Donnerstag, 30. April 2020

Wer nimmt mir die Hl. Messe weg? Sonderbare Untertöne klingen in meinem Ohr...

Gebt uns unsere Hl. Messe zurück!
Mehrfach flimmerte diese Aufforderung in den letzten Wochen über meinen Bildschirm. Natürlich habe ich mir auch das kleine Filmchen im Netz angeschaut, das es in einer österreichischen und einer deutschen Variante gab. Erst mal: „Hut ab! Gut gemacht!“ Und es erschien mir durchaus authentisch. Allein die Ausrichtung an die Bischöfe (es waren die österreichischen gemeint, wie mir dann aufging) löste bei mir etwas Kopfschütteln aus. Hatten sich die dortigen Bischöfe irgendwie besonders eifrig beim Zusperren der Kirchen gezeigt? Gab es in Österreich andere Regeln für Gottesdienstfeiern als bei uns in Deutschland?

Kurz darauf erschien auch noch eine deutsche Variante dieses Films, die aber leider nicht das Niveau des Originals erreichte. Leider erkannte ich auch niemanden der in den beiden Videos präsenten Personen, die sich offenbar in anderen katholischen Kreisen bewegen als ich. Auch werden ja nirgends Namen oder Verantwortliche erwähnt. Ich gehe mal davon aus, dass kath.net hier seine Jugend-Kontakte zusammen gebracht hat. Dort schreiben ja auch ab und an mal junge Leute Artikel fürs Netz. 

Inzwischen gibt es noch ein drittes Video, worin sich die (österreichischen) Akteure der Kampagne auch namentlich bei einer Reihe von Bischöfen bedanken. Und dieses Video war auch der Punkt, an dem ich hängen blieb. Etwas befremdet dachte ich nachher: Hm, und was ist mit meinem Bischof Felix? Ich hatte auch nicht im Ansatz den Eindruck, dieser wolle nicht so schnell wie möglich zu öffentlichen Gottesdiensten zurück. Wieso sollte ein katholischer Bischof, jeder katholische Bischof auch nur im Ansatz auf den kruden Gedanken kommen, den Katholiken oder gar der Menschheit die Hl. Messe vorzuenthalten? Da rennt man doch offene Türen, ja offene Scheunentore ein mit einem solchen Appell. 

Heute frage ich mich mehr als zuvor: warum wendet man sich mit diesem Appell direkt nach dem Osterfest an die österreichischen Bischöfe? Hatte sich dort irgendwer dafür ausgesprochen, die Hl. Messe möglichst lange auszusetzen und den Priestern vielleicht mal wirklich einige Wochen wohlverdienten Urlaub und Zeit für Ruhe, Zeit für Stille und Gebet zu gönnen? Ich konnte nichts finden, im Gegenteil. Kardinal Schönborn sagte – offenbar als Reaktion auf die Kampagne: „Wir werden wieder gemeinsam Gottesdienst feiern dürfen, aber wir brauchen noch Geduld." Ähnlich klang es landauf/landab aus den Ordinariaten. Die weitaus meisten Bischöfe forderten die Priester ausdrücklich auf, privat die Hl. Messe für die Menschen zu feiern und wo möglich organisierten und unterstützten sie Videoübertragungen. Ich selbst hatte den Eindruck, man könne inzwischen von Morgens um sieben an ununterbrochen bis in den späten Abend irgendwo auf der Welt die Hl. Messe eines Priesters oder Bischofs mitverfolgen und mitbeten und habe das einige Male sogar am National Shrine in Namugongo, Uganda getan. Echtes Weltkirchenfeeling, sogar mit kleinen Gesprächen mit ugandischen Mitchristen am Rand. Das halte ich inzwischen für einen echten Gewinn und hoffe, dass einiges davon bleiben wird. 

„Bitte gebt uns „unsere“ / die Hl. Messe zurück“, in diesen Videos legen eine ganze Reihe von Jugendlichen und jungen Ehepaaren dar, dass für sie die Hl. Messe nicht weniger lebenswichtig ist als ein Supermarkt und argumentieren: „Was könnte für uns essentieller sein als die Hl. Messe?“ Zupackend wie sie sind, versprechen sie, sich um Desinfektion und Ordnungsdienst zu kümmern: „Wir machen die Kirchen sicherer als jeden Supermarkt.“ Die 80 Sekunden enden mit einer Art Bittlitanei, wo das Anliegen „Bitte gebt uns die Hl. Messe zurück“ zu einem anschwellenden Ruf wird. Als hätten die Bischöfe und nicht die Infektionsgefahr (und die behördlichen Maßnahmen) den Menschen die Messe genommen. 

Rund 13.500 Aufrufe verzeichnet das Video bei Youtube, interessanterweise trifft es aber offenbar nicht nur auf Zustimmung, 328 klicken „Daumen rauf“, 216 aber „Daumen runter“. Insgesamt sollte es auch weit häufiger geklickt worden sein, denn es gibt das Video ein zweites Mal und auch kath.net hat ja einen eigenen Videokanal auf seiner Seite. Um das Video auf dem kath.net – Kanal bei Youtube zu bewerten, muss man zumindest über einen google-Account angemeldet sein. Daher finde ich die Zahl von 216 „Daumen runter“ schon bemerkenswert. Widerspruch erntete die offenbar von kath.net organisierte und begleitete Aktion auch auf anderen Portalen, wie z.B. durch den Salvatorianerpater Erhard Rauch, allerdings kommentierte er ohne die Aktion der jungen Leute direkt zu erwähnen. „Gerade von diesen Gruppen kommt auch der Ruf: „Gebt uns unsere Messen zurück!“ Seit wann sind das „unsere“ Messen? Wie überheblich muss man denn sein, um sich den Gottesdienst einverleiben zu wollen, als ob ich ein Recht auf meinen eigenen hätte. Wenn es ein Recht auf Eucharistie gibt, weil es ein menschliches Grundbedürfnis ist, dann ist das allen Menschen überall auf der Welt zuzugestehen.“

Man mag den leicht bissigen Ton seiner Stellungnahme kritisieren. Aber er spricht auch viel Wahres aus. Der Text wäre jedenfalls einen freundlichen, inhaltlichen Disput wert. Und auch er spricht in keiner Weise dagegen, wieder öffentliche Gottesdienste zu feiern. Mit den Worten: „Es täte uns gut, auch einmal mit diesen Menschen (in Afrika, in Lateinamerika) mitzufühlen und unsere eucharistische Abstinenz, die ja höchstens zwei Monate dauern wird, etwas gelassener anzunehmen.“ bringt er die Dinge gut auf den Punkt. Peter Winnemöller (auch kath.net-Autor) gelingt es in seiner Replik nicht angemessen auf die Bedenken des Ordensmannes einzugehen. Auch er macht aus kritischen Anfragen an diejenigen, die so schnell wie möglich zu öffentlichen Gottesdiensten zurückkehren wollen, ein kirchenpolitisches Spielchen. Nein, auch unter diesen Stimmen sind geistliche, fromme, rechtgläubige Katholiken. Der rechte Umgang mit der Infektionsgefahr und mit dem Virus ist keine Frage der „wahren Gläubigkeit“. Sondern eine Frage der wissenschaftlich fundierten Abschätzung von Risiken und Gefahren. Hier muss ich (ausnahmsweise) mindestens auch auf die Stimme des Verstandes genauso achten, wie auf die Stimme von Herz und Seele. 

Meinen Sie, Peter Winnemöller, dass diese Worte die Wirklichkeit der Kirche in ihrer ganzen Fülle und Vielfalt angemessen beschreiben: „Wir werden nach der Krise sehen, was von einer Kirche übrig bleibt, die sich ausgerechnet in der Krise so irrelevant gemacht hat. Wir werden erleben, dass die Zukunft der Kirche tatsächlich nur da zu finden ist, wo sie sich um die Eucharistie versammelt. „Wahre Ordensmänner“ wie P. Rauch dürften dann verzichtbar sein. Vielleicht mag er in Brasilien beim Eucharistieverzicht aushelgen (?), wenn ihm die „wahren Gläubigen“ in Europa nicht so sehr behagen. Für katholische Jugendliche sind solche Ordensleute ohnehin keine geeigneten Seelsorger.“ Werden wir so, den Anstrengungen der vielen Gläubigen und Kirchenleute gerecht, die versuchen in der Krise ihren Gemeinden nahe zu sein? Selbst wenn nicht alles gelingt?

Einige Tage später fanden sich offenbar auch deutsche Jugendliche zusammen, um einen ähnlichen Appell an die deutschen Bischöfe zu richten. Hier wird der Ton etwas vorwurfsvoller und weniger demütig: „Sie sind unsere Hirten, warum setzen sie sich nicht dafür ein, dass wir endlich wieder in die Messe gehen dürfen?“ „Wir brauchen keinen Live-Stream-Jesus, wir brauchen seine Realpräsenz.“ (Sehr schönes Wortspiel übrigens.) In diesem Video spielen auch eine Reihe von Kindern mit und auch einige „ältere“ Personen. Auch dieses Video endet mit dem drängenden Aufruf: „Gebt uns unsere Heilige Messe zurück.“

Gleichzeitig erschien noch eine englische Version. Auch hier zeichnet kath.net verantwortlich. Und offenbar gibt es vergleichbare Projekte auch in Spanien, denen inzwischen ein spanischer Kardinal mit deutlichen Worten widersprach.

Wie wir wissen, war es nur eine Frage der Zeit, dass in den Kirchen neben den gestreamten Gottesdiensten auch Gottesdienste mit kleineren und größeren Gruppen wieder aufgenommen werden konnten. Mit den allgemeinen Lockerungen haben die Bischöfe und die Bistümer entsprechende – durch Sicherheitskonzepte abgesicherte – Vereinbarungen mit den Behörden geschlossen, unter welchen Bedingungen man zu öffentlichen Gottesdiensten zurück kehren kann. Dieser Weg war aber auch vor Ostern schon abzusehen. 

Artig bedankten sich nun (weitere) Jugendliche in einem weiteren  gut gemachten Videobeitrag bei den Bischöfen, dass nun (ab Anfang Mai zumeist) wieder Gottesdienste stattfinden. Einige Bischöfe werden darin auch namentlich erwähnt, zuvörderst Kardinal Woelki, weil der mit der Religionsfreiheit argumentiert hatte und frühzeitig Vorbereitungen zur Rückkehr zu öffentlichen Gottesdiensten ankündigte, aber auch Bischof Voderholzer, Bischof em. Zdarsa, die Bischöfe Bürcher, Bätzing, Oster, Hanke, Ipolt und Krautwaschel und zu guter Letzt auch noch der inzwischen – ausgerechnet von Bischof Bürcher – mit einem Mundschutz ausgestattete Weihbischof Marian Eleganti.

Diese Auswahl lässt den kirchenpolitisch versierten Beobachter dann doch aufmerken. Wessen Lieblingsbischöfe werden hier aufgezählt? Natürlich habe ich jetzt ein quasi moralisches Problem, wenn ich in Frage stelle, dass die Jugend, die als Zukunft der Kirche in diesem Video Gesicht zeigt, hier eine recht eigenwillige Auswahl von Bischöfen aufzählt und das anhand derer Verdienste manchmal noch eigenwilliger begründet.

Das gibt zu denken, z.B. bei Bischof Konrad Zdarsa, von 2007 an Bischof, ab 2010 Bischof von Augsburg. Wenn dieser zu Beginn seiner Amtszeit dort so deutlich auf die Bedeutung der sonntäglichen Eucharistie hingewiesen hatte, soll das dem Jugendlichen von heute noch in guter Erinnerung sein, ja sogar Auswirkungen auf aktuelle politische Entscheidungen haben? Wer heute mit 18 seinem Bischof für irgendetwas dankt, was er damals sagte, der war ja vermutlich damals Erstkommunionkind. Soll ich sowas ernsthaft für die Stimme „der Jugend halten“ und nicht für eine Kampagne, die von gewissen Interessen geleitet ist? Ah, wenn ich Peter Winnemöller folge, dann gehört ja zur „Jugend“ auch nicht jeder dazu. Jedenfalls nicht die Jugendlichen, die in Verbänden organisiert sind und Kontakt zum BDKJ halten. Man (die Bischöfe) ignoriere ja Jugendliche, „die einfach nur katholisch sein möchten, wie es die Tradition ihnen überliefert hat.“ Ich weiß nur nicht, ob die Antwort der wahren Katholiken sein kann, nun ihrerseits den Beitrag anderer Jugendlicher zur Debatte für irrelevant zu erklären oder ob wahre Katholiken nicht alle Stimmen wahrnehmen sollten und das Gespräch mit allen suchen. Ich habe auch unter dem Dach und in den Aktivitäten des BDKJ (ich erinnere mal an die Schönstattjugend, Malteser oder Fahrten zu Weltjugendtage) viele tief fromme Jugendliche getroffen. Und bin froh, dass dieser Dachverband so viele junge Leute mit unterschiedlichsten Glaubenshaltungen unter seinem Dach zusammenführt. Selbst wenn mir nicht jede Aktion gefällt. Ich glaube jedenfalls daran, dass man in dieser Weise dem Missionsauftrag der Kirche, der ja der Auftrag Jesu ist, durchaus eher gerecht wird. Und dass dieser Auftrag auch dann noch allen jungen Menschen gilt, auch wenn man frustrierende Erlebnisse mit Vertretern dieser Kirche machen musste. Ob diese nun Pater Rauch heißen oder Bischof Overbeck. Der BDKJ verdient ein offenes Ohr - wie auch die Jugendlichen aus dem kath.net-Video.

Ich finde es grandios, wenn junge Leute sich dafür einsetzen, dass in diesen Tagen die Botschaft Jesu in alle Welt getragen wird. Auch in eine Welt, die fest gehalten wird von einem tückischen Virus und den Maßnahmen, die Ausbreitung dieses Virus zu verhindern. Dazu gehört sicher auch, dass in verantwortlicher Weise Menschen miteinander beten und die Hl. Messe feiern. Aber auch manche Maßnahmen im Internet tragen zur Erfüllung dieses Missionsbefehls bei. Übrigens: das gemeinsam - getrennte Beten beim Glockengeläut um 19.30 Uhr empfand ich als Bereicherung.

„Danke liebe Bischöfe, wir brauchen ihren Hirtendienst, Wir bauen auf sie!“ Mit diesen Worten endet das Danke – Video. Ich hoffe, es ist damit gemeint: „Wir nehmen Deinen bischöflichen Hirtendienst an, wir tragen und begleiten ihn im Gebet und in unseren Herzen und Gedanken mit.“ Ehrlich gesagt klingt mir da inzwischen – auch durch die Auswahl der Bischöfe – ein ganz klein wenig mit: „Wir hoffen, dass Du in Deinem Hirtendienst leistest, was wir von Dir erhoffen.“ Vielleicht irre ich mich, hoffentlich! Und mögen mir diejenigen, die es lesen, diesen kleinen Denkanstoß zur Gewissenserforschung nicht übel nehmen. Wenn es euer Herz nicht berührt – vergesst es einfach!

Christoph Zeller-Zellenberg, der ebenfalls für kath.net tätig ist, braucht immerhin über die Hälfte seines 20minütigen Videoblogs, um die 80 - Sekunden - Initiative junger Leute zu preisen: „Da haben zwei Videos im deutschsprachigen Raum die Kirche bewegt, tatsächlich etwas bewegt...“ Er nimmt damit den „Erfolg“ für kath.net und deren junge Unterstützer in Anspruch. Hoffentlich trägt kath.net auch die Verantwortung – wie versprochen – mit, für die Umsetzung der Hygiene- und Abstandsmaßnahmen wie auch mögliche zusätzliche Infektionen. Auch Zeller-Zellenberg bringt das Argument: „Wo Baumärkte offen haben – muss auch Kirche öffnen.“ und spottet über die „Baumarktgläubigen“ dieser Zeiten. Dazu ist ja inzwischen auch schon einiges Substanzielleres gesagt worden. Er nimmt die Sicherheitsvorkehrungen kritisch aufs Korn und konstruiert daraus den Vorwurf, irgendwer wolle vermutlich und im Grunde Gottesdienste verhindern und den Gläubigen die Freude dran verleiden. Irgendwie folgerichtig legt er nahe, es seien die „Reformkatholiken“ da mitverantwortlich. Nun ja, „im Westen (oder ist Linz jetzt irgendwie Osten?) nichts Neues.“ 

Hätte doch die Sehnsucht nach gemeinsamem Gebet, nach Gottesdienst, nach der Hl. Messe, nach Miteinander im Lob Gottes und in der Anbetung gerade in der Krise als verbindende Mitte der Katholiken wieder stärker entdeckt und in den Blick genommen werden können. Für mich war das eine Erkenntnis aus der Krise und ein Thema, auf das man in jeder seelsorglichen Begegnung zu sprechen kam. Dazu leistet diese von kath.net orchestrierte Kampagne leider keinen besonderen Beitrag. Eigentlich schade! 

Wenn wir über Versagen der Kirche reden, dann wäre das die Frage, die wir uns in der Beichtvorbereitung einmal stellen könnten. Haben wir auf der Suche nach Fehlerhaftem, nach Versagen, nach Schuldigen vielleicht die Chancen übersehen? Auch die Chance, uns über kirchenpolitische Gräben wieder die Hand zu reichen? Haben wir gesehen, was Gott uns inmitten dieser Krise wirklich sagen möchte?

P.S.: Ich bin im Grunde kein Gegner von kath.net und habe dort selbst schon Texte veröffentlicht. Auch sind dort manche Leute aktiv und engagiert, die das aus tiefem Glauben und tiefster Überzeugung tun. Manche „Nachrichten“ finde ich nur dort oder dort besonders früh. Einige Mitarbeiter schätze ich ganz persönlich. In kritischen Anmerkungen zur Kirche von heute steckt Wahres. Von manchen kritischen Anfragen habe ich durchaus profitiert. Von daher verdient es kath.net auch, dass man ab und an Kritik äußert.

Sonntag, 19. April 2020

Heilige Obi und Toom, bittet für uns? Von Kirchen und Baumärkten.

„Wo zwei, und nicht drei, in meinem Namen versammelt sind....“ Dieser gelungene Lied-Witz prägte in den letzten Wochen das kirchliche Leben. Unseren Gemeinden ist aktuell ihre Herz-Mitte genommen, der gemeinsame Gottesdienst. Man behilft sich mit gestreamten Messen, Geistermessen, die die Priester stellvertretend feiern und privaten Gebeten. Die Online-Aktivitäten der Seelsorger*innen changieren zwischen gut gemeintem Dilettantismus, sympathischen Filmchen und  dem engagiertem und gekonnten Nutzen neuer Chancen. 

"Lehrt Not beten?", fragt in diesen Tagen die Journalistin Christian Florin: „Die Empirie gibt das nicht her. Not lehrt eher basteln, grillen, heimwerkern.“ Wer gestern bei gutem Wetter in den Bau- und Gartenmarkt musste, der weiß, wie sehr die Beobachtung stimmt. Trotzdem, die Situation (nicht die Not) hat nach meiner Wahrnehmung auch Leute beten lassen, die im stressigen Alltag sonst nicht dran denken oder nicht dazu kommen. 

Beinahe noch sehnlicher als auf die Osternacht haben offenbar viele Kirchenleute auf die Oktavwoche nach Ostern gewartet. Hieß es doch, die Regierung wolle dann über Lockerungen entscheiden, die den Druck des Corona-Regimes wieder für alle erträglicher machen sollten. 

Schon im Vorfeld hatten namhafte Kirchenleute und kirchliche Aktivisten mit zunehmender Lautstärke die Wiederzulassung öffentlicher Gottesdienste gefordert. 

Sogar Bischöfe verstiegen sich zu Bemerkungen wie „Wenn sogar Baumärkte öffnen dürften, dann könne man doch Kirchen nicht verschließen. Zumal diese den Besuchern mehr Platz böten als enge Gänge in Bau- und Supermärkten. Und man könne problemlos in den großen Kirchen alle Hygiene und Abstandsregeln einhalten, die auch sonst beim Einkaufen und Spazieren gehen gelten würden. 

Die Krone der Argumentation war dann das engagierte Eintreten für das Grundrecht der Religionsfreiheit, die ja ausgerechnet jenes Urteil des Bundesverfassungsgerichtes unterstrichen habe, mit dem dieses höchste Gericht den Eilantrag einiger Personen auf Aufhebung der Gottesdienstverbote zurückgewiesen hatte. Die Kirche fordere nur ihr verbrieftes Grundrecht ein, auch in der Pandemie die Menschen zum Gottesdienst zusammen zu führen. 

Und dann war - ausgerechnet für die Kirchen und Religionen - nichts dabei. Einige Lockerungen verkündete die Bundeskanzlerin, nur keine des Gottesdienstverbotes. Aber man wolle mit den Religionsvertretern darüber sprechen. Aus der wohl formulierten Stelllungnahme des Bischofskonferenzvorsitzenden dazu klang deutlich vernehmbar Frust und Enttäuschung durch. 

Die Gespräche haben stattgefunden! Noch ohne konkrete Ergebnisse. Doch nun steigt die Erwartung, dass in zwei Wochen endlich, schrittweise wieder zur Normalität öffentlicher Gottesdienste zurückgekehrt werden könne. Die Stimmen aus der Mitte der Kirche, die diese Hoffnung mit Nachdruck vertreten, nehmen deutlich zu. Konkrete Vorschläge liegen schon auf dem Tisch!

Ich bin da skeptischer. Zumal auch wegen der argumentativen Tiefe mancher Diskussionsbeiträge. Deren Spitze sind Leute, die damit argumentieren, dass in vergangenen Jahrhunderten Menschen für die Mitfeier eines Gottesdienstes das Martyrium in Kauf genommen, manchmal auch wahrhaftig erlitten hätten. In diesem Sinne müsse die Kirche notfalls auch gegen einen Staat kämpfen, der Gottesdienste verbiete. Drumherum verbreiteten diese Leute sehr verharmlosende Aspekte des Coronavirus und der Covid-19 – Erkrankung. Alles halb so schlimm? Alles ließe sich mit etwas Disziplin und gutem Willen in den Griff bekommen? Da möchte ich gern an die alte kirchliche Regel erinnern, dass man das Martyrium nicht suchen darf. Gott hat sogar dem hl. Franziskus hier "Nachhilfe" erteilt, als dieser vom (vermeintlich feindlich gesinnten) Sultan wider Erwarten freundlich empfangen wurde. Dieser war keineswegs darauf aus, den späteren Heiligen zum Himmel zu schicken. 

Andere Kirchenleute arbeiten sich am Stichwort der „Systemrelevanz“ ab. Nicht nur Bau- und Supermärkte, Müllabfuhr und Essenslieferdienste seien systemrelevant, sondern auch die Kirchen. Böten sie den Menschen doch Trost und Hoffnung durch den Glauben. Das sei kaum jemals wichtiger gewesen als heute. Das Stichwort "systemrelevant" eignet sich trefflich für einen Beichtspiegel oder eine Bußandacht. Es ist ja schwer erträglich, dass die Kirche, Mittelpunkt des eigenen Lebens und Dreh- und Angelpunkt der seelsorglichen Aktivitäten als verzichtbar betrachtet wird. 
„Ich streame, also bin ich....“ kommentierte kürzlich jemand spöttisch die zahlreich im Netz übertragenen Gottesdienste aus priesterlichen Wohnzimmern und improvisierten Hauskapellen. Das kannte man bis dato nur von irgendwelchen pseudokatholischen Minisekten oder Sedisvakantistenkapellen. Ich würde dem bösen Wort von der „Systemrelevanz“ schlicht mal das alte kirchliche Kernwort von der DEMUT entgegen halten. Und diesen Aspekt einmal zur Meditation empfehlen. Natürlich ist Kirche bedeutsam und wichtig. Aber ein runtergefahrenes kirchliches Leben nimmt der Kirche und dem Glauben nicht die Lebensrelevanz. 

Natürlich ist es ärgerlich zu sehen, dass Baumärkte am Samstag überquellen und dass massenhaft Pflanzen und Heimwerkermaterialien herausgetragen werden. Aber vielleicht ist es ja auch ein Zeichen der göttlichen Vorsehung, wenn gutes Wetter und Aktivitäten in Haus und Garten dazu beitragen, dass den Leuten aktuell nicht die Decke auf den Kopf fällt und die familiären Spannungen sich in heftigen Streitereien entladen. 

Die Argumentation "die Anderen dürfen das auch..." finde ich mindestens schwierig. Lockerungen werden dort eingeführt, wo gute Argumente dafür sprechen, ein erhöhtes Infektionsrisiko einzugehen. Man sollte also argumentieren, warum die Feier von Gottesdiensten aktuell so wichtig ist, dass man ein entsprechendes Risiko zu tragen bereit ist.
Ich stelle mir die Frage, ob manche kirchliche Aktivisten die Absicht der aktuellen Regelungen überhaupt verstanden haben, dass jede vermeidbare Infektion auch vermieden werden solle und daher strengste Regeln gelten müssen. Es geht nicht darum, ob bei dieser und jener Aktivität gewisse Infektionsschutzregeln eingehalten werden könnten, sondern darum, dass es z.B. weit besser ist den Wocheneinkauf allein an einem Tag zu machen als unter Einhaltung aller Regeln jeden Tag frisch den Tagesbedarf an Klopapier zu erwerben. Ich merke selbst, wie schnell man im Alltag da nachlässig wird. Diese Zeit ist eine echte Schule in Selbstdisziplin. Und das ist ja doch auch ein Kernaspekt des geistlichen Lebens, oder? 

Überhaupt, ist es nicht eine Selbstverzwergung, wenn Kirche sich mit Bau- und Supermärkten vergleicht? Da vergleicht man doch Äpfel mit Birnen. Natürlich ist es ärgerlich zu sehen, dass dort sehr viel verkauft wird, was nicht „lebens- und überlebensnotwendig“ ist. Mit Ausnahme von Klopapier, welches ja lange schon aus ist. Aber viel ärgerlicher und existenzieller ist das für die Inhaber kleiner Geschäfte, wie z.B. der Schreibwarenhändlerin, wenn sie sieht, dass der Discounter all das verkaufen kann, was sie nicht verkaufen darf. Oder nur im Wege des Bestell- und Lieferdienstes. 

Auch kommt es in Bau- und Supermärkten gemeinhin nicht zu Versammlungen. Das größte Risiko ist, dass ich nicht schnell genug an den Anderen vorbeikomme, wenn die Gänge blockiert sind – oder ich allzu lang in der Kassenwarteschlange stehen muss. 

In der Kirche dagegen halte ich mich ruhig über längere Zeit auf. Zudem sagen Wissenschaftler, dass das gemeinsame Singen eigene - höhere Infektionsrisiken birgt (Bioaerosole) und es ist leider auch ein Fakt, dass die weitaus größte Gruppe der Gottesdienstbesucher besonders gefährdete Personen sind. Kürzlich bemerkte jemand, dass Gottesdienste doch genau die Art von Veranstaltungen sind, die unter Seuchenpräventionsgesichtspunkten hoch riskant seien. Eine Gottesdienstfeier ähnelt nun mal, es mag einem gefallen oder nicht, eher einer Karnevalssitzung in Heinsberg als einem Baumarktbesuch in Voerde. 

Haben wir als Kirche hierfür wirklich die richtige Antwort? Ich weiß es nicht. Und bin gespannt, wie das konkret umgesetzt werden soll. Wollen wir wirklich Gottesdienstfeiern, wie jetzt bei den Fernsehgottesdiensten? So wie heute morgen mit 6 Personen plus Organist und Pfarrer? Ohne Messdiener? Und die Gottesdienstbesucher dann in katholischer Maximalverteilung – höchstens eine Person auf zwei Bänke?

Wie sollen "mehr" Gottesdienste möglich sein, wo die Priester schon vor der Krise in manchen Gemeinden nicht mehr in jeder Kirche auch nur einen sonntäglichen Gottesdienst ermöglichen konnten? Eher greift da nach Erik Flügges Vorschlag die "Sonntagspflicht" auch auf die folgenden Werktage auszudehnen. 

Ja, ich bin durchaus dafür, dass statt Geistergottesdiensten je nach Kirchengröße auch einige Personen zum Gottesdienst zugelassen werden können. So, dass sie wirklich weiten Abstand halten können, durchaus weiteren als unbedingt notwendig nach den geltenden Abstandsregeln für Vorübergehende und Beieinanderstehende. Das ist auch für die Priester eine wichtige „Lockerung“, weil Gottesdienstfeier immer auch Gemeinschaftsfeiern sind. 

Wir haben aus diesen Gründen jetzt die Erstkommunionfeiern in den Herbst verlegt. Die allermeisten Eltern konnten sich ein solches Fest für ihre Kinder im engsten Kreis nicht vorstellen und setzen darauf, dass dann echte Gemeinschaftsfeiern möglich sind. Wobei wir schon heute planen, aus zwei Gottesdiensten sechs zu machen. Denn Gemeinschaft bedeutet ja nicht, dass es rappelvoll ist, sondern dass liebe Menschen mit uns feiern und uns nahe sind. Zumindest im Herzen und im Gebet.

Ach Übrigens – unsere Kirchen sind in diesen Tagen keineswegs geschlossen, sondern bieten Raum und Anregungen zum persönlichen Gebet. Es wird rege – wenn auch nicht übermäßig genutzt. Wir haben also noch Platz!

Ja, mir fehlt wirklich etwas. Ich würde so gern wieder - wie früher - mit meinen Schwestern und Brüdern in der Kirche sitzen, beten, Gottesdienst feiern, Eucharistie feiern... So gern...

Auch würde ich lieber ein gutes Wort für alle Trauernden einlegen, dass wir Wege finden, dass sie mit ihren Freundes- und Familienkreisen in guter Weise Abschied nehmen können. So gut, wie es eben geht - unter den Bedingungen der Zeit (aber besser als jetzt).

Aber ich möchte erst dann wieder zu regelmäßigen Gottesdiensten zurückkehren, wenn ich einigermaßen sicher sein kann, dass nicht durch meine und unsere Verantwortung Menschen dem Martyrium einer schwer verlaufenden Covid-19 – Erkrankung überantwortet werden. Da warte ich lieber noch einige Wochen ab. Und dieses geistliche Fasten wäre es mir auch dann wert, wenn wir dadurch einige Wochen eher wieder zum gemeinschaftlichen Beten zurückkehren könnten.

Beten wir bis dahin für alle, die von der Krankheit betroffen sind.
Für alle, die in den Krankenhäusern um ihr Leben kämpfen.
Für alle, die die Pandemie vor große Herausforderungen stellt.
Für alle, die das gottesdienstliche Fasten bedrückt.

Heilige Cosmas und Damian, bittet für uns.
Heiliger Lukas, bitte für uns.
Heiliger Damian de Veuster, bitte für uns.
Heiliger Lukas von Simferopol, bitte für uns.

Und hören wir auf Gottes Wort, wie es uns heute in der 2. Lesung verkündet wird:
"Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll. 
Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst.
Dadurch soll sich euer Glaube bewähren, und es wird sich zeigen, dass er wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist."

Freitag, 27. März 2020

Die Kirche in der (Corona-)Krise - stehen wir derzeit ziemlich "nackt" da?

Die Kirche habe ich bewusst für mich entdeckt (oder wieder-entdeckt), als ich 16 Jahre alt war. Seitdem bin ich richtig gern katholisch und versuche der inneren Verpflichtung nachzukommen, am Samstag oder Sonntag eine Kirche zu besuchen. Schwer war es daher für mich, als eine Krebserkrankung mich vor sechs Jahren zwang, diese liebgewordene Gewohnheit für einige Monate auszusetzen. Umso schöner, dass am Sonntag ein Gottesdienst im Fernsehen übertragen wurde und fast jede Woche mein litauischer Priesterkollege vorbei kam, um die Hl. Kommunion zu bringen. Ich bin also mit meiner Familie Quarantäneerfahren. 

Heute gehe ich auf ein drittes Wochenende zu, wo ich nicht an einer Hl. Messe teilnehmen kann. Nicht weil ich krank bin, sondern weil „da draußen“ eine tückische Krankheit droht, die sich auch dann verbreitet, wenn zwei oder drei scheinbar Gesunde beieinander stehen. 

Nach 35 Jahren finde ich mich also zum ersten Mal in einer Situation, wo ich nicht zum Gottesdienst gehen kann und das gemeinsam mit vielen anderen Gemeindemitgliedern. Sowas hat es in der ganzen Kirchengeschichte noch nie gegeben, seit 2.000 Jahren nicht. Weder die Pest noch die Cholera noch Kriege und Katastrophen haben das kirchliche Leben in dieser Weise lähmen können (selbst wenn das in der Vergangenheit manchmal an mangelndem Wissen um die Natur der Krankheiten lag). 

In aller Welt haben die Kirchengemeinden ihre Gottesdienste ausgesetzt und alle anderen Treffen eingestellt. Die Bischöfe haben ihre Priester aufgefordert, die Hl. Messe „stellvertretend“ ohne die Gemeinden zu feiern. Viele Priester tun sich schwer damit. Einige feiern die Messe im Pfarrhaus, andere streamen, was das Zeug hält, wieder andere diskutieren über den Sinn und Zweck einer Messe ohne Volk und ob das nicht ein Rückfall in alte Zeiten (Retrokatholizismus) sei. Und einige Wenige feiern die Hl. Messe offenbar in kleinen exklusiven Zirkeln quasi „illegal“ oder am Rande der klaren Verordnungen, nicht nur der staatlichen Behörden, sondern sogar aus dem Vatikan selbst. 

Ich weiß, wo der Tabernakelschlüssel liegt, ich könnte ohne Probleme kommunizieren. Aber macht das Sinn? Kann man sich den Leib Christi „nehmen“. Nein, das kommt mir nicht stimmig vor. Und es darf doch in der Kirche auch nicht Privilegierte und Unterprivilegierte geben? Jedenfalls nicht in DER Kirche, die mir im und am Herzen liegt. Einige Stimmen fordern ja Gottesdienste nach den Regeln, die heute auch für Supermärkte gelten, notfalls im Freien, notfalls in großen Domen mit genügend (2 m) Abstand dazwischen. Ein Gottesdienst sei ja auch „Daseinsvorsorge“ und „systemrelevant“. Da mag was dran sein, aber kann man das in einer Situation verantworten, wo nach wie vor noch nicht alle begriffen haben, worum es bei den Maßnahmen geht? Wo noch immer junge Leute sich für unverwundbar halten, wo der (vorzeitige) Tod eines alten, kranken Menschen in der Coronakrise achselzuckend hingenommen wird, weil ein alter Mensch ja sein Leben gelebt habe. 

Wir stehen als Kirche zur Zeit ziemlich „nackt“ da. Es gibt zwei wesentliche Arbeitsfelder, in denen wir aktiv sind. 

  • Menschen mit Menschen zusammen bringen und 
  • Menschen mit Gott zusammen bringen. 

Menschen mit Menschen, das klappt aktuell nur sehr bedingt. In dem Säulenmodell der Kirche (Liturgie/Verkündigung/Caritas und Gemeinschaft) sind alle gemeinschaftsfördernden Aktivitäten ausgesetzt. Keine Gruppen oder Gremientreffen gehen mehr, alles was online ist, ist zwar nicht nichts, aber doch nicht das Eigentliche. Die Caritas dagegen geht unter gewissen Bedingungen weiter, seelsorgliche Gespräche können stattfinden, seelsorgliche Besuche bedingt. Aber alles nur im kleinen, sehr kleinen Kreis. Und mit Abstand. Den Menschen nahe sein, auch in ihrer Not nahe sein – zur Zeit unmöglich, wenn man ihnen nicht neben Heil auch Unheil (durch Krankheit) vermitteln möchte. 

Menschen mit Gott zusammen bringen, das geht vielleicht schon eher. Weil hier sind wir ja weniger Macher als Vermittler. Es geht darum, eine direkte Begegnung mit Gott zu ermöglichen, Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Gebet, unter denen ein Gottesdienst möglich ist. Dazu gehört Verkündigung und Katechese. Und da bieten die sozialen Medien plötzlich Chancen, die niemals zuvor in der Geschichte bestanden. Wir haben die Möglichkeit, diese Medien wieder ein Stück „sozialer“ zu machen. Hier sind spannende Experimente zu beobachten, auch wenn wir das Potential noch lange nicht gut ausschöpfen. Da waren in der vergangenen Zeit nur einzelne Leute und Bistümer (wie in Essen) Avantgarde. Ansonsten springen wir gerne erst dann auf Trends auf, wenn die schon fast wieder am Ende sind. 

Wir können in den Gemeinden und darüber hinaus mithelfen, dass die Folgen der Corona-Krise abgemildert werden, indem wir z.B. Maßnahmen der Behörden unterstützen, Menschen guten Willens vernetzen und unterstützen, Einkaufshilfen organisieren, für seelsorgliche Gespräche zur Verfügung stehen. Die Einladung zum gemeinschaftlichen Gebet daheim beim Glockenläuten am Abend führt auch Menschen zusammen, die sonst nicht zum persönlichen abendlichen Gebet kommen. Das empfinde ich wirklich als berührend. So wie manche andere Aktionen auch, Leuten mit kleinen Videos, Podcasts, Online-Andachten, mutmachenden Texten und vielem mehr Denkanstöße zu geben und Hoffnung zu vermitteln. Manches ist da noch halb gar – aber allemal viel besser als nix. Und es weist in die richtige Richtung. 

Die Mitte der Gemeinde ist die Feier der Eucharistie, die Menschen zusammenführt und Menschen mit Gott verbindet. Sie kann derzeit nicht zur Wirkung kommen. Und ich bin überhaupt nicht überzeugt von einem Konzept, dass die Hl. Messe für kleinste Kreise ermöglicht. Schon heute fragen sich manche Theologen, ob Menschen, die wochenlang ohne Hl. Messe auskamen – nach der Krise noch ein Verlangen nach dieser Feier haben. Oder ob nicht für zunehmend mehr Leute die Sehnsucht nach der gemeinschaftlichen Messe mehr und mehr abklingt, je länger die Krise andauert. 

Ich kann auch dem Gedanken etwas abgewinnen, dass wir alle zur Zeit eucharistisch zu fasten haben und dass wir da solidarisch sein und bleiben müssen. Daher kann ich auch nachvollziehen, dass einige Priester selbst nicht zelebrieren oder nur sehr selten zelebrieren, um mit der ganzen Gemeinschaft zusammen zu verzichten. Das scheint mir ein überzeugenderes Zeichen, als Messen im Untergrund mit kleinsten verschwiegenen Kreisen von Privilegierten. Manch einer wird nachher denken oder sagen – ich gehörte in der Krise nicht dazu – dann will ich auch nach der Krise nicht (mehr) dabei sein. 

Mir kommt das eucharistische Fasten auch überzeugender vor als Messen im gebührendem Abstand – denn wir können das Risiko nicht eingehen, das Leben von Menschen zu gefährden. Und sei es nur, dass wir dazu beitragen, dass Menschen sich selbst gefährden. Und daher sollten wir dann wieder die Hl. Messe feiern, wenn wir dies wirklich in aller Öffentlichkeit tun können (selbst wenn das mit Sicherheitsabstand sein müsste). Aber wir können nicht den Zugang zu einem Gottesdienst beschränken. 

Ich finde es gut, dass in der Corona-Krise in Kirchen und Domen nach wie vor die Hl. Messe gefeiert und in den Medien übertragen wird. Ich denke, das muss „live“ geschehen. Und es sollte mit einem hohen, technischen Niveau getan werden. Hunderte von parallelen Handyübertragungen erscheinen mir weniger sinnvoll, aber warum sollten nicht technisch kundige Bistumsbeauftragte einmal wöchentlich auch Messen aus den einzelnen Gemeinden übertragen. Parallel zur Bischofsliturgie. Ja, die Bischöfe sollten selbst zelebrieren und die Gelegenheit nutzen, ihren Diözesanen nahe zu sein. 

Es ist eine Gnade, dass wir die Kirchen noch offen halten können zu einem persönlichen Gebet. Diese Chance sollten auch jene erkennen, die die Kirchen üblicherweise nicht öffnen (können). 

Einige Leute schreiben heute schon lange Texte über das Versagen der Kirche, die in der aktuellen Krise keine gute Figur mache. So wie Uli Fricker im Südkurier. Zu Recht erntete er den Frust vieler engagierter Kirchenleute, die erst einmal alle Hände voll zu tun hatten, den „Shutdown“ der Gemeindearbeit zu organisieren und dennoch gleichzeitig schon kreative Ideen entwickelten. Eine Diagnose der Kirche in der Krise nach 14 Tagen? Ich halte das auch für unmöglich. Aber es liegt sicher auf der Hand, dass die Schwächen einer Kirche, die sich seit den 50er Jahren in einer Dauerkrise befindet, aufgrund eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels in der heutigen Extremsituation umso deutlicher zu Tage treten.

Heute sind wir herausgefordert, die geistliche Kompetenz der Gläubigen noch stärker zu fördern und ihnen noch mehr zuzutrauen, damit sie mit ihren Familien und engsten Freunden so etwas wie Hauskirche sein können. Und vielleicht auch so etwas wie Online-Kirche, die Menschen in einem weiten Netzwerk persönlicher Kontakte über facebook, whatsapp, Telefon, Skype und anderen medialen Möglichkeiten vernetzt. Hier ist auch die Theologie und die Kirchenleitung herausgefordert, Mut zu machen, Anregungen zu geben und theologisch verantwortete Lösungen anzubieten. Es braucht hierfür neue und alte Zeichen und Riten, die die Nähe Gottes mit allen Sinnen erfahrbar, spürbar machen. 

Viel wird in diesen Tagen nach den Chancen in der Krise gesucht. Aber ich meine, wir müssen die Gefahr und die Krise erst einmal in ihrer Tiefe erkennen. Wir sollten niemanden mit vorschnellen und frommen Worten vertrösten. Wir stehen am Anfang einer dauerhaften Krise, die uns Alles abverlangen wird. Davon bin ich fest überzeugt. 

Hoffnung kommt uns als Christen von Gott her. Ich bin völlig gewiss, dass wir in allem in Gottes Hand geborgen sind, der am Ende alles zum Guten wendet. 

Doch genauso sicher bin ich, dass wir hier auf Erden das Mögliche tun müssen, die Krise zu bewältigen. 

  • Der Corona-Virus zeigt uns die Grenzen des Wachstums auf, die Grenzen unserer globalisierten Welt. Wäre der Virus in einem abgeschiedenen Bergtal in China aufgetreten, hätte er sich möglicherweise nie weiter als 30 km bewegt und wäre mit denen ausgestorben, deren Körper mit ihm nicht fertig geworden wäre. Aber durch unsere in den letzten Jahren immer globalisiertere wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde er zu einer globalen Bedrohung für eine Menschheit, die auf immer engerem Raum lebt. Eine Rückkehr zu einer Lebensweise, wie vor der Entdeckung Amerikas kann nicht die Lösung sein. Aber es muss auf eine andere Weise weiter gehen. Dafür müssen wir gangbare Wege finden. 


  • Die Coronakrise zeigt uns, dass eine wirkliche Lösung ein deutliches Minus erfordert, einen echten Verzicht. Sie stellt uns die Bedrohung unseres Lebens in atemberaubender Geschwindigkeit vor Augen, die sonst nur in schleichenden Prozessen wie dem Klimawandel und dem überbordenden Verbrauch aller Ressourcen für aufmerksame Beobachter spürbar wurde. Von einem Tag auf den anderen ist unser Leben in Gefahr. Selbst wenn der Virus durch eine Impfung in Kürze beherrschbar werden sollte, stellt sich die Aufgabe, weitere lebensbedrohliche Krisen zu meistern. 


  • Unsere Wirtschaft ist krank. Sie krankt daran, dass ihr Erfolg vielfach nur in Zahlen gemessen wird, nämlich in Gewinnen und Profiten. Schon lange überholt zu sein scheinen die Grundsätze, die ich noch im Betriebswirtschaftslehre-Unterricht kennengelernt habe. Und die beispielhaft z.B. noch vor 100 Jahren im Bergbau umgesetzt wurden: Wer erfolgreich Bergbau betreiben möchte, der muss dafür sorgen, dass die Gesundheit seiner Mitarbeiter gesichert ist, dass es hohe Standards im Arbeitsschutz gibt. Er musste Bergarbeitersiedlungen bauen und betreiben, damit die Mitarbeiter unter guten Umständen in der Nähe der Betriebe wohnen konnten. Wer erfolgreich wirtschaften wollte, der musste natürlich schauen, dass unter dem Strich etwas übrig blieb. Aber auch langfristig schauen, dass der soziale Frieden gewahrt blieb, dass es keinen Raubbau gab, dass die Mitarbeiter gesund blieben... Heute zählt ja eher, dass die Kohle aus chinesischen Schächten trotz der unfassbar langen Transportwege noch immer billiger ist als die aus dem deutschen Schacht. Und dass man sich sogar noch die Gesundheitsvorsorge für die Bergleute vor Ort sparen kann, weil man die Verantwortung an eine kommunistische Diktatur auslagert.


  • In der Krise merken wir, wie schnell die Güter knapp werden, wenn die Lieferketten gehemmt oder unterbrochen werden. Statt Mundschutz-Masken aus China zu importieren, nähen heute Ehrenamtliche in Voerde solche Masken aus Stoffresten. Das berührt mich sehr. Man muss eine gute Balance finden zwischen internationaler Zusammenarbeit und Abschottung der eigenen Märkte. Aber dazu müssen wieder andere Werte gelten, als die Zahlen, die unter dem Strich dabei heraus kommen. 


Das wird ein ganz, ganz langer und mühsamer und schmerzhafter (Opfer) Weg. Aber er ist notwendig. Sehr not-wendig!

  • In der Corona-Krise merken wir, wie bedeutsam das Miteinander ist, die Verantwortung für den Anderen. Wir merken, wie wichtig familiäre, freundschaftliche, ja sogar gut nachbarschaftliche Bande sind. Und auch die schlechten Seiten im Menschen werden manchmal in schmerzhafter Deutlichkeit offenbar. Nein, Rücksichtnahme, Nächstenliebe, Feindesliebe, Verantwortung für die Nächsten und Fernsten (selbst wenn sie in Uganda leben oder im Norden Italiens) – sind kein selbstverständliches Allgemeingut. Die christliche Botschaft ist heute so notwendig wie immer. Als Christen haben wir viel zu tun. Sehr viel, auch wenn uns nicht jeder mehr gern zuhört. Aber in der Krise scheint mir unser Wort doch hin und wieder auch dort auf fruchtbaren Boden zu fallen, wo es sonst nicht keimen konnte. 


  • Ich sehe auch, wie notwendig die Stichworte „systemrelevant“ und „Daseinsvorsorge“ geworden ist. Wir haben allzuviel dem freien Markt und der Wirtschaft überlassen. In der Hoffnung, dass es dann auch wirtschaftlicher geführt wird. Aber vielleicht entdecken wir Zwischenwege, Organisationsformen, die die Verantwortlichkeit des Staates, der Verwaltung, der Kommunen, Länder etc. wahren und die Eigeninitiative der Mitarbeiter und verantwortlichen Leitungen im Sinne des freien Wettbewerbs der guten Ideen und der besseren Qualität ermöglichen. Und eine anständige Bezahlung der Mitarbeiter*innen, die im Falle des Falles den Laden am Laufen halten. Die freie Wirtschaft allein schafft das offenbar nicht (immer). 


Heute kann noch niemand sagen, wie es nach der Krise weiter geht. Ich bin nicht sehr hoffnungsfroh, dass wir unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaftsordnung grundlegend umsteuern werden. Allzu schnell wird die Alltag wieder einkehren und vieles läuft wieder in alten, vertrauten Bahnen. 
Aber noch sehe ich kein Exit-Szenario. So wie es jetzt ist, kann es nicht weiter gehen. Weder für uns als Kirche noch für die Gesellschaft insgesamt. 

Die leichteste Lösung wäre eine gute Medikation und eine Impfung für alle. Aber das dauert noch, wenn es überhaupt möglich ist.

Andere Szenarien setzen auf ein langsame „Durchseuchung“ der Bevölkerung, so dass irgendwann eine gewisse Immunität auftritt, so dass Covid-19 durch das Gesundheitssystem gewuppt werden kann. Auch der derzeitige Shutdown folgt dieser Theorie. Und wir werden in den nächsten Wochen Vorschläge diskutieren, wie das ohne neue Katastrophen an anderen Stellen weiter umgesetzt werden kann. Wie auch immer das geschieht – die Krise wird für viele Menschen noch lange andauern. Und deren Folgen auch. 

Wir haben noch manche Bewährungsprobe vor uns. 
Jeder Priester, jeder Pastoralreferent ist in der Krise gefordert. 
Und weit mehr noch - jeder einzelne Christ ist heute gefordert:

Mir kommt in den Sinn, ob Gott uns nicht in der aktuellen Situation nicht ähnlich fragt, 
wie es der Bischof vor der Weihe seine (zukünftigen) Priester fragt: 
(Wir kennen doch den Gedanken des allgemeinen Priestertums.)

Bischof: Seid ihr bereit, zusammen mit dem Bischof im Gebet, das uns aufgetragen ist, Gottes Erbarmen für die euch anvertraute Gemeinde zu erflehen?

Antwort: Ich bin bereit.

Bischof: Seid ihr bereit, den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?

Antwort: Ich bin bereit.

Bischof: Christus, unser Hoherpriester hat sich um unseretwillen dem Vater dargebracht. Seid ihr bereit, euch Christus, dem Herrn, von Tag zu Tag enger zu verbinden und so zum Heil der Menschen für Gott zu leben?

Antwort: Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.

Abschließendes Wort des Bischofs: 
Gott selbst vollende das gute Werk, das er in dir begonnen hat.

Es gibt viel zu tun! Packen wir an! 
Mit Gottes Hilfe!

Freitag, 21. Februar 2020

Ein Irrer - und die AfD?

Es muss so in der Mitte der 90er gewesen sein. In Zeiten also, wo das Denken eines Rechtsextremen für die meisten Deutschen in etwa so verstörend war, wie heute die Gedankenwelt des Attentäters von Hanau. Damals war ich zu einem Kabarettabend mit Hanns-Dieter Hüsch eingeladen, irgendwo in einem Bildungshaus am Niederrhein. Ich erinnere mich an den Moment damals, als wenn es gestern gewesen wäre. Hüsch hatte den Saal zum Lachen gebracht. Alles gluckste noch vor sich hin, da kippte die Stimmung von einem Moment in den Nächsten... 

„Dann nehmt euch alle an die Hand
Und nehmt auch den der nicht erkannt
Dass früh schon in uns allen brennt
Das was man den Faschismus nennt“

Es wurde ernst und still im Raum. Faschismus, das ist für Hüsch scheinbar nicht eine obskure Krankheit faschistoider Gehirne. Es ist etwas, das „in uns allen brennt“. In uns allen? Augenscheinlich gibt es eine Ausnahme, nämlich Mitglieder und Wähler der AfD. Deren Frontmann Prof. Dr. Jörg Meuthen postete heute morgen eine entrüstete Botschaft. Gleich mit dem eigenen Foto im tief betroffenen schwarzweiß und mit dem entrüsteten Satz: „Es ist zu schäbig: Die Tat eines Wahnsinnigen soll UNS angelastet werden.“ Und das UNS auch noch supergroß und superfett. Im ersten Moment dachte ich an den Postillion.

Ein Wahnsinniger! Der Täter!
In einer begleitenden langen Erklärung legt Meuthen dar, warum die AfD sich diesen Irren nicht zurechnen lassen möchte. Und zitiert dann ellenlang aus dem inzwischen weitgehend aus den Medien getilgten „Manifest“ des Täters. In der Tat, irre! 

Mir ging es gestern schon auf die nerven, dass gleich von allen Seiten auf die AfD gezeigt wurde. Von daher kann ich das sogar etwas nachempfinden, dass jemand wie Meuthen sagt: Der nicht! Der ist keiner von uns! Der hat sich ja schon radikalisiert, da gab es uns noch gar nicht! 
Und dann wird gestern sogar von der AfD als „der politische Arm des Rechtsterrorismus“ gesprochen. Was für ein vielstimmiger Chor gestern – auf allen Kanälen. Bei Meuthens Freunden im Übrigen wurde – ebenso absurd aber offenbar ernst gemeint – die Kanzlerin zur Schuldigen dieses Massakers erklärt. 

So recht vermag ich das Durcheinander in meinem Kopf aber noch immer nicht zu entwirren. Die Tat in Hanau macht einen ja unter allen Umständen und aus welcher Betrachtungsweise auch immer sprachlos, so wie auch der bewußt herbei geführte Absturz der Germanwings-Maschine durch die Hand des Piloten, so wie der Angriff auf die Synagoge in Halle. Sind jetzt eigentlich alle „irre“ geworden? Das Entsetzen über die Tat in Hanau ist noch immer groß. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll – zumal rund um uns noch der Karneval tobt. Wie irre ist das eigentlich alles? Müßte nicht erst mal Ruhe einkehren, Besinnlichkeit, Gebet? Kann mal einer diese Welt anhalten, den Karneval absagen und die politischen Aktivisten zum Schweigen bringen?

Kann man zu Hanau irgendetwas sagen, was uns weiter bringt oder enger zusammen führt? Dann hat Meuthen heute morgen den Faden rausgezogen, der zu diesem Blogbeitrag geführt hat, zusammen mit dem „alten“ Satz von Hanns-Dieter Hüsch.

Mit Rechten zu reden – das ist ja hoch umstritten. Gerade in der Kirche! Der BDKJ hat gerade eben noch mit Blick auf den ökumenischen Kirchentag Gespräche mit der AfD abgelehnt, die er da nicht sehen will. Und die Argumente sind ja nicht falsch. Es liegt ja eine gewisse Gefahr darin, sich mit den „Rechten“ einzulassen. Das haben wir ja in Thüringen ganz deutlich erlebt. Verwirrung und Zerstörung aus allen Ebenen! Allzu leicht fällt einem die Gesprächsbereitschaft selbst auf die Füße.

Trotzdem muss man mit Rechten (Extremen) reden, so denke ich. Aber dann in dem Sinne, wie ich es immer mit den „Grauen Wölfen“ gehalten habe. Mir war immer wichtig, klar zu sagen: „Ich rede mit Dir, weil Du ein Mensch bist. Aber ich lasse mich nicht von Dir für Deine Weltsicht mißbrauchen. Daher werde ich nicht mit Dir auf ein Foto gehen oder Deine Veranstaltungen besuchen oder mich anderweitig vor den Karren spannen lassen – solange Dein Idealistenverein im Verfassungsschutzbericht auftaucht.“ Natürlich müssen wir mit Rechten (Extremen) kommunizieren. Auch so, dass sie die Chance haben unser Anliegen und unsere Motivation richtig zu verstehen. Und wir müssen ihnen widersprechen. Wir müssen Ihre Denkhorizonte aufbrechen. Aber nicht in solchen Formen, bei denen sie uns für ihre Zwecke einspannen können. Das wird schwer werden, aber die notwendigen Weichen dagegen können wir stellen. Warum nicht beim Katholikentag ein Stuhlkreis hinter verschlossenen Türen und ohne Presse – aber doch nicht auf einem öffentlichen Podium!?

Zurück zu dem Schrecken, den mir Herr Meuthen heute morgen eingejagt hat. Was mir hier (und bei den Wortmeldungen vieler seiner Anhänger und Parteifreunde) völlig fehlt – ist ein gewisses Schuldbewußtsein, eine Selbsterkenntnis. Nämlich im Sinne dessen, was Hüsch formuliert, der uns ja schon vor Jahrzehnten den Spiegel vorhielt. 

Der Spiegel wäre auch für Herrn Meuthen das richtige Bild. Die AfD ist vermutlich nicht der geistige Brandstifter des Attentäters von Hanau. Für den wäre die AfD gar nicht radikal genug. Aber der Attentäter und die AfD sind Symptome derselben Krise, derselben Bewegung, derselben Verrohung. Der Attentäter ist ein Spiegelphänomen der AfD und sie könnte aus diesem Attentat auch eine Erkenntnis für sich gewinnen. 

„Dass früh schon in uns allen brennt…“ IN UNS ALLEN! Vermutlich selbst in denen, die unter den schwarz-roten Fahnen der Antifa auftreten. Und ganz bestimmt auch in denen, die der AfD das bürgerliche Antlitz verschaffen, an deren Parteibüros öffentlichkeitswirksam signalisiert wird: „Linke – ihr müsst draußen bleiben“, die aber lauter Hintereingänge und Hinterzimmer haben, in denen Kontakt zu ganz komischen Leuten gepflegt wird. Und die keine Scheu haben mit ganz, ganz Rechten zu reden. Solange sie nicht völlig irre sind. Obwohl – mit Reichsbürgern redet man da ja durchaus auch. Sie könnten ja – als wachsende Bewegung – „uns“ in der AfD Stimmen bringen. 

Hätte die AfD Hanau sich von diesem Täter fern gehalten? Offenbar hat das ja nicht mal irgendeine Behörde gemerkt. Obwohl der Vogel sogar seine Wahnvorstellungen auf einigen Polizeiwachen zu Protokoll gab, ohne dass einer bei der Computerrecherche merkte, dass dieser durchgeknallte Typ auch noch Waffen zu Hause hatte. Offenbar hat auch in seinem Schützenverein keiner gemerkt, was da für eine Zeitbombe tickte. 

Die AfD muss aufpassen. In ihrem Schatten gibt es einen großen Graubereich von Kontakten und Verbindungen in eine Szene, die zur Zerrüttung unseres „Systems“ beiträgt und hierfür Pläne macht. Dazu gehört eine gehörige Portion von Rassismus. Dazu gehört, die Welt einzuteilen in „Wir“ und in „Die“. Das sind dann nicht nur „Die Türken!“ oder „Die Flüchtlinge!“ oder „Merkels Gäste“ oder „Die Linken“ oder „Die Antifanten“ oder am Ende auch „Die System-Politiker“. Nein, das ist nicht alles Rassismus, aber das ist trotzdem ein schleichendes Gift, das das Zusammenleben in Deutschland vergiftet. Ich spüre ja jetzt schon, wie türkische Freunde auf Distanz gehen zu uns Deutschen. Wie Menschen, die sich intensiv für den Dialog engagieren sich unter dem wachsenden Druck in ihre Welten zurückziehen. 

Gegen dieses Gift gibt es nach meiner Überzeugung nur ein Gegenmittel. Und das ist die feste Überzeugung, dass jeder Mensch ein Kind Gottes ist, gleich an Rechten, gleich an Würde. Einfach ein Mensch! Und in der großen Menschheitsfamilie gibt es keine, die mehr oder minder wert sind. Liebe deinen Nächsten, liebe deine Feinde, liebe auch die Fernsten! Das fordert Jesus von uns. 

Ja, Herr Meuthen, das würde für Sie bedeuten, dass Sie sogar die Kanzlerin höchstselbst lieben müßten und anständig und mit Würde mit ihr umgehen. 

Sie tragen Mitverantwortung, dass ein bestimmtes Denken einsickert… langsam normal wird… denkbar wird. Selbst wenn Sie das eigentlich gar nicht wollen. In vielen Punkten haben Sie einen demokratischen Konsens in Frage gestellt, der mit viel Blut und Schmerzen erkämpft wurde. Die Demokratie ist – wie der gesellschaftliche Zusammenhalt - ein empfindliches System, sorgfältig austariert. Was hier einmal an Miteinander zerstört wird, das kann man nicht so schnell wieder reparieren. Das sollte man bei allem Engagement gegen Fehlentwicklungen, Langeweile und Frustration über unser politisches System nicht vergessen. Schon daher ist es notwendig den „Fliegenschiss“ in der Deutschen Geschichte sorgfältiger zu analysieren, ihm mehr Gewicht zu geben und mehr daraus zu lernen als aus der als glorreich empfundenen Zeit des Kaisers Barbarossa.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im Spiegel des Textes des großartigen Kabarettisten Hüsch erkennen, wo Sie selbst das Gift des Faschismus, des Rassismus, der Menschenfeindlichkeit im Sog des Erfolgs der Protestpartei AfD aufsaugen und in unsere Gesellschaft weiter verteilen. 

Solange die AfD sich nicht klar distanziert von jeglicher Form der Menschenfeindlichkeit, selbst gegenüber denjenigen, die nicht von hier sind, die ein Kopftuch tragen oder unter linken Fahnen demonstrieren, solange braucht sie sich nicht zu wundern, dass man den Verdacht hegt und pflegt, dass Parteilinie sein könnte, was einige abseitige Protagonisten in voller Absicht, mausgerutscht oder leicht beschwipst von sich geben.

Allen Politikern wünsche ich die Kunst, dann zu schweigen, wenn Worte nichts besser machen. Und dass sie ihren Gefühlen nur dann freien Lauf lassen, wenn sie wirklich aufrichtig und ehrlich sind. 

Und das, was ich Herrn Meuthen wünsche, das wünsche ich im Übrigen jedem von uns. Und ganz besonders jenem, der in den Stunden nach dem Anschlag – wenn auch nur für einen Moment gedacht hat – 

Der Täter war ja zum Glück kein Rechter vulgo kein Flüchtling … 

oder gar... 
„Es waren ja keine „von uns“.“
„Schlimm, ganz schlimm, furchtbar, aber…“


Das Phänomen
von Hanns-Dieter Hüsch

Was ist das für ein Phänomen
Fast kaum zu hören kaum zu sehn
Ganz früh schon fängt es in uns an
Das ist das Raffinierte dran

Als Kind hat man's noch nicht gefühlt
Hat noch mit allen schön gespielt
Das Dreirad hat man sich geteilt
Und niemand hat deshalb geheult

Doch dann hieß es von oben her
Mit dem da spielst du jetzt nicht mehr
Das möcht ich nicht noch einmal sehn
Was ist das für ein Phänomen

Und ist man größer macht man's auch
Das scheint ein alter Menschenbrauch
Nur weil ein andrer anders spricht
Und hat ein anderes Gesicht

Und wenn man's noch so harmlos meint
Das ist das Anfangsbild vom Feind
Er passt mir nicht er liegt mir nicht
Das ist das nicht und find ihn schlicht

Geschmacklos und hat keinen Grips
Und außerdem sein bunter Schlips
Dann setzt sich in Bewegung leis
Der Hochmut und der Teufelskreis

Und sagt man was dagegen mal
Dann heißt's: Wer ist denn hier normal
Ich oder er du oder ich
Ich find den Typen widerlich

Und wenn du einen Penner siehst
Der sich sein Brot vom Dreck aufliest
Dann sagt ein Mann zu seiner Frau
Guck dir den Schmierfink an die Sau

Verwahrlost bis zum dorthinaus
Ja früher warf man die gleich raus
Und heute muss ich sie ernähr'n
Und unsereins darf sich nicht wehr´n

Und auch die Gastarbeiterpest
Der letzte Rest vom Menschenrest
Die sollt man alle das tät gut
Spießruten laufen lassen bis auf's Blut

Das hamwer doch schon mal gehört
Da hat man die gleich streng verhört
Verfolgt gehetzt und für und für
Ins Lager reingepfercht und hier

Hat man sie dann erschlagen all
Die Kinder mal auf jeden Fall
Die hatten keinem was getan
Was ist das für ein Größenwahn

das lodert auf im Handumdrehn
Und ist auf einmal Weltgeschehn
Denn plötzlich steht an jedem Haus
Die Juden und Zigeuner raus

Nur weil kein Mensch derselbe ist
Und weiß und schwarz und gelbe ist
Wird er verbrannt ob Frau ob Mann
Und das fängt schon von klein auf an

Und wenn ihr heute Dreirad fahrt
Ihr Sterblichen noch klein und zart
Es ist doch eure schönste Zeit
voll Phantasie und Kindlichkeit

Lasst keinen kommen der da sagt
Dass ihm dein Spielfreund nicht behagt
Dann stellt euch vor das Türkenkind
dass ihm kein Leids und Tränen sind

Dann nehmt euch alle an die Hand
Und nehmt auch den der nicht erkannt
Dass früh schon in uns allen brennt
Das was man den Faschismus nennt

Nur wenn wir eins sind überall
Dann gibt es keinen neuen Fall
Von Auschwitz bis nach Buchenwald
Und wer's nicht spürt der merkt es bald

Nur wenn wir in uns alle sehn
Besiegen wir das Phänomen
Nur wenn wir alle in uns sind
Fliegt keine Asche mehr im Wind


Ich verneige mich in Ehrfurcht vor den Opfern des Attentäters von Hanau. 
Möge Gott, der Herr sie in sein Reich aufnehmen und ihnen Frieden schenken. 
Mögen die Wunden der Verletzten, der Freunde, Angehörigen und Familien heilen. 
....
....
Amen!

Donnerstag, 20. Februar 2020

Ein Papst, ein Kardinal, ein Weihbischof und ein Priester

Vor zwei Jahren versammelten sich Monat für Monat die Opfer eines Bottroper Apothekers auf dem Kirchplatz zwischen der „Alten Apotheke“ und der benachbarten Cyriakuskirche, um eine gerechte Strafe für diesen perfiden Täter zu fordern. Auf diese Weise trugen sie auch ihre Hilflosigkeit auf die Straße, angesichts eines Verbrechers, der aus blanker Geldgier die lebensrettenden Medikamente unterdosiert hatte und damit seine Opfer möglicherweise sehenden Auges dem Krebstod überantwortete. Der in der Bottroper Stadtgesellschaft und auch in der Kirche gut vernetzte Mann schwieg zu seinen Taten und dieses Schweigen breitete sich aus. So taten sich auch die Kirchenleute schwer mit einem klaren Wort, Behörden und Politiker schwiegen betreten oder betroffen. Die Opfer schlugen „auf die Pauke“ um ihre Hilflosigkeit sichtbar zu machen und Konsequenzen zu fordern. Und viele Leute, die die Familie des Bottroper Apothekers kannten und schätzten, warfen sich für diese in die Bresche, erzählten von deren guten Taten und von besseren alten Zeiten. Demonstrativ trugen manche Bottroper ihre Rezepte weiter in eine Apotheke, von der nicht Heilung und Gesundheit sondern deren glattes Gegenteil ausgegangen war. 

Bei dieser Demo stand ich irgendwann einmal neben einem Mann in meinem Alter. Als Markus stellte er sich vor! Ah, ich auch! Krebsbetroffen war er nicht, aber solidarisch! Und diese Solidarität hatte offenbar Gründe. Ich weiß nicht, ob er das auch so sieht – aber er kennt das Gefühl, als Opfer einer unbeweglichen, gut vernetzten Organisation gegenüber zu stehen und über lange Zeit nicht gehört zu werden. Und er kennt das Gefühl, mit tröstenden Worten abgespeist zu werden, aber am Ende mit leeren Händen da zu stehen und keine echte Hilfe zu bekommen. Ein Kämpfer!

Als Kind wurde er in Bottrop von einem Kaplan missbraucht. Einige Wochen später hat er mir einmal seine Geschichte im Zusammenhang erzählt. Und berichtet, dass sein Täter heute mit voller Pension als Privatmann kaum geschoren irgendwo in München wohnt und im Grunde nie bestraft wurde. Trotz vielfach wiederholter Taten hielt es niemand für notwendig ihn, der auf Bewährung draußen war und blieb, einmal einzulochen. Er ist nach wie vor Priester, wenn auch suspendiert (seit 2010).

Jetzt ist es Markus gelungen – zusammen mit den Journalisten vom Netzwerk Correktiv – die Geschichte von Pfarrer Pe. Hu. (ich weiß nicht, ob es strafbewehrt ist, den Namen klar zu nennen, daher vermeide ich das hier) noch einmal prominent ins Fernsehen zu bringen. Bei Frontal 21 wurde der Fall – durch neue Details angereichert – erneut präsentiert. 

Für Journalisten ist dieser Fall besonders interessant, weil er zunächst einmal sehr exemplarisch das Versagen der katholischen Kirche im Umgang mit Missbrauchstätern im Priesterhemd schildert. Und weil in diesem dunkel schillernden Bild hier einige besonders interessante Protagonisten hervorstechen. Da ist einmal der in Essen hoch verehrte Kardinal Hengsbach, dann in München der dortige Weihbischof Heinrich Sigmund Maria Rudolf Graf von Soden-Fraunhofen und schließlich – besonders spannend – der ehemalige Papst Benedikt XVI,, alles Personen die in der ganzen Angelegenheit eine gewisse Rolle spielen. 

Erstere sind bereits verstorben, letzterer jedoch ist noch am Leben. Er trug vom Tag seiner Bischofsweihe 1977 an Mitverantwortung für die Leitung der katholischen Kirche und damit auch für den Umgang mit Missbrauchstätern in der Kirche. Das macht ihn für die Öffentlichkeit besonders interessant. Dazu braucht es im Übrigen keineswegs die aktuell gerade wieder gern bemühte angebliche Feindschaft eines "liberalen" Kirchenflügels und einer noch liberaleren, kirchenfeindlichen Presse, die darauf aus sei, seine Lebensleistung zu beschädigen.

Bisher bestand die Verbindung zwischen Pfarrer-Täter und Kardinal-Erzbischof ja nur auf dem Papier. Ein schönes Detail im schillernden Gesamtbild dieses Falls wäre ja eine Art Showdown; eine Begegnung des Täters mit demjenigen, dem als Präfekten der Glaubenskongregation die angemessene Verfolgung der Täter oblag. Das riecht ja für den investigativen Journalisten geradezu nach qualmendem Scheiterhaufen... 

Und im aktuellen Bericht ist nun tatsächlich so was drin. Ein Ohrenzeuge (nicht irgendwer, sondern der damals mit dem Pfarrer befreundete Gemeinderatsvorsitzende Klaus Mittermeier) berichtet darüber, dass Pfarrer H. ihm erzählt habe, dass Kardinal Ratzinger eines Abends überraschend an seiner Tür gestanden habe. Da der Kardinal den Weihbischof nicht antraf, wollte er offenbar beim Pfarrer fragen, wie er diesen erreichen und besuchen könne. Eine kleine Begegnung von zwei, drei Minuten. Ein Kardinal klingelt bei einem Pfarrer H.. Ob der Name des Pfarrers dem Kardinal damals noch in den Ohren „klingelte“ ist dabei noch gar nicht ausgemacht. Direkte Personalverantwortung für den Fall trug Joseph Ratzinger 1980/1981. Der Vorfall soll sich im Jahr 2000 zugetragen haben, als man noch glauben konnte, die Kirche habe kein tiefes Missbrauchsproblem. Es gebe nur Einzelfälle!

Weitaus verstörender als die denkbare Begegnung zweier Kirchenmänner in der bayrischen Provinz ist für mich in dem aktuellen Correktiv-Text die Tatsache, dass Weihbischof von Soden-Fraunhofen seinen Altersruhesitz ausgerechnet in der Gemeinde nahm, wo Pfarrer Hu., der zu therapierende Missbrauchstäter aus dem Bistum Essen segensreich (zynischer Einfwurf!) wirkte. 

Es ist etwas rätselhaft, warum der Weihbischof höchstselbst in diese Gemeinde zog. In seiner aktiven Zeit war er mit dem Fall des Pfarrers Hu. befasst. Er kannte offenbar alle Details. Dem behandelnden Psychiater soll er gesagt haben, er ziehe nach Engelsberg, weil er Pfr. Hu. auf die Finger gucken, ihn überwachen wollte. Offiziell wurde gesagt, seine Haushälterin habe Verbindungen in den Ort, er wähle ihn als Altersruhesitz ihr zuliebe. Das erinnert frappant an den Missbrauchstäter, den sein Orden nach Afrika versetze. Offenbar waren die Ordensoberen beruhigt, weil der dortige Bischof den Täter im Blick halten wollte. Ähnliche Beteuerungen hörte man kürzlich auch aus dem Bistum Münster für einen Täter in Westfalen. Aber de facto kann niemand glauben, dass er einen Missbrauchstäter im Griff haben kann. Und wer die kirchlichen Strukturen einigermaßen kennt, der weiß, dass niemand einen Priester rund um die Uhr überwachen kann. Auch insofern zeigt der Fall das hilflose Bemühen der kirchlichen Obrigkeit, das Phänomen und Problem des sexuellen Missbrauchs durch Priester angemessen anzugehen und zu bekämpfen (geschweige denn zu bestrafen). Von daher bin ich beinahe dankbar, dass Correktiv und Markus Elstner diesen Fall neu in die Öffentlichkeit bringen. Als Kirche sollten wir diese (vermutlich überscharfe Kritik) nicht abwehren, sondern lieber auch die andere Wange hinhalten, auch den Mantel geben oder eine Meile weiter mitgehen als vom Opfer gefordert. 

Zumal auch in dieser Hinsicht Pfr. Hu. ein Musterbeispiel für das Doppelleben solcher Täter ist. Viele beschreiben ihn noch heute als Priester erster Güte, fröhlich, modern, aufgeschlossen, offen, zugewandt, engagiert. Viele waren mit ihm befreundet, vertrauten ihm blind, vertrauten ihm gar die Kinder an. Gibt es eigentlich ehrenwertere Berufe als der des Apothekers, des Pfarrers, des Arztes … ? Und doch überdeckt und überstrahlt dies zuweilen eine überaus dunkle Schattenseite. 

Pfarrer Hu. war im Übrigen ein Priester ganz im Sinne der Einlassungen von Papst em. Benedikt XVI. zur Frage des sexuellen Missbrauchs im Kontext der sexuellen Revolution. Niemand sollte glauben, Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. hätte irgendeine Sympathie für solche Priester-Täter gehegt noch auch nur im Ansatz Verständnis für ihre widerlichen Taten gehabt. Im Gegenteil, es ist vielfach belegt, dass er sich als Präfekt der Glaubenskongregation redlich um Aufklärung und Bestrafung bemühte. Aber in diesem Anliegen in erster Linie um das Ansehen, die Reinheit und Glaubwürdigkeit der Kirche in Sorge war. 

Selbst Daniel Deckers berichtete 2011 in der FAZ über den Fall des Pfarrer Hu. und hebt hier die kaum bestreitbaren Verdienste Kardinal Ratzingers als Präfekt und Papst im Kampf gegen den Missbrauch und für untadelige Priester hervor. 

Umso mehr erstaunt jetzt, dass – offenbar auf Nachfrage der Tagespost – Papst Benedikt XVI. es für notwendig hielt, die Episode einer persönlichen Begegnung mit dem Täter (und nur diese) dementieren zu lassen. Er sei dem Täter im Jahre 2000, bei seinem Besuch am Krankenbett von Weihbischof von Soden-Fraunhofen nicht begegnet!

Hm!

Das Erzbistum München ist groß! Jedes Jahr lädt der Erzbischof vermutlich seine Priester auch zu verschiedenen Begegnungen oder zur Chrisammesse in den Freisinger Dom ein. Ich halte es für höchst wahrscheinlich, dass Pfarrer Hu. seinem Bischof in den Jahren 1980 / 1981 irgendwann einmal begegnet ist. 

Ich grüble daher darüber nach, warum man es in Rom für opportun erachtet, eine beiläufige und völlig unbedeutende (immerhin aber denkbare) Begegnung eines römischen Kardinals mit einem Dorfpfarrer zu dementieren. Was ist, wenn sich nach diesem Dementi plötzlich die alte fromme Haushälterin von Pfr. H. meldet, die dem Kardinal damals (möglicherweise) die Pfarrhaustür geöffnet hatte? Auch wenn Papst Benedikt sich (was völlig verständlich wäre) an die kleine Episode im bayerischen Dorf nicht mehr erinnern kann, dieses Dementi kann dann erst recht großen Schaden anrichten. Es erinnert an die Frage an einen hessischen Bischof, ob er erster Klasse nach Indien geflogen sei – was dieser strikt verneinte. Am Ende stellte sich heraus, dass es doch die erste Klasse war – und die Glaubwürdigkeit war ganz dahin. Sind hier wieder wohlmeinende Leute am Werk, die sich schützend vor Benedikt XVI. stellen - und ihm am Ende - gut gemeint - eher schaden?

Die Spitze des aktuellen (nun nach 10 Jahren wieder aufgewärmten) Berichts ist doch die, dass der damalige Münchener Erzbischof im Jahre 1980 auch nicht klüger oder besser beraten war, als viele seiner Amtsbrüder auch. (Ich erinnere an die Worte des emeritierten Hamburger Erzbischofs Thissen). Der Bericht sagt mir (auch wenn ich alle fragwürdigen Details und Interpretationen weg lasse), dass auch der Münchener Erzbischof hinter der Kulisse eines engagierten, zugewandten und allseits beliebten Pfarrers die dunkle, gut verborgene aber teuflische Fratze des Gewalttäters nicht erkannt hatte. Was bisher über den Fall bekannt ist legt nahe, dass der Erzbischof wohl nicht über alle Details des Aufenthalts des Essener Diözesanpriesters in seinem Bistum informiert war oder dass er sie nicht angemessen zu interpretieren vermochte. Aber er kannte die harten Fakten: ein Missbrauchstäter sollte fernab der Tatorte und der Opfer sinnvoll beschäftigt, therapiert und überwacht werden. 

Anders scheint sich das bei den anderen Verantwortlichen in der Bistumsleitung zu verhalten, beim Personalchef und Generalvikar (der schon vor Jahren die ganze Verantwortung allein übernommen hatte) und vor allem beim Weihbischof. Dieser glaubte offenbar, das schändliche Treiben des Mitbruders durch persönliche Anwesenheit in dessen Nähe verhindern zu können. Wie sich heute zeigt, war das (möglicherweise) so ehrbar wie naiv. Aber er wäre nicht der erste Kirchenmann, der auf diesem Auge nicht ausreichend scharf sehen konnte. Da ist die Betroffenheit unter älteren Bischöfen und Prälaten heute hoch. Bei uns als normalen Gläubigen und einfachen Seelsorgern im Übrigen auch, wenn wir die Tatsache bedenken, dass man offenbar lieber verdächtige Priester (oder gar verurteilte Priester) in der Hoffnung auf Besserung normal weiter arbeiten ließ, statt umfassend darüber zu informieren, dass da jemand eine Gefahr für Kinder und andere Schutzbedürftige darstellen könnte. (Was natürlich in Frage gestellt hätte, dass so jemand überhaupt in der Seelsorge tätig sein kann). Mitgegeben hat man ihnen strenge Ermahnungen und Forderungen, aber versäumt die unmittelbaren Vorgesetzten zu informieren oder ernsthaft zu kontrollieren. Im Grunde ist so was die Quadratur des Kreises. Es gibt keine seelsorgliche Tätigkeit ohne Begegnung mit (schutz-)bedürftigen Menschen.) 

Ich bin fest überzeugt: es schadet dem Ansehen von Papst Benedikt XVI. in keiner Weise, wenn er hier und heute (noch einmal und klarer) erklärt hätte, dass auch er damals an die Therapierbarkeit des Täters geglaubt habe, dass auch er mit der naiven Vorstellung gescheitert sei, man könne diese Täter durch Therapie und "auf die Finger schauen" im Griff halten und von weiteren Taten abhalten.

Kein Bischof ist mit den Irrungen und Wirrungen des menschlichen Sexuallebens und mit der vielfältigen Wirklichkeit sexueller Straftaten vertraut. Es ist für mich nicht verwunderlich, dass ein Bischof auch deutlich lieber Bücher über Jesus Christus, über Glaubenswahrheiten und Trinität liest und schreibt, als sich diesen abstoßenden Schattenseiten der menschlichen Existenz auszusetzen. Ich glaube auch gern, dass man als Bischof sich lieber mal abwendet, wenn von freundlichen Pfarrern widerwärtige Dinge berichtet werden. Das haben mit dem Bischof auch viele andere Leute so getan, ja sogar Mütter und Väter gegenüber ihren Kindern. Trotzdem, die Verantwortung eines Bischofs für ein Opfer gleicht nach meiner Auffassung meiner eigenen Verantwortung als Vater für meine Kinder. Wir müssen zusammen hellwach sein. Und ab und an bereit, das Undenkbare zu denken und für möglich zu halten.

Es täte gut, wenn Benedikt XVI. im Rahmen seiner Erklärung in der Tagespost gesagt hätte, er habe keine genaue Erinnerung an den damaligen Besuch, aber wenn der Gemeinderat das berichte, könnte es möglich sein, dass es eine kurze Begegnung gab.

Es hätte auch gut getan zu hören, dass er die furchtbaren Realitäten heute rückblickend besser durchschaue und dass er alle kirchlichen Stellen aufrufe, unbürokratisch und großzügig den Opfern zur Seite zu stehen und so die mütterliche Sorge nachzuholen, an der es die Kirche so lange (und bis heute) habe fehlen lassen.

Wenn er gesagt hätte, ich bitte alle Opfer um Verzeihung und appelliere an die bischöflichen Ordinariate und ihre Verantwortlichen, ja möglicherweise an die bischöflichen Mitbrüder persönlich, sich mit den Opfern zu treffen und unbürokratisch und großzügig mit ihnen nach Wegen zu suchen, mit den Mitteln der Kirche ein möglicherweise schwieriges und belastetes Leben leichter zu machen.

Wie schön wäre es, wenn sie wenigstens etwas Frieden mit der Kirche Christi machen könnten, in deren Verantwortungsbereich ihnen Furchtbares angetan wurde.

Ich würde mir wünschen, dass Benedikt XVI. die Kirche entschieden aufruft, bei der Auswahl der Priester sehr aufmerksam und streng zu sein und Vergehen gegen das (Seelen-)heil der Kleinsten konsequent und deutlich zu ahnden, so wie es der Abscheulichkeit dieser Taten angemessen ist. Eine baldige Entlassung des Pfarrers Hu. aus dem Priesterstand wäre dann das I-Tüpfelchen.

Ich bin sicher, dass Papst Benedikt all dieses wirklich aus vollster Herzens-Überzeugung erklären könnte, ohne sich dabei zu verbiegen.

Zum Hintergrund, hier der Correktiv-Text: 


Exemplarisch ein Bericht der WAZ (Regionalzeitung, auch für Essen, Bottrop) von 2010:

Mittwoch, 12. Februar 2020

Überraschung! Der Papst ist katholisch!

Seit heute Mittag um zwölf sind die „Papst- und kirchentreuen Katholiken“ wieder ein Stück versöhnter mit dem amtierenden Papst. Manchmal hatte man ja in den vergangenen Wochen das Gefühl, am Liebsten wäre es Manchem gewesen, dass ein wieder wunderbar verjüngter und gestärkter Papst Benedikt XVI. das Ruder des Kirchenschiffs wieder in seine Hände genommen hätte.

Und jetzt! Überraschung! Der Papst ist katholisch! Wer hätte das gedacht!?

Jetzt hat Papst Franziskus getan, was sie alle nicht zu hoffen wagten. Erst kürzlich noch hatten Internetforen vermeldet, der Papst habe den einschlägigen Abschnitt des Abschlussdokuments der Amazonas-Synode beinahe 1:1 in seine apostolische Exhortation übernommen. Der Zölibat sei in höchster Gefahr, der Großangriff auf das sakramentale Priestertum stünde bevor. Es wurde sogar behauptet, einige Bischöfe hätten genau dies schon bestätigt. Kardinal Sarah wurde nicht müde, den Papst vor diesen Sündenfall zu warnen und sein Brandbuch gegen diese Gefahr zu bewerben.

Und nun war alle Aufregung umsonst! (Vermutlich werden das einige Leute noch als ihren Erfolg verkaufen.) Auf jeden Fall hat Papst Franziskus in seinem heute erschienenen apostolischen Schreiben Querida Amazonia, seiner Antwort auf die Amazonas-Synode vom Oktober 2019, keine Sonderregelungen für die leichtere Weihe verheirateter bewährter Männer eingeführt und auch kein neues Diakoninnenamt in dieser Region. Nicht im Text und nicht einmal in einer Fußnote.

Gleichzeitig sind wohl manche Freude der Kirchenreformen tief enttäuscht. Hatten sie doch auf eben dies gehofft. Prof. Schüller spricht schon von der Reformunfähigkeit der kath. Kirche. Bedauern allenthalben, auch am Rande des synodalen Wegs.

Ich bedauere, dass ich nicht schon vor Wochen mutig nach Wettpartnern gesucht habe. Ich hätte die Wetten gewonnen. Denn mich wundert das überhaupt nicht. Bei der Amazonas-Synode hatte ich aus mancherlei Gesprächen und Interviews herausgehört, dass die Synode der Öffentlichkeit nicht die Synode in den Mauern des Vatikan war. Bischof Bahlmann sagte mir im Oktober, das die ganzen heißen Eisen in der Presse auf der Synode nur Randthemen waren, egal ob Zölibat, Priesterinnen (sowieso nicht) oder gar eine angebliche amazonische Pachamama-Verehrung. Bis heute geben gewisse Kreise einem jungen Vandalen ein Forum, der einige Holzfiguren aus einer Kirche entwendet und in den Tiber geworfen hatte. Ohne überhaupt ein ausgewiesener Kenner der Kultur des Amazonas zu sein, erklärte er die Holzfigürchen öffentlich zu Götzen und ermächtigte sich selbst, diesen „Götzendienst“ zu beenden. Erst in dieser Woche durfte er noch seine kleine Weltsicht in einem Café in Herzogenrath zum Besten geben. Auch für ihn hält Querida Amazonia ein Bonbon bereit.

Jetzt ist der Jubel laut und verbindet sich gleich mit lautstarker Häme all jenen gegenüber, die auf schnelle Reformen in der Kirche gehofft hatten. Jetzt habe der Synodale Weg einen Dämpfer erhalten und man verstünde nun, dass Kardinal Marx sich als erste Ratte von diesem sinkenden Schiff davon gemacht habe. Der synodale Weg könne nun beendet werden, seine Ziele könnten die Reformer mit dem Synodalen Weg nicht mehr erreichen.

Auch hier zeigt sich, wie sehr interessierte Kreise den Synodalen Weg, der ja noch ganz am Anfang steht, mit ihren eigenen, teilweise irrealen Ängsten aufgeladen haben.

Ich teile nicht die Hoffnung mancher Leute, dass unsere Kirche schlicht durch die Aufhebung des Zölibats und die Weihe von Frauen in klassische Kirchenämter reformiert werden kann. (Da ich aufgrund einer vorherigen Formulierung angefragt wurde (weil es klang als wäre das quasi eine Mindestforderung) habe ich das etwas umformuliert. Den Satz würde ich auch so vertreten, wenn der Papst "Viri probati" und Diakoninnen tatsächlich eingeführt hätte. Ich streite persönlich nicht dafür, bin skeptisch, ob es die Kirche weiter bringt und die Probleme löst. Aber ich kann mir verheiratete Priester vorstellen (kenne sogar welche), bin etwas skeptisch, wie das umzusetzen wäre und bin durchaus offen für ein (grundlegend reformiertes) Diakonat der Frau.) Ich habe in meinen Blog-Beiträgen oft darüber geschrieben, dass ich glaube, dass jenseits der ganz heißen Eisen in der konkreten Gestalt der Kirche reichlich Reform und Verbesserungsbedarf besteht. Da kann man noch eine Menge machen, um eine ärmere, glaubwürdigere, anziehendere Kirche zu gestalten.
Und Vorsicht, mögen einige katholisch-Konservative in einer erschütternd kurz blickenden Perspektive auch heute noch jubeln (aufgrund der Schlagzeilen), die Piusbruderschaft z.B. wird „not amused sein“, aufgrund vieler – aus ihrer Sicht - sehr spezieller Inhalte des Schreibens.

Papst Franziskus wäre nicht klug gewesen, das vielschichtige, bunte Papst-Schreiben derart in den Schatten dieser „heißen Eisen“ zu stellen. Ich habe „Geliebtes Amazonien“ vorhin einmal flugs quer gelesen. Da steckt noch eine Menge drin! Zunächst einmal fällt die poetische Sprache auf und die darin eingestreuten Gedichte. Dann widmet sich der Papst ausführlich der Kultur, den sozialen, politischen und ökologischen Problemen der Region. Er fordert sehr deutlich eine weit tiefgehendere Inkulturation der Kirche in der Region. Ein Mahnruf, der auch weit darüber hinaus Gültigkeit besitzt und auch in Frankfurt gehört werden sollte. In diesem Zusammenhang läßt aufmerken, dass das Schreiben auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde.

Papst Franziskus stutzt einer Aufladung des priesterlichen Amtes mit überbordender Macht- und Entscheidungsgewalt deutlich die Flügel und definiert noch einmal mit wünschenswerter Klarheit, was der Priester ist und was ihn ausmacht. Das empfehle ich allen zur vertieften Lektüre. Mit größter Selbstverständlichkeit beschreibt er die Rolle der Katechisten als Gemeindeleiter und Gemeindeleiterinnen. 

„Eine Kirche mit amazonischen Gesichtszügen erfordert die stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter Laien-Gemeindeleiter, die die Sprachen, Kulturen, geistlichen Erfahrungen sowie die Lebensweise der jeweiligen Gegend kennen und zugleich Raum lassen für die Vielfalt der Gaben, die der Heilige Geist in uns sät. ... Dies setzt in der Kirche die Fähigkeit voraus, der Kühnheit des Geistes Raum zu geben sowie vertrauensvoll und konkret die Entwicklung einer eigenen kirchlichen Kultur zu ermöglichen, die von Laien geprägt ist.“ Und weiter vorn: „Die Laien können das Wort verkünden, unterrichten, ihre Gemeinschaften organisieren, einige Sakramente feiern, verschiedene Ausdrucksformen für die Volksfrömmigkeit entwickeln und die vielfältigen Gaben, die der Geist über sie ausgießt, entfalten.“

Papst Franziskus spricht auch über die Rolle der Priester in einer Kirche, die von großem Priestermangel geprägt ist. Nur er kann der Eucharistie vorstehen: „Das ist sein spezifischer, vorrangiger und nicht delegierbarer Auftrag. Einige meinen, dass das, was den Priester auszeichnet, die Macht ist, die Tatsache, dass er die höchste Autorität innerhalb der Gemeinschaft ist. Aber der heilige Johannes Paul II. erklärte, dass, obwohl das Priestertum als „hierarchisch“ betrachtet wird, dieser Dienst keine Überordnung gegenüber den anderen bedeutet, sondern dass »sie völlig auf die Heiligkeit der Glieder des mystischen Leibes Christi ausgerichtet ist«. Wenn gesagt wird, dass der Priester „Christus das Haupt“ darstellt, dann bedeutet das vor allem, dass Christus die Quelle der Gnade ist: Er ist das Haupt der Kirche, denn er hat »die Kraft, allen Gliedern der Kirche Gnade einzuflößen«.“

Franziskus betont den engen inneren Zusammenhang zwischen der Eucharistie und dem Sakrament der Versöhnung und eröffnet weite Räume für eine Kirchenstruktur, die auf dem Engagement, dem Zeugnis und der Leitung durch Laien, Männer wie Frauen aufbaut. Laien können in ihrer Funktion der Gemeindeleitung mit den Gläubigen Sakramente feiern, predigen, Wortgottesfeiern halten. So zeigt der Papst der Kirche gangbare Wege, um trotz des Priestermangels mitten unter den Menschen am Amazonas präsent zu sein. Der Papst wünscht sich mehr Diakone in der Pastoral und stärkt auch dieses Amt, das in vielen Weltregionen als ständiges Diakonat noch immer nicht im Sinne des 2. Vatikanums umgesetzt ist.

Sicherlich werden seine Worte zu den unterschiedlichen Rollen und Aufgaben von Männern und Frauen viel diskutiert werden. Anders als in mancher Diskussion in Europa hält der Papst an der Unterschiedlichkeit der Geschlechter fest und betont dabei die Mütterlichkeit. Er denkt dabei aber nicht an Über- und Unterordnung, Frauen und Männer sind absolut gleichberechtigt. Manches können Frauen besser, anderes die Männer. Franziskus hält daher fest: „Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften haben, ohne dabei jedoch ihren eigenen weiblichen Stil aufzugeben.“ 

An diesem Punkt will ich Bischof Overbeck zitieren, der heute wie folgt (in der FR) Stellung nimmt: „Im Vergleich mit der Situation, in der die Kirche vor 40, 50 Jahren war, ist das Papst-Schreiben fraglos ein Fortschritt. Solch einen Text hätte es noch vor zehn Jahren nicht gegeben, und das freie Reden über die Probleme unserer Kirche auch nicht. In der gegenwärtigen Situation der Kirche bin ich immer schon froh, wenn Türen nicht zugeschlagen werden. Das täten bestimmte Gruppierungen – übrigens auch in der Gesellschaft – gern, um vermeintlich für Klarheit zu sorgen.“

Einen „amazonischen Ritus“ scheint der Hl. Vater nicht zu befürworten, er sagt aber deutlich, dass vielfältige Symbole, Riten und Bräuche, Musik und Tanz in die Liturgie aufgenommen werden können. Auch scheint er die unsägliche Pachamama-Diskussion zu streifen, indem er deutlich macht, dass die Kirche indigene Symbole aufgreifen kann ohne das dies in irgendeiner Weise Götzendienst sei. "Ein Mythos von spirituellem Sinngehalt kann aufgegriffen und muss nicht immer als heidnischer Irrtum angesehen werden." Auch empfiehlt er das Studium der Geschichten und Mythen der indigenen Völker, die ihrerseits auch die Bibel studieren.

Es wäre wirklich schade gewesen, wenn die vielen wichtigen Äußerungen des Papstes aus Lateinamerika einfach in einer aufgeregten Diskussion um Viri probati oder den Frauendiakonat verschwunden wären.

Diese Diskussion bleibt übrigens auf der Agenda. Denn so sehr betont wird, dass der Papst sich dazu nicht geäußert hat, so sehr sollten wir auch aufmerksam sein für die Tatsache, dass der Papst sich dazu eben nicht geäußert hat. Er hat gar nichts dazu geschrieben. Wohl hat er argumentiert, warum das Priesteramt ein Amt für Männer in der Kirche sei, aber er hat auch mit großer Wertschätzung über das Engagement der Frauen gesprochen. Ich glaube, es wäre auch nicht angemessen, angesichts der schwierigen Diskussion über die Gestalt des priesterlichen Amtes und der Bedeutung und Ausgestaltung des Diakonen bzw. Diakoninnenamtes ausgerechnet für Amazonien dieses quasi „ad experimentum“ einzuführen als Priesteramt light oder Diakoninnenamt light. Auch sollte man nicht übersehen, dass der Papst dazu einlädt, das Schlußdokument der Synode parallel zu seinem apostolischen Schreiben zu lesen, ja das er diese offenbar als Teil von Querida Amazonia selbst betrachtet. Hier ist zumindest keine Tür ganz geschlossen worden. Es bleibt spannend!

Abschließend noch zwei bemerkenswerte Zitate von Bischof Overbeck. Im Ersten leuchtet auf, dass die Schwierigkeiten der Kirche in Deutschland nicht mit der Abschaffung des Zölibats und der Weihe von Priesterinnen geheilt werden können und dass das eigentliche Problem woanders liegt, nämlich darin, dass für immer mehr Menschen der Glaube an den dreifaltigen Gott kaum noch Relevanz in ihrem Leben hat. Der Bischof empfiehlt: „Das intellektuelle und existenzielle Wagnis, so zu leben, als gäbe es Gott.“ Auf die Nachfrage, wie man dann leben würde, sagt er: „Gelassener – und zugleich bereiter, selbstlos für andere einzustehen. Nicht, dass man dafür unbedingt den Glauben bräuchte. Aber er gibt ein eigenes Fundament. Nur kommt diese Option eines Lebens mit Gott in unserer postmodernen, säkularen Welt ja immer weniger in Betracht. In Lateinamerika aber schon. Der Gottesglaube wird dort anders gelebt als bei uns. Insofern ist das nicht 1:1 übertragbar. Aber angesichts der vielen, die auch bei uns auf der Suche nach Sinn sind, könnte darin doch ein Moment der Anziehung stecken – auch durch eine Gemeinschaft, die trägt.“
Und er macht jenen Mut, die auf Reformen hoffen: „Schritt für Schritt nach vorn. Auch daraus wird ein Weg.“

Ich bin gespannt auf die Diskussionen in der nächsten Zeit (nach der ersten Aufregung) und ob das Dokument am Amazonas eine gute Wirkung entfaltet und evtl. auch auf den Synodalen Weg ausstrahlt.

Der Originaltext: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-02/exhortation-querida-amazonia-papst-franziskus-synode-wortlaut.html

Sehr lesenswert und besser als mein obiger Text: https://www.zeit.de/2020/08/zoelibat-papst-franziskus-katholische-kirche-amazonas