Samstag, 28. Februar 2015

Wie "extrem" (rechts) sind (wir) Katholiken eigentlich?

Es war für mich ein verstörendes Bild, das der Emmericher Priester Paul Spätling da vor einigen Wochen abgab. Ein "echter" Priester mit Soutane und Birett - inmitten einer Demonstration von erkennbar Rechtsextremen und Leuten im "Hogesa" – Shirt. Vor dieser Szenerie trägt er eine Ikone, neben ihm geht ein Mann mit einem Kreuz in der Hand! Dahinter ein Transparent, das für den obscuren Blog "politically incorrect" wirbt. Einen Augenblick lang dachte ich: wie mutig, mitten unter die Missbraucher des Begriffs "christliches Abendland" zu gehen und dort zu bekennen, was wahrhaft christlich ist, mit zentralen Symbolen unseres Glaubens! Eine stille, friedliche Demontration mit Gottesmutter und Gekreuzigtem gegen jede Menschenfeindlilchkeit und Agressivität! Aber nur Minuten später zerstob diese Illusion, als der "Kaplan" als Redner auf die Kundgebungsbühne kletterte. Und statt nun mahnend den Finger zu heben und die Teilnehmer zu Gebet und Gottesdienst einzuladen ... folgte ein Aufruf zum Widerstand, ja zum Kampf gegen Muslime und Türken, wie einst in der Schlacht bei Lepanto. Aber mehr noch als einzelne Inhalte dieser Rede (man darf sicher den Dompropst von Köln oder die Kanzlerin kritisieren) verstörte mich der Anblick eines katholischen Priesters unter lauter politisierten und grölenden Demonstranten. 

Ich glaube, dass dieses Bild, verbunden mit der Postulation eines "christlichen Abendlandes" durch Pegida; Transparente, auf denen Christen Pegida grüßen; "Kreuzfahnen" und in Nationalfarben verunstaltete Kreuze, manche Journalisten darauf aufmerksam und dafür sensibel gemacht haben. Sie schauten genau hin, ob es zwischen Pegida-Parolen und christlichem Glauben möglicherweise Schnittmengen geben könnte. 

Ich teile nicht den Verdacht, den ein katholischer Blogger aufgebracht hat, dass es sich hier um eine Art "Übersprunghandlung" handele; dass Journalisten statt der "schwierigen Baustelle": Islam und Islamismus nun die christlichen Fundamentalisten in den Blick nähmen. Es ist eher schon ein Stück selbst verschuldetes Elend.

Schon vor dem Spätling – Auftritt war mir aufgefallen, dass in den sozialen Netzwerken durchaus Sympathien da waren für diese neue Bewegung, obwohl deren Teilnehmer und Organisatoren erkennbar nicht aus dem kirchlichen, sondern aus ganz anderen Milieus kamen. In (mindestens) vier Punkten war aber eine Schnittmenge erkennbar, nämlich: 
  • In der Skepsis gegenüber dem islamischen Glauben und seinen Anhängern. Hier werden gerne die islamischen und islamistischen Extremisten und deren Unterdrückung und Verfolgung christlicher Minderheiten als Beleg dafür gewertet, dass der Islam selbst "vom Bösen" ist. Bedauerlicheweise gibt es in der traditionell-konservativ gläubigen Szene einige Protagonisten, die jegliche historisch und geistesgeschichtlich notwendige Differenzierungen vermeiden. Das steht im auffallenden Widerspruch zur oft feinziselierten Argumentation, wenn es um "katholische" oder "liturgische" Themen geht.
  • In der Sorge um die traditionelle Gestalt von Ehe und Familie und gegen die als unzulässige Gleichmacherei betrachtete "Gender-Bewegung".
  • In der tiefen Unzufriedenheit mit den "Leistungen" von Politik und Politikern sowie Presse und Journalisten. Für diese hat der traditionell – konservative Katholizismus in den letzten Jahrzehnten deutlich an Bedeutung und positiver Aufmerksamkeit verloren. Der Umgang der Presse mit dem Limburger Bischof erscheint vielen so, dass der Vorwurf "Lügenpresse" (auch unabhängig von dieser speziellen Wortwahl) in zahlreichen Beiträgen erhoben wurde.
  • Die Schwächung einer christlichen Identität in den letzten Jahrzehnten wird durchaus auch Zuwanderern und vor allem denen unter ihnen zugeschrieben, die nicht dem christlichen Kulturkreis entstammen. 


All dies erklärt möglicherweise die wütenden Reaktionen aus katholischen Kreisen auf die "Licht-Aus-Aktion" des Kölner Domkapitels und auf das Predigtverbot für Pfarrer Spätling durch den Bischof von Münster. Inzwischen haben jedoch auch die eher traditionell-konservativ-frommen Katholikinnen und Katholiken festgestellt, dass Pegida alles andere als eine Bewegung ist, mit der man sich aufgrund gewisser Schnittmengen in der Zielsetzung gemein machen muss. 

Ich denke, wir sollten vorsichtig und aufmerksam sein, wenn (National-)Konservative (in sozialen Netzwerken, Medien, Initiativen und auch Parteien) versuchen, die Kirche zu umarmen oder gar zu vereinnahmen. Auch hier gilt: die Feinde unserer Gegner sind nicht automatisch unsere Freunde. 

(Es spricht für eine gewisse Blindheit bei Pfarrer Spätling, dass er (zu) lange nicht gemerkt hat, mit welchen Leuten er da durch Duisburg gezogen ist. Auch sein kreuztragender Demonachbar ist nicht irgendwer, sondern ein – inzwischen nicht mehr aktiver – Juraprofessor aus Kevelaer, der sich vor einigen Jahren mit einem Buch über die einzig wahre Regierungsform (ein katholisches Königreich) für Deutschland hervorgetan hat. Hier trifft Prof. Dirk Budde möglicherweise eine Mitschuld, den etwas weltfremden Priester, dessen Wirken von den Münsteraner Bischöfen seit Jahren geduldet wird, auf politisch glitschiges Parkett geführt zu haben. In der Folgewoche hat dieser "Juraprofessor" von der Pegida-Bühne die Grüße und bleibende Verbundenheit des Priesters ausrichten lassen. Ich habe es nicht überprüft, aber mein vernichtendes Urteil über diesen Auftritt würde ich gern revidieren, wenn einige Pegida – Anhänger nun regelmäßig zur tridentinischen Messe in die Kapuzinerkirche nach Kleve kämen. Aber offensichtlich wäre das der Ernstfall eines "christlichen Abendlandes" und soweit möchte man doch nicht gehen.)

Jetzt haben wir den (rechten) Salat, wie ein anderer Blogger postete und dabei ausführte: "Im Gleichschritt" gingen dieser Tage "Spiegel und BR gegen erkannte Feinde vom rechtskatholischen und rechtsevangelikalen Lager vor." Er erkennt darin gar eine Koalition mit "linkskatholischen und linksevangelischen Protagonisten". Matthias Matussek stellte bei einer Tagung christlicher Führungskräfte gleich die Gretchenfrage, ob das Christentum überhaupt noch zu Deutschland gehöre. Und einige "Opfer" einer tendentiösen Reportage im Bayrischen Rundfunk über eine "APO von christlich-rechts" starteten gemeinsam mit kath.net eine Protestwelle und sprachen von "Verleumdungskampagne". 

Bestimmte Namen werden in den Netzwerken zu Feindbildern, man springt unmittelbar mit entsprechenden Kommentaren an, wenn z.B. von der Christ und Welt – Frau Christiane Florin die Rede ist. Gegen den FAZ-Redakteur Daniel Deckers werden gar schon Artikel geschrieben, in denen man sehr persönlich wird und seine Biografie ausdeutet und auch Liane Bednarz und Andreas Püttmann wissen von Haßmails und Anfeindungen zu berichten, obwohl beide nicht gerade dem progressiven Kirchenflügel angehören. Ähnliches berichten manche Pressesprecher deutscher Bischöfe, wie Ulrich Lota oder Stephan Kronenburg. 

Man kann sicher sagen, die traditionell-konservativ-fromme Szene ist im Aufruhr und das nicht erst seit Pegida. All das brachte den Leiter des Augsburger Gebetshauses, Johannes Hartl dazu, zu mahnen, auf welche Weise, in welchem Stil und mit welchen Worten wir Katholiken unsere Themen setzen und wie wir miteinander umgehen. 

Es lohnt es sich wirklich, diesen Brief des – eines "Linkskatholizismus" völlig unverdächtigen Johannes Hartl (http://kath.net/news/49582) zu lesen: "Selten habe ich die geistliche Anspannung in unserer Gesellschaft so sehr wahrgenommen wie in den letzten Wochen." ... "Und ich spüre wie die Wut zunimmt." ... "Das Problem ist, dass aus Wut selten gute Reaktionen kommen…" ... "Und doch gibt es eine Art, die Wahrheit zu sagen, die die ausgesagte Wahrheit selbst trübt. Man kann als Christ auf eine Art und Weise die Wahrheit sagen, die das Zeugnis von Jesus insgesamt verdunkelt. Und mein Verdacht ist: wo wir aus Wut oder Angst heraus handeln, passiert das besonders oft. Nach einigen Wochen von Beobachtung und Gebet komme ich zu dem Schluss, dass der Ton bedeutend wichtiger ist, als wir manchmal ahnen. " ... "Doch ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die in ihrem Herzen der Wahrheit gegenüber offen sind. Doch nicht selten sind sie von der Härte und dem Perfektionismus abgeschreckt, der bei vielen von uns Christen spürbar wird." Und dann folgen noch beachtenswerte Worte über Pegida, über Pfr. Olaf Latzel und eine Dialogkultur, die es den Journalisten und den Kirchenskeptikern dieser Tage schwerer machen würde, uns Katholiken in eine bestimmte Ecke zu stellen. Dafür tragen wir also auch ein Stück Verantwortung.

Ich denke, es gibt keinen Grund, sich als "Opfer" gerieren. Natürlich ist mancher Angriff unberechtigt und aus mancher "linken" Ecke wird scharf nach "rechts" geschossen. Dem gilt es zu widersprechen und die christlichen und humanen Wurzeln unseres Engagements aufzudecken. So manchen heißen Luft(ballon) kann man sicher ablassen. Zudem, nicht jede Kritik an der Kirche und ihren Protagonisten ist völlig unberechtigt, selbst wenn die "Falschen" sie falsch (oder schief) formulieren. Es sind nicht immer die "bösen Anderen", die von der "Lügenpresse", auch nicht die angebliche Taqiyya der Muslime oder die "liberalen" Bischöfe und Kardinäle wie Bode und Ackermann, Kasper und Marx.

Auch wenn uns manchmal ein scharfer Wind ins Gesicht bläst: wir haben die Chance uns zu wehren und dem Sturm Einhalt zu gebieten. Anders als viele, die in Ländern wie Irak, Syrien, Libyen, Ägypten oder Nigeria, die zu unschuldigen, wehrlosen Opfern werden. Da sind wir noch lange nicht und dorthin werden wir – auch durch das Selbstverständnis der der Demokratien in denen wir leben dürfen – in absehbarer Zukunft nicht gelangen, allen "Unkenrufen" zum Trotz. Das macht mir Mut, meine Meinung weiterhin öffentlich zu sagen (selbst wenn sie nur von wenigen gehört wird).

Offensichtlich hat Hartl einigen Glaubensgeschwistern einen Spiegel vorgehalten, denn sogar Michael Schneider-Flagmeyer vom Forum Deutscher Katholiken, der gemeinhin einen sehr spitzen Stift verwendet, fühlte sich gemeint und antwortete öffentlich: "Ich habe schon länger erkannt, dass ein zu harter Ton die Musik des Evangeliums verzerrt und unser Zeugnis unglaubhaft werden lässt." Vielleicht ist diese Erkenntnis es wert, häufiger einmal in die Tat umgesetzt zu werden. Und sie öffnet mir auch einen weiteren Horizont. Schade, dass der Autor den Rest seines Briefes letztlich dafür verwendet, seine eher "harte Tour" auch für die Zukunft zu rechtfertigen. 

Es ist nicht so, dass derjenige, der mich ärgert (oder über den ich mich ärgere) meine heftige Gegenwehr auch verdient. Nicht immer ist der Überbringer einer "schlechten Nachricht" oder Vertreter einer "anderen Meinung" auch ein Täter, gegen den ich mich zu wehren habe. Wenn ich mich ärgere, sollte ich vielleicht doch erst mal nach innen schauen, ob es nicht ein Spiegel ist, der mir zu Recht vorgehalten wird. Das ging mir so bei vielen Reaktionen auf die Worte des Papstes über die fünfzehn geistlichen Krankheiten. Wenn ich mich in diesem Spiegel anschaue, dann spüre ich, wie ich auf seine Worte reagiere, mal mehr, mal weniger. Und dort, wo ich am Meisten getroffen bin ... da ist vielleicht auch eine Wahrheit, die ich beherzigen sollte. Nicht, indem ich dem Papst Vorwürfe mache, weil er etwas "Falsches" über mich gesagt hat oder es überhaupt für unmöglich halte, so mit seinen Mitarbieten zu reden. Oder wenn ich an den Aufsatz von Andreas Püttmann denke, der beklagt hat, dass der christliche Glaube nicht gegen extrem "rechtes" (und linkes) Gedankengut immunisiere und dass er immer mehr in Sorge gerate, wohin die traditionell-konservativ-fromme Szene der Katholiken steuere. Ob man diesen "Spiegel" mit den Worten, dass dieser in "finsterster Weise diffamierend" schreibe zerschlagen muss, wie es Elsa in ihrem Nachtbrevier tut? 

Ich sehe deutliche Zerreißkräfte in der Kirche, insbesondere auch in Deutschland. Ich schätze die traditionell-konservativ-fromme katholische Szene sehr. Häufig finde ich anregende Gedanken, großes Engagement, tiefe Frömmigkeit, fruchtbaren Austausch und hilfreiche Rückmeldungen, die mir viel bedeuten. 

Wenn ich auf die Kirche insgesamt schaue, sehe ich neben den Frommen und Aktiven zahlreiche Menschen, die zwar einen mehr oder minder intensiven oder lockeren Kontakt zur Kirche haben, den "vollen Glauben" aber nicht mehr mit uns teilen. Für viele Menschen wird "gelebte Kirche" immer unwesentlicher. Die Lebensbedeutung der Kirche nimmt im Grunde von Tag zu Tag ab und wir müssen uns fragen, ob wir nicht auch dazu beitragen, mit unserer Streitkultur, mit unserer Art für bestimmte Themen einzutreten (und andere Themen zu ignorieren) und auch mit unserer Art, auf "Fernstehende" zuzugehen, seien es GRÜNE, Liberale, Agnostiker, Atheisten, Protestanten, "Linke" oder Kritiker aus dem "eigenen Lager": 

Leider ist einigen unter "uns" nicht einmal der Papst mehr "sakrosankt", geschweige denn die Bischöfe und Kardinäle deren jeweils eigenständiges Lehramt eigentlich als Garant für eine gewisse katholische Einheit dienen sollten. Auch daher sorge ich mich um die Zukunft der Kirche in Europa. 

Es dürfte doch klar sein, dass die traditionell-konservativ-Frommen in der Kirche am Ende "gewinnen" werden. Denn sie stellen ja eine Art "Markenkern" der Kirche dar. Sie repräsentieren eine Idealgestalt von Kirche, an der kein Bischof – und sei er noch so liberal – vorbei kann. Wenn sie dann noch treu zum päpstlichen Lehramt stehen, haben sie noch dazu ein geistliches und wirkliches Machtzentrum an ihrer Seite. Sie sind noch da, wenn viele andere längst gegangen sind. Da mag "Kirche von unten" noch so viele Mitglieder gewinnen, Unterschriften sammeln und "Gefällt mir" auf ihrer facebook-Seite generieren. 

Aber können wir das wirklich wollen? Wollen wir eine Kirche der Reinen, einen "Heiligen Rest", ein Idealbild von Kirche, dass auch an anderer Stelle beschworen, idealisiert und teils in die Vergangenheit zurückprojekziert wird? Die Frage ist, wie viele Menschen können wir mitnehmen und mit welcher "Bandbreite" an Überzeugungen und Lebensformen darf man noch dazu gehören?

Nachdenklich hat mich eine Bemerkung von Christiane Florin gemacht, die sie auf einem SWR – Podium gesagt hat: "Auch im Zeitgeist kann der Hl. Geist wehen." Und eigentlich müßte man das noch erweitern: "Auch in kritischen Anfragen und in harter Kritik kann der Hl. Geist wehen."

Unter den Bedingungen der postmodernen Kultur wird es eine breite Einigkeit in den Überzeugungen angesichts einer zunehmend "bunteren" katholischen Kirche nicht mehr geben. Dazu fällt die Bandbreite der Meinungen in der Gesellschaft zu weit auseinander. Auch die Kultur insgesamt wird vielfältiger, was nicht allein auf Zuwanderung und Globalisierung zurückzuführen ist.

Als treue Katholiken bekommen wir da manchmal mehr Aufmerksamkeit als uns lieb sein kann. Auch von denen, die eine andere politische Agenda haben. Da werden dann die spitzen Waffen der Politik ausgepackt ... und wir sollten dann nicht auch direkt zum Degen greifen sondern anders antworten. Weil wir genau beobachtet werden, haben wir besonders viel Verantwortung für das Erscheinungsbild dieser unserer geliebten katholischen und apostolischen Kirche. 

Sollten wir überzeugten Katholiken nicht gerade eine Kirche der Vielfalt anstreben und alles dafür tun, dass eine legitime Bandbreite katholisch-traditionell-konservativ-frommer und liberal-progressiv-kirchendistanzierter Menschen in der Kirche Raum und "viele Wohnungen" vorfindet? Natürlich ist es unbefriedigend zu sehen, dass Menschen etwas für unwesentlich halten, was für uns bedeutsam oder gar heilig ist. Und dass sie trotzdem für sich beanspruchen irgendwie "katholisch" oder "christlich" zu sein. Daher sollten wir uns auch nicht abhalten lassen, die "frohe Botschaft" zu verkündigen. Aber wir haben auch eine Verantwortung dafür, dass die Kirche "anziehend" und "gastfreundlich" erscheint. Nur wenn wir auf diese Weise den Boden bereiten kann die Saat des Evangeliums aufgehen. Wir sind dafür verantwortlich, gute Saat auszusäen. Die Wachstumskräfte kommen von Gott allein, von einem Gott, der Unkraut und Weizen zusammen wachsen läßt. Und der uns die Frage stellt, ob wir es sind, die "Spreu vom Weizen" trennen – oder ER. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg kann uns vor Augen führen, dass auch diejenigen, die aus menschlicher Perspektive wenig geleistet haben vor Gott Gnade finden können. 

Eine solche Haltung, ein solcher Umgang mit Menschen wird uns des Verdachts entheben in irgendeiner Weise "rechts" und "extrem" zu sein, nur weil wir an Prinzipien festhalten, uns auf Gott berufen, das Lebensrecht verteidigen und die Schöpfung schützen, für Gerechtigkeit und Frieden eintreten und den Armen die frohe Botschaft verkünden. Wir sollen "Salz der Erde" sein und keine überscharfe Chilischote. Im Idealfall helfen wir mit, dass die Menschen Geschmack an einem Leben in der Nachfolge Jesu finden können. Wie sie die Zutaten zusammen stellen – das legt Gott in ihre Hand.

Ganz offensichtlich ist auch Bischof Oster von Passau mit ähnlichen Fragen unterwegs: www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1560157827587371&id=1399859893617166&substory_index=0

Elsa erregt sich im Nachtbrevier über viele... http://elsalaska.twoday.net/stories/1022402197/

Antwortbrief von Michael Schneider-Flagmeyer an Johannes Hartl: www.kath.net/news/49625

Gedanken von Andreas Püttmann über Kirche von rechts:
www.christundwelt.de/detail/artikel/die-moralpaechter/
www.christundwelt.de/detail/artikel/die-rechtsausleger/

Der BR-Beitrag zur angeblichen "APO von christlich-rechts": http://cdn-storage.br.de/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-bP/_-JS/52bH_Aky/150219_2003_radioThema_APO-von-christlich-rechts-Wie-sich-unter-de.mp3 

Freitag, 23. Januar 2015

Georg Gänswein als Prophet der Islamisierung? Der Vatikan unterstützt PEGIDA?

Für einige Beobachter war es erstaunlich, wie deutlich sich die Katholische Kirche gegen „PEGIDA“ und andere extrem islamkritische bis islamfeindliche Bestrebungen gewandt hat. Ein erster (auch medialer) Paukenschlag waren einige Bischöfe, die sich kritisch äußerten. Dann folgte die „Licht-aus“ - Aktion des Kölner Domkapitels verbunden mit deutlichen Worten von Kardinal Woelki. Den (vorläufigen) Schlussakkord setzte die überraschend klare und pointierte Reaktion des Münsteraner Bischofs Felix Genn zum Engagement eines Pfarrers der Diözese bei einer Duisburger PEGIDA-Demo: 

„Wir weisen die Aussagen von Herrn Pfarrer Spätling entschieden zurück. Wir distanzieren uns mit Nachdruck von seinem völlig verzerrten Bild von Geschichte und Gegenwart. Herr Pfarrer Spätling bedient mit seinen Äußerungen undifferenzierte Klischees gegenüber dem Islam. Er schürt mit seinen Aussagen eine Feindlichkeit gegen „den Islam“, die wir für gefährlich erachten. Mit solchen Äußerungen – für die Herr Pfarrer Spätling, indem er äußerlich sichtbar als katholischer Priester auftritt, auch noch seine Autorität als Pfarrer und Priester missbraucht – legt er die Grundlagen für rechte Ideologien, für Fremdenfeindlichkeit und für ein Gegeneinander der Religionen, die in der katholischen Kirche keinen Platz haben. 

Die christliche Botschaft ist keine der Ausgrenzung, des Hasses und der Gewalt, sondern eine der Liebe und der Menschenfreundlichkeit. Wir sind dankbar dafür, wie viele Menschen in diesen Tagen auf die Straßen gehen und genau in diesem Sinne ein Zeichen setzen – darunter sind auch ganz viele Christinnen und Christen. Uns droht in Deutschland ganz sicher keine Islamisierung. Als Christen steht es uns gut an, den Menschen, die Zuflucht bei uns suchen, zu helfen und für sie da zu sein. Das geschieht auf ganz vielfältige Art und Weise. Zudem sind wir auf unterschiedliche Weise und auf vielen Ebenen mit muslimischen Vertretern im Gespräch und werden dies auch bleiben.“ 

Diese Worte hallten (und hallen) noch nach und brachten – verständlicherweise – die PEGIDA-Anhänger auf die Palme, was sich in langen Tiraden und heftigen Anfeindungen in den sozialen Netzwerken niederschlug. 

Aber auch „katholische Kreise“ folgen nicht einhellig ihren „Oberhirten“. Auch hier gibt es klaren Widerstand und deutlichen Widerspruch (der bedauerlicherweise den PEGIDISTEN in der Wortwahl manchmal in nichts nachstand). Offenbar gibt es auch unter einer Minderheit von Katholiken eine tiefe Angst gegenüber dem Islam und den Wunsch, zu radikalen "Lösungen" zu kommen. 

Bischof Oster von Passau stellte in einem Hirtenbrief (bei facebook) fest, dass man durchaus mit Besorgnis auf Entwicklungen in islamischen Ländern schaut, dass gegen „Islamisierung“ aber nur eine vertiefte Evangelisierung helfen würde, wobei es ihm aber nicht darum ging, Muslime zum Christentum zu bekehren, sondern Christen zu besseren Christen zu machen.

Ein Ausspruch des sehr populären Sekretärs des emeritierten Papstes Benedikt XVI, gleichzeitig Präfekt des päpstlichen Hauses bei Papst Benedikt, wurde in den letzten Tagen in immer neuen Schleifen durch das Internet gejagt und von den Kritikern der Bischöfe Deutschlands eben diesen vorgehalten: Seht, sogar der „VATIKAN“ ist auf unserer Seite, dort sieht man das Unheil am Horizont klarer als ihr. Verwunderlich bei einer Aussage, die vor fast acht Jahren in einem ganz anderen (inhaltlichen) Umfeld getätigt wurde.

Offensichtlich haben Kritiker aus PEGIDA – Kreisen das Engagement der Kirche für verfolgte Christen in aller Welt gar nicht wahrgenommen. Anders kann man zahlreiche Behauptungen über „die Kirche“ und „die Bischöfe“ in diesen Tagen nicht interpretieren. Zumindest bei vielen Wortmeldungen darf man zweifeln, dass sie in den letzen Monaten (oder Jahren) eine Kirche von innen gesehen, geschweige denn einen Priester predigen und eine Gemeinde im fürbittenden Gebet gehört haben. Von Spendenaktionen und Kollekten möchte ich eigentlich gar nicht erst schreiben.

Etliche Kommentatoren führten auch Papst Benedikt XVI. ins Feld, der in seiner Regensburger Rede vor den Gefahren des Islam gewarnt habe. Kennern der Theologie des Papstes und seiner berühmten Rede nehmen das erstaunt zur Kenntnis, denn es ging dem Pontifex damals überhaupt nicht um den Islam. Er wollte mit einem Zitat des mittelalterlichen Kaisers Manuel II. Palaiologos (im Dialog mit einem – vermutlich schiitischen Muslim (Perser)) nur eines belegen: Man kann einen Menschen nicht gegen die Stimme der Vernunft für den Glauben gewinnen. In der Konsequenz ist daher ein Zwang im Glauben undenkbar und führt niemals zum Ziel. Es ist bedauerlich, dass die Christenheit diesen Gedanken nicht schon damals, im 14. / 15. Jahrhundert tiefer durchdacht und angewendet hat. So wäre den indigenen Völkern Amerikas oder den Juden Spaniens wohl manche Ungerechtigkeit und Gewalt erspart geblieben. Die Rede Benedikts ist daher mitnichten gegen den Islam gerichtet, höchstens gegen eine problematische Interpretation dieser Weltreligion, die auf Gewalt als Mittel der Mission setzt. Aber auch hier richtet sich die Spitze gegen jeden, der Gewalt in Glaubensdingen legitimiert, sei er Christ, Hindu, Muslim oder....

Die katholische Kirche leugnet in keiner Weise problematische Strömungen im Islam. Und Dialog bedeutet, dass gerade auch kritische Punkte angesprochen werden. Auch für uns Christen ist es hilfreich, vom Muslimen kritisch befragt zu werden. So können sich manche Fragen klären und man kommt gemeinsam voran. In jedem Fall aber erfolgreicher, als auf Wegen, die auf scharfe Konfrontation und Auseinandersetzungen gründen oder dorthinein führen. 

Leider hatten 2006 einige Zeitungen die Rede Benedikts als gegen den Islam gerichtet missverstanden und durch eine verkürzte Wiedergabe mit zu den heftigen Reaktionen in der islamischen Welt beigetragen. 

Und hier kommt das Gänswein – Zitat ins Spiel. Die in 2014/2015 zitierten Worte hat er in eine Interview im Peter Seewald (kursiv gesetzt) geäußert, veröffentlicht in der Ausgabe 30/2007 des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Das ist als inzwischen über sieben Jahre her. Aber lesen Sie selbst, was Gänswein im Kontext sagt (im Netz ist das ganze Interview nicht leicht zu finden. Aber Sie haben ja dieses Blog): 

„Alle seine wichtigen Texte schreibt der Papst selbst, auch die Rede von Regensburg mit dem umstrittenen Zitat aus einem historischen Buch über einen Disput mit den Muslimen. Warum hat den Text niemand gegengelesen? 
Ich halte die Regensburger Rede, so wie sie gehalten wurde, für prophetisch. 

War das Erschrecken groß, als die wütenden Attacken aus der islamischen Welt bekannt wurden?
Dass es einige grobe Reaktionen gab, hörten wir erstmals nach der Rückkehr aus Bayern am Flughafen in Rom. Es war eine große Überraschung, auch seitens des Papstes. Der mächtige Wirbel war zunächst durch Zeitungsberichte entstanden, die ein bestimmtes Zitat aus dem Zusammenhang gerissen und als des Papstes persönliche Meinung dargestellt hatten. 

Im real existierenden Islam, also überall dort, wo diese Religion Staat und Gesellschaft beherrscht, werden Menschenrechte mit Füßen getreten. Die Verfolgung von Christen hat dramatisch zugenommen. Und der Präsident der islamischen Republik Iran hat gerade wieder erklärt, der Countdown für die Zerstörung Israels habe begonnen. Ist die Vorstellung von einem echten Dialog mit dem Islam nicht allzu naiv?
Die Islamierungsversuche im Westen sind nicht wegzureden. Und die damit verbundene Gefahr für die Identität Europas darf nicht aus falsch verstandener Rücksicht ignoriert werden. Die katholische Seite sieht das sehr klar und sagt es auch. Gerade die Regensburger Rede sollte einer bestimmten Blauäugigkeit entgegenwirken. Festzuhalten ist, dass es den Islam nicht gibt, und er kennt auch keine alle Muslime verpflichtend-bindende Stimme. Unter dem Begriff versammeln sich viele, unterschiedliche, teils untereinander verfeindete Strömungen, bis hin zu Extremisten, die sich bei ihrem Tun auf den Koran berufen und mit dem Gewehr zu Werke gehen. Auf institutioneller Ebene versucht der Heilige Stuhl, durch den Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog Kontakte zu knüpfen und Gespräche zu führen.“

Der Kontext der Aussage war also die Regensburger Rede des damaligen Papstes und die Reaktionen aus der islamischen Welt, die der Papstsekretär in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit ins Wort bringt. Abschließend betont er, dass einer der Schwerpunkte des Pontifikats im Dialog mit dem Islam liegt, mit dem Ziel die bestehenden Konflikte und Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen und zu einer friedlichen Koexistenz zu kommen. Soweit ich das verstehe, geht es dem heutigen Erzbischof auch nicht darum, die freie Religionsausübung der Muslime in Europa einzuschränken, sondern darum, dass die europäischen Gesellschaften nicht ihre christlichen Wurzeln vergessen. Die Gefahr durch die Säkularisierung ist hier bedeutsamer, denn solche Strömungen „benutzen“ häufig die angeblichen Interessen „der Muslime“ um die Religion aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Die Diskussionen um „Weihnachts- oder Wintermärkte“, St. Martin oder Kreuze in öffentlichen Gebäuden haben das deutlich vor Augen geführt.

Interessant ist natürlich der Satz, dass die Rede auch einer gewissen „Blauäugigkeit“ im Westen entgegenwirken sollte. Da er aber in dem Interview auch bekennt, die Rede zuvor nicht gelesen zu haben ist die Frage angebracht, ob es von Papst Benedikt so intendiert war – oder im Nachhinein hineininterpretiert wurde. In jedem Fall kam durch die Rede der christlich – islamische Dialog durchaus voran. Erst recht, weil sich Papst und Vatikan entschieden bemühten, den Eindruck zu zerstreuen, die Zitierung des Kaiser-Wortes sei gegen die Muslime gerichtet gewesen. 

Die Worte des Erzbischofs eignen sich sicher nicht, um eine Übereinstimmung des Vatikan mit Positionen der PEGIDA zu konstruieren. Im Gegenteil, würde man sich von PEGIDA doch derart differenzierte Rückmeldungen wie die von Erzbischof Gänswein dringend wünschen. Wenn auf der Bühne in Duisburg einem Priester zugejubelt wird, der von Kampf und Krieg gegen Türken und Muslime (wie einst vor Lepanto) redet, dann werden die schönen Worte in Positionspapieren unmittelbar zu Makulatur. Würde er heute zu dieser Frage interviewt, glaube ich, dass seine Antwort nicht weniger klar wäre als die, die Bischof Dr. Felix Genn auf die Rede des Pfarrers Spätling gegeben hat. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Erzbischof Gänswein auf die angebliche „Islamisierung“ in einem neuen Interview 2014 mit keiner Silbe eingeht. 

Sie können sich gern überzeugen:

Hier der Link zum Gespräch mit Erzbischof Georg Gänswein aus dem vergangenen Jahr:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/41614
Außerdem das Interview von 2007:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/3239/Der-Papst-traegt-immer-weiss-Auch-beim-Fernsehen

Stellungnahme von Bischof Dr. Felix Genn: http://www.bistum-muenster.de/index.php?cat_id=20975&myELEMENT=304733

Montag, 5. Januar 2015

Von den Geburtsfehlern des Islam reden?

Anläßlich der heute wieder angesetzten PEGIDA-Demonstrationen wird sich auch mein heutigee Blogbeitrag mit "Islamisierung" beschäftigen. In den sozialen Netzwerken wird viel darüber gequatscht. In den Netzen erwarte ich unterschiedlichste (auch unsinnige oder aufregende) Meinungen, aber von der Wochenzeitschrift: "Christ in der Gegenwart", der ich seit Jahrzehnten treu bin, erhoffe ich mir mehr. 

Mit steigendem Ärger las ich daher vor Weihnachten darin den Kommentar "Herrschaftsreligion" (Ausgabe 51/2014, Link s. unten) und dachte mir: "Die Damen und Herren von "PEGIDA" werden sich freuen, aus der Schreibe einer renommierten christlichen Zeitschrift "Argumentationsmaterial" zu erhalten." Vermutlich lesen die "Pegida"-Strategen dies wohl nicht, selbst wenn der Kommentator in der aktuellen ersten Ausgabe 2015 erneut in diese Kerbe schlägt. (WARNHINWEIS: Vermutlich werden mir manche Leser "politische Korrektheit" vorwerfen. Aber ich bekenne, dass ich selbst einige Stunden in diesen Text investiert habe und weder Geld noch Unterstützung von "Mainstreammedien" und "Lügenpresse" erhalten habe.)

Der Kommentar "Herrschaftsreligion" setzt beim Kindermord zu Peschawar ein. Taliban – Terroristen hatten mindestens 132 Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche ermordet. Auf der einen Seite unschuldige muslimische Kinder, auf der anderen Seite schuldige, ebenfalls muslimische Taliban. 
Kein Wunder, dass sich der Autor (weil kein Name genannt wird handelt es sich wohl um die Meinung der Redaktion) über dieses unmenschliche Verbrechen aufregt und Assoziationen zum "Kindermord" zu Bethlehem weckt – gerade in diesen weihnachtlichen Tagen. 

Zur ganzen Wahrheit gehört, dass die betreffende Schule eine Einrichtung des pakistanischen Militärs ist, einer Institution in diesem Staat, die mitnichten für Gewaltfreiheit und Demokratie steht. Warum ich dies erwähne? Nicht um die grausige Tat zu verharmlosen, sondern weil es Teil der Wahrheit ist. Die Taliban argumentierten ja, dass diese Schule ein legitimes Ziel sei, damit auch die Militärs erleben, was manche Familie in den pakistanischen Stammesregionen durch die Waffen des Militärs erleben mußte. Ich kann diese Argumentation zwar nicht teilen und denke, dass es keinen Unterschied macht, ob ein Schüler einer Militärschule in Peschawar oder ein Schüler einer säkularen Schule in Islamabad einem Terrorangriff zum Opfer fällt.
Wenn ich als Christ solche Taten wahrnehme, muss ich die ganze Wahrheit in den Blick nehmen. Auch wenn die Taliban eine islamistische Terrorgruppe sind; dieser Anschlag wird nicht religiös begründet. Da ich kein Richter bin, muss ich nicht jeden Aspekt werten, sondern kann das Handeln der Verbrecher an den moralischen Überzeugungen meiner Religion messen. 

Warum dieses entsetzliche Verbrechen der Taliban den Autor des Artikels dazu herausfordert, die Formulierung "Islam ist Friede" in Frage zu stellen, verstehe ich nicht. Soweit ich weiß, ist das auch nur eine der möglichen Übertragungen des Wortes Islam, abgeleitet aus einer gemeinsamen Sprachwurzel mit dem Wort Salam. Wer genauer hinsieht, wird ja auch weitere Wortbezüge entdecken, wie z.B. die Unterwerfung, die Hingabe an den Willen Gottes. Würde Christ in der Gegenwart (CIG) den Zweifel am Friedenwillen vieler Muslime auch den überlebenden frommen Muslimen unter den Schülern der pakistanischen Schule entgegenschleudern? Meint man in der Redaktion, dass diese durch die grauenvollen Taten der Taliban – Angreifer im Glauben zu zweifeln beginnen? Was würden man dem jugendlichen Pakistani antworten, der kopfschüttelnd zu Ihnen sagt: "Was sind das für Menschen, die wollen Muslime sein, wo doch Islam "Friede" heißt, wo es doch im Islam heißt, wer ein Menschenleben tötet, für den ist es so, als lösche er eine ganze Welt aus?"

Aus unserer Perspektive betrachtet, ist ein muslimischer Pakistani von seinen Glaubensüberzeugungen her eher im ultrakonservativen Spektrum des Islam angesiedelt. Hierzulande würde er vermutlich mißtrauisch beäugt. Und dennoch schauen zahllose Muslime in Pakistan verzweifelt und entsetzt auf die Bluttaten der Taliban – ohne dabei den eigenen Glauben in Frage zu stellen.

Wenn ich feststellen muß, dass auch das Christentum Gewalt hervor gebracht hat; dass wir Christen gewaltsam bekehrt haben; dass wir Menschen getötet haben, die nicht bereit waren zu Konversion; dass es u.a. während der Kreuzzüge Gemetzel und Pogrome an Andersgläubigen gegeben hat ... rechtfertigt und entschuldigt das in meinen Augen keinen Mord durch die Hand oder die Waffe eines Terroristen, der sich auf seine Version des Islam beruft. 

Ich bin kein Freund der pauschalen Bemerkungen wie "Islam ist Friede" oder "Der islamistische Terror hat nichts mit dem Islam zu tun!" Das ist in der jeweiligen Verkürzung in der Tat Mumpitz. Aber "Islam heißt auch Friede" und das sollte Anspruch an jeden Muslim sein. Die Terroristen bedienen sich an Bruchstücken aus dem Koran, der Sunna und islamischer Theologie zur Rechtfertigung ihrer Untaten. Insofern sie überhaupt für ihre Untaten noch nach Rechtfertigungen suchen und nicht längst "göttliches Recht" selbst schaffen.

Wir können doch nicht ernsthaft leugnen, dass der islamistische Terror - von mir aus auch der islamische Terror - auch etwas mit politischen, sozialen, wirtschaftlichen und ethnischen Verwerfungen zu tun hat. Und wenn ich bemerke, dass dies "auch" etwas damit zu tun hat, entschuldigt das dennoch nicht die grausame Unmenschlichkeit dieser "Unmenschen". Doch es ist eine Tatsache, dass es Al Quaida, IS und Taliban ohne die Geschichte der Kolonisation und Unterdrückung der islamischen Länder, auch ohne die jüngste Geschichte der russischen Unterdrückung der Muslime am Rand des russischen Reiches und in Afghanistan und ohne die Kriege im Irak heute nicht geben würde. Möglicherweise gäbe es heute dafür andere mörderische Mächte auf dieser Welt; ich will das gar nicht ausschließen. Beispiele davon haben wir ja auch ohne religiöse Ideologie in den 30er – 70er Jahren allzu viele erleben müssen. 

Im Mittelteil des CIG-Kommentars finde ich dann wieder, was ich an der Zeitung schätze: fundierte, abwägende Analyse des Verhältnisses zwischen Religion und Macht. Auch den Hinweis auf den grauenhaften Völkermord in Ruanda versäumt der Autor nicht, eine offene Wunde zu der auch noch manche mehr kommen, wenn es um das Bild vom Christentum als friedvolle und friedensstiftende Religion geht. Ja, sicher ist es so, dass das Christentum auf diesem Weg einer Emanzipation von den staatlichen Mächten schon weiter ist als manche andere Religion dieser Welt. Zumindest in Europa ist es durch die schmerzhafte Mühle der Aufklärung und der Auseinandersetzung mit den Wissenschaften gegangen. Aber auch im Christentum gibt es Kräfte, die in den Folgen dieser Auseinandersetzung eine Verwässerung des Christentums entdecken. 

Daher lohnt es sich auch für uns Christen nach wie vor, die schmerzhafte Geschichte dieser Entwicklung zu reflektieren und möglicherweise gerade mit dieser Offenheit denen, die die Entwicklung des Islam voran treiben möchten, eine Hilfe anzubieten. 
Eine weitere Anmerkung zum Kommentar erscheint mir an dieser Stelle notwendig: Auch wenn das Judentum heute in Israel eine machtpolitisch bedeutsame Rolle spielt, so dürfte es nicht falsch sein, dem Judentum insgesamt die Kraft zuzubilligen, "Wesen und Unwesen von Religion selbstkritisch zu betrachten und die Selbstimmunisierung zu mobilisieren."

Der Islam heute ist eine vielschichtige und vielgestaltige Religion. Aber es ist keine Religion, die aus sich heraus zu Kampf und Gewalt anstachelt. Die islamische Religion ist (vielleicht bedauerlicherweise) in einer Region entstanden, wo ihre Ausbreitung von Kämpfen und Konflikten begleitet war. Ob man dies ihrem Propheten zuschreiben kann vermag ich nicht zu beurteilen, mir scheint er ist in diese Rolle doch eher gedrängt worden. Sicher war Mohammed ein "Kriegsherr", ob er aber "Kriegstreiber" war, darüber sollten Sie ruhig noch einmal mit kundigen islamischen Theologen und Geschichtskundigen streiten.  

Die "Friedfertigkeit" Jesu sehe ich durchaus, aber rein "gewaltfrei" war er nicht, wenngleich er kein Krieger und Kämpfer war. Sein Reich war nicht von dieser Welt. Als überzeugt glaubender Katholik bin ich sicher, dass er aus Gottes Willen so und nicht anders in die Welt gekommen ist, als hilfloses Kind und nicht als Mächtiger, nicht als Kriegsherr, nicht als Aufrührer sondern arm und mit wenig mehr ausgestattet als mit der Macht seines Wortes, der Kraft seiner Gottessohnschaft und seiner besonderen Beziehung zu seinem Vater im Himmel. Mohammed, der Prophet des Islam ist in ganz anderen Bezügen geboren worden. 

Der CIG hat vor einigen Monaten einmal einen spannenden Artikel gebracht: "Kann Mohammed auch ein Prophet für Christen sein?" Dieser Gedanke ist für den christlich – muslimischen Dialog sehr bedeutsam und führt über die bisherigen Themen sicher hinaus. Für mich persönlich hat Mohammed keine religiöse Bedeutung im Sinne von Bedeutsamkeit für meinen christlichen Glauben. Ich achte ihn hoch als Propheten des Islam und wichtige "große" historische Persönlichkeit. Ich erlebe, wie bedeutsam er für die Muslime ist, die seinen Namen nicht "einfach so" aussprechen, sondern immer einen Segensvers hinzufügen. Wir Christen kennen aus älterer Zeit den Brauch, das Wort Gott oder Jesus groß zu schreiben, um die Bedeutung des "Hl. Namens Jesu" zu unterstreichen. 

In den abschließenden Sätzen des CIG-Kommentars wird festgestellt: "Der Geburtsfehler des Islam liegt in seiner Gründungsfigur, seinem „Propheten“. Im Grunde ist das ein ungeheuerlicher Satz! Wie will man mit einer solchen Überzeugung überhaupt noch ein Gespräch beginnen? Selbst liberale und sehr offene Muslime werden auf diesem Niveau keinen Dialog führen wollen. Wer die besondere Position des Papstes für die Kirche negiert kann sich kaum katholisch nennen, wer Luther ablehnt wird mit keinem Protestanten über die Gestaltung des Jahres 2017 sprechen können.

Möglicherweise ist es ja wirklich so, dass der Islam über "Geburtsfehler" verfügt. Aber kann man sie benennen, ohne gleichzeitig Geburtsfehler der eigenen Religion und Theologie selbstkritisch einzugestehen? Und können wir als islamisch – theologisch doch weitgehend ungebildete Menschen ernsthaft die Grundlagen einer Weltreligion derart in Frage stellen? Wie soll hieraus ein Fortschritt möglich sein? Denkt der Autor an einen Islam, der sich von einem Teil seiner Wurzeln befreit? Für einen "Dialog" auf dieser Basis fehlt mir schlicht die Vorstellungskraft. 

Erschütternd sind für mich auch Zitate aus dem CIG-Kommentar "Dschihad 2015" vom Jahresbeginn: "Die Unruhe nicht weniger Bürger wächst..." ... "politisch korrekte Beschwichtigungsrhetorik" ... "über Realitäten im Unklaren gelassen..." ... "immens hohe Zahl an Dschihadisten und Sympathisanten" ... "der islamische Untergrund" ... "Heilige Krieger (die) unter dem Deckmantel von Kriegsflüchtlingen ... unbehelligt Aktivisten rekrutieren..." 
Will man in einer renommierten christlichen Zeitschrift ernsthaft behaupten, die Probleme mit islamistischen Extremisten würden in Deutschland "beschwichtigt"? 
Was sind das für Stilmittel? Ich verneine strikt die Behauptung, das Problem des politischen Islamismus bekäme bei den Sicherheitskräften oder in den Medien nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Im Gegenteil! Ob über die "RAF" damals angemessen berichtet wurde, das entzieht sich meiner persönlichen Erinnerung... aber mit Blick auf den Islamismus vermisse ich nichts. Schon der CIG selbst setzt sich intensiv mit diesem Thema auseinander. Und an Artikeln in SPIEGEL, FAZ, WELT u.s.w.. mangelte es ebenfalls nicht. Kritiker des Islam wie Hamed Abdel-Samad, Sabatina James oder Necla Kelek bekommen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Natürlich sollten wir genau hinschauen. Und wir sollten uns mit allen Kräften in der muslimischen Community zusammentun, die erkennen, wie sehr der Islam selbst auch durch den Islamismus von IS, Al Quaida und Boko Haram angegriffen wird. Es hilft genaussowenig, diese Extremisten als "unislamisch" auszugrenzen, wie die PEGIDA-Demonstrationen für schlicht dumm und unbedeutend zu erklären. 

Natürlich ist es eine Tatsache, dass die Unruhe mancher Bürger wächst. Aber das liegt für mich nicht an zu wenig Aufmerksamkeit der Medien oder der Sicherheitskräft, sondern an deren Focus. Man beschäftigt sich nämlich mit den Minderheiten, die extreme Positionen vertreten oder gar in einen "Hl. Krieg" ziehen. Und durch die so gerichtete Aufmerksamkeit machen die kleinen Minderheiten für manchen Zuschauer 100 % der Wahrnehmung über Moslems aus, oder vielleicht 80 Prozent, weil jeder kennt ja einen Türken, der "sogar Bier trinkt" und ein netter Kerl ist. Damit möchte ich in keiner Weise das Problem des islamischen Extremismus klein reden. Es sind ja auch nicht nur die "Dummen" die Islamisten, sondern durchaus auch kundige und wortgewaltige Strategen, ein Phänomen, das wir aus der – durchaus wesensverwandten – rechtsextremen Szene ja ebenfalls kennen. 

Hier sind die Sicherheitskräfte gefordert, aber sicher auch in der Beobachtung und Bestrafung der islamistischen Szene. Das geht nur durch enge Zusammenarbeit mit hier heimischen Muslimen. Mag es auch bis heute noch kaum islamistische Angriffe hierzulande gegeben haben, so ist doch in der wachsenden weltweiten Terrorbewegung der Keim dafür schon gelegt. Es könnte auch "uns" treffen ... und nicht nur die Schüler der Militärschule in Pakistan. 

In den Bestrebungen, gewaltbereite Schläger gegen Salafisten oder Islamisten auf die Straße zu bringen sehe ich hierzulande ebenfalls eine große Gefahr. Und Sorge macht mir die zunehmende Bedrängung ganz normaler Muslime durch zahlreiche Einflüsse von außen, aber auch durch die Stimmungsmache der Pegida – Hintermänner. Ich glaube gar nicht, dass hier der rechtsextreme Sumpf marschiert. Aber es sind zahlreiche "Strategen" dabei, die im Pegida – Schwung ihr eigenes Süppchen kochen. Was mich besonders besorgt ist, dass Pegida in einem Umfeld von Wahlverweigerung, Frustration und Mißtrauen gegenüber Medien und Politik gedeiht. Das sollte allen, die für das Funktionieren der Gesellschaft Verantwortung tragen, große Sorge machen. Das "Abendland" lebt nämlich vor allem von Bildung, vom Füreinander-Da-Sein, von der Hilfe für Schwächere... Wer das Abendland retten will, sollte das nicht gegen Andere tun, sondern die Werte des Abendlandes mit allen anderen entdecken, ja erarbeiten. Und das Abendland ist ohne eine Glaubensauseinandersetzung mit der eigenen Gottesbeziehung und den Konsequenzen daraus nicht zu retten. Wenn unser Glaube, wenn unsere Werte stark und anziehend sind, dann brauchen wir vor den Muslimen in der Moschee um die Ecke keine Angst zu haben. 

Ob der "Dschihad der Massaker" die weltpolitische Herausforderung Nr. 1 ist? Zumindest sehe ich im Kampf gegen Unterernährung, Ungerechtigkeit, ungerechte Wirtschafsstrukturen, Krieg, Krankheiten (u.a. Malaria, Ebola, AIDS) etc.. genauso bedeutsame Arbeitsfelder, die leider weniger im Rampenlicht stehen. 

Ein "Geburtsfehler" des Islam hat sich viele Jahrhunderte lang als Stärke erwiesen; nämlich, dass es in ihm kaum wirkliche religiöse Autoritäten gibt. Es gibt zwar die Vertreter der vier Rechtsschulen, aber darüber hinaus entwickelten sich weitere Strömungen. Letztlich ist jeder Muslim allein Gott gegenüber verantwortlich, wie er seinen Glauben lebt. Es gibt – anders als in der katholischen Kirche – weder Papst noch Lehramt noch eine allgemein akzeptierte Idealgestalt gelebten Glaubens. Daher lassen sich die Terroristen im Namen des Islam auch nicht "überzeugen", daher verhallen die Apelle zahlreicher islamischer Lehrer und Autoritäten weitgehend ungehört. Daher legen die Terroristen auch so viel Wert darauf, ihre Anhänger (und die von ihnen Unterdrückten) dumm zu halten. Jede dieser Terrorgruppen kämpft gegen Bildung und Bildungseinrichtungen. Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule gehen, die Lehrinhalte werden auf wenige Themen zusammengestrichen. Die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram trägt den Kampf für die Verblödung ihrer Anhänger sogar im Namen. 

Was soll angesichts dieser Lage das geforderte "Burka-Verbot" als "klares Signal" bringen? Die gefährlichste Strömung des Salafismus setzt sich m.W. nicht einmal für die Burka ein. Die Burka ist ein Kleidungstück, dass einer bestimmten islamischen Stammeskultur entspringt. Ähnlich wie der Niquab in arabischen Ländern. Hier könnte ich mir schon wirksame "Zeichen" vorstellen, aber ein Verbot solcher Kleidungsstücke ist reiner Symbolpolitik und setzt mitnichten ein Zeichen gegen Islamismus und für Dialog mit den "normalen" Muslimen in Deutschland. 

Die Antwort auf den Islamismus muss auf vielen Ebenen gegeben werden. Zunächst einmal müssen wir intensiv das Gespräch und die Kontakte mit Muslimen pflegen, mit den Theologen an deutschen Universitäten und in den Moscheen aber auch mit den ganz normalen Gemeindemitgliedern, mit den unterschiedlichen islamischen Verbänden. 

Zum Dialog gehört auch unbedingte Offenheit. Ich darf meine "kritischen Fragen" den Gesprächspartnern nicht ersparen. Das wäre eine falsche Rücksichtnahme. Dazu gehört von muslimischer Seite sicher – berechtigt – auch die Frage nach "westlicher Moral". 

Entscheidend ist auch, dass Muslime sich in Deutschland nicht als "ausgegrenzt" erfahren und dass sie sich auch nicht selbst ausgrenzen. Hier wäre noch viel zu tun. Wir haben seit Jahrzehnten Menschen nach Deutschland geholt, ihnen sind viele Familienangehörige gefolgt, später auch Flüchtlinge und andere Zuwanderer. Wir haben ihnen gegenüber eine Verantwortung. Menschen, die in ihrer Nachbarschaft, in ihren Familien, im Gemeinwesen, in den Kommunen, am Arbeitsplatz u.s.w. verwurzelt sind – sind weniger anfällig für die Verlockungen des Islamismus. Natürlich ist das nicht nur etwas, was die Gesellschaft allein zu leisten hat. Jeder Bürger muss selbst etwas tun. Aber die Bedingungen müssen stimmen. 

Wenn Muslime hier unter uns wohnen, dann muss sicher gestellt werden, dass sie ihren Glauben hier in angemessener Weise leben können. Hierzu gehört auch die geregelte Errichtung von Moscheen, nicht nur in Randlagen der Gewerbegebiete. Dazu gehört auch, nach den Regeln der Religion leben zu können, solange dieses Leben nicht die Rechte Anderer oder geltende Gesetze tangiert. (Koschere bzw. Halal – Lebensmittel, Beschneidung etc.. sind Themen, die einer Lösung harren. Die Tradition islamischer Friedensrichter ist wohl weniger in Regeln der Religion, denn in Gebräuchen der Heimatländer begründet.) Was spräche ernsthaft gegen den öffentlichen Gebetsruf in Gegenden, wo Muslime wohnen?

Natürlich darf nicht vergessen werden, dass der Staat auch in der Pflicht ist, wenn es darum geht, die Freiheit seiner Bürger vor religiöser Bevormundung zu schützen. Auch das ist ein sensibler Punkt in vielen muslimischen Gemeinschaften, wo ein Abkehr von der Religion nicht geduldet wird (während ein Nichtpraktizieren meist akzeptiert wird). 

Ich würde mir wünschen, dass Katholiken in diesen Tagen, ausdrücklich auch als Redaktion einer christlichen Wochenzeitschrift alles dafür tun, den Islamisten aber auch den extrem rechten (und linken) Strategen in Deutschland den Nährboden zu entziehen. Nur so kann Schritt für Schritt ein Abendland weiter wachsen, dass sich dieses Namens nicht zu schämen braucht. 

Kommentar aus CIG 51/2014: "Herrschaftsreligion": www.christ-in-der-gegenwart.de/aktuell/artikel_angebote_druckversion?k_beitrag=4326213

Artikel über Mohammed als Prophet für Christen: www.christ-in-der-gegenwart.de/aktuell/artikel_detail_html?k_beitrag=4197872

Montag, 8. Dezember 2014

Mein Beitrag zur Plaßmann - Challenge: Was macht man so - als Christ?

An Thomas Plaßmann gefällt mir sehr, dass er – beiläufig und ganz “normal” – auch christliche Alltagsthemen mit spitzer Feder aufspießt. Da kriegt jede(r) sein Fett weg, ob es der Papst ist oder einer wie ich als “normaler” Christ. Aber es ist nie unfair und gemein!

Die Karikatur zur Plaßmann – Challenge kannte ich schon, und ich kenne auch solche Gesprächssituationen. Eine erste Antwort fällt mir dann leicht, denn viele wissen: “Der ist Pastoralreferent.” Ich habe ja mein Christentum, den Ruf Jesu zum Beruf gemacht. Wobei ich Beruf jetzt nicht so sehr im Sinne von Broterwerb verstehe, sondern im Sinne von Berufung. Als etwas älterer Jugendlicher habe ich mich sehr ernsthaft mit diesem Ruf Jesu auseinandergesetzt und wollte schon in ein Kloster eintreten. Taizé hat mich damals fasziniert, aber auch die Franziskaner, später eher ein kontemplativer Orden. Aber meine Vorstellungen vom Ordensleben waren damals noch zu idealistisch, so ist es am Ende “nur” Pastoralreferent geworden… und später Ehemann und Vater von vier Kindern.

Die Situation, die Plassman anspitzt, kenne ich trotzdem. Meist wissen die Leute ja um meinen Beruf, und das macht es einfacher, über religiöse Themen zu sprechen. Manche nutzen auch die Gelegenheit, gezielt den Glauben zum Thema zu machen, andere meinen: “Du musst ja so reden, als “Kirchenmann”. Die Frage, was man da so macht, könnte ich dann leicht mit einem Verweis auf meine beruflichen Tätigkeiten beantworten. Menschen besuchen, Beerdigungen, Erstkommunionkatechese, Familiengottesdienste, Schokonikolausaktion, Firmkatechese, Kinder- und Jugendarbeit, Planung einer Freizeit auf Ameland u.v.m…

Aber ich denke, die Frage aus der Karikatur zielt eher aufs “Eingemachte” und nicht aufs “Offensichtliche”. Was mache ich als Christ?
Zunächst einmal “Beten”. Mir ist es wichtig, sonntags aber auch wochentags zur Kirche zu gehen, mit anderen Christen Eucharistie zu feiern. Genauso bedeutsam ist für mich aber das regelmäßige Gebet. Es fällt bei mir meist kurz aus, ab und an bete ich zwar auch das Stundengebet, den Rosenkranz, das Herzensgebet; meist aber nehme ich mein Leben ins Gebet und die Menschen, deren Anliegen und Sorgen mich anrühren. Die können ganz in der Nähe sein, aber auch weit weg, z.B. in Uganda, wo ein Freund von mir als Priester tätig ist. Oder ich bete für die Menschen, die unter dem Terror der IS-Milizen grausam leiden, für den Menschen, der bei Facebook um ein Gebet bittet, oder jemanden, dessen Schicksal mir eine Zeitung nahe brachte.

“Wer glaubt, ist nie allein”, das ist, so erinnere ich mich, ein Wort von Papst Benedikt XVI. So erfahre ich es auch im alltäglichen Leben. Ich rechne mit der Präsenz Gottes, der nicht nur dann da ist, wenn zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln, sondern auch, wenn ich einem anderen Menschen begegne. Gott ist mir nahe, diese Überzeugung verlässt mich nicht. Das ist ein Geschenk! Er bleibt da, auch im vergangenen Jahr, wo ich gegen eine Krebserkrankung zu kämpfen hatte. Für mich ist er allerdings kein Gott, der die Welt eigenhändig wie ein großer Marionettenspieler bedient, sondern Gott, der die Welt erschaffen hat und ihr eine geheimnisvolle Ordnung eingepflanzt hat. Jeden Tag neu darf ich an dieser Welt mit bauen, und wenn es mein Widerstand gegen Unrecht ist oder der Kampf gegen eine Krankheit, oder der Versuch mit einer schwierigen Situation fertig zu werden. Ich rechne mit meinem Gott, nicht damit, dass er alles umkrempelt und zum Guten wendet, aber dass er immer da ist, an meiner Seite und meine Nöte und Sorgen hört und mir Frieden (und Kraft für den nächsten Schritt) schenkt.

“Wenn ich einen Grashalm beobachte, dann werde ich fromm.” Das hat mir vor einigen Monaten ein sehr talentierter Grafikdesigner gesagt, inzwischen ist er mit weit über 80 Jahren verstorben. Ich könnte es nicht schöner sagen, in der Schöpfung finde ich die Spuren Gottes. Ich versuche täglich mein (und unser) Tun (als Menschen) mit den Augen Gottes, also im großen Zusammenhang zu sehen. Die Natur schenkt mir inneren Frieden und lässt mich immer wieder staunen. Aber ich sehe auch mit großer Sorge, dass es uns Menschen nicht gelingt, diesen großen Garten Gottes zu bebauen und zu bewahren. Und auch, wie viel Grausamkeit und Ungerechtigkeit in dieser unserer Welt herrscht. Das alles kann ich nur aushalten in der Hoffnung auf einen Gott, der mit uns geht und der uns hilft, alles zum Guten zu wenden.

Als Christ rede ich gern mit Menschen, auch in sozialen Netzwerken. Nur in der Begegnung mit Anderen werde ich ganz. Daher schreibe ich auch ab und an einen Artikel für mein Blog. Meist geht es um Themen, die mich selbst beschäftigen, die ich durchdenken möchte. Irgendwann ist das Thema dann reif und ein Text entsteht. Früher habe ich das nur für mich gemacht, um etwas zu klären und zu Ende zu denken. Heute stelle ich es ins Netz und ich bekomme ab und an die schöne Rückmeldung, dass es auch für andere hilfreich war. “Du hast komische Hobbys”, meinte kürzlich mal jemand dazu.

Ich möchte gern etwas weitergeben von diesem Leben mit Gott. Jesus hat uns einen guten Weg gezeigt, wie unser Leben – mit den Anderen – und inmitten der Schöpfung gelingen kann. Ich freue mich über die Gemeinde und über meine Kirche, die mir einen Rahmen und einen Raum für dieses Leben schenkt. Zusammen mit Anderen suche ich Gelegenheiten, Räume, Aktionen, Medien, wo Gott zur Sprache kommen kann und wo man nicht unsicher zusammenstehend mit den Füßen scharrt, wenn die Rede auf das Thema Glaube kommt. Schön wäre es, wenn es dort mehr und mehr heißt: Du bist Christ, erzähl doch mal! Und dass mir dann die richtige Antwort einfällt, aber nicht nur mir, sondern Dir auch, und Dir und Dir…

Markus Gehling, 47 Jahre alt, gebürtig aus dem Münsterland (Vreden), seit 23 Jahren Pastoralreferent im Bistum Münster, Imker, Hobbyfotograf. Bloggt privat und katholisch auf kreuzzeichen.blogspot.de, verheiratet, vier Kinder. Theologische Hobbys: Klosterleben und Bischof Nikolaus.

Alle Beiträge zur Plaßmann - Challenge lassen sich von hier aus finden: http://sende-zeit.de/2014/12/die-plassmann-challenge-markus-gehlings-antwort/

Freitag, 5. Dezember 2014

Steh auf! Nikolaus!

Nikolaus von Martina Reimann, Voerde
Der Nikolaus ist ein "Stehaufmännchen". Das belegen die zahlreiche Legenden, die von seinen Taten berichten... aber das belegt auch die Kirchengeschichte ein ums andere Mal. 

Hinter dem heutigen Adventskalendertürchen verbirgt sich die Möglichkeit für mich, einmal ausführlich über meinen Lieblingsheiligen zu sinnieren, dessen Gedenktag wir heute (nicht nur liturgisch) feiern dürfen. Das morgige Türchen (7) öffnet sich bei http://kephas.de. Das Türchen von gestern (5) ist hier: http://lara-liest.blogspot.de

Ein Überflieger - Überheiliger

Im Laufe der Jahrhunderte war Nikolaus zu einem "absoluten Heiligen" geworden, die Ostkirche verehrt ihn als "apostelgleich" oder als "hyperhagios", einen "Überheiligen". In der Bilderwand (Ikonostase) einer russisch-orthodoxen Kirche zeigt die größe Heiligenikone (nach Maria) meist den Hl. Nikolaus. Ein bulgarisches Sprichwort sagt (so charmant wie theologisch schräg): „Wenn Gott stirbt, dann wählen wir den heiligen Nikolaus zu seinem Nachfolger!"
Nikolaus Name war auch in der westlichen Kirche in aller Munde und dies schon lange, bevor Leute aus Bari (in Italien) im April 1087 die Gebeine des Heiligen "vor den anrückenden Muslimen retteten" oder aber – je nach Geschichtsdeutung – schlicht für den höheren Ruhm Bari's "mitgehen" ließen. 

Nikolausemail von Egino Weinert
Die liturgische Degradierung des Nikolaus

Was jedoch die "Architekten" der Liturgiereform und des erneuerten Römischen Kalenders geritten hat, den Gedenktag des populären Heiligen vom allgemein gebotenen Gedenktag zu einem Nullachtfünfzehn – Gedenktag herabzustufen, wird wohl kaum zu ergründen sein. Ob es daran lag, dass die Liturgiker feststellten, dass man "historisch" trotz aller Legenden wenig über Nikolaus weiß? Eine Geburts- und Weiheurkunde ließ sich wohl in keinem vatikanischen Archiv auftreiben. Daher muss dieser Fauxpas wohl in einem Zusammenhang mit Plänen gesehen werden, die beliebten Festtage der Hl. Christophorus, Barbara, Ursula und Katharina ganz zu streichen, weil deren historische Existenz nicht mehr nachzuweisen war. (Gott sei Dank hat man sich das doch nicht getraut). Aber dennoch: heute könnte also ein Pfarrer am 6. Dezember 2014 die Messe feiern, ohne den Hl. Bischof und Bekenner Nikolaus überhaupt mit einem Wort zu erwähnen. Wird aber hoffentlich keiner tun, denn die Popularität des Bischofs von Myra macht aus dem kleinen g im Direktorium (Verzeichnis der liturgischen Festtage) ein gefühltes großes G. Heiligsprechungen wurden in der frühen Kirche ja auch nicht durch den Papst vorgenommen, sondern durch die erkennbare Verehrung eines Heiligen durch die Gläubigen.
So hat sich Nikolaus bis heute seiner liturgischen Degradierung widersetzt. 

Der Heilige – ein Mythos?

Über den historischen Nikolaus wissen wir wirklich wenig, seine Verehrung in der Ostkirche ist schon um das Jahr 550 belegt, in der Westkirche vom frühen achten Jahrhundert an. Der Gründerbischof des Bistums Münster, der Hl. Liudger brachte die Verehrung des Hl. Nikolaus über die Alpen und weihte ihm noch vor dem Jahr 800 eine Nikolauskirche in Billerbeck. Im reichen Bestand der Legenden (der in der Orthodoxie noch umfassender ist) ging die historische Wahrheit aber schnell "flöten".  Die Fachleute sagen, dass den Freunden des Heiligen manche Verwechslung unterlaufen ist. So wissen wir heute, dass die Geschichten über zwei Personen ineinander geflossen sind. Daher hat der heutige Nikolaus eigentlich zwei Väter, nämlich den Hl. Abt Nikolaus von Sion (was ganz in der Nähe von Myra lag) und den Hl. Nikolaus der im 4. Jahrhundert Bischof von Myra war. Wobei nicht mal sicher ist, ob Nikolaus sein Name oder nur ein Ehrentitel war. Der Onkel des zuvor genannten Hl. Abtes hieß ausgerechnet auch noch: Nikolaus und war: Bischof von Myra. Das macht die Verwirrung komplett – und war so komplett, das man heute nicht mehr trennen kann, welche Legenden nun wirklich zu "unserem" Nikolaus gehören. Manch einer möchte ihn daher gleich als "Märchenfigur" abtun. Aber das ist voreilig, denn die Nikolauslegenden enthalten weit mehr "Wahrheit" als in den Daten und Fakten eines Einwohnermeldeamtes festzuhalten wäre.

Nikolaus besiegt den Kanibalen!

Klassische Nikolausdarstellungen zeigen ihn als Bischof mit Evangelienbuch und drei goldenen Kugeln, was an die stille Hilfe für die drei Mädchen in großer Not erinnert. Eine andere Darstellung nimmt Bezug auf eine Legende über den Hl. Nikolaus als "Kinderfreund". Die ursprüngliche Legende ist jedoch wenig "kinderfreundlich" und vermutlich nicht mal jugendfrei, denn sie schildert, wie ein Wirt drei Schüler ermordet und sie in Salzlake einpökelt - um sie heimlich seinen Gästen anzubieten. Brrr! Der Bischof kommt ihm auf die Schliche und erweckt die Drei wieder zum Leben. Dargestellt wird das meist durch drei Kinder in einer Art Badezuber, die lieblich zu Füßen des Heiligen sitzen. Möglicherweise hat seine Verehrung als Kinderfreund auch mit diesen Bildnissen zu tun, vergleichbar mit dem irgendwann zum Schwein gewordenen Dämon in der Darstellung des Hl. Antonius, der daraufhin zum Schutzpatron der Schweine wurde. Ich denke, es hat den Schweinen nicht geschadet.

Nikolaus, ein Glaubenswächter wird handgreiflich!

Wenig bekannt ist, dass der Name des Hl. Bischofs von Myra in etlichen Listen der Teilnehmer des Konzils von Nicäa überliefert ist. Diese Geschichte wird normalerweise heute nicht erzählt, sie ist dennoch interessant: 
Im Jahr 325 berief Kaiser Konstantin I. das Konzil von Nicäa ein, an dem auch der Bischof Nikolaus teilnahm. Ein gewisser Arius lehnte die Lehre von der Dreifaltigkeit ab und zog mit seiner Argumentation viele der fast 300 Bischöfe auf seine Seite. Die Überlieferung besagt, dass Nikolaus über diese Irrlehre sehr wütend wurde. Er stand auf und verpasste Arius eine schallende Ohrfeige. Dafür wurde er zunächst bestraft und musste das äußere Zeichen seiner Bischofswürde, das Omophorion, abnehmen. Doch in der Nacht erschienen dem Vorsteher des Konzils die Gottesmutter mit Jesus im Traum und sprachen: “Der morgige Tag wird Nikolaus rechtfertigen.” Und wirklich: Arius wurde als Irrlehrer erkannt und das Dogma der Dreifaltigkeit setzte sich durch. So kann man in Nikolaus sicher einen der Mitbegründer unseres Glaubens an die Trinität sehen. 

Nikolaus besiegt sogar Martin Luther!

Nicht einmal Martin Luther hat es geschafft, seinen Protestanten die Freude am Hl. Nikolaus auszutreiben. Auch in der eigenen Familie gelang ihm das nicht. Während er den Nikolausbrauch in einer Predigt am Nikolaustag 1527 als "kyndisch Ding" ablehnte - weist seine private Haushaltsrechnung auch 1535 noch Nikolausgeschenke für Frau, Kinder und Gesinde aus. Der wortgewaltige Prediger ordnete sich im normalen Leben offensichtlich den kraftvollen Bräuchen unter. Da wundert es nicht, dass der gestrenge Reformator auch seine Protestanten nicht so leicht überzeugen konnte. Auch der Trick, die Geschenke – reformtheologisch sauber - dem "Hl. Christ" zuzuordnen (woraus später das geschenkebringende Christkind wurde (das dann in Nürnberg gar zu einem Hyperengel mutierte)) half nicht. Eine Art "Nikolaus" musste auch zu Luthers Jüngern weiter kommen und Geschenke bringen, bei denen der eigentliche Geber im Verborgenen blieb. Auch konnte er den kleinen Bengels vielleicht beiläufig die ein oder andere Tugend vermitteln und die vergeblichen Erziehungsbemühungen der Eltern wirkungsvoll unterstützen. So verlor der Heilige Bischof zwar seine katholischen und christlichen Insignien, als Nikolaus blieb er aber aktiv, wie uns seine Darstellung im Struwelpeter heute noch lebendig vor Augen führt. Das ist im Jahre 1845 schon ein säkularisierter Nikolaus. 

Nikolaus widersteht den Calvinisten

(c) Jan Arkesteijn / Wikipedia
Noch erfolgloser war der reformierte (calvinistische) Zweig des Protestantismus in den Niederlanden. Während sich der neue Glaube (mit dem Ende der spanischen Herrschaft) erfolgreich verbreitete, blieb der Nikolaus als katholischer Bischof bis auf den heutigen Tag im Brauchtum lebendig. Zu eng war das wasserreiche Land der Hanse und dem Schutzpatron der Schiffahrt verbunden, als dass man ihn aufgeben würde. So kommt Sinterklaas allen Reformatoren zum Trotz Jahr für Jahr per Schiff aus Spanien und der Bescherungstag blieb am Vorabend seines Festtages für die kleinen Niederländer erhalten. Aus Utrecht ist belegt, dass reiche Bürger, Geldstücke in den Schuhen verbargen, damit die Armen diese Opfergaben am Nikolaustag selbst erhielten.

Dem Hl. Nikolaus konnten die Wechselfälle der Geschichte offensichtlich wenig anhaben, er steht immer wieder auf und ist in den Herzen der Menschen durch die Jahrhunderte lebendig. 

Nikolaus sticht in See!

(c) Thomas Nast / Wikipedia
Mit den seefahrenden Holländern überquerte Nikolaus den großen Ozean und fand sich plötzlich inmitten einer bunten konfessionellen Mischung im Hafen von Neu Amsterdam, dem späteren New York wieder. In dieser Atmosphäre holte der niederländische Nikolaus das Schicksal seines deutschen Bruders schnell nach. Aus Sinterclaas wurde Santa Claus, der vorbildliche Nikolaus mutierte Schritt für Schritt zum Weihnachtsmann. 

Mehr Gemütlichkeit: Schlummermütze und kuscheliger Bademantel

Wie aus den bischöflichen Gewändern ein roter, plüschbesetzter Bademantel und aus der Mitra eine Zipfelmütze wurde, darüber gibt es manche Legenden. Belegt ist, dass der amerikanische Zeichner Thomas Nast 1862 den Santa Claus zeichnete. Da hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem säkularen Bruder aus dem Struwwelpeter. Die rote Farbe setzte sich erst nach und nach gegen grüne und blaue Varianten durch, aber von 1880 an nutze Nast "seine" Figur in rot (was auch in den neuen Möglichkeiten des Farbdrucks begründet sein dürfte). Seinen endgültigen Phänotyp entwickelte die Märchen- und Verkaufsfigur erst später durch den Pinsel des Coca – Cola – Designers Haddon Sundbloom, der den Weihnachtsmann als dickbäuchigen gemütlichen Alten neu erschuf und über Jahrzehnte für die amerikanische Brause und der Werbung hierfür vereinnahmte.
(c) obs/Coca-Cola AG

Die Russen kommen! Nikolaeske Farbmischungen!

Unter Volkskundlern ist umstritten, inwieweit der im Osten und im Norden Europas präsente Figur des "Väterchen Frost" (russisch Ded Moros) mit dem Hl. Nikolaus "verschmolzen" ist. Er ist eine ursprünglich russische (jahrhundertealte) Märchenfigur, der in der Neujahrsnacht die Kinder beschenkte. Bis heute tritt er in Russland als "erblaute" oder verfrorene Variante des Weihnachtsmannes in Erscheinung. So wie der Weihnachtsmann seine Entstehung letztlich der bunten Mischung unterschiedlicher Christentümer in Amerika und irgendwie (wider Willen) auch der Reformation Martin Luthers  verdankt, so wurde Väterchen Frost durch die antichristlichen Maßnahmen der Kommunisten richtig "groß". Inzwischen ist hat sich Väterchen Frost von seinem kommunistischen Dünger genau wieder befreit; so wie es in Amerika "Santa Claus" mit seinen christlichen Wurzeln getan hat. Amüsanterweise vermischen sich selbst in
(c) Wikipedia
Russland die Traditionen; das Weihnachtsmannrot färbt inzwischen Väterchen Frost und manche Winterromantik bei uns nimmt dem Weihnachtsmann etwas von seinem Rot. Und es ist nicht einmal auszuschließen, dass ein Nikolaus im roten Chormantel seine "Farbe" der Weihnachtsmann-Tradition verdankt und auch sein Bart dank des Weihnachtsmannes an Länge und Volumen gewonnen hat. 

Beim Barte des Nikolaus

Es mag verwundern, aber es gibt in der westlichen Kirche mindestens so viele Nikolausbilder mit wie ohne Bart. Daher wirkte ein kürzlich entfachter Streit um den Vorschlag eines katholischen Jugendverbandes, einen Nikolaus ohne Bart auftreten zu lassen doch etwas skuril. Zahlreiche altehrwürdige Kunstwerke zeigen ihn so, währen der Bischof auf den Ikonen des Ostens in der Regel einen gut gestutzten weißen Vollbart. Wir werden sehen, ob der von den Russen so sehr verehrte Bischof der kommunistischen Kommerztradition demnächst Widerstand leistet.

Rechts: Nikolaus von Lorenzo di Credi
Wir sehen, dass dem Weihnachtsmann ein ähnliches Schicksal beschieden war, wie es auch Nikolaus viel früher erleben musste. Aus zwei Figuren wurde eins. Nur bei Nikolaus handelt es sich um reale Personen. Und seine Legenden sind keine Märchen, sondern sie künden vom Evangelium und von Ereignissen und Glaubenserfahrungen der Menschen. 

Der Weihnachtsmann als Kitschmagnet!

Mögen wir als Christen (wissend um die Hintergründe) die kommerzielle Werbefigur auch ablehnen und "weihnachtsmannfreie Zonen" ausrufen. Wir sollten trotzdem seine Verdienste nicht schmälern. Denn er bewahrt seit Jahrzehten den Nikolaus vor allerlei Verkitschung und manchem Klamauk. Wer sich einmal aus einer gewissen Distanz das vielfältige Nikolausbrauchtum in ganz Europa anschaut, der wird auch manches finden, was sich mit dem Christentum und der menschenfreundlichen Botschaft des Bischofs von Myra nur schwer vereinbaren läßt. Was wäre wohl aus dem Nikolaus geworden, wenn der Weihnachtsmann nicht als Kitschmagnet gewirkt hätte und es uns ermöglicht hätte, den Heiligen Bischof aus Myra neu zu entdecken und sein Brauchtum neu zu gestalten. "Danke Weihnachtsmann, friere Du ruhig den ganzen Advent lang vor dem
Weihnachtsmann in Bad Windsheim
Kaufhauseingang, schenke Du ruhig meinen Kindern Bonbons und Schokolade... So habe ich die Chance, den Kindern in der Schule oder im Kindergarten von den großen Taten des Heiligen zu berichten und sie zu ermuntern, in seinen Fußstapfen zu gehen. So können sie lernen, die Not ihrer Nächsten zu sehen, zu teilen und sich ihrer anzunehmen."
Ob das Sinterklaas mit all seinen Pieten in Holland auch wohl hinbekommt, wo er jedes kommerzielle Angebot der Vorweihnachtszeit zu schmücken hat? Jedenfalls von Mitte November bis zum 6. Dezember, wo das Sinterklaasgeschäft in den Niederlanden zu Ende geht. Dazu beschäftigen sich die Niederländer viel zu viel mit dem Streit um die angeblich "rassistische" Figur des Zwarte Piet und vergessen die Botschaft des Heiligen darüber. 

Nikolaus wird siegen! (Niko-Laos/Νικόλαος = Sieger des Volkes)

Nikolausfigur aus Boldixum
Die Gestalt und die Legenden des Hl. Nikolaus entfalten bis zum heutigen Tage eine ganz erstaunliche Wirkung. So wie der Hl. Martin wird auch der Hl. Nikolaus im christlichen Brauchtum zum Urbild eines Heiligen überhaupt. An ihnen konnte man (nicht nur) den Kindern leicht erklären, was christliches Leben bedeutet.

Der wahre Kinderfreund war Nikolaus zu seiner Zeit und in seiner Folge sind es viele, die in dessen Fußspuren (und in seiner Gestalt) die Botschaft weiter immer sagten und auch ganz handfest spürbar machten. Letztendlich wird sich Nikolaus als "Stehaufmännchen" erweisen. Und wir können mithelfen, wenn wir ihn und seine Botschaft der Mitmenschlichkeit überzeugend und fröhlich und nicht miesepetrig und miesmachend den Leuten anbieten.

Nikolaus steht für die Freude am Schenken (ohne Dankbarkeit zu erwarten), weil wir alle von Gott reich beschenkt sind. Nikolaus steht für Gerechtigkeit, für Hilfe in höchster Not, für persönliche Bescheidenheit und die Bereitschaft zu teilen. Nikolaus praktiziert stille Aufmerksamkeit für die Not der Nächsten und die Sorgen derer, die ihm anvertraut sind. Oft erscheint er im Namen Gottes als Retter in höchster Not. Und er steht fest verwurzelt im Glauben an Christus, den er sich nicht beschneiden lassen möchte, weder von Arius noch von manchem seiner Nachfolger bis in die heutige Zeit.

Nikolausikone, vor 1180
St. Johann, Burtscheid
Voneinander getrennt und doch verbunden: Nikolaus baut eine Brücke zwischen den beiden "Lungenflügeln" der Kirche, der des Westens und der des Ostens. Er zeigt sich als Brückenbauer zu unseren orthodoxen Schwestern und Brüdern. Er baut aber auch Brücken in eine zunehmend säkulare Lebenswelt, er öffnet Türen zum Glauben, weil er auf ganz einfache Weise zeigt, wie Kirche ist (oder sein könnte) und dass Christusnachfolge keine komplizierte Theologie erfordert. Papst Benedikt formulierte diesen Gedanken so: "Der Glaube ist einfach. Glauben heißt Jesus Christus vertrauen. Er offenbart uns den Vater und zeigt uns den Weg zum wahren, glücklichen Leben. Öffnen wir Christus unser Herz und lernen wir von Ihm, so Mensch zu sein, wie Gott es will. (Angelus, 6. Juli 2008).

Auf diesem Weg öffnet uns der Hl. Nikolaus eine Tür. Hoffentlich auch mit diesem Adventskalenderbeitrag. 

Morgen geht es weiter bei: http://kephas.de

Zur Nikolausverehrung: www.michaelhesemann.info/7_1_1.html 

Mittwoch, 12. November 2014

Raymond Leo Burke: Ein Kardinal und sein Papst

Eines muss man ihm lassen: der Mann macht eine gute Figur! Googeln Sie mal das Stichwort "Kardinal Burke". Sie werden ein wunderbares "Bilderbuch" des Katholizismus finden, und trotz all der – aus der Zeit gefallenen – "Prachtentfaltung", zu der die kath. Kirche in der Lage ist: es gibt kaum Bilder darunter, die nicht eine gewisse Faszination und Würde ausstrahlen. Aber es wirkt auch ein wenig wie aus "längst vergangener Zeit". 
Auf jeden Fall ist ein augenfälliger Kontrast zum Auftreten des amtierenden Papstes Franziskus nicht zu leugnen. Dieser neigt ja eher dazu, mit Blick auf den "Augenhonig" in der katholischen Liturgie etwas "abzurüsten". 

Ähnliche Konstraste gibt es häufiger in der Kirche. Da sind die eher auf schlichte Schönheit setzenden Schwestern und Brüder von Jerusalem; die eher ästhetisch wirkenden und an der Ostkirche orientierten  Schwestern und Brüder von Bethlehem; die sehr kargen Kartäuser und die voll in die Sakristeischränke der letzten hundertfünfzig Jahre greifenden Kleriker des Institutes Christus König (und manche mehr). 

Oft sind mit den äußerlichen "Kleiderfragen" auch theologische Positionen verbunden, allerdings dürfte es schwer sein, vom äußeren Anschein direkt auf "innere Qualitäten" zu schließen oder die Gleichung aufzustellen: "viel Lametta", Spitzen, Bordüren ...  also ... eher konservativ bis traditionalistisch; schlicht dann gleich entspannt und liberal. Manches Mal findet man in der Verpackung etwas, was die äußere Form nicht versprochen hat. (Eine höchst bedenkenswerte Anregung zu dieser Diskussion bietet ausgerechnet die Website www.summorum-pontificum.de, wo man lesen kann: "Katholiken, die der Tradition und damit der Kirche selbst treu bleiben wollen, haben sicher Grund, darüber nachzudenken, inwieweit die aus monarchischen Zeiten überkommenen Zeichen und Symbole heute noch das vermitteln können, was sie einst vermitteln sollten und konnten.") Der Grat zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit kann manchmal sehr schmal sein (was ich ausdrücklich nicht auf Kardinal Burke selbst beziehen möchte).

Kardinal Burke hat sich spätestens seit seinen Auftritten rund um die außerordentliche Bischofssynode im Herbst an die Spitze einer Bewegung gestellt. Er war schon vorher so etwas wie der Patron der konservativ-traditionellen "Fraktion" in der Kirche, er widmete sich dem Institut Christus König und Hoherpriester, einer aufstrebenden Gemeinschaft, die die außerordentliche Form des römischen Ritus und eine gewisse katholische "Buntheit" erfolgreich pflegt. Nun ist er von seinem "erstklassigen" Posten an der römischen Kurie (quasi als oberster Kirchenrechtler) auf einen "drittklassigen" Posten versetzt worden. Zuvor hatte Papst Franziskus ihn schon in zwei wichtigen Kongregationen durch andere Bischöfe abgelöst. (Was auch den Hintergrund haben könnte, dass er hier die Stimme der Ortskirchen gegenüber der Kurie stärken wollte.) 

Der Blog "Demut jetzt" schreibt: "Burke ist eine Reizfigur, er weiss das und es macht ihm nichts aus. Sowohl in seinem liturgischen Auftreten als auch in seinen theologischen Äußerungen ist er wahlweise der Gott-sei-bei-Uns oder der Fels in der Brandung. Gegen ihn wirkt Kardinal Müller geradezu lieb, chillig und liberal."

Fakt ist, dass Kardinal Burke – weltlich gesprochen – an Einfluss verloren hat. Es macht für ihn keinen Sinn, zukünftig Reden vor Leuten zu halten, die ihm sowieso zustimmen. Er muss sehen, wie er seine Überzeugungen und Argumente weiterhin in den kirchlichen Diskurs einbringen kann und zwar in der sachlich - theologischen Auseinandersetzung mit anderen Positionen. Ich denke, das Papstwort von der Synode gilt auch ihm: "Nach dem letzten Konsistorium, bei dem über die Familie gesprochen wurde, hat mir ein Kardinal geschrieben: ‚Schade, dass einige Kardinäle aus Respekt vor dem Papst nicht den Mut gehabt haben, gewisse Dinge zu sagen, weil sie annahmen, dass der Papst vielleicht anders denkt.’ Das geht nicht! Das ist nicht Synodalität! Man muss alles sagen, was man sich im Herrn zu sagen gedrängt fühlt: ohne menschliche Rücksichten, ohne Zögern!“ Das dies nicht "leere Worte" waren hat der Papst u.a. auch durch die Berufung des Bischofs von Bologna Carlo Kardinal Caffarra belegt, der sich als entschiedener Kritiker der Position von Kardinal Kasper profiliert hatte. 

Der Aufschrei in der Szene der Burke – Verehrer hallt jedenfalls seit Tagen nach. Viele haben sich hinter ihn gestellt und ihn mehr und mehr zur konservativen Reizfigur gemacht (eine Rolle, die er durchaus aktiv angenommen hat). Vermutlich ist es ihm aber nicht recht, was seine "Fans und Freunde" nun schreiben und lamentieren. (Wer solche Freunde hat...) Ein viel gelesener Blogger, der Kreuzknappe, hat gleich das Bloggen aus Protest vorläufig eingestellt. Seine Ankündigung, nun weniger öffentlich zu schreiben als still zu beten, sollten sich einmal die langsam in Richtung Sedisvakantismus abgleitenden Kommentatoren und Schreiberlinge der einschlägigen Tradi – Homepages zu Herzen nehmen. Der Haß, der sich dort zur Zeit gegen Papst Franziskus entlädt, ist so manche Beichte und jahrelanges Bußschweigen wert. 

Gloria – TV widmet ihnen am Tag nach der Nachricht gleich die kompletten "Nachrichten". Dort wird ein amerikanischer, geistlicher Blogger zitiert: "Durch Burke’s Entlassung hat Franziskus ein mediales Megaphon für seine zunehmend enttäuschten katholischen Gegner geschaffen.“ Franziskus hat diesen Katholiken – Zitat – „einen klaren Anführer (gegeben), sondern Burke auch zu einer Berühmtheit und zu einer Art Märtyrer gemacht.“ 

Ich denke, man muss Papst Franziskus zugestehen, dass er sich sein Führungspersonal selbst auswählt. Wer die Kurie reformieren will (was der große Wunsch vieler Kardinäle war), der muss auch Strukturen verändern und Personen austauschen. Das tut der Papst, mit Ruhe, aber gründlich. 

Ich glaube nicht daran, dass die Tatsache der Ablösung des obersten Kirchenjuristen hilfreich ist, um Papst Franziskus endlich einwandfrei in das hierzulande vertraute kirchenpolitische Koordinatensystem einzuordnen. Er entzieht sich den üblichen Kategorien und das war auch wohl ein gewichtiger Grund für seine Wahl und Berufung ins Papstamt. Ich gehe davon aus, dass uns dieser Papst auch in Zukunft noch überraschen wird und dass er sich nach wie vor vor keinen Karren spannen läßt. 

Ihm "Unbarmherzigkeit" oder "Abservieren eines Kritikers" vorzuwerfen oder gar von Bestrafung, Rachegelüsten oder dass der Papst keine "Kritik vertragen" könne zu fabulieren, das offenbart durchsichtige Manöver, den Hl. Vater in schlechtem Licht dastehen zu lassen. Aber auch die zumeist zustimmenden liberalen Tageszeitungen neigen einer ähnlichen Interpretation zu und preisen die päpstliche Führungsstärke. Beide Variaten dürften nicht stimmen, denn der Betroffene selbst hatte schon vor der Synode mehrfach auf seine bevorstehende Ablösung hingewiesen. Mag sein, dass er sich hierdurch bei der Synode noch eher zu einem offenen Wort ermuntert fühlte. 

Ein Mitarbeiter, der seinen Chef (spitzen wir es mal zu) auf offener Bühne widerspricht, der ihm sogar (ob nun so oder anders formuliert) kirchen- und glaubensschädigendes Verhalten öffentlich vorhält, mag zwar dennoch ein guter und verdienstvoller Kardinal und eine wichtige Stimme in der Kirche sein und bleiben; er muss aber nicht zum engen Mitarbeiterkreis des Kritisierten gehören. Von seinen engen Mitarbeitern darf der Papst, gerade auch dieser Papst, ein offenes Wort erwarten, aber er darf auch erwarten, dass dieses offene Wort im geschlossenen Raum bleibt und nicht auf die Straßen und in die Gazetten getragen – oder gar über diesen Weg überhaupt erst ausgesprochen wird. 
Der Papst ist frei in der Auswahl seiner engen und direkten Mitarbeiter. Wenn mir einer sagt, mit Deiner Amtsführung bin ich unzufrieden und Du schadest der Kirche und der Lehre... Dann würde ich sage: natürlich darfst Du diese Meinung haben und vertreten... aber was unsere Zusammenarbeit angeht, hat dies Konsequenzen. Und ein Papst darf von seinen Mitarbeitern erwarten, dass sie loyal bleiben, und im Zweifel auch einmal Wege mitgehen, die sie zuvor im Gespräch kritisch gewürdigt haben. Wer dazu nicht bereit ist, der taugt ganz bestimmt als Kardinal, er eignet sich aber nicht als Präfekt der Apostolischen Signatur.

Werfen wir einmal einen Blick darauf, wer Raymond Leo Kardinal Burke eigentlich ist. Bevor wir ihn selbst in "Schubladen" einsortieren. Viel ist darüber leider nicht zu erfahren, selbst bei "Wikipedia" ist nur ein schmaler Artikel verfügbar. Das mag auch daran liegen, dass die Kirche in Amerika von uns Europäern nicht die gebührende Aufmerksamkeit erhält. 

Geboren wurde er vor 66 Jahren, am 30.06.1948 in Wisconsin, sein Vater starb, als er 8 Jahre alt war. 1975 empfing er den Rom die Priesterweihe durch den heute seligen Papst Paul VI.. Schwerpunkte seiner theologischen Ausbildung und seines Wirkens waren die Priesterausbildung und das Kirchenrecht. Ein entsprechendes Studium mit Promotion absolvierte er in Rom, wo er später als Ehebandsverteidiger am Kirchengericht arbeitete und an der Universität lehrte. Viel erfahren wir hier – jenseits des großen Teichs nicht über diesen Kirchenmann. Wenn, dann findet sich etwas auf eher "einschlägigen" Webseiten; Kritisches findet sich aus seiner Zeit in der amerikanischen Kirche im Netz kaum. Zwei interessante Einblicke liefern vielleicht folgende Notizen aus dem Netz: 

In seiner Zeit als Bischof der Diözese La Crosse (ab 1995) im US-Bundesstaat Wisconsin veröffentlichte er 2003 ein offizielles kirchenrechtliches Dekret, mit dem er Politikern, die für Abtreibung oder Euthanasie eintreten, vom Empfang der Hl. Kommunion ausschloß. Dieser Schritt wurde auch in Europa wahrgenommen. 

Der Blogger "Rom, römer am Römsten" schreibt im Mai 2008 in einem Beitrag über den damaligen Erzbischof von St. Lois und über dessen erfolgreiche Berufungspastoral: "Immer mehr Männer vernehmen wieder den Ruf und folgen ihm. Aber Erzbischof Burke leistete eifrige Hilfe, indem er die Berufungsfrage zur Priorität machte ... die Tatsache, daß er konservativ ist, spricht junge Seminaristen an. Da junge Männer, die heute einer Beufung folgen, in der Regel konservativer sind als ihre Altersgenossen, können sie mit dem Erzbischof leicht eine Verbindung herstellen. Die Seminaristen reden offen darüber, daß sie Burke als ihren spirituellen Vater betrachten und begrüßen die traditionsbewußte Atmosphäre, die der Erzbischof in der Diözese und im Seminar bevorzugt. So ist Burke zum Beispiel einer der großen Unterstützer der tridentinischen Messe, die seit vergangenem Jahr jeden Freitag im Seminar zelebriert wird. Auch wird bei Morgen- und Abendgebet nun auf formellere Kleidung geachtet. Burke sagt, daß solche "kleinen Dinge" hilfreich sind, um eine "starke Identität bei den Seminaristen zu kreieren." ... "Erzbischof Burke wird angerechnet, daß er Probleme, die junge Männer vom Verfolgen ihrer Berufung abhalten könnten, offen anspricht. Er ... kennt die Seminaristen - ihre Namen, ihre Lebensgeschichten, ihre Freuden und Ängste."

Eine gewisse Direktheit und Offenheit scheint durchaus zu den Charakterzügen des Kirchenmannes zu gehören. Seit 2008 ist er wieder in Rom als Präfekt der Apostolischen Signatur und Präsident des Obersten Gerichtshofs des Vatikanstaates. Im November 2010 nahm ihn Benedikt XVI. als Kardinaldiakon ins Kardinalskollegium auf. 

Bekannt wurde er als einer der wenigen Kardinäle, die persönlich die "außerordentlichen Form  römischen Ritus" zelebrierten. Bilder von Kardinal Burke in der "Cappa Magna" gingen um die (katholische) Welt und wurden teils hochachtungsvoll, teils abschätzig kommentiert. Der "tridentischen Messe" ist Raymond Leo Burke allerdings schon lange verbunden, schon lange vor "Summorum Pontificum" konnten Gläubige in seiner Diözese problemlos diese Form der römischen Liturgie mitfeiern.

Einige merken schon an, dass Kardinal Burke ja erst 66 Jahre alt, Papst Franziskus dagegen schon 78 Jahre alt ist. Und dass dieser nun umso mehr Zeit hat, nicht nur Kardinalpatron der Malteserritter (was ja eher ein Titel als ein Amt ist) sondern als Kardinalpatron aller Traditionalisten durch die Weltgeschichte zu reisen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass diese Rolle einem Mann, der mit der Kirche fühlt, recht sein kann. Daher glaube ich auch nicht, dass er sich ernsthaft der "kirchenpolitischen Rolle" widmen wird, die manche Kommentatoren für ihn vorgesehen haben, die schon mit dem Ruf "Burke for Pope" in die sozialen Netzwerke auszogen. Manche hoffen, dass "Franziskus mit seinem Vorgehen gegen Burke ... selbst die Voraussetzungen schafft, daß ihm eine mächtige innerkirchliche Opposition erwächst, die ihn auch einmal beerben könnte." So etwas ist zwar in der Tendenz denkbar, allerdings halte ich es für unwahrscheinlich, dass Kardinal Burke sich für eine solche Strategie einspannen ließe. In einem Interview sagte er hierzu: "Ich habe allen Respekt vor dem Petrusamt und möchte nicht den Anschein erwecken, dass ich eine Stimme gegen den Papst bin."

Vielleicht ist es Kardinal Burke ein Trost, was der Blogger Cordialiter schreibt: "Menschlich gesehen war die Aufgabe eines Präfekten der Apostolischen Signatur einflußreicher als die eines Kardinalpatrons des Souveränen Ritter- und Hospitalordens vom heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta. Als Jünger Jesu Christi haben wir aber nicht auf irdisches Prestige zu achten, sondern allein auf die größere Ehre Gottes.
Durch sein Apostolat unter den Ordensrittern kann Kardinal Burke Großes für deren Seelenheil wirken, wie er es bereits als Diözesanbischof ... getan hat. Sollte mittels seines Apostolats auch nur eine Seele mehr durch die unendliche Barmherzigkeit Gottes gerettet werden, hätte es sich gelohnt, die prestigeträchtigere und einflußreichere Aufgabe an der Römischen Kurie zu verlieren ... 
Zudem wird ... (er), befreit von der Last seiner Aufgabe ... und dem Aktenstudium, mehr Möglichkeiten haben, geistlicher Begleiter der Seelen zu sein, die wirklich im Glauben und der Tugend wachsen wollen." 

Das er (und mit ihm viele seiner "Fans") das so sehen kann, das wünsche ich ihm von ganzem Herzen.