (und ihre Kinder) längst Deutsche geworden sind. Und selbst die Probleme der Integration sind inzwischen ein Teil des deutschen Alltagslebens und damit auch der deutschen Kultur.

Aber selbst einem nur mittelmäßig und keineswegs akademisch gebildeten Deutschen wie mir fallen noch einige weitere Aspekte an, die aus dem Islam einen integralen Teil Deutschlands machen:

Schauen wir in die jüngere Vergangenheit, so wird zu konstatieren sein, dass sowohl im ersten wie auch im zweiten Weltkrieg muslimische Truppenverbände für deutsche Interessen in den Krieg zogen. Das kann man nun sicher positiv oder auch negativ bewerten, es bleibt eine Tatsache. 
Vom 18. Jahrhundert an verbündeten sich die Preußen mit den Osmanen, eine Verbindung, die insbesondere der deutsche Kaiser Wilhelm der II. pflegte. Während des 1. Weltkrieges wurden die in der Nähe von Berlin internierten muslimischen Gefangenen besonders gut behandelt, mit dem Ziel, sie zum Überlaufen zum osmanischen Reich zu motivieren. Man errichtete für sie sogar eine eigene, schöne Moschee.

Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang auch die in Kunst und Kultur der damaligen Zeit durchaus präsente Faszination für den Orient und seine Kultur und Religion, von der z.. B. die in Form einer Moschee gebaute Tabakfabrik in Dresden Zeugnis ablegt, aber auch die weit verbreiteten und viel gelesenen Romane von Karl May, um nur zwei allgemein bekannte Aspekte des Einflusses islamischer Kultur zu streifen. Auch war der Orient ein beliebtes Forschungsgebiet der Deutschen. Zahlreiche Archäologen, Geologen, Botaniker, Historiker machten sich auf den Weg in den nahen, mittleren und fernen Osten. Wegweisende Erkenntnisse über Geschichte und Kultur dieser Länder wurden in deutscher Sprache erstmals publiziert.

Es sollte Allgemeingut sein, dass der deutschen Nationaldichter Goethe sich intensiv mit dem Islam und dem Koran beschäftigt hatte. Erwähnt sei hier nur der West-östlichen Divan oder auch Lessings Ringparabel. Schiller war übrigens der erste deutsche Schriftsteller, dessen Werke ins Arabische übertragen wurden.

500 Jahre liegt die Reformation nun zurück. Luther wies häufiger auf die Türken (gemeint war das osmanische Reich) und den Koran hin, um Unterschiede zwischen Christentum und Islam zu verdeutlichen. Obwohl der Reformator keinen persönlichen Kontakt zu Muslimen hatte, kannte er den Koran und den Glauben der Muslime und sah dies nicht ausschließlich aus einem negativen Blickwinkel.

Möglicherweise ist Herrn Seehofer unbekannt, dass Hildegard von Bingens Heilkunst zu großen Teilen aus arabischsprachigen Schriften stammte. Manche Mönche und Nonnen erlernten diese Sprache, um die Werke berühmter Gelehrter lesen zu können, die in den Klosterbibliotheken aufbewahrt wurden. Die islamische Heilkunst war zur Zeit Hildegards der christlichen Medizin haushoch überlegen. Arabisch als gemeinsame Sprache der islamisch geprägten Zivilisation wurde auch von jüdischen, christlichen und anderen Ärzten benutzt und kennzeichnet die Medizin des islamischen Kulturraums, die deshalb auch als „arabische“ oder „arabisch-persische“ Medizin bezeichnet wird. Rückblickend muss man sagen, dass die arabische Kultur im Mittelalter wesentlich zu Deutschland gehörte.

Die in arabischer Sprache aufgezeichnete Medizin der damaligen Zeit beeinflusste die Ärzte des westlichen Mittelalters, die die grundlegenden Werke der klassischen griechisch-römischen Medizin zunächst in arabischer Übersetzung kennenlernten.

Zu den Hauptquellen der klassischen oder frühen islamischen Philosophie zählte die Philosophie der Antike, mit der die arabische Welt durch Übersetzungen aus dem Griechischen in Berührung kam. Zahlreiche Schriften antiker Philosophen kennen wir heute nur noch durch den Umweg über arabische Übertragungen und christliche Klöster. Hier sollten auch die Namen Avicenna und Averroës Erwähnung finden. Den Einfluss der arabischen Philosophie auf christliche und jüdische Autoren des Mittelalters sollte nicht klein geredet oder aus Unkenntnis schlicht verneint werden.

Schließlich könnte auch die Geschichte der Kreuzzüge durchaus als Einfluss des Islam auf die europäische Kultur betrachtet werden. Neben den kriegerischen Auseinandersetzungen fand auch ein kultureller Austausch statt. Weitere Schlagworte, die kriegerische Auseinandersetzungen beschreiben wäre die Reconquista in Spanien und die Eroberungszüge des osmanischen Reiches, die mal in Polen, mal vor den Toren Wiens, mal in der Seeschlacht von Lepanto gestoppt wurden.

Selbst in die Alltagssprache hinein belegen Linguisten osmanische und arabische Einflüsse. Da mus man gar nicht die „arabischen Zahlen“ bemühen. Wikipedia belegt dies in umfassender Hinsicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_W%C3%B6rter_aus_dem_Arabischen.

Mögen diese Einflüsse der islamischen Kultur auch aus der Perspektive der Deutschen nicht nur positiv gewesen sein, so zeigen doch allein diese wenigen Schlaglichter, dass dies alles nicht nichts ist und es falsch wäre zu behaupten, das Deutschland ein allein christlich geprägtes Land sei. Unsere Geschichte und Kultur ist so komplex und vielfältig, dass selbst ein um prägnante Sprüche nicht verlegener Alexander Dobrindt wohl nicht in der Lage wäre zu sagen, all dies ist zu genau xx Prozent vom Christentum geprägt. Und selbst wenn man dies könnte – was konkret sagt das dann aus?

Auch wenn es schwer fällt, der Islam hat seinen Anteil an der deutschen Kultur, so wie auch das Judentum, die demokratische Bewegung, die Anthroposophie und manche Kulturströmung mehr. Natürlich wird niemand leugnen, dass Deutschland in der Hauptsache vom Christentum geprägt ist, aber halt nicht ausschließlich. Und vermutlich aus heutiger Perspektive mehr durch die Osmanen als durch die Germanen.

Es ist ja aufschlussreich, dass der Heimatminister, die Muslime als selbstverständlich zu Deutschland gehörig bezeichnet. Und klug, wählen doch bis dato die Mehrzahl der Deutschen türkischer Herkunft die CSU-Schwesterpartei CDU. Und nicht wenige dieser Deutschen sind auch in dieser „christlichen“ Partei selbst politisch engagiert.

Mag die Aussage Seehofers selbst noch diskutabel sein, so dürfte es angemessen sein, den Subtext dieser Bemerkungen freizulegen. Und mit diesem möchte Seehofer die weit verbreiteten und zunehmenden Ressentiments in der Bevölkerung gegen den Islam aktivieren und in „klingende“ Wählerstimmen ummünzen.

Mag er das selbst auch noch bestreiten, so legt doch seine Partei dies vollständig offen, wenn sie zur Illustration der Seehofer – Aussage von der Nichtzugehörigkeit des Islams zur Deutschland das Bild einer Burka verwendet, ein Foto, das vermutlich in Afghanistan aufgenommen wurde, denn bis dato ist noch kein einziges Foto einer deutschen Burka – Trägerin in den Medien aufgetaucht. Entweder gibt es diese tatsächlich nicht oder sie trauen sich nicht aus dem Haus. Die Burka- und Nikab-Besessenheit der Islamskeptiker in Deutschland nimmt doch vollständig irreale Züge an.

Entlarvend ist ein weiteres CSU-Bildchen, das Alexander (heißt auf arabisch übrigens Iskandar) Dobrindt mit der Aussage zeigt: "Der Islam gehört egal in welcher Form nicht zu Deutschland". Damit erteilt dieser auch den Bemühungen engagierter Muslime für einen „deutschen Islam“ eine Absage und stärkt damit einmal mehr die radikaleren Strömungen, die entweder den Islamismus bzw. eine strenge Auslegung der Religion befördern oder diejenigen Staatslenker fördert, die die muslimische Religion als Mittel der Bindung der Menschen an das ursprüngliche Heimatland missbrauchen.

Letztlich reiben sich die Radikalen ringsum freudig die Hände. Die AfD, weil sie die Politiker der „Systemparteien“ vor sich her treibt und dennoch in Hase und Igel – Manier immer sagen kann: „Wir waren zuerst da“. Die Anführer des IS, die umso eher Anhänger gewinnen können, wie Muslime in ihrer deutsch-muslimischen Identität angekratzt und verunsichert werden. Gerade junge Leute, die auf der Suche nach Orientierung sind und diese in unserer Gesellschaft zunehmend weniger (durch fehlende Arbeits- und Ausbildungsplätze und angemessene Bildungschancen) finden, sind hierfür empfänglich. Und auch Politiker wie Erdogan freuen sind, dass das, was sie mit dem Gerede von „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nicht erreichen konnten – nun mit Hilfe deutscher Politiker zum Ziel gebracht wird, die sichere Rückbindung an das Herkunftsland ihrer Eltern und Großeltern.

Natürlich betrifft dies in der gesamten muslimischen Community konkret nur Minderheiten, aber die werden durch solche Stimmungen nun mal eher größer als kleiner. Und sie sind – natürlich – gefährlich, in welche Richtung auch immer sie sich radikalisieren.

Ist es für unsere Politiker heute eigentlich so schwierig, überzeugend gegenüber den islam-skeptischen Deutschen zu belegen, dass es darauf ankommt, die Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Bürgern zu einen, Konfliktfelder zu verkleinern und Menschen zusammenzuführen? Wir wissen doch aus historischer Erfahrung, welch furchtbare Auseinandersetzungen und Verbrechen dadurch ermöglicht wurden, dass Keile in die Gesellschaft getrieben und Risse verbreitet wurden. (Ich erwarte von unseren Politikern, selbst von der AfD auch, dass sie alles tun, dass Gewalttätern keine Möglichkeiten zur Rechtfertigung ihrer Angriffe auf Menschen, auf Moscheen, Flüchtlingsheime und muslimische Einrichtungen gegeben wird, ja dass solcher (wie jeglicher) Terror mit aller Entschiedenheit bekämpft wird.)

Kann es so schwer sein, uns Deutschen klar zu machen, dass wir – Gott sei Dank – in einem Land leben, dass sich den Schutz der Rechte jedes der einzelnen Bürgers auf die Fahne geschrieben hat und nicht den Einsatz für die Interessen einer Mehrheit? Wenn etwas für unsere Gesellschaft in den Jahren nach 1945 prägend war, dann der Schutz von Minderheiten und ein weiter Freiheitsraum für den Einzelnen.

Dazu gehört es sicher auch, entschlossen und entschieden jede Gefahr für die Sicherheit und für die Demokratie zu bekämpfen. Der Aufstieg der AfD ist ganz bestimmt ein Problemanzeiger. Wir haben in Deutschland ein Gerechtigkeitsproblem. Es gibt nicht wenige Menschen, die von der allgemeinen Entwicklung abgekoppelt wurden und kaum Perspektiven für einen Aufstieg oder eine Verbesserung ihrer Lebenssituation sehen. Gleichzeitig wird ihnen auf allen Kanälen präsentiert, dass es Anderen weitaus besser geht. Wir brauchen wieder eine Bewegung hin zu mehr Miteinander und Solidarität. Wir müssen die Verbindungen der Menschen untereinander stärken und Menschen, Gruppen, Initiativen und Parteien wieder mehr vernetzen. Der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält ist in den letzten Jahren brüchiger geworden. Es gibt zahlreiche Symptome hierfür.

Die logische Gegenbewegung wäre (und ist) dann die Suche nach der eigenen Identität. Aber anders als Horst Seehofer vermutet, entdecken immer weniger Menschen diese positiv in den christlichen Wurzeln unseres Landes. Aktuell jedenfalls geschieht dies eher negativ – durch Abgrenzung zu dem, was man nicht will bzw. was einem Angst und Sorge macht. Auch die Leitkulturdebatte hat uns ja vor Augen geführt, dass es gar nicht so leicht ist, sich auf das zu einigen, was – positiv – zu Deutschland gehört, was unser Land ausmacht. Leichter ist es zu definieren, was einer Mehrheit Unbehagen oder Angst bereitet.

Die Angst vor dem Islam in Deutschland hat sicher mehrere Quellen: 
  • Stimmungs-/Panikmache durch Populisten (AfD, Pegida u.a.)
  • Terrorismus, Gewalt, patriarchalische Strukturen, archaische Traditionen
  • Berichterstattung über Konflikte in der islamischen Welt.
  • Scharia, bestimmte Aspekte des Koran bzw. islamischer Theologie
  • Abschottung der Moscheegemeinden / muslimischer Communities (wechselseitiges Phänomen)
  • auch öffentlich – sichtbar gelebte Gläubigkeit von Muslimen.
  • Verunsicherung in der eigenen (christlichen) Identität
  • Schwäche der Kirche – des christlichen Glaubens
  • allgemeine Reserviertheit gegenüber dem Fremden bis hin zur Fremdenfeindlichkeit
  • Kulturelle Konflikte, für deren Regelung es noch keinen juristischen Rahmen gibt.
  • Flüchtlingskrise
An all diesen (Problem-)feldern sollte man mit hoher Fachkompetenz und in aller Ruhe und Entschiedenheit arbeiten. Man darf Schwierigkeiten nicht verharmlosen und klein reden. Wohin das führt, das zeigt ein ehrlicher Blick auf die Fehler in der Integration der Zuwanderer in den vergangenen Jahrzehnten. Man sollte sie aber auch nicht künstlich aufbauschen, wie das z. Zt. In den sozialen Netzwerken und am Stammtisch massiv passiert.

Vielleicht täte es ja sogar der guten alten Kneipenkultur in Deutschland gut, wenn diese Themen in deftigen Gesprächen beim Bier oder beim Cay diskutiert würden, statt am elektrischen Stammtisch in Pegida – Foren. Wenn wir die Zeit vor dem Rechner statt mit dem Basteln von Lügen- und Sprüchebildchen für Facebook und Twitter mit dem Besuch in Kirche und Kneipe verbringen würden, wo einem der Kumpel nach dem Dritten Bier vielleicht sagt „Was redest Du da für einen Blödsinn“ und dann trotzdem die nächste Runde bestellt.

Eigentlich macht eine Diskussion doch nur Spaß, wenn einem auch widersprochen wird. Diese menschliche Erfahrung scheint im wirklichen Leben, in der Kneipe, in Stadtrat und Bundestag, bei Katholikentagen und bei Fernsehdiskussionen zu stimmen, im Reich des Herrn Zuckerberg suchen viele dann sonderbarerweise Diskussionsforen auf, wo möglichst viele Schulterklopfen, zustimmen und stumpf LIKEN. Wie sonderbar!

Was ist das Ziel solcher Debatten, wie sie aktuell von Horst Seehofer angestoßen und von der CSU, von Alexander Dobrindt und der AfD befeuert werden? Man muss die Dinge doch vom Ende her denken oder einfach einmal in Ruhe zu Ende denken. Welches reale Problem in Deutschland wird hierdurch gelöst? Die Schwierigkeiten der Integration? Straftaten von Menschen mit muslimischem Hintergrund? Die Flüchtlingskrise?

Nein, im Gegenteil. Die Situation wird verschärft, aus Rissen im gesellschaftlichen Gefüge entstehen Gräben, die nur mühsam wieder zu verfüllen sind. Wir führen mit Verve und Energie eine Scheindiskussion und am Ende fehlt die Kraft, wirkliche Probleme anzupacken. Es entsteht der Eindruck mit bloßer Definition würden Schwierigkeiten gelöst, die viel tiefere Ursachen haben, wie die europäische Integration, die Globalisierung und die wirtschaftliche … .
Warum tun wir das also, als könne das Wortgeklingel irgendein Problem lösen?

Selbstverständlich stimme ich dem Innenminister zu, dass wir nicht aus „falscher Rücksichtnahme“ auf „landestypische Traditionen und Gebräuche“ verzichten sollten. Das will doch auch niemand von denen, die den Beitrag des Islam zur deutschen Kultur würdigen und den Muslimen in Deutschland Lebensräume und Möglichkeiten eröffnen möchten. Die realen Schwierigkeiten im Zusammenleben lassen sich nicht mit der Perspektive lösen, irgendwann wird der Islam schon verschwinden, werden sich die Muslime assimilieren oder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Die Zeit für solche „Lösungsperspektiven“ ist vorbei bzw. wir hoffen doch alle gemeinsam, dass diese Zeit nicht wiederkehrt, wo es statt „Der Islam gehört nicht zu Deutschland – Muslime aber irgendwie wohl“ hieße: „Der Islam ist unser Unglück!“ und man man Strategien zur Lösung des „Moslemproblems“ entwickelte.

Landestypische Traditionen und Gebräuche“ sind in viel stärkerer Gefahr durch ganz andere Aspekte. Sie sind gefährdet durch das Schwinden des gelebten Christentums, durch laue und lasche Christen (auch unter unseren Politikern, selbst wenn ein C vorne steht), durch die Mobilität und die Einsatzbereitschaft, die die moderne Wirtschaftsordnung von denen fordert, die Arbeit haben, durch den allgemeinen Kulturwandel in unserer Zeit und die Geschichts- und Kulturvergessenheit weiter Kreise, durch mangelnde Bildung und manches mehr. Wir selbst sind es, die unsere „landestypischen Traditionen und Gebräuche“ auf die „rote Liste“ bringen, nicht der Islam und auch nicht die Scharia-Polizei, die an einigen Abenden ihr Theater in Wuppertal aufführte. Es sind doch dieselben Kräfte, die das Christentum in die Schieflage bringen, die auch den Islam bedrohen, wie es Michael Blume in seinem Buch „Islam in der Krise“ so eindringlich belegt. Der augenscheinliche "Vorteil" mancher tief im Glauben verwurzelter Muslime (wenngleich inzwischen doch einer Minderheit) ist es doch, dass sie im Islam einen wichtigen Pfeiler ihrer Identität erkennen, während man dies nur noch von wenigen Christen so sagen können. Da ist dieser eher schmückendes Beiwerk, gutes Gefühl oder mehr diffuse innere Haltung aber nicht mehr festes Standbein in den – durchaus heftigen – Stürmen des Lebens und der Zeit.

Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, läßt sich nicht mit Ja oder Nein und auch nicht mit einer handvoll erklärender Sätze erläutern. Man sollte sie aber immer so beantworten, dass die hier lebenden gläubigen Muslime nicht verletzt und ausgegrenzt werden oder dies so empfinden.

Die Lösung kann nur in einem Mehr an Miteinander liegen und dazu müssen die Muslime mindestens soviel beitragen wie die Christen, die Atheisten, die Buddhisten und Hinduisten die hier leben. Das ist ein ebenso langer und anstrengender wie auch schöner Weg.

Staat und Gesellschaft sollten Muslimen einen großzügigen Raum für ihr religiöses Leben bieten und gleichzeitig den Radikalen klare Grenzen setzen. Natürlich hat der Staat das Recht, ausufernde und schädliche Formen der Religionsausübung zu begrenzen. Aber das rein rechtliche „Bannen“ von Burka und Nikab löst kein konkretes Problem, sondern schafft im Gegenteil neue Schwierigkeiten. Selbstredend ist in Deutschland kein Platz für die Vielehe oder die Kinderehe. Diese zivilisatorischen Errungenschaften kann man nicht mit Verweis auf „Andere Länder, andere Sitten“ einfach aufgeben, auch nicht in Einzelfällen.

Auch Muslimen wird auf diesem Weg manches abverlangt. Sie müssen lernen, den kulturellen Rahmen ihres Islams aus dem Herkunftsland in jeder Hinsicht nach Deutschland zu verlegen. Sie müssen damit zu leben, dass religiöse Überzeugungen und Gebote den deutschen Alltag nicht (mehr) prägen, dass die Religion von Deutschen nicht verlangt, auf den Genuß von Alkohol und Schweinefleisch zu verzichten. Ich muss es als Katholik auch ertragen, dass Leute am Sonntag shoppen gehen und sich am Aschermittwoch den Bauch voll schlagen, am Freitag gedankenlos Fleisch essen und an Karfreitag tanzen gehen wollen. Natürlich muss es Muslimen möglich sein, auch auf deutschen Volksfesten und in Schul-Kantinen satt zu werden, ohne heilige Traditionen aufgeben zu müssen. Aber ein Land, das auf Vegetarier selbstverständlich Rücksicht nimmt, kann dies auch bei Muslimen tun, deren Speiseregeln noch weit leichter zu erfüllen sind als die überzeugter Veganer. Und auch der Veganismus, ja selbst Paläo-Frutarier scheinen heutzutage ja zu Deutschland zu gehören.

Am Ende frage ich mich als Katholik und mittelmäßig gebildeter Theologe, wo denn in dieser Debatte die Stimme der Christen ist. Die offizielle Kirche hält sich da aktuell vornehm zurück. Vermutlich weil die Bischöfe spüren, dass man hier gerade keinen Blumentopf gewinnen kann und weil Horst Seehofer ja gewissermaßen sedierend in den Raum geworfen hat, dass zu Deutschland der„freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten." gehören. Wer kann dazu schon nein sagen. Umso reger beteiligt sich ein Teil der katholisch-konservativen Szene – in der ich auch einen Teil meiner Wurzeln sehe – an der Debatte. Bedauerlicherweise nicht immer konstruktiv.

Der emeritierte Theologieprofessor Dr. Hubert Windisch wundert sich: „Wer in diese Debatte nicht einsteigen will, gibt sich auf. Die Kirchenführer schweigen!“ Die Fragen, die er dann aber in seinem Beitrag auf kath.net formuliert klingen allerdings, wie bei der Pegida-Demo mitstenografiert. „Warum hört man nicht auf Islamkenner und –kritiker wie Imad Karim, Hamad Abdel-Samad, Sabatina James, Necla Kelek, Rüdiger Safranski, Hans-Peter Raddatz, Alice Schwarzer, David Berger und viele andere? Warum nur quer durch unser Land dieser selbstzerstörerische islamergebene Masochismus? Worum geht es? Es geht darum, den Islam kritisch in seinem sozialpolitischen Kern wahrzunehmen, wonach Staat und Religion nicht zu trennen sind und alles daranzusetzen ist, bis überall die Scharia gilt.“

Ich fürchte, das ist wirklich keine Basis, auf der man diskutieren kann, ob der Islam zu Deutschland gehört. Nähme man den Islam der zitierten Personen als Maßstab, kann es auch nur eine Antwort geben. Nein! Aber die Frage ist doch, ob wir über diese Form des Islam und dessen Darstellung ernsthaft zu diskutieren haben und ob dies dem Islam gerecht wird, den die gläubigen Muslime hier leben. Sonst ist das nur eine weitere Phantomdiskussion. Warum man als katholischer Theologe ernsthaft über die Thesen eines Hamad Abdel-Samad diskutieren möchte, während man ansonsten doch der Giordano – Bruno – Stiftung abspricht, zu Fragen des Christentums Relevantes beitragen zu dürfen, erschließt sich mir nicht. Jedenfalls sollte man als Theologe dann aus ihren Beiträgen die bedeutsamen Fragen herausfiltern und gleichzeitig auch die Stimmen derer wahrnehmen, die sich als gläubige Muslime in Deutschland für den Dialog einsetzen und als spirituelle Menschen den Islam hier leben.

Bedauerlicherweise ist Prof. Dr. Windisch nicht der einzige Katholik, der das Konzilsdokument „Nostra aetate“ in diesem Kontext offenbar für irrelevant hält. Wohlgemerkt, es geht absolut nicht darum Probleme in der islamischen Theologie, in islamisch geprägten Traditionen oder die Schwierigkeiten, die uns radikale und fundamentalistische Vertreter des Islam bereiten klein zu reden. Aber ich wünsche mir doch Diskussionen, die die Realitäten wahrnehmen, wirkliche Probleme benennen und echte Lösungswege erarbeiten und nicht solche, die ablenkend und ergebnislos im luftleeren Raum geführt werden.

Gerade gläubige Katholiken, insbesondere Theologen könnten doch dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. In der Diktion von Prof. Dr. Windisch schließe ich daher meinen Beitrag mit den Worten: „Wer in diese Auseinandersetzung nicht einsteigen will, gibt das Evangelium auf. Viel zu viele schauen zu und schweigen. Noch. Bis die Opfer weinen. (vgl. Lk 23,28)!